Constantine – Der Hellblazer

Hellblazer

Constantines Herkunft scheint so willkürlich und lächerlich, wie die Figur selbst beständig und mürrisch ist. Die Hauptverantwortlichen für seine Erschaffung machen unterschiedliche Aussagen über seine Eigenschaften, aber alle sind sich einig, dass er wie Sting aussieht.

© Glenn Fabry

Constantine erschien zum ersten Mal auf den Seiten der Comic-Saga Swamp Thing im Juni 1984, kurz nach dem Ende der Welttournee von Police für ihr Album Sincronicity. Swamp Thing stammte damals aus der Feder des britischen Autors Alan Moore, der noch zwei Jahre davon entfernt war, mit Watchmen zum Comic-Superstar zu werden. 1984 war er noch ein relativ unbekannter britischer Autor, der mit seiner dekonstruktivistischen und mystischen Sicht auf Swampy einen Kulterfolg landete. Ihm zur Seite standen die amerikanischen Künstler Stephen Bissette und John Totleben. Beide waren von Sting besessen.

Bissette sagt, er habe Moore gebeten, eine Figur zu schaffen, die Sting ähnlich sieht. Karen Berger, die Redakteurin der Serie, erzählte, dass es Totleben war, der von Stings Darstellung eines möglicherweise dämonischen Betrügers im Film Brimstone and Treacle von 1982 begeistert war. Moore erzählte dem Comics Journal, dass er die Wünsche der Künstler nur zum Spaß erfüllte. Und so tauchte in einer Szene von Swamp Thing No. 25 eine namenlose Figur auf, die Sting ähnelte. Das hätte das Ende sein können.

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Doc Savage – Das Vorbild aller Superhelden

doc savage

Comics sind seit dem letzten Jahrhundert ein beliebtes fiktionales Medium, und die Erfindung von Superman wird oft als Grundstein der Branche angesehen. Doch bevor der Mann aus Stahl sein Debüt feierte, gab es einen anderen comicartigen Helden, der das Genre anführte: Doc Savage aus den Pulp-Magazinen. Pulp-Magazine waren in den 1930er Jahren die beliebteste Form der gedruckten sequentiellen Kunstgeschichte, bevor Marvel und DC das Medium dominierten.

Doc Savage Magazine, März 1933, „The Man of Bronze“, illustriert von Walter M. Baumhofer.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gehörten Pulp-Helden wie Zorro, Das Phantom, Tarzan, den Shadow und Flash Gordon zu den Helden, zu denen junge Leser in ihren Zeitschriften aufschauten. Im Jahr 1933 lernte die Öffentlichkeit den Mann kennen, der zum Aushängeschild des Pulp Fiction Magazins werden sollte: Doc Savage. Einer der Hauptunterschiede zwischen Savage und seinen Vorgängern war sein Sinn für Modernität, seine Weltoffenheit und die Idee eines Menschen, der sich nicht von den Umständen bestimmen lässt.

Pulp Fiction richteten sich an ein älteres Publikum als die Superhelden und wurde in Magazinen, Zeitungsstrips und als Romanen veröffentlicht. Savage selbst wurde von dem Verleger Henry W. Ralston und dem Herausgeber John L. Nanovic bei Street & Smith Publications in seiner eigenen Serie, dem Doc Savage Magazine, herausgegeben. Das Genre war viel direkter und ehrlicher als manche Superheldengeschichten.

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Mary Shelleys Frankenstein: Der missverstandene Roman

Bouquinist

Zwischen Mary Shelleys Originalroman Frankenstein von 1818 und den zahllosen Filmen, die davon inspiriert wurden, besteht ein himmelweiter Unterschied. Selbst Kenneth Branaghs Verfilmung von 1994 fügt Shelleys Originalvision viel hinzu und nimmt dabei einiges weg. Der Titel mag zwar Treue zum Original signalisieren, aber am Ende wird Shelleys Buch mit dem Beil bearbeitet, und es wird verzweifelt versucht, die verschiedenen Teile zu einem kohärenten und lebendigen Ganzen zusammenzufügen. Das Ergebnis ist, wenn schon nicht ein Monster, so doch zumindest ein monströses Durcheinander.

Außerdem wird das Buch immer wieder von Missverständnissen begleitet, wie die berühmte Verwechslung des Schöpfers mit der (namenlosen) Kreatur (so spricht man von „Frankenstein“ statt von Frankensteins Monster) oder der Glaube, der Schöpfer sei „Doktor Frankenstein“ (dem ist nicht so: im Buch ist er nur ein einfacher Student). Es ist ein berühmtes Buch, das jeder kennt oder zu kennen glaubt, aber vielleicht ist es das berühmteste Buch, das in Wirklichkeit gar nicht gelesen wird.

Shelley war noch ein Teenager, als sie 1816 mit dem Schreiben begann. Die Umstände der Entstehung sind gut bekannt: 1815 brach der Vulkan Mount Tambora in Indonesien aus und verursachte einen Rückgang der globalen Durchschnittstemperatur um etwa 0,5 Grad Celsius. Dies führte zu einem Ausfall vieler Ernten. 1816 war das „Jahr ohne Sommer“ (Byron dokumentierte dieses Ereignis in seinem Gedicht „Darkness“). Shelley und ihr Mann, der Dichter Percy Bysshe, fuhren an den Genfer See, zusammen mit keinem Geringeren als Byron und einem jungen Mann namens John Polidori. Um sich die Zeit zu vertreiben, veranstalteten die vier einen Wettbewerb, bei dem es darum ging, wer sich die beste Geistergeschichte ausdenken konnte. Aus dieser Veranstaltung ging mit Frankenstein nicht nur der wohl erste Science-Fiction-Roman hervor, sondern auch der erste Vampirroman (Polidoris „Der Vampyr“, der 1819 – ein Jahr nach Frankenstein erschien).

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The Shadow

Dieser Satz, gesprochen von dem Schauspieler Frank Readick, wurden begleitet von einem musikalischen Thema, dem 1872 komponierten Le Rouet d’Omphale von Camille Saint-Saëns.

In unseren Breitengraden spielte The Shadow keine große Rolle, aber in Amerika ist er einer der bekanntesten Pulp-Helden überhaupt.

Meister der Täuschung

„The Living Shadow“;
Cover von The Shadow #1
(April 7, 1931). Gezeichnet
von Modest Stein.

The Shadow ist der Batman der Groschenromane, sowie Doc Savage dort der Superman ist. Die Analogie zu Batman ist allein schon deshalb berechtigt, weil viele Shadow-Romane dann später als Vorlage für Batman-Geschichten verwendet wurden. Ganz zu Beginn, im Jahr 1931 war die Figur zunächst nur ein mysteriöser Erzähler, der die Geschichten aus dem Street & Smith’s Detective Story Magazine zum Besten gab, um die Verkaufszahlen des Magazins zu steigern.

Als die Redakteure erfuhren, dass die Leser häufig an den Kiosken nach einem „Shadow-Magazin“ fragten, wussten sie, dass sie schnell handeln mussten. Herausgeber Henry Ralston beauftragte schließlich Walter Gibson mit der Schaffung der Figur. 

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Necronomicon – Das gefährlichste Buch der Welt

Alles lag an diesem Buch, das, einmal aufgeschlagen, alles verschlang, was es zu verschlingen gab. Hatte ihn das Buch dermaßen in seinen Bann gezogen, dass er eingeschlafen war und jetzt mit den letzten Eindrücken der Zeilen in seinem eigenen Traumgebilde umherirrte?

Er hatte den alten Folianten zunächst in einem Antiquariat für seltene Bücher entdeckt und dieses wiederum nur durch einen Zufall ausfindig gemacht. Das war an einem dieser frühen Abende bei einem seiner Spaziergänge gewesen. Jetzt erinnerte er sich, wie er sich gewundert hatte, denn er kannte alle Buchläden in der Stadt, doch diesen kannte er nicht.

Inspiriert von den Werken Lovecrafts fertigt der Künstler Zorano fiktive Seiten aus dem Necronomicon an, die in seinem Shop auf Etsy gekauft werden können.

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Tales from the Crypt

Wenn das Grauen spricht

Tales from the Crypt #1 © EC Comics

In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt – dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.

Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein simpler Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten „Horror-Anthologie-Comics“, die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten – makaber, blutig, oft mit einer ironischen Pointe – wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.

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Behroka ever

Es ist eine kleine Stadt, die ich im ungarisch-österreichischen Grenzland verorte, obwohl ich im Nachhinein nicht konkret behaupten kann, dass sie auch wirklich dort lag. Im Traum selbst vergas ich den Namen zunächst, aber als ich nachfragte kristallisierte sich den Name Behroka ever heraus. Tatsächlich war das Städtchen so schön, dass mir die Tränen kamen, umgeben von einem sanften Gebirge, das mir aber nach dem Erwachen entwischte. Die Recherche, die Albera ausführte, förderte Beróka als einen speziellen Männertanz oder Geschicklichkeitstanz in der ungarischen Folklore zutage, während meine eigene Suche nach einem ähnlich klingenden Ort (denn dass es sich um einen solchen handelte, ging ja aus dem Traum hervor) zum Kurort Bükfürdő führte, was mich weniger befriedigen konnte.

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Daredevil – Der Mann ohne Furcht

daredevil

Ein Junge und ein Unfall

Daredevil 1964
© Marvel 1964

Matt Murdock verliert sein Augenlicht in jungen Jahren, als ein mit radioaktivem Material beladener Lastwagen verunglückt und ein Kanister ihn direkt ins Gesicht trifft. Als er wieder zu sich kommt, wird ihm klar: Die Dunkelheit ist nun sein ständiger Begleiter. Auf den ersten Blick wirkt diese Tragödie wie der Beginn einer typischen Superhelden-Geschichte – ein schicksalhafter Unfall, der außergewöhnliche Fähigkeiten freisetzt und zur Lebensaufgabe wird. Doch was Autor Stan Lee und Zeichner Bill Everett 1964 aus dieser Prämisse schufen, übertraf die Konventionen des Genres mit einer beeindruckenden Finesse. Die Strahlung, die Matt die Sicht nahm, verstärkte im Gegenzug all seine anderen Sinne ins Übermenschliche. Sein Gehör ist so sensibel, dass er selbst das leise Pochen eines Herzschlags durch eine massive Betonwand wahrnimmt. Seine Zunge erkennt den Geschmack von Adrenalin in der Luft, wenn jemand vor Angst zittert. Sein Tastsinn ist so geschärft, dass er selbst die feinsten Vertiefungen auf einer Visitenkarte ertasten kann, die anderen verborgen blieben. Und dann ist da sein bemerkenswerter Radarsinn, der ihm eine mental-kartografische Wahrnehmung seiner Umgebung verschafft – eine weitaus präzisere Art des „Sehens“, als es jeder Mensch mit gesunden Augen je erleben könnte. Mit diesen Fähigkeiten formt sich Matt Murdock zu Daredevil, einem Helden, der mit Geschick und Mut in eine Welt eintaucht, die sowohl düster als auch voller Möglichkeiten ist. Es ist die Kombination aus Tragik, Eleganz und Innovation, die diese Figur bis heute zu einer Ikone unter den Superhelden macht.

Bill Everett & die Entstehung

Die lange Reihe derer, die die Figur erweiterten

Stan Lee – Autor, Konzepz

Stan Lee entwickelte die grundlegende Idee für die Figur: ein blinder Anwalt mit besonderen, durch Radioaktivität erlangten Fähigkeiten, der in Hell’s Kitchen lebt und mit dem Verlust seines ermordeten Vaters Jack Murdock kämpft. In den frühen Ausgaben zeigte sich Daredevil als unbeschwerter, akrobatischer Held in einem auffälligen gelb-roten Kostüm. Auch wenn die spätere Entwicklung des Charakters nicht Lees ursprünglicher Vorstellung entsprach, bildete seine Arbeit dennoch das solide Fundament, auf dem alles weitere aufbaute.

Frank Miller – definierende Ära 1979 – 1983

Frank Miller führte Daredevil aus den Reihen mittelmäßig erfolgreicher Superhelden-Comics heraus und formte ihn zu einem Noir-Meisterwerk. Er kreierte den Kingpin, erweckte Elektra zum Leben, schenkte der Welt Stick und die Hand und schrieb mit Born Again eines der emotional tiefgründigsten Kapitel der Seriengeschichte. Ohne Miller wäre der Daredevil, den wir heute kennen, kaum denkbar.

Bill Everett – Zeichner, Erstausgabe

Everett hauchte der Figur als erster visuelles Leben ein: der rote Teufel, die markanten Hörner und die geschmeidige Agilität. Trotz der Herausforderungen während der Produktion war sein Beitrag zentral. Er verlieh Daredevil eine körperliche Präsenz, die späteren Künstlern als Grundlage diente und von ihnen weiterentwickelt wurde.

Bendis · Brubaker · Waid – weitere prägende Autoren

Brian Michael Bendis verschärfte Matts Identitätskrise bis zum Äußersten. Ed Brubaker ließ ihn durch die Hölle gehen, schickte ihn ins Gefängnis und brachte ihn an den Rand seines Verstandes. Mark Waid wiederum brach mit der düsteren Tradition und präsentierte einen Daredevil, der lacht – eine gewagte Entscheidung, die mit den Erwartungen vieler Fans brach. Jeder von ihnen hat nachhaltige Spuren in der Geschichte der Figur hinterlassen.

Wie ein Zeichner eine Figur neu erschuf

Kingpin
Kingpin © Marvel

Frank Millers Einstieg bei Daredevil im Jahr 1979 markierte einen der entscheidendsten Wendepunkte in der Geschichte des amerikanischen Comics. Als damals junger Künstler übernahm Miller eine Serie, die nahe am Abgrund stand. Enttäuschende Verkaufszahlen und das drohende Ende waren bereits realistische Szenarien. Doch Miller brachte eine visionäre Perspektive mit, eine bahnbrechende visuelle Ästhetik und den Mut, eine düstere Tiefe zu erforschen, die im Marvel-Universum bis dahin in dieser Form nicht bekannt war.

Mit seiner Arbeit integrierte Miller die Stilmittel des Film noir nahtlos in das Genre des Superhelden. Comics als strukturelles Fundament. Hell’s Kitchen, das bisher lediglich als Hintergrund diente, wurde unter seiner Federführung zu einem lebendigen, pulsierenden Organismus, einem Sumpf aus Korruption, Gewalt und menschlichem Scheitern. Unter diesen Voraussetzungen führte er Wilson Fisk ein, den berüchtigten Kingpin of Crime, einen Schurken von erschreckender physischen Präsenz und noch beängstigenderer institutioneller Macht, der die Stadt durch Intrigen, Geld und Angst in seinem Würgegriff hielt.

Elektra
Elektra © Marvel

Neben dem Kingpin zählt Elektra zweifellos zu den bedeutendsten Beiträgen Frank Millers zur Daredevil-Mythologie. Als Matts große Liebe, tödliche Assassinin und zugleich seine erbitterte Widersacherin bildet sie ein ideales Gegengewicht zu ihm. Beide verbindet eine ähnlich strenge Ausbildung, ein unerschütterlicher Wille und nahezu identische körperliche Fähigkeiten, doch sind ihre moralischen Entscheidungen grundlegend verschieden. Elektras Tod bleibt eines der bewegendsten Ereignisse in der Geschichte der Comics. Dennoch stellte Miller sie nie als Opfer dar; Elektra war stets eine autonome Figur, die ihre Entscheidungen mit voller Überzeugung traf und die Konsequenzen bewusst in Kauf nahm.

Das tiefste Tal

Born Again, eine Zusammenarbeit von Frank Miller und David Mazzucchelli, gilt als das monumentalste Werk innerhalb des Daredevil-Kanons und zählt darüber hinaus zu den bedeutendsten Errungenschaften des amerikanischen Comics insgesamt. Die Handlung verfügt über eine fast archaische Klarheit. Karen Page, Matts frühere Geliebte und ehemalige Sekretärin, verrät im drogeninduzierten Taumel seine geheime Identität an einen Dealer im Austausch für eine Dosis Heroin. Diese Information findet ihren Weg zu Wilson Fisk, der einen minutiösen Plan in Gang setzt, um Matt Murdocks Leben Stück für Stück zu zerstören. Ohne Hast und ohne pompöse Eruptionen treibt er sein Vorhaben voran.

Born Again

Das Besondere an dieser Geschichte ist Millers radikaler Ansatz innerhalb des Superhelden-Genres. Er zeigt den kompletten Fall seines Protagonisten, bevor er ihn Schritt für Schritt zurück ins Leben führt. Murdock verliert alles, seinen Führerschein, sein Vermögen, seine Wohnung, seinen Beruf und schließlich den Verstand. Er landet orientierungslos und gebrochen auf der Straße. Fisk wähnt sich als Sieger. Doch anstatt eines triumphalen Comebacks erzählt Miller von einem langsamen Heilungsprozess; ein schmerzhaftes Wiederaufbauen in kleinen Schritten. In diesem mühsamen Prozess entdeckt Matt Murdock seine wahre Identität, wer er ist, wenn ihm nichts mehr bleibt.

David Mazzucchellis Arbeit an Born Again ragt als visuelles Meisterwerk hervor. Seine Zeichnungen vereinen eine gelungene Balance aus reduzierter Expression und nahezu fotografischer Präzision. Mit beeindruckendem Geschick fängt Mazzucchelli die zerrissene Psyche von Matt ein. Gerade dieser feine Unterschied zwischen bloßer Illustration und erzählerischer Bildsprache verleiht dem Werk eine außergewöhnliche Tiefe und zeitlose Qualität.

Das theologische Herz der Figur

Kein anderer Superheld im Marvel-Universum ist so tief in einem religiösen Bewusstsein verwurzelt wie Daredevil. Matt Murdock ist Katholik. Das ist ein grundlegender Bestandteil seiner Persönlichkeit. Er sucht die Beichte, ringt mit Zweifeln und fragt sich, ob seine nächtlichen Taten als Sünde gelten könnten. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es seine moralische Pflicht ist, weiterzumachen. Dieser innere Widerspruch bleibt unauflösbar.

Frank Millers Daredevil-Geschichten sind dann konsequenterweise auch tief durchzogen von katholischer Symbolik: Bilder von Kreuzigung, Auferstehung und der Idee, dass Leiden eine reinigende Kraft besitzt, prägen seine Erzählungen. Besonders deutlich wird dies in Born Again, das in seiner Essenz einer modernen Passionsgeschichte gleicht. In dieser Story durchlebt der Held eine symbolische Todeserfahrung, um schließlich wiederaufzuerstehen. Schon der Titel gibt die Richtung unmissverständlich vor. Obwohl Miller selbst kein Katholik ist, erkannte er in der katholischen Mythologie das perfekte Vehikel, um eine Geschichte von Schuld und Erlösung zu erzählen.

Die Verbindung zwischen Daredevil und dem Katholizismus funktioniert so gut, weil sie voller Widersprüche ist und dadurch Tiefe gewinnt. Die Kirche repräsentiert für Matt Murdock sowohl Trost als auch moralischen Kompass. Sie konfrontiert ihn mit der Sündhaftigkeit seiner Handlungen, bietet ihm aber gleichzeitig einen Rahmen, um mit diesen Sünden umzugehen. Er kämpft, weil sein Glaube ihn antreibt. Doch zugleich zweifelt er an sich selbst, weil dieser Kampf ihn erschöpft. Beide Seiten – Glaube und Zweifel – drängen ihn schließlich zur Beichte, da er begreift, dass weder das eine noch das andere für sich allein genügt, um seinen inneren Konflikt zu lösen.

Die Welt aus Klang

Der Radarsinn von Daredevil zählt zu den interessantesten künstlerischen Herausforderungen im Comic. Wie bringt man eine Figur zur Geltung, die ohne Augenlicht auskommt? Wie visualisiert man eine Wahrnehmung, die vollkommen unabhängig vom Sehen funktioniert? Die talentiertesten Zeichner, die an der Figur gearbeitet haben, haben diese Fragen auf höchst unterschiedliche und kreative Weise interpretiert.

In den Anfangsjahren von Daredevil setzten Künstler wie John Romita Sr. und Gene Colan auf einen schlichten Stil. Daredevil wurde visuell wie eine sehende Figur dargestellt. Seine Blindheit fand hauptsächlich im Text Ausdruck, ohne dass die Bilder dies deutlich erkennbar machten.

Daredevil Radar
Daredevils Radar © Marvel

David Mazzucchelli brachte diese Stilmittel in Born Again auf eine neue Ebene. In seinem Werk harmonierte die visuelle Sprache erstmals perfekt mit dem zerbrechlichen mentalen Zustand der Figur. Die Darstellung von Matts sensorischer Überforderung wurde zu einem zentralen erzählerischen Werkzeug, das gleichzeitig seinen psychischen Zusammenbruch reflektierte.

Doch die vielleicht bislang beeindruckendste und innovativste Interpretation des Radar-Sinns stammt von Paolo Rivera in Mark Waids Daredevil-Run. Rivera visualisierte die außergewöhnliche Wahrnehmung des Superhelden durch konzentrische Wellen und ultrafeine, blaue Sonarsignale, die von seinem inneren Radar ausgesendet werden. Diese Wellen breiten sich durch den Raum aus und lassen Formen, Texturen und Objekte in einer einzigartigen, leuchtenden Sonarwelt erstrahlen. Zum ersten Mal fühlte sich diese Darstellung für Leser so an, als könnten sie die Welt durch Matts Augen – oder in diesem Fall durch seine Sinne – erleben. Es war eine alternative Realität voller Reichtum und Tiefe, die das Sehen beinahe trivial wirken ließ.

Der Ort als Charakter

Hell’s Kitchen, das Viertel an der Westseite von Midtown Manhattan, zwischen der 34. und 59. Straße, westlich des Broadway gelegen, spielt für Daredevil eine ähnliche Rolle wie Gotham für Batman – es wird quasi selbst zu einer Hauptfigur. Doch während Gotham eine düstere und fiktive Welt voller alptraumhafter Architektur darstellt, ein greifbares Konstrukt der Fantasie ohne reales Gegenstück, besitzt Hell’s Kitchen echte Straßen, reale Bewohner und eine greifbare Geschichte, die diesem Ort eine ganz besondere Bedeutung verleiht.

Als Daredevil in den 1960er Jahren das Licht der Comicwelt erblickte, war Hell’s Kitchen ein berüchtigter Problembezirk in New York. Armut dominierte das Stadtbild, Bevölkerungsgruppen von irischen und puertorikanischen Immigranten prägten die Nachbarschaft, und die Schatten der organisierten Kriminalität zogen sich durch die Straßen. Genau hier wurde Matt Murdock als Sohn eines irisch-amerikanischen Boxers geboren, und genau hier verwurzelt er sich als Held seiner Gemeinschaft. Anders als mancher Superheld mit glitzernden High-Society-Verbindungen ist Daredevil der Anwalt für all jene, die auf den rauen Straßen seiner Kindheit immer wieder zu Verlierern der Gesellschaft werden.

Mit den Jahrzehnten jedoch hat sich Hell’s Kitchen dramatisch verändert. Einst Sinnbild urbaner Härten, ist das Viertel heute kaum wiederzuerkennen. Durch die Gentrifizierung wandelte sich Hell’s Kitchen bis hin zum Namen. Oft wird es nun als „Clinton“ bezeichnet – eine Hommage an einen ehemaligen Gouverneur von New York namens DeWitt Clinton. Es zählt inzwischen zu den teuersten Wohngegenden Manhattans und hat seinen einstigen Charakter fast komplett eingebüßt.

Diese ironische Fügung der Geschichte verleiht den heutigen Eskapaden von Daredevil eine bittersüße Note. Der blinde Held setzt sich weiterhin für die Menschen seiner Heimat ein. Doch diese Heimat, das eigentliche Hell’s Kitchen, existiert nur noch in den Erinnerungen. Die Geschichten um Matt Murdock tragen damit eine melancholische Einsicht in sich. Sein Kampf gilt einer Vergangenheit und einem Ort, der längst von der Realität verschluckt wurde.

Die TV-Serie

Die Netflix-Serie Daredevil nimmt unter den vielen Superhelden-Adaptionen einen besonderen Platz ein. Hier haben die Macher etwas geschaffen, das nicht nur seine Comic-Vorlage respektiert, sondern sie sogar in vielen Aspekten bereichert. Unter der Leitung von Showrunnern wie Drew Goddard und Steven DeKnight gelang es der Serie, das komplexe Erbe von Frank Miller und Brian Michael Bendis in eine serielle Erzählweise zu überführen, die den Ursprungston, das Tempo und die tiefgründige Ernsthaftigkeit des Comics auf beeindruckende Weise einfing.

Insbesondere Charlie Cox in der Rolle von Matt Murdock liefert eine Darbietung, die als die wohl authentischste Verkörperung einer Marvel-Figur im gesamten MCU gelten kann – und das will etwas heißen in einem Universum, das mit Robert Downey Jr. als Tony Stark oder Hugh Jackman als Wolverine bereits ikonenhafte Leistungen hervorgebracht hat. Cox verleiht der Blindheit seines Charakters eine glaubwürdige Tiefe durch subtile, körperliche Nuancen. Er meidet den direkten Blickkontakt, nutzt seinen Körper scheinbar unbewusst zum Lauschen und bewegt sich durch Räume, als würde er mit einem ausgeprägten Sinn für seine Umgebung navigieren. Seine Darstellung ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut durchdachtes Schauspiel die Essenz einer Comicfigur auf die Leinwand bringt und ihre Besonderheit zum Leben erweckt.

Die Flur-Szene

Der Held, der wieder aufsteht

Daredevil symbolisiert im Marvel-Universum die unerschütterliche Fähigkeit, nach jeder Niederlage erneut aufzustehen. Diese außergewöhnliche Eigenschaft wird im Superhelden-Genre nur selten hervorgehoben, da sie keine typische Superkraft darstellt. Während Batman den Detektiv verkörpert, Superman den Gott und Spider-Man von Schuldgefühlen getrieben ist, repräsentiert Daredevil den Mann, der alles verlieren kann und trotzdem unermüdlich weitermacht.

Diese Bedeutung geht weit über die Grenzen des Fandoms hinaus. Daredevil ist unter den Superhelden eine der Figuren, die am stärksten jene Menschen anspricht, die erfahren haben, was es heißt, am Tiefpunkt zu sein. Er repräsentiert Widerstandsfähigkeit. Und Resilienz ist vielleicht die authentischste „Superkraft“ in einer Welt ohne radioaktive Spinnen oder göttliche Waffen.

Frank Miller hat dies in Born Again am prägnantesten dargestellt. Brian Michael Bendis vertiefte dieses Motiv in seinen besten Geschichten. Mark Waid fügte eine neue Dimension hinzu, indem er die Perspektive erweiterte: Was, wenn Resilienz nicht in erster Linie von Dunkelheit geprägt ist, sondern von Leichtigkeit? Was, wenn das Wiederaufstehen manchmal auch durch Lachen geschieht, weil Lachen die angemessene Antwort auf eine Welt sein kann, die einen immer wieder niederzuringen versucht?

Der grüne Mann

Der Grüne Mann ist ein Waldgeist, der seit Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Jahren in der Folklore verankert ist. Die Legende vom Grünen Mann stammt angeblich aus Europa, doch es gibt Geschichten und Belege dafür auf der ganzen Welt. Googelt man nach diesem Wesen, findet man eine Fülle von Informationen über seine Motive und Skulpturen, die in Kirchen in ganz Europa zu sehen sind. Doch hinter der Legende des Grünen Mannes steckt mehr.

Während der Grüne Mann in der heutigen Zeit als Gartenkunstwerk betrachtet wird, war er für unsere heidnischen Vorfahren einst ein Waldgott und der ultimative Wächter des Waldes.

Grüner Mann, Kathedrale Chartres

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Maskenpampe

In einem maskierten Universum ist der klare Verstand eine Verwässerung der Illusion, so machen wir ihn unrein und der Schmutz will unsere Augen schützen vor den Dörfern, die nach uns geworfen werden.

Man kann sich dann am besten sehen, wenn man sich nicht erwartet, ein Flirren in den Winkeln der Dimensionen, die ihre Handtücher falten. Diese ganzen Farben schau schau. Im Innern der Blutbahn fängt man sich an den Wänden wieder ein. Ich habe schon einmal gesagt, dass ich es brauche. Ein Heldenepos liegt auf dem Küchentisch. Bring es doch bitte nach nebenan.

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