Im anständigen Teil der Stadt

Sie drehte sich um und beobachtete, wie der Fremde an ihr vorbei ging,
fragte sich, was ihm zugestoßen sein mochte. Im anständigen Teil
der Stadt beteten sie die Wirklichkeit an. Es brannte nicht mehr, als er
einige Stunden später erwachte.

Die Türen zu allen Geschäften standen offen, manche wie ein Schlund,
eingeschlagen und marode. Im anständigen Teil der Stadt
brachten sie sich zu Anlässen gegenseitig Kuchen. Aus den Kesseln
unter der Stadt dampften Wassersignale.

Die Vehikel schlurften durch die Straßen, obszöne Jäger emsiger Flaneure,
die jeden Tag nur einen kleinen Bissen dieser phänomenalen Aussicht
zu sich nahmen. Im anständigen Teil der Stadt
gab es Prospekte, die alles aus der Ferne zeigten.

Ähnliche Beiträge

  • De Umbris Pactis

    Ich saß von der windigen Dunkelheit eingehüllt auf der Brüstung des Rathauses und beobachtete die von hier aus einsehbare Fläche unter mir, denn wir alle waren abkommandiert, um die Schatten zu beobachten, die in unwahrscheinlichen Zahlen und Winkeln in die Stadt einfielen. Sie waren uns allzu ähnlich, und was wir zu berichten hatten, wurde mit großem Interesse verfolgt, wenn auch wir mit keinem unserer Auftraggeber sprachen, ein Beobachter ist nun einmal kein Sprecher.

    Wir notierten alles in einer Sprache des Untergangs, denn das war es, was wir sahen. Bizarre Zwischentöne des Schreckens einiger Sekunden mussten wir zur Fiktion werden lassen, um ein Maß für das Unbegreifliche zu finden.

    In Teseo Albinesis Aufzeichnungen aus dem Jahr 1539 wird beschrieben, wie der Okkultist Ludovico Spoletano den Satan beschwor, weil er – dem Doktor Faustus ähnlich – glaubte, alles bereits zu kennen, aber doch nichts zu wissen. Das dringliche Bedürfnis, zumindest ein Ding so zu Fassen, wie es beschaffen ist, treibt die Schwärme der Verzweiflung aus Staubwolken heraus und ermuntert jeden Schläfer, festzuhalten, was weniger noch als ein Quellstrom nicht zu greifen ist mit fünf oder zehn oder fünfzehn Fingern.

    Mehr lesen „De Umbris Pactis“
  • Der junge Wein

    Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall.

    Die nackten Leiber glitten, berauscht vom jungen Wein, übereinander hinweg,
    verkanteten sich an den geschwollenen Genitalien, fanden saftig zueinander,
    im Fluss ihres Liebessaftes.

    Bacchus stand inmitten der Felatio,
    Wein darbietend, Lüste schürend

    die sich miteinander verbanden,
    den Wein in ihre aufgerissene Vagina gossen, bevor ein neues Gemächt von hinten in sie einfuhr,
    den Mädchenanus voller Trauben

    Gerbstoffe troffen von den schönen Gesichtern
    Bacchus
    ergoss sich Wein in einem nie enden wollenden Quell,
    stimuliert von verzückten Weibchen, die selbst schon nur noch Wein urinierten

    jeder trank von jedem und der Hain wurde befruchtet,
    um im nächsten Jahr wieder Blüte zu tragen

  • Sperrgut

    die Gestalten trieften als unsere Sonne erklang
    auch schon nah das Pferd, das einstige Steppentier
    aus dornigen Winden gereift. Jetzt auf zu
    einer Hochburg, neben den Zinnen dehnen sich Lücken
    als Krähe umschwebt man sie leicht, als bloßer Blitz
    verfehlt man sie. Der Staub wurde sich seines Wesens bewusst
    und die Ziele keiften sich stetig an ob des Gelingens
    außerordentlicher Figuren, die man schon die morsche Treppe –
    ums Eck wird’s wirklich eng, so eine Fuge, ein
    unmöglicher Raum, in sich abgeschlossen durch Sperrgut

  • Ein alter Schuh

    Schief läuft etwas hinaus, kommt wieder herein, die Tür angelt im Scharnier : was soll’s denn werden? kommt nicht zu Schlosse, weil der Widerstand ein alter Schuh – wo kommt er her? Ein Eichhörnchen hat ihn dahin gepeppelt – lebendig ist, was atmet oder zumindest stoffwechselt, immer im Kreise furcht, bis das Uhrwerk seine Zähne abgerieben hat, und dann, wie der Schuh im Türspalt, ohne Heben oder Senken des Odemkorbs, völlig zur Verwandlung bereit, herumliegt, mutterseelenallein. Kann nicht jemand die Türe schließen? Reinraus; was habe ich denn gemeinsam mit der Unglaublichkeit anderer? Meine Welt nehme ich alleine wahr, es gibt nur Ähnlichkeiten. Auf dem Boden rutscht es sich leicht, wenn noch etwas Sauce vom Mittagstisch läuft, Aschenputtel, feine Gerüche. auch kalt, in den Abdrücken der Schuhsohlen verfangen. Der zwangsgepaarte Straßenstaub ist ein wirkliches Wunder, aber man muss schon ganz nahe mit der Nase über den Dielen schweben. Das Karnickel (oder ist es ein Hörnchen, ein Zierhase oder ein Wollknäuel?) sagt : »Was ist denn jetzt mit der Tür?«, die immer noch aufundzu, aufundzu, während ich nachsehen, ob sich die Erinnerung, ganz da unten, zu mir heraufwindet, wenn ich mich hinlege und zur Decke aufsehe, eine strategische Position einnehme.

  • |

    Schweremut (zum LiveBook-Event „Endlich Schuld“)

    Die Hütte, in der man sie antraf, hieß SCHWEREMUT, und ihre Tage und Nächte verbrachten sie in ihrer abgewirkten Haut, die man ihnen hinterlassen hatte, als man sie floh. Töchter der Baba Yaga, der grausamen Frau mit ihren herabhängenden Brüsten und einem knochigen Bein. Kinder des gefallenen Gottes, in einer Knochenwiege ausgesetzt bei den ramponierten Grabsteinen verscharrter Mörder. Die Schwestern betteten sich in Moder und ihre Blutlust war noch ihre schönste Charaktereigenschaft.

    „Dreh diesen Körper zu mir, Santa – ich will die Beschaffenheit des Fleisches mit eigenen Augen sehen.“ Derbas Tunnelaugen wiesen die Nacht in ihre Schranken, als sie sich bereits selbst über die makabre Kulisse stülpen wollte.

    In den Hanfseilen unter dem Boden hangelten die Leichen, die ebenfalls umgedreht werden mussten. Clodette war die Todwünscherin der drei Schwestern, gram und grau, deren durchdringendes Gezeter bei Neumond, der rabenschwarzen Nacht, die Schauer von Tür zu Tür wanken lässt. Sie stehlen nicht die Kinder – sie stehlen ihre Gebeine, um sie in marschierende Puppen zu transformieren, mit Kleidern aus der Jahrmarktstonne, von Hüten aus dem Gulag.

  • Von Hirsch- und Bäckerhefe

    Die Vererbung ist ein Speicher für alle Erfolge, die das Leben jemals errungen hat. Die Niederlagen werden vergessen. Kein Fehler bleibt im genetischen Code bewahrt. Durch diese Perseveranz lernt die Natur aus ihren Fehlern nicht und wiederholt sie andauernd.

    Ein albinotischer Hirsch ist durch seine Auffälligkeit unterprivilegiert. Im Mythos – weg von der Natur, hin zur Kultur also – nimmt dieser jedoch einen besonderen Stellenwert ein.
    Die „Fehler“ der Natur sind dem Menschen nicht selten heilig. Wie dem albinotischen Hirschen wird auch dem herausragenden Menschen ein ambivalentes Gefühl
    von Verehrung und Abscheu zuteil.

    Den Hirsch wählte ich hier aus, weil er nach der walisischen Tradition zu den fünf ältesten Tieren der Welt gehört. Seit Jahrtausenden haben Menschen versucht, an der Kraft und Würde des Hirschs und an seiner Verbindung der Anderswelt teilzuhaben, indem sie sich in Zeremonien und Tänzen als Hirsche verkleideten. Möglicherweise schreibe ich demnächst gar eine Erzählung über ein derart gestaltetes Symposium. Alle Lebewesen haben nur 20 verschiedene Aminosäuren. Allein das Cytochrom C durch Zufall zu reproduzieren entspricht dem Faktor 1 zu 10 hoch 130. Damit steht fest, dass der Enzym-Schlüssel Cytochrom C weder auf der Erde noch sonstwo ein zweites mal durch Zufall entstanden sein kann. Schauen wir mal etwas weiter: Seit dem Urknall sind erst 10 hoch 17 Sekunden vergangen.

    Wenn also mit den 104 Perlen des CC seit Anbeginn der Zeit in jeder Sekunde einmal gewürfelt worden wäre, gäbe es heute erst 10 hoch 17 verschiedene Varianten. Im Universum sind nur 10 hoch 80 Atome vorhanden. Also selbst wenn alle Atome eine andere Variante des CC repräsentierte, wäre dieses nicht darunter. Das CC ist in allen Lebewesen vorhanden – Ameisen, Schimmelpilz, Bäckerhefe, Mensch…