
Haus auf grünen Schuhen

Die Kardinalität der leeren Menge


In der langen Geschichte der menschlichen Wahrnehmung gibt es Ereignisse, die sich einer einfachen Erklärung entziehen. Sie existieren in einer Grauzone zwischen dem, was wir für Realität halten und Illusion, zwischen dem, was wir für Wissenschaft halten und Mystik. Eine solche Begebenheit ereignete sich an einem drückenden Augustnachmittag des Jahres 1901, als zwei englische Akademikerinnen namens Eleanor Jourdain und Charlotte Moberly, auf den gepflegten Wegen des Schlosses von Versailles wandelten – und sich, wie sie nicht ganz zu Unrecht glaubten, unversehens in eine andere Zeit versetzt sahen. Ihr Bericht, später in dem Buch An Adventure publiziert, wurde zu einer der bemerkenswertesten und kontroversesten Erlebnisse der paranormalen Literatur.

Willkommen im Dschungelland!

Es mag fast schon verwundern, dass die beiden Themen „Jugendliche Detektive“ und „Tierpark“ erst im 16ten Buch der drei Fragezeichen auftauchen. Sicher, Tiere spielen immer wieder eine Rolle, aber ein ganzer Park eben nicht.
In Der rasende Löwe (The Secret of the nervous Lion – 1971) finden wir uns in genau dieser Konstellation wieder: Die Jungs werden von Alfred Hitchcock angeheuert, um das Dschungelland zu untersuchen, „eine Art Wildfarm mit Löwen und anderen herumstreunenden Tieren“, die „eine Touristenattraktion sein soll“. Deren zahmer Löwe George legte in den letzten Monaten ein zunehmend nervöses Verhalten an den Tag.
„Die drei ??? und der rasende Löwe / Nick West“ weiterlesen„Er ist sehr gereizt. Er wohnt ja bei uns im Haus, aber in letzter Zeit schläft er nicht mehr ruhig. Fast jede Nacht steht er auf und knurrt und läuft herum, und immer versucht er ins Freie zu kommen. Jim gelingt es nicht, ihn so zu beruhigen, daß er wieder einschläft, und er gehorcht auch nicht mehr wie früher auf Befehle. Es wird immer schwieriger, mit ihm fertigzuwerden – ich habe richtig Angst, daß er einfach nicht mehr das gutmütige, zahme Tier von einst ist.“
Habt ihr schon einmal von Marie Camille Monfort gehört?
Vor kurzem, im Juni 2023, tauchten in den sozialen Netzwerken Bilder einer angeblichen lyrischen Sängerin auf, die Ende des 19. Jahrhunderts lebte, aus Frankreich eingewandert war und sich in der Stadt Belém do Pará in Brasilien niedergelassen hatte.
Die Geschichte für diejenigen, die sie nicht gelesen haben, lautet wie folgt:
CAMILLE MONFORT, DIE VAMPIRIN DES AMAZONAS

Im Jahr 1896 florierte Belém durch den Verkauf von Kautschuk aus dem Amazonasgebiet in die ganze Welt und bereicherte über Nacht die Grundbesitzer, die ihre reichen Paläste mit Materialien aus Europa bauten.
Das Theatro da Paz war das Zentrum des kulturellen Lebens in Amazonien, mit Konzerten europäischer Künstler. Eine von ihnen erregte die besondere Aufmerksamkeit des Publikums: die schöne französische Sängerin Camille Monfort (1869 – 1896), die bei den reichen Herren der Region ungezügelte Begierde und bei ihren Frauen grausame Eifersucht wegen ihrer großen Schönheit auslöste.
Camille Monfort sorgte auch für Empörung wegen ihres von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit losgelösten Verhaltens – man sah sie halbnackt durch die Straßen von Belém tanzen, während sie sich im nachmittäglichen Regen abkühlte; man sah sie auch bei einsamen Abendspaziergängen in ihren langen, wallenden schwarzen Kleidern an den Ufern des Guajará-Flusses.
„Die Vampirin vom Amazonas“ weiterlesen


Manchmal stellte sie das Radio an. Es kam ihr dann so vor, als wäre jemand bei ihr im Raum und spräche sie an. Antworten müsste sie ja nicht, aber sie tat es trotzdem. Oft sagte sie: »Ihnen auch!« Oder: »Das haben Sie wieder einmal fein ausgedrückt!« Sie ging in der ganzen Wohnung umher und betrachtete die Wände, die Figuren auf manchen Regalen, die Teller in der Vitrine. Manchmal gab es im Radio ein Lied, das sie kannte. Das akustische Fenster, das sie davon überzeugte, dass es eine Welt außerhalb ihrer Küche gab. Lange war sie nicht mehr raus gekommen, woher sollte sie also wissen, ob die Straße vor ihrer Haustür überhaupt noch existierte? Vielleicht war da schon längst eine Autobahn entstanden. Sie hätte televisionieren können, damit kannte sie sich allerdings nicht besonders gut aus; sie wusste nicht, wie man zuschaut, und deshalb gab es für sie nie ein Bild, dem sie hätte folgen können.
Das Radio war die Lebendigkeit in Person, darin war die ganze Welt vertreten, sogar das ›Weiße Rauschen‹, das sie sich manchmal ebenfalls einstellte. Und heute – heute wollte sie wieder einmal ausgehen. Dafür hatte sie ihr einziges bestes Kleid im Bügelofen bügeln lassen. Manchmal aber wollte sie Stille. Es kam ihr dann so vor, als sei sie die letzte Überlebende eines großen Irrtums. Dann sagte sie in die Stille hinein: »Ich habe es schließlich gewusst!« Oder: »Es ist schon merkwürdig!« In der Stille hörte sie den Boden an manchen Stellen knarzen. Ab und zu, wenn ihr danach war, küsste sie eine der Wände, anstatt sie nur anzusehen, die Figuren in manchen Regalen. Jetzt aber nahm sie ihr Kleid, zog es an – und auch ihre einzigen besten Schuhe vergaß sie nicht, bevor sie sich ins Bett legte. Im Radio lief ein altes Lied.

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