Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich sei. 

In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil „steif, künstlich antiquiert und überladen“ sei. Bloom (der einer der größten Schwurbler ist) ist nicht in der Lage zu verstehen, „wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann“. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der „Herr der Ringe“ antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum Herrn der Ringe völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen.

Natürlich gibt es eine Art Realismus-Lobby, die durchaus mit der Tabak- und Zuckerlobby zu vergleichen ist (was die unfassbare Verlogenheit betrifft). Betrachtet man, wann der „Realismus“ begonnen hat, die literarische Welt zu übernehmen, trifft man unweigerlich auf die Modernisten und die Generation der Jahrhundertwende um 1900. Dort wurde eine Literaturkritik etabliert, die auf ihre Weise ein unansehnliches kleines Monster ist. In dieser Schule für Fantasielosigkeit wird nichts außerhalb der verschiedenen Formen des „Realismus“ ernst genommen. Universitäten haben Generationen von Studenten gelehrt, Genres zu meiden (es sei denn, sie wurden vor 1900 geschrieben und / oder als Magischer Realismus bezeichnet).

Aber „Realismus“ ist eine sehr junge und kleine Bewegung. Vor dem achtzehnten Jahrhundert war Genre-Literatur noch nicht von der „ernsten“ Literatur getrennt. Was macht also diese Art zu schreiben nach 1900 weniger bedeutend als ihre Vorgänger? Die Antwort kann nur lauten: Dünkel. Denn der literarische Wert eines Werkes kann gar nicht davon abhängen, zu welchem marktstrategischen Genre es gerechnet wird. Vielleicht verstehen diese Kritiker einfach nicht, wie man Fantasy liest. Und, wenn sie nicht verstehen, wie man Genre-Literatur liest, mit welcher Autorität können sie dann zum Beispiel den „Herrn der Ringe“ kritisieren? Welche Autorität besitzen sie überhaupt?

Die Allegorie-Besessenheit der Kritiker kann eine der offensichtlichen Fallstricke sein, da Fantasy-Literatur – zumindest nach Tolkien – niemals auf diese Weise gelesen werden sollte. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ schreibt Tolkien:

„Ich habe eine Abneigung gegen Allegorien in all ihren Erscheinungsformen, und zwar schon immer, seit ich alt und wachsam genug war, um ihr Vorhandensein zu entdecken. Ich bevorzuge viel mehr eine Geschichte, wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit auf das Denken und Erleben der Leser. Ich glaube, viele Leute verwechseln „Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“; aber die eine ist der Freiheit des Lesers überlassen, die andere wird ihm von der Absicht des Verfassers aufgezwungen.“

Natürlich ist es nicht falsch, jene Teile im Märchen zu finden, die auf unser eigenes individuelles Leben anwendbar sind: das ist eines der größten Merkmale an ihnen. Aber Harold Blooms Behauptung, dass der „Herr der Ringe“ ein „riesiges Zeitzeugnis“ über den Zweiten Weltkrieg sei, ist Unsinn. Einfach ausgedrückt geht es hier um einen Hobbit und seine Gefährten und ihre Reise, einen Ring zu zerstören. Tolkien schrieb keine Allegorie. Alles, was aus der Geschichte herausgelesen wird, liegt am Leser selbst. Zwar beeinflusste das Leben in beiden Weltkriegen Tolkiens Ideologie, und diese Ideologie fand ihren Weg in seine Arbeit – aber beim Schreiben seiner Bücher hatte Tolkien keine politische Absicht. Er wollte nur ein Märchen erschaffen.

Warum also ruft der „Herr der Ringe“ so starke Einwände der Kritiker hervor? Möglicherweise ist die Frage zu konkret. Vielleicht ist es das Genre der Märchen, das Kritiker verabscheuen, nicht den Herrn der Ringe selbst. Kritiker erheben die gleichen Einwände gegen andere moderne Fantasy-Werke, die große Anerkennung finden. In einer Rezension zu Harry Potter schreibt Bloom:

„Sich gegen Harry Potter zu erheben, bedeutet, sich Hamlet als Vorbild zu nehmen, der seine Waffen ergriff, um gegen ein Meer aus Schwierigkeiten anzutreten. Wer immer sich gegen dieses Meer erhebt, wird es nicht bereuen. Das Harry-Potter-Phänomen wird zweifellos noch einige Zeit weitergehen, so war es auch bei J. R. R. Tolkien, und dann verebben.“

Dies stammt aus einer Rezension zu „Harry Potter und der Stein der Weisen“, dem ersten Buch der Serie, und wurde 2007 geschrieben, während der Roman selbst zehn Jahre zuvor erschienen ist. Doch 24 Jahre nach der Veröffentlichung ist Harry Potter immer noch so groß wie eh und je, wenn nicht sogar größer. Es stellt sich die Frage, was Bloom von Amazons Plänen für eine neue „Herr der Ringe“-Serie hält (65 Jahre nach der Veröffentlichung sind nirgendwo Ermüdungserscheinungen des Publikums zu sehen). Diese quatschigen Aussagen führen also nirgendwo hin. Märchen werden nicht verschwinden, weil wir sie brauchen.

Es ist kein Zufall, dass das Fantasy-Genre zu den Anfängen der Literatur zurückgeführt werden kann. Wir brauchen die Helden, das Abenteuer, die Ungeheuer, die Magie. Die Erforschung dieser Aspekte der Fantasie ist eine großartige Möglichkeit, Einblicke in die Bedeutung des Menschseins zu gewinnen. Kritiker lieben es, Fantasy anzugreifen, weil sie keine ernsthafte Literatur sei, schließlich wäre Realismus die eigentliche menschliche Erfahrung. In Wahrheit ist es aber so, dass Fantasy-Literatur nicht nur die eigentliche menschliche Erfahrung umfasst, sondern dass sie auch besser ist als jede „realistische“ Literatur. In seinem Essay „Hamlet und seine Probleme“ skizziert T. S. Eliot seine Theorie einer objektiven Wechselwirkung:

„Die einzige Möglichkeit, Emotionen in Form von Kunst auszudrücken, besteht darin, ein „objektives Korrelat“ zu finden.“

Mit anderen Worten: eine Reihe von Objekten, eine Situation, eine Kette von Ereignissen, sollen die Grundlage einer gewünschten Emotion sein, so dass, wenn die äußeren Fakten, die in einer sensorischen Erfahrung enden müssen, gegeben sind, die Emotion sofort hervorgerufen wird.

Sag uns nicht, wie du dich fühlst – zeig uns, wie du dich fühlst. Das ist ein Grund, warum das Erzählen von Geschichten so wichtig ist. Es ist nicht so, dass der „Realismus“ das objektive Korrelat nicht ebenfalls auf schöne Weise integrieren kann, aber wie könnte man unsere Angst vor der Tiefe besser zeigen als durch Tolkiens Wächter im Wasser, unsere Angst vor dem Tod durch die Ringgeister, oder unsere Angst vor dem Wald durch den Düsterwald? Diese Bilder sind so viel stärker als alles, was der „Realismus“ produzieren kann, denn der „Realismus“ wird in vielen Fällen durch seine eigenen Grenzen gezwungen, sich mit Abstraktionen zu befassen, während die Fantasy uns konkrete Bilder von Emotionen liefert, die sonst nicht so anschaulich dargestellt werden könnten. Die Fantasy erlaubt es uns auch, unsere Wachsamkeit zu verringern, was es einfacher macht, ansonsten schwierige Themen zu verstehen und neue Perspektiven einzunehmen. Vielleicht sind die neuen Erkenntnisse über uns selbst, die wir aus der Fantasy-Literatur gewinnen, für Kritiker zu schwer zu akzeptieren. Die Leute geben normalerweise nicht gerne zu, dass sie sich irren. Und ob sie sich nun darüber bewusst sind oder nicht – das ist der Grund, warum sie Fantasy-Literatur meiden. Sie haben Angst davor, was sie durch die Lektüre über sich selbst herausfinden könnten. Die anthropozentrische Natur des „Realismus“ macht uns zu Opfern und Helden unserer Realität, während die Fantasy uns zwingt, uns mit den Monstern in uns selbst auseinanderzusetzen. Das können Kritiker nicht akzeptieren. Viele können das nicht. Aber Wahrheit ist wichtiger als irgendwelche Befindlichkeiten.

Die Fantasy erinnert uns nicht nur an das, was wir sind, sie erinnert uns auch an das, was wir einmal waren. Die Industrialisierung unserer heutigen Welt hat uns von der Verbindung mit der Natur getrennt, die wir früher hatten. Ursula K. Le Guin brachte dies in einem ihrer Essays wunderbar zum Ausdruck:

„Die Felder und Wälder, die Dörfer und Pfade gehörten einst genau so zu uns, wie wir zu ihnen gehörten. Das ist die Wahrheit des nicht-industriellen Umfelds vieler Fantasy-Werke. Sie erinnern uns an das, was wir angefangen haben zu leugnen, woraus wir uns selbst verbannt haben.“

Tiere waren für uns einmal mehr als nur Fleisch, Schädlinge oder Haustiere: sie waren Mitgeschöpfe, Begleiter, Gleichgestellte … Was die Fantasy im Gegensatz zum realistischen Roman kann, ist, das Nichtmenschliche als Wesentliches miteinzuschließen.

Das ist möglicherweise ein weiterer Grund, warum Kritiker die Fantasy-Literatur diskreditieren. Die Fantasy ist in ihrer Grundlage nicht anthropozentrisch. Wir haben hier nicht das Sagen.

Die Idee des Fortschritts geht davon aus, dass sie für die Verbesserung des menschlichen Zustandes unerlässlich ist, aber es kann genau das Gegenteil sein. Die Auswirkungen einer solchen Philosophie ist eine narzisstische, materialistische und rücksichtslose Menschheit, die sich immer mehr von ihren natürlichen Wurzeln entfernt. Es ist kein Zufall, dass der „Realismus“ während der industriellen Revolution die Rolle des primären literarischen Modus übernommen hat. Vielleicht sind wir zu geistlos geworden, um in kindlichen Märchen einen Sinn zu finden. Aber, während wir vor diesen kindlichen Themen von Hoffnung, Heldentum, Magie und Göttlichkeit davonlaufen, sind wir immer weniger geneigt, uns um irgendjemand oder irgendetwas anderes als uns selbst zu kümmern. Wir sind egoistisch geworden. Wir bauen uns auf, nur um andere niederzureißen; wir verschmutzen unsere Ozeane und zerstören unsere Wälder. Wir trennen uns von der Natur, mit der wir in Harmonie leben sollten. Vielleicht ist es also die Schuld der Gesellschaft, dass Kritiker den „Herrn der Ringe“ und andere fantastische Literaturen meiden. Wir brauchen keine Magie, wir haben Wissenschaft. Wir sind unsere eigenen Helden, die für uns selbst da sind. Aber mit unserem industriellen Fortschrittswahn scheinen wir nichts zu erreichen: Wir leben in einer Welt der Gier, des Hasses und des ständigen Krieges. Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum wir die Märchen und ihre Bedeutung aufgeben und völlig ignorieren. Das mag wie ein riesiger Sprung erscheinen, aber vielleicht können wir die Moral nur durch das Erzählen von Geschichten und aus der Magie der fantastischen Literatur lernen.

Ähnliche Beiträge

  • Tal der kopflosen Männer

    Die dunklen Bergspitzen des Nahanni National Park, die den Nebel vor dem stählernen Himmel durchbrechen, erinnern eher an Mordor als an Kanada. Das UNESCO-Welterbe kann nur per Boot oder Wasserflugzeug erreicht werden, oder von unerschrockenen Reisenden, die sich imstande sehen, die Stromschnellen des Nahanni River zu bezwingen. Die undurchdringlichen Wälder und Berge mögen der Hauptgrund dafür sein, dass es hier nur wenige Besucher gibt, aber tatsächlich ist es auch so, dass der Park von makabren Legenden umwoben ist, die zu seiner bedrohlichen Landschaft passen. Die übernatürlichen Überlieferungen haben Nahanni den Beinamen „Das Tal der kopflosen Männer“ eingebracht, und viele glauben, dass es hier spukt.

    Mehr lesen „Tal der kopflosen Männer“
  • Far Canal / Jody Grind

    Jody Grind heißt eine seltene britische Perle, die von dem Londoner Keyboarder und Sänger Tim Hinkley angeführt wird (ein Musiker von großer Klasse, der im Studio als auch live mit Leuten wie den Rolling Stones, The Who, Van Morrison, Humble Pie, Alvin Lee, Bad Company oder Thin Lizzy gespielt hat). Begleitet wird er auf „Far Canal“ von Gitarrist Bernie Holland und Schlagzeuger Pete Gavin. Die Musik dieser Band könnte man als eine Fusion aus Rock und Jazz mit einer gewissen progressiven Ausrichtung bezeichnen, ganz im Sinne von Bands aus dieser Zeit wie etwa Atomic Rooster.

    Die Band wurde Ende ’66 gegründet, und nach mehreren Besetzungswechseln nahmen sie ihr erstes Werk „One Step On“ auf, das Ende ’69 erschien. Hier wirkt der Renaissance-Bassist Louis Cennano bei einigen Stücken mit. Bemerkenswert ist der Titeltrack, eine lebhafte Suite von etwas mehr als 18 Minuten, die einen Auszug aus Paint It Black von den Rolling Stones bearbeitet. Aufgrund des geringen Erfolgs reformierte Hinkley die Band mit zwei neuen Mitgliedern, dem Gitarristen Bernie Holland und dem Schlagzeuger Pete Gavin, mit denen er das zweite Album „Far Canal“ aufnahm. Erst nachdem auch dieses Album keinen Erfolg einbrachte, löste Hinkley die Band auf, um sich „Vinegar Joe“ anzuschließen, während Bernie Holland weiterhin als Studiomusiker tätig blieb. Später schloss er sich Bobby Tench an, der nach der bereits aufgelösten Jeff Beck Group seine neue Band „Hummingbird“ auf die Beine stellt.

    Mehr lesen „Far Canal / Jody Grind“
  • Der Gitarrist als Revolverheld

    Der Gitarrenheld ist eine Figur, die in der Vergangenheit – vor allem in den 70er Jahren – stark an den Revolverhelden des Wilden Westens angelehnt war, der wiederum aus dem griechischen Mythos der unbesiegbaren Heldenfiguren im Allgemeinen stammt. Man hat sie oft nicht als gewöhnliche Musiker gesehen, sondern als Teufelskerle, die eine geheime Magie besitzen, ein Geheimnis, das sie nur durch ihre Musik weitergeben können, manchmal überirdische Wesen, die sich weit hinauswagen und mit ungeahnten Fähigkeiten in die Welt des Alltags zurückkehren, um uns allen einen musikalischen Schatz zu schenken. Oder zumindest denjenigen, die die erhabenen Klänge zu schätzen wissen, die ein Meister einer brennenden Fender Stratocaster entlocken kann. Die Anspielung versteht sich hoffentlich von selbst.

    Mehr lesen „Der Gitarrist als Revolverheld“
  • |

    Die Tigerin von Schächtitz

    Im Abendlicht bog sich das nur schemenhaft zu erkennende Gebäude in die Länge. Das im Nebel liegende Anwesen selbst verlor sich im Nichts der Karpaten. Der Horizont wurde beherrscht von einer drohenden, schwerfälligen Masse unbestimmter Formen, die kaum mehr von einer vergeblichen Sonne durchdrungen werden konnte. Jahrmillionen alte Berge bissen in das weiche, fahle Himmelsfleisch und bildeten einen Klumpen konzentrierter Bösartigkeit.

    Durch das darunter liegende Schloss zog die Karawane der Träume, angeführt von allerlei absonderlichen Gestalten, Gauklern und Scharlatanen in dunklen Kleidern.

    Mehr lesen „Die Tigerin von Schächtitz“
  • Shades of Death: Eine Straße macht ihrem Namen alle Ehre

    Die Shades of Death ist ein Straße, die sich durch einen kleinen Teil des ländlichen Amerika schlängelt. Tief in der Weite von New Jersey gibt es einen sehr kleinen, sehr dunklen und ziemlich erschreckenden Ort. Einen Ort, den die Realität vergessen zu haben scheint. Hier gibt es seltsame Geräusche, unerklärliche Anblicke und sogar schwebende Erscheinungen, die bereits einigen, die hier vorbeikamen, dauerhaftes Frösteln bescheren konnten. Mancherorts spricht man vielleicht von zufälligen paranormalen Erscheinungen, aber hier sind solche Vorkommnisse völlig normal. Viel zu häufig, um als annähernd seltsam zu gelten. Die Geschichte erzählt von zahlreichen Geistern der Toten, die auf dem dunklen, bewaldeten Highway umherwandern. Es ist ein unheimlicher Ort. Manche sagen, er sei einer der geisterhaftesten Orte ganz Amerikas.

    Mehr lesen „Shades of Death: Eine Straße macht ihrem Namen alle Ehre“
  • Bedlam

    Heute ist das Bethlem Royal Hospital in London eine moderne psychiatrische Klinik. Wer jedoch das Pech hatte, in früheren Zeiten dort eingeliefert zu werden, weiß, warum sein Name noch heute für Chaos und Wahnsinn steht. Das Bethlem Hospital (schon früh zu „Bedlam“ abgekürzt) war die erste Irrenanstalt Europas. Es wurde 1247 von der Kirche als Almosenhaus gegründet und war 1357 die erste Einrichtung, in der versucht wurde, psychisch Kranke zu behandeln. Der italienische Bischof Goffredo de Prefetti gründete die Einrichtung, um durch Almosen Geld für die Kreuzzüge zu sammeln.

    Es ist unklar, wann sich der Schwerpunkt der Einrichtung ausschließlich auf die Behandlung von Geisteskranken verlagerte, aber um 1330 wurde sie als Hospital bezeichnet und um 1377 war sie hauptsächlich als Heim für Geisteskranke bekannt. Seit mehr als sechs Jahrhunderten werden in Bedlam Geisteskranke behandelt. Doch fast all diese Jahre lebten die Insassen unter fast unvorstellbaren Bedingungen des Grauens, des Schmutzes und des Missbrauchs.

    Das alte Bethlem-Hospital um 1750

    Einem Bericht aus dem 16. Jahrhundert zufolge war der Abwasserkanal unter dem Gebäude ständig verstopft, und an den Eingängen türmte sich der Schmutz. Damals gab es noch keinen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Hygiene, und das Wasser musste mit der Hand geschöpft werden, so dass selbst normale Krankenhäuser schmutzig waren, und Bedlam war noch schlimmer. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erkannte man die dringende Notwendigkeit eines Umbaus – allerdings nicht, um die angebotenen Dienstleistungen zu verbessern. Stattdessen wurde das Hospital an einem Ort außerhalb der Stadt neu errichtet, wobei auch auf das äußere Erscheinungsbild beachtet wurde. Da keine öffentlichen Gelder zur Verfügung standen, musste sich das Hospital als Haus der Nächstenliebe und Hilfe präsentieren.

    Der neue Entwurf für Bedlam stammte von Robert Hooke, einem städtischen Landvermesser, und sah korinthische Säulen und einen Turm mit Kuppel vor. Die Fassade war vom Tuilerien-Palast Ludwigs XIV. in Paris inspiriert. Sie gab den Blick auf formale Gärten mit baumgesäumten Promenaden frei. Das Innere des Krankenhauses zeigte sich jedoch als das, was es wirklich war: baufällig. Das schöne, verzierte Äußere war viel zu schwer, so dass die Rückseite des Gebäudes Risse aufwies. Jedes Mal, wenn es regnete, lief Wasser aus den Wänden. Da das Gebäude auf Trümmern errichtet worden war, begann auch das Fundament von Bedlam bald einzustürzen. Im 17. Jahrhundert inspirierte die berüchtigte Anstalt zahlreiche jakobinische Dramen und Balladen. Das Hospital diente dazu, die Bedeutung des Wahnsinns zu erforschen und die Frage zu klären, wer die Macht hatte zu entscheiden, wer überhaupt zurechnungsfähig war. In The Honest Whore, Part I wurde Bedlam zum ersten Mal als Bühnenbild verwendet. Als bekanntestes und größtes Irrenhaus wurde der Ruf von Bedlam als Hölle zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Je bekannter es wurde, desto schlimmer wurden die Zustände.

    James Monro wurde 1728 zum Chefarzt von Bethlem ernannt; seine Familie sollte die Anstalt in den folgenden vier Generationen, insgesamt 125 Jahre lang, leiten. Unter der Schirmherrschaft der Familie verschlechterte sich die Behandlung drastisch, da sie ihre Methoden von den Ideen und Behandlungen der Apotheker auf die der Chirurgen umstellte. Viele Patienten wurden geschlagen, ausgehungert und in eiskalte Bäder getaucht. Die Ernährung der Patienten war unzureichend, viele verhungerten oder litten an Unterernährung. Die Leitung versäumte es, die Patienten mit nahrhaften Mahlzeiten zu versorgen, und verließen sich häufig auf Spenden von Grundnahrungsmitteln und die Mittel, die dem Verwalter für Einkäufe zur Verfügung standen. Die Patienten erhielten zweimal am Tag eine einfache und karge Kost, die der Humoral-Theorie entsprach, nach der eine rationierte Ernährung und der Verzicht auf üppige Speisen die Geisteskranken in die Lage versetzen sollte, ihren Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen und ihren Geist zu zähmen.

    Ursprünglich öffnete die Einrichtung ihre Pforten für die Öffentlichkeit in der Hoffnung, Familienangehörige anzulocken, die ihre Verwandten besuchen wollten. Leider gelang das nicht … obwohl es sicherlich die Aufmerksamkeit der wohlhabenden Londoner erregte. Das Leid der Gefangenen wurde zur Unterhaltung für den Rest Londons. Obwohl dies nicht bestätigt werden kann, gibt es Spekulationen, dass die Entscheidung, das Krankenhaus für die Öffentlichkeit zu öffnen, durch die Notwendigkeit motiviert war, Geld zu beschaffen. Bei einem Eintrittspreis von 10 Schilling pro Person (natürlich eine empfohlene Spende) erwiesen sich die Führungen bald als lukrativ. Die Insassen wurden zur Schau gestellt, ihr bizarres Verhalten und ihre oft grausame „Behandlung“ als eine Art Theater betrachtet. Damen in feinen Kleidern und mit Taschentüchern vor der Nase führten durch die Säle wie durch ein Haus des Schreckens.

    Als gefährlich eingestufte Gefangene wurden ständig angekettet. Andere durften frei herumlaufen. Handschellen, Einsperren in winzige Käfige, Untertauchen in eiskaltes Wasser – all das wurde als Heilmittel gegen Geisteskrankheiten erprobt. Ebenso Hunger, Aderlass, Schläge und Einzelhaft. Bei der „Rotationstherapie“ wurde ein Patient in einem von der Decke hängenden Stuhl so lange gedreht, bis er sich übergeben musste. Viele Patienten, die ihre Krankheit hätten überleben können, starben an den Folgen dieser Therapie. Patienten, die als zu schwach galten, um die Behandlung zu überleben, wurden sogar abgewiesen. Solange die Familie Munro über das Bedlam Hospital herrschte, gingen die Grausamkeiten weiter. Der letzte Superintendent der Munros war Thomas Munro. Er trat 1816 nach einem Skandal zurück, der darin gipfelte, dass ihm „mangelnde Menschlichkeit“ gegenüber den Patienten von Bedlam vorgeworfen wurde. Nach Munros Weggang wandte sich das Krankenhaus moderneren und weniger ausbeuterischen Methoden zur Behandlung von Geisteskrankheiten zu.

    Natürlich umfasste unsere „moderne“ Behandlung psychischer Krankheiten bis in die 1960er Jahre Dinge, die wir heute als barbarisch empfinden, wie gepolsterte Zellen, Zwangsjacken und Lobotomien. Und auch eine moderne psychiatrische Klinik kann ein düsterer Ort sein. Aber das Elend und die Schande von Bedlam Hospital sind heute verschwunden, und nur das Wort erinnert uns daran, wie es wirklich war.