Alles lag an diesem Buch, das, einmal aufgeschlagen, alles verschlang, was es zu verschlingen gab. Hatte ihn das Buch dermaßen in seinen Bann gezogen, dass er eingeschlafen war und jetzt mit den letzten Eindrücken der Zeilen in seinem eigenen Traumgebilde umherirrte?
Er hatte den alten Folianten zunächst in einem Antiquariat für seltene Bücher entdeckt und dieses wiederum nur durch einen Zufall ausfindig gemacht. Das war an einem dieser frühen Abende bei einem seiner Spaziergänge gewesen. Jetzt erinnerte er sich, wie er sich gewundert hatte, denn er kannte alle Buchläden in der Stadt, doch diesen kannte er nicht.
Inspiriert von den Werken Lovecrafts fertigt der Künstler Zorano fiktive Seiten aus dem Necronomicon an, die in seinem Shop auf Etsy gekauft werden können.
In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt – dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.
Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein simpler Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten „Horror-Anthologie-Comics“, die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten – makaber, blutig, oft mit einer ironischen Pointe – wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.
Es ist eine kleine Stadt, die ich im ungarisch-österreichischen Grenzland verorte, obwohl ich im Nachhinein nicht konkret behaupten kann, dass sie auch wirklich dort lag. Im Traum selbst vergas ich den Namen zunächst, aber als ich nachfragte kristallisierte sich den Name Behroka ever heraus. Tatsächlich war das Städtchen so schön, dass mir die Tränen kamen, umgeben von einem sanften Gebirge, das mir aber nach dem Erwachen entwischte. Die Recherche, die Albera ausführte, förderte Beróka als einen speziellen Männertanz oder Geschicklichkeitstanz in der ungarischen Folklore zutage, während meine eigene Suche nach einem ähnlich klingenden Ort (denn dass es sich um einen solchen handelte, ging ja aus dem Traum hervor) zum Kurort Bükfürdő führte, was mich weniger befriedigen konnte.
Matt Murdock, der blinde Anwalt, der tagsüber für Gerechtigkeit im Gerichtssaal kämpft und nachts die Straßen von Hell’s Kitchen von Kriminellen befreit, ist die Figur, die das Marvel-Universum lehrte, die wahre Bedeutung von Dunkelheit zu verstehen.
Matt Murdock verliert sein Augenlicht in jungen Jahren, als ein mit radioaktivem Material beladener Lastwagen verunglückt und ein Kanister ihn direkt ins Gesicht trifft. Als er wieder zu sich kommt, wird ihm klar: Die Dunkelheit ist nun sein ständiger Begleiter. Auf den ersten Blick wirkt diese Tragödie wie der Beginn einer typischen Superhelden-Geschichte – ein schicksalhafter Unfall, der außergewöhnliche Fähigkeiten freisetzt und zur Lebensaufgabe wird. Doch was Autor Stan Lee und Zeichner Bill Everett 1964 aus dieser Prämisse schufen, übertraf die Konventionen des Genres mit einer beeindruckenden Finesse. Die Strahlung, die Matt die Sicht nahm, verstärkte im Gegenzug all seine anderen Sinne ins Übermenschliche. Sein Gehör ist so sensibel, dass er selbst das leise Pochen eines Herzschlags durch eine massive Betonwand wahrnimmt. Seine Zunge erkennt den Geschmack von Adrenalin in der Luft, wenn jemand vor Angst zittert. Sein Tastsinn ist so geschärft, dass er selbst die feinsten Vertiefungen auf einer Visitenkarte ertasten kann, die anderen verborgen blieben. Und dann ist da sein bemerkenswerter Radarsinn, der ihm eine mental-kartografische Wahrnehmung seiner Umgebung verschafft – eine weitaus präzisere Art des „Sehens“, als es jeder Mensch mit gesunden Augen je erleben könnte. Mit diesen Fähigkeiten formt sich Matt Murdock zu Daredevil, einem Helden, der mit Geschick und Mut in eine Welt eintaucht, die sowohl düster als auch voller Möglichkeiten ist. Es ist die Kombination aus Tragik, Eleganz und Innovation, die diese Figur bis heute zu einer Ikone unter den Superhelden macht.
Bill Everett & die Entstehung
Bill Everett, der Schöpfer des Sub-Mariners und eine Schlüsselfigur des Golden Age, war für die Zeichnungen von Daredevil #1 verantwortlich. Doch die Zusammenarbeit mit Stan Lee verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Everett übergab das Heft verspätet und in unvollständigem Zustand, was dazu führte, dass andere Künstler einspringen mussten. Das Ergebnis war ein spürbar zusammengeflicktes erstes Heft, eine ironische Tatsache, wenn man bedenkt, dass Daredevil später zu den am sorgfältigsten gestalteten Comics des Mediums zählen würde. Die frühen Tage des Helden waren im wahrsten Sinne des Wortes gehetzt und unausgereift. Doch alles, was darauf folgte, erzählte eine ganz andere Geschichte.
Die lange Reihe derer, die die Figur erweiterten
Stan Lee – Autor, Konzepz
Stan Lee entwickelte die grundlegende Idee für die Figur: ein blinder Anwalt mit besonderen, durch Radioaktivität erlangten Fähigkeiten, der in Hell’s Kitchen lebt und mit dem Verlust seines ermordeten Vaters Jack Murdock kämpft. In den frühen Ausgaben zeigte sich Daredevil als unbeschwerter, akrobatischer Held in einem auffälligen gelb-roten Kostüm. Auch wenn die spätere Entwicklung des Charakters nicht Lees ursprünglicher Vorstellung entsprach, bildete seine Arbeit dennoch das solide Fundament, auf dem alles weitere aufbaute.
Frank Miller – definierende Ära 1979 – 1983
Frank Miller führte Daredevil aus den Reihen mittelmäßig erfolgreicher Superhelden-Comics heraus und formte ihn zu einem Noir-Meisterwerk. Er kreierte den Kingpin, erweckte Elektra zum Leben, schenkte der Welt Stick und die Hand und schrieb mit Born Again eines der emotional tiefgründigsten Kapitel der Seriengeschichte. Ohne Miller wäre der Daredevil, den wir heute kennen, kaum denkbar.
Bill Everett – Zeichner, Erstausgabe
Everett hauchte der Figur als erster visuelles Leben ein: der rote Teufel, die markanten Hörner und die geschmeidige Agilität. Trotz der Herausforderungen während der Produktion war sein Beitrag zentral. Er verlieh Daredevil eine körperliche Präsenz, die späteren Künstlern als Grundlage diente und von ihnen weiterentwickelt wurde.
Bendis · Brubaker · Waid – weitere prägende Autoren
Brian Michael Bendis verschärfte Matts Identitätskrise bis zum Äußersten. Ed Brubaker ließ ihn durch die Hölle gehen, schickte ihn ins Gefängnis und brachte ihn an den Rand seines Verstandes. Mark Waid wiederum brach mit der düsteren Tradition und präsentierte einen Daredevil, der lacht – eine gewagte Entscheidung, die mit den Erwartungen vieler Fans brach. Jeder von ihnen hat nachhaltige Spuren in der Geschichte der Figur hinterlassen.
Frank Millers Einstieg bei Daredevil im Jahr 1979 markierte einen der entscheidendsten Wendepunkte in der Geschichte des amerikanischen Comics. Als damals junger Künstler übernahm Miller eine Serie, die nahe am Abgrund stand. Enttäuschende Verkaufszahlen und das drohende Ende waren bereits realistische Szenarien. Doch Miller brachte eine visionäre Perspektive mit, eine bahnbrechende visuelle Ästhetik und den Mut, eine düstere Tiefe zu erforschen, die im Marvel-Universum bis dahin in dieser Form nicht bekannt war.
Mit seiner Arbeit integrierte Miller die Stilmittel des Film noir nahtlos in das Genre des Superhelden. Comics als strukturelles Fundament. Hell’s Kitchen, das bisher lediglich als Hintergrund diente, wurde unter seiner Federführung zu einem lebendigen, pulsierenden Organismus, einem Sumpf aus Korruption, Gewalt und menschlichem Scheitern. Unter diesen Voraussetzungen führte er Wilson Fisk ein, den berüchtigten Kingpin of Crime, einen Schurken von erschreckender physischen Präsenz und noch beängstigenderer institutioneller Macht, der die Stadt durch Intrigen, Geld und Angst in seinem Würgegriff hielt.
Miller erkannte, dass Daredevil keine ausgeklügelte Kosmologie oder fantastische Kulissen benötigte. Was diese Figur brauchte, war das Leben auf der Straße, ein urbanes Schlachtfeld, in dem jede Entscheidung echte Konsequenzen hatte.
Neben dem Kingpin zählt Elektra zweifellos zu den bedeutendsten Beiträgen Frank Millers zur Daredevil-Mythologie. Als Matts große Liebe, tödliche Assassinin und zugleich seine erbitterte Widersacherin bildet sie ein ideales Gegengewicht zu ihm. Beide verbindet eine ähnlich strenge Ausbildung, ein unerschütterlicher Wille und nahezu identische körperliche Fähigkeiten, doch sind ihre moralischen Entscheidungen grundlegend verschieden. Elektras Tod bleibt eines der bewegendsten Ereignisse in der Geschichte der Comics. Dennoch stellte Miller sie nie als Opfer dar; Elektra war stets eine autonome Figur, die ihre Entscheidungen mit voller Überzeugung traf und die Konsequenzen bewusst in Kauf nahm.
Das tiefste Tal
Born Again, eine Zusammenarbeit von Frank Miller und David Mazzucchelli, gilt als das monumentalste Werk innerhalb des Daredevil-Kanons und zählt darüber hinaus zu den bedeutendsten Errungenschaften des amerikanischen Comics insgesamt. Die Handlung verfügt über eine fast archaische Klarheit. Karen Page, Matts frühere Geliebte und ehemalige Sekretärin, verrät im drogeninduzierten Taumel seine geheime Identität an einen Dealer im Austausch für eine Dosis Heroin. Diese Information findet ihren Weg zu Wilson Fisk, der einen minutiösen Plan in Gang setzt, um Matt Murdocks Leben Stück für Stück zu zerstören. Ohne Hast und ohne pompöse Eruptionen treibt er sein Vorhaben voran.
Das Besondere an dieser Geschichte ist Millers radikaler Ansatz innerhalb des Superhelden-Genres. Er zeigt den kompletten Fall seines Protagonisten, bevor er ihn Schritt für Schritt zurück ins Leben führt. Murdock verliert alles, seinen Führerschein, sein Vermögen, seine Wohnung, seinen Beruf und schließlich den Verstand. Er landet orientierungslos und gebrochen auf der Straße. Fisk wähnt sich als Sieger. Doch anstatt eines triumphalen Comebacks erzählt Miller von einem langsamen Heilungsprozess; ein schmerzhaftes Wiederaufbauen in kleinen Schritten. In diesem mühsamen Prozess entdeckt Matt Murdock seine wahre Identität, wer er ist, wenn ihm nichts mehr bleibt.
David Mazzucchellis Arbeit an Born Again ragt als visuelles Meisterwerk hervor. Seine Zeichnungen vereinen eine gelungene Balance aus reduzierter Expression und nahezu fotografischer Präzision. Mit beeindruckendem Geschick fängt Mazzucchelli die zerrissene Psyche von Matt ein. Gerade dieser feine Unterschied zwischen bloßer Illustration und erzählerischer Bildsprache verleiht dem Werk eine außergewöhnliche Tiefe und zeitlose Qualität.
Das theologische Herz der Figur
Kein anderer Superheld im Marvel-Universum ist so tief in einem religiösen Bewusstsein verwurzelt wie Daredevil. Matt Murdock ist Katholik. Das ist ein grundlegender Bestandteil seiner Persönlichkeit. Er sucht die Beichte, ringt mit Zweifeln und fragt sich, ob seine nächtlichen Taten als Sünde gelten könnten. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es seine moralische Pflicht ist, weiterzumachen. Dieser innere Widerspruch bleibt unauflösbar.
Frank Millers Daredevil-Geschichten sind dann konsequenterweise auch tief durchzogen von katholischer Symbolik: Bilder von Kreuzigung, Auferstehung und der Idee, dass Leiden eine reinigende Kraft besitzt, prägen seine Erzählungen. Besonders deutlich wird dies in Born Again, das in seiner Essenz einer modernen Passionsgeschichte gleicht. In dieser Story durchlebt der Held eine symbolische Todeserfahrung, um schließlich wiederaufzuerstehen. Schon der Titel gibt die Richtung unmissverständlich vor. Obwohl Miller selbst kein Katholik ist, erkannte er in der katholischen Mythologie das perfekte Vehikel, um eine Geschichte von Schuld und Erlösung zu erzählen.
Die Verbindung zwischen Daredevil und dem Katholizismus funktioniert so gut, weil sie voller Widersprüche ist und dadurch Tiefe gewinnt. Die Kirche repräsentiert für Matt Murdock sowohl Trost als auch moralischen Kompass. Sie konfrontiert ihn mit der Sündhaftigkeit seiner Handlungen, bietet ihm aber gleichzeitig einen Rahmen, um mit diesen Sünden umzugehen. Er kämpft, weil sein Glaube ihn antreibt. Doch zugleich zweifelt er an sich selbst, weil dieser Kampf ihn erschöpft. Beide Seiten – Glaube und Zweifel – drängen ihn schließlich zur Beichte, da er begreift, dass weder das eine noch das andere für sich allein genügt, um seinen inneren Konflikt zu lösen.
Die Welt aus Klang
Der Radarsinn von Daredevil zählt zu den interessantesten künstlerischen Herausforderungen im Comic. Wie bringt man eine Figur zur Geltung, die ohne Augenlicht auskommt? Wie visualisiert man eine Wahrnehmung, die vollkommen unabhängig vom Sehen funktioniert? Die talentiertesten Zeichner, die an der Figur gearbeitet haben, haben diese Fragen auf höchst unterschiedliche und kreative Weise interpretiert.
In den Anfangsjahren von Daredevil setzten Künstler wie John Romita Sr. und Gene Colan auf einen schlichten Stil. Daredevil wurde visuell wie eine sehende Figur dargestellt. Seine Blindheit fand hauptsächlich im Text Ausdruck, ohne dass die Bilder dies deutlich erkennbar machten.
David Mazzucchelli brachte diese Stilmittel in Born Again auf eine neue Ebene. In seinem Werk harmonierte die visuelle Sprache erstmals perfekt mit dem zerbrechlichen mentalen Zustand der Figur. Die Darstellung von Matts sensorischer Überforderung wurde zu einem zentralen erzählerischen Werkzeug, das gleichzeitig seinen psychischen Zusammenbruch reflektierte.
Doch die vielleicht bislang beeindruckendste und innovativste Interpretation des Radar-Sinns stammt von Paolo Rivera in Mark Waids Daredevil-Run. Rivera visualisierte die außergewöhnliche Wahrnehmung des Superhelden durch konzentrische Wellen und ultrafeine, blaue Sonarsignale, die von seinem inneren Radar ausgesendet werden. Diese Wellen breiten sich durch den Raum aus und lassen Formen, Texturen und Objekte in einer einzigartigen, leuchtenden Sonarwelt erstrahlen. Zum ersten Mal fühlte sich diese Darstellung für Leser so an, als könnten sie die Welt durch Matts Augen – oder in diesem Fall durch seine Sinne – erleben. Es war eine alternative Realität voller Reichtum und Tiefe, die das Sehen beinahe trivial wirken ließ.
Der Ort als Charakter
Hell’s Kitchen, das Viertel an der Westseite von Midtown Manhattan, zwischen der 34. und 59. Straße, westlich des Broadway gelegen, spielt für Daredevil eine ähnliche Rolle wie Gotham für Batman – es wird quasi selbst zu einer Hauptfigur. Doch während Gotham eine düstere und fiktive Welt voller alptraumhafter Architektur darstellt, ein greifbares Konstrukt der Fantasie ohne reales Gegenstück, besitzt Hell’s Kitchen echte Straßen, reale Bewohner und eine greifbare Geschichte, die diesem Ort eine ganz besondere Bedeutung verleiht.
Als Daredevil in den 1960er Jahren das Licht der Comicwelt erblickte, war Hell’s Kitchen ein berüchtigter Problembezirk in New York. Armut dominierte das Stadtbild, Bevölkerungsgruppen von irischen und puertorikanischen Immigranten prägten die Nachbarschaft, und die Schatten der organisierten Kriminalität zogen sich durch die Straßen. Genau hier wurde Matt Murdock als Sohn eines irisch-amerikanischen Boxers geboren, und genau hier verwurzelt er sich als Held seiner Gemeinschaft. Anders als mancher Superheld mit glitzernden High-Society-Verbindungen ist Daredevil der Anwalt für all jene, die auf den rauen Straßen seiner Kindheit immer wieder zu Verlierern der Gesellschaft werden.
Mit den Jahrzehnten jedoch hat sich Hell’s Kitchen dramatisch verändert. Einst Sinnbild urbaner Härten, ist das Viertel heute kaum wiederzuerkennen. Durch die Gentrifizierung wandelte sich Hell’s Kitchen bis hin zum Namen. Oft wird es nun als „Clinton“ bezeichnet – eine Hommage an einen ehemaligen Gouverneur von New York namens DeWitt Clinton. Es zählt inzwischen zu den teuersten Wohngegenden Manhattans und hat seinen einstigen Charakter fast komplett eingebüßt.
Diese ironische Fügung der Geschichte verleiht den heutigen Eskapaden von Daredevil eine bittersüße Note. Der blinde Held setzt sich weiterhin für die Menschen seiner Heimat ein. Doch diese Heimat, das eigentliche Hell’s Kitchen, existiert nur noch in den Erinnerungen. Die Geschichten um Matt Murdock tragen damit eine melancholische Einsicht in sich. Sein Kampf gilt einer Vergangenheit und einem Ort, der längst von der Realität verschluckt wurde.
Die TV-Serie
Die Netflix-SerieDaredevil nimmt unter den vielen Superhelden-Adaptionen einen besonderen Platz ein. Hier haben die Macher etwas geschaffen, das nicht nur seine Comic-Vorlage respektiert, sondern sie sogar in vielen Aspekten bereichert. Unter der Leitung von Showrunnern wie Drew Goddard und Steven DeKnight gelang es der Serie, das komplexe Erbe von Frank Miller und Brian Michael Bendis in eine serielle Erzählweise zu überführen, die den Ursprungston, das Tempo und die tiefgründige Ernsthaftigkeit des Comics auf beeindruckende Weise einfing.
Insbesondere Charlie Cox in der Rolle von Matt Murdock liefert eine Darbietung, die als die wohl authentischste Verkörperung einer Marvel-Figur im gesamten MCU gelten kann – und das will etwas heißen in einem Universum, das mit Robert Downey Jr. als Tony Stark oder Hugh Jackman als Wolverine bereits ikonenhafte Leistungen hervorgebracht hat. Cox verleiht der Blindheit seines Charakters eine glaubwürdige Tiefe durch subtile, körperliche Nuancen. Er meidet den direkten Blickkontakt, nutzt seinen Körper scheinbar unbewusst zum Lauschen und bewegt sich durch Räume, als würde er mit einem ausgeprägten Sinn für seine Umgebung navigieren. Seine Darstellung ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut durchdachtes Schauspiel die Essenz einer Comicfigur auf die Leinwand bringt und ihre Besonderheit zum Leben erweckt.
Die Flur-Szene
Die zweite Episode der ersten Staffel auf Netflix präsentiert eine durchgehende Kampfszene in einem Flur, die als eine der eindrucksvollsten Action-Choreografien in der Geschichte von Serien gilt. Was diese Szene besonders macht, ist, dass Matt am Ende sichtlich erschöpft ist. Schwer atmend, taumelnd und gezwungen, sich an der Wand abzustützen, spürt man die körperlichen Auswirkungen des Kampfes, die im Superhelden-Kino selten thematisiert werden. Dieses Element der physischen Realität, das bereits in den besten Phasen des Comics präsent war, gibt der Szene eine besondere Authentizität.
Der Held, der wieder aufsteht
Daredevil symbolisiert im Marvel-Universum die unerschütterliche Fähigkeit, nach jeder Niederlage erneut aufzustehen. Diese außergewöhnliche Eigenschaft wird im Superhelden-Genre nur selten hervorgehoben, da sie keine typische Superkraft darstellt. Während Batman den Detektiv verkörpert, Superman den Gott und Spider-Man von Schuldgefühlen getrieben ist, repräsentiert Daredevil den Mann, der alles verlieren kann und trotzdem unermüdlich weitermacht.
Diese Bedeutung geht weit über die Grenzen des Fandoms hinaus. Daredevil ist unter den Superhelden eine der Figuren, die am stärksten jene Menschen anspricht, die erfahren haben, was es heißt, am Tiefpunkt zu sein. Er repräsentiert Widerstandsfähigkeit. Und Resilienz ist vielleicht die authentischste „Superkraft“ in einer Welt ohne radioaktive Spinnen oder göttliche Waffen.
Frank Miller hat dies in Born Again am prägnantesten dargestellt. Brian Michael Bendis vertiefte dieses Motiv in seinen besten Geschichten. Mark Waid fügte eine neue Dimension hinzu, indem er die Perspektive erweiterte: Was, wenn Resilienz nicht in erster Linie von Dunkelheit geprägt ist, sondern von Leichtigkeit? Was, wenn das Wiederaufstehen manchmal auch durch Lachen geschieht, weil Lachen die angemessene Antwort auf eine Welt sein kann, die einen immer wieder niederzuringen versucht?
Der Grüne Mann ist ein Waldgeist, der seit Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Jahren in der Folklore verankert ist. Die Legende vom Grünen Mann stammt angeblich aus Europa, doch es gibt Geschichten und Belege dafür auf der ganzen Welt. Googelt man nach diesem Wesen, findet man eine Fülle von Informationen über seine Motive und Skulpturen, die in Kirchen in ganz Europa zu sehen sind. Doch hinter der Legende des Grünen Mannes steckt mehr.
Während der Grüne Mann in der heutigen Zeit als Gartenkunstwerk betrachtet wird, war er für unsere heidnischen Vorfahren einst ein Waldgott und der ultimative Wächter des Waldes.
In einem maskierten Universum ist der klare Verstand eine Verwässerung der Illusion, so machen wir ihn unrein und der Schmutz will unsere Augen schützen vor den Dörfern, die nach uns geworfen werden.
Man kann sich dann am besten sehen, wenn man sich nicht erwartet, ein Flirren in den Winkeln der Dimensionen, die ihre Handtücher falten. Diese ganzen Farben schau schau. Im Innern der Blutbahn fängt man sich an den Wänden wieder ein. Ich habe schon einmal gesagt, dass ich es brauche. Ein Heldenepos liegt auf dem Küchentisch. Bring es doch bitte nach nebenan.
Wollen wir doch mal damit beginnen, einige Punkte der Verschwörung und des Skandals zu setzen. Von Anfang an entbinde ich mich von der journalistischen Integrität und der üblichen Notwendigkeit, Beweise für meine Behauptungen vorzulegen, oder – was in vielen Fällen noch wichtiger ist – Beweise, die meine Behauptungen widerlegen. Jeder, der in diesen Skandal verwickelt war, ist schon lange tot, und echte Wissenschaftler haben über dieses Thema geschrieben und es untersucht. Im Sinne einer Person, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben hat, bin ich in diesem Moment weder eine Journalistin noch eine Wissenschaftlerin, sondern biete lediglich ein wenig literarischen Klatsch und Tratsch, und ich liebe einen guten Skandal.
Dr. Harleen Quinzel wurde in einer Zeichentrickserie geboren, aber schließlich vom Fandom kanonisiert.
Eine Nebenrolle, die dann die Hauptrolle übernahm
Arleene Sorkin; Foto von Emerson College Archives and Collections.
Harley Quinn ist die einzige Figur dieser Dokumentationsreihe, die in einer Zeichentrickserie für Kinder debütierte, was entscheidend für ihre Identität ist. Als Paul Dini und Bruce Timm sie im September 1992 für Batman: The Animated Series schufen, brauchten sie für die Episode Joker’s Favor eigentlich nur eine weibliche Assistentin des Jokers. Eine Nebenfigur. Einen Witz. Harley Quinn sollte nur in einer Episode auftreten.
Allerdings war die Resonanz so unmittelbar und eindeutig, dass sie wiederkehrte, denn nicht nur das Publikum mochte sie, auch Dini und das ganze Produktionsteam fanden gefallen an ihr. Es dauerte nicht lange, da wurde sie zur Hauptfigur und schließlich zum Publikumsphänomen. Dini und Timm erkannten ihr Potenzial und bauten es aus. Sie verpassten Harleen Quinzel eine Vergangenheit als Psychiaterin am Arkham Asylum, eine gefährliche Obsession für ihren berühmtesten Patienten und eine einzigartige Stimme: Arleen Sorkins Interpretation wurde das akustische Fundament der Figur und ihre Energie und Wärme überstiegen in jeder Folge mit Leichtigkeit den geschriebenen Text.
Arleen Sorkin
Paul Dini kannte Arleen Sorkin persönlich. Sie war jahrelang Darstellerin in der Seifenoper Days of Our Lives. Dini hatte eine Episode gesehen, in der Sorkin eine Narrenkönigin spielte. Dieses Bild blieb ihm im Gedächtnis. Als er Harley Quinn konzipierte, schrieb er die Figur mit Sorkins Stimme im Kopf. Er rief sie an und fragte sie, ob sie die Rolle übernehmen wolle, und sie sagte ja, ohne zu wissen, dass die Figur auch über dreißig Jahre später noch existieren würde. Sorkin sprach Harley Quinn in allen Animationsserien bis 2011. Ihre Stimme ist so sehr Teil der Figur, dass alle nachfolgenden Sprecherinnen zwangsläufig mit ihr verglichen werden.
Paul Dini Autor & Konzept
Dini ist der eigentliche Vater von Harley Quinn. Er schuf die Figur, gab ihr eine Biografie, eine psychologische Struktur und eine Sprache. Er schrieb auch ihre bedeutendste Einzelgeschichte: „Mad Love” (1994), die Harleen Quinzels Ursprungsgeschichte als Graphic Novel und später als Emmy-nominierten Zeichentrickfilm erzählt. Wie wir andernorts besprochen haben, hatte Dini eine tiefe persönliche Verbindung zu dieser Figur.
Bruce Timm Design & Produktionsleitung
Timm gestaltete Harleys ikonisches schwarz-rotes Harlekin-Kostüm. Der Name „Harley Quinn” ist ein Wortspiel mit „Harlequin”, der Figur aus der Commedia dell’Arte, und Timms Design macht diese Verbindung explizit: Harley ist Närrin, Akrobatin und Liebende in einer Person.
Die Frage, wer Harley Quinn erfunden hat, ist schwierig zu beantworten. Dini und Timm erschufen die Figur für Warner Bros. Wie in der Comicbranche üblich, hielt das Unternehmen die Rechte. Jahrelang haben die Macher kein Geld von den Verkäufen von T-Shirts und anderem Merchandise bekommen, obwohl sich Harley Quinn zu den lukrativsten DC-Figuren gemausert hat. Schließlich gab DC nach und räumte Dini und Timm eine finanzielle Beteiligung ein, aber dieser Schritt kam ziemlich spät und war wohl er widerwillig. Es ist das übliche amerikanische Verhalten, immer und überall zu beobachten.
Die Ursprungsgeschichte
Cover der Batman Adventures: Mad Love (1994); DC
Paul Dinis Batman: Mad Love ist ein wichtiges einzelnes Dokument über die Figur. Es ist auch eines der interessantesten Erzählungen der Batman-Animationsserie. Die Geschichte handelt von Dr. Harleen Quinzel, eine angehende Psychiaterin mit zweifelhaften Karriereplänen. Sie wird die Therapeutin des Jokers im Arkham Asylum, verliebt sich in ihn, opfert ihren Verstand, ihren Beruf und ihre Identität, um bei ihm zu sein. Aber der Joker erwidert ihre Gefühle nicht.
Das Herz von Mad Love ist ein Moment, der das gesamte Verhältnis zwischen dem Joker und Harley Quinn in einem einzigen Panel festhält. Harley ist drauf und dran, Batman auf eine Weise zu töten, die dem Joker selbst nie gelungen ist. Doch das gefällt dem Joker nicht. Er ist wütend, weil Harley fast erreicht hat, was ihm selbst nie gelungen war. Er schlägt sie und wirft sie aus dem Fenster. Schwer verletzt und wieder in Gefangenschaft lächelt sie. Sie ist froh, dass er sie beschimpft hat. Denn so hat er zumindest an sie gedacht.
Mad Love ist freilich kein romantisches Comic. Es ist eine der klarsten Darstellungen toxischer Abhängigkeit, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat. Die Tatsache, dass die Geschichte in einer Zeichentrickserie für Kinder verwurzelt ist, macht sie nicht weniger wild. Im Gegenteil.
Dini schrieb diesen Stoff aus einer persönlichen Erfahrung heraus, die er in Interviews angedeutet hat. Er hatte selbst eine Beziehungserfahrung gemacht, die emotionale Parallelen zu Harleys Situation aufwies. Das verleiht Mad Love eine Authentizität, die über das Handwerk hinausgeht.
Vom Trickfilm in den Comic
Batman: Harley Quinn; DC
Harley Quinns Weg in den Kanon der DC-Comics ist in der Geschichte des Mediums einzigartig. Normalerweise verläuft es so: Ein Comic erschafft eine Figur, die dann in einen Film oder eine Serie adaptiert wird. Bei Harley Quinn war es umgekehrt. Die Zeichentrickserie erschuf die Figur und der Comic übernahm sie. Zunächst geschah dies noch zögerlich. Die ersten Comicauftritte in den 1990er Jahren folgten der Animation, doch dann mit zunehmenden Selbstbewusstsein bis sie im regulären DC-Kanon so selbstverständlich war, als wäre sie immer schon da gewesen.
Ihr erster eigenständiger Comic-Auftritt im regulären DC-Kanon war Batman: Harley Quinn (1999), der wiederum von Dini geschrieben und von Alex Ross illustriert wurde – ein Heft von atemberaubender visueller Qualität, das gleichzeitig die Aufnahme der Figur in den Hauptkanon markierte. Ab 2000 erschien die Figur regelmäßig in Batman: Gotham Adventures und ähnlichen Titeln. Die erste eigenständige Ongoing-Serie bekam sie im Jahr 2001.
Die Fandom-Rolle
Die Kanonisierung von Harley Quinn wurde vom Fandom mitgetrieben. Die Figur hatte bereits in den 1990er Jahren eine Fanbasis, die Fanfiction, Artwork und Cosplay produzierte – lange bevor DC sie in den regulären Kanon aufnahm. Das zeigt, dass die digitale Fankultur die Entscheidungen der Verlage beeinflussen kann, sofern die Resonanz stark genug ist. Harley Quinn ist das erste große Beispiel dafür im amerikanischen Mainstream-Comic.
2019+ Animated-Series-Look: bequemer, farbiger, persönlicher. Das Design einer Frau, die für sich selbst lebt.
Es sagt bereits alles über die Figur aus zeigt in einer Silhouette, dass sie närrisch ist, akrobatisch und in einem theatralischen Spiel gefangen ist, das sie selbst nicht als Spiel versteht. Jede spätere Version des Kostüms zeigt, wie sich das verändert hat. Wird die Narrenkapuze abgelegt? Werden die Farben bunter und individueller? Das Design zeigt immer, wie es Harley Quinn innerlich geht.
Die Beziehung, die sie fast auslöschte
Die Beziehung zwischen Harley Quinn und dem Joker gilt als die bekannteste Darstellung einer toxischen Liebesbeziehung in der Welt der Superhelden-Narrative. Über Jahrzehnte hinweg hat das Medium gebraucht, um eine klare Aussage zu dieser Dynamik zu finden. In den Anfangszeiten der „Animated Series“ war die Beziehung ambivalent inszeniert. Der Joker misshandelte Harley, doch sie ging immer wieder zu ihm zurück. Dabei wurde ihr Verhalten als ein Merkmal ihrer Figur dargestellt, ohne die moralische Dimension kritisch zu hinterfragen. Das Unbehagen in den frühen Geschichten rund um Harley Quinn rührt von den Momenten, die ihr wiederholtes Rückkehren auf romantische Weise verklären.
Die Figur hat im Laufe der Zeit eine deutliche Entwicklung durchlaufen, geprägt durch die unterschiedlichen Interpretationen verschiedener Autoren. Ein markantes Beispiel ist die Serie von Amanda Conner und Jimmy Palmiotti, in der Harley ein neues Leben in Coney Island beginnt und ihre eigenen Abenteuer bestreitet. Sie wird darin unabhängiger und selbstständiger dargestellt. In der animierten Serie aus dem Jahr 2019 zeigt sich ein weiterer Wandel. Der Joker wird hier klar als narzisstisches Individuum porträtiert, das Harley nie wirklich geliebt hat. Dieser Erkenntnis folgend, beschließt Harley, sich von ihm zu lösen.
Die im Jahr 2019 erschienene Harley-Quinn-Serie geht sogar einen Schritt weiter. Erstmals in der dreißigjährigen Geschichte der Figur wird die entscheidende Frage direkt aufgeworfen und beantwortet: Wer könnte Harley sein, wenn sie sich nicht länger als „Jokers Harley“ definiert? Die Antwort ist simpel: Sie könnte mehr sein.
Die Beziehung, die sie rettete
Wir haben in einem anderen Beitrag schon über die Beziehung zwischen Harley Quinn und Poison Ivy gesprochen. Aber aus Harleys Perspektive stellte sich diese Beziehung anders dar. Harley ist für Ivy wie ein Anker, der sie dem Menschlichen wieder nahe bringt. In ihrer Welt der Pflanzen drohte sie alles zu verlieren. Für Harley wiederum ist Ivy der erste Mensch in ihrem Leben, der sie wirklich sieht.
Ivy liebt Harley nicht trotz ihrer Fehler oder ihrer Vergangenheit mit dem Joker. Sie liebt Harley so wie sie wirklich ist; sie erkannt man, dass Harley ein vollständiger Mensch ist, mit Geschichte, mit Narben und einer unzerstörbar scheinenden Fähigkeit zur Freude. In Comics, in denen es um Liebe geht, ist das selten. Es wird akzeptiert, dass zwei Menschen sich lieben, ohne dass sie sich verändern müssen.
Credit: Adriana Melo; DC
Die Hochzeit in der Serie ist der Abschluss einer Geschichte, die 1992 mit der Freundschaft zwischen zwei Schurkinnen begann. Das Fandom hat diese Geschichte die ganze Zeit über schon vor sich gesehen. Es dauerte manchmal länger, bis die Verlage etwas verstanden, wenn sie überhaupt je etwas verstehen.
Die Verkörperung
Margot Robbie hat Harley Quinn in vier Filmen gespielt. Suicide Squad (2016), Batman v Superman (Cameo), Birds of Prey (2020) und The Suicide Squad (2021). Die Qualität ihrer Darstellung variiert in den vier Filmen erheblich, was vor allem daran liegt, dass auch die Filme selbst auf sehr unterschiedlichen Ebenen stehen und es nur selten schaffen, die Erwartungen der Comicfans wirklich zu erfüllen. Was dabei jedoch immer konstant bleibt, ist Robbies intuitives Verständnis für die Figur. Sie verkörpert Harley als jemanden, der genau weiß, was er tut, und die Konsequenzen seiner Handlungen bewusst akzeptiert.
Birds of Prey (2020) ist aber der einzige der vier Filme mit Harley Quinn als Protagonistin, der dem Sujet tatsächlich gerecht wird. Er ist laut, farbenfroh, körperbetont und hat einen emotionalen Kern, der von Harley Quinns Ablösung vom Joker handelt. Der Film ist imperfekt und vital, eine Beschreibung, die auch auf Harley Quinn selbst zutrifft, wenn man es recht bedenkt.
Lady Gaga
Todd Phillips besetzte für den totalen Flopp Joker: Folie à Deux (2024) Lady Gaga als Harley Quinn – eine Entscheidung, die sofort wild diskutiert wurde und in einem Film resultierte, der ebenso an den Erwartungen seiner Harley-Quinn-Darstellung scheiterte wie an allem anderen. Rückwirkend demonstrierte das Experiment, was Robbie richtig gemacht hatte: Sie nämlich verstand, dass Harley Quinn gleichzeitig Komödie und Tragödie ist und dass man beides gleichzeitig spielen muss, um sie richtig darzustellen.
Die Figur, die das Fandom erschuf
Harley im New 52
Harley Quinn ist die erste zentrale Figur in der Geschichte amerikanischer Comics, die durch das Engagement der Fans zur Hauptfigur wurde, noch bevor der Verlag selbst diesen Schritt vollzog. Das ist ein starkes Signal. Es verdeutlicht, dass die Macht über Comicfiguren bei den Kulturschaffenden und dem Publikum liegen und nicht bei korrumpierten Juristen. Von Beginn an gehörte Harley Quinn den Fans. Sie schlossen sie ins Herz, verkleideten sich wie sie und schrieben Fanfiction über sie, und das alles, bevor sie überhaupt in den regulären Comics auftauchte. DC griff nicht auf eine bereits bestehende, kanonisierte Figur zurück, sondern ließ eine zum Leben erwecken, die von den Anhängern längst vollständig geformt und mit Bedeutung gefüllt worden war.
In den dreißig Jahren seitdem hat das weitreichende Folgen gehabt. Heute ist Harley Quinn einer der erfolgreichsten DC-Charaktere, sei es in Comics, im Merchandising, bei Kostümen und in sämtlichen anderen Formaten. Vielleicht ist sie die erste Figur, bei der die Kommerzialisierung vollständig dem Wunsch des Publikums folgte, anstatt umgekehrt. Dieses Modell ist bis heute ein Thema in der Comicbranche.
Und sie ist trotz allem noch immer interessant. Das ist das eigentliche Wunder. Drei Jahrzehnte kommerzielle Ausbeutung haben eine Figur hinterlassen, die in ihrer besten Ausprägung – in der Animated Series von 2019, in Dinis Mad Love oder den besten Ausgaben von Conner/Palmiotti – noch immer etwas zu sagen hat: über Liebe, Abhängigkeit, Humor als Überlebensstrategie und die Möglichkeit, die Person zu werden, die man immer hätte sein können.
Sie war nie nur seine Harley
Dr. Harleen Frances Quinzel hat einen Doktortitel in Psychiatrie. Sie hat eine Turnkarriere hinter sich, durch die sie ein Stipendium erhielt. Sie ist intelligent, körperlich außergewöhnlich und verfügt über einen Humor, der sowohl Waffe als auch Schild ist. All das war immer da – in Dinis Konzeption, in Sorkins Stimme, im Design von Bruce Timm. Und trotzdem dauerte es dreißig Jahre, bis eine Version der Figur erschien, die aufhörte, sich durch die Augen des Jokers zu sehen.
Dann nämlich würde sie einen bestimmten Menschen heiraten, der Pflanzen liebt und die Menschheit für eine fragwürdige Spezies hält. Sie würde in einem bunten Apartment in einer Welt leben, die sie nicht verdient, und jeden Morgen aufwachen und entscheiden, wer sie an diesem Tag sein möchte. Ohne Kostüm als Vorschrift. Ohne Joker als Spiegel. Nur Harley Quinn.
Obwohl er nicht zur berühmten Trias Batman, Superman und Wonder Woman gehört, ist der Flash insgeheim die wichtigste Figur im DC-Universum. Und das hat nichts mit Geschmack zu tun. Natürlich gibt es immer Geschichten, die nicht den persönlichen Vorlieben entsprechen, aber über die Bedeutung der Figur wird wohl niemand ernsthaft diskutieren wollen. Sie war die treibende Kraft hinter so vielen Innovationen und Markenzeichen, die heute fester Bestandteil des DC-Universums und der Comicwelt insgesamt sind. Es ist durchaus legitim und möglich, die Geschichte der DC-Comics (und in geringerem Maße auch die der Mainstream-Superheldencomics) mit dem roten Blitz als Maßstab darzustellen.
Der Flash erschien im Januar 1940 als dritter der bekanntesten DC-Charaktere im Goldenen Zeitalter der Comics. Er wurde nach Batman, aber kurz vor Green Lantern geschaffen. Außerdem war er ein ganz anderer Charakter als der, den man aus der aktuellen Flash-Comicserie oder sogar aus der Fernsehserie kennt (auf die wir weiter unten eingehen werden). Der erste Flash war ein Typ namens Jay Garrick.
Obwohl seine Entstehungsgeschichte anders und sein Kostüm alberner ist als das seines bekannteren Nachfolgers Barry Allen, ist das Wesentliche ziemlich dasselbe: Er ist ein Superheld, der wirklich schnell rennen kann. Die Geschichten aus dem Golden Age muss man eigentlich nicht lesen, es sei denn, man ist ein Komplettist und eingefleischter Flash-Fan. Auch wenn die Figur von Anfang an etwas Besonderes hat, sind die Geschichten um Jay Garrick nicht wirklich interessant. Immerhin war er Mitglied der ersten Superheldengruppe der Geschichte, der Justice Society of America.
Obwohl seine Entstehungsgeschichte anders und sein Kostüm alberner ist als das seines bekannteren Nachfolgers Barry Allen, ist das Wesentliche ziemlich dasselbe: Er ist ein Superheld, der wirklich schnell rennen kann. Die Geschichten aus dem Golden Age muss man eigentlich nicht lesen, es sei denn, man ist ein Komplettist und eingefleischter Flash-Fan. Auch wenn die Figur von Anfang an etwas Besonderes hat, sind die Geschichten um Jay Garrick nicht wirklich interessant. Immerhin war er Mitglied der ersten Superheldengruppe der Geschichte, der Justice Society of America.
Heute ist es nichts Besonderes mehr, damals aber war es überraschend und neu. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, dreht man die Uhren auf Null und beginnt einfach von vorne.
1956 tat DC etwas Verrücktes: In ihrer Showcase-Ausgabe #4 führten sie einen völlig neuen Flash ein. Entworfen von den Autoren Robert Kanigher und John Broome in Zusammenarbeit mit dem legendären Zeichner Carmine Infantino, war dieser neue Flash Barry Allen, ein Polizeiwissenschaftler, der seine Kräfte erhielt, nachdem er nach einem Blitzeinschlag mit Chemikalien übergossen worden war. Das war die Geburtsstunde des Flash, den die meisten heute kennen. Hier erhielt er auch seinen legendären roten Anzug.
Dieser Neustart markiert im Wesentlichen die Wiederbelebung der Superhelden-Comics, die nach der Anti-Comic-Kampagne von Frederic Wertham kurz vor dem Aus standen. Mit The Flash kehrten die Superhelden im großen Stil zurück. Mit der Geburt von Barry Allen begann das Silberne Zeitalter der Comics.
Als Barry Allen als Flash in Erscheinung trat, sollte er ursprünglich Jay Garrick vollständig ersetzen. Nachdem sein erster Auftritt in “Showcase” als Erfolg gewertet und er in eine eigene Serie aufgenommen wurde, knüpfte er in Flash Comics #105 direkt dort an, wo Jay Garrick aufgehört hatte. Doch Jay Garrick war nicht ganz verschwunden. Zunächst wurde er zu einer Comicfigur, die Barry Allen las und nach der er sich später benannte.
Und plötzlich trafen sich die beiden.
In der bahnbrechenden Geschichte „The Flash of Two Worlds“ von Gardner Fox und Carmine Infantino demonstriert Barry Allen als „The Flash“ bei einer öffentlichen Veranstaltung seine Kräfte, indem er etwas tut, was er noch nie zuvor getan hat. Er springt direkt von unserem Universum in ein anderes namens Erde 2. Dort ist der Comic-Held Jay Garrick eine reale Person. Aber nicht nur er, sondern alle Figuren des Goldenen Zeitalters sind dort vertreten. Diese Geschichte, die im “Flash Nr. 123″ vorgestellt wurde, war die Geburtsstunde des DC-Multiversums, und – um ein altes Comic-Klischee zu bemühen – nichts war mehr wie zuvor.
Das Science-Fiction-Element der Paralleluniversen wurde im Laufe der Zeit zu einem der abgedroschensten Superhelden-Comic-Themen, und genau hier nahm alles seinen Anfang. Der “Flash of Two Worlds” etablierte Erde 2 als die Welt, in der alle Helden des Golden Age lebten. Dies war der Beginn eines Trends, bei dem DC-Künstler immer neue parallele Erden einführten, um Geschichten zu erzählen, die sich stark von dem unterschieden, was man kannte – und einige dieser Geschichten waren wirklich seltsam.
Irgendwann geriet das Ganze außer Kontrolle, es gab einfach zu viele Universen bei DC, als dass die Fans den Überblick behalten hätten. Außerdem litt die Konsistenz der Hintergrundgeschichten der einzelnen Charaktere. Um dieses Problem zu lösen, wurde das DC-Multiversum 1985 mit ”Crisis on Infinite Earths” beendet. Dies war ein Wendepunkt in der Geschichte der Comics. Alle Universen wurden zu einem einzigen Universum, in dem nur noch die Versionen der größten Erfolge Gültigkeit haben sollten. Dieser Zeitpunkt wird seither als Bezugspunkt für die DC-Chronologie verwendet. Vor der Krise/Nach der Krise wird als Diskussionsgrundlage verwendet, so wie wir heute die Zeit in v. Chr. und n. Chr. einteilen.
Was aber hat das mit dem Flash zu tun?
Alles. Barry Allen spielt eine entscheidende Rolle in “Crisis”, denn diese Krise führt zu seinem heldenhaften Tod zu Beginn der letzten Handlung der Miniserie. Es ist ein poetisches und tragisches Ende für eine Figur: Der Held, der den Beginn des Silbernen Zeitalters markiert, stirbt am Ende.
Allen und seine Geschichte festigten damit das, was DC am meisten von seinem Hauptkonkurrenten Marvel unterscheidet.
Alles für die Legende
In den ersten Jahren, in denen Barry Allen den Flash verkörperte, führte DC einen jugendlichen Sidekick für den roten Blitz ein: Wally West, ehemals Kid Flash. Am Ende von “Crisis on Infinite Earths” übernahm West den Staffelstab von seinem ehemaligen Mentor und wurde zum Flash des modernen Zeitalters.
Wieder einmal war The Flash der Startschuss für eine weitere Innovation in der Comic-Welt: Der Sidekick übernimmt die Rolle seines Mentors. Die Graduierung von Wally West war ein großes Comic-Highlight, die Kanonisierung dessen, was bis heute als Eckpfeiler des DC-Universums gilt: Das Vermächtnis. Helden sind Ideen, größer als das Leben, größer als jeder Mensch. Sie sind Symbole, die von Menschen auf der ganzen Welt benutzt werden. Überall sieht man das Wappen von Superman oder das charakteristische Bat-Symbol von Batman. All dies sind mythische Banner, die mittlerweile über 75 Jahre alt sind.
Aber der rote Blitz begann als erzählerischer Prüfstein, als eine Figur, deren Geschichten das gesamte Verlagsimperium prägten und letztlich immer einen großen Wandel in den Comics ankündigten: Goldenes Zeitalter, Silbernes Zeitalter, Multiversum, Tod des Multiversums, Wiedergeburt des Multiversums und mindestens zwei getrennte Neustarts bei DC.
Obwohl Spirou nicht von Franquin erfunden wurde, ist es kein Geheimnis, dass er die Figur mit etlichen weiteren Charakteren umgab und die Comics rund um den Pagen und seinen Freund Fantasio zu einem Klassiker der Franko-Belgischen Schule machte. Der Zauberer von Rummelsdorf stellt im Spirou-Kosmos auch gleich eine Revolution dar, denn es ist das erste große Abenteuer der beiden Helden.
Spirou und Fantasio beschließen, in der Nähe des kleinen Dorfes Champignac (das bei uns nun „Rummelsdorf“ heißt) zelten zu gehen. Durch die Übersetzung geht einerseits die Verniedlichung der Champagne verloren, die auch gleichzeitig eine Anspielung auf die Zauberpilze ist, mit denen wir es hier unter anderem zu tun bekommen. Trotzdem darf man mit „Rummelsdorf“ zufrieden sein, denn in klanglicher Hinsicht passt er natürlich besser in den Titel, als wenn irgendeine erzwungene Übersetzung hier versucht hätte, das Wortspiel zu retten.
Dort angekommen, entdecken sie Schweine in allen Farben und schwarzen Tupfen, Kühe, die plötzlich anfangen, ungenießbare Milch zu geben, und beschließen, einem Zigeuner zu helfen, der vom Bürgermeister von Rummelsdorf der Hexerei beschuldigt wird. Sie lernen auch den Grafen von Rummelsdorf kennen, eine exzentrische Person, die ein Schloss mit einem riesigen Park bewohnt. Es ist eine stimmungsvolle Anlehnung an Graf Dracula und den ländlichen Sujets von Agatha Christie, ohne dass dies etwa gleich augenfällig würde.
Eines Nachts wird Fantasio entführt. Spirou findet heraus, dass der Graf dafür verantwortlich ist, um sein Produkt X1 an ihm zu testen. Damit ist klar, dass er der Verantwortliche der Phänomene im gemütlichen Dorf ist. Denn irgendwie hat das alles mit den merkwürdigen Pilzen zu tun, die überall dort wachsen, wo etwas Sonderbares passiert ist.
„Bangebüchse“ als Referenz an Sugar Ray Robinson
Das Serum, das er X1 nennt, verleiht Fantasio übermenschliche Kräfte, doch die Wirkung hält nur etwa 36 Stunden an. Um die Bauern von Rummelsdorf für die Experimente an deren Tiere zu entschädigen, wendet der Graf das Produkt an sich selbst an, und reist zu verschiedenen Sportwettkämpfen, die er alle mühelos gewinnt und die jeweiligen Preisgelder einheimst.
Tatsächlich wird er von dem Kleinkriminellen Herkules entdeckt, in dessen Laden sich die Banditen Natan (der im Original Narcisse heißt, weil er stets vor einem Spiegel steht und sich die Augenbrauen zupft) und Valentino verstecken. Von dem Banditen verachtet, stiehlt Herkules X1 und X2, letzteres ein furchterregendes Mittel, das den Betreffenden in einer Stunde um siebzig Jahre altern lässt. Mit einer List sorgt er dafür, dass Valentino und Natan sich gegenseitig X2 spritzen, während er mit dem X1 im Blut Banken ausraubt. Spirou und Fantasio fangen ihn schließlich, als die Wirkung des Mittels nachlässt, während der Graf ein Heilmittel für X2 findet, das Natan und Valentino wieder in ihre Kindheit zurückversetzt. Irgendetwas geht bei ihm also immer schief, auch wenn die eingeschlagene Richtung stimmt.
Das Skript des Albums wurde von einem gewissen Jean Darc (in Wirklichkeit Henri Gillain, Lehrer und Bruder des Zeichners Jijé, der die Serie von 1943 bis 1946 übernahm) geschrieben, der sich bei der Gestaltung seines Rummelsdorf von seinem Heimatdorf in Luxemburg inspirieren ließ, während Franquin das Schloss Skeuvre in Natoye (Provinz Namur, Belgien) zum Vorbild nahm, um das Herrenhaus des Grafen zu entwerfen.
Man kann das große Talent von Franquin nicht übersehen, denn mit diesem ersten großen Abenteuer legt er die Grundlagen und die Nebenfiguren (z.B. der Bürgermeister, oder sein Beamter Federkiel…) und die Hauptfiguren (der Graf) einer Serie, die 53 (bald 54) Alben umfasst, ohne die Sonderausgaben zu zählen.
Die Genialität dieses Albums liegt sowohl in der originellen, magischen und stimmungsvollen Geschichte als auch in der Hervorhebung all dieser neuen Figuren, die man heute im Pantheon der europäischen Comics weiterhin gerne sieht.
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