Säufer und Sonnenkönig

Die letzte Woche war eine der Dunkelheit, ein Herstellen von Gedankenweite. Die Karfunkel-Zeitungen wahrscheinlich ungeeignet, aber einen Säufer und den Sonnenkönig ausgerupft. Was gäbe es auch schöne Kommentare zur Syphilis, wenn sie nur in Bildern sprächen. Die Technik völlig aus den Augen zu verlieren könnte ein Trost sein.

Es ist erstaunlich, was Altpapier kostet, früher am Straßenrand keines Blickes gewürdigt, nicht ein Gedanke ging zum Kunstwerk, das im sumpfigen Papiermatsch auf seine Erweckung lauert. Wie alles Ästhetische ist kein Tiefenschauplatz je von heute. In seiner Zeitlosigkeit ist er allerdings auch nicht von gestern.

In mir brandete der Zwang, mich ebenfalls der gegenwärtigen Monothematik zu unterwerfen, lange an, bis ich ihn mir aus den Zellen wusch. Selbstverständlich verachte ich die Menschen, was man kaum glauben mag, wo ich mich doch mit „Popkultur“ auseinandersetze.

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    Leon
    Leon 2010, kurz nachdem wir beide leider deutschen Boden betreten mussten.

    Leon war, als wir noch in der Schweiz lebten (genau genommen hat er die eidgenössische Staatsbürgerschaft nie abgelegt), der erste Kritiker meiner Gedichte. Denn wer sonst wäre in Frage gekommen, sich einen ernsthaften Eindruck über meinen Geisteszustand zu verschaffen? Leon durchstreifte mit mir die Nächte in Lichtensteig (als ich an Die Gilde der pechschwarzen Liebe arbeitete, gingen wir jede Nacht um drei Uhr über die Thur zum Automaten, um Skumkantarell zu besorgen) und später in Winterthur, wo wir der Einsamkeit einer Stadt lauschten. Leon hat das nicht weiter gestört, Hauptsache wir waren unterwegs.

    Leon hat die letzten Jahre dort verbracht, wo er wohl seine beste Zeit hatte. In Biesen, dort wo wir früher im Studio arbeiteten, wo das Ouroboros Straum, Timber, und Der Regenschirm entstand. Und wo er schließlich zu Hause war. Zum Schluss war er ein alter Mann, aber ich glaube, er war glücklich. Das Problem ist, dass mich seine Heimkehr seltsam hart trifft. Ich werde tiefer in die Nacht fliehen.

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    Sie scheinen mir heute genauso wenig wichtig zu sein wie die Dokumente, die ich während meiner zweiten Europareise 1996 unterwegs verfasste, und doch zieht mich das billige Papier – zumindest ästhetisch – an. Manchmal suche ich etwas in den alten Notaten, etwas, das ich vergessen haben könnte, zum Beispiel den Grund meiner Rastlosigkeit und des Aufbruchs. Aber ich finde meist nur ein längst vergangenes Leben und schlecht geschriebene Phrasen. Mir fällt auf, dass ich vor 2005 zwar viel geschrieben, aber nichts fabriziert hatte, dessen man sich nicht schämen müsste. Immerhin war ich 35 Jahre alt, als ich die ersten Sätze zu Papier brachte, denen ich auch heute noch Gültigkeit zuerkenne, alles was vor meinem Leben in der Schweiz lag, ist nahezu eine Katastrophe.


    Ich lese, um etwas über das Leben herauszufinden (um ehrlich zu sein, ist mir das bis heute nicht gelungen), eine andere Möglichkeit hat sich mir nie erschlossen. Ich hatte das Glück, viele Drogen nehmen zu können, was ein dürftiger Ersatz ist, aber ein Ersatz – einerseits für die Lektüre, andererseits für das Träumen. Heute gelingt mir letzteres auch am Tag und ich benötige keine Drogen mehr. Der Schlaf aber ärgert mich mittlerweile, weil ich in diesem Zustand nicht lesen kann, und an meine Träume erinnere ich mich nicht, weil ich schreibe, was ich schreibe, also einen Ersatz dafür habe. Erst wenn ich etwas aufgeschrieben habe, weiß ich, was ich geträumt hätte.

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    „Und eine Frau, die keinen Knopf annähen kann, heirate ich nicht.“ Ein Satz wie aus alten Fallstricken zusammengeleimt. Interessanterweise fiel mir dieser Satz wieder ein, als ich am Cornelius Schlehenfeuer saß, also ohnehin in den satten Sprachfarben des romantischen Zeitalters fläzte. Ich neige zur Kürze, zu den Augenblicken eines Bildes, einer Szene oder die eines versponnenen Gedankens. Das ist mir mehr wert als eine Erzählung, die erläuternd begleitet wird.