Regen in der Stadt

Regen in der Stadt, er bringt die Oberflächen zum Glänzen
(reinigt die Skulpturen menschlicher Behausung)
der Wetterbericht, der Sturm nicht angekündigt, der sich über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Alleen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt, wer in den Betten liegt
– Es geht etwas vor
wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und heruntergelassenen Rolladen dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben, niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen, sag es mir, wo bist du gewesen
– Wo gehst du hin
wenn du dich aus dem Atelier schleichst, wenn du
(wie ich weiß)
im Werkzeug wühlst, was uns trennt, was uns noch nicht trennt, die Nacht das Zepter in der Hand, wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben
-Ein Traum
wenn es gut geht, läuft es auf ein Unentschieden hinaus, die Sonne brennt ein diffuses Licht in die Schwärze, ohne sich auch nur einmal sehen zu lassen, das Ergebnis ist ein nebelverhangener Schleier, der wie eine Glocke über allem hängt
(kein Traum, sondern)
niemand ist da, um die Gestalt in dem knöchellangen Mantel zu beobachten, die dem Wind trotzt, ihre linke Hand faßt den Kragen enger, als würde sie sich selbst würgen, die rechte trägt einen hellen Ballon, torkelnd kommt das Wesen, sich weit nach vorne beugend die Straße entlang, hält im Torbogen kurz inne und müht sich weiter zum Rain, seit 1478 das Festgelände, dort findet es, was es sucht
– Da geht etwas vor sich und du wirst mir nicht erlauben, was es ist
(einen Pfahl, an dem noch lose ein paar Drahtreste hängen)
der Draht ist unwichtig, aber auf dem Pfahl soll das Ding, das der Mann mit sich führt, seinen Platz einnehmen
– Sei ruhig, sei wieder ruhig
vereinzelt tropft immer noch Blut aus dem abgeschlagenen Kopf, rinnt durch den Regen begünstigt das Holz hinunter als er aufgespießt wird
(werden es morgen wissen)
der Umfang des Pfostens ist wie eigens dafür geschaffen in den abgehackten Hals zu gleiten, kurz betrachtet der Unheimliche sein Werk, nickt
(und das Haus hat Schaden genommen)
und schlenderte an der Unteren Mühle vorbei Richtung Rotmoos, wo er verschwindet
– Es geht etwas vor
– Was denn
sei ruhig, es war nur ein Traum, ein Traum, der dich einlud, vor die Türe zu sehen, aber da war nichts
– Aber es geht etwas vor
– Aber da ist nichts, nur ein Wetter
nur das Wetter gegen das Haus, alter grober Wind, was bläst du so stark
(alter grober Wind)
wie eine übermütiges Kind

Andrè Breton

Breton in einigen wenigen Sätzen zu grundieren, ist ein unmögliches Unterfangen. Ob man ihn nun als den Begründer der einflussreichsten künstlerischen Bewegung, die es jemals gab, anerkennt, oder ihn zum letzten Vertreter der europäischer Intelligenz ausruft. Im Vordergrund steht kein literarisches Schaffen im herkömmlichen Sinn, was Breton sein wollte, war er ganz und gar. Es ist bezeichnend, dass der kontinentale Surrealismus durch ihn initiiert, verstörte und aufbegehrte, beinahe exaktamente mit seinem Ableben ebenfalls das Zeitliche segnete, während der Geist dieser Lebenshaltung – man kann sagen – nach Lateinamerika auswanderte, wo er nicht zuletzt durch Bretons Busenfreund Octavio Paz (aber auch durch Neruda) zu höchsten Weihen fand.

Auswahlbibliothek:

Die Manifeste des Surrealismus
Die magnetischen Felder
 (mit Soupault)
Nadja
L’amour Fou
 (in einer grottenschlechten Übersetzung bei Suhrkamp)

Auch nur ein Hund

Und die Ursel näht den Knopf an und die Ursel kann auch kochen. Königsberger Klopse. Das ist das Beste von ihr. Zunächst die Pellkartoffeln kochen. In der Zwischenzeit die Zwiebeln fein würfeln und in zehn Gramm Margarine glasig dünsten. Da huscht sie um den Tisch herum und ganz verstohlen blickt der Kurt auf seinen angenähten Knopf. Abgekühlt zum Hack geben. Das frische Hack hat der Herr Lekywizc selbst durch den großen Fleischwolf gedreht. Zuvor hat er selbst das Kalb entleibt. Davor hat er es selbst aus dem Uterus gerissen. Davor hat er es selbst gezeugt.

Das Hack mit dem Ei, Paniermehl, Pfeffer und Salz gut vermischen.

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Phantom

Eines Abends, als der Regen in feinen Fäden vom Himmel fiel, saß ich wieder in einem dieser anonymen Cafés. Die Wände waren grau, das Licht zu schwach, um Schatten zu werfen, und die Luft war erfüllt von einem dumpfen Summen, das keinen Ursprung erkennen ließ. Es war die Art von Ort, in dem alles bedeutungslos wurde, weil nichts genug Substanz besaß, um Bedeutung zu erlangen.

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Der junge Wein

Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall.

Die nackten Leiber glitten, berauscht vom jungen Wein, übereinander hinweg,
verkanteten sich an den geschwollenen Genitalien, fanden saftig zueinander,
im Fluss ihres Liebessaftes.

Bacchus stand inmitten der Felatio,
Wein darbietend, Lüste schürend

die sich miteinander verbanden,
den Wein in ihre aufgerissene Vagina gossen, bevor ein neues Gemächt von hinten in sie einfuhr,
den Mädchenanus voller Trauben

Gerbstoffe troffen von den schönen Gesichtern
Bacchus
ergoss sich Wein in einem nie enden wollenden Quell,
stimuliert von verzückten Weibchen, die selbst schon nur noch Wein urinierten

jeder trank von jedem und der Hain wurde befruchtet,
um im nächsten Jahr wieder Blüte zu tragen

Unter Huf & Egge

Alle Gewässer fallen zusammen und alle Städte fallen zusammen, am Strom, am großen Knoten, Zeitenkelch; der Brunnen gibt und nimmt das Wasser. Die Tropfen in den Kelchen, Pfannen, Augen, sie kochen hoch und regnen davon. Ich suche dich und finde mich, ich brenne aller Feuer mit. Willst du mich wiedersehen, dann reise in das Gestern Zug um Zug, nur langsam mit den Stunden. Erschüttert von den Jahren, die nicht wiederkehren, die neu geträumte Erde jeder Nacht, die heißen Rätsel ihrer Mitte. Als ich die Schatten sehe, spreche ich sie an: »Was tut ihr dort im Morgenrot?«
»Wir ernten«, sagen sie. »Wie weit willst du noch wandern?«
Die tausend Wege haben tausend Köpfe, nichts habe ich für mich getan. Ich will den Blick nach innen wagen, wie viele das schon vor mir taten, wie so viele, die sich ins Feld gesetzt und sangen für den Mais. Die große Schlange ist Ernährer und fordert ihre Opfer ein. Wenn der Sänger das Symbol erforscht, wird er hinter den Verstand geführt, hinter die Spiegel und Pfützen.
»Hier erschaffen wir neues Ackerland«, sagen sie. »Unsere Erde ist unter Huf und Egge.«

Simon Tinkerbell

Sie sah mich an. Anderen war sie versprochen. Anderen. Und weil in mir alle sind, kann sie mit mir allein nicht ihr großes Haus bewohnen.

Ich erinnere mich an eine Geschichte. Wieder ist es eine Liebesgeschichte – vielleicht ist es sogar eine moralische Geschichte, aber das war mir zum Zeitpunkt der Lektüre noch nicht klar:

Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Das ist an sich keine Sensation. Sie verbringen eine Woche wie im Fieber miteinander. Es ist ein sicheres Zeichen des Wahnsinns, daß für sie keine Außenwelt mehr existiert. Sie sind ein Wesen geworden, das einzige Wesen in der Auflösung aller Begrenztheit.

Nach dieser Woche will ein kurzes „Ernüchtern“ die Planungsgespräche aufnehmen lassen.

Es ist immer wieder erstaunlich (obwohl man es für selbstverständlich halten wird), daß Liebende glauben, eine Zukunft zu haben und diese planen zu können. Aber weiter: Sie sagt ihm, daß sie ihm sofort ihr Leben für immer schenken wolle, doch sie habe eine Bedingung. Sie dürften sich von heute an ein Jahr lang weder sehen, noch sich schreiben, noch anderweitig Kontakt miteinander aufnehmen. Danach wolle sie ihm also ihr Jawort geben.

Ich gehe jetzt nicht näher auf die Gefühlsregungen ein; sagen wir, dieser Liebestest wurde so vereinbart und schließlich angenommen.

Das Jahr vergeht (auch hier erspare ich mir Einzelheiten und die Beschreibung nervöser Zustände – die Geschichte wechselt von ihr zu ihm) und der Tag des Wiedersehens naht. Aber siehe da: Die Dame will den Herrn nicht mehr, nämlich gerade, weil er es ausgehalten hat und sich an die Vereinbarung hielt, obwohl es ihn beinahe verzehrte. Sie sagte: wenn nämlich die Glut in ihm tatsächlich schwächer war als seine Kontrolle, wäre die Leidenschaft nicht in der Form ausgebrochen, die sie sich für ein Leben mit ihm gewünscht hätte.

Simon Tinkerbell – Liebestest; aus: Katastrophen der Leidenschaft

Der schwarze Punkt

Die im roten Kleid. Die hätte mir auch gefallen. Ein rotes Kleid ist etwas ungemein Bizarres; auf der Leinwand steht es scheinbar still, jedoch hier vor meinen Augen flattert es umher, wirft sich in nicht ganz ernst zu nehmende Falten – und schwebt in den anliegenden Raum davon, das exakte Ebenbild von diesem. Gab es einen Unterschied, so bestand er in den Bildern an der Wand. Nur in den Bildern an der Wand; bis vor wenigen Augenblicken. Jetzt ist da noch das rote Kleid hinzuzufügen.

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Sprache und Nichtsein

Es ist mir die Sprache das einzige Transportmittel, um in Regionen vorzustoßen, um die man kaum mehr zu kreisen wagt. Dazu aber muss eine bloße Erzählhaltung aufgegeben werden, die so sehr unsere Sinne beeinflusst und in den meisten Fällen auch einengt, wie alles, was man Gegenwart nennt. Nun ist Gegenwart nichts Endgültiges, man kann sie jederzeit verlassen, um sich außerhalb der Zeit zu positionieren, womit aber gleichzeitig auch die Schwierigkeit beginnt. Die Existenz ist ein Schreckenskabinett, und das war sie von Anfang an, und tatsächlich wäre es besser, nicht zu existieren, wie Silenos, der Erzieher des Dionysos es seinem Schützling gegenüber erwähnte. Drängt alles zum Leben hin, um gewesen zu sein? Oder wird das, was nicht ist, aus einem unbekannten Grunde dazu ermuntert, eines Tages zu sein, so dass alles irgendwann gewesen ist? Oder kann das Nichtsein nur daran gemessen werden, dass eines Tages einmal alles war? Diese Fragen sind der Sprache immanent.

Der Mann mit der Axt

Die Stunde vierteilt sich, der Mann mit der Axt, nackter Teint, die Warzen: übergroß das Instrument, der Richter.
Nicht in den Mantelsack der Nymphen fällt der Kopf, nicht aus dem Blute entspringt der Pegasus, der dünne Ölfilm einer Pfütze wirft das Bildnis einer Laterne zurück, immer wieder die Axt, auch die Laterne.
Er hatte keinen Schlüssel, er klingelte, er klopfte; doch der Torso öffnete nicht.
Wie der Traum die Eingeweide des Tages verwurstet (so sagt man, aber das ist natürlich nicht wahr).
Die Tische haben ihre eigene Unterhaltung, er betrachtet die Stuckverzierungen an der Wand, den orientalischen Teppich in der Mitte, die gedämpften Stimmen begleiten einen immer leiser werdenden Rhythmus, nichts darf sich bewegen, das Ocker der Wände. Das Höhlengleichnis spielt sich ab in diesem Raum, die Figuren, die Schatten spielen ein Theater der Formen, entwickeln Rebusse, versuchen, formloses Dasein zu beschreiben und die Welt als eine Litanei der Schatten wiederzugeben. Gesichter werden mit dem beschmiert, was an die Wand zu malen nicht möglich ist.
Er stürzt in die Dunkelheit mit einem Gefühl des Schwindels, der Schatten, die Nacht von lunarer Schönheit, das Gesicht hinter dem Schleier, geschlossene Augen voller absurder Schönheit, goldener Regen läuft durch eine Rinne (er) löst sich aus dem Brei des Anzugs; da müsste der Kopf noch liegen, der abgeräumte Lampenschirm (den seine Eltern schon in zweiter Ware erworben) mit dem teuren Purpur an der Borte, müsste die Enthauptete (oder die Gespaltene) wie ein Kleid, gefüllt mit Runkelrüben, über der Bettkante hängen, die Hände nach außen gestülpt, das Blut ein Sicker, kein Quell mehr, der sich durch die luftige Wiese formt, dann wieder eine quarkige Stille, dann wieder eine Zusammenkunft geringer Leute auf freiem Feld.
Gefällt dir nicht das Bild, was?
Die zersplitterte Tür, vor allem die Spreißel zur Divination, oder, wie man bei den Pfadfindern sagt: den Zunder.
Aber die Bettdecke hebt und senkt sich und er will sie fragen, warum sie sich hebt und senkt, ob das denn atmen sein, ob das denn (wieder) einmal nur geträumt.
Aber da liegt das Buch wie ein Hüttendach ohne Hütte, in das er seine vielen Namen schreibt (wie alle Suchenden ist er auf jedem Weg ein anderer).