Schmerzlindernde Kanzblume

Ich bin im Schloss gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flussrand, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, lässt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.

Die Novelle: Hört es sagen, von der abgerollten Rolle gelesen; (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlass (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin, die unter dem Rhetor noch andere Rotuli enthält, frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

Fast wäre ich es gewesen, der es versäumte, dich reich zu illuminieren. Vom Tal zur Höhe ist es nicht einmal halb so weit wie gedacht, die Abkürzung ist nur ein vorübergehender Schwindel. Das Anrecht, mit den Fingern im Nacken zu graben, hat der Sturm. Schwarz ist die Wolke, schwarz das Licht.

Man kann diese Hände, die aus dem Mauerwerk ragen, nur schütteln, sehʼn kann man sie nicht.

Also: Wieder Nacht; wieder Schlaf – und immer so fort. Die Träume, die ich mir nicht merken kann, lasse ich mir wiederholen. Es bringt hingegen nichts, sich den Tag zu merken, das ist mehr was für die Kleinen, deren Tage randvoll sind mit Ungereimtheiten der eigenen Existenz. Dieser Überfluss, der in die Gräben rinnt, dieser fett sprudelnde Oneirokritikon (wenn so ein Fluss hieße, heißt das); und irgendwo ist immer Licht. Die gebeugten, die gebückten Szenen, würdelos angeflimmert. Ich erinnere mich nicht, ich müsste raten. (Wie du weißt, will ich nicht wirklich wandern, nur Ferngehen ist mein Ziel).

Garn – Garn – Garn

Der Winter schnitt mir Scheiben aus dem Geist und legte Erinnerungen hinein. Wollte ich diese Geschichten erfinden, ich hätte es nicht gekonnt. Michels traf ich nie, aber Hohenner schnürte meinen linken Daumen wieder zusammen, als ich im Rattensteinbruch in eine kaputte Colaflasche fiel. Er musste bereits als Greis aus seiner Mutter evakuiert worden sein. Ich hatte mich gegen die Spritze direkt in die Wunde gewehrt, mit kläglichem Erfolg. Ein andermal schnitt mir die Brotmaschine einen anderen Finger beinahe ab. Aber jetzt kannten wir uns. Ich wusste nicht, dass er mir lieber die Augen verarztet hätte (oder war das Einbildung?), einer, der den Perlen verfallen war, die in Gesichtern glänzen.
Garn – Garn – Garn – ist alles was ich habe.
Garn – Garn – Garn – ist alles, was ich brauchʼ!
Die Tore nach Raha waren nie ganz geöffnet, aber auch nie ganz geschlossen. Wenn die Geschwindigkeit stimmt, sieht man die Zukunft nahen. Es ist ein Spiel der Philosophen. Bin ich am einen Ort, will ich zum anderen.

Ein Schneedämon, der sich von Fleisch ernährt, um danach in die Wälder zu verschwinden, um sich das eiskalte Schnütchen mit jungen Fichten zu putzen, quergelegt und weich. Die Förster hielten das abgescherte Bäumelein für Windfraß, das Schneelager für Holles Bettenzelt, das Bluträtsel für füchsisches Treiben, das Kochfeuer für Magie. Man erzählte es nicht in der Kneipe, sagte nicht: Ich habe heute im Wald einen Herd entdeckt, Nierengulasch war noch übrig, aber ich wollte nicht riskieren, dass dieser weiße Riese erwacht und mir vielleicht Lungen und Herz abfrühstückt.

Yuggoth 34 – Rückeroberung

ubersetzung
Yuggoth

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Derleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971. Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

FUNGI FROM YUGGOTH (Übersetzt von Michael Perkampus)

Der Weg führte durch eine dunkle, halb bewaldete Heide,
In der sich moosgraue Felsbrocken über das flache Land erhoben,
Und sonderbare Tropfen, beunruhigend und kalt,
Sprühten von den Klüften aus unsichtbaren Strömen unter uns nach oben.
Es gab weder Wind noch irgendeine Spur von Geräuschen
In den rätselhaften Sträuchern oder einem der fremdartigen Bäume,
Da war nichts zu erkennen, bis sich plötzlich,
Direkt vor mir, ein monströser Hügel zeigte.

Seine steilen Seiten ragten bis halb in den Himmel hinauf;
Mit Gras bewachsen und von einer bröckelnden Lava-Treppe durchbrochen,
Deren Stufen für menschliche Tritte zu groß waren,
Wand sie sich zu dieser schrecklichen Höhe hinauf.
Ich schrie – und wusste mit einem Mal, welcher Ur-Stern und welches Jahr
Mich aus der Traumsphäre der Menschen zurückgesaugt hatte!

Yuggoth 33 – Hafenpfeifen

ubersetzung
Yuggoth

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Derleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971. Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

FUNGI FROM YUGGOTH (Übersetzt von Michael Perkampus)

Über alte Dächer und längst verfallene Türme hinweg
Singen die Hafenpfeifen die ganze Nacht hindurch;
Die Rachen fremder Häfen und Strände weit und weiß,
Und fabelhafte Meere, die mit dem Klang gemischter Chöre anbranden.
Jeder dem anderen gegenüber fremd und unbekannt,
Doch alle sind verbunden durch eine im Verborgenen wirkende Kraft,
Die aus den brütenden Klüften des Zodiakkurses
Ein mysteriöses kosmisches Summen verlauten lässt.

Durch schattenhafte Träume senden sie eine Wegbeschreibung
Zu noch schattigeren Formen und Andeutungen und Ansichten;
Echos von äußeren Leerräumen und subtile Hinweise
Auf Dinge, die sie selbst nicht zu beschreiben wissen.
Und stets unter dem Einfluss des Chorgesangs, leicht gedämpft,
Fangen wir einige Noten auf, die kein irdisches Schiff je von sich gab.

Eine Künstlerin der Selbstkasteiung

Langform

Vorher: Das Bielehaus

Sieben Jahre lang hatte ich nichts von ihr gehört, sie nicht gesehen. Es war, als wäre mein Ende gekommen, als wäre es schwer und schnell gekommen, als würde eine Tonnen schwere Bleikugel zu lange über mir schweben. Gespenster eines weiten Landes prozessierten in einem sich windenden Grau, verschwanden darin, schlummerten darin. In meinem Magen behielten sie Zerberusanteile, Sümpfe und stehende Kloaken zurück. Land nimmt auf, Land speichert Land, Zeiten, Epochen. Ich denke daran, wie lange sie sich nicht bewegen konnte, eingesperrt in einem Karton. Sie malte Puppen, als der Winter schon vor der Tür stand. Es war kein regulärer Winter, keine Jahreszeit, die sich durch vier teilen ließ. Diese Puppen mit den klebrigen Abdomen, die sich gegenseitig ein Auge ausstachen oder sich mit riesigen Messern selbst in Teile schnitten, hatten ihr Aussehen über die Jahre kaum verändert. Sie malte sich selbst ohne Haare, aus ihrem Unterleib spritzte Urin und sie nahm alle Farben des Regenbogens an. Sie war eine Künstlerin der Selbstkasteiung. Auf diesem Wege gelangt, was übrig bleibt, schneller unter die nasse, schwere Erde.

Als ich sie besuchte, fuhr ich mit der Bahn in den Norden. Zwölf Stunden lang konnte ich keinen Platz ergattern und lümmelte auf dem Boden mit jenen, die ihre mit Bier gefüllten Rucksäcke langsam und beständig leerten. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, lag sie betrunken und nackt im Garten meines dreißigsten Geburtstagsfestes, sehr blass, wie aus Marmor geschlagen. Jemand trug sie die Stufen nach oben und legte sie in ein Bett. Der Retter wusste nicht, wer sie war, aber das wusste sie ja selbst zu keinem Zeitpunkt.

Sieben Jahre: In dieser Zeit erneuert sich der Körper vollständig, man wird ein anderes Wesen sein. Sie hat in dieser Zeit nur durch ihre Bilder gemordet; für die physische Klimax fehlte ihr die Kraft. »Ich male, wie du schreibst: von Verrat und Tod«, empfing sie mich in ihrer Kemenate. Der Boden war voller Glasscherben, Hautfetzen und Blut. „Ich erforsche das Leben nicht, indem ich in Leibern wühle, sondern in mir selbst.“ Sie wischte die purpurnen Lachen mit einem Kleid auf, das sie sich danach überstreifte. Ich leckte die Wunden ihrer Beine, das war die einzige Körperlichkeit, die sie duldete. Das Messer, die Scherben, die Zunge.
Danach fuhren wir ins Krankenhaus, um ihre Schnitte nähen zu lassen.

Gestern zur Geisterstunde sah ich mich erneut in diesem Zug, der nach Gefängnis stank, fahren. Solange man unterwegs ist, kann man sich nicht auf die Festigkeit des Körpers verlassen. Alles ist vage, und die vorbeirauschende Landschaft zeigt, wie Veränderung aussieht.

Yuggoth 32 – Entfremdung

ubersetzung
Yuggoth

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Derleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971. Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

FUNGI FROM YUGGOTH (Übersetzt von Michael Perkampus)

Sein fester Körper war nie weg gewesen,
Denn jeder Lichtstrahl fand ihn morgens wie gewohnt,
Doch sein Geist ging jede Nacht auf Reisen
Durch Klüfte und Welten, die weit entfernt des Gewöhnlichen lagen.
Er hatte Yaddith gesehen, und blieb bei Verstand,
Kam auch sicher aus Ghoor zurück, wo doch
In einer stillen Nacht aus dem gekrümmten Raum
Ein lockendes Pfeifen aus dem Nichts dahinter drang.

In dieser Nacht erwachte er als alter Mann,
Und erblickte nichts, das er kannte wie zuvor.
Dinge schwebten nebulös und undeutlich umher –
Trügerische phantomhafte Belanglosigkeiten eines größeren Plans.
Sein Volk und seine Freunde sind jetzt ein fremder Pulk,
Zu dem zu gehören er vergeblich sich müht.

Yoggoth 31 – Der Bewohner

ubersetzung
Yuggoth

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Derleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971. Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

FUNGI FROM YUGGOTH (Übersetzt von Michael Perkampus)

Es war schon alt, als Babylon noch jung;
Niemand weiß, wie lange es schon unter diesem Hügel ruhte,
Wo unsere tastenden Schaufeln schließlich seine Granitblöcke befreiten
Und uns wieder zur Ansicht brachten.
Es gab breite Gehsteige und Grundmauern,
Und zerbröckelnde Platten und Statuen, geschnitzt,
Um fantastische Wesen aus einer längst vergangenen Zeit zu ehren,
Weit hinter allem, was der Mensch erinnern kann.

Und dann sahen wir diese Steintreppen,
Die uns durch ein verschlossenes Tor aus Dolomit
Zu einem schwarzen Hafen der ewigen Nacht geleiteten,
Wo ältere Zeichen und Urgeheimnisse nur die Stirne runzeln.
Wir bahnten uns einen Weg – aber rannten in panischem Schrecken,
Als wir von unten dieses klumpige Stampfen vernahmen.

Sterbender Stern


Sie hielt einen sterbenden Stern mit ihren Fingern fest und hauchte Worte, die im Atem schwangen. Sie könnte sich aus Stein befreien; wenn sie wollte, könnte sie den Stern zu neuen Lichtern führen

Kirschlippenbrand

Auf der Suche nach Zuckersuperlativen
kam ich an Feldern vorbei, deren Ränder
mich einluden, den Rüben lauter neue Namen zu geben –
ich aber ging weiter zu den Zuckerhöckern,
die unter dem Kandis-Himmel in die Höhe reckten.
Oh Schlaraffenland der Sinne! Puderbauch! Kirschlippenbrand!

Das Leben ist nicht immer ein Fest

inspiriert wie eine trächtige Sau, Ferkel der Dichtkunst drücken auf die Blase, ich schneide die Intimbehaarung mit einer Nagelschere, pisse im sitzen, wie werde ich die Welt entgleiten lassen, die Zugmaschine anstoßen, damit sie den Rest allein erledigen kann, ich spüle
(oh wie es rauscht in meinem Kopf)
eine Kippe schwimmt ertrinkend Richtung Beckenrand, sie hat kaum noch Kraft, Schamhaarfetzen kringeln sich und hinterlassen im Wasser Abdrücke wie die Beine von Wassermücken
(der Wolf sitzt nicht mehr dort)
Bücke mich, bin mit der Scheißhausschüssel auf Du und Du, lasse das Bild auf mich wirken, Wasser sinkt langsam ab

-Wieso zappelt der Füsch so
die Kloake nähert sich wieder meinem Gesicht, unten am Rand hängt ein Rest Sauce fest, ich stelle mir vor, wie ich jemanden zwinge, diesen Rand sauber zu lecken, ich zwinge die Figuren, ihre Bestimmung aufzunehmen, bald, wenn ich hier fertig bin, René Crevel, der war Surrealist, er träumte und träumte und als es nichts mehr zu träumen gab, brachte er sich um
(der Irrsinn lauert in jedem Bettkasten)
sehr gut, ich habe ihren Namen vergessen, aber ich erinnere mich an ihr Postfach, gleich einen Brief aufgesetzt, von nun an schreibe ich Briefe
(aber Semiramis ist nicht Myrrha, ist nicht die Frau in den Wolken)
ich schreibe, Geliebte, ich schreibe an den Acker, die Bäume, ich schreibe

-Geliebte
die Reste, die wir zurücklassen nur ein Bild, nur uns nicht fern, Bewegung, die wir sind in einer staunenden Zeit, die sich selbst schon rühmt, der Liebe ihre Attribute beraubt zu haben, so schöne Körper nur nacktes kaltes Fleisch, wir aber, einander zugewandt, selbst wenn wir uns drehen sehen wir uns an, auch wenn wir gehen treffen wir uns wieder, auch wenn wir fallen durchdringen wir uns, und ein Trank fließt in uns, wir befeuchten die Lippen mit uns, ich möchte dich berühren mit Händen, die ich nur deshalb habe, um dich berühren zu können, damit ich deine Sinne streifen und in dir eine warme Glut entfachen kann

-Geliebte
dass ich dich mit jeder schönen Blume vergleichen will, lässt mich auf den Frühling warten in bald angespannter Form, in der ich jedweden Sonnenstrahl bei seinem Erscheinen für dich grüße, hinauszueilen mir erlaube in die unberührten Knosperien, deren wonnigem Schaustück ich bei ihrem Erwachen Gesellschaft leiste so als kämst du zu mir, wie dein Atem sammelt sich der Tau, dein Atem, der mich weckt aus jedem Schlaf, doch im Träume fest belässt, im Traum von dir so nah, daß du schon zu berühren bist von meinen flitternden Händen, ich muss mich kaum viel strecken, wie alles an dir süßem Honig gleicht, der noch in den Waben ruht, bewacht von herrschaftlichen Bienen, nur den für dich gelten lässt zu naschen, der dich berührt ohne dich zu halten auf deiner Reise durch den Blütenstaub, dich aber, Fernste, habe ich nie gehabt, wenn auch ich alle Anderen hatte, die dem Kohlenkeller eignen, die mir Romanzen tanzten und die mich dich vergessen suchte bevor ich dich noch kannte, so unerreicht, weil du wohl einem Stande zugesprochen warst, und unerreicht, weil all die Kurzweil, die dort an deinem Hofe dich umgibt, dich kaum über den Sänger denken lässt, der dich besingt, du aber, fernste, machst mir alle anderen Spreu, und so frage ich das Sternbild meines baldigen Grabes, ob ich nur zur Erde war, um zu erkennen, was für immer nicht für mich bestimmt

-Das Leben ist nicht immer ein Fest
ich dringe vor ins Absurde dieser Welt, halte mich an den Grenzen auf ohne Geld wechseln zu müssen, bemühe mich, zu beobachten, die Bewegungen sind grotesk, das darin Gesagte von einem ungleichmäßigen Sinn, man kann sich nie sicher sein, gelebt zu haben, oder, wie Márquez sagt, unser Leben ist nicht das was geschah, sondern das, was wir erinnern und wie wir erinnern, ich denke mir alle Menschen plötzlich weg, und in fünfhundert Jahren, wenn sich die Natur alles wieder zurückgeholt hat, wie etwa Palenque in Yucatan, dann stelle ich mir vor, wie Lloyd Stevens 1839 erstmals vor den Maya-Tempeln zu stehen
(die Ängste, die mich beim Auffinden unserer Zivilisation überkämen, wären dann mein Indikator)
auf diesem steinigen und dörren Anwesen in Hardheim im fränkischen Odenwald, dort sitz ein Mädchen

-Oh Madeleine Ledoyen
du trägst ein luftiges Kleid, ich wünschte, es wären Fetzen, als ich dich fand, da wartete ich auf das Täubchen, das ich für einen Engel hielt, als du mit mir gingst, erkannte ich Myrrha wieder, die du mir verschwiegst

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