Das Korsett

War bereits Laura Purcells Die stillen Gefährten ein herausragendes Debüt im Sektor der neuen Welle der Schauerliteratur, ist ihr Buch von 2018, das uns jetzt mit einiger Verspätung erreicht, nicht weniger bemerkenswert, was im Grunde zu erwarten war. Gegenwärtig gibt es – neben historischen Romanen – bereits zwei weitere Gothic Novels von ihr, und man kann nur hoffen, dass der Festa-Verlag an dieser Autorin dran bleibt. Es wäre gar nicht auszudenken, wenn wir hier wie so oft nur Publikum zweiter Klasse wären.

Auch dieser Roman ist im viktorianischen England angesiedelt und die Atmosphäre ist in etwa dieselbe wie in Purcells Debüt. Während wir allerdings in den stillen Gefährten eine Insassin in einem Irrenhaus hatten, finden wir hier ein junges Mädchen von 16 Jahren namens Ruth Butterham im Oakwood-Gate-Gefängnis inhaftiert. Sie wird bald des Mordes angeklagt und höchstwahrscheinlich droht ihr der Strick, schließlich hat sie mehrere Morde gestanden.

Im Buch ist die die eine  Hälfte der beiden Erzählerinnen, die andere ist Dorothea Truelove. 

Dorothea  ist pragmatisch, intelligent und privilegiert. Sie ist Erbin eines beträchtlichen Vermögens, widersetzt sich aber immer wieder den Versuchen ihres Vaters, einen geeigneten Ehemann für sie zu finden, und konzentriert sich stattdessen lieber auf ihre wissenschaftlichen Interessen und den jungen, ganz sicher nicht geeigneten Polizisten, in den sie verliebt ist. Dorothea ist fasziniert von der Phrenologie – einer Pseudowissenschaft, die behauptet, dass der Charakter eines Menschen anhand der Maße seines Schädels bestimmt werden kann und dass Persönlichkeit, Gedanken und Gefühle in bestimmten Regionen des Gehirns angesiedelt sind – und vertieft ihr Wissen, indem sie weibliche Insassen des Oakwood Gate Gefängnisses besucht. Sie möchte Ruth, die neueste Gefangene kennenlernen, und die Größe und Form ihres Kopfes studieren, da sie glaubt, dass ihre Forschungen dazu beitragen könnten, ein System zu entwickeln, mit dem sich wissenschaftlich zweifelsfrei alle bösen Neigungen bei jungen Menschen feststellen lassen und so verhindert werden kann, dass sie zu Verbrechern werden.

Ruth Butterham könnte nicht unterschiedlicher sein als Dorothea.  Was auch immer Ruth fühlt oder denkt, alles scheint sich auf das Kleidungsstück zu übertragen, das sie gerade näht, und im Laufe der Zeit auch auf die Person, die es trägt. Das verleiht Ruth eine schreckliche und geheime Macht.

Als ihr Vater Selbstmord begeht, sind sie und ihre kranke Mutter gezwungen, Hilfe bei Mrs. Metyard zu suchen, Herrin eines  beliebten Modeladens, für die Ruths Mutter oft Akkordarbeit leistet. In ihrer Verzweiflung verkauft Ruths Mutter ihre Tochter mehr oder weniger an Mrs. Metyard, weil sie glaubt, dass ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten für Ruth besser sind als alles, was sie ihr bieten kann.

Die Realität jedoch ist schockierend. Ruth wird zusammen mit vier anderen Mädchen misshandelt und ausgebeutet, alle werden schrecklich misshandelt, sind halb verhungert und werden regelmäßig geschlagen.

Die Geschichte wird sowohl aus der Sicht von Dorothea als auch aus der von Ruth erzählt. Ruth erzählt, wie sie zu der Überzeugung gelangt ist, dass sie die Macht über Leben und Tod derjenigen hat, die ihre Kleider tragen. Diese unerklärliche Macht hat überhaupt erst dazu geführt, dass sie des Mordes an Kate Metyard, der Tochter von Mrs. Metyard, beschuldigt wird. 

Dorothea ist zunächst fasziniert und begeistert von der Aussicht, die Kopfform einer Mörderin untersuchen zu können, aber diese Begeisterung weicht bald dem Ärger nd dem  und dem Frust; was sie von Ruths Lippen hört und von ihrer Schädelform und ihren Maßen erfährt, stimmt überhaupt nicht überein, denn ihre Kopf ist zu gut entwickelt für jemanden, der offensichtlich so viele Lügen erzählt.

Indem Laura Purcell Ruths Geschichte erzählt, baut sie nicht nur ein vollständiges Bild von ihr auf und lässt uns die andere Seite ihres Falles erleben, sondern liefert auch eine brutale und schockierende Darstellung des Lebens im viktorianischen Großbritannien. Die düstere und anschauliche Schilderung von Ruths Leben steht in krassem Gegensatz zu den schönen und grandiosen Beschreibungen des Stoffes, mit dem sie arbeitet, den sie aber nie besitzen wird, und der Welt, in der Dorothea lebt.

Es ist vielleicht nicht überraschend, dass Dorotheas Erzählung etwas weniger fesselnd ist als die von Ruth. Sie muss sich keine Gedanken darüber machen, woher ihre nächste Mahlzeit kommt oder ob das Fallenlassen dieses Tellers oder dieser Kerze eine Tracht Prügel nach sich zieht; ihre Probleme sind im Vergleich dazu trivial, denn sie ärgert sich darüber, dass ihr Vater eine Frau heiraten will, die sie zutiefst verabscheut, und über seine Versuche, sie zur Heirat zu zwingen. Dennoch sind die Parallelen, die die Autorin zwischen den beiden Frauen zieht, in Bezug auf die geringe Kontrolle, die beide über ihr Leben haben, relevant und gut ausgearbeitet, denn sie zeigen deutlich, dass das Geschlecht früher wie gegenwärtig  immer noch das größte Hindernis für eine Frau darstellt, Entscheidungen unabhängig von ihrem sozialen oder finanziellen Status zu treffen. Das Korsett als Kleidungsstück  ist sicherlich eine interessante Metapher dafür, wie die Bewegungsfreiheit der Frauen einschränkt wird, auf die starren Konventionen, die ihr Verhalten und ihre Möglichkeiten binden.

Während des gesamten Romans herrscht neben der dichten und unheimlichen Atmosphäre auch eine magische und mystische Stimmung , in der Dinge, die unmöglich und ungewöhnlich erscheinen, in dieser imposanten und klaustrophobischen Welt durchaus gedeihen können.

Der Roman steuert auf einen spannenden Schluss zu, bei dem Dorothea sich fragt, ob Ruth wirklich die Wahrheit sagt oder sich ihre Geschichte einfach nur mit viel Fantasie ausgeschmückt hat.

Natürlich versteht es Laura Purcell hervorragend, den Leser in ihren Bann zu ziehen – wir tappen genauso im Dunkeln wie Dorothea, jede Enthüllung und jede Schicht, die aufgedeckt wird, zieht und schiebt uns in die eine oder andere Richtung. 

Die Charakterisierung der beiden Hauptfiguren ist außerordentlich stark: Ruths naive, vertrauensvolle Art wird durch eine unglaubliche Belastbarkeit und Ausdauer gemildert, während Dorothea, die angeblich eine gute junge Frau mit einer Vorliebe für gute Taten ist, sich als eine Art selbstgerechter Sturkopf entpuppt. Laura Purcell verwebt ihre Erzählungen geschickt und so, dass der Leser Zeit hat, über ihre Verlässlichkeit nachzudenken, und die letzten Kapitel und der sich langsam entwickelnde Racheplan sind unglaublich gut gemacht.

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