Der Gasmann von Mattoon

Am 2. September 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg, ereignete sich in der Kleinstadt Mattoon, Illinois, eine Serie seltsamer Vorfälle, die bis heute Rätsel aufgeben. Die Ereignisse begannen mit einem Bericht auf der Titelseite der Stadtzeitung, der einen mysteriösen Angriff durch einen „Anesthetic Prowler“ beschrieb. Diese Geschichte entwickelte sich schnell zu einer bizarren Reihe von Ereignissen, die die Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzten.

Der erste bekannt gewordene Vorfall betraf Aline Kearney, eine junge Hausfrau, die in der Nacht zuvor ein merkwürdiges Erlebnis hatte. Während sie im Bett lag und eine Zeitung las, bemerkte sie plötzlich einen starken, süßlichen Geruch, der durch das Fenster in ihr Zimmer drang. Innerhalb weniger Minuten verspürte sie eine Lähmung in ihren Beinen, die es ihr unmöglich machte, aufzustehen. Ihre dreijährige Tochter, die sich ebenfalls im Raum befand, wurde ebenfalls krank.

Alines Schwester, die im selben Haus wohnte, reagierte schnell auf den Vorfall. Nachdem sie von den Symptomen erfahren hatte, eilte sie zu einem Nachbarn, um die Polizei zu rufen. Doch als die Beamten eintrafen, fanden sie keine Spur von einem Eindringling. Später in der Nacht, um 12:30 Uhr, kehrte Alines Ehemann von seinem Job als Taxifahrer zurück und entdeckte einen Unbekannten vor dem Schlafzimmerfenster. Er nahm die Verfolgung auf, doch der Eindringling entkam in die Dunkelheit. Die Polizei kehrte daraufhin erneut zum Haus der Kearneys zurück, fand jedoch abermals keine Hinweise auf den Eindringling.

Die Geburt des „Mad Gasser of Mattoon“

Die Geschichte wurde am nächsten Tag in der „Daily Journal-Gazette“ unter der Überschrift „‘Anesthetic Prowler’ on Loose“ veröffentlicht. Besonders bemerkenswert war die Unterüberschrift: „Mrs. Kearney und Tochter sind die ersten Opfer“. Diese Formulierung, insbesondere das Wort „erste“, schürte die Angst, dass weitere Angriffe folgen könnten. In den Tagen nach dem Bericht meldeten sich mehrere Bürger, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Die Symptome, die sie beschrieben, reichten von Benommenheit und Lähmung bis hin zu Magenverstimmungen und Übelkeit. Die Berichte waren stets von einem starken Geruch begleitet.

Zeitungsartikel vom 2. September 1944 in Mattoon

Am 5. September berichtete eine weitere Frau, Carl Cordes, von einem merkwürdigen Vorfall. Sie hatte ein kleines, nasses Tuch auf ihrer Veranda gefunden. Als sie es aufhob, wurde sie von einem stechenden Geruch überwältigt, der sie fast bewegungsunfähig machte. Sie berichtete später: „Es war ein Gefühl der Lähmung. Mein Mann musste mir ins Haus helfen, und schon bald waren meine Lippen geschwollen, und mein Gaumen und meine Kehle brannten. Ich begann Blut zu spucken, und mein Mann rief einen Arzt. Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis ich mich wieder normal fühlte.“

Diese Berichte zogen bald die Aufmerksamkeit anderer Zeitungen auf sich, und die Geschichte verbreitete sich landesweit. Da die amerikanische Bevölkerung durch den Krieg ohnehin angespannt war und Zeitungen immer wieder vor möglichen Giftgasangriffen der Nazis warnten, fand die Geschichte einen besonders empfänglichen Leserkreis. Die Angst vor chemischen Angriffen hatte sich tief in die Psyche der Menschen eingegraben.

Die Eskalation der Ereignisse

Mit jeder weiteren Nacht nahmen die Berichte über „Vergasungen“ zu. Bald meldeten sich mehrere Personen, die ähnliche Begegnungen mit dem mysteriösen Gasmann hatten. Viele von ihnen beschrieben die Sichtung einer großen, dunkel gekleideten Gestalt, die nach den Angriffen von ihren Grundstücken flüchtete. Einige berichteten sogar von blauen Dämpfen und summenden Geräuschen, die die Angriffe begleiteten.

Die Polizei von Mattoon sah sich zunehmend unter Druck gesetzt. Am 8. September kritisierte die „Daily Journal-Gazette“ die Beamten in einem Leitartikel scharf, weil sie den ersten Bericht von Aline Kearney nicht ernst genug genommen hätten. Dies führte dazu, dass zusätzliche Ressourcen mobilisiert wurden: Zehn Beamte der Staatspolizei von Illinois und zwei FBI-Agenten wurden hinzugezogen, um die mysteriösen Angriffe zu untersuchen.

Doch trotz der verstärkten Bemühungen kam die Polizei zu keinem Ergebnis. Die Berichte häuften sich weiter, und die Stadt geriet in einen Zustand der Panik. Bewaffnete Bürger formierten Nachbarschaftswachen, und es kam zu chaotischen Szenen, als Gruppen von Anwohnern versuchten, Verdächtige zu verfolgen. Die Polizei sah sich gezwungen, Anordnungen zu erlassen, um die Verfolgung ihrer Fahrzeuge durch besorgte Bürger zu verhindern.

Die plötzliche Ruhe

Nach acht Tagen und mehr als drei Dutzend gemeldeten Fällen endeten die Berichte über Vergasungen ebenso abrupt, wie sie begonnen hatten. Am 13. September wurde kein einziger neuer Vorfall gemeldet. Die Ermittler standen vor einem Rätsel. Trotz intensiver Untersuchungen hatten sie keine Beweise für chemische Substanzen oder Gerätschaften gefunden, die auf eine Vergasung hinwiesen. Auch bei den Opfern konnten keine langfristigen gesundheitlichen Schäden festgestellt werden.

Ein Verdächtiger geriet jedoch in den Fokus der Ermittlungen: Farley Llewellyn, ein junger Chemiestudent, der in der Gemeinde von Mattoon weitgehend gemieden wurde. Es wurde spekuliert, dass er aufgrund seiner vermeintlichen Homosexualität, die zu dieser Zeit gesellschaftlich stark stigmatisiert war, verbittert war. Da viele der Angriffe in der Nähe seines Hauses stattfanden und er Zugang zu chemischen Substanzen hatte, erschien er als plausibler Täter. Doch selbst als die Polizei ihn unter ständige Beobachtung stellte, gingen die Berichte über Angriffe weiter. Es konnte keine Verbindung zwischen ihm und den Vorfällen hergestellt werden.

Erklärungsversuche

Die Ereignisse von Mattoon wurden schließlich offiziell als Fall von Massenhysterie abgetan. Psychologen und Soziologen, die die Vorfälle später untersuchten, argumentierten, dass die Kombination aus der allgemeinen Kriegsangst, den Berichten über chemische Kriegsführung und der Sensationsgier der Medien zu einer kollektiven Panik geführt haben könnte. Einzelne Berichte, die womöglich auf reale Ereignisse zurückgingen, hätten sich durch die Kraft der Suggestion vervielfacht.

Es gibt jedoch auch andere Theorien. Einige Forscher spekulieren, dass industrielle Schadstoffe aus nahegelegenen Fabriken für die Vorfälle verantwortlich gewesen sein könnten. Mattoon war zu dieser Zeit Standort mehrerer Industriebetriebe, die potenziell toxische Substanzen freisetzten. Kritiker dieser Theorie argumentieren jedoch, dass die Berichte über die Angriffe geografisch zu lokalisiert waren, um durch zufällige industrielle Emissionen erklärt zu werden.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass es sich um eine gezielte Übertreibung oder gar Fälschung durch die Medien handelte. Die Zeitungen von Mattoon hatten ein offensichtliches Interesse daran, die Geschichte dramatisch zu gestalten, um die Auflage zu steigern. Viele Berichte waren sensationell und enthielten Details, die nicht immer mit den Aussagen der Opfer übereinstimmten.

Vergleichbare Phänomene

Die Ereignisse in Mattoon sind nicht einzigartig. Historisch gesehen gibt es viele Beispiele für ähnliche Fälle, die eine regelrechte Hysterie auslösten. Im 19. Jahrhundert gab es Berichte über den sogenannten „Spring Heeled Jack“ in England, eine möglicherweise übernatürliche Gestalt, die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. In den 1980er Jahren verbreitete sich in den USA und anderen Ländern die sogenannte „Satanic Panic“, bei der Menschen massenhaft von rituellem Missbrauch durch satanische Sekten überzeugt waren, obwohl es kaum Beweise gab.

Solche Phänomene zeigen, wie menschliche Ängste und kulturelle Faktoren zusammenwirken können, um kollektive Illusionen zu erzeugen. In Mattoon könnte die Angst vor chemischen Angriffen während des Krieges eine ähnliche Rolle gespielt haben.

Ob als Beispiel für die Macht der Suggestion oder als ungelöstes Verbrechen – die Ereignisse von Mattoon werfen ein Licht auf die komplexen Wechselwirkungen zwischen individueller Wahrnehmung, gesellschaftlichen Ängsten und medialer Berichterstattung.

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  • Spook Hill

    Zwischen den sanften Kämmen der Catoctin Mountains, dort, wo die Wälder von Maryland in Nebel und Geschichte getränkt sind, liegt eine Straße, die uns das Denken verdirbt. Wer hier sein Auto anhält, den Motor schweigen lässt und den Gang herausnimmt, wird erleben, wie sich das Gefährt in Bewegung setzt – langsam erst, dann entschlossen, und scheinbar bergauf. Auch ein Ball, achtlos zu Boden geworfen, gehorcht demselben Gesetz: Er rollt, als zöge ihn eine unsichtbare Hand, nicht hinab, sondern hinauf.

    Die Menschen nennen den Ort Spook Hill, und der Name ist nicht zufällig gewählt. Burkittsville, das stille Städtchen am Fuße eines Hügels, ist seit jeher ein Ort, an dem sich Geschichten sammeln lassen. Im September 1862 tobte hier die Schlacht von South Mountain, nur Tage vor dem Blutbad von Antietam. Hunderte fielen, und das Dorf wurde zum Lazarett: Kirchen verwandelten sich in Krankensäle, Scheunen in Behelfsquartiere für die Sterbenden. Man sagt, die Soldaten hätten keine Ruhe gefunden. Ihre Geister, noch immer auf der Suche nach Kameraden, legen Hand an jedes Fahrzeug, das anhält, und treiben es in Richtung der Häuser, so wie sie selbst einst in die Heimat zurückwollten.

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  • Das verlorene Land Lyonesse

    Die britische und kornische Folklore wird nicht müde, eine Reihe geheimnisvoller Orte wie Camelot und Avalon in den Legenden um König Artus zu erwähnen. Daneben macht sich das verlorene Land Lyonesse eher klein und unscheinbar aus, spielt aber in vielen Artuslegenden eine wichtige Rolle.

    Der Legende nach lag Lyonesse einst zwischen der Küste von Cornwall und den Scillies, die aus über 140 Inseln bestehen, von denen aber nur fünf bewohnt sind. Im 16. Jahrhundert befragte ein Antiquar namens William Camden viele Bewohner Cornwalls nach ihrem Volksglauben. Sie erwähnten oft die „Stadt der Löwen“ und erzählten, dass sie manchmal die „Geisterglocken“ läuten hörten. Nur ein Mann namens Trevelyan soll dem Untergang von Lyonesse auf einem Schimmel entkommen sein.

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  • Wie Ziegen den Kaffee erfanden

    In einer Welt, die vom Alltagstrott gefangen gehalten wird, gibt es ein Getränk, das seit Jahrhunderten unsere Sinne erweckt und die Flamme unserer Leidenschaften entfacht. Dieses geheimnisvolle Elixier, kein geringeres als der Kaffee, hat Revolutionen befeuert, Künstler inspiriert und Menschen in stiller Einkehr zusammengeführt. Aus einer schlichten äthiopischen Beere entsprungen, hat es sich zu einem globalen Phänomen entfaltet, gehüllt in Rätsel und erfüllt von tiefgründiger Vielschichtigkeit.

    Die Legende besagt, dass Honoré de Balzac, der französische Autor der menschlichen Komödie, bis zu 50 Tassen Kaffee am Tag trank, um sich in einen Rausch der Kreativität zu versetzen. Gekleidet in die weiße Kapuze eines Dominikanermönchs, ausgerüstet mit Tinte, Federkiel und einem endlosen Vorrat an Kaffee, begann Balzac seinen Schreibtag um 2 Uhr morgens und verließ seinen Schreibtisch nur, um sich um seine persönliche Limoges-Cafetière – eine Kanne mit Stövchen – zu kümmern, die seinen starken Kaffee während seiner langen Schreibnächte warm hielt. Er brauchte 15 Tassen oder mehr, um diese Schreibanfälle überhaupt zu stillen.

    Balzacs berühmte Kaffeekanne
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