Magie

Literatur ist erst einmal gar nichts. Wir wissen ja, dass es alle Geschriebene umfasst. Literatur ist nicht mündlich, ist im Grunde keine Erzählung. (Wobei nicht alles Mündliche an Erzählungen geknüpft ist und die Erzählung nicht ans Mündliche). Interessant wird das alles erst, wenn wir die Effekte begreifen. Da stehen zunächst nur irgendwelche Krakel, aber dann entsteht Magie. Tatsächlich handelt es sich um nicht anderes als Magie. Literatur ist in jeglicher Erscheinung irrational, ein Konstrukt, dem wir Kategorien zuweisen, die nicht im Geringsten natürlich sind. Magie selbst aber ist natürlich. Des Wortes Träger jedoch ist nicht irgendein angenommener Intellekt, sondern Wasser. Wie gesagt: des Wortes Träger. Ein Wort macht noch keine Literatur; bei einem Satz kann die Sache schon völlig anders aussehen. Jetzt haben wir es nicht mehr nur mit einem Wort zu tun, sondern mit einer Bedeutung (ohne dass ich damit sagen will, ein Wort hätte an sich allein stehend keine Bedeutung, aber um ein Wort zu erklären, benötigen wir durchaus mindestens einen Satz, um den Satz zu erklären einen Absatz usw.).

Da spreche ich jetzt nicht von einem Gedicht, wie ich es schreibe. Ich kümmere ich nicht um eine Erklärung, sondern um die direkte Magie. Um das Wirken von Magie und nicht um den Prozess der Magie, den Worte grundsätzlich auslösen.


Ich bin heute mit halbsieben spät dran und auch nicht gleich zu einem Kaffee gekommen (überhaupt sitze ich erst einmal eine halbe Stunde vor mich hin, bevor ich mich Richtung Küche bewege).

The Mill

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