Brand New Day

Von der Unwerdung eines Helden erzählt Destin Daniel Cretton in den ersten Minuten seines neuen Spider-Man. Eine physisch spürbare Stille eröffnet diesen Film: das Tropfen eines undichten Hahns, das graue Licht, das durch das schmutzige Fenster einer New Yorker Dachkammer fällt, und ein junger Mann, der starr auf seine Hände blickt. Nach dem multimedialen Krawall von No Way Home, der das Multiversum zur narrativen Restmüllverwertung degradierte, wagt Brand New Day eine radikale, sture Entschleunigung, und stellt stattdessen eine unbequeme Frage: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn man ihm seine Geschichte, seine Freunde und seine Identität raubt?

Tom Holland spielt diesen Peter Parker nicht mehr mit der gewohnten, spitzbübischen Jugendlichkeit, sondern mit einer matt gesetzten, melancholischen Schwere. Er ist anonym geworden. Hier entfaltet der Film seine stärkste dramaturgische Dynamik, vor allem auch durch das Spannungsfeld zwischen Bruce Banner und Frank Castle. Banners Auftauchen fungiert keineswegs als das übliche Marvel-Augenzwinkern oder als Cameo. Mark Ruffalo spielt ihn als eine vom eigenen Schicksal gezeichnete Gestalt und als direktes Spiegelbild dessen, was Peter zu werden droht. Banner ist die einzige Figur im gesamten Universum, die das Trauma der gespaltenen Psyche versteht, das Gefühl, dass die Maske das eigentliche Ich nach und nach auffrisst. Wenn Banner Peter davor warnt, die eigene Menschlichkeit in der Anonymität abzutöten, gewinnt der Film eine existenzielle Tiefe.

Als radikaler Gegenpol dazu wirkt Jon Bernthals Frank Castle. Bernthal verleiht dem Punisher erneut jene zutiefst tragische, militärische Absolutheit, die ihn von einem gewöhnlichen Rächer unterscheidet. Castles Handeln ist das Resultat eines unerbittlichen, in Blut geborenen Ehrenkodexes. Castle hat die Hoffnung an das System nicht verloren, er hat es – vorausschauend – nie besessen; er verkörpert die kompromisslose Konsequenz in einer Welt, die Peters zögerliches Abwägen als Schwäche straft. Peter steht starr zwischen diesen beiden Polen: auf der einen Seite Banner, der ihn an die Fragilität des eigenen Ichs erinnert; auf der anderen Castle, dessen moralische Klarheit eine verlockende, wenn auch tödliche Einfachheit verspricht.

Gleichzeitig leistet Cretton etwas, das dem Franchise seit der Ära von Andrew Garfield abhandengekommen war: Er nimmt die Anatomie der Vorlagen wieder ernst und erweitert sie um eine moderne visuelle Dimension. Der Film begreift das Bild nicht nur als Hommage an den modernen Comic-Look von Zeichnern wie Steve McNiven oder John Romita Jr., sondern bedient sich spürbar an der Inszenierung moderner Videospiele. Die Kamerasprache in den Verfolgungs- und Kampfsequenzen zitiert unverkennbar die Dynamik der Insomniac-Games.

Insomniacs Bewegungssprache als visueller Einfluss. Source: Tribune Media Services
Insomniacs Bewegungssprache als visueller Einfluss. Source: Tribune Media Services

Die Kamera klebt in den Verfolgungsjagden extrem nah am Rücken der Figur, nutzt dynamische Schulterperspektiven und verzichtet auf die unübersichtlichen Schnitte gewöhnlicher Hollywood-Blockbuster. Dadurch überträgt der Film die unmittelbare Kontrolle und die Wucht aus der Gaming-Ästhetik auf die Leinwand: Jede Drehung, jeder Fehlschlag beim Netzwurf und der abrupte Wechsel der Fliehkraft werden für den Zuschauer physisch spürbar. Zum ersten Mal seit Jahren besitzt der Bewegungsablauf wieder Masse, Schwerkraft und echte Konsequenz.

Diese physische Erdung korrespondiert direkt mit der spürbaren Überlastung des Protagonisten. Die Einführung des Regulierungsgeräts für Peters Spinnenkräfte ist weit mehr als ein technischer Kniff des Drehbuchs. Nach dem emotionalen Kahlschlag ist Peters Nervensystem biologisch wie psychisch aus dem Takt geraten. Das Gerät fungiert als bio-synthetischer Dämpfer gegen unkontrollierte Adrenalinschübe, wird aber auf der Subtextebene zum Symbol seiner verbleibenden Menschlichkeit. Es markiert die ständige, physische Angst davor, dass die Unberechenbarkeit der Spinne den Menschen Peter Parker endgültig auslöscht.

Der Film verengt seinen Blickwinkel dabei nicht stur auf ein isoliertes Drama, sondern baut das Fundament für die anstehende Mutantensaga um die New X-Men. Das Auftauchen von Jean Grey im New Yorker Untergrund fügt sich nahtlos in das Motiv der Entfremdung ein. Über die Figur der Jean Grey schlägt das Drehbuch die Brücke von der alten Helden-Riege hin zur gesellschaftlichen Ächtung einer neuen Generation von Mutanten. Peter, der selbst als Geisterexistenz am Rande der Gesellschaft lebt, wird dadurch zum natürlichen Scharnier für das kommende Kapitel des Marvel-Universums. Brand New Day gelingt so das Kunststück, das Erbe der Vorlagen optisch zu würdigen, die Gaming-Ästhetik sinnvoll zu übersetzen, die psychologische Belastung seiner Hauptfigur handgreiflich zu machen und zeitgleich den Boden für die Zukunft des Gesamtsystems zu bereiten.

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.