Das Arganöl der Anständigkeit

Dann wieder  Stille, dann plötzlich ein Klang wie von einem Stimmwunder, dann erneut eine Zusammenkunft geringer Leute auf freiem Feld. In einen Stall gepfercht das erfundene Stück Erde, die Tanzfläche der Eurasia, der vorübergehenden Kontinentalplatte, dort am Rande schwemmt die Saale die Gülle gen Barby, auf das Scheißen eine Steuer, auf das Erbrechen von Flüchen eine bereits dritte Mahnung, danach das Schafott der Langeweile, der Katheter fremder Energie (die Ummantelung der Flüßchen und Bächchen mit Hohlorganen, ein Tunnel dehnbarer Charrière).

»Wir wollen alle nur dein Bestes!«

Der Bus, in dem gestanden wird, der Gestank als Morast künftiger Bildung.

»Wir wollen alle nur dein Bestes!«

Abschmieren der Nippel der Tugenden, das Arganöl der Anständigkeit.

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    K. rümpfte die Nase, als er sah.
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    Pferdeköpfe aus Raha dachten Geister in die Wüste. Das Wallen der Mähne gestaltete sich ganz so, als könnte sie berührt werden. Freilauf der inneren Bilder. Im Schlaf erkannte er den Schatten der Besiegten, wie er um einen Kenotaphen hing, die Gebeine der Gefallenen ruhten nicht hier. Sie alle wurden dreimal beim Namen genannt und eingeladen, ihren Geist hier einziehen zu lassen. Er blickte auf den Sündenbock, der zugleich von diesem Heer der vielen Völker als Lichtgestalt gepriesen wurde, den Löwen der Völker, der jetzt verstummt. Er war das Krokodil in den Seen, hatte die Flüsse auf gepeitscht, das Wasser mit seinen Füßen verschmutzt, die Fluten aufgewühlt. Sein Fleisch wurde auf den Bergen ausgelegt und die Täler mit seinem Aas gefüllt, das Land ertrank unter der Flut seines Blutes und Finsternis legte sich darüber. Das Schwert von Babel war über den Fürsten von Rosch, Meschech und Tubal gekommen. Zyklopenhafte Wände und Mauerzüge im modellierenden Licht unsichtbarer Scheinwerfer überschwemmten das Bild der öden Wüste, deren Sand ockerfarben vom Blut in der plötzlichen Dunkelheit erkaltete. Eine seltsam bannende Kraft lag in diesen Mauerresten. Erdmasse aus Mergel. Treppenstufen ungeduldiger Habgier. Nymphen, Faune und Mänaden, ein Satyr auf einem Esel reitend, pralle Hüftstücke unbekleideter Damen in tolldreisten Spiegeln. Vollsaftige selige Ekstase folgte dem Tod, Perlhühner und Wägelchen mit Weintrauben gespannt. Enten, Pfaue, Feigenbäume. Säulen, Kapitelle, Gesimse, Grabdenkmäler, Reliefs und Skulpturen verschwimmen mit traumhaften Symbolen. Und immer wieder Pferdeköpfe, hetzend durch ein Nebelband, Schaum auf ihrem Geschirr, die Trense gespannt, die Augen konzentriert und starr. Diesmal änderte sich der Rhythmus ihrer Bewegung, die Pferde waren Isländer und ihre schnelle Gangart war der Tölt. Vor ihnen gab es nichts als eine große, gähnende Schlucht, Ginnungagap. Hier in dieser gewaltigen Leere, mitten zwischen Licht und Dunkel, sollte alles Leben seinen Anfang nehmen in der Begegnung zwischen Eis und Feuer. Langsam begann der Schnee zu schmelzen, geformt von der Kälte, aber von der Hitze zum Leben erweckt entstand ein seltsames Wesen, der Größte aller jemals existierenden Riesen mit dem Namen Ymir.

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    Emma kommt, nachdem Adam sie angerufen hat. Er hat sonst niemanden, er hat keine Ahnung davon, dass sie alle über ihn sprechen, vom Verrecken eingeholt, dass sie sagen : Den hat es aber schlimm erwischt. Der sitzt jetzt allein da in seinen fünf Zimmern.

    »Bring mir noch den Stein, von dem ich träumte, Wegweiser nach der Wüste hin!«

    Emma nimmt nicht wahr, was er da faselt, ausgespuckt ein Zwiegespräch, schwimmt mit einer schäumenden Geste über das Spiegelbild, erinnert sich an den Teich.

    Zweiundzwanzig Uhr.

    Manch Stundenschlag meint Gegenwart. Unter die Chaiselongue gekrochen, Staub geatmet, die bessere Zeit. Hier zeigt sich, dass sie eben nicht vergeht.

    In die Schule kommen. Knöchern die Masquerade anziehen.

    Ein Bild: Wie sie da stehen, ein Bild von einem Bruder, den die Linse ernster nimmt als mich. Noch keine Magenentzündung wegen der Zigarettenfresserei, die duftenden Gifte.

    Der Zug rast hinter den alten Hütten vorbei, Bewegung kommt ins Leben, wir werfen Steine nach der flüchtenden Kuh.

    »Es gibt schlimmere Dinge als die Wölfe im Winter!«

    Murmelt nur, erbricht sich erneut, aber jetzt hängt sein nackter Arsch dazu über dem Badewannenrand.

    Zweiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig.

    Die böhmischen Grenzposten an der Eger, wo sie als Grenze herumalbert und eigentlich schön ist, sehr glatt, von Bisamratten durchschwommen wird, wo die Mädchen sich Kleider nähen, um sie ausziehen zu können, der angefrorene Urin die Ritzen verfestigt, wo der Staub unter der Chaiselongue Zweiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig eines bestimmten Tages bedeutet, Carisma oben drüber einschläft, das Fernsehprogramm zur Musik von Donna Summer eine Rakete in den Himmel schießt, Wolken vor ihrem Mund, Science Fiction, die Sonne auch im Schlaf nicht zu sehen (wenn es je eine Sonne gab). Yul Brynner läuft durch einen hypermodernen und tödlichen Freizeitpark, in der nächsten Woche wächst Tarantula ins Unermessliche.

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    Die Kunde, dass Bobby in Beate reingepinkelt hat, macht an diesem Tag den Star der Ereignisse aus. Alle sind sich einig, dass sie jetzt sterben wird, denn die Tabus verwandeln sich bekanntermaßen in Gift, Gift verwandelt sich immer in entsetzliche Natur. Ein Schwebezustand zwischen Ekel und Bewunderung macht die Runde, dem die Legendenbildung folgt, die aus dem Körper lallt, schäumend wie ein halbstark gärender Krätzer. Vor dem Alkohol haben sie mehr Respekt, denn den tragen sie in ihrem jungen Blut nach Hause. Er wird der Verräter sein, der promillige Judas; und nicht die verästelten Zungen, mit denen sie sich gegenseitig an Stellen belecken, die schon sehr nahe dem Gift, die das Tabu (schon wenn man es denkt) brechen.

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  • Der epikureische Garten

    Mag man sich an einen Aspekt erinnern, der, als er noch unverschüttet unser Wesen ausmachte, aufstieg, sich nicht besänftigen ließ: die Heimlichkeit des eigenen unfassbaren Rätsels. Ich war mir als Kind der höchste Philosoph, der mit den Dingen ringt, selbst zu diesen Dinge wird, anstatt sie nur zu greifen und zu untersuchen, wie es die spätere angelernte Distanz fälschlicherweise eine ›objektive Herangehensweise‹ nennt. Die Menschheit (und wir scheinen viel mit ihr zu tun zu haben) ernüchtert; nur ich selbst blieb betrunken, wie es die Götter allzeit gewesen. Das Unglück ach so vieler liegt an der Unfähigkeit, sich zu verweigern. Statt dessen geben sie ihr Fleisch dem Reißwolf der Konvention. Aber das Ringelreihen im Hain, wo wir neben den Weinquellen liegen könnten. Das Odeur unseres Schweißes (der epikureische Garten) scheint mir nach allem, was ich bereits angeschaut, das einzige Ziel zu sein. Nur im Liebesspiel können sich die Momente konservieren, nur darin werden sie unvergänglich sein. Ich erkenne nirgendwo, dass man die Welt entzaubert hätte. Die Brunnen sind gefüllt wie auch die Tassen, die Herzen schwellen an vom prallen Blut; ein Blick treibt alle Wolken aus dem Blau. Du nimmst Raum ein, dein Leib ist mir sinnlicher Gehalt. Kein anderes Mysterium, als über dich zu gleiten, kein anderer Wind als dein Atem, kein anderes Beben als dein Muskelspiel. Kein Zweifel, dass das Leben nur aus dir und mir besteht.