Wild kam der Mond um die Ecke gerudert, eine farbige Wolkenbank dazu nutzend, nicht in die schattigen Giebel der Häuser zu donnern. Er war eindeutig zu schnell, das Himmelzelt glatt um diese Zeit. Dann aber fing er sich, zunächst in den Ästen der alten Ulme, die, unsichtbar, weil unter der Erde, mit ihrem Wurzelwerk den Fluss vorwärts trieb, und trat dann, Halt gefunden habend, seinen abendlichen Dienst an. Der gute Nachtwächter, ein verlässlicher Kumpan der leeren Räume da oben, entdeckt so manch frivoles Geschehen, aber er schweigt als Lampe und als Geheimnisträger. Cornelius dient er als Grund dafür, wach zu liegen.
Die Hütte, in der man sie antraf, hieß SCHWEREMUT, und ihre Tage und Nächte verbrachten sie in ihrer abgewirkten Haut, die man ihnen hinterlassen hatte, als man sie floh. Töchter der Baba Yaga, der grausamen Frau mit ihren herabhängenden Brüsten und einem knochigen Bein. Kinder des gefallenen Gottes, in einer Knochenwiege ausgesetzt bei den ramponierten Grabsteinen verscharrter Mörder. Die Schwestern betteten sich in Moder und ihre Blutlust war noch ihre schönste Charaktereigenschaft.
„Dreh diesen Körper zu mir, Santa – ich will die Beschaffenheit des Fleisches mit eigenen Augen sehen.“ Derbas Tunnelaugen wiesen die Nacht in ihre Schranken, als sie sich bereits selbst über die makabre Kulisse stülpen wollte.
In den Hanfseilen unter dem Boden hangelten die Leichen, die ebenfalls umgedreht werden mussten. Clodette war die Todwünscherin der drei Schwestern, gram und grau, deren durchdringendes Gezeter bei Neumond, der rabenschwarzen Nacht, die Schauer von Tür zu Tür wanken lässt. Sie stehlen nicht die Kinder – sie stehlen ihre Gebeine, um sie in marschierende Puppen zu transformieren, mit Kleidern aus der Jahrmarktstonne, von Hüten aus dem Gulag.
Wir hatten das Leben ohne Schranken entdeckt, das nicht im Händeschütteln endet, die Neugier auf die Möglichkeiten des Lebens sind romantisch und die Romantik gehört ganz und gar der Jugend und ich werde nicht mehr schlau aus mir selbst, sie warf mir die Schallplatten, Kleider und Bücher die Treppe hinunter. Sie stand oben an der Tür und ich stand unten an der Tür.
So lieben wir: Wir kochen die magische Suppe ab, in der freilich auch ein Anteil der selten gefundenen Springwurzel schwimmen muss, und fischen nach den feisten Brocken, die nach oben querlen –
alsda können sein:
Knollensellerie, Porree, Pastinaken und Topinambur.
Es wäre nicht dasselbe, würden wir das Geschlampe nach Bauernsitte einfach über den Tisch in die vorgekerbten Tellermulden gießen,
denn dann läge nur alles hingeschüttet vor uns, ohne den Reim, den wir uns über das Essen machen könnten.
Das Vergnügen aber, in den warmnassen Schwaden des Kesseldampfs zu stehen und mit starren Augen in der Hitze herumzufummeln – hier eine Wange, dort sogar ein Lächeln in den Wogen des kochenden Wassers zu entdecken, das unser Gemüse bald an die Oberfläche wirbelt, gleich aber wieder nach unten zieht – bereitet uns die natürliche Freude des Schwerenöters, der nach den wirklichen Wölbungen in schummerigen Hirtenhäusern Ausschau hält, aber nichts sieht außer Kerzen und Lampen, und sich so das Seine selbst zusammenspinnt.
In vielerlei Hinsicht stoppt uns das Maß der Dinge, wildgeworden von Peitschenhieben und einem Surrogat aus plüschähnlichen Pantoffeln. Es wurden Abdrücke hinterlassen, die wie Geisterschwämme vor allem Nachts für Furore sorgten. Nichts davon ist tagsüber noch übrig, nichts davon deutet auf jene Ausgiebigkeit hin, mit der sich ein fleischiger Nacken aufdrängt. Der Besitzer tut gut daran, eine Nummer in die Wählscheibe zu legen, die er gerne hat. Sie mag ihn an etwas erinnern, das ihm nie widerfahren ist, lauwarmes Geschoß, noch nicht zu einer allgegenwärtigen Hitze aufgestiegen. Der Kreis wird von einer Nabelschnur geschlossen, einer Brosche, die tiefer reicht als mit technischen Hilfsmitteln erkannt werden kann. Trotzdem darf ein Strich im Kalender nicht zu der irrigen Annahme führen, die Kessel verlören ihren Druck nur vom Hinsehen. Ein großer Albtraum nährt unsere Binsenweisheiten, er bleibt zum Essen und verändert sich nur durch ein spanisches Pfeffergericht, aus dem die Pilze entfernt wurden. Stillstand legt man sich danach äußerst selten wieder aufs Brot.
Ich könnte singen von den unheilvollen und drohenden Dingen, den toten und vergessenen. Doch werde ich je wieder reisen durch den vom Wahnsinn gelb gefärbten Nebel des Vergessens, zu den Gestaden fremder Wirklichkeit? Fände ich überhaupt den Weg zurück, der mir damals so zufällig erschien wie einst Rip van Winkle sich über das Auftauchen einer flämischen Gesellschaft verwunderte? Mir selbst wurden keine Jahrzehnte durch einen sonderbaren Schnaps gestohlen, noch nicht einmal Jahre, aber von den merkwürdigen Festen wie in den Tiefen des verhängnisvollen Venusbergs könnte auch ich berichten. Doch wüsste ich nie zu sagen, was sich daran mit mit meinen halluzinatorischen Träumen mischte, denn eines ist mir klar geworden: Es gibt unterschiedliche Arten des nächtlichen Gespinstes und mindestens eines davon eröffnet uns das Jenseits mit seiner unendlichen Weite. Es ist für mich gar nicht ausgeschlossen, dass, sobald wir unserer so stabiles Sternensystem verlassen würden, wir auch außerhalb unserer fleißigen Schlaftätigkeiten dorthin gelangen könnten, allein deshalb, weil wir unsere Körper nicht behalten dürften und stürben; d.h., es stürbe das, was wir in unserer Welt so sehr benötigen, und wenn wir es verlieren, geistern wir umher, unfähig, weiter zu träumen, weil wir in einem derartigen Zustand schlicht all unsere Erinnerungen für einen Traum halten. So nötig haben wir den Schutzschild der Materie, dass wir um seinen Verlust so sehr bangen wie um nichts anderes. Es mag sein, dass wir die Geister deshalb fürchten. Sie zeigen uns, dass wir auch im Tode nicht entkommen können und endlos weiterspielen müssen. Sie zeigen uns durch ihre finsteren Auftritte, wie wichtig die Wiederholung ist und wie sich eben alles so lange wiederholt, bis das Wort Ewigkeit seine Berechtigung erlangt.
Es gibt Geschichten, die man sich ausdenken möchte, um dann zu erkennen, dass sie wahr sind. Das gleiche gilt andersherum. Eine Erinnerung, auf die man Stein und Bein schwören möchte, erweist sich als falsch. Und dann gibt es die Mischverhältnisse in verschiedenen Abstufungen. Was die Realität ist, werden wir nie herausfinden, und das Geheimnis der Fiktion ist längst legendär. Ich erinnere mich an mein Leben wie an eine Geschichte, die ich gelesen habe. Es gab eine Zeit, da ich mit den Surrealisten in Paris träumte und vielleicht hatten sie, Jahrzehnte vor meiner Geburt, von mir gehört. 1990 las ich ihre Aufzeichnungen, Pamphlete und Manifeste, um zu sehen, ob ich irgendwo darin verzeichnet war. Dann aber fiel mir ein, dass ich lange vor meiner Geburt mit einem anderen Namen ausgestattet war. Zumindest hörte ich nichts von mir, wie ich mich kannte. Man erwacht und steht vor einem Regal der Toten. Alles, was von ihnen übriggeblieben ist, ist das, was man aus ihren Gedanken macht.