So kam es

Wir driften im wasserblauen Ozean
in wasserblauen Blumen fort von
allen Leibern, die wir bewohnt, die

wir an Tische setzten, und manchmal
kam uns das nur so vor. Aber eines
war unaufhaltsam aus uns geworden:

das Rinnsal, der Spuk, oder die
Bresche, die fast ausschließlich mit
wütenden Lücken gefüllt sich fand.

This is how it happened

We drift away in the water-blue ocean, 
in water-blue flowers, from
all the bodies we have inhabited,

which we set at tables. And sometimes
it just seemed that way. But one thing
had become unobtrusive:

the trickle, the haunting, or the
breach that found itself filled
almost exclusively with angry gaps.

Schluchten

Zerrüttet ist das Schiff
zersprungen an der Kehle
Ein
Gigant
der außer sich
die Taue kämmt

Eine Zahl wievieler Welten, den Nordwind
unterm Hemd, das den Applaus beginnt.
Beschwert sind die Lider, geduckt die Membran
wo Aberwitz ins Tal gelassen

Möchtest du deine
Schluchten schluckend schlürfen?

Und sie tanzten einen Tango

K. rümpfte die Nase, als er sah.
Vorher hatte er gut zu tun gehabt, aber sein Nasenwerk hielt die Balance. Niemand sollte ihn je von der Seite sehen müssen.
Ein frontales Gemetzel war ein Ereignis. Und oftmals gingen die Lieder aus und konnten kaum von den Umstehenden nachgefüllt werden.
Der Tanz der Säbel etwa. Da schnitten sich manchmal welche in mehrere Teile
und die Teile, die dann tanzten, waren schon längst in einer anderen Dimension zuhause.
Die Erde lechzte nach etwas verdorbenen Brei, in dem das Blut ein Stelldichein mit dem Sonnenlicht hatte.
Und sie tanzten einen Tango. Die Töpfe rasselten eine Habanera.

Salz

Originalgeschichten

Mein Mann schreibt die Namen seiner neun Dämonen auf Post-it-Zettel und verbrennt sie in der Küchenspüle. Er isst nur Äpfel.

Ein Apfel pro Tag wird sie fernhalten.

Da spricht der Arzt, erinnere ich ihn.

Es ist alles das Gleiche.

Ein Priester schickte uns Weihrauch und Weihwasser und Abschnitte seines eigenen Bartes. Dieser Priester hatte im Internet gute Kritiken, aber er ruft mich selten zurück. Also bin ich auf mich allein gestellt.

Ich google Exorzismus mit Weihwasser.

Ich suche nach In Zungen sprechen

und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

und Bleivergiftung.

Ich suche Selig, die reinen Herzens sind und lande irgendwie in einem Chatroom über Borreliose. Zuerst sind alle im Chat höflich. Dann fangen sie an, sich gegenseitig zu beschimpfen, und das macht mir Angst. Trotzdem suche ich den Körper meines Mannes nach Zecken ab und kämme mit einem Zahnstocher durch sein schütteres Haar, bis er in meinem Schoß einschläft.

Heute springt mein Mann auf unserem Bett herum und lacht wie ein Schakal. Er scheint meinen Namen vergessen zu haben. Er nennt mich Persephone und bittet um Granatapfelkerne. Und natürlich um mehr Äpfel.

Das Wort Liminalität ist mit schwarzem Filzstift an die Wand gekritzelt worden. Ich frage mich, wie ich das dem Vermieter erklären soll. Es ist ein Wort, das nach einem Kontext verlangt, aber ich habe keinen zu bieten.

Schließlich ruft der Pfarrer mitten in der Nacht an und entschuldigt sich für seine verspätete Antwort. Er sei damit beschäftigt gewesen, für eine Wende des Hurrikans zu beten.

Vater? Darf ich Sie Vater nennen? Ich muss ein Geständnis ablegen. An der Universität, erkläre ich, lagen wir auf den Gräbern von Bürgerkriegsgenerälen und verwesenden Dichtern. Wir gossen uns ein großes Glas mit dem Blut Christi ein und nahmen es mit in unser Waldbett aus Blättern und Stroh. Sehen Sie, das ist alles meine Schuld. Seine Mutter packte Knoblauch in seine Taschen, aber ich hielt das für ein Ammenmärchen. Ich wollte eine frische, himmlische Frau sein, die nichts als die neuesten Ängste kennt. Ich versprach, ihm Salz auf die Stirn zu streuen, aber ich befürchtete, dass er dadurch vor seiner Zeit alt werden würde.

Wenn du wieder ganz sein willst, schwenke ein rohes Ei über seinem Körper. Knüpfe sieben Knoten in ein Stück Schnur und vergrabe es.

Es ist nicht mein Land, sage ich. Es ist das Land unseres Grundbesitzers.

Oder ist es das Land des Herrn?

Dann ist er verschwunden.

Am nächsten Morgen kommt mir unser Gespräch wie ein Traum vor. Ich bin im Garten und grabe, als ich einen Hilfeschrei höre. Ich gehe zu ihm. „Was ist los?“ Mein Mann sieht verwirrt aus. Er kann sich nicht erinnern, ob er mich braucht. Er kann sich nicht erinnern, ob er mich jemals gebraucht hat. Da ist es wieder. Es sind nur die Paarungsrufe der Pfaue des Nachbarn, die sich jeden Februar gleich anhören. Im März werden sie es vergessen haben.

Ich werfe die verknotete Schnur und das Ei hinein. Aber das Loch verlangt nach mehr: Jack Daniels und alle unsere scharfen Messer und seine Büchersammlung. Die satanischen Verse. Grashalme. Dieser Perverse, Nabokov. Dante, weil ich auf seine Bestrafungen scheiße.

Später sitze ich in einer leeren Badewanne. Hey Siri, wer wird die Erde erben?

Es hat nicht geklappt, flüstere ich ins Telefon, als der Priester anruft. Als Beweis zähle ich all die üblen Namen und Anschuldigungen auf, die mein Mann mir entgegengeschleudert hat. Ich krame ein paar meiner eigenen aus. Es tut mir so leid. Ich bin nur müde. Es sind diese langen Nächte. Ich kann nicht schlafen, weil ich immer auf Ihren Anruf warte.

Der Priester wechselt das Thema. Heute legte er einer Frau die Hände auf, die nicht aufhören konnte, Dinge anzuzünden.

Hat es funktioniert?

Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Er klingt ziemlich selbstgefällig. Oh, und was den lieben Ehemann angeht: Füttern Sie ihn mit den Namen von Heiligen auf Reispapierstreifen.

Damit ich schlafen kann, liest er aus der Offenbarung vor. Ein rotes Pferd, ein weißes Pferd, ein aschfahles Pferd.

Ich träume vom Priester, der mir die Hände auf den Unterleib legt, und wache stöhnend auf.

Es ist Morgengrauen. Die Pfaue sind in heller Aufregung.

Mein Mann verschlingt alle Heiligen, spült sie mit Milch herunter. Er hustet den heiligen Antonius und den heiligen Augustinus aus. Sogar den Heiligen Judas, den Heiligen der hoffnungslosen Fälle. Ich rufe den Priester an, um ihn zu fragen, warum der Körper meines Mannes diese Heiligen ablehnt. Sein Anrufbeantworter ist voll, aber ich sehe, dass er politische Memes kommentiert hat. Während wir sprechen, tippt er gerade.

Ich bin sicher, dass die Pfaue um Hilfe rufen. Ich halte es nicht mehr aus, also packe ich meinen Mann und einen Sack Äpfel ins Auto. Als wir die Küste erreichen, rezitiert er Edna St. Vincent Millay. Wir blinzeln auf das Meer.

Ich lege neun Äpfel auf ein Handtuch. Sie heißen Redlove und Hidden Rose und Envy und Beauty of Bath und Glory to the Winners. Es gibt einen Apfel namens Liberty und einen Apfel namens Jazz. Ein Liebesbrief aus Äpfeln. Ich schicke ein Foto an den Pfarrer. Ich habe mir geschworen, es nicht zu tun, aber ich bin so einsam. Er antwortet: Was hast du getan, Tochter?

Mein Mann ignoriert die Äpfel. Wenn er sein Hemd auszieht, sehen seine Wirbel aus wie Perlen an einem Rosenkranz. Ich zähle jede einzelne seiner Rippen.

Er wandert den Strand entlang, und ich habe Angst, ihn zwischen all den Sandkörnern zu verlieren. Möwen kreisen. Seetangfliegen sammeln sich um die Äpfel, und ich lege meinen Körper über sie. Ich spüre meinen Herzschlag an all den Stellen, an denen die Äpfel auf meine Haut drücken.

Weit fort flirtet mein Mann mit dem Meer. Es schlingt sich um seine Knöchel. Es leckt seine Wunden. All die Stellen, an denen er sich mit einem Teppichmesser in die Haut geritzt hat.

Ich kann die Fliegen nicht zurückhalten. Ich werfe den Apfel, der Neid heißt, und sehe zu, wie sie hinabsteigen, während mein Mann unter einer Welle hindurchtaucht.

Wenn ich nur daran gedacht hätte, ein Ozean zu sein, hätte ich seinen Beleidigungen widerstehen können. Ich hätte seinen bösen Willen anmutig beherbergen können.

Ich selbst bin völlig ohne Salz.

Das Original erschien in The Blood Pudding. Übersetzt von Michael Perkampus.

Das verschluckte Wort, das doch Gesang sollt‘ werden

Ich will es mir einbröteln
du ächzt und tremulierst
stöhnst und quinkelierst

Schon versaumbartet, versaumbeutelt
versandet’s im geweh trällernder tränen
man weiß nicht gleich, ob’s geheult oder
hingelacht aus dem lustroten rosenmund
aussteigt, auf der Zunge schnaltzt's

benutzt den rachenlappen als trambolin
und weiß noch nicht, ob es gesagt sich
nennen lassen will

Und als vom g'sang ich schon ganz blöd
sitz' ich da und hör’ noch nix
weil’s sich in dich hineinverschluckt

– da kann der magen zürnen

und der darm peitscht wie ein lindenwurm
statt dass du’s heute hast gesagt
musst du es morgen scheißen

Kältekontainer (Reprise)

Der Todesnebel wuchert, und
die Schweineleiber erzittern in diesem Dunst.
Darunter liegt gefesselt die Nackte, tot ist sie noch nicht.
Ihre Gedanken schweifen in dieser merkwürdigen Stunde
einem Leben entgegen, das sie glaubt, einst gehabt zu haben.

Sie denkt: „War ich nicht ein Mädchen von stillem Gemüt?
Nie aufsehenerregend eilte ich um die Eckpfeiler eines ganzen Lebens,
durch die Tore hindurch, die von den Träumen gebaut wurden,
die gleichen, die mich in die Welt entließen.“

Dunkelheit der Seele

Als ich anfing, ist’s (dann doch) ein Köter geworden. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem ein oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es ist – dann doch) ein Köter geworden, den ich fand. Knochig und gelöst von Würmern und Dingen, die so bizarre Namen trugen wie Triosephosphatisomerase.

Er kam mit mageren Lenden, magerem Beinwerk, gar keine Macken außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er denn Zucker fand, zu einem Würfel zusammengehauft). Die Rippen eher die Adern eines Blattes, Spanten eines versunkenen Schiffes : so schritt er den Gurtbogen entlang des Tonnengewölbes, kratzte sich die Kehle frei und schmetterte wie ein Bügelhorn : Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich die Hand vor lauter Augen nicht mehr, so nebelicht scheint mir der Weg, versponnen mit der Dunkelheit der Seele!

Das Kriegspferd

Langform

Ich sah bei der Nacht, und siehe, ein Mann saß auf einem roten Pferde, und er hielt unter den Myrten in der Aue, und hinter ihm waren rote, braune und weiße Pferde. Und ich sprach: Mein HERR, wer sind diese? Und der Engel, der mit mir redete, sprach zu mir: Ich will dir zeigen, wer diese sind. – Sacharja 1:8

Während ich das hier niederschreibe, scheine ich in Sicherheit zu sein. Ich habe die Bilder nummeriert, auf deren Rückseite ich zwar nur wenig Platz finde, aber ich habe nichts anderes zur Verfügung.

Das Land, das ich beinahe ein ganzes Jahr mit einem Kriegspferd an meiner Seite durchstreifte, wurde zu einer verbotenen Zone erklärt; nicht weil man jemanden vor den dortigen Gefahren schützen wollte, sondern weil man den wissenschaftlichen Nutzen noch nicht gänzlich erfasst hatte.

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Seelen am Ufer des Acheron

Langform

Ich schreibe dies hier nieder, bevor ich endgültig Aufgabe übernehme, die Schatten über den Fluss zu geleiten, die den Fährmann nicht bezahlen können.

Vorher muss ich jedoch um Nachsicht bitten, denn im Schreiben bin ich nicht geübt, und so darf es nicht verwunderlich scheinen, dass ich dies als Bericht begriffen haben will, der keine literarischen Ambitionen hegt, auch wenn meine Worte noch so phantastisch anmuten mögen. Eine Moral habe ich euch nicht zu geben, denn die Dunkelheit in meinem Herzen macht mich für diese charakterliche Eignung blind. Ich kann nur sagen, dass ich außer diesem Schriftstück – ein Fragment meines Erblühens – nichts hinterlassen werde, doch die Möglichkeit besteht, dass wir uns eines Tages kennen lernen. Nämlich dann, wenn das Silberstück vergessen wurde. Diese Vertraulichkeit nehme ich mir heraus. Ich schlummere in den Schatten einer alten Mythologie.

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Die Gasse der sprechenden Häuser (Druckversion)

Langform

In meinem Zimmer gibt es keinen Tisch, an dem vier Stühle stehen könnten, in meinem Zimmer gibt es nichts. Das Zimmer ist nicht etwa leer, es ist vielmehr angefüllt mit allem, was nicht hier ist. Kein Tisch, kein Bett, kein Teller, kein Besteck. Es ist unmöglich, etwas hinein zu tun, etwa einen Stuhl, um darauf zu sitzen, solange ich hier bin. Um so mehr Dinge nämlich hereingebracht würden, desto mehr würde ich verschwinden, bis ich, wenn der Raum komplett ausgestattet wäre, mit allem, was man so braucht, mich völlig aufgelöst haben würde. Ich meine damit nicht etwa, dass man mich dann nicht mehr sehen könnte, dass ich unsichtbar wäre, nein, ich wäre ganz einfach nicht mehr da. Ausgelöscht. In diesem Zimmer hielt ich mich den ganzen Tag über auf und auch den überwiegenden Teil der Nacht. Ich verließ das Zimmer nur in den frühen Morgenstunden zwischen 2 und 3 Uhr, wenn mir die Existenz der Dinge am wenigsten Schaden zufügen konnte. Dann schlich ich düstere Wege entlang, verschwand mit den Schatten in Seitengassen oder durchwanderte die langgestreckte, unbeleuchtete Parkanlage. Der einzige andere Zeitvertreib war die Briefe zu lesen, die mir ein Unbekannter regelmäßig unter der Tür hindurch schob. Es war nie mein Bedürfnis, nachzusehen, wer mir die Briefe brachte. Ganz ruhig saß ich auf dem Boden und wartete auf die sich entfernenden Schritte. Erst dann ging ich hinüber, hob den Brief auf, der wie stets in einem strahlend weißen Kuvert, ohne Absender oder Adressat, geliefert wurde.

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