Periodische Weltbrände

Er lehnte sich zurück und nahm die Brille ab, die sich in Zeiten periodischer Weltbrände dem Urozean anschloss.

Er antwortete ihr in Druckschrift, dann entzündete er ein Räucherstäbchen. Durch die Bohlen der Kabine hörte er die Matrosen brüllen. Der Tag ging im nächsten Salon zu Ende, Spiegel an der Bar und Kronleuchter, schmiedeeiserne Türklopfer und Symphonien auf Notenpapier.

Der Alte legte eine Leiter an die östliche Wand der Kammer, die eine Handbreit mit hellem Sand gefüllt war, flach auf den Bauch. Es gab allerdings noch eine andere Möglichkeit, die Zwischenzeit sinnvoll zu nutzen, doch das war alles Nebensache geworden.

Kleine pastellfarbene Fasane verfingen sich im Zaun, der über die Felder zackte, über die Talsohle fegte, blassblau die Mäntel der Statuen, deren Blässe die Gesichter immer weiter bearbeitete; so warteten sie darauf, wieder erweckt zu werden.

Licht von Syrinx

Sie befanden sich dort draußen zu dritt und ich mich nur am Küchenfenster, blickte in die Sonne, die über dem Sägewerk aufging und auf der Bundesstraße verendete. Es war niemals eine Welt für mich, in den besungenen Herbergen der Gelichter, aber es öffnete sich ein Kanal zum Fremden in die Fremde hin. In ihrer Hand, das Geschehen von der Ferne, Fremde.

Ich ging, hölzern wie ein Pferd, an das ich mich erinnere, mit einem gestohlenen Fell in das Licht von Syrinx, in das Wehklagen der Gebeine.
Wagt nur, den Raum so unermeßlich zu denken wie er ist!

Ich, mit einem Eis, mit einem Benzin-Eis, am Samstagnachmittag um 2 (oder um halbdrei). Der goldene Taft der Lehmauen, die Wiederholungen: Handlungen des Rituals: Gesichter im Spalier, hornhaarig eingerahmt, flatterndes Symbol, die Trajektorie ist in die Irre gelaufen: die Erde krankt an Monokulturen.

Am Bahngleis sprach ich, die Gesichter muhten mich an. Schlanker Versucher Wind sucht in den Taschen. Zeitdach, Giebel nach Osten, die Säulen stemmen sich aus dem Brei der Vergangenheit empor, illud tempus:

Wenn der Zeitdom einbricht, wird die große Katastrophe kommen. Das Universum pulsierte in sechs Augen. Nahmen sie mich wahr mit ihren Henkeltaschen? Haben ja erst eine Spanne von 10 Millionen Jahren hinter uns, also Frischlings-Sicht: Ich erschien ihnen alt.

Zitterhexchen

Langform

Sie läuft auf Sand, auf Scherben, plantscht in Kettenrinnen, überquert Schienen und Gräber, schläft bei den unruhigen Toten in einer Leichenkutsche (als es einmal gar zu arg regnet). Die Seelensauger, die aus den Wänden kommen, diese merkwürdigen Orte, Oasen der Dunkelheit und Kälte, fackelndes Geschwür. Unvermittelt tauchen sie in der Landschaft auf, rauben dieser alles von ihrer irdischen Schönheit.

Dorothea, nahe an der Tür: »Sie ist in der Kammer, aber ich werde sie jetzt nicht wecken!«

Da ist sie längst schon über alle Berglein, träumt aber immerzu von ihrer engen, düsteren Behausung. Sie weisen darauf hin, die Kettenspuren, die Radstandspuren, dass hier einmal ein Mensch lag, von Sinnen zwar, außer sich, verplant in einem ›Van de Graaf Generator‹, die Blumen aufgeschmolzen, bunte Tümpel preisend (nur von einer sengenden Sonne umgeben knüpft ein Punkt an den nächsten, stiert aus roten Augen hervor).

Das Neon bleibt Neon, selbst wenn es sein Licht emittiert hat. Sie überquert die Jagdgründe der Insekten, in ihren nassen Kleidern sieht sie sich schließlich ähnlicher als jemals in ihrem finsteren Leben, aus zahlreichen Rinnen fließt baldige Flut, im Zorn spricht sie Namen, die sie nicht kennt : Scharlachmunt, Susemilck, Rupsac Manderscheid, Füllengast, Karin Halbfotz, Crumbhals, Eppele Guguck, Gretel Ars; das Gespei wilder Worte verfängt sich – zart schmelzende Schokolade – zwischen ihren hübschen Zahnlücken. Flucht ist eine Tugend, und die Nacht fragt nicht, wohin sie flieht. Nur Wolken folgen ihr hinaus in ein törichtes Bild. An die Kammer erinnert sie sich schallend, hinter den Laternen steht ihr Geist Spalier, beobachtet sie aus Facettenaugen, geblendet von ihrer eigenen Furcht. Niemand hält sie auf, die Spalten nicht, die zwischen zwei Fluren abrupt alle Masken fallenlassen, zum Teil gehören sie ihr, die jetzt erschöpft aus dem Fensterrahmen äugt, ein blinder Passagier. Aber wen hätte sie fragen sollen?

Auf dem Weg zu katatonischer Starre von Vorkommnissen begleitet, die ihr die Schau stahlen, trat sie in den vor ihr liegenden Traum, unbekannt, von welchen Wegen, Sehnsüchten, Pflastersteinen (vornehmlich Grus) erschaffen, ungenau in seiner euklidischen Darstellung, freskenbetont und einsam. Sie, die sich stets in ihrer Mitte wusste, fand hinaus, fand die Stimme wieder, die sie dazu ermuntert hatte, durch die Wand zu entschwinden. Hören wir hinein, ablauschend die Erinnerung, aber kein Wort, weil Worte versagen, kein Schild, weil Schilde versagen, und der Hof, der schöne verfallene Hof lag hinter ihr. Schlief sie in Wellen, erwachte als ein Ding, oft in Taschen oder anderorts verlegt, ein Gegenstand von Kälte, blassem Fieber. Eine Welt oder eine andere. Die Motoren drücken strenge Muster aus. Sie hört davon in den Ecken einer gewissen Grabesstille, flüsternde Tote, spinngewobene Kleidung, Humus aus Dosen, Grabstätten der einen Fantasie. Alle Male auf ihrer Haut verheißen ihre Rückkehr, eine Begegnung mit dem Wanderer wird unvermeidlich sein; sie lügt ihn an, was ihre Tätigkeit betrifft, denn sie ist nicht die, für die er sie hält. Eine hübsche Trophäe wäre sein Kopf, seine ausgebeinte Schulter, sein trockengelegter Tränenkanal, statt dessen gießt sie ihm ein, bereits mit Händen, die keine Zeichen mehr geben können, die Nähte ungewachst und spröde geworden. Alle Rätsel fließen in ihrer Brust, alle Fragen in seiner.

Ihre Haut leuchtet perlweiß, rötlich, schwarz wie Opal und schillerndes Orange, sie scheint über den Scheitelpunkt des höchsten Sterns hinaus zu schweben, trunken von Eingebungen. Noch ist sie nicht angekommen, hängt fest zwischen Wünschen der Nacht und des Tages, ein erstarrendes Zitterhexchen, aus stiller Kindheit unschuldiger Hut gejagt, so dass ihr der Mythos selbst nicht mehr die Wahrheit vorenthalten konnte. Jetzt wohin? Am Hange schleicht sie, krank und matt, das Warnungsflüstern, krankhaftes Funkeln im verwirrten Haar, als käme nun alles auf sie zurück, was sie je gelebt: viele verbrannte Lebensläufe.

Die Augen stumpfen ab, gelegentlich erreicht der Blick die Wimpern. Woher du wohl gekommen bist, den ganzen weiten Weg allein, und ob du wohl nicht gesehen hast, wie alles hin zur Asche rennt, und ob du dich gewundert hast, wie du überhaupt hierher gekommen sein kannst, wo hast du die Grenze überschritten?

Hinter ihrem Rücken ragt eine Maschine auf ins Unermessliche.

Vielleicht war es ihr erstaunlicher Werdegang, begonnen mit einem in der Welt sein auf Stachelkissen, gewaschen mit Brackwasser, vielleicht waren ihre großen Nüstern schuld, Dinge namentlich zu erschnüffeln, ein Trüffelmädchen mit einer Neigung zum Hässlichen, denn darin standen ihr die Augen offen, erblickten dort Grenzposten in gilben Uniformen auf- und abpatrouillieren, das Niemandsland bewachen. Ihr gelang es von Zeit zu Zeit einen Fuß auf das verbotene Feld zu setzen, um zu erkunden, was geschehen würde, wenn sie sich nicht an Kompromisse hielt. Es geschah nie etwas, ihr Vorhandensein blieb unbemerkt. Wer achtet schon auf eine Nase, die sich über Grasnaben schiebt?

Vor einem Regal der Toten

Ich könnte singen von den unheilvollen und drohenden Dingen, den toten und vergessenen. Doch werde ich je wieder reisen durch den vom Wahnsinn gelb gefärbten Nebel des Vergessens, zu den Gestaden fremder Wirklichkeit? Fände ich überhaupt den Weg zurück, der mir damals so zufällig erschien wie einst Rip van Winkle sich über das Auftauchen einer flämischen Gesellschaft verwunderte? Mir selbst wurden keine Jahrzehnte durch einen sonderbaren Schnaps gestohlen, noch nicht einmal Jahre, aber von den merkwürdigen Festen wie in den Tiefen des verhängnisvollen Venusbergs könnte auch ich berichten. Doch wüsste ich nie zu sagen, was sich daran mit mit meinen halluzinatorischen Träumen mischte, denn eines ist mir klar geworden: Es gibt unterschiedliche Arten des nächtlichen Gespinstes und mindestens eines davon eröffnet uns das Jenseits mit seiner unendlichen Weite. Es ist für mich gar nicht ausgeschlossen, dass, sobald wir unserer so stabiles Sternensystem verlassen würden, wir auch außerhalb unserer fleißigen Schlaftätigkeiten dorthin gelangen könnten, allein deshalb, weil wir unsere Körper nicht behalten dürften und stürben; d.h., es stürbe das, was wir in unserer Welt so sehr benötigen, und wenn wir es verlieren, geistern wir umher, unfähig, weiter zu träumen, weil wir in einem derartigen Zustand schlicht all unsere Erinnerungen für einen Traum halten. So nötig haben wir den Schutzschild der Materie, dass wir um seinen Verlust so sehr bangen wie um nichts anderes. Es mag sein, dass wir die Geister deshalb fürchten. Sie zeigen uns, dass wir auch im Tode nicht entkommen können und endlos weiterspielen müssen. Sie zeigen uns durch ihre finsteren Auftritte, wie wichtig die Wiederholung ist und wie sich eben alles so lange wiederholt, bis das Wort Ewigkeit seine Berechtigung erlangt.

Es gibt Geschichten, die man sich ausdenken möchte, um dann zu erkennen, dass sie wahr sind. Das gleiche gilt andersherum. Eine Erinnerung, auf die man Stein und Bein schwören möchte, erweist sich als falsch. Und dann gibt es die Mischverhältnisse in verschiedenen Abstufungen. Was die Realität ist, werden wir nie herausfinden, und das Geheimnis der Fiktion ist längst legendär. Ich erinnere mich an mein Leben wie an eine Geschichte, die ich gelesen habe. Es gab eine Zeit, da ich mit den Surrealisten in Paris träumte und vielleicht hatten sie, Jahrzehnte vor meiner Geburt, von mir gehört. 1990 las ich ihre Aufzeichnungen, Pamphlete und Manifeste, um zu sehen, ob ich irgendwo darin verzeichnet war. Dann aber fiel mir ein, dass ich lange vor meiner Geburt mit einem anderen Namen ausgestattet war. Zumindest hörte ich nichts von mir, wie ich mich kannte. Man erwacht und steht vor einem Regal der Toten. Alles, was von ihnen übriggeblieben ist, ist das, was man aus ihren Gedanken macht.

Wäscheboden

Langform

Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen musste. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt vor. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.

Eine alte Dame geht aus

Manchmal stellte sie das Radio an. Es kam ihr dann so vor, als wäre jemand bei ihr im Raum und spräche sie an. Antworten müsste sie ja nicht, aber sie tat es trotzdem. Oft sagte sie: »Ihnen auch!« Oder: »Das haben Sie wieder einmal fein ausgedrückt!« Sie ging in der ganzen Wohnung umher und betrachtete die Wände, die Figuren auf manchen Regalen, die Teller in der Vitrine. Manchmal gab es im Radio ein Lied, das sie kannte. Das akustische Fenster, das sie davon überzeugte, dass es eine Welt außerhalb ihrer Küche gab. Lange war sie nicht mehr raus gekommen, woher sollte sie also wissen, ob die Straße vor ihrer Haustür überhaupt noch existierte? Vielleicht war da schon längst eine Autobahn entstanden. Sie hätte televisionieren können, damit kannte sie sich allerdings nicht besonders gut aus; sie wusste nicht, wie man zuschaut, und deshalb gab es für sie nie ein Bild, dem sie hätte folgen können.

Das Radio war die Lebendigkeit in Person, darin war die ganze Welt vertreten, sogar das ›Weiße Rauschen‹, das sie sich manchmal ebenfalls einstellte. Und heute – heute wollte sie wieder einmal ausgehen. Dafür hatte sie ihr einziges bestes Kleid im Bügelofen bügeln lassen. Manchmal aber wollte sie Stille. Es kam ihr dann so vor, als sei sie die letzte Überlebende eines großen Irrtums. Dann sagte sie in die Stille hinein: »Ich habe es schließlich gewusst!« Oder: »Es ist schon merkwürdig!« In der Stille hörte sie den Boden an manchen Stellen knarzen. Ab und zu, wenn ihr danach war, küsste sie eine der Wände, anstatt sie nur anzusehen, die Figuren in manchen Regalen. Jetzt aber nahm sie ihr Kleid, zog es an – und auch ihre einzigen besten Schuhe vergaß sie nicht, bevor sie sich ins Bett legte. Im Radio lief ein altes Lied.

Die Engelmacherin

Langform

Oben am Kriegerdenkmal; erste Liaison mit einer, die im Damensattel ritt. Aufgespartes Pfläumchen, Wald und Pavillon zum tratschen, Hirsche zum schießen, alles kräftig begatten, jedes zweite Kind stirbt, alle Damen ran an den Halm, den Born aufgesperrt! Das kleine Ding durchlaucht.
»Ich sehe, Ihr seid gekommen!«
(Ja, was sonst, der einzige Spaß, etwas Verpothenes & Empörendes zu tun!) Wie würde das edle Ding auf eine Tüte Gummibären reagieren?
»Ich habe Euch Blumen mitgebracht!«
Dafür gibt sie nicht ihre Hand.

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Kostüm der Felsformation

Die fürchterliche Trauer über ein vergangenes
Tonikum erstrahlt so viele Schritte weit im Westen;
die Fesseln tragen die Schuld an der vorübergehenden
Bewegungslosigkeit, die so gar nicht beabsichtigt war.
Jemand nennt das Spektakel beim Namen, weiß
aber den genauen Wortlaut nicht mehr, so dass sich
ein zufälliger Reim ergibt, der alles geändert hätte,
befänden wir uns auch nur ein Stäubchen weiter links.

Am Kostüm der Felsformation ändert sich nichts. Die
Mineralien treiben nahtlos wie am ersten Tag, und nur die
Höhlen, die wir im Dunst nicht erkennen, haben die
Kommunikation bereits eingestellt. Es wäre zumindest denkbar,
einen weiteren Schritt zu tun, ohne Schirm, ohne Schranken.
Ich sehe den Schlund noch vor mir, aber bäte man mich
um eine zuverlässige Beschreibung, würde ich lügen.
An diese sonderbare Aussicht wird man sich gewöhnen müssen.

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