Wonder Woman – Prinzessin der Amazonen

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

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Sensation Comics #1 © DC

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics, dem Vorläufer von DC. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Marstons ungewöhnliches Privatleben


Marston war alles andere als ein gewöhnlicher Autor. Er hatte eine dezidierte pädagogische und nehezumessianische Überzeugung. Seiner Meinung nach würde die Welt in etwa tausend Jahren von Frauen regiert werden, was er als das Beste betrachtete, was ihr passieren könnte. Frauen verbänden laut seiner Theorie Stärke mit Liebe und Mitgefühl auf eine Art, die Männern schlicht nicht möglich sei. Wonder Woman war für ihn der literarische Beweis dieser Idee, die inzwischen zunehmend an Gewicht gewinnt.

Die seltsamste Ursprungsgeschichte des Goldenen Zeitalters

Die Figur besitzt eine selbst für Comic-Verhältnisse außergewöhnlich komplexe Herkunftsgeschichte. Diana ist die Prinzessin der Amazonen auf Paradise Island (Themyscira), einer verborgenen Insel, die von Frauen bewohnt wird. Sie haben sich aus der von Männern dominierten Welt zurückgezogen, um in Frieden und Selbständigkeit zu leben. Ihre Mutter Hippolyta formte sie ursprünglich aus Ton, und die Götter hauchten ihr Leben ein. Zumindest in der Ursprungsversion. Spätere Neuinterpretationen, insbesondere die in den 1980er-Jahren von George Pérez geschaffene und mittlerweile weitgehend kanonische Version, legten jedoch Zeus als ihren Vater fest. Dies verlieh der Geschichte zwar mehr Dramatik, entfernte sie aber zugleich von ihrem ursprünglichen subversiven Ansatz.

Die Handlung nimmt Fahrt auf, als der amerikanische Pilot Steve Trevor auf Paradise Island abstürzt und gerettet werden muss. Um ihn sicher in die Welt der Menschen zurückzubringen und den Alliierten im Zweiten Weltkrieg beizustehen, verlässt Diana ihre Heimat. Dabei nimmt sie die Tarnidentität der Krankenschwester Diana Prince an – eine Rolle, deren Alltäglichkeit im Kontrast zu ihrem auffälligen Sternenbanner-Outfit beinahe humorvoll wirkt.

In den frühen Comics entwickelte William Moulton Marston anschließend ein freudianisch aufgeladenes Universum, das von Symbolik rund um Fesselung, Unterwerfung und psychologische Machtkämpfe durchzogen war. Kaum eine Ausgabe kam ohne Szenen aus, in denen Figuren – oft Wonder Woman selbst – gefesselt, angekettet oder anderweitig in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren. Der Zeichner H. G. Peter setzte diese Szenen mit einer Präzision um, bei der modernen Lesern schwindelig wird. Sowohl der Herausgeber von DC Comics, Sheldon Mayer, als auch die Branchen-Ethikkommission waren wiederholt alarmiert. Marston erklärte ihnen geduldig wie kleinen Kindern, dass all dies alles symbolisch gemeint sei, eine Metapher für die psychologische Befreiung von emotionalen Zwängen.

Ob ihm dies tatsächlich abgenommen wurde, bleibt ungewiss. Die Historikerin Jill Lepore, die 2014 die richtungsweisende Biografie The Secret History of Wonder Woman veröffentlichte, kommt zu dem Schluss, dass Marstons spezifische Vorlieben und seine feministische Ideologie untrennbar miteinander verknüpft waren. Eines ohne das andere zu verstehen sei schlichtweg unmöglich.

Das Lasso der Wahrheit

Nach Marstons Tod: Jahre des Vergessens und der Wiederentdeckung

Als Marston 1947 an Krebs verstarb, verlor Wonder Woman nicht nur ihren wichtigsten Fürsprecher, sondern auch die prägnanten Merkmale, die sie auszeichneten. Der Autor Robert Kanigher übernahm die Geschichten und verwandelte sie in eine romantisierte Heldin, deren größter Wunsch es war, Steve Trevor zu heiraten. Ihre Abenteuer wurden alltäglicher und weniger ambitioniert – das Feuer des Goldenen Zeitalters war erloschen.

Wonder Woman auf der Titelseite

Die 1960er-Jahre brachten für Wonder Woman eine ganz eigene Identitätskrise mit sich. Im Zuge der umfassenden Neuausrichtung vieler DC-Charaktere verlor die Amazonenprinzessin ihre übermenschlichen Kräfte – und, man mag es kaum glauben, wurde zur Betreiberin einer Modeboutique. Was als ein moderner, zeitgemäßer Emma-Peel-Moment für das Silberne Zeitalter gedacht war, entwickelte sich zu einem der größten Irrwege in der Geschichte des Comics. Der Schock war groß, besonders bei Feministinnen wie Gloria Steinem. So groß, dass sie 1972 keine geringeren Maßnahmen ergriff, als Wonder Woman im ikonischen Originalkostüm auf das Cover der allerersten Ausgabe des Ms. Magazine zu setzen. Mit dieser symbolischen Geste sollte die Superheldin rehabilitiert werden: eine deutliche Botschaft, dass sie zur feministischen Bewegung gehört und nicht in eine Boutique.

Die wahre Rettung von Diana Prince folgte jedoch erst 1987, durch die geniale Neuinterpretation von George Pérez nach Crisis on Infinite Earths. Pérez hauchte der Figur neues Leben ein, indem er sie tief in der griechischen Mythologie verwurzelte und ihr mit Themyscira – dem überarbeiteten Paradise Island – eine faszinierende politische und kulturelle Identität gab. Gleichzeitig verlieh er Wonder Woman eine Würde und Tiefe, wie sie seit den Tagen ihres Schöpfers William Moulton Marston nicht mehr gesehen worden waren. Zum ersten Mal in Jahrzehnten folgte die Serie einer durchdachten künstlerischen Vision, die sich nicht für ihre Protagonistin rechtfertigen musste.

Im Verlauf der folgenden Jahre gab es weitere bemerkenswerte Phasen: die eleganten Zeichnungen von Phil Jimenez in den frühen 2000ern, Greg Ruckas kluge und packende politische Geschichten oder Gail Simones emotionaler Scharfsinn. Diese kreativen Meilensteine zeigten immer wieder, wofür Wonder Woman steht: für Stärke durch Mitgefühl, nicht anstelle davon. Dies bleibt das Herzstück von Marstons Vermächtnis, unabhängig davon, wie man zu den Eigenheiten seines Lebens stehen mag.

Was die Figur wirklich besonders macht

Man könnte denken, Wonder Woman sei lediglich die weibliche Entsprechung zu Superman oder Batman. Doch das ist ein hartnäckiges Missverständnis. Superman verkörpert den Immigranten, der Amerika liebt. Batman ist der traumatisierte Milliardär, der die Dunkelheit mit seiner eigenen Dunkelheit bekämpft. Wonder Woman hingegen stammt aus einer fremden Kultur, die sie für überlegen hält, und dennoch entscheidet sie sich freiwillig, der Menschheit zu helfen.

Gerade das macht sie aus einer philosophischen Perspektive spannender als viele ihrer Kollegen. Sie ist keine gebrochene Figur, die durch heldenhafte Taten nach Heilung sucht. Ihre Motivation entspringt der Stärke und Unversehrtheit. Anstelle mit Zorn und Gewalt vorzugehen, nutzt sie ihr Lasso der Wahrheit. Sie tötet nur im äußersten Notfall, und selbst dann trägt sie die moralische Bürde dieser Entscheidung sichtbar mit sich.

Die Armbänder, die sie trägt – im Original „Bracelets of Submission“ – gehören zu den denkwürdigsten Symbolen der Comicwelt. Ursprünglich von den Göttern auferlegt, dienen sie den Amazonen als Mahnmal ihrer früheren Versklavung. Gleichzeitig sind sie eine unzerstörbare Schutzwaffe. In manchen Erzählungen verliert Wonder Woman ihre Selbstkontrolle, wenn sie die Armbänder ablegt, und wird unberechenbar. Freiheit ohne Begrenzung wird dann zur Gefahr, was eine ganz andere Art von Gefangenschaft ist. Marstons psychologischer Hintergrund zeigt sich deutlich in solchen Details.

Doctor Strange – Hüter der Realität

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko.

Ein Sturz in die Tiefe

Strange Tales #110

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko. Als Stan Lee und Ditko die Figur im Juli 1963 in Strange Tales #110 debütieren ließen, war das Marvel-Universum gerade dabei, sich mit einer Geschwindigkeit zu erfinden, die selbst Beteiligte später kaum fassen konnten. Innerhalb von drei Jahren hatte Jack Kirby die Fantastic Four, Thor und die New Gods mitaufgebaut, während Lee und Ditko den Spider-Man erschufen. Doctor Strange war ganz anders als die anderen. Leise, meditativ, wie ein Kammermusikstück inmitten der lauten Klänge einer Bigband-Ära.

Die Entstehungsgeschichte von Doctor Strange ist dabei so prägend, dass sie zu einem zeitlosen Archetyp wurde. Stephen Strange, ein brillanter, doch zutiefst selbstverliebter Neurochirurg, verliert bei einem Autounfall die Feinmotorik seiner Hände. Das Werkzeug seiner Identität, seiner Überlegenheit, seines Selbstverständnisses, alles war dahin. Was folgt, ist eine düstere Reise durch Verzweiflung, Ablehnung, zerschmetterte Hoffnungen und schließlich der Aufbruch nach Kamar-Taj. Dort begegnet er dem Uralten (Ancient One), der ihn durch einen tiefgreifenden Transformationsprozess führt. Und genau darin liegt die wahre Besonderheit von Doctor Strange. Sein Superhelden-Dasein resultiert aus einer bewussten inneren Wandlung, eines Moments der Kapitulation vor der eigenen Hybris. Strange muss sein Ego aufgeben, die Illusion von Kontrolle loslassen und mit der Erkenntnis leben lernen, dass nicht alles durch rationale Brillanz beherrscht werden kann. In dieser Hinsicht ist Doctor Strange auch ein Sinnbild für eine tiefmenschliche Reise hin zum Verständnis des eigenen Ichs und der Kräfte, die unseren Kosmos prägen.

Hintergrund

Das Genie hinter den Kulissen

Stan Lee – Autor & Konzept

Stan Lee, der Architekt des Marvel-Universums, brachte nicht nur Geschichten mit übermenschlichen Fähigkeiten hervor, sondern verlieh ihnen auch emotionale Tiefe. Seine Stärke lag in der kreierten Balance zwischen epischen Schlachten und universell nachvollziehbaren menschlichen Konflikten. Mit Doctor Strange wollte er eine Figur, die uns auf eine Reise der persönlichen Transformation mitnimmt – stärker als ein bloßer Ursprung magischer Macht.

Steve Ditko – Zeichner & Seele

Während Lees Ideenwelt das Fundament legte, trug Ditko den Funken, der aus der Figur ein Kunstwerk machte. Die atemberaubenden psychedelischen Landschaften, die verzerrten Geometrien von anderen Dimensionen und die kosmische Fremdartigkeit – all das machte Ditkos Handschrift unverkennbar. Seine Vision für Doctor Strange war wie keine andere. Während Zeitgenossen Magie oft mit Funkenregen und dramatischen Strahlen visualisierten, brach Ditko diese Konventionen und erschuf Welten, die sich jenseits bekannter Räume bewegten – unmöglich, verstörend und dabei hypnotisch anziehend. Seine Farbkombinationen erinnerten an die Abstraktheit Mark Rothkos, waren verschwurbelt wie Träume, die einen nicht loslassen.

Es ist kein Wunder, dass diese Ästhetik sich schon vor dem Aufkommen der LSD-Kultur der späten 1960er als surrealer Vorläufer erwies. Bevor „psychedelisch“ ein Schlagwort wurde und Menschen durch Experimente mit bewusstseinserweiternden Substanzen neue Welten entdeckten, hatten Ditko und Lee längst visuelle Türen in ungeahnte Dimensionen geöffnet.

1966 verließ Steve Ditko Marvel – die genaue Ursache bleibt ein ungelöstes Mysterium. Sicher ist jedoch, dass Spannungen über kreative Kontrolle und Rechte ihren Teil dazu beitrugen. Was bleibt, ist ein Vermächtnis, ein visueller Stil, der so einflussreich wie einschüchternd ist. Nachfolgende Zeichner versuchten entweder, ihre eigene Sprache innerhalb dieser imposanten Ästhetik zu finden (wie Frank Brunner in den 1970er Jahren oder Chris Bachalo in jüngerer Zeit) oder sie fielen in die Falle der reinen Nachahmung. Doch bloße Mandalas zu reproduzieren reicht nicht; der Zauber liegt nicht im Kopieren, sondern im Entwickeln eines eigenen Tons.

Ego, Kontrolle und die Kunst des Loslassens

Doctor Strange ist eine seltene Ausnahmefigur in der Welt der Superhelden-Comics. Er verkörpert nicht den typischen Helden, dessen Transformation mit einem einmaligen Ereignis abgeschlossen wird. Die Entwicklung von Strange ist ein niemals endender Prozess, eine Reise, die ihn immer wieder zu den zentralen Fragen zurückführt: Wie viel Kontrolle darf man ausüben? Zu welchem Preis erkauft man sich Macht? Wann wird Eingreifen zur moralischen Pflicht und wann zur unerträglichen Hybris?

Im Gegensatz zu vielen seiner Superhelden-Kollegen ist Strange derjenige, dessen innerer Konflikt nicht einfach gelöst werden kann. Stattdessen wird er in jeder Ära der Comics neu interpretiert und verhandelt. Genau diese Dynamik hebt ihn hervor , er bleibt ein Rätsel, dessen Geschichte nicht in einem endgültigen „Happy End“ mündet, er ist ein Spiegel menschlicher Fragilität und philosophischer Dilemmas.

Strange hat die Macht, die Realität selbst zu lenken und zu verändern. Dennoch sind die besten Geschichten rund um ihn – ob in Roger Sterns epischer „Master of the Mystic Arts“-Saga oder Jason Aarons modernen Neuschreibungen – jene, in denen er nicht nur gegen äußere Widersacher wie Dormammu oder Baron Mordo antritt. Viel spannender ist der innere Kampf, den Strange führt: der Kampf gegen die Versuchung, seine immense Überlegenheit zur alleinigen Wahrheit und moralischen Leitlinie zu erklären.

Aber warum setzt er seine gewaltige Macht so selten ein? In dieser Zurückhaltung liegt eine Mischung aus Weisheit und Demut, die ihn auf eine Stufe mit großen philosophischen Denkerfiguren hebt, und das mitten im oft actiongeladenen Universum der Superhelden. Doctor Strange ist ein Symbol für Selbstreflexion und die Kunst des Loslassens. Seine Geschichten fordern uns heraus, über die Komplexität von Kontrolle und Verantwortung nachzudenken.

Östliche Philosophie im westlichen Vierfarben-Druck

Die Einführung der Figur im Jahr 1963 fiel in eine Zeit, in der Amerika gerade erst begann, von östlicher Spiritualität und der aufkeimenden Gegenkultur berührt zu werden. Zen-Buddhismus war noch ein Nischenphänomen, Meditation galt als etwas Exotisches, und selbst die Beatles hatten ihre Indien-Reise noch nicht angetreten. Alan Watts, der später als wichtiger Vermittler zwischen Ost und West bekannt wurde, war damals beispielsweise einer breiten Öffentlichkeit kaum ein Begriff. Inmitten dieser kulturellen Ausgangssituation präsentierten Steve Ditko und Stan Lee eine Figur, die bereit war, in den Himalaya zu reisen, um bei einem unsterblichen tibetischen Zauberer zu lernen. Eine Figur, deren Kern eine Weltanschauung war, die radikale Selbstaufgabe und Demut predigte, ein bemerkenswerter Kontrast zur damaligen westlichen Mentalität.

Obwohl es vielleicht nicht explizit so gemeint war, wirkte Doctor Strange damals wie eine kulturelle Provokation. Er war das perfekte Gegenstück zum typischen amerikanischen Helden der Selbstoptimierung. Während Peter Parker alias Spider-Man seine Verantwortung akzeptieren musste und Iron Man sich durch Technologie stetig verbesserte, war Doctor Stranges zentrale Erkenntnis viel subversiver. Das eigentliche Problem ist das Ego, das Selbst. Diese Einsicht klingt nicht nur nach Zen-Buddhismus, sie ist es gewissermaßen auch, zumindest in amerikanisierter Comic-Form.

Hinzu kommt die visuelle Dimension. Im Gegensatz zu Iron Man, der für technologische Überlegenheit steht, oder Captain America, der die patriotische Geschichte verkörpert, befindet sich Doctor Strange in ganz anderen Gefilden. Er repräsentiert das Undarstellbare, das Jenseitige. Seine Abenteuer bewegen sich jenseits der euklidischen Geometrie, jenseits linearer Zeit und des Greifbaren. Die psychedelischen Illustrationen von Steve Ditko waren wegweisend und haben Generationen von Künstlern inspiriert. Jeder Zeichner, der später an Strange arbeitete, trat in Ditkos Fußstapfen und wurde dazu ermutigt, das Visuelle immer weiter zu pushen. Und tatsächlich: Einige der besten Doctor-Strange-Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit innovativen Bildern Grenzen überschreiten.

Anekdote

Ein Kosmos aus Beziehungen

Kein Held steht allein, jeder von ihnen ist eingebettet in ein Netzwerk aus Unterstützern. Doctor Strange bildet da keine Ausnahme und verfügt sogar über eines der interessantesten sozialen Gefüge des Marvel-Universums. Eine zentrale Figur dabei ist Clea, Stranges Schülerin und spätere Ehefrau. Ihre Beziehung zählt zu den wenigen in Superhelden-Comics, die tatsächlich partnerschaftlich auf Augenhöhe dargestellt werden. Zeitweise übernimmt Clea selbst den Titel des Sorcerer Supreme, führt ihren eigenen Kampf in der Dark Dimension und bleibt nicht auf die Rolle eines romantischen Sidekicks beschränkt. Sie ist eine voll ausgearbeitete Figur mit einer eigenständigen Entwicklung. Ihre Dynamik mit Doctor Strange – ob als Schülerin, Verbündete, Liebende oder auch als entfremdete Partnerin – bildete über Jahrzehnte hinweg das emotionale Zentrum der Serie.

Ebenso bedeutend ist Wong, Stranges treuer Wächter und engster Vertrauter. Seine Entwicklung spiegelt den Wandel gesellschaftlicher Wahrnehmungen wider. Vom klischeebehafteten Stereotyp eines schweigsamen asiatischen Dieners in den frühen Comics hin zu einer vielschichtigen Persönlichkeit mit eigenem Humor, Prinzipien und eigenem erzählerischen Gewicht. Insbesondere in den Adaptionen des MCU erlangte er eine Tiefe, die frühere Darstellungen weit übertrifft. Dies verdeutlicht eindrucksvoll, wie wandelbar und rehabilitierungsfähig das Medium Comic sein kann.

Ein weiterer zentraler Akteur in Stranges Universum ist sein Erzfeind Dormammu. Er gehört zu einer ganz eigenen Kategorie von Schurken, die Verkörperung einer gänzlich anderen Weltanschauung. Dormammu existiert jenseits menschlicher Kategorien von Gut und Böse, was ihn weitaus unheimlicher macht als viele andere Comic-Antagonisten. Sein Ziel ist nicht, Doctor Strange zu vernichten, weil er „böse“ ist, sondern weil er Ordnung verkörpert – etwas, das für Dormammu nichts weiter als eine flüchtige Schwäche darstellt.

Cumberbatch, Raimi – und Ditkos Erbe

Scott Derricksons Verfilmung Doctor Strange aus dem Jahr 2016 bot einen soliden und durchaus wagemutigen Einstieg in die Marvel-Interpretation der Figur. Besonders beeindruckend war die Bemühung, Ditkos surreale visuelle Ästhetik auf die Leinwand zu übertragen. Benedict Cumberbatch brachte ein instinktives Verständnis für die Figur mit. Er spielte Strange als einen Mann, dessen Arroganz weniger aus Überheblichkeit denn als Schutzmechanismus hervorgeht, während sein innerer Wandel stets mühsam und schmerzvoll bleibt. Allerdings griff der Film oft auf das typische Blockbuster-Spektakel zurück und scheute vor dem kosmisch Ungeheuerlichen zurück, einem Wesensmerkmal von Ditkos Werk.

Sam Raimis Doctor Strange in the Multiverse of Madness von 2022 schlug dann eine völlig andere Richtung ein. Mit dem Gespür eines Horrormeisters näherte sich Raimi dieser Welt und traf dabei überraschenderweise genau den Kern von Ditkos Vision. Sein expressionistischer Stil, seine Bereitschaft, echte Bedrohung und körperlichen Schrecken zu inszenieren, sowie seine Freude an surrealistischen Elementen fangen die ursprüngliche Essenz von Ditkos Schaffen besser ein als jede andere MCU-Produktion bisher. Perfekt war der Film vielleicht nicht – das sind Superheldenfilme selten –, aber er strahlte eine Authentizität aus, die sowohl beunruhigte als auch gefiel.

Der unvollendete Magier

Doctor Strange ist auch nach sechzig Jahren eine Figur, die sich ständig weiterentwickelt. Genau das ist sein wesentliches Merkmal und zugleich sein Versprechen. Helden, die ihre Reise schon abgeschlossen haben, verlieren oft ihren Reiz. Strange hingegen bleibt faszinierend, weil seine zentrale Frage nach wie vor ungelöst ist: Wie weit darf man gehen, wie viel darf man opfern, um eine Realität zu retten – eine Realität, die von den meisten ihrer Bewohner kaum als schützenswert wahrgenommen wird?

Diese Überlegung greift weit über die Grenzen des Superhelden-Genres hinaus. Es ist die ewige Frage des Spezialisten, des Menschen, der über Wissen verfügt, das anderen verborgen bleibt, und der lernen muss, mit dieser Verantwortung umzugehen. Steve Ditko stellte sie 1963 in vierfarbigen Comicseiten. Eine endgültige Antwort darauf fehlt bis heute.

Auf der Suche nach El Dorado

Am Guatavita-See, zwei Meilen hoch in den kolumbianischen Anden, versammelten sich Tausende von Indianern, um ihren neuen Häuptling zu begrüßen. Auf den Hügeln über dem See brannten riesige Freudenfeuer, während der Häuptling, umgeben von Adligen und Priestern, auf einer mit goldenen Scheiben behängten Sänfte zum Ufer getragen wurde.

Der Körper des Häuptlings war mit Harz gesalbt und anschließend mit Goldstaub überzogen worden. Er schritt auf den See zu, und während die Feuer bis zum Himmel loderten und die große Menge Gold, Smaragde und andere Opfergaben in den See warf, stürzte sich der vergoldete Mann – El Dorado auf Spanisch – ins Wasser. Als er wieder auftauchte, war seine goldene Last verschwunden. Er ging an Land, während das Volk ihn als seinen neuen Herrscher feierte.

Diese Zeremonie fand im 15. Jahrhundert oder früher statt, und daraus entstand die ganze fabelhafte Geschichte von El Dorado, dem vergoldeten Mann, der später in der Vorstellung der Menschen zu einer Stadt aus Gold und schließlich zu einem Wort wurde, das ein Traumland voller leichter Reichtümer und Glück bedeutet.

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Redcap: Der rote Kobolt

Versteckte Ängste? Vor Spinnen? Ich fange sie und werfe sie raus. Vor Clowns? Das hat mich nie wirklich gestört, und ich habe Stephen Kings Es mehrmals gelesen. Vor Hexen? Ich stelle handgemachte Seifen und Lotionen her und bin bekannt dafür, dass ich Insektenstiche und -bisse mit Kräutern heile. Ich bin eine freche, gebildete Frau. Ich wäre eine der Ersten gewesen, die man im alten Salem auf den Galgenberg gebracht hätte. Schlangen? Die stören mich nur, wenn sie ins Haus kommen.

Kleine humanoide Kreaturen, die eindeutig bösartig sind und nach Blut und Tod zu hungern scheinen? Jetzt werde ich langsam nervös. Als ich klein war, las ich „Rumpelstilzchen“ von Paul O. Zelinsky. Ich liebte dieses Buch, weil es mir einfach Angst einjagen konnte. Warum um alles in der Welt sollte sie einem Kobold vertrauen, der nach Belieben erscheinen und verschwinden kann? Einer, der ihr erstgeborenes Kind wollte? Ich bezweifle wirklich, dass er dem Kind ein liebevolles Zuhause geben will. Wahrscheinlich macht er ein Baby-Soufflé oder so. Der Bösewicht war sehr klein. Er konnte sich unter deinem Bett verstecken und dir die Zehen lecken! UGGHHHH! Nicht cool, Rumpelstilzchen! Nicht cool!

Rumpelstilzchen
Rumpelstilzchen

Alle Arten von Folklore und Religionen haben Koboldgestalten. Es gibt Kobolde, Gnome, Gremlins und meinen Favoriten: das Thema dieses Artikels: Redcaps.

Redcaps sind kleine mörderische Humanoide, die mit Tod und Verzweiflung handeln. Man findet sie oft auf alten, blutigen Schlachtfeldern oder an Orten böser Taten. Sie sind klein, haben lange, fiese, krallenartige Fingernägel und scharfe, spitze Zähne. Ihr Erkennungszeichen sind die roten Kappen, die sie auf dem Kopf tragen, und viele sagen, dass die Quelle ihrer Macht, nämlich die Kappe, wegen des vielen Blutes ihrer Opfer rot ist. Ein Redcap lockt ein Opfer ins Verderben und taucht dann seine Kappe in das Blut des Opfers. Wenn die Kappe jemals austrocknet, stirbt der Redcap.

Klingt wie ein Märchen, das Kindern Angst einjagen soll, oder? Aber was, wenn es das nicht ist? Was, wenn es diese Dinger wirklich gab und möglicherweise immer noch gibt?

In den Tuilerien in Paris soll ein Wesen in den Wänden leben. Katharina von Medici soll im Jahr 1564 einmal einem erschreckenden Geist begegnet sein. Sie beschrieb ihn als ein gnomartiges Wesen, das ganz in Rot gekleidet war und eine Aura des Unglücks ausstrahlte. Katharina war eine kleine Unruhestifterin und hatte zum Zeitpunkt der Sichtung bereits einige Fehden zwischen den Protestanten und Katholiken in Frankreich ausgelöst. Ihre Missetaten sollten dazu führen, dass der König am Bartholomäus-Tag massakriert wurde.

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Mörderische Musen

Wer liebt nicht eine wahre Geschichte? Sie wecken eine besondere Faszination, die uns hinterher zu Wikipedia rennen lässt, um die Fakten von der Ausschmückung zu unterscheiden. Und dann gibt es noch die Geschichten dazwischen, die scheinbar zu real sind, um erfunden zu sein, und doch als Fiktion dargestellt werden. Es mag Sie überraschen zu erfahren, dass einige der berühmtesten Werke der Literatur und des Films ihre Inspiration aus beunruhigend realen Ereignissen bezogen haben.

Einer der einflussreichsten Schreckgespenster war der amerikanische Mörder und Nekrophile Ed Gein. Gein wurde nur für zwei Morde verurteilt, obwohl er wahrscheinlich für viele weitere verantwortlich war. Berühmt wurde er jedoch durch seine bizarre Besessenheit von seiner Mutter und seine postmortalen Perversionen. Robert Bloch war der erste, der Gein in seinem Roman Psycho als die verstörte Figur des Norman Bates fiktionalisierte. Auch Leatherface aus der Blutgericht in Texas-Reihe basiert lose auf Gein, der dafür bekannt war, Kleidung und Masken aus Menschenfleisch herzustellen. Thomas Harris lieh sich für die Figur des Buffalo Bill in Das Schweigen der Lämmer eine Seite aus Geins Spielbuch.

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Die blaue Stunde / Megan Miranda

Seit ihrem Durchbruch 2015 mit „The Girl on the Train“ hat sich Paula Hawkins als meisterhafte Erzählerin psychologischer Spannungsromane etabliert. „Die blaue Stunde“ bleibt dieser Linie treu und bietet eine Geschichte, die sich langsam entfaltet, dabei aber zunehmend an Intensität gewinnt. Es ist kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern vielmehr ein atmosphärisch dichter Roman, der einer kunstvoll geknüpften Intrige gleicht: Man weiß, dass man irgendwann das Zentrum erreichen wird, doch was einen dort erwartet, bleibt lange ungewiss.

„Die blaue Stunde / Megan Miranda“ weiterlesen

Der kreischende Wald

Im Herzen der Grafschaft Kent, unweit der malerischen Kulisse von Pluckley, erstreckt sich ein Forstareal, das unter dem Namen Dering Wood bekannt ist, im Volksmund jedoch fast ausschließlich als „Screaming Woods“ bezeichnet wird. Dieser Beiname ist untrennbar mit dem Ruf des Dorfes Pluckley verbunden, das bereits durch das Guinness-Buch der Rekorde als der am stärksten von paranormalen Phänomenen geprägte Ort Großbritanniens geadelt wurde. Die Screaming Woods nehmen in dieser lokalen Mythologie eine zentrale Rolle ein, da sie als Schauplatz für akustische und visuelle Anomalien gelten, die weit über die Grenzen Englands hinaus das Interesse von Parapsychologen und Enthusiasten des Makabren wecken.

Liste der Spuk-Phänomene um Pluckley
„Der kreischende Wald“ weiterlesen

Die Wirklichkeit verliert ihren hübschen Schmollmund

Die Gespenster verschwinden, sie werden als Erinnerung
blass, Gedanken gehen schon fehl, krachen an die Wand
ein Durchdringen jetzt nicht
ein Raum wie eine Barke
verschwindet sie, bleibe ich zurück
das Lebhafte ist nirgendwo verzeichnet, kein
Abspielgerät zumindest der wichtigsten Knotenpunkte
kein Infostand – mit Reklame für den Frieden
kein Rückspulsekret – verteilt um den
Lautstärkeregler und dann erst das Bild

Es ist die Freude der Erde, wenn sich die Würmer
dazu erbarmen, die Abfälligkeiten zu beseitigen
oder Noblesse walten zu lassen, gelb schon, Zeit schon
aber alles parkt auf dem Rücken der Niederlagen
und der Wettkampf hat begonnen, nicht
schnell genug, Bursche, du wirst noch mehr
Kartoffelsuppe vertragen müssen, wirst dir
andere Schuhe, denn Wandern ist des
Windmühlenbesitzers Lust, wirst nicht mehr
am Rückspulsekret schaben

Warum ein wilder Ritt nicht zum Ufer führt

Das Irrsein spricht in glatten Talern,
es biegt Bäume im Wind und achtet nicht auf das
Ungemach, verborgen noch in Schloten und hinter
mesmerisierenden Worten. In der Nacht stehen die
Stühle still auf all ihren vier Hufen, gereinigt von
den Ärschen des Tages, die sich im Sitzen Visionen
ihrer Zukunft erdenken. Unter den Brücken gefriert
die Luft in den Lungen, ein Ziel ist auch ihnen
unbekannt. Sie beben stets über einem Orkan,
zwischen den Gliedern nur ein Seufzen.

Lichter, wunderdicht
Armengebein, Finder von
Trassen

Die Szenarien der Taubheit sind angebrochen – nichts bleibt
außerhalb einer endlos rollenden Straße gesichtsreif, nichts
streitet sich über den Tag oder das darin verborgene Wunder.
Als gäbe es nichts zu tun scheinen die Häuser leer, so
legen sich die Dörfer in die Mitte, dorthin, wo früher
die Muttersau ihren Ferkeln zum Brunnen wurde. Um die
Gassen wird ein Gedanke geführt – Halt sucht er vergeblich
am blanken Mauerwerk, dem Holzgestade ringsherum.

Die Knochen könnte der Mörtel geben, ritzenfest und
weniger schmuck als vorgesehen. Die tastbaren Hindernisse
fehlen, die Scharten waren nie dazu gedacht, Fenster zu
werden. Das Auge glüht sich in ein Bild, ein Streifen
der Weltfedern fern der Hieroglyphen auf Toren, Portalen,
Stelzen und geschnitzten Männchen. Ich setze mich auf diesen
unzugänglichen Stuhl, betrachte über mir die Launen der
verirrten Sträucher, gekennzeichnet durch Knoten in den
neu erwachten Trieben, mit denen sie die Pfosten sprengen.

Die Menschheit ist ein Klumpen
und die Worte reduzieren sich
sie sind ein Bestandteil des Irrationalen
das alles bestimmt

manchmal feiert sich eine Zusammenkunft der
Klicklaute

(Das eines Tages zu sprechen ist ein
ständiges Bewegen der Lippen)

Ich weiß auch nicht, was sie alle hatten,
auf einmal waren sie fort, ein Ring
aus Düften haftete wie Schnee an
den Ketten, weiß und Begierig darauf,
kalt zu sein
Kältebrausen – aber nur farblich – ihr
Fragment blieb ihnen erhalten

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