Als sie in der Handtasche kramte, fiel ihr Speichel aus dem Mund und sie ging mit einem Schuh hindurch. Fieberfantasien, Fieberfantasien, umgestürzte Kartons, hellgelbe Lichtstürze. Mühe Voll, liebevoll bis zuletzt. War ich schon zuletzt? Atem rauscht teilnahmslos,
braust dem Ausgang zu, der nicht gleich zu finden ist, von hochgehaltenen Flaggen gesäumt : ein Stück Papier mit Rüschen besetzt. darauf, mit Tarantel-Eigener Schrift :
"lassen Sie mich diesen Krug in einem Zuge leeren!"
Zwischen ihren Brauen lückt ein Pianoforte, es fehlt dem ganzen Gesicht an Modernität.
Gestern war das Orchester noch ein Reinfall ohne Argumente, ein Klangmonster, das betrachtet wird wie ein irrlichterndes Seifenblasen-Ensemble, abgespuckte Klang Phrasen, Glissandi aus Nebel und Wut darüber, nicht genügend gegessen zu haben.
'Mortimer' hieß jetzt plötzlich auch der Dirigent und nicht nur die Schatulle zur Aufbewahrung ausgeschmauchter Zigarren.
Sie strahlen ganze Tage in Wiederholung aus. Sie strahlen auch mich aus und meine Ge burt, die jenseits dieser Klippen liegt wie ein erloschener Vulkan, plantsch Becken für Störche und andere Vagabunden, die ihre Eier nicht leiden können.
Ich schreibe jetzt eine Oktave tiefer, vielleicht kannst du mich hören.
Das Titelbild stammt aus der Reihe „The Painful Chamber Masterworks“. Ich ließ mich in einem Abbruchhaus mit einem zerschlissenen Kleid ablichten, das einen gewissen roten Faden – auch in den Texten – bildet, vor allem aber in der später auftauchenden Erzählung „Das blaue Kleid“.
Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.
Kaffee ist ein Stück Lebenskraft. Auch wenn ich meinen Konsum in den letzten Jahren etwas eingeschränkt habe, die Atmosphäre, die sich im besten Fall um den Kaffee dreht, war nie ganz von der Hand zu weisen. Bücher und kulinarischer Esprit haben sich schon immer gut vertragen, und was den Kaffee betrifft: Es gäbe tausend Geschichten zu erzählen. Dafür bräuchte man fast einen eigenen Blog. Nun wohne ich mit Kempten zwar nicht in einer kulturellen oder literarischen Hochburg (das ist Bayern und insbesondere das Allgäu im Allgemeinen nicht), aber es ist ein ganz außergewöhnliches Städtchen, in dem man sich wohlfühlen kann. Also dachte ich mir, ich schaue mir die kleinen Oasen, die es dann doch gibt, etwas genauer an. Vielleicht mit einem Buch in der Hand (ich habe mir inzwischen wieder angewöhnt, überall Bücher mitzunehmen und zu lernen, überall und in jeder Situation zu lesen, ob im Gehen oder Stehen). Das bedeutet eine völlige Veränderung meiner Lesegewohnheiten, denn mein Ausgangspunkt ist, dass ich sogar mit Ohrstöpseln in meiner Wohnung sitze, weil ich nicht den geringsten Lärm ertrage. Aber was wäre das Leben ohne Abenteuer?
Madame Blandot richtete ihr Gesicht, als ich die schmierige Glastüre aufstieß, durch die noch nie ein heller Strahl gedrungen war; fummelte die widerspenstigen Ausreißer zurück ins Haarnestest, stand seit 100 Jahren da, harrend auf den Münzentwerter, den Freier ihrer Leiblichkeit, den Kunden des Etablissements (oder Käufer eingefallener Häuslichkeit).
Unsere Romantiker waren nicht so gut auf die französische Metropole zu sprechen. In seiner „Reise nach Frankreich“ notiert Friedrich Schlegel:
In Paris findet man alles für die Sinnlicheit, aber nichts für die Phantasie.
Verwundern darf das nicht; auch nicht, dass Kleist etwas Ästhetisches vermerkt, denn in der Großstadt zeigten sich anscheinend Entfremdung und psycho- wie soziopathische Zustände des modernen Menschen und seiner zweiten, von der Zivilisation deformierten Natur besonders krass.
Die Gasbeleuchtung gab es erst am 1817, die Boulevards waren ebenfalls noch nicht erbaut. Haußmann hatte das geniale Paris noch nicht geschaffen.
Was Kleist, Tieck und Eichendorff jedoch als Gemeinplatz in ihre Schriften einfließen ließen, war ja nicht zuletzt die Klage gegen die vorgefundene Dominanz des kalten Verstandes über die Empfindungen.
Eine Parallele zu heute hieße: vor lauter Pornographie entdecken wir den Körper nicht mehr. Wir fühlen uns frei, nach Herzenslust zu vögeln – jeder Körper ist austauschbar. Doch unter dem Schein dieser angeblichen Freiheit ist die Sinnlichkeit gänzlich abwesend und die Unzufriedenheit nimmt gefährliche Züge an.
Durch die Gassen des Todes, durch den Abfall der Zivilisation torkelt er auf der Suche nach seiner Herkunft, einem Ziel, an das er sich klammern kann. Der Druck in seinem Kopf wird ihn töten, aber er weiß nicht einmal, dass sein Gehirn anschwillt. Er muss diese Straße entlang gehen, auch wenn er in regelmäßigen Abständen stürzt und es immer länger dauert, bis er sich wieder aufgerappelt hat. Sein Leben liegt nicht mehr in seiner Hand – in unser aller Hand liegt nie das Leben, sondern nur der Torf abgestorbener Pflanzenteile, die wir einst zur vollen Blüte bringen wollten. Vergeblich. Ein vergebliches Leben holt ihn ein, als er beschließt, sich nicht mehr zu erheben, bis er gefunden wird, um „renounce!“ zu brüllen, weil man ihn bald schon als den berüchtigten Trinker Poe identifizieren wird, den sämtliche Geister verlassen haben, weil sie nicht mehr erwarten können, in seinen makabren Geschichten aufzutauchen. Aber ein Mann, der nur allein von den Schatten gestützt wird, kann nicht auf sie verzichten, ohne zu Grunde zu gehen. Ein Pakt nicht mit Musen, sondern mit den Dämonen seiner eingeflochtenen Ängste vor Verlust und unerträglicher Einsamkeit.
Wie alle Lebenselixiere, ist gerade das Feuerwasser das gefährlichste. Es stärkt den Geist durch flüssig gewordenes Blut, das Leben rast durch die Adern und bringt alle Eindrücke, die der Körper kaum mehr zu archivieren weiß, in magische Aufruhr. Sie werden überdacht und neu zusammengesetzt. Edgar war jedoch kein Trinker, er vertrug überhaupt keine massiven Stimulanzien, was ihn jedoch oft trunken auf seine Umwelt erscheinen ließ, die sich kaum mit seinen Qualen auskannten und sich nicht selten verängstigt von seinen Geschichten zeigten, die eine furchtbare Psychologie offenbarten.