Zu keiner Zeit

Zu keiner Zeit hat sich die schreibende Zunft und der allgemeine Glaube weniger an der wissenschaftlichen Erkenntnis orientiert, als das Heute der Fall ist. Man ist’s zufrieden damit, dass Newton und Einstein ihnen die Welt erklärt hat, und dass Freud ein wenig Licht ins Bettnässertum gebracht hat, ist wohl auch nicht schlecht. Die Welt indes ist eine andere.

8.15

Zweite Stromschlag=Einheit für die immer noch elaborierende linke Schulter nicht wahrgenommen.

Gestern noch…

Etwas Fremdartigeres wie Schumann habe ich nie vernommen, und das sogar noch für heutige Verhältnisse. Aber gleichzeitig scheint mir diese Fremdartigkeit durchaus vertraut. Es ist die Zerrissenheit, die ich verstehe, die harmonischen Kühnheiten, mit denen er alle Formgerüste sprengt. In Schumanns Klavierwerken fällt die Wirklichkeit auseinander, hier gibt es kein Gleichgewicht der Kräfte, hier wird das Komplexe des Traumhaften zum allesbeherrschenden Nachklang.

Rote Arbeit

M: Sie sagten, Sie hätten rote Arbeit an ihm verrichtet. Wie meinen Sie das?

F: An seinem Körper.
Ich habe ihm die Kehle aufgeschnitten.
Habe meine Hände in sein noch warmes Blut getaucht.
Nur ins Blut, nicht in dich. Immer nur ins Blut, niemals in dich,
habe ich mir immer wieder gesagt, um es auszuhalten.

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Ich glaube nicht an den Aberglauben

Ich glaube nicht an den Aberglauben, so also bin ich der Meinung, dass es ihn gar nicht gibt. Statt nämlich davon auszugehen, dass der A. wissenschaftlich unbegründet sei und nicht dem erreichten Kenntnisstand der Gesellschaft entspräche (was an und für sich stimmt, weil dieser „erreichte Kenntnisstand“ Wissen eliminiert, das nie wieder gewonnen werden kann), ist aus dem A. sehr gut eine Landkarte zu erstellen, die uns alles über die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt sagen kann.

Der gestrige Nachmittagsschlaf, den ich dazu nutzte, mit meinem Eldervater im Traum zu sprechen, brachte mir das Walditalien ein. Das dritte Kapitel ohnedies.

Der Tanner

Aus der Borke der Zeit, einer Ewigtanne, schnitzte sich vor vielen vielen Jahren und Abermyriaden von Blüten und Bienenstaaten, die vergingen, ein Herbergsvater. Der Tanner eines Hauses, das stets versank, sobald die Sonne den Mond ablöste. Er tat es mit jenem Messer, das bis dahin fortdauernd den Broten überlassen war, die die Bewohner dieses von Eulen bewachten Hauses, in dem sie das Licht der Welt erblickten, zu ihren Lebzeiten buken, doch niemals von ihnen aßen.

Er, der Wirt dieser Seelen, die an das Haus gebunden, ihrem Hunger ergeben waren, wie es Vogelküken im Nest der ersten Lichtstrahlen sind, die sie wachläuten, trug sie des Nachts, nachdem er sie durch seinen Mund in sich aufgenommen hatte, durch das Dorf, um Wirbellose für sie zu sammeln. Nacktschnecken und Würmer, die er ihnen in ihre Münder gab, die sich trotz des Schlafes, der sie barg, weit in seinem Holzrücken öffneten. Er selbst aß niemals etwas. Aß nichts außer ihnen. Und er tat es auch nur, sobald sie der Müdigkeit anheimfielen, die sie tagtäglich ereilte. Was an ihren sich langsam schließenden Augen zu bemerken war, die den Möbeln und Wänden übergeben waren.

So musste er sich beeilen, geschwinde sein, da es bis zum Morgengrauen nicht mehr lange dauern würde und er rechtzeitig mit ihnen wieder im Haus, in der Küche, an selber Stelle sein müsse, um fest und stämmig zu werden. Damit sie in jenem Moment zurück wären, in dem Aurorah an ihm ihren täglichen Platz nehmen würde, auf dass ihre Geister abermals und erneut aus ihren Mündern in seinem Rücken in die Augen des Hauses entweichen könnten, in jene, die sich ihm in seinem Schlaf dann öffnen würden.

Touch my beauty Hall

Tock Tor Taj Mahal. Wegen der Scheiße, die abzugeben ist. Da habe ich gestern also in eine kleine Tupperschüssel gekackt; heute mußte alles in ein Röhrchen umgepackt werden. Die Praxis war aus Zurück in die Zukunft, der Teppich mit braunen Flecken übersät (gut, das ist übertrieben, er war nur fleckig, wie man das für ein gutes Stück von 30 Jahren erwarten kann). Tock Taj selbst wurde gespielt von Michael Horse, der gerade mit den Dreharbeiten zu Twin Peaks, The Return fertiggeworden ist.

Citizen Anders (Kosmonida Strumpf)

Kosmonida Strumpf; (c) Albera Anders

Wenn mich jemand fragen würde, wie es mir geht, würde dieses Bild es wohl am ehesten beschreiben. Womit festgehalten werden kann: Dies ist ein

„Existenzielles Selbstbildnis“.

kamst von den Sternen 
unbehelmt hierher

denn was da war 
war Werden

stauntest 
bliebst

ein Astronaut auf Erden

Darüber hinaus verweist es auf eine meiner zurzeit stetn Sorgen: Bald hat jedes meiner geliebten Sockenpaare am Haxn ein riesiges Loch. Schuld sind meine Chucks. Abhilfe schaffen nur die dicken blauen Wollsocken meiner Omi, die sie mir gestrickt hat, die ich nun über die Schlüpflinge ziehe und die wiederum auch schon zwei kleine Löcher aufweisen. Neonfarben oder Muster Raubkatze ist einfach schwer aufzutreiben in den hiesigen Geschäften.

Über Löcher kann ich ganz generell mehr erzählen.

Vielleicht in nächster Zeit …

Ansonsten geht es mir ganz gut hier zwischen all den Sternen, den restlichen Frikadellen von gestern Abend, einer Flasche Rotwein aus der Pfalz und dem Livestreaming des KEEP IT TRUE-Festivals, das leider nicht makellos sendet. Jedoch geilerweise tut es das überhaupt.

Das enthauptete Huhn

Es ist da, das absolute Wagnis, alle sich überschlagenden Ereignisse miteinander zu verweben. Zeitturbolenzen treten an verschiedenen Stellen des Lebens gehäuft auf.

Ich passiere Sandbänke, die wie Walrücken aus dem Ozean stechen, ruhigere Gewässer waren das, als ich noch mit mir selbst Karten spielte, das Würfelglas hob.

Jetzt schreckst du aus dem Schlaf. Dir gilt das Hochzeitslied, dir gilt der Ris, dir gilt das zertrümmerte Türchen, macht hoch das Tor, das Tor mach weit; struwwelpeterst im Bett, beginnst betäubt von Liebesträumen wie wild geworden zu schreien, gehst mühelos über das hohe c hinweg. Die menschliche Stimme, welch Zauber, der Einbruch in eine sichere Umgebung.

Ich ziehe es vor, eine Skulptur zu formen, nehme mich der Salzsäule an, Sodom und Gomorrha im Schlafzimmer. Wie klar ich sehe, als würde ich träumen. Das enthauptete Huhn flattert noch einmal auf und davon.

Sieben Minuten

Ich putze das Blut vom Boden auf, die Flecken und das Blut, schlage eine Seite eines Buches auf, streiche Sätze durch – das ist wie Geld verbrennen.

Es wird immer dunkler, ich bin eigentlich schon müde, der letzte Bus ist seit einer halben Stunde durch.

Ich sitze auf einem Plastikstuhl und warte, putze und streiche Sätze. Hinter der Theke hängt eine Bahnhofsuhr, die mir bedeutet : noch sieben Minuten.

Zähle die Hühner, die sich um die eigene Achse drehen, drei Spieße um einen größeren Metallstab. Dieser Tod riecht angenehm, noch drei Minuten.

Das Abendrot entreißt sich der Natur wie ein schwarzes Schaf der Familie trotzt, um schwarz zu bleiben.

Die Unwissenheit; die Frage der Vergangenheit macht sie zu einem Rezept der Freude, sich selbst in jede Straße zu spülen.

Zweites surrealistisches Märchen (Pilze zu Gast)

Geschrieben von A. Anders und Michael Perkampus

C: Könntest du dir – und ich frage das ohne Hintergedanken – sonnengebräunte Pfifferlinge vorstellen, die eines Tages ihren Standort wechseln wollen? Und jetzt die eigentliche Frage: müssen sie nicht bei uns vorbeikommen, wenn sie ihr Ziel je erreichen wollen?

A: Aber doch, ja, ich denke, sie sollten sich Beine machen und recht flink bei uns vorbeikommen. Dann gesellen sich zu Flora und Faun auch die Fungi. Ich mag die Plasmodien der Gelben Lohblüte gebraten als „caca de luna“ („Mondkacke“). Pilze sind hübsch. Besonders die mit den Häubchen, den Schwammporen oder Lamellen.

C: Sie leben ja auch zu Mars, die Pilze. Da müsste sich doch was machen lassen, um für immer in den interstellaren Gebräuchen zu verschwinden? Sind sie erst da, werden sie schnell flach und alt. Sie seibern Stoffe von hoher Qualität und drängeln nicht wissentlich. Mehr von der Hinterfotze, also heimlich. Nun, du deckst den Tisch und ich suche in den Winkeln. Da fand ich noch immer von Spinnen geröstete Hüllen einst blühender Larven.

A: Dann sind sie, wenn sie auf meinem Tellerchen landen, flunderflach? Ist ihr Durchmesser dann nicht um ein Beträchtliches gestiegen? Wie soll ich sie dann verspeisen können? Klingt, als bräuchte ich danach einen „Fotzenspangler“.

C: Oh ja, ja oh! Sie sind dann so grooß wie einmal um die Oberfläche Gottes gelegt. Wie soll ein kleines Schnütchen wie das deine alles auf einmal wagen? Es gälte, sofort den Yogi – so man kennt – anzurufen, um eine fernöstliche Fressmethode zu erlernen. Wir machen es uns einfacher. Du wirst sehen: mit einer frisierten Kettensäge lassen sich auch Flunder brechen und in schlummernde Frittengröße schneiden. Aber horch! Da klingelts’s schon!

A: Äh, Monsieur Frits holt di Kättensege aus där Schübläd. Nurzu! Werden ja sehen, ob der Lappen Gottes nicht rechtzeitig über den Tellerrand schaut und hüpft. Vielleicht zieht er dann, höchst beleidigt, ziharmonisch reisend von dannen und es ertönt eine kosmische Melodei …

(RÖÖÖÄÄÄÄÄMMM BRABA BRABABA BRA, FROMM FROOOOOMM … (lautes Geschrei, das sich verbietet hier in Worte zu fassen. Und dann kippt auch noch irgendwo ein verdammter Stuhl um!)

ENDE