Pfeif nur, und ich komm‘ zu dir!

Seine Geistergeschichten veränderten das Genre wie ein galvanischer Schock. In seinem Universum – das ihn als erstklassigen Autor von Geistergeschichten berühmt gemacht hat – gibt es keine klaren Grenzen zwischen Gut und Böse, sondern einen Ort, in dem beide ineinander übergehen und sich vermischen, sich überschneiden und sich gegenseitig beeinflussen. Montague Rhodes James war zutiefst besorgt über die menschliche Korruption – sowohl in der Gesellschaft im Allgemeinen als auch in der Seele des Einzelnen – und dies kommt in seinen besten Geschichten auf erschreckende Weise zum Ausdruck. Die Besessenheit treibt seine Opfer dazu, sich von der Gesellschaft der Menschen zu entfernen und sich einem untoten, antiken Relikt oder Wissen zuzuwenden – einem Artefakt, das an einem windgepeitschten Strand gefunden wurde, einem Schatz, der in einem Klosterbrunnen versteckt ist, einem Buch mit einem geheimen Code, einem überwucherten Heckenlabyrinth mit einer düsteren Vergangenheit oder sogar einem gotischen Puppenhaus.

MR James
James McBryde

Doch irgendetwas steht der Freude am Fund im Wege: eine Chiffre, die gelöst werden muss, ein historischer Zusammenhang, der erforscht werden muss, oder ein intellektuelles Rätsel, das gemeistert werden muss. Das Schicksal sträubt sich oder – schlimmer noch – macht dem Suchenden den Weg frei, bis er das Rätsel entschlüsselt hat und dabei etwas Unangenehmes über sich selbst und das Universum um ihn herum erfährt. Anstatt ihnen innere Befriedigung zu verschaffen, enden diese mystischen Reisen in seltsamer und unerwünschter Gesellschaft: Ein haariger, spinnenartiger Dämon, ein schleimiger, tentakeliger Elementarier oder ein hagerer, mumifizierter Wiedergänger steht nun mit offenen Armen vor ihnen und eilt herbei, um diesen neuen Verwandten in eine Bruderschaft des Todes einzuweihen. Bis heute gilt M. R. James als der unbestrittene Meister der modernen Geistergeschichte.

Keine der Geschichten von M. R. James hat die Spannkraft oder Popularität von „Pfeife und ich komm zu dir („Oh, Whistle and I’ll Come to You, My Lad“) erreicht. Sie steht bei Umfragen unter seinen Lesern fast immer an erster Stelle, hat bei weitem den größten Bekanntheitsgrad und gilt allgemein als sein Hauptwerk. In gewisser Hinsicht ist dies merkwürdig. Schon der Titel – der dem gleichnamigen Gedicht von Robert Burns über ein Liebespaar entnommen ist – ist zwar poetisch, aber klobig und lang. Die Erklärung dessen, was in dem surrealen Finale tatsächlich geschehen ist, ist bekanntermaßen schwer zu beschreiben. Dem Schrecken fehlt fast alles, was James‘ typisches physisches Grauen ausmacht (es gibt keine schleimigen, tentakeligen Wächter oder mörderische Spinnen). Am Ende befindet sich der Protagonist in Sicherheit, wenn auch ein wenig erschüttert, aber nie in physischer Gefahr – eigentlich ein durchgängiges Merkmal vieler seiner weithin beliebten, aber ausgesprochen mittelmäßigen Geschichten („Der Kupferstich“, „Das Puppenhaus“, „Der Rosengarten“). Trotz all dieser Beeinträchtigungen hat diese Geschichte die Phantasie von Generationen von Lesern in seinen Bann gezogen und zu seiner Vormachtstellung im Kanon geführt.

Wir müssen uns also fragen, warum genau eine Geschichte mit so wenig makabren Andeutungen, so vagen Erklärungen und so wenig Gefahr konkurrenzlos an der Spitze steht? Die Antwort findet sich wahrscheinlich in jeder dieser Kriterien: Gerade wegen ihrer Vagheit, ihrer Formlosigkeit und ihrer surrealen, traumähnlichen Qualität zieht sie ihre Leser in ihren Bann. Jeder kann darauf hoffen, Killerspinnen mit einem scharfen, schweren Spaten abzuwehren oder Bibliotheken zu meiden, die von schwarz gekleideten Pfarrern mit grässlichen Schuppen besucht werden, aber was macht man mit einem Ding, das man nicht im Entferntesten verstehen kann – ein Ding, das man nicht einmal klar gesehen hat – und das die privatesten Winkel des eigenen Geistes bewohnt? Das Gespenst von „Oh Whistle“ ist nichts weniger als der Verlust der Vernunft und der Schatten des Wahnsinns. Deshalb ist der Protagonist Parkins ein perfekter Kandidat für eine „gute Erschütterung“.

Die Erzählung mag also nicht den direkten Schrecken einiger seiner grausameren Geschichten haben, aber sie ist sicherlich nicht weniger beunruhigend, und ihre Kraft beruht eher auf Terror als auf Horror – auf psychologischer Spannung und Implikationen als auf physischen Monstrositäten und Enthüllungen. Es ist eine Studie über existenzielle Psychologie und vielleicht eine Parabel über intellektuelle Hybris und die verzweifelte Einsamkeit der menschlichen Seele – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Das mag für Parkins zunächst abwegig erscheinen, denn seine große Sehnsucht scheint nichts Geringeres als die Einsamkeit zu sein: Er reist allein, wohnt allein, erkundet allein. Er lehnt Angebote zur Gesellschaft ab, verschmäht den einzigen Freund, den er in Burnstow findet, und schläft – fast trotzig – allein in einem Zweibettzimmer. Aber die übergreifende Moral der Geschichte erinnert an James‘ Verarbeitung von Nietzsches Maxime, sich davor zu hüten, zu lange in den Abgrund zu blicken (denn „der Abgrund blickt in dich zurück“), und enthält die philosophische Warnung, dass es im Allgemeinen besser ist, in Gesellschaft zu sein, denn selbst wenn wir mit uns selbst allein sind, befinden wir uns immer noch in einer bestimmten Art von Gesellschaft, und das unerforschte Selbst ist das gefährlichste Selbst, das man als einen Mitbewohner haben kann.

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  • Carmilla, der Vampir

    Viel prämiert ist sie mittlerweile, die Gruselkabinett-Hörspielserie aus der Hörschmiede der Titania Medien, die zu ihrem Einstand 2004 die 1872 erschienene Novelle Carmilla des irischen Autors Joseph Sheridan Le Fanu adaptierte und bis dato unzählige veröffentlichte Hörspiele vorgelegt hat. Von der Schauerromantik bis zur Science-Fiction. Meisterwerke der Phantastik. Brilliant vertont?

    – Das will ich herausfinden. Und steige seit langem wieder, seit meiner Kindheit, in die Tiefen meiner Gehörgänge hinab, die mich einst in die üppigen Märchenlande und -wälder der Gebrüder Grimm oder eines Hans Christian Andersen führten.

    Sicher zählt Carmilla nicht zu Le Fanus herausragendsten Werken, denkt man z.B. an Schalken the Painter von 1851. Doch aber diente Carmilla 25 Jahre später als Inspirationsquelle für Bram Stokers epochemachenden Dracula. Und ist nun auch Auftakt einer Serie, die ihres Gleichen sucht. Wir hören offenbar doch gerne zu. Waren die ersten, die ein Hörspiel in den Äther geschickt haben, und sind heute das Land, in dem die meisten Hörspiele produziert werden. Wir kehren ein, die Lider zu schließen, gewillt, die Phantasie über unsere Ohren kommen zu lassen, mit Stimmen wie diesen: Daniela Hoffmann (Julia Roberts), Manja Doering (Reese Witherspoon), Christian Rode (Christopher Lee), Arianne Borbach (Uma Thurman), David Nathan (Johnny Depp), Joachim Tennstedt (John Malkovich), Ursula Heyer (Joan Collins), Dagmar Altrichter (Ingrid Bergmann) … um nur einige der Sprechakteure zu nennen, die für diese Hörspielserie gecastet wurden.


    Interessant ist: Le Fanu träumte seinen weiblichen Vampir, dieses Wesen, das er Carmilla nannte. Carmilla alias Millarca alias die Gräfin Mircalla Karnstein, die eine, wie sich später durch ein Familienportrait herausstellt, Vorfahrin von Laura ist. Die, deren Name du nicht wissen darfst. Die ihren Namen anagrammiert statt ihn zu nennen. Die es scheut beim Namen genannt zu werden, wie Dämonen es tun, um nicht gebannt zu werden. Und Laura. Zwei wie Licht und Schatten. Die eine ätherisch in ihrer Erscheinung, die andere irdisch blühend. Zwei, die sich dennoch gleichen. Jung. Unglaublich schön. Sehnend nach Leben.

    Laura, die erzählt, von ihrer Begegnung mit Carmilla. Laura, die als “Siegerin” aus der Geschichte hervorgehen wird, ganz ihrem Namen nach. Wenn auch am Ende traumatisiert. Laura, die Besonnene. Die mit ihrem Vater, einem General, und zwei Gouvernanten auf einem Schloss in der Steiermark lebt. Recht einsam. Sich sehnend nach Austausch mit anderen Menschen, da General Spielsdorf, ein Freund ihres Vaters, erst kürzlich in einem Brief absagte der kleinen Familie gemeinsam mit seiner Nichte Bertha einen Besuch abzustatten. Bertha: ein nicht minder schönes Mädchen, das von einem weiblichen Wesen, das sich ihr als Millarca vorstellte, heimgesucht wurde und zum Opfer fiel, wie schon viele andere Mädchen vor ihr. Laura, die ihre Mutter verloren hat als sie noch sehr klein war. Die keine Furcht kennt, da man ihr, auf Geheiß ihres Vaters, keine Geister- und Gruselgeschichten als Kind erzählen durfte. Laura, die uns zu Beginn verrät: 

    Laura, die erfreut ist über den unverhofft über sie hereinbrechenden Gast. Über dieses junge Mädchen, das mit seiner Mutter, eine Gräfin, die unablässig versucht ihre Tochter an ein Mädchen zu bringen, um sie unter der Haube des Lebens zu wissen, in ihrer Kutsche vor ihrem Schloss verunfallt ist. Einer Kutsche wie der Hölle entfahren. Ein Bund mit dir. Ich und du. Du und ich. Carmilla stellt nicht infrage. Sie sehnt. Sehnt sich nach Laura. Nach Leben. Dem ewigen. Schon bei ihrer ersten Begegnung im Schlafzimmer der jungen Laura, viele Jahre zuvor, als Laura noch ein kleines Mädchen war, das da noch nicht ahnen konnte, wem oder was sie da begegnet ist und auch wieder begegnen wird, sagt Carmilla zu ihr:

    Hoppla!

    In den Spiegeln?

    Geben mir Spiegel nicht eigentlich ein eindeutiges Indiz dafür, einen Vampir als solchen zu erkennen und zu entlarven, sehe ich ihn in ihm nicht? Und scheuen Vampire nicht gar auch gänzlich das Tageslicht, so wie sie Kruzifixe und auch Knoblauch scheuen? Und so spaziert Carmilla, zwar beschirmt und im Schatten, mit Laura im Sonnenuntergang. Auch ist weit und breit kein einziges Flapp Flapp zu vernehmen. Anders als wir es vom heutigen Vampirmythos kennen. Vampire und Fledermäuse. Als gäbe es da keinen Zweifel. Als wäre es schon immer so gewesen. Carmilla jedoch erscheint Laura, die sich nicht sicher ist, ob sie in diesen Moment träumt, einmal des Nachts als riesige dunkle Katze, die ihre Zähne ein zweites Mal in ihre Brust, ihr Herz zu schlagen versucht. Denn einmal ist es ihr bereits gelungen. Damals. 

    Als sie Laura das erste Mal aufsuchte. Dieses seltsame Erlebnis, das sie, Laura, nicht vergessen konnte, das sie als Kind hatte, als sie eines Nachts erwachte und eine junge Frau neben ihrem Bett knien sah, die sich ihr sogleich näherte, sich zu ihr legte und sie, mich erinnernd an eine Mutter, die sich ihrem Kind zuwendet, liebkoste. Woraufhin Laura wieder einschlief, um erneut zu erwachen, als sie nämlich von ihr gebissen wurde. Da jedoch sah sie sie noch nicht als Katze, sie spürte nur zwei Stiche in ihrem Herz, als ob zwei Nadeln es durchstechen würden. Und tatsächlich: Ihre Brust wies Bissspuren auf. Zwei kleine Löcher, die von ihrem Vater und den beiden Frauen mit Entsetzen entdeckt wurden. Bei ihrem zweiten Treffen, also Jahre später, wird Carmilla angeben, dass sie dies damals auch als Traum erlebt habe.

    Vampirinnen und Katzen, meine Damen und Herren! Meine erste Assoziation, die ich Ihnen anbieten kann ist Jacques Tourneurs Film Cat People (zu dt.: Katzenmenschen) von 1942, in dem die Geschichte einer aus Serbien stammenden und nun in New York lebenden jungen Frau erzählt wird, die ihrem frisch vermählten Mann versucht näher zu bringen, dass sie sich, wie es eine “Legende” aus ihrer Heimat erzählt, in einen Panther verwandelt sobald sie sich einem Mann ungehemmt hingibt. Etwas, das er sich von ihr wünscht, zugleich aber, was die Verwandlung betrifft, für einen Aberglauben hält. Und so besucht sie immer wieder im Zoo einen in einem Käfig eingesperrten Panther, zu dem es sie magisch hinzieht, den sie am Ende des Films, ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen, befreit, der aber sogleich von einem Auto erfasst wird.

    Die Mythologie der Katze ist ein weiter Rasen. Kulturabhängig. In der nordischen Mythologie z.B. sind Katzen Begleiterinnen der Freyja, der Göttin der Liebe. Oder denken Sie an Bastet, die Tochter des Sonnengottes Re, eine Katzengöttin aus dem alten Ägypten. Und diese, Le Fanus Katze, kann zudem ja noch durch Wände gehen oder, zurückverwandelt in eine Frau, das Zimmer durch ein ungeöffnetes Fenster verlassen. Von Vampiren oder Fledermäusen weiß ich solches nicht zu sagen. 

    Das mag vielleicht daran liegen, dass Fledermäuse von Natur aus nachtaktiv sind, während Carmilla, auch wenn sie tagsüber ebenso schläft, doch eher die Wirkung eines nachtwandlerischen Wesens verströmt. Eines jedoch ist aber auffallend: Es finden sich viele unterschiedliche Kulturen, in denen es wie auch immer geartete Dämonen gibt, die die Gestalt einer Katze annehmen können, um einem anderen Lebewesen das Blut zu saugen. So z.B. die Chordeva (zu dt.: Diebdämonin), eine Vampirhexe des indischen Oraonstammes, die sich als schwarze Katze verwandelt in die Häuser von Kranken schleicht, um ihnen die Nahrung wegzufressen und deren Lippen zu lecken, woraufhin ihre Opfer sterben. Und nicht zu vergessen, dient die Katze in unserem Kulturkreis dem Aberglauben auf viele verschiedene Weisen: z.B. als Schutz vor sog. bösen Hexen, gräbt man ihren Kadaver unter den Dielen gen Osten ein. Oder sie gilt als Unglücksbote, läuft sie einem von links nach rechts über den Weg. Und mehr dergleichen …

    Le Fanu hat mit Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, der ja selbst von dieser Quelle inspiriert, die Handlung im ersten Entwurf in der Steiermark spielen ließ. Auch hat Van Helsing nicht wenig Ähnlichkeit mit Dr. Hesselius, den General Spielsdorf konsultiert, um zu erfahren, was mit Bertha geschieht. 

    Ebenso Lucy Westenra, Mina Murrays beste Freundin, die in ihrem Wesen an Carmilla erinnert. Und deswegen ist Le Fanus Novelle ein besonderes Fundstück, das unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt. Man kann darin die Liebe einer Frau zu einer anderen Frau bzw. die eines Mädchens zu einem anderen Mädchen lesen. Aber allein das wäre mir zu wenig. Das Besondere an diesem Hörspiel ist, dass die Beziehung von Laura und Carmilla nicht eindeutig und explizit konnotiert wird. 

    Die Erotik findet auf vielen unterschiedlichen Ebenen statt, läuft stets subkutan. Es sind diese starken ausgewählten Stimmen, die mich wahrnehmen lassen, was dieser Vampirprototyp Carmilla allen verheißt, wie es Le Fanu selbst in seinem Traum ergangen sein muss, als sie ihm erschien. Carmilla, die sich Laura zu Beginn als mütterliches Wesen nähert, das liebt und beschützt und ihr doch gleich ihren “Dämon” zu spüren gibt, sie “infiziert” mit ihrem Wesen, dem Anderen, dem Andersartigen, dem, was man im Spiegel sieht, schaut man hinein, was man in der Nacht, der Dunkelheit, den Schatten findet. Denn erst später, bei ihrer zweiten Begegnung, nähern sich die beiden einander an und erscheinen darin wie Mädchen an der Schwelle zum Frausein. Und um es zu werden, so scheint es, brauchen sie dafür die jeweils Andere: einen Spiegel.

    Alles in allem: ein gelungenes Hörspiel mit starken Stimmen und einer durchaus überzeugenden Atmosphäre.

  • Das Geheimnis des Glockenturms / Elizabeth C. Bunce

    Elizabeth C. Bunce erzählte einmal die Geschichte, wie wie auf den Namen Myrtle kam. Das ist deshalb interessant, weil alle Titel im Original das Wort „Myrtle“ anstelle von „Murder“ beinhalten, was in der Übersetzung leider verloren gegangen ist. So heißt der erste Band, der bei uns bei Knesebeck erschienen ist „Mord im Gewächshaus“, in Wirklichkeit aber „Premediated Myrtle“ anstatt von Premediated Murder, also vorsätzlicher Mord. Der zweite Band – „Mord im Handgepäck“ heißt „How to get away with Myrtle“ anstelle von „Wie man mit Mord davonkommt“ – und der Band, um den es heute hier geht, nennt sich „Cold Blooded Myrtle“, anstelle von Kaltblütiger Mord. Übersetzt wurde der Titel mit „Das Geheimnis des Glockenturms“.

    Myrtle war tatsächlich ein simpler Versprecher ihres Ehemanns, der Elizabeth Bunce einen Artikel über einen vorsätzlichen Mord vorlas und das Wort „Murder“ so herausbrachte, dass es sich wie der Name unserer Detektivin anhörte. Es dürfte klar sein, dass Myrtle etwas zu sagen hatte und sich auf diesem Wege bemerkbar machen wollte.

    Bunce kanalisiert in ihren Romanen geschickt die Energie britischer Detektivgeschichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damit ist sie zwar nicht allein, aber während zum Beispiel Robin Stevens in seiner Wells und Wong-Reihe eher den Stil von Agatha Christie als Vorbild nimmt, arbeitet Bunce feministische Themen ein, die häufiger bei Dorothy L. Sayers zu finden sind. Myrtle selbst ist ihrer Zeit weit voraus und kann sich mit Hilfe von Miss Judson, Dr. Munjal und einigen anderen sympathischen Erwachsenen auf eine Weise weiterentwickeln, die vielen Mädchen ihrer Zeit verwehrt blieb – und wir sprechen hier vom viktorianischen Zeitalter.

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    Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers

    In „Das Geheimnis des Glockenturms“ stößt unsere Ermittlerin auf ihren ersten ungeklärten Fall aus der Vergangenheit, etwas, das sich als Cold Case in unseren Jargon gearbeitet hat. Vor Jahren verschwand eine Studentin des örtlichen Colleges unter mysteriösen Umständen, und es wurde nie eine Spur von ihr gefunden. Ein Mord zu Beginn des Romans erinnert an dieses alte Geheimnis, und Myrtle, Miss Judson und die Katze Peoney machen sich auf den Weg, um eine verwickelte Geschichte von Geheimgesellschaften, kryptischen Botschaften, lang vergrabenen Geheimnissen und einem auf Rache sinnenden Mörder zu entwirren.

    Diese Folge spielt in der Weihnachtszeit in Myrtles kleinem englischen Dorf Swinbourne. Festtagskrimis haben eine lange Tradition in der Kriminalliteratur, und viele unserer modernen Festtagsbräuche haben ihren Ursprung im viktorianischen Zeitalter.

    Myrtle ist immer noch so impulsiv, entschlossen und unnachgiebig wie eh und je. Aber nachdem sie nun bereits mit mehreren Morden konfrontiert wurde, hat sich ihre Sicht auf die menschliche Natur definitiv erweitert. In mancher Hinsicht scheint sie verständnisvoller zu sein, aber manchmal ist sie sogar noch misstrauischer gegenüber jedem. Jeder, dem sie begegnet, scheint mörderische Absichten zu haben. In „Das Geheimnis des Glockenturms“ wird Myrtle in ihren bisher persönlichsten Fall hineingezogen, in dem es auch um ihre verstorbene Mutter geht. Myrtle ist in einem Alter, in dem sie beginnt, ihre Eltern als Menschen mit Vergangenheit und Geheimnissen zu sehen, und vielleicht auch mit weniger liebenswerten Eigenschaften. Sie lernt ihre verstorbene Mutter hier aus einer anderen Perspektive kennen.

    Die Myrtle-Hardcastle-Krimis bringen jungen Lesern nicht nur den Spaß an klassischen Detektivgeschichten nahe, sind aber so hervorragend geschrieben und recherchiert, dass sie auch von erwachsenen Liebhabern der gemütlichen Krimis mit Gewinn gelesen werden können. Zum Beispiel sind den einzelnen Kapiteln wie gewohnt Auszüge aus Myrtle Hardcastles Handbüchern vorangestellt. Das sind in jedem Buch andere und in diesem Roman konsequenterweise jene mit dem Titel „Die moderne Julzeit – Ein historischer und wissenschaftlicher Diskurs über Weihnachten & seine altehrwürdigen Traditionen“. Myrtle gibt auch gleich das Datum an, wann sie dies notiert hat, nämlich 1893.

    Ihre Erzählung in der ersten Person zeigt – wie auch besagte Notizen und zahlreiche Fußnoten – ein äußerst aufgewecktes, sehr gebildetes und intelligentes Mädchen, von dem man auch deshalb gerne etwas erfährt, weil sie einen sehr feinen Humor besitzt. Auch dieses Buch ist vollgepackt mit historischen Kuriositäten, neuen Charakteren, neuen Blickwinkeln auf vertraute Mitglieder der bereits bekannten Besetzung und weiteren fabelhaften Schauplätzen des 19. Jahrhunderts, denn englische Dörfer haben viele Geheimnisse, denen es sich lohnt, auf den Grund zu gehen.

    Es versteht sich von selbst, dass ich auch den dritten Band der hervorragenden Myrtle-Hardcastle-Reihe nicht nur jüngeren Lesern, sondern allen, die klassische Krimis lieben, ans Herz legen will. Die Bände erscheinen bei Knesebeck.

  • Ich war Blumen pflücken

    … und das muß man nicht mehr tun, seitdem es Salatmetzgereien gibt, seitdem sie ausgehackt zernommen, aufgehängt um auszumilchen an den kargen Zimmerhaken hänken, seitdem Blattwurst im Insektendarm geliefert werden kann. Aber war pflücken „hallo ich pflücke dich“ war pflücken Ackerwinde und Adonisröschenen und Fieberklee und Mädesüß, betrat das Wiesen=Eiland das Grasgestrüpp und niemand dieser Wesen floh, sangen mich an, sangen Note um Note mit dem Wind, das Streichorchester, sangen Stimme, sangen Alt und sangen Neu und Baß : stimmt es, daß du pflückest damit wir deiner Liebsten Hand befüllen, Vasenfinger um uns Blicken dir ins Auge, nasse Augen, nasser Stiel ? Pflaume von Damas (Dammassine) aus der Jura=Kette, kugelig bis länglich, pflückest wie der Graf Anjou. Und in den Gewittern stehen Reiher Reihen aber auch grüne Tangos, welche Farbe gibt es nicht gäbe es nicht immerwiederkehrende Träufel von Kelchglocken stürmt die Nacht, von Pollen nebelt nabelt es von Wasser der Brau=Gast braut, der Blätter Zunft, der rumorende Pflücker traumächtiger Blüten weiße Sorbets mit Zucker und Honig und Mändelchen. Den Lilien folgt wer sie versteht. Vaina Kardamom : wenn sie ihre Beine spreizt beginnt der Schmetterling den Butterflug und wenn sie steht liegt er still an ihren Lippen. Michelia Champaca : gelbe Schwere, blütig=süß, in Sandelholz und Mandarine taucht sie auch die Veilchen durch den Rosenduft weißer Pfirsich, ihre Haut ist Mandelaprikose, ihre Augen schwarzer Szechuan und alles pfeift schon oft verkohlt und wiederholt verbrannt in Teufels Namen, der doch auch dort tanzt wo feine Füßchen um den Tischen herumwischen, staubleuchtend bastelnd zeh=geln. Die Uhren sind völlig nutzlos, sie ticken stets die gleiche Melodie tack=tieren tick=tieren wie unruhig dahin.

    Standort: Baden – CH 2006, Flueholz, eine Lichtung dort, die Geräusche der Fortuna.

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    Die drei ??? und das Gespensterschloss / Robert Arthur

    Kommen wir noch einmal zu den drei Fragezeichen zurück. Am Anfang (und zu seiner Zeit) war das eine verdammt gute Serie von Robert Arthur, und neben Miss Marple und Sherlock Holmes sicherlich eine der Buchreihen die mich zum Krimi gebracht haben. Insgesamt gibt es 43 Originalbücher, die von 1964 bis 1987 erschienen sind, bevor die drei Detektive zu einer rein deutschen Angelegenheit wurden. Allerdings hören die guten Abenteuer ab Band 29 auf.

    Die Grundidee, die Mitte der 60er Jahre das Licht der Welt erblickte, war, dass drei Jugendliche eine Detektei gründen. Sie hießen Jupiter Jones, Bob Andrews und Peter Crenshaw. Ihr Hauptquartier befindet sich auf dem Schrottplatz von Jupiters Onkel Titus in Rocky Beach.

    Findet mir eine Gespensterschloss!

    Rocky Beach liegt in einer Ebene, die auf der einen Seite vom Meer und auf der anderen von einer Bergkette begrenzt wird, unweit von Los Angeles. Die Stadt selbst ist fiktiv, obwohl es ein echtes Rocky Beach im Indischen Ozean gibt, das heute allerdings Gilchrist Beach heißt. Und natürlich heißen die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Die Hörspiele mit den drei Fragezeichen sind Kult, auch wenn sie nur rudimentäre Versionen der Bücher enthalten und nicht alle Bücher gleich gut sind, aber es lohnt sich, sie noch einmal zu entdecken. Die Abenteuer begannen mit dem Gespensterschloss, das 1964 im Original und vier Jahre später auch bei uns erschien. Es ist nicht gerade das beste Buch über die drei Detektive, aber immerhin das erste. Natürlich geht es um ihre blutigen Anfänge. Sie drucken ihre berühmten Visitenkarten und haben am Anfang noch nichts mit Alfred Hitchcock zu tun, der ihnen später immer wieder Fälle schickt. Er ist zunächst nicht begeistert, als sie sich in sein abgeschirmtes Studio einschleichen, um für ihn ein Geisterhaus für einen seiner Filme zu finden.

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  • Die Legende von Sleepy Hollow

    Wenn ich heute von der Legende von Sleepy Hollow spreche, dann dreht es sich explizit um die Geschichte von Washington Irving, die ja bereits mehrere Male verfilmt und die direkt von der Sage beeinflusst wurde. Einen Artikel (und Podcast über den kopflosen Reiter gibt es bereits im Phantastikon). Die Unterschiede liegen auf der Hand. Hier wurde ein Stoff fiktionalisiert, der schon lange im Umlauf war.

    Die Legende ist sowohl eine charmant-kuriose Geschichte über die Versuche eines unbeholfenen Lehrers, die Tochter eines reichen Gutsbesitzers zu umwerben, als auch eine Charakterisierung des gotischen Schreckens, wie er in Geschichten wie Das Schloss von Otranto, Der Käfer oder Dracula vorkommt.

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  • Die Gruft – H.P. Lovecraft

    Die Gruft“ ist eine frühe Erzählung Lovecrafts, die sich von seinen folgenden stark unterscheidet. Im Juni 1917 soll er sie geschrieben haben, wie auch kurz darauf „Dagon“, eine seiner heute berühmtesten. Zu verdanken ist das William Paul Cook, einem Amateurjournalisten (Mitglied der UAPA und NAPA), der zudem ein großer Connaisseur unheimlicher und phantastischer Literatur war. Cook, der eine Freundschaft mit Lovecraft pflegte, druckte zunächst dessen Magazin „The Conservative“, in der Amateurpressezeitschrift „The Vagrant“ ließ er mehrere Erzählungen von ihm erscheinen, darunter auch „Die Gruft“. Ermutigt hat er ihn, unheimlich-phantastische Erzählungen zu schreiben, etwas, das Lovecraft schon fast aufgegeben hatte. Hatte er doch, wie er selbst einmal Clark Ashton Smith gegenüber bekannte, als Achtzehnjähriger sämtliche seiner Geschichten verbrannt und den Entschluss gefasst, von nun an nur noch Verse verfassen zu wollen, da er zu dieser Zeit überzeugt war, dass ihm das Handwerk fehle.

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