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  • Die falsche Glocke

    Geschrieben von A. Anders

    Der alte DeLorean, der ihr hügelauf hügelab folgte, als sie sich in den vor ihr liegenden Ort, der wie ein erst kürzlich von Archäologen verworfener wirkte, flüchten wollte, bestand, bis auf sein metallenes Grundgerüst, das bereits rostete, aus nassen braunen Blättern. Der schmale blasse Mann, der ihn fuhr, ließ sie nicht aus seinen schwarzen Augen. Das wusste sie. Und obwohl sie zu Fuß unterwegs war, blieb der Abstand zu ihrem seltsamen Verfolger immer der gleiche. Immer stand sie kurz vor dem kleinen menschenleeren Weiler, dessen halb verfallene Häuser sie nur widerwillig zu erreichen versuchte. Es hatte geregnet, die Wiesen der weiten hügeligen Landschaft schwammen vor Nässe.

    Von jeder Stelle aus, an der sie hielt, um Ausschau zu halten, konnte sie den fahlen Glockenturm der Kirche der Ortschaft sehen. Die Glocke erschien ihr wie eine falsche Glocke, ganz glanzlos war sie, ummantelt von einer aschblonden Masse aus Lehm und Talg, die dem langen lehmigen Haar der nackten Frau glich, die sie kurz zuvor auf einen alten Holztisch zu stellen versucht hatte, der vor einer dunkelgrünen Klapptafel stand, die sie an ein leeres Triptychon erinnerte. Die Schwierigkeit jedoch war, dass sich die Körperachse der Frau stark nach vorn neigte. Sie war steif wie eine Puppe. Die beigefarbenen Wildlederpumps, die sie trug, erschwerten den sicheren Stand zusätzlich. Sie hatte es dennoch versucht, ließ los und schaute, was passierte. Reglos knallte die Puppenhafte mit ihrer Stirn gegen die mittlere Tafel, an der das Blut herabrann, das sogleich aus einer kleinen Bruchstelle ihres Stirnbeins floss. Draußen hörte sie es läuten. Sie verließ den Raum, verließ das Gebäude, verließ den Ort. Sie lief über die hügeligen Wiesen, die nass waren vom Regen. Der lange schmutzige Mantel des Mannes, der ihr folgte, wies die Farben des modernden Laubes auf, das überall umher lag und das seinen DeLorean als schuppiges Reptil verkleidete. Er stieg ein. Sie wusste, dass er sie nicht aus seinen Augen lassen würde, bis er seine Aufgabe erledigt hatte. Widerwillig versuchte sie den kleinen Weiler zu erreichen, der still und alt vor ihr lag. Der Abstand zu ihrem Verfolger blieb immer der gleiche. Menschenleer war der Ort, mit dem fahlen Kirchturm, dessen Glocke hell zu läuten begann. Als sie ihn erreichte, blieb der DeLorean mit weiterhin laufendem Motor in der Ferne auf einem der Hügel stehen. Sie lief in die kleine Kirche im Zentrum des Weilers. Nackt, das Haar von aschblondem Lehm ummantelt, stand puppenhaft in beigefarbenen Wildlederpumps reglos eine Frau vor ihr, die sich ihrer Körperachse nach stark nach vorn neigte. Die Pumps erschwerten den sicheren Stand zusätzlich. Da sie sehr leicht war, hob sie sie an und versuchte sie auf den alten, von Holzwürmern durchlöcherten klapprigen Holztisch zu stellen, der vor einem dunkelgrünen Triptychon stand.

  • Cheir

    Meine Hand, gespalten am Glas, wollten sie mir wieder schließen.

    Ich sah hin und wusste:
    das ist ganz und gar unmöglich,

    schreibe ich und lese: Blut

  • Aiga und Hybris

    Wie ich dann doch einmal komplett verzweifelte, war eine Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Vor langer Zeit. Näher gebracht hatte ich sie dir. So nahe, dass du eigentlich durch sie hindurchschauen konntest. Denn noch näher wäre nicht möglich gewesen. Unmöglich gar. Aber das Wunderbare am Unmöglichen ist ja, dass wir es wieder und wieder versuchen. Manchmal auch mit einer gewissen Hybris, egal ob beide Beine mitmachen oder nicht. Ob du einfach einen Fuß vor den anderen setzen kannst oder nicht. Bis es wieder in Ordnung ist und du über Schrittabfolgen nicht mehr nachdenken musst. So, wie zuvor.

    H y b r i s. Allein das Wort legte sich manchmal wie ein Kranz um ihren Kopf. Als wär’s ihr Haar. Dann ist es, als wolle sie nackt, nur mit einem Rock bekleidet, diese Nordwand erklimmen. Und sie tat es. Während Aiga, die felsige Trollin, herzlich darüber lachte. Ihr Handy trug sie dabei in ihrer Rocktasche, um ihre Mutter sprechen zu können, sollte es möglich sein. Ihr zu sagen, dass sie, immer wenn sie mit ihr telefonierte, wenn diese in den Bergen weilte, jedes Mal empfand, sie höre einem Mädchen zu, das noch ganz leicht seine Träume träumt.

    Oftmals, nach einem solchen Gespräch, stellte sie sich vor, dass sie irgendwann einmal ein Säugling war, den diese junge Frau gestillt hatte. Und so muss es ja auch gewesen sein. Nur kam ihr dieser Gedanke dermaßen seltsam vor. Sie. Ein Säugling? Denn tatsächlich war ihr jene hellklingende Stimme, die sie soeben auf der anderen Seite der Leitung gehört hatte, fern, irgendwo inmitten der Berge, derart real, dass es sie selbst – in diesem Moment – doch gar nicht geben dürfte. Eine Tatsache über die sie lächeln musste.

  • Teichbestandteile

    Geschrieben von A. Anders

    Es ist warm. Schwalben tauchen in die verspiegelten Fenster des großen schweren Hauses hinter mir. Während ich Nachtblätter mit leuchtend grünen Adern sammele, löst sich das Tuch, das ich mir um mein Haar geschlungen, auf meinem Kopf zu einem Dutt gebunden hatte. An meinem Hals, über meine Brust lassen sich Nattern in alle Himmelsrichtungen in meinen Garten herab. Ich werde schwarz und werde warten, bis die Schwalben das schwere Haus wieder verlassen. Als sie dann irgendwann aus den offenen Augen schwärmen, dringen die Nattern, nunmehr verjüngt, aus den umstehenden Büschen hervor. Sie lachen mit Stimmen noch sehr junger Kinder, die, während sie an meinem Körper hochschlängeln, meinen Körper tasten. Eine von ihnen hält an meinem Rücken auf Höhe meiner rechten Niere und sagt: „Teichbestandteile“. Die anderen unterdessen zischeln: „Es sind Kinder, die einen Lotos zerpflücken!“