Licht

Sie drehte sich um und beobachtete, wie der Fremde an ihr vorbei ging,
fragte sich, was ihm zugestoßen sein mochte. Im anständigen Teil
der Stadt beteten sie die Wirklichkeit an. Es brannte nicht mehr, als er
einige Stunden später erwachte.

Der Groll, den sie sich schenkten

 

In dem Nichts aller Zimmer, aller Räume, in denen weder alte Geschichten
mit ihren formalen Resten noch intakter Wandschmuck ihre Aufwartung machten,
zündeten sie Kerzen an und besahen sich schnüffelnd Mäusedreck und
zerschundene Türstöcke. Sie wieherten wie Tiere in einer brennenden Asinerie,
teilten sich auf und vermaßen halb erstickt vor Wut auf sich selbst
das großzügige Untergeschoss mit den nassen Wänden, die den Erdhang
nur scheinbar davon abhielten, eines Tages neugierig, dunkel und schwer
in ihr Leben einzugreifen;

vielleicht sehnte man sich bereits nach der gähnenden Schlucht. Niemand
sah sie, auch ich nicht, niemand sah sie je ganz, in ihrem Geschirr, in ihrem Stall, in
ihren Heuboxen, dem Groll, den sie sich schenkten und in dem die vielen
Ornamente der Düsternis flackernd zerfallen. Jeder stürzte
für sich den darmartigen Tunnel, dem kleinen Gescheide entlang, während
traubenartige Auswüchse auf sie zueilten. Das Ende des langen Flusses
vor ihrer gläsernen Haustür war in weite Ferne gerückt, der Boden schwankte
wie ein trunkenes Schiff.

Man stolperte nicht nur einmal, hielt sich an den rebenartigen Gewächsen fest,
die eine zähe Flüssigkeit absonderten, die keineswegs an Wein erinnerte,
Seidensekrete mochten eine ähnliche Wirkung erzielen, denn es wollte kaum gelingen,
seine Finger wieder von den Webstricken zu lösen. Dann aber sah man
das Leuchten der Kerzen näher rücken. Die Mädchen setzen sich
auf den zerfurchten Boden, ihre tiefen, verborgenen Seelchen sangen Lieder, die sie
den Grashalmen abgehört hatten. Wenn morgen die Möbel kommen,
wird es wieder so sein wie früher. Sie schliefen ein und träumten
von einer gigantischen Glocke, die in einem makellos blauen Himmel hing.

Die Nacht

Die Nacht –
manchmal glaubt man, sie sei ein lebendiges Wesen. Sie bewegt sich, und wer ständig in Bewegung ist, hat etwas zu verbergen. Woher sollte diese Rastlosigkeit sonst kommen? Aber lassen wir die Nacht in ihrer bizarren Formlosigkeit verharren. Sprechen wir lieber von dem, was sich in ihr befindet – oder hinter ihr.

Die Nacht
ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Spintisera

Zunächst war es nur seine rechte Hand, die in einem Buch verschwand, und er dachte sich nichts dabei, da er übermüdet und unkonzentriert las. Es musste ihm also nur so vorgekommen sein, als wäre die Hand beim Umblättern verschwunden. Im nächsten Augenblick war alles wieder wie gewohnt und er fühlte das raue Papier mit seinen Fingerkuppen. Doch blieb das eingenartige Gefühl zurück, für kurz eine Reise unternommen zu haben, und der Holzgeschmack auf seiner Zunge sprach ebenfalls dafür, dass etwas anders war als zuvor. Plötzlich glaubte er die Worte schmecken zu können, die er gerade gelesen hatte oder im Begriff war noch zu lesen, er wusste, wie vergänglich die Eindrücke von einer festen und gelehrigen Sprache waren, und wie es im Buch selbst aussehen musste, so beladen zu sein, übervoll an Bedeutung; und das alles nur wegen einer kaum zu bemessenden Zeitspanne, während der er sich eingebildet hatte, er griffe in den Kern der fremden Existenz, die er bisher nur als Fetisch oder Nutzobjekt verstand, als Medium, das den Geist in einer Trance badete, die selbstverständlich war und darüber hinaus voller merkfähiger Gedanken, aus der Gruft der Vergangenheit herangeweht, aus den Nischen der Körperlosigkeit und des bloßen Einfalls. Er versuchte es erneut, bei vollem Bewusstsein, aber das Buch, das wieder Gegenstand geworden war, wies seine erwartungsvoll tastende Hand zurück. Die Verhältnisse waren geklärt; und er konnte zwar tun, was immer mit einem Buch anzufangen ihm in den Sinn kam, das metaphysische Momentum jedoch schien verloren. Während er weiterlas,um zu erahnen, welche Zaubersprüche seine Hand durch Materie gezogen und seinen Geschmack entfacht hatte, bemerkte er, wie die Oberfläche des Blattes in eine Dreidimensionalität glitt und dahinter sich Buchstaben drehten und verrenkten wie im Veitstanz. Ein ganzes Alphabet an dicken Bäuchen und schlanken Hälsen räkelte sich auf einem gepflegten Rasen, zum Turnsport versammelt, bis er erkannte, dass es sich um Fracks und Ballkleider handelte, die um Leiber geschlungen waren, die geschnitzten Figurinen ähnelten. Ihre Bewegungen blieben abstrakt und im Grunde nicht nachvollziehbar. Außer diesem beweglichen Tableau sah er nichts, denn er wusste ja dass er las und sich die Zeichen in seinem Schädel eine merkwürdige Pläsanterie erlaubten. Auch schmeckte und roch er wieder Holz, zu dem sich Gallussäure und Speck gesellte, denn natürlich hatten seine unvorsichtig unsauberen Finger seit der letzten Mahlzeit kein Handwasser gesehen und etwas Fett auf die Kanten und den Umschlag übertragen. Doch das Atmen fiel ihm leichter in seiner ungelüfteten Stube, denn hier stand, dass jeder, der sich bewegte, auch etwas Luft zugefächelt bekam. Er sah, wie die Buchstaben atmeten, wie sie groß wurden und wieder in ihre ursprüngliche Form zurückfederten, wie sie Lerchenstimmen lauschten, um dann die Bedeutung für ihn zu turnen, weshalb er überhaupt wusste, dass es sich eben um diesen Vogel handelte.

Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das er jetzt hineintrat und ihm war es, als fiele er von einem heißen Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durchstreifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzengesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell verändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen, so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht. Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzerstörbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden, oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen, einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

Nachgast-Omen (Strophe 11)

Das Firmament ist so nah und deutlich, dass man
sich eine Scheibe davon abschneiden könnte, mit einem
hohlen Messer mit viel Luft in der Mitte und einem
eigenständigen Glühen, das alles im Umkreis von kaum
zu berechnender Größe in ein Handtuch aus Licht beugt. Die
Schatten spenden Formen, wenn dieses Licht weicht, aber die
Dinge geben keinen Aufschluss darüber, wie sie wirklich beschaffen
sind, sie sind schwer zu tasten aber noch weniger zu sehen.
Mit verstopften Ohren hätten wir ein besseres Gefühl für ihr
Vorhaben. Wir könnten ihre Höhe berechnen und eine Parkbank
installieren, um immerfort daran zu erinnern.

Laughing Jack

Langform

„Du hättest dir sicher was Besseres aussuchen können“, schnauzt sie. „Wie soll das die Leute hierher locken?“

„Jill, vertrau mir.“

Ich zwinkere ihr zu, während ich die letzten Styroporteile von der Figur wegblase. „Laughing Jack, wird sie schon zu uns reinlocken. Denk mal drüber nach. Das ist ein nettes nautisches Thema. Plastikkrabben und Hummer, Fischernetze an den Wänden. Aber was ist es wirklich, das diese Kneipe von den anderen unterscheidet?“ Ich grunze, während ich die Attrappe im Erkerfenster platziere.

„Nein, das Ding wird die Kunden verscheuchen! Das ist wie eine dieser alten Bauchrednerpuppen. Es ist so verdammt unheimlich. Mein Gott, Mark, was ist in dich gefahren?“

Ich zögere. Nichts hat mich beeinflusst, sage ich mir. Das Ding hat nicht nach mir gerufen. Ich habe es in einem Wohltätigkeitsladen gesehen. Für einen Spottpreis stand es da. Ich habe impulsiv gehandelt und es für weniger als hundert Scheine gekauft. Nein, es hatte nicht nach mir gerufen. Wie lächerlich wäre das denn?

Eine lebensgroße Schaufensterpuppe, ein unnatürlich rosa bemalter Wachskopf mit einem klappbaren Unterkiefer, der sich im Takt des aufgezeichneten Lachens hob und senkte. Eine Marineuniform aus dem 18. Jahrhundert, eine weiße Kapitänsmütze und eine dünne Seemannspfeife, die in das schwarze klaffende Maul gesteckt wurde, vervollständigten das Bild.

Ich trete zurück und betrachte das Spiegelbild von Laughing Jack im Erkerfenster des Pubs. Es ist zum Hafen hin ausgerichtet und die untergehende Sonne färbt das zurückweichende Meer in Zeiten seltsame Schattierungen von Schwarz, Karmesin und Gold. Die gemalten Augen von Jack starren mich durch das Glas hindurch an. Seltsam. Sie scheinen für einen Moment in ihren Höhlen zu rollen und meine Augen zu fixieren, meine Gedanken zu lesen. Ich schüttle den Kopf, greife nach unten und stecke das Kabel in die Steckdose.

„Mein Gott!“ Jill erschrickt über das Lachen, das im leeren Speisesaal ertönt. Selbst ich stolpere rückwärts, überrascht von der manischen Bewegung des Matrosen. Er strampelt wie ein Roboter, fuchtelt mit den Armen und lacht vom Band, was beunruhigend echt klingt. Kein Hintergrundrauschen, keine Verzerrung.

Ein älteres Ehepaar, das vorbeigeht, erstarrt beim Anblick der Schaufensterpuppe, die im Erkerfenster herumfuchtelt. Die Frau, die mindestens in den 80ern sein muss, hebt ihre Hand von ihrem Rollator und zeigt auf Laughing Jack.

„Sie lächelt“, sagt Jill, und ihre Worte sind wegen Jacks manischem Lachen kaum zu verstehen. Bilde ich mir das nur ein oder wird dieses verrückte Geräusch immer lauter?

„Mark, warum ist sie … Oh Gott, oh mein Gott!“

Der Mann der alten Frau lächelt nicht. Er ist nicht interessiert, versucht sie mit einer knochigen Hand, die sich an ihre Schulter klammert, vom Fenster wegzuziehen.

Das Fenster, das nun zerspringt, als sie seinen Kopf dagegen schlägt. Immer wieder mit beiden Händen, mit einer Kraft, die ihr Alter und ihre Zerbrechlichkeit verleugnet. Die ganze Zeit über lächelt sie Laughing Jack ekstatisch an. Wieder und wieder. Jeder Stoß des Kopfes ihres Mannes in das zerbrochene Glas und das knackende Holz wird von Jacks Lachen begleitet.

Ein Lachen, das sich nun mit dem der alten Frau in Ton, Tonhöhe und Lautstärke gleichkommt. Es ist das Lachen eines Mannes. Der kahle Kopf ihres Gatten ist zertrümmert.

Blutiger Haufen, der seltsame, nass klickende Geräusche von sich gibt, während er im unnatürlich starken Griff der Frau auf und ab wippt und sich auf dem Fensterbrett entleert.

Der Inhalt sammelt sich, er starrt auf dem Teppichboden und dann fließt er in Richtung Laughing Jack.

Jetzt weiß ich, warum er lacht.

Jetzt weiß ich, warum die Frau lacht und nicht aufhören wird zu lachen, bis sie stirbt.

Was genau wie bei Jill nicht lange dauern wird.

Denn auch ich fange an zu lachen.

Ich greife nach einer langen Glasscherbe, die ich aus dem Erkerfenster gelöst habe, und beginne mit meiner Arbeit.

Nachgast-Omen (Erweiterung)

Gesättigt sind die Trauben nur dann, wenn sie von
vielen Gläsern erzählen können. Eine Fertigkeit krönt
sich selbst, wenn sie funktioniert, durch vibrierende
Nerven Kontakt aufnehmen kann. Die Bravour des
Zerquetschens auf die richtige Weise. Der Geschmack liegt um
die Zuckermoleküle herum, aber der Kern wird dennoch
verfehlt, außer bei der passenden Musik. Sie darf von
Blaskolben stammen, aus Blech geformt wie ein Rohr
oder aus den Mineralien der Schlacht um Aufmerksamkeit.
Der kleine Nebel und ein Schloss – beides dürfte genug sein.

Ich hätte mir durchaus vorstellen können, die Kluft zu
überspringen, aber wer würde dann an meiner statt in
die Klamm fallen, wer würde zerschmettern an den Pilzen,
Dornen und Stacheln, an den Fieberabenden, den
lerchenfreien Tagen, nur um etwas Abstand zu gewinnen
vor der eigenen Unbekümmertheit, auf einer Gartenparty
eingeladen zu sein heißt nicht, sein Haus verlassen
zu müssen, man schickt einen Geist, der nie ermüdet,
aber zum Lohn verlangt, den Dachboden unter sich
aufteilen zu dürfen. Man müsste allein aus Vernunftgründen
fähig sein, ein fremdes Gewissen zu belasten,
während man selbst versucht, seine Lampe zu reparieren.

In alten Zeiten drehten sie Filme vor einem Scheunentor
und standen selbst nicht einmal hinter der Kamera, sondern verloren
sich an die blauen Wiesen rund um das Gehege perlmuttern
glänzender Faksimiles. Manches währt ewig, wenn man
nicht aufpasst. Am besten eignen sich Ersatzteile, die man
nicht füttern muss. Dabei kommt nichts anderes heraus als eine
mittelscharfe Praline, angefüllt mit all den wilden Worten,
die nie den Staub durchdrangen, die Farben sind schmutzig
und gerade deshalb schön, alles in einem gönnerhaften
Schwarz gelagert, bevor es sich im Schrank verliert.

Der Menschenfresser

Eine Insel wie Madagaskar, voller biologischer Wunder wie
der satanische Blattschwanzgecko, das nachtaktive Aye-Aye,
riesige Springratten und eigentümliche Blattkäfernymphen
nimmt sich den Platz, den es vorher nicht gab, um die zentrale
Bedeutung des Lebens zu feiern, als wäre das Universum
ein ausgedachtes Ressort, das uns immer wieder verspottet.
Fremd sind die Welten auch ohne den Klang des Nimmermüden,
die Ranken eines Gewächses, das sich um ein Opfer schlingt
und die Bewegung in den Rhythmus des kaum merklichen Windes
einstimmt.

Dünne, empfindliche Gaumen bebten einen Moment lang,
als würden sie von hungrigen Stricken umschlungen,
und legen sich dann, wie von einem Instinkt geleitet und
mit teuflischer Raffinesse, in plötzlichen Windungen
um ihren Hals und ihre Arme. Dann, während ihre
schrecklichen Schreie und ihr noch schrecklicheres Lachen
immer wilder wurden, um augenblicklich wieder
in einem gurgelnden Mittelmaß zu ersticken, erhoben sich die Ranken,
eine nach der anderen, wie große grüne Schlangen, mit brutaler Kraft
und höllischer Schnelligkeit, zogen sich zurück
und umklammerten sie immer fester, mit der grausamen Schnelligkeit
und wilden Hartnäckigkeit von Anakondas, die sich an ihre Beute sichern.

Der Geschirrbeobachter

Langform

„Hier habe ich zumindest ein paar Töpfe“, sagte sie. „Fürs Erste müsste das reichen; ich stelle sie hier vor die Tür, dann muss ich nicht reinkommen.“

Ich nickte. „Wie lange wird das vorhalten?“

„Das ist schwer zu sagen …“ Sie schielte die Töpfe an, als habe sie sie noch nie richtig betrachtet. „Ich würde auf zwei Tage tippen, die Teller sind dagegen nur Stunden, aber zusammen mit dem Besteck nähert sich das wieder an. Das bekommen Sie dann alles morgen, bevor die Zeit abgelaufen ist.“

Ich suchte in ihrem ausgefallenen Gesicht nach einer Antwort, fand aber nichts. Glichen ihre Augenbrauen nicht dem Futhark? Bildeten die haarigen Runen nicht die eigentliche Botschaft für mich? Mehr müssen Sie nicht wissen, sagte sie robust und kompakt, sie war schließlich in der Überzahl und konnte sich ihre Rindviehhaftigkeit leisten.

Nachdem sie wieder nach nebenan verschwunden war, holte ich einen Stuhl, um die Töpfe zu beobachten. Die Tür ließ ich geöffnet, eine andere Lösung hatte ich nicht, ärgerte mich aber darüber, sie nicht darum gebeten zu haben, die Töpfe in die Küche zu stellen. Jetzt würde es die ganze Nacht Durchzug geben, weil man mir noch keine Fenster eingebaut hatte. In der Probezeit war das natürlich unüblich, man wollte erst sehen, ob ich imstande war, die mir zugeteilten Aufgaben zufriedenstellend zu erledigen.

Gegen Abend hörte ich meine Nachbarin eine Arie anstimmen und war dankbar für das Gekreische, denn ich war gerade mit der Innenfläche der Töpfe beschäftigt, als ich kurz wegnickte. Mein Ziel war es, ein für mich bestimmtes Muster zu finden, die Beobachtung des Geschirrs etwas angenehmer zu gestalten, sicher, dass mir das in den folgenden Tagen, wenn mir Teller, Schüsseln und Besteck gebracht wurden, aufgrund der unterschiedlichen Formen, leichter fallen würde.

Ich konzentrierte mich vor allem auf die ungleichmäßige Verarbeitung, stellte mir vor, wie man in den Töpfen die verschiedensten Gerichte zubereitete und ging im Geiste die Rezepte durch. Zu jeder Delle dachte ich mir eine weitere Geschichte aus und sah die knetige Masse der Hände, die diese Töpfe gegen die Kugelgestalt ihres Kopfes donnerte so lebhaft vor mir, dass ich unter den Wogen der hysterischen Musik aufgrund der Eindrücklichkeit der Vision erschrak. Aus den Fingerklumpen der Nachbarin wurden meine eigenen, dagegen zarten, Dirigentenstäbe. Ich hieb so fest auf ihr gebirgiges Gesicht ein, dass mir sogleich ein gänzlich neuartiges Rezept in den Sinn kam, das ich mir versprach, aufzuschreiben, sobald die Töpfe wieder verschwunden waren.

So weit ich das zu beurteilen imstande war, gab es im Treppenhaus außer mir niemanden, der sich mit der Beobachtung fremden Geschirrs beschäftigte, aber es gab noch andere Tricks, die Miete zu begleichen. Ich hatte von Wäscheschindern gehört, von Wandstreichlern und Rundläufern, gesehen hatte ich das nie. Gleich fragte ich mich, ob ich meine Arbeit mit meinen Brotzeitpausen verknüpfen könnte, ob ich nicht die Wurst auf dem fremden Geschirr aufschneiden sollte, denn es ging ja vor allem darum, das mir anvertraute Service nicht aus den Augen zu lassen.

Nur wie sollte ich anschließend alles wieder sauber bekommen? Du könntest den Teller sauberlecken und mit deinem Hemd polieren! Morgen war der Tag, an dem ich das ausprobieren wollte.

Sie erschien recht früh, bückte sich und nahm die Töpfe wieder an sich, ohne ein freundliches Wort an mich zu richten. „Es wird heute schlimm werden“, sagte sie ohne Mitleid in der Stimme. „Ich habe mehr Geschirr, als ich dachte.“

„Wann werden Sie es mir bringen?“

„Machen Sie sich jede Sekunde darauf gefasst.“ Sie ging davon, und ich konnte endlich meine Türe schließen. Todmüde setzte ich mich in den Gartenstuhl, den ich am Straßenrand gefunden hatte.

Nachgast-Omen

Mimi spielte den Ball, aber der Regen überfuhr ihn.
Es war nicht sonderlich hell, als es zu donnern begann,
danach aber klärten sich die alten Gespräche, die
sich in Baumkronen versteckten. Die Sicht war von
weißem Schmelz getrübt, aber es zählten ohnehin nur
die ersten Schritte. Später würde man darauf
zurückkommen, denn wir wussten von nichts. Die
mit den Sommersprossen hätte uns wohl am ehesten
an die hohen Ohren eines Esels verraten, aber bis
dieser ankam, waren die Steine bereits alle umgelegt.

Unterhalb der Erde konnte es kein Licht geben, ein
Grund mehr, genau da auf die Suche zu gehen.
Nichts ist fest, alles löst sich auf in zitternden Händen,
hingestellt wo die Wacht endet, wo sich die Kreuzung
nicht entscheidet oder wo der Horizont steil abfällt.
Die Wege waren Schorf an den Schuhen, der
schlanke Ton gebrochenen Eisens berührt die Wunde,
die im Schlaf gerissen wurde. Doch langsam kamen wir der
Sache näher. Ein unbewusster Tanz kann ein ganzes
Dorf zur Weißglut treiben. Es entsteht eine Geisterstadt.

Es ist Zauberwerk, dem du hier begegnest, alle
Schneisen führen in eine Art Rom, von Kloaken bekränzt,
mit ungeheurem Stuck aufwärts gefahren. Es ist nicht
zu viel Abstand zwischen den Gezeiten, ein Pantomime
zog langsam einen Kübel über den Trampelpfad, und
schon war der Moment vorbei. Einfache Laute wurden kristallin
und barsten hinter dem Kofferraum, der handgemachte
Pfirsiche aus Stoff enthielt. Was derzeit aus dem Wald
drang, war durchaus merkwürdig und würde wohl nie

wieder von Dannen ziehen, nicht in einer Regennacht,
geschweige denn mit diesem grobkörnigen Schutt beladen.
Alle schliefen im Ringelreihen, also stellten wir uns
dazu, die Arme ausgestreckt wie um Rinderhälften zu
empfangen. Jemand hatte in all dieser Aufregung seinen
Schlüssel unter denkbar ungünstigen Umständen verloren,
durch eine Art Auflösung, die dem Verschwinden zwar gleicht,
aber doch mehr und mehr zum Nachtvogel wird. Einiges
hatten wir mithilfe von Ketten auszuräumen, und wenn
es nicht zu spät wird, können wir den Tauziehenden endlich
erklären, woher wir wirklich kommen, bevor es ein anderer tut.

Alles besitzt ein rhetorisches Gewicht, außer der Bedeutung selbst.
So entflieht sie uns auf einem Pferderücken; und ob wir sie auch
reiten sehen – weder unser Auge, noch unser Huf
wird da sein, wenn sie anlangt. Noch
einmal ist’s mir als sähe ich die Kreuzung unter Flutlicht
und rings herum um alles läge Glas, zerschmettert von den
Händen, die Gedanken bilden können und daran scheitern,
ein kleines Gefäß sich selbst zu überlassen. Zur Vermählung
im Mai hat diese Tradition für immer ihre Bedeutung erworben, ob man
höre, staune oder nicht. Die Scheiben radieren die Mitte der Luft.

 

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