Der neue Brieföffner

Lieber Herr Munkulus,
meine neueste Erfindung haben Sie sich noch gar nicht angesehen! Es handelt sich dabei um einen Brieföffner, der keine Briefe öffnet sondern sie erhört, der also deren Inhalt öffnet, mit dem, was da steht Vögel füttert, die dann den Wortlaut singen.
Anbei der Brieföffner, zwei Batterien und ein Vogel der Gattung Pflaumenkopfsittich, den sie bitte kurz unters kalte Wasser halten, um ihn zu aktivieren.

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  • Lethe

    Geschrieben von A. Anders

    Sie wuschen ihn,
    kleideten ihn ein,
    drapierten seine Arme
    verschränkt auf seinem Brustkorb.

    Sie schlossen ihre Augen
    und legten sich neben ihn,
    um ihn ein Stück
    seines Weges begleiten zu können.

    Nach einer Weile
    waren seine Hände und Füße
    kaum mehr sichtbar,
    sein Gesicht fiel ein
    zu einer dunklen Höhle,
    in die sie sich hinabbeugten
    und Steine fallen ließen,
    um zu hören, wie tief es in ihm ist.

    Doch das könnten sie nur ermessen,
    indem sie sich, mit dem Gesicht
    dem Himmel zugewandt, selbst
    in ihn hineinfallen ließen.

    Sie erinnerten sich,
    dass man ihnen gesagt hatte:
    die Natur gebiert
    auf dem Bauch liegend blind.

    Sie erhoben sich,
    tastend in ihren Gesichtern,

    nicht wissend,
    ob es noch dieselben waren,
    die sie sonst
    in den Spiegeln erblicken konnten.

  • Wolf auf Erz: 2 The Golden Trumpet

    Adam betrachtet angestrengt das Foto in seiner Hand, das mit einer Instamatic, die nur zwei Belichtungseinstellungen kannte, aufgenommen wurde. Die Farben darauf wirkten rau und surreal – die Gesichter seiner Familie nicht weniger. Wie Geister blickten sie in die Kamera. Rückt zusammen, sonst bekomme ich euch nicht alle drauf! Geister, die sie damals noch nicht waren. Er hatte schon andere Bilder aus dieser Zeit gesehen, aber der Verdacht, dass es diese Vergangenheit überhaupt nie gegeben hatte, war dadurch nicht verflogen. Ganz im Gegenteil. Er konnte sich bedenkenlos Schwarzweißbilder ansehen, die seinen Vater beim Kartenspielen mit seinen Brüdern zeigten. Dabei bekam er nie dieses Gefühl eines verrückten Traumes. Fotografien bewiesen niemals die Gegenwart ihrer Objekte, war es nicht so? Es könnte also gut sein, dass er hier etwas in Händen hielt, das es nur in seiner Phantasie gab. Es war ja nicht so, dass er diesen Zustand nicht zur Genüge kannte. Hier wurde seine Erinnerung mit den abgebildeten Formen konfrontiert. Die Wartebank des Todes; schließlich waren alle in genau der Reihenfolge gestorben, in der sie an diesem festlich gedeckten Tisch saßen. Meine Güte, dachte er, wann war das? 1975, 76? Der Anlass war ein Weihnachtsfest, daran konnte er sich erinnern. Die Reste des fetten braunen Bratens standen noch in Anrichten auf dem Tisch herum, der, übersät mit Bierhumpen und Sektkelchen, die weiße Tischdecke kaum durchscheinen ließ. Adam wusste noch ganz genau, wie dieser Braten geschmeckt hatte. Das hatte sich ihm für alle Zeiten eingeprägt, und es war so ziemlich das Einzige, das er aus seiner Vergangenheit noch bei sich trug. Immer wenn er später den Braten selbst zubereitete, den Carisma – an diesem Tag mit Sebastiana gemeinsam wie in einer Alchemistenküche vorbereitete –, kam das einem Ritual gleich, das nahezu religiöse Züge annahm. Dabei hatte er das Rezept nie wirklich gekannt. Er erinnerte sich lediglich an den Geschmack, diesen satten, waldig-fleischigen und deftig-süßen Geschmack. Die Geister tanzten nicht nur auf seiner Zunge herum, sie spukten durch seinen ganzen Körper und beeinträchtigten seine Wahrnehmung, angesteckt von Gefühlen, die gar nicht die seinen waren.

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  • Ich bin die Nacht: 1 Der Moloch (Re)

    In der Tiefe der Nacht kann einem alles begegnen. Welten türmen sich auf und entfalten ihre grandiosen, weitläufigen Ebenen des Zerfalls. Mumifizierte Zeitzeugen murmeln aus trockenen Mündern von ihren Erlebnissen. Ein Gesicht hängt in Fetzen in Höhe des Mondes, die Wangen wie zerschnittener Stoff in einer Bastelstube. Dann ist es vorbei, wie bei einer Fahrt in einer Geisterbahn. Die Kufen führen aus der stinkenden Nacht in eine noch tiefere hinein und ruckeln weiter zur nächsten Szene. Und nirgendwo hat das Licht eine sichtbare Qualität; schwarz auf schwarz bestätigt es nur eine absolute Dunkelheit. Was man zu sehen bekommt, ist merkwürdigerweise unabhängig von einer Lichtquelle. Die Toten leuchten von innen, die Geister tun es ihnen gleich.

    Eine chemische Reaktion, die sich über den Baumwipfeln zu einer Dunstglocke formierte – das war alles, was von ihm übriggeblieben war. Bald würde sein Rest zu Staub fremder Sterngruppen, zu Globulen und Dunkelwolken gehören. Unentdeckt von allen Teleskopen, die da noch kommen sollten. Die Sonne entdeckte den gemarterten Körper als Erste. Ihr tastendes Licht beendete die Nacht, die in vielen Seelen lauert. Nackt hing er an diesem Stamm gefesselt, übergossen mit flüssigen Exkrementen, in der Pose eines Gottes am Weltenbaum.

    Schon öffnet der Moloch sein Bronzemaul, röchelt in allen Farben des Feuers und verschlingt alles. Vielleicht würde er sich sogar selbst verschlingen, aber vielleicht will er auch nur den süßen Saft des Lebens kosten, der ihm so fremd ist. Er will sich an den Rinnsalen des Leids aller sättigen, an dem herausgedrückten Seim. Vielleicht will er auch nur die nie von einer Sonne beschienene Statue sein, der Hochofen elementarer Angst.

    In den letzten Sekunden seiner rituellen Ekstase sah er, wie die Nacht, die mit ihrer schneidenden Kälte bereits tief in ihn gedrungen war, Gestalt annahm. Durchs Gebüsch fegte ländliche Agonie. Der Mangel an Eindeutigkeit ließ ihn schauderhaft zittern. Er erkannte nicht, was seit Stunden um ihn herum kroch. Die Luft kündete von Maden, es war fürchterlich finster. Er zerrte an den Fesseln, doch das Hanfseil gab nicht nach. Was die Erscheinung tat, die sich weder bewegte noch an einem Ort verharrte, war für ihn nicht zu erkennen. Der Schmerz nahm beständig zu und die Angst hätte ihn verbrennen müssen, doch einige Minuten später war er ausgeschaltet und dieser zweigeteilte Baum war zu seinem Martergrab geworden. Er sank in die Hanfseile und sickerte langsam in die Erde, eine Hinterlassenschaft der Jäger, Fischer und Sammler der Nacheiszeit, die hier ihr Hüttenlager hatten. Die alte Erde sog sich voll mit Leben.

  • Das Geistermädchen

    Die Schupfentüren knarren auf und zu, die
    Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen,
    nur ich schlafe nicht

    und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter
    und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur
    vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden,
    den Gattern der Parzellen. Sondern von der Vorstellung, dass jeder
    einen solchen Keller auch in sich trägt

    die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur
    sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viel Uhr es ist,
    denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei,
    alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld.

    Als erster Mensch (oder letzter Überlebender) nehme ich mir ein Stück Seife
    auf die nächtliche Straße hinaus, um mich, im Regen stehend, abzureiben,
    während ich das schattige Schloss beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich
    hätte ich auch unten im Fluss baden können, dort aber stank es abscheulich

    Die schlafenden Vögel werden nass, aber ich sehe sie nicht, sie schlafen
    und machen sich nichts daraus. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus
    ist es ruhig, und auch das Schloss bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke,
    dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur
    ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, Luft durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen.
    Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.

    Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder,
    morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen,
    dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen kann.

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    Die Erregung ließ so schnell nach wie sie gekommen war, und ich probierte mich vorsichtig, in Erwartung eines neuerlichen Lustschubs, noch einmal an der Tür. Diesmal schnappte sie auf und schwebte wie von selbst nach innen, kaum dass ich die Drehung im Schlüsselloch vollendet hatte. Ich blieb eine Weile stehen und blickte hinein. Natürlich war das Zimmer nicht auf dem neuesten Stand, das hatte ich auch kaum erwartet, aber es war längst nicht so schäbig, wie ich es mir vorgestellt hatte, es roch nach uraltem Holz an nassen Stein. Als ich hineingegangen war und die schwere Tagesdecke weggezogen hatte, kam ein gestärktes, aber gilbes Bettzeug zum Vorschein, etwas feucht verströmte es denselben modrigen Geruch, der den Raum dominierte. Weil er darauf zu warten schien, hier herauszukommen, öffnete ich das beinahe blinde Fenster über dem Bett, dessen Scheibe mit Schlieren und Einschlüssen in Bleistegen gefasst war.

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