Jeder Spuk ein Manifest

Ich weiß nicht, ob es hier begann. Denke ich darüber nach, gibt es weder einen Anfang noch ein Ende, nur die sichere Entropie.

Jeder Spuk ist, für sich genommen, ein Manifest der Aufzeichnung gewaltiger Gefühlsregungen, die im Augenblick des äußersten Schreckens eine unauslöschliche Spur hinterlassen. Aber auch die Zeugnisse, die nicht der Tragödie oder dem Grauen entspringen, sind noch vorhanden. Sie sind nur nicht dazu gedacht, wahrgenommen zu werden, damit die schwarzen Blüten selbst besser zur Geltung kommen. Doch diese Spielart der Ewigkeit ist nichts im Vergleich zu jenen Vorkommnissen, die keine andere Neigung zu haben scheinen, als die Tore ins Chaos zu bilden – hinaus und hinein. Diese Tore haben eine ähnliche Funktion wie das Filtersystem, das unser Bewusstsein vom Unterbewusstsein trennt. Es ist eine Sache, über die Möglichkeiten der Materie zu sprechen, aber es ist etwas völlig anderes, über die Möglichkeiten des ganzen Universums zu sinnieren. Möglichkeiten, die nirgendwo anders hinführen als in den Wahnsinn.

Flüssiges Gemälde

Unter meinem Bild verschwimmt die Farbe. Ich habe dir von dem Bild erzählt, aus dem polimentvergoldeten Rahmen gelaufen, der nicht mehr fasst, was in ihm vor Kurzem noch hin und her geschwappt ist: Ein flüssiges Landschaftsbild, stets neu geschaffen, von der Erinnerung vergrault, aber auch bewahrt. Ich bin der Pinsel, der den locus amoenus nicht vom locus terribilis zu unterscheiden weiß; von Fingern aufgerappelt fahre ich über die Mittelgebirgszüge, füge Stufen und Gefälle ein, hinterlasse Lücken. Ich bin ein Pinsel aus Lehm. Im Schatten der Naturgewalten: Ein Antlitz ganz ohne Mund, hingeschmissen von Händen aus Staub, gezimmert aus Knochen, ohne ein Dach, auf das es regnen könnte. An den Wänden meines Hauses: Bildmetaphern ohne Mund. Doch die Mauern wurden einst von ihrem Geist geküsst. Nie hat ein Maler sie gemalt, nie hat ein Tänzer sie umschlungen, nie hat man sie bei Tag gesehn, nur dieser Mond schlug ihren Schatten auf ein flüssiges Gemälde.

Morena

Morena erschien mir von unserer ersten Begegnung an als eine überirdische Schönheit, und es darf nicht verwundern, dass sie, die auf einen uralten Stammbaum zurückblicken konnte, im besten Alter für eine Frau, noch nicht geehelicht wurde. Merkwürdig waren die Geschichten, die man sich über ihre Schönheit erzählte, und erste ernstgemeinte Avancen kamen wohl aus Furcht nicht zustande, denn man wusste in den sie umgebenden Kreisen sehr wohl, dass man sich immer auch den Ahnen zu stellen hatte, die das Geschlecht einst groß gemacht. Wehe dem, der sich nicht als würdig erweisen sollte, der zögert, wenn es gilt, nach vorne zu stoßen, oder der, andersherum, voller Übermut eine ganze Bresche allein zu füllen versucht. Ich war weder von der einen noch von der anderen Sorte und wurde wohl von ihr angehört, weil ich weder stürmte und drängte, noch die übliche Furcht vor ihrer Aura zeigte. In ihrer Nähe wurde ich stets von einer Kraft erfasst, die mir ermöglichte, philosophische Höhen zu erklimmen und etwa über Jakob Böhme, der bei diesen Gesellschaften zu dieser Zeit gern diskutiert wurde, zu parlieren, als wäre ich je ein Studiosus gewesen und hätte die Aurora nicht nur gelesen, sondern verstanden. Morena bedachte mich dann mit Blicken, die mich aufforderten, nur weiter so kühn von der alchimistisch-poetischen Machart zu sprechen und gerade den Gedanken vom Widerspruch als ein notwendiges Moment weiter zu verfolgen. So sprach ich oft vor ihr und ahnte nicht, dass ich gerade das, wovor sich die meisten fürchteten, heraufbeschwor.

Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.

»Ich habe nie …« Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.

Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.

Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.

Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).

Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.

Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden es nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.

Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …«
Was wollte ich sie fragen?

Yuggoth 36 – Fortbestand

ubersetzung
Yuggoth

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Derleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971. Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

FUNGI FROM YUGGOTH (Übersetzt von Michael Perkampus)

Es hält sich in bestimmten alten Dingen die Spur
Eines schummrigen Wesen – mehr als Form oder Gewicht;
Ein dünner Äther, unbestimmt,
Und doch mit allen Gesetzen von Zeit und Raum verbunden.
Ein zartes, verschleiertes Zeichen des Fortbestands,
Den der Blick von außen nie ganz erkennen kann;
Von verschlossenen Dimensionen, in denen Jahre vergangen sind
Und erreichbar nur für jene, die verborgene Schlüssel tragen.

Es bewegt mich am meisten, wenn schräge Sonnenstrahlen
Auf den alten Farmgebäuden glühen, die sich gegen einen Hügel drängen,
Und des Lebens Konturen sich darauf abzeichnen, wie es
Vor Jahrhunderten war, ein noch schwächerer Traum als der uns bekannte.
In diesem seltsamen Licht habe ich das Gefühl, dass ich nicht weit
Von der Manifestation entfernt bin, deren Flanken das Alter selbst sind.

Yuggoth 35 – Abendstern

ubersetzung
Yuggoth

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Derleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971. Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

FUNGI FROM YUGGOTH (Übersetzt von Michael Perkampus)

Ich sah es von jenem verborgenen, stillen Ort aus,
Wo der alte Wald die Aue fast umschließt.
Es strahlte durch die ganze Pracht des Sonnenuntergangs –
Anfangs spärlich, aber mit einem langsam aufhellenden Gesicht.
Die Nacht kam, und dieses einsame, bernsteinfarbene Leuchtfeuer
Pulsierte bei meinem Anblick wie nie zuvor;
Der Abendstern aber war durch Stille und Einsamkeit
Noch tausendmal gespenstischer geworden.

Er zeichnete seltsame Bilder in die bebenden Luft –
Unvollständige Erinnerungen, die meine Augen schon immer vor sich sahen –
Riesige Türme und Gärten; seltsame Meere und Himmel
Eines düsteren Lebens – ich konnte nie sagen, woher.
Aber nun wusste ich, dass dieses Strahlen durch die kosmische Kuppel
Aus meiner fernen, verlorenen Heimat nach mir rief.

Langsame Vorbeifahrt

Alles rinnt mit der Zeit den kosmischen Bach hinunter. Das gilt ganz besonders für ein lumpiges Leben.

Eigentlich wäre die Dame fast ersoffen, wenn nicht ein Lastwagen sie herausgezogen hätte, als schon der Sumpf derart nach ihr gierte und demzufolge um sich griff, um sich das lebendige warme Fleisch zu greifen. Feuer und Hunde in weißem Taft, wenn man die Augen schließt, Plüschbalkone ringsherum.

Als ob sie den Gesang studierten, schrien die Pärchen, die sich dort sonnten, ihre formanten Töne ineinander, erschufen Klangquadrate und Sinuskurven voller Zauber.

An den Händen, die aus dem dickflüssigen Meer ragten, erkannten sie sich wieder. Die Hände, mit denen sie sich besprochen hatten unter dem Einfluss der deformierten Sekunden, die wie Seifenblasen laut schmolzen, Speichel zurück ließen, kenterten.

Die Sätze wachsen wasserlos, sind Waisen ohne Quelle; morgen sagt sie ein anderer, jetzt aber konzentriert sich der Insekteninstinkt auf die Beute. Schmerz des Hungers, Wahn der Lust.

Es ist nicht einerlei, was das Spinnentier sagt. Die Kleider klebten an ihr und durch ihre Poren drückten sich Moose, Schleimsand, Kraut, die Augen riesengroß, schwarz, rund: oxidierte Schädeldecke; ihre dünnen Stelzen bohrten sich in die Erde, mit halber Kraft voraus.

Der Lastwagen beschleunigte sauerstoffgegräßig, sie fasste die Anhängerkupplung; voller Schmiere das starke steife Stück. Zwischen ihren Fingern glibschte das Maschinenöl, spritzte ihr Reste ins Gesicht, der Auspuff föhnte ihr Haar zu einer ehernen Skulptur nach hinten.

Als sie dann auf der Straße lag, keuchte das dunkle, fordernde Loch mitten in ihrem Gesicht. Autos hupten in langsamer Vorbeifahrt. Sie gehörte niemandem, sie gehörte jetzt niemandem mehr.

Die Ankunft des Genies

Wild kam der Mond um die Ecke gerudert, eine farbige Wolkenbank dazu nutzend, nicht in die schattigen Giebel der Häuser zu donnern. Er war eindeutig zu schnell, das Himmelzelt glatt um diese Zeit. Dann aber fing er sich, zunächst in den Ästen der alten Ulme, die, unsichtbar, weil unter der Erde, mit ihrem Wurzelwerk den Fluss vorwärts trieb, und trat dann, Halt gefunden habend, seinen abendlichen Dienst an. Der gute Nachtwächter, ein verlässlicher Kumpan der leeren Räume da oben, entdeckt so manch frivoles Geschehen, aber er schweigt als Lampe und als Geheimnisträger. Cornelius dient er als Grund dafür, wach zu liegen.

einst fror
ein Stein mit seiner Brut
und log
das Alter an, will mich
zur Feuerstelle quälen
ein Tropfen
Flammenhaar

»Wörpünnich?« Was; mein Maul wie zugenäht?! Wie Honig, der die Waben hält, das Kupferleuchten: Wachs-nichts-als-Wachs! Dann aber hülft ein kleiner Spotze=Strudel, schon gehtʼs besser: Wer also … »bin ich?«
Ich sehʼ doch, wie du da im Kessel rumwalkst; antworte mir!
Die Ankunft des Genies: 3 Tage focht man um das Kind, das ganz blau von Atemnot ins Jammertal des Lebens kroch – und wirklich kann man von kriechen sprechen – ›Ich hab ein Kind gekriecht‹ –, sozusagen; oder auch: ›Das Kind – ein Krieg!‹
Asphyxisches Wunder in der unhygienischen Wochenstube, in der die Schneeschlappen trocknend herumlagen, was bist du ein garschtʼges Leben! Willst neues Leben willkommieren und statt warmholder Paradiesik istʼs, als gebäre man im Scheißhaus des ganzen Universums. Aber: ein Genie! – man siehtʼs schon an den schwarzen Augen!
Die Physiognomie der Böhmen, die Gestalt großer, unbeirrbarer Bäume; ein Egerländer auf altfränkischm Bodn. Der Vater: Damenschneider der Franzosen, so dass der Bub das Dämelgen ›Grippe‹ (Gripine von Lyon) beinahe einmal nackert zu sehen bekam.
Das Verbotene hangt an uns wie eine ewige Versuchung. Und wenn wir uns gegen das Elysium nicht wehren, baden wir alsbald im Wein.
Wenn das Schöne die Verdammnis ist, dann bin ich gern der Heizer der Höllengestade! Mein Sinn geht nach Wärme und den schmackigen Schenkeln, aber freilich werd ich mein Zimmer in einem Herzen nehmen, verantwortlich sein für das rosane Blut in den Lippen der schwellenden Jungfrau, der ich beiwohne. Wann ich nur erst Alchymist geworden!

Das Schneeberg-Habitat

Hoch auf den Schultern des Landes saß der Berg, so dass er noch ein Stück höher reichte und deshalb auch mehr sah. Wenn er sich bewegte, tönte aus seinem Inneren ein heulender Ton, ein Schnaufen lang zurückliegender Zeiten. Es gab kaum Platz an seinen starken Flanken, kaum ein Emporkommen an den Splittern seiner Gegenwart, und seine Krallen waren finstere Bäche, die in Kavernen hinabstiegen und nicht an den Wiesen interessiert waren, die ihnen schöne Augen machten und über Nacht verschwanden. Sie stiegen in ein anderes Tal und brauchten nicht lange für ihre Entscheidung.

Ein Ornament, schöner als ein Filzhut, blieb zurück und drückte sich tief in die Erde, die die Stirn zu runzeln verstand. Diesen Berg bestieg ich aufgrund einer Vorahnung, ein Zeichen, das ich am Grunde eines Suppentellers sah. Es könnte Regen geben und es könnten sich neue Bäche bilden, es könnte ein neues Feld entstehen, abstrakte Muster, die zu lesen waren, wenn der Gipfel nichts dagegen hatte, wenn die Turbulenzen etwas nachgelassen hatten. Noch war die Zeit nicht vorbei, Zöpfe pilgerten die Wangen entlang, blaue Augen starrten in die Nacht aller Nächte hinaus. Ein Bild keiner Sonne. Ein eingerahmter Pflug. Das Schwert vergessener Fahrten. Noch zürnten die heißen Lippen, aber schon tranken sie die nächste Tasse eines fürchterlichen Wimmerns. In den Hütten blieb es still. Der Schlaf ging um und rührte nicht an den Geheimnissen, den unverschlossenen Türen, die in kleine unbenutzte Kammern ohne Fenster führten. Auch dort hingen die Träume bündelweise von der Decke, jeder von ihnen mit einem Preisschild versehen.

Mitternacht in einer perfekten Welt

Am 18. März 1856 löste eine Magd, die einen Brief, der ihr zu Boden gekullert war, suchte und dabei die Kerze verlor, den › Selber Brand‹ in ihrer Stube aus. Dabei dachte sie nicht an die ›Pudding Lane‹, Herrschaften, sondern an ihren Goich, den man auch ›Höllengoich‹ – Freier der Mägde – nannte.

Weiterlesen

Schmerzlindernde Kanzblume

Ich bin im Schloss gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flussrand, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, lässt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.

Die Novelle: Hört es sagen, von der abgerollten Rolle gelesen; (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlass (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin, die unter dem Rhetor noch andere Rotuli enthält, frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

Fast wäre ich es gewesen, der es versäumte, dich reich zu illuminieren. Vom Tal zur Höhe ist es nicht einmal halb so weit wie gedacht, die Abkürzung ist nur ein vorübergehender Schwindel. Das Anrecht, mit den Fingern im Nacken zu graben, hat der Sturm. Schwarz ist die Wolke, schwarz das Licht.

Man kann diese Hände, die aus dem Mauerwerk ragen, nur schütteln, sehʼn kann man sie nicht.

Also: Wieder Nacht; wieder Schlaf – und immer so fort. Die Träume, die ich mir nicht merken kann, lasse ich mir wiederholen. Es bringt hingegen nichts, sich den Tag zu merken, das ist mehr was für die Kleinen, deren Tage randvoll sind mit Ungereimtheiten der eigenen Existenz. Dieser Überfluss, der in die Gräben rinnt, dieser fett sprudelnde Oneirokritikon (wenn so ein Fluss hieße, heißt das); und irgendwo ist immer Licht. Die gebeugten, die gebückten Szenen, würdelos angeflimmert. Ich erinnere mich nicht, ich müsste raten. (Wie du weißt, will ich nicht wirklich wandern, nur Ferngehen ist mein Ziel).

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.