T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

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Augusto Cruz: Um Mitternacht

Augusto Cruz García-Mora hat mit diesem Roman Ehrgeiz und Mut gezeigt, der eine Mischung aus Detektivroman und kinematografischem Delirium mit einem Hauch Abenteuergeschichte darstellt, gespickt mit einer traumartigen Fantasie. Vielleicht finden Stummfilmliebhaber auf diesen seltsamen Seiten eine gewisse emotionale Komplizenschaft und wissen den Roman sogar noch mehr zu schätzen.

Das Objekt der Begierde

Der Film “London after Midnight” (Nach Mitternacht) ist der erste amerikanische Film, der sich mit Vampiren beschäftigt. Nosferatu wurde 1922 veröffentlicht, ein weiterer seltsamer Film namens “Dracula Halla” 1921, außerdem soll es noch einen geheimnisvolleren russischen Vampirfilm geben, über den absolut nichts bekannt ist. Das also sind die ersten Vertreter ihrer Art, aber in diesem Buch von Augusto Cruz geht es vor allem um die Suche nach dem als verschollen geltenden “London after Midnight” (Um Mitternacht). Dass sich um diesen Film so viele Legenden ranken ist natürlich ein gefundenes Fressen für einen Schriftsteller. Schon die Entstehungsgeschichte ist merkwürdig. Lon Chaney war zu dieser Zeit der Horror-Darsteller Nr. 1. Sehr berühmt und zurückhaltend, galt dieser Darsteller als äußerst mysteriös, ging nie aus, bevorzugte die erbärmlichen, verkrüppelten und seelisch deformierten Charaktere, und als er starb, hielten alle Kinos des Landes für einen Moment inne und gedachten seiner. Um seine Augen tränen oder verschleiert wirken zu lassen, steckte er sich Drähte in die Augen oder träufelte sich Eiweiß hinein. “Augusto Cruz: Um Mitternacht” weiterlesen

Alice (Auf der anderen Seite)

Es war der 4. Juli 1862, als Lewis Carroll (in Wirklichkeit Charles Dodgson) – angeblich ein schüchterner und exzentrischer Mann, der Mathematik an der Oxford University lehrte, die drei kleinen Töchter seines Freundes Henry Liddell zu einer Bootsfahrt entlang der Themse mitnahm. Aus dem, was sich inzwischen aus seinen Tagebucheinträgen ableiten lässt, hat er sich spontan eine lustige und absurd ausgefallene Geschichte ausgedacht, um sie zu unterhalten. Dieser Tag ging in die Literaturgeschichte ein.

Kurz zusammengefasst: Ein junges Mädchen namens Alice (nach einer der Liddell-Schwestern selbst benannt) stürzt versehentlich in eine bizarre Fantasiewelt, in der es auf verschiedene anthropomorphe Kreaturen trifft, einen Wahnsinnigen, der eine sehr seltsame und sehr wunderliche Teeparty veranstaltet, und eine merkwürdige Herzdame, die gerne Krocket spielt, wobei sie Flamingos als Schläger benutzt. Jahre später erinnerte sich Carroll an die Geschichte und entschied sich, sie weiterzuentwickeln und zu transkribieren.

Die veröffentlichte Version, die von John Tenniel illustriert wurde, war ein sofortiger Erfolg, der von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen geschätzt wurde. Selbst die berüchtigte, schwer zu beeindruckende Queen Victoria war amüsiert. Alice im Wunderland war reiner Eskapismus – völlig absurd und doch wunderbar bunt, erhebend und unendlich inspirierend.

Aber, wie es vielleicht bei jedem erfolgreichen Kunstwerk unvermeidlich ist – sei es literarisch, theatralisch oder filmisch -, wurde Carrolls Geschichte in den kommenden Jahren einer immensen Prüfung unterzogen. Kritiker und Wissenschaftler brüteten über die Geschichte und zerlegten jede Zeile in verzweifelten Versuchen, eine potenziell codierte Nachricht darin zu finden.

Es war der 4. Juli 1862, als Lewis Carroll (in Wirklichkeit Charles Dodgson) – angeblich ein schüchterner und exzentrischer Mann, der Mathematik an der Oxford University lehrte, die drei kleinen Töchter seines Freundes Henry Liddell zu einer Bootsfahrt entlang der Themse mitnahm. Aus dem, was sich inzwischen aus seinen Tagebucheinträgen ableiten lässt, hat er sich spontan eine lustige und absurd ausgefallene Geschichte ausgedacht, um sie zu unterhalten. Dieser Tag ging in die Literaturgeschichte ein.

Kurz zusammengefasst: ein junges Mädchen namens Alice (nach einer der Liddell-Schwestern selbst benannt) stürzt versehentlich in eine bizarre Fantasiewelt, in der es auf verschiedene anthropomorphe Kreaturen trifft, einen Wahnsinnigen, der eine sehr seltsame und sehr wunderliche Teeparty veranstaltet, und eine merkwürdige Herzdame, die gerne Krocket spielt, wobei sie Flamingos als Schläger benutzt. Jahre später erinnerte sich Carroll an die Geschichte und entschied sich, sie weiterzuentwickeln und zu transkribieren.

Die veröffentlichte Version, die von John Tenniel illustriert wurde, war ein sofortiger Erfolg, der von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen geschätzt wurde. Selbst die berüchtigte, schwer zu beeindruckende Queen Victoria war amüsiert. Alice im Wunderland war reiner Eskapismus (wie jede gute Literatur) – völlig absurd und doch wunderbar bunt, erhebend und unendlich inspirierend.

Aber, wie es vielleicht bei jedem erfolgreichen Kunstwerk unvermeidlich ist – sei es literarisch, theatralisch oder filmisch -, wurde Carrolls Geschichte in den kommenden Jahren einer immensen Prüfung unterzogen. Kritiker und Wissenschaftler brüteten über die Geschichte und zerlegten jede Zeile in verzweifelten Versuchen, eine potenziell kodierte, tiefgründige und vielleicht unheimliche verborgene Bedeutung aufzudecken. Als außergewöhnlich intelligenter und offensichtlich gut belesener Mann ist es wahrscheinlich, dass Carroll bei der Entstehung seiner eigenen Geschichte auf verschiedene Einflüsse zurückgreifen konnte. Tatsächlich ist das Buch gefüllt mit literarischen und kulturellen Anspielungen sowie einer Reihe von mathematischen Problemen, Denksportaufgaben und Rätseln, die frustrierend unbeantwortet bleiben. Carroll scheint sich an seiner eigenen klugen Kreativität zu erfreut zu haben, sodass seine Leser über ihre Lösungen und Konnotationen bis in alle Ewigkeit nachdenken und darüber streiten können.

Von allen Analysen, die Carrolls Arbeit im Laufe der Jahre erdulden musste, sind sich mindestens zwei darüber einig, dass Caroll die Erfahrungen seiner Protagonisten tatsächlich selbst gemacht haben muss, und zwar, indem er halluzinogene Drogen konsumierte. Noch verunglimpfender ist jedoch die Frage nach Carolls Beziehung zur echten Alice – der Tochter seines Freundes, der er die Geschichte als erste vorlas. Kurz: Man hat Caroll der Pädophilie bezichtigt.

Alice im Wunderland ist in der Tat ein Rätsel, und es ist unwahrscheinlich, dass außer seinem verstorbenen Autor jemals jemand seine wahren konnotativen Bedeutungen vollständig verstehen wird. Dies ist jedoch zweifellos ein wesentlicher Teil der Attraktivität des Buches. Seit mehr als einem Jahrhundert lädt die Mehrdeutigkeit und Komplexität der Geschichte verschiedene Künstler — von Film- und Theaterregisseuren über Modestylisten bis hin zu Tänzern, Fotografen und anderen Kunstschaffenden — dazu ein, ihre eigenen Interpretationen von Carrolls Geschichte zu finden. Walt Disney und Tim Burton sind nur zwei der Legenden aus der Filmwelt, die Alices Geschichte verfilmt haben, das russische Model Natalia Vodianova hat sich als junge Heldin für die Vogue ablichten lassen, und der spanisch-amerikanische Bildhauer José de Creeft hat ihr zu Ehren eine Bronzestatue geformt, die im New Yorker Central Park steht. Die Herzkönigin, der wunderbar verrückte Hutmacher, und die grinsende Cheshire-Katze haben ebenfalls viel Ruhm erlangt und sind so etwas wie kulturelle Symbole geworden.

Die Natur dieser Interpretationen ist ebenso faszinierend. Disneys fröhliche, familienorientierte Animation wird von viel Gesang und Tanz begleitet, während Burtons Version von 2010 mit Johnny Depp und Mia Wasikowska eine viel dunklere Angelegenheit ist. Salvador Dali schuf 12 Illustrationen auf der Grundlage des Romans, die so surreal und verblüffend sind wie Carrolls Originalgeschichte. London verfügt über einen angemessen exzentrischen Boutiquenladen, der Alices Utensilien (Alice Through the Looking Glass) gewidmet ist, sowie über einen Cocktailklub und einen malerischen, aber dennoch schrulligen Teeraum im Wonderland-Stil im Sanderson Hotel.

Selten hat eine Kindergeschichte einen so zeitlosen und weltweiten Reiz ausüben können – umso außergewöhnlicher, dass sie unbeschwert, tiefgründig, unheimlich, modisch, schön und bizarr zugleich ist und praktisch jeden denkbaren Aspekt der Populärkultur durchdringt. Alice und ihr wahrhaft bemerkenswertes Erbe werden sicherlich noch Jahrhunderte andauern – die charmante junge Protagonistin und ihre Wunderlandfreunde sind nicht nur in Carrolls Büchern, sondern auch in unzähligen Interpretationen und Bearbeitungen für immer verewigt worden.

Richard Middleton

Richard Middleton, bekannt für “Das Geisterschiff”, war ein versierter Stilist der unheimlichen Literatur. Zu den Lobeshymnen für Middletons Werk gehört diese Passage aus “Horror Literature” (1981), herausgegeben von Marshall Tymn:

“Middleton, einer der interessantesten Stilisten der britischen Schauerliteratur, ist reich und überschwänglich in seiner Art, klassische Geistergeschichten zu erzählen (insbesondere die humorvollen), aber knapp und präzise in seinen originelleren psychologischen Geschichten.”

Und in “Shadows in the Attic: Neil Wilson, Guide to British Supernatural Fiction 1820-1950”, schreibt er:

“Die unbestreitbare literarische Fähigkeit des Autors erlaubt es den meisten Geschichten, sich über das rein Morbide und Sentimentale zu erheben”.

Richard Barham Middleton wurde am 28. Oktober 1882 in Staines, Middlesex, England, geboren. Während seiner Schulzeit wurde der verträumte sensible Jugendliche von Gleichaltrigen gehänselt. Das waren  Erfahrungen, die ihren Weg in seine Geschichte “A Drama of Youth” fanden. Er wurde an der Cranbrook School in Kent ausgebildet und verbrachte ein Jahr an der University of London. Er bestand die Oxford und Cambridge Higher Certificate-Prüfungen in Mathematik, Physik und Englisch. Trotz seines akademischen Hintergrunds nahm er eine Stelle als Angestellter bei der Royal Exchange Assurance Corporation in London an. In dieser Zeit begann er, Essays und Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen, und er schloss sich den New Bohemians an, einer Gesellschaft literarischer Männer, denen auch Arthur Machen angehörte.

Middleton blieb nur sechs Jahre lang in seinem Bürojob, hasste die Plackerei der Büroarbeit und strebte leidenschaftlich nach dem Lotterleben eines Schriftstellers. Er kündigte 1907 seinen Job, um seinen Traum zu leben. Aber der Traum wurde zu einem Albtraum. Er verdiente nicht viel Geld mit seinem Schreiben und lebte in Armut. Obwohl er in Zeitschriften wie The Academy und Vanity Fair und  sogar in der amerikanischen Zeitschrift The Century untergekommen war, erblickte zu seinen Lebzeiten keine Buchpublikationen das Licht der Welt. Auch litt er unter einer Reihe von körperlichen Beschwerden – entweder real oder eingebildet – und unter Enttäuschungen in seinem Liebesleben.

Neben Kurzgeschichten und Essays wagte er sich auch an Gedichte, obwohl “The Cambridge History of English and American Literature” ihn höchstens für einen “kleineren Dichter” hält. In dieser Zeit hatte er einige literarische Jobs: Lord Alfred Douglas machte ihn zum Buchkritiker für The Academy, und Edward Jepson stellte ihn als Co-Redakteur für Vanity Fair ein.

Die humorvolle, vielanthologisierte Geschichte “Das Geisterschiff” erzählt von einer unheimlichen Galeone, die von einem Sturm in ein Rübenfeld nahe eines Dorfes im Landesinneren geblasen wird, das “der geisterhafteste Ort in ganz England” ist. Mit der Zeit hetzt der spukhafte Kapitän des Phantomschiffes die respektablen Geister im Dorf auf und verärgert die Dorfbewohner solange, bis er und seine Mannschaft aufgefordert werden zu gehen. Als das Schiff abfährt, sind die Dorfbewohner darüber, dass viele ihrer Lieblingsgeister mit an Bord sind.

“The Coffin Merchant” erzählt von einem Londoner, der an einem tristen Novembertag ein Flugblatt für eine Trauerfeier erhält. Beim Bestatter erfährt er zu seinem Entsetzen, für wen die Dienste wirklich bestimmt sind. In “On the Brighton Road” trifft ein Landstreicher auf den Geist eines Jungen, der die Brighton Road durchstreift und immer wieder aufs Neue stirbt. Ein Kind in “The Bird in the Garden” wandert durch einen fabelhaften Garten und wartet auf einen wundersamen Vogel, “einen Vogel aller Farben, hässlich und schön, mit einer harten, süßen Stimme”, aber als er aufwacht, bemerkt er, dass die Realität ganz anders ist. Der Zauberer eines fehlgeschlagener Auftritts in einem Musiksaal in “The Conjurer”, versucht einen letzten verzweifelten Trick, um seine Karriere zu retten und lässt seine geliebte Frau verschwinden, unter tosendem Applaus, bis er herausfindet, dass sie wirklich verschwunden ist.

Einige von Middletons Geschichten neigen durchaus zum Grauen. In “The Hand” findet eine im Dunkeln herumtastende Person eine Hand auf einer Tischplatte. In “The Luck of Keith-Martin” kommt ein Reisender im abgedunkelten Haus eines alten Freundes an, und als ihm die Stimme einer Frau sagt, er solle gehen, macht er das Licht an und findet heraus, dass sein Freund gerade von der Frau ermordet wurde, die mit seinem Blut bedeckt ist. Ein Würger betrachtet die Leiche, die er gerade in “Wet Eyes and Sad Mouth” erschaffen hat. Zwei Leute zerhacken eine Leiche in “The Making of a Man”. Grausam, aber trotzdem stilvoll geschrieben.

Auf der Suche nach literarischer Inspiration zog Middleton Anfang 1911 nach Brüssel, Belgien. Am 1. Dezember 1911, im Alter von 29 Jahren, beging er dort Selbstmord, indem er Chloroform trank. Sein Selbstmord war eine Überraschung, da er als eine stabile Persönlichkeit galt. Vielleicht war seine Armut der Grund, gescheiterte Liebesaffären, mangelnder Erfolg und andere Enttäuschungen, die ihn zu diesem Schritt gedrängt haben.

Middletons Ruf stieg nach seinem Tod, vor allem dank Henry Savage, Edgar Jepson und John Gawsworth. Innerhalb weniger Jahre nach seinem Tod veröffentlichte Savage fünf Bücher mit Middletons Werken: “The Ghost Ship: And Other Stories” 1912); “Poems and Songs” (1912); “Poems and Songs, Second Series” (1912);”The Day Before Yesterday” (1912), eine Sammlung von Essays und Monologe (1913). 1933 veröffentlichte Gawsworth “The Pantomine Man”, eine Sammlung von bisher nicht gesammelten Geschichten, und Essays und Skizzen. Gawsworth veröffentlichte auch mehrere ungelesene Geschichten in verschiedenen Anthologien, darunter sechs in “New Tales of Horror by Eminent Authors” (1934).

“The Ghost Ship and Other Stories” enthält die Titelgeschichte und andere Erzählungen, darunter “The Coffin Merchant”, “On the Brighton Road”, “The Conjurer” und “Shepherd’s Boy”. Machen schrieb ein Vorwort für den Band, in dem er von “Das Geisterschiff” sagte: “Ich erkläre, dass ich diese kurze, verrückte, bezaubernde Fantasie nicht gegen eine ganze Wildnis scheinbarer Romane eintauschen würde”.

Viele der Bücher und Geschichten von Middleton sind online im Original verfügbar.

Neu in der Sammlung (1)

Heute sind neu angekommen:

Mary Hottinger (Hg.): Gespenster / Mehr Gespenster
Lady Cinthia Asquith (Hg.): Schrecksekunden
Jaquelin Visick (Hg.): Gespenstergeschichten aus London
Peter Hasining (Hg.): Die Damen des Bösen

Die Sammlungen stammen alle aus den 70er Jahren (bis auf “Gespenster”, das bereits 1956 bei Diogenes erschien; hier habe ich allerdings den Nachdruck von 1982).

In letzter Zeit versuche ich, alte Anthologien zu finden. Die klassische Gespenstergeschichte ist heute kaum mehr weit verbreitet. Durch diese Anthologien aber kommt man an seltene Stücke, die sonst nirgendwo erschienen sind. Während die moderne Horrorliteratur immer mehr in Richtung Nihilismus und/oder Gewalt abdriftet, die nur einen schlechten Stil zu kaschieren sucht, sind hier noch echte Perlen der Weird Fiction und der Schauerliteratur vertreten.

Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.
Sie seufzt.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

Es wäre nicht genüge, diese acht Perlen einfach nur Geschichten zu nennen. Wären sie das, könnten wir uns leicht über das Abrupte in ihnen beklagen, geschrieben von einer Virtuosin, die ihr Instrument einfach nur hinlegt, ihr Können längst bewiesen hat, als ob der Nachhall ihrer Legende bereits ausreichen würde. Es gibt in dieser Sammlung Sätze, die sich als poetische Fragmente betrachten lassen. Ihre Erzählungen haben mehr mit der Struktur von Märchen zu tun; hier wirkt eine autoritative Stimme im Hintergrund, die Dialoge vermeidet, scheinbar undurchsichtig Ereignisse werden in einen Prolog und ein Nachspiel gekleidet, so dass sie aus dem Text heraustreten. Hier ist eine Fantasie am Werk, die unter dem Deckmantel historischer Meditationen waltet.

Die Eröffnungsgeschichte Schwarze Venus ist Carters Interpretation der Muse und Geliebten von Charles Baudelaire, Jeanne Duval, die er seine “Vénus Noire” nannte, die Inspiration für insgesamt sieben Gedichte aus den „Blumen des Bösen“ war, von der man tatsächlich sehr wenig weiß und die wohl ihren Namen als Tänzerin und Objekt der Begierde sehr häufig geändert haben dürfte. Geheimnisvoll erscheint sie nicht zuletzt deshalb, weil sie die Geliebte eines perversen, “bösen” Dichters war. Uns wird erzählt, wie er eines nachts von ihr in Erregung versetzt wird, als er sie ohne einen Hinweis oder jedwedes Schamgefühl auf die Straße urinieren sieht.

Die subtile Andeutung, dass sie eine gefallene Frau ist, wie in dem obigen Auszug angedeutet, wird durch die letzte Beobachtung des Fotografen Nadar verstärkt, der eine syphilitische, zahnlose und auf Krücken stehende Frau sieht. Durch Carter wird sie transformiert, ihre Sexualität wird zu einer Ermächtigung, als sie Baudelaire für den Sex bezahlen läßt, weil sie ihn respektiert und weil sie es wert ist. Außerdem wird sie als die Intelligentere von beiden dargestellt; obwohl sie seine Kunst zu schätzen weiß, erkennt sie die Dummheit seines Vergleichs ihres Tanzes mit dem einer Schlange. Hätte er – wie sie – je eine gesehen, wüsste er, wie lächerlich der Vergleich war.

Baudelaire selbst zeigt sich als sehr gesprächig und ein wenig als Poseur, während er in ihren Armen nach dem Koitus zu weinen beginnt. Am Ende der Erzählung überlebt sie den Dichter und kehrt nach Martinique zurück.

Die zweite Geschichte, Der Kuss, ist die kürzeste Geschichte in der Sammlung und handelt von einem Zwischenfall zwischen Timurs schöner und klugen Frau und einem Baumeister. Die Ehefrau will ihrem siegreich von einem Feldzug zurückkehrenden Mann eine Moschee bauen und pocht darauf, dass sie rechtzeitig fertig wird. Aber ein Torbogen bleibt noch unvollendet. Sie ruft den Bauherrn herbei, aber er wird den Torbogen nur unter der Gegenleistung eines Kusses vollenden. Die Ehefrau will nicht untreu sein, und deshalb entwirft sie einen Plan, um ihn zu täuschen, indem sie ihm Eier mit verschiedenfarbiger Schalen zum Essen gibt. Als er sie gegessen hat und unbeeindruckt ist, weil sie alle gleich schmeckten, benutzt sie das gegen ihn, indem sie sagt, dass die gleiche Logik für Küsse gilt, unabhängig von der Ästhetik, deshalb wird sie ihm erlauben, stattdessen irgendeine ihrer Mägde zu küssen.

Sein Gegenvorschlag umfasst drei Schüsseln mit klarer Flüssigkeit, zwei mit Wasser und einen mit Wodka, mit dem Argument, dass, obwohl sie gleich aussehen, jede Flüssigkeit anders schmeckt und so sei es auch mit der Liebe. Danach küsst sie ihn und als Tamur nach Hause zurückkehrt, wird sie nicht in den Harem zurückkehren, weil sie Wodka probiert hat und ihm gesteht, dass sie den Architekten geküsst hat. Sie wird geschlagen, und er schickt seine Wachen, um den Architekten hinzurichten, der auf dem fertiggestellten Torbogen steht, sich Flügel wachsen lässt und davon fliegt.

Unsere Liebe Frau vom Großen Massaker erzählt die Geschichte eines Mädchens aus Lancashire, das nach London zieht, wo sie einen Laib Brot stehlen muss, um nicht zu verhungern, und von einem Gentleman erwischt wird, der sie dazu überredet, mit ihm in ein Zimmer zu gehen, um Sex zu haben. Als er merkt, dass sie noch Jungfrau ist, schämt er sich und gibt ihr etwas Geld. Die Folge davon ist, dass ihr das recht gut gefällt und sie damit beginnt, sich zu prostituieren. Nebenbei beginnt sie aus Spaß auch noch zu stehlen, wird erwischt und in die Neue Welt verfrachtet, um dort auf einer Plantage zu arbeiten. Dort muss sie fliehen, als sie einem Vorarbeiter, der sie vergewaltigen will, die Ohren abschneidet. In der Wildnis begegnet sie einer Indianerin, die sie als Tochter aufnimmt und so wird sie Teil des Stammes. Dort lebt sie ein einfaches Leben, glücklich, weil sie keine Wünsche und Bedürfnisse hat und zu einer Gemeinschaft gehört. Sie heiratet sogar einen der Stammesangehörigen und hat einen kleinen Jungen. Ihr Glück ist jedoch nicht von Dauer, denn die Engländer kommen und schlachten alle ab. Sie selbst wird von den Engländern mitgenommen, wo sie von einem Priester gekauft wird, der ihre und die Seele ihres Kindes retten will. Die Geschichte würde in der Hand einer weniger begabten Schriftstellerin leicht platzen, denn die Gegenüberstellung der ekelerregenden „Zivilisation“, wo sie ihren Körper verkaufen muss, um zu überleben, und den respektvollen „Wilden“, in deren Gemeinschaft sie sich sinnhafte einfügt ist schon vielen mißlungen. Tatsächlich könnte man einen Makel darin sehen, dass die Geschichte an sich nicht phantastisch ist. Aber wie bereits bei Schwarze Venus selbst ist sie spekulativ-abenteuerlich, und das rückt sie in die Nähe der Literatur, die wir meinen.

Die nächste Geschichte stellt den Höhepunkt der an sich schon sehr starken Sammlung dar: Das Kabinett des Edgar Allan Poe. Diese Erzählung beschäftigt sich mit den Effekten, die seine Kindheit und seine Mutter auf Poes pathologische Probleme im Mannesalter hatten. Bekanntermaßen war Poes Mutter eine Schauspielerin, die für ihr Können und ihre Vielseitigkeit in den Rollen von Shakespeares tragischen Heldinnen Ophelia und Juliet Capulet bis hin zu Chor-, Tanz- und Komödienrollen gelobt wurde. Die Sache, die Edgar am meisten genießt, ist, sie in ihrem Schrankspiegel zu sehen und dabei zuzusehen, wie sie sich komplett von einer Person in eine andere verwandelt. Nachdem der Vater verschwunden ist (er löst sich einfach auf), versucht sie weiterhin unter Selbstaufgabe sich um ihn und um seine zwei Geschwister zu kümmern. Bis zu ihrem Tod, den Carter so beschreibt:

Der feuchte, mürrische Winter des Südens unterzeichnete ihr Ende. Sie legte das Hemd der irren Ophelia zum Abschied an.
Als sie ihn rief, kam der fahle Reiter. Edgar schaute aus dem Fenster und sah ihn. Die lautlosen Hufe von Pferden, die schwarze Federbüsche trugen, schlugen Funken aus den Pflastersteinen der Straße drunten. „Vater!“, sagte Edgar; er dachte, ihr Vater müsse sich in dieser verzweifelten Lage wieder zusammengefügt haben, um sie alle zu einem besseren Ort zu fahren, doch als er genauer hinsah, beim Licht des schwelenden Mondes, erkannte er, daß die Augenhöhlen des Kutschers voller Würmer waren.

Der Tod seiner Mutter hat tiefgreifende Auswirkungen auf Poe, da er seine Mutter schon unzählige Male auf der Bühne sterben und sie nach dem gefallenen Vorhang wieder aufstehen gesehen hat, aber diesmal kehrt sie nicht zurück. Drei Wochen nach ihrem Tod wird er von den Allens aufgenommen und bekommt ein gutes Zuhause und eine gute Ausbildung, er wächst auf und heiratet seine dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm. Elf Jahre lang werden sie verheiratet sein, bis das bleiche, sanfte Mädchen an Tuberkulose stirbt. In dieser Erzählung zeigt Carter virtuos auf, wie sehr Poe durch den tragischen Tod der beiden Frauen, die er liebte, geprägt wurde. Wir kennen das stets wiederkehrende Thema der sterbenden oder toten Frauen in seiner Arbeit natürlich sehr genau und ich selbst habe schon eine Menge darüber geschrieben, was aber hier nichts zur Sache tut.

In den nächsten beiden Erzählungen kehrt Angela Carter auf das ihr vertraute Gebiet der Volkserzählungen zurück. Einmal, um Shakespeares “Sommernachstraum” neu zu erfinden, in dem sie einen goldenen Hermaphroditen einführt, und ein anderes Mal, um sich in „Peter und der Wolf“ erneut dem Motiv der Wolfskinder anzunehmen, wo sie unter anderem ja ihre stärksten Momente auch in „Blaubarts Zimmer“ hat.

In Capriccio-Ouvertüre zu “Ein Sommernachstraum‘” stellt sich Carter einen sehr englischen Wald als Schauplatz vor, in dem sie besagten goldenen Hermaphroditen namens Herm in die Geschichte einfügt, der unter der Obhut von Titania steht, die entschlossen ist, sie vor den verliebten Annäherungsversuchen ihres Mannes Oberon zu schützen. Während sich der Wald zu verändern beginnt, um Oberons sexueller Frustration anzupassen, benutzt Titania den Herm für sich selbst. Darüber hinaus ist Herm auch das Objekt der Begierde von Puck, der ihr/ihm in den Wald folgt, wo Herm Yoga praktiziert, den Hermaphrodieten aber nicht zu nahe treten kann, weil eine Barriere um ihn geschaffen wurde, um ihn zu schützen. Deshalb sieht er ihm nur zu und masturbiert. Puck schafft es sogar, seine Genitalien so umzustellen, dass er sich in einen Zwitter verwandelt, aber auch das nützt ihm nichts.

Selbst für Carters Maßstäbe ist die hier genutzte Sprache üppig, das eigentlich Interessante jedoch ist die Symbolik, die sie jedem Charakter zuweist. Titania ist eine Fruchtbarkeitsgöttin, während ihr Mann, der König, frustrierte männliche Dominanz darstellt und Puck reine, ungehemmte animalische Sexualität ist. Der goldene Herm, obwohl er beide Geschlechtsteile besitzt und von Männern und Frauen gleichermaßen begehrt wird, scheint die ganze Idee des Geschlechts langweilig zu finden, als ob er durch einen höheren Zustand erleuchtet wäre, wie sein Yoga dann auch zeigt. Bei der Adaption der Geschichte behält Carter die Unzucht von Shakespeares Stück zwar bei, macht es aber uneingeschränkt zu ihrer eigenen Geschichte.

In Peter und der Wolf entdeckt Peter während der Jagd ein junges Mädchen unter den Wölfen. Es handelt sich um seine Cousine, die verwilderte, als ihre Eltern, die abgeschieden auf einem Berg lebten, von Wölfen getötet wurden, als sie selbst noch ein Baby war. Gemeinsam mit anderen Jägern wird sie eingefangen und „nach Hause“ gebracht. Peter und seine Großmutter sind fest entschlossen, ihr zu helfen. Sie allerdings fängt laut zu heulen an und es dauert nicht lange, da kommen die Wölfe vom Berg herunter und befreien das Mädchen.

Nach diesem Ereignis wird Peter religiös. Als er volljährig ist, empfiehlt es sich von daher für ihn, ins Priesterseminar zu gehen und dort zu studieren. Als er das Dorf verlässt, kommt er an einen Fluss und sieht seine Cousine mit zwei Wolfsjungen, die von ihr gesäugt werden (hier haben wir die dunkle Symbolik der Sodomie). Als er sie dort sieht, wird er an seine Sehnsucht erinnert, die ihn überkam, als er zum ersten Mal von ihrem Geschlecht angezogen wurde als er sie nackt und wild im Haus sah, bevor die Wölfe sie befreiten. Er versucht über den Fluss zu ihr zu gelangen, aber er verschreckt sie nur. Wie Puck in der vorigen Geschichte, steht das wilde Mädchen für die animalische Sexualität, aber sie repräsentiert auch eine Art Freiheit, die Peter nicht weniger begehrt, aber nicht haben kann. Auf seinem weiteren Weg bemerkt Peter, dass ihm die Berge seiner Jugend wie auf einer Postkarte geworden sind und blickt nicht zurück aus Angst, das gleiche Schicksal wie Lots Frau zu teilen.

In der nächsten Erzählung, Das Küchenkind, wird die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der aus einer zufälligen Begegnung zwischen seiner Mutter und einem mysteriösen Mann in der Küche eines Landhauses, in dem sie arbeitet, geboren wurde. In der Küche aufgewachsen, lernt der Junge von klein auf eine Reihe von kulinarischen Fertigkeiten unter der Obhut seiner Mutter, einer begnadeten Köchin. Doch sie fühlt sich unterschätzt, denn wenn der Hausherr zu Besuch kommt, fragt er nie nach ihrer Spezialität, dem Hummersoufflé. Eines Tages geht der Junge auf den Herzog zu, um näheres über seinen Vater in Erfahrung zu bringen. Von ihm erfährt er, dass es sich dabei um den Kammerdiener des Herzogs handelte und dieser traurigerweise verstorben sei, aber auch, dass die Haushälterin – und Gegenspielerin der Köchin – diese Nachricht absichtlich nicht weitergegeben hatte, was seine Mutter fälschlicherweise glauben ließ, er interessiere sich nicht für das Hummersoufflé. Als Zeichen seiner freundlichen Geste geht er in die Küche, um der Mutter des Jungen eine kleine Aufmerksamkeit zu machen, aber sie lehnt seine Annäherung ab, denn als sie bei der letzten Gelegenheit belästigt wurde (der Zeugung des Jungen), gab sie zu viel Cayenne in die Schüssel. Der Herzog ist bewegt von der Hingabe der Mutter an ihre Arbeit und bittet sie, Chefköchin in seiner Residenz zu werden. Der Junge wird sein Ziehsohn und der jüngste Koch in ganz England.

Auch diese Geschichte ist weniger phantastisch als einfach nur ein sprachliches Meisterwerk.

Die letzte Geschichte in der Sammlung ist Die Morde von Fall River, die Geschichte von Lizzy Borden, die in der allgemein bekannten Legende ihren Vater als auch ihre Mutter mit einer Axt ermordet haben soll. Tatsächlich bestehen noch immer Zweifel, ob sie es wirklich getan hat, vor Gericht wurde sie jedenfalls freigesprochen.

Carters Lizzy lebt in einem bedrückenden Haus, in dem aufgrund eines kürzlichen Einbruchs alle Türen zu jeder Zeit verschlossen bleiben. Ihr Vater ist recht wohlhabend, aber er ist ein Geizhals, so dass selbst die Form des Hauses bedrückend, sehr eng ist, und Carter nutzt dies, um eine Atmosphäre zu schaffen, die höchst klaustrophobisch ist. Ihre Stiefmutter wird als ziemlich gefräßig dargestellt, und die Beziehung zwischen ihr und Lizzy ist nicht gerade gut. Lizzys Schwester ist weggegangen, um bei Freunden in einer anderen Stadt zu leben, aber Lizzy fühlt sich aus Gründen, die nur mit einer inneren Stimme erklärt werden, gezwungen, in Massachusetts zu bleiben.

Während die Hitze unerträglich wird und jeden im Haus krank macht, ereignet sich das, was schließlich Lizzys Verbrechen auslöst (und Carter geht von ihrer naheliegenden Schuld aus).

Obwohl ihr Vater ein Geizhals ist (der als Bestatter den Leute die Füße abschneidet, damit sie in einen kleinen, billigen Sarg passen), gewährt er seiner Tochter jeden (finanziellen) Wunsch. Eines Tages tötet er aber Lizzys Tauben, um sie seiner Gemahlin wortwörtlich zum Fraß vorzuwerfen.

Lizzys Verbrechen wird beinahe zu einem Akt radikaler Befreiung. Sie greift auf Gewalt zurück, um sich einer grausamen und bedrückenden Situation zu entledigen.

Angela Carters Schreibstil wird oft dem Magischen Realismus zugeordnet, obwohl nach ihrer eigenen Aussage dieses Etikett nicht ganz stimmig ist. Sie selbst plädiert für ein “literarisches Spiel” im Geiste lateinamerikanischer Schriftsteller wie Garca Marquez und Borges. Borges war bei weitem ihr wichtigster Einfluss – und darin liegt vielleicht das Problem mit dem Etikett. In Europa geht man allgemein davon aus, Borges sei eben der Prototyp des Magischen Realisten gewesen – und auch Marquez bekam ja dieses Schild verpasst, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass die Erfindung des Magischen Realismus nur ein Marketingkonzept der Verlage gewesen ist.

Genevieve Cogman: Die unsichtbare Bibliothek

Geschichten über Bibliotheken oder geheimnisvolle Bücher besitzen immer ihren ganz eigenen Charme, so dass man bei genauerer Betrachtung sogar von einer eigenen Gattung sprechen müsste. Und dennoch sind sie so vielseitig und unterschiedlich, dass sie manchmal eben nichts weiter miteinander zu tun haben, als dass es darin um Bücher geht. Die unsichtbare Bibliothek reiht sich da ein. In gewisser Weise steht der Roman der Urban Fantasy und der Portal Fantasy nahe, bedenkt man die unzähligen Parallelwelten, die es hier gibt. Und im Zentrum steht besagte Bibliothek, ein mysteriöses und undurchschaubares Gebilde, so gewaltig, dass man seine Auswüchse gar nicht ermessen kann. Da läuft man schon mal zweieinhalb Stunden von einer Abteilung zur nächsten. Aber das ist noch längst nichts Besonderes. Dass die Bibliothek Zugänge zu allen denkbaren Paralleluniversen unterhält, hingegen schon.

Und die Bibliothekare sind auf besondere Weise an diese Bibliothek gebunden. Sie verfügen über außergewöhnliche Kräfte, weil sie ein Siegel in Form einer Tätowierung auf ihrem Rücken tragen. Das verleiht ihnen Zugriff auf ein magisches System, das Die Sprache genannt wird. Dabei handelt es sich nicht etwa um herkömmliche Zaubersprüche, sondern um die Macht des Wortes selbst, das Dingen befiehlt, wie sie sich verhalten sollen. Und tatsächlich steht Die Sprache im völligen Gegensatz zur – ebenfalls vorhandenen – Zauberei.

Eine dieser Bibliothekarinnen ist die temperamentvolle  Irene, und gleich im ersten Kapitel begleiten wir sie bei der Erfüllung eines Auftrags, bevor sie mit einem Buch, das sie aus einer Parallelwelt gestohlen hat, in die Bibliothek zurückkehrt. Das nämlich ist ihre Aufgabe und die Aufgabe aller Bibliothekare: sie beschaffen seltene Bücher aus allen Welten, um diese zu bewahren. Dieser Einstieg ist gelungen und bereitet und auf das vor, was nun folgen sollte: die Beschaffung eines Buches der Gebrüder Grimm aus einem viktorianisch anmutenden London. Warum? Es könnten einhundert Gebrüder Grimm in einhundert verschiedenen Welten leben, und jedes Mal könnten sie eine andere Märchensammlung verfasst haben. Und genau dort liegt das Interesse der Bibliothek.

Wissenschaftliche Abhandlungen spielen dabei keine Rolle, denn Entdeckungen sind in allen Welten gleich, wenn auch in unterschiedlichen Mischungen vorhanden. Und sie werden nicht sie sehr geschätzt wie kreative Arbeit. Diese Kernaussage hat mich persönlich am meisten begeistert, um ehrlich zu sein.

Genevieve Cogman offenbart bereits in ihrem Debüt eine erstaunliche metatextuelle Gabe. Das wird in folgendem Beispiel deutlich:

Die Welt, in der Irene Winters und Kai ein Buch der Gebrüder Grimm beschaffen müssen, ist “vom Chaos verseucht”. Hier bedeutet das, die Welt ist “verzerrt”, die Dinge haben die Neigung, “in erzählerische Muster zu verfallen”, nehmen also die “Art von Rhythmus und Logik an, die man womöglich in der Erzählliteratur oder in Märchen vorfindet.”

Das ist auch gleichzeitig die Poetik des Romans, Erzähltext und Metatext überschneiden sich. Der Roman ist auch ein Spiel mit Buchwelten an sich, eine unverhohlene Huldigung. Es gibt sogar eine schlüssige Erklärung für die Existenz exotischer Geschöpfe wie Vampire, Werwölfe, Feen und Elben:

“Das Chaos benutzt Geschöpfe, die unlogischen Gesetzen auf logische Weise gehorchen.”

Dadurch destabilisiert das Chaos eine entsprechende Welt, drängt die Ordnung zurück und verseucht sie. Das ist nicht einfach nur ein Status Quo, die entsprechende Welt geht daran zugrunde wie ein lebender Organismus an einer Infektion.

Cogman schreibt mit einer Lebendigkeit und einem Witz, die dem Genre der Urban Fantasy neues Leben einhauchen. Die Handlung verbindet politische und akademische Intrigen mit hochkarätigen Kampfszenen und bewegt sich innerhalb eines atmosphärischen Szenarios. Klischeehafte romantische Spannungen lässt die Autorin glücklicherweise – und entgegen dem gegenwärtigen Strom – aus, eine Fantasy-Schnulze haben wir hier in der Tat nicht vorliegen (ich hätte das Ding ansonsten auch nicht angefasst). Die Scherze zwischen Irene und ihrem Studenten Kai sind hingegen ziemlich erfrischend. Dass man hin und wieder an die Werke von Neil Gaiman erinnert wird, schmälert Cogmans Originalität keineswegs. Und trotzdem lullt die hier vorgetragene Prosa mehr ein als dass sie mitnimmt. Das Geschehen scheint hinter einem Schleier stattzufinden, hat trotz der ausgewogenen Sätze etwas behäbiges, das jedwede Spannung – so sie denn einmal aufkommt – gleich wieder niedertrampelt.

Insgesamt sind vier Bücher dieser Serie bei Bastei-Lübbe erhältlich, und ein fünftes hat Cogman gerade abgeschlossen.

H. P. Lovecraft: Die Gruft

“Die Gruft” ist eine frühe Erzählung Lovecrafts, die sich von seinen folgenden stark unterscheidet. Im Juni 1917 soll er sie geschrieben haben, wie auch kurz darauf “Dagon”, eine seiner heute berühmtesten. Zu verdanken ist das William Paul Cook, einem Amateurjournalisten (Mitglied der UAPA und NAPA), der zudem ein großer Connaisseur unheimlicher und phantastischer Literatur war. Cook, der eine Freundschaft mit Lovecraft pflegte, druckte zunächst dessen Magazin “The Conservative”, in der Amateurpressezeitschrift “The Vagrant” ließ er mehrere Erzählungen von ihm erscheinen, darunter auch “Die Gruft”. Ermutigt hat er ihn, unheimlich-phantastische Erzählungen zu schreiben, etwas, das Lovecraft schon fast aufgegeben hatte. Hatte er doch, wie er selbst einmal Clark Ashton Smith gegenüber bekannte, als Achtzehnjähriger sämtliche seiner Geschichten verbrannt und den Entschluss gefasst, von nun an nur noch Verse verfassen zu wollen, da er zu dieser Zeit überzeugt war, dass ihm das Handwerk fehle.

Die Gruft

Wir sind in Neuengland. Die Erzählung beginnt mit einer Leseransprache, in der sich der Ich-Erzähler auch vorstellt:

“Mein Name ist Jervas Dudley und ich bin schon als Kind ein Träumer und Visionär gewesen. Reichtum enthob mich von der Notwendigkeit einer Erwerbstätigkeit und weil ich mich für die üblichen Studien und gesellschaftlichen Zerstreuungen meiner Bekannten nicht eigne, habe ich schon immer in Bereichen geweilt, die nicht so recht zur sichtbaren Welt gehören.”

Jervas gibt an in einer Irrenanstalt zu sein, in die man ihn – die Geschichte, die er dem Leser erzählen will, wird es erklären – gesteckt hat. In seiner Ansprache gibt er dem Leser Gedanken wie diese an die Hand:

“Es ist eine unglückliche Tatsache, dass ein Großteil der Menschheit in seiner geistigen Sichtweise zu eingeschränkt ist, um mit Geduld und Intelligenz jene vereinzelten Phänomene zu erforschen, die nur von einigen wenigen psychologisch Feinfühligen gesehen und gefühlt werden und die außerhalb der alltäglichen Erfahrungen liegen. Menschen mit höherer Intelligenz wissen, dass zwischen dem Realen und dem Irrealen keine scharfe Grenze verläuft und dass wir nur durch feine, individuelle, körperliche und geistige Sinne alle Dinge um uns herum so erfassen können, wie wir es tun. […] Aber allzu viel darf ich nicht darüber erzählen, da ein ausführlicher Bericht die grausamen Verleumdungen über meinen Geisteszustand bestätigen würde, die ich manchmal belausche, wenn die durchs Haus schleichenden Pfleger miteinander tuscheln.”

Jervas erzählt, wie er sich als Kind in alte Bücher vergraben hatte und sich oft in einer bewaldeten Talsenke aufhielt, die hinter seinem Familienhaus lag, in der er las, träumte und grübelte statt mit anderen Kindern zu spielen. Er erzählt von einem einsamen Grab, das er eines Tages im dunklen Unterholz in einem der Hänge entdeckte. Es ist die Gruft der Hydes, einer alten ehrwürdigen Familie, deren letztes direktes Mitglied schon viele Jahre vor der Geburt Jervas zur Ruhe gebettet worden war. Und auch der Wohnsitz des Geschlechts stand einst auf dem Abhang des Hanges. Er ist jedoch schon vor langer Zeit durch einen Blitzschlag den Flammen zum Opfer gefallen. Ein Mann der Familie war dabei ums Leben gekommen. Die Bauern der Gegend sprechen hierbei vom “Zorn Gottes”. Kurze Zeit nach der Auswanderung der gesamten Familie in ihr ursprüngliches Land, wurde der leere Sarg des umgekommenen, letzten Familienmitgliedes zurückgeschickt, um ihn in der Gruft beizusetzen.

Die Grabstätte zieht von nun an die volle Aufmerksamkeit Jervas auf sich, der sie Tag für Tag besucht und versucht in ihr Innerstes zu dringen, doch sie ist verschlossen. Alles was ihm bleibt, ist ein kleiner Spalt. Er schwört, eines Tages hineinzugelangen. Im darauffolgenden Jahr stößt Jervas im Speicher seines Elternhauses auf eine Übersetzung von Plutarchs “Parallelbiografien”, in der ihn besonders der Abschnitt anspricht, in dem von Theseus und dem großen Stein berichtet wird, unter dem der Jüngling seine Bestimmung finden sollte, sobald er alt genug ist, dessen enormes Gewicht anzuheben. Jervas glaubt daher, dass die rechte Zeit demnach noch nicht ist. Vorsichtig holt er in der Gegend Erkundungen über die Gruft in die Familie ein, ohne etwas von seinem Fund und seinem Vorhaben zu verraten. Er spürt, dass diese Grabstätte die Familie repräsentiert, weiß, ohne dass ihn seine Eltern jemals mit auf einen Friedhof genommen hätten, den kalten Lehmboden auf unbestimmte Weise mit dem atmenden Körper in Zusammenhang zu bringen. Er fühlt sich mit diesem Ort körperlich und seelisch verbunden, verbringt seine Nächte nun immer häufiger auf Kirch- und Friedhöfen und verändert sich in seinem Wesen, weiß von Dingen, mit denen er die Menschen seiner Umgebung erschreckt, ohne dass er sie gelesen oder erzählt bekommen hätte. Auch findet er heraus, dass er mütterlicherseits eine zumindest schwache Verbindung zur als ausgestorben geltenden Familie Hyde aufwies. Er sieht sich nun als den letzten Nachkommen dieser Familie.

Eines Nachts, als Jervas in seiner Laube vor dem Grab Wache liegt, vernimmt er Stimmen durch den offenen Spalt der Gruft:

“Über ihre Eigenschaften will ich mich nicht äußern, doch ich kann zumindest sagen, dass sie in der Wortwahl, der Betonung und der Aussprache beklemmend abweichend klangen. Jede Färbung des neu-englischen Dialekts schien in diesem schattenhaften Zwiegespräch vernehmbar zu sein, von den groben Silben der puritanischen Kolonisten bis hin zur klaren Rhetorik, wie sie vor fünfzig Jahren gesprochen wurde […].”

Jervas bemerkt zudem, als er erwacht, dass ein Licht in der Gruft gelöscht wurde. Von dieser Nacht an verändert er sich stark. Zuhause angekommen, findet er flugs in einer verrotteten Truhe auf dem Speicher den Schlüssel für die Gruft und öffnet sie auch Tags darauf. Zwischen den Särgen und Marmorplatten fühlt er sich zu Hause und legt sich sogar in einen leeren Sarg. Jervas hat sich nun so stark verändert, dass es alle Dorfbewohner sogleich wahrnehmen. Er führt sich auf wie ein “Mann von Welt”, verhält sich kühn und übermütig, verfügt nun über eine eigentümliche Bildung und gibt fröhlich weinselig eine georgianische Ballade des 18. Jahrhunderts zum Besten, die in keinem Buche steht:

Kommt her, meine Freunde, den Krug voll mit Bier, 
Und trinkt auf das Jetzt, solang’ wir noch hier; 
Häuft auf dem Teller den Braten zum Genuss, 
Denn Speis und Trank vertreiben jeden Verdruss: 
So füllt euch das Glas, 
Denn das Leben ist Spaß; 
Wenn ihr tot seid, bleibt auf ewig geschlossen das Fass!
Anakreons Nase war rot, so heißt es manchmal; 
Doch wenn man feiert ist das völlig egal. 
Gott verdamm’ mich, ich bin lieber hier und rot, 
Als weiß wie ‘ne Lilie und seit Tagen schon tot! 
Ach, Betty, mein Schatz, 
Gib mir ‘nen Schmatz; 
In der Hölle ist für Wirtstöchter wie dich doch kein Platz!
[…] usw.

Zu dieser Zeit entwickelt sich bei Jervas auch eine Angst vor Feuer und Gewitter. Häufig versteckt er sich am Tage im verfallenen Keller des niedergebrannten Hauses der Hydes. Besorgt über die Veränderungen ihres Sohnes beauftragen die Eltern einen Spion, der den Jungen verfolgen und beobachten soll. Was ihm auch gelingt, da Jervas ihn eines Morgens in einem Dickicht entdeckt, als er gerade die Gruft wieder verschließen will. Der Späher aber gibt dem Vater nur an, Jervas hätte die Nacht in seiner Laube vor der Familiengrab verbracht, mit offenen Augen auf den Spalt starrend, der ins Innere der Gruft führt. Der Sohn ist zunächst erleichtert, fühlt sich durch eine übernatürliche Macht beschützt und gibt sich daraufhin sogar ungeniert der Leichenfledderei hin.

Doch in einer Nacht ist es nicht der Ruf der Gruft, die Jervas nach draußen treibt, es ist der Ruf des verkohlten Kellers, der ihn, als wäre ein Dämon zugegen, zu sich lockt. Die Talsenke phosphoresziert. Vor seinen Augen steht das Herrenhaus der Hydes, so prachtvoll wie einst, als wäre es niemals abgebrannt. Scharen des Bostoner Großbürgertums fahren mit Kutschen heran, Edelleute der Gegend gesellen sich hinzu, um der Feier beizuwohnen, die im Herrenhaus gegeben wird. Jervas mischt sich unter die illustre Gesellschaft als hätte er nie etwas anderes getan als zu feiern:

“Die grässlichen Blasphemien strömten mir fröhlich über die Lippen und bei meinen schockierenden Ausbrüchen würdigte ich weder ein Gesetz Gottes oder der Natur.”

Mit einem Mal fährt ein Blitz in das Haus ein, die Gesellschaft flieht in alle Richtungen, nur Jervas bleibt erstarrt auf einem der Stühle sitzen. Der Gedanke, er könne verbrennen und seine Asche in alle Himmelsrichtungen verweht werden, ist für ihn dabei ein erschreckender:

“Stand mein Sarg denn nicht schon für mich bereit? Hatte ich denn nicht das Recht, in aller Ewigkeit unter den Nachfahren von Sir Geoffrey Hyde zu ruhen? Oh doch! Ich würde mein Totenerbe einfordern, selbst wenn meine Seele dafür durch die Jahrhunderte streifen müsste, auf der Suche nach einer neuen körperlichen Hülle, um meinen Platz dort in der leeren Nische des Grabgewölbes einzunehmen. Jervas Hyde wird niemals das traurige Los des Palinuros teilen!”

Jervas findet sich schreiend und um sich schlagend in den Armen zweier Männer wieder, einer von ihnen ist der Späher. Auch sein Vater ist zugegen, doch sein Sohn fordert, man solle ihn in gefälligst in sein Grab legen. Ein Blitz hat sichtlich in die Kellerruine eingeschlagen, die herannahenden Dorfbewohner entdecken eine altmodische Kiste, die dadurch zum Vorschein kam. Sie enthält neben Dokumenten und wertvollen Gegenständen auch eine kleine Porzellanminiatur, eines jungen Mannes mit gelockter Zopfperücke, die versehen ist mit den Initialen >J. H.<. Die Miniatur sieht Jervas zum verwechseln ähnlich.

Nunmehr in einer Irrenanstalt inhaftiert, wendet sich Jervas an einen alten Dienstboten namens Hiram, den er als Kind sehr mochte, der ihn weiterhin bezüglich der Gruft informieren soll. Jervas wird regelmäßig von seinem Vater besucht. Dieser aber erklärt ihm, er hätte das Portal zur Gruft niemals passiert. Er selbst habe es sogar untersucht und keinerlei Einbruchsspuren an dem Schloss finden können. Das ganze Dorf soll darüber Bescheid gewusst haben, man habe Jervas immer nur in der Laube schlafen gesehen, mit halb offenen Augen, auf den Spalt starrend, der ins Innere des Familiengrabes führt. Jervas kann seine Erlebnisse nicht beweisen, da er den Schlüssel in der Nacht des Blitzeinschlages verloren hat. Hiram aber berichtet ihm, dass er die Kette, die die Gruft verschließt, gesprengt hat und ins Innere gestiegen ist. Er fand dort auf einem Sockel in einer Nische einen leeren Sarg, auf dessen Tafel der Name Jervas stand. Noch immer glaubt Jervas, dass er einst in diesem Grab bestattet werden würde, da man es ihm versprochen hat.

Der Einfluss Poes

“Die Gruft” präsentiert sich, im Gegensatz zu seinen auf sie folgenden Erzählungen, in einem völlig anderen Gewand. Lovecrafts Bewunderung für das Oeuvre Edgar Allan Poes ist hier nicht nur durch die Konstruktion der Erzählung wahrnehmbar, sie ist auch atmosphärisch eingefangen. Was den verwandten Stil betrifft, so schrieb Lovecraft in einem Brief an Richard F. Searight, dem nachgesagt wurde, er habe eine seiner Geschichten im Stile Lovecrafts verfasst:

“Ich kann dies nicht in irgendeinem erwähnenswerten Maße feststellen. Eher würde ich sagen, dass Sie schlicht dieselben allgemeinen sprachlichen Ausdrucksmittel gewählt haben, die auch ich bevorzuge – die jedoch bereits, lange bvor ich geboren wurde, Hunderte andere bevorzugt verwendet haben. Viele meinen, dass ich diesen Stil ausschließlich von Poe übernommen habe – was (ungeachtet des starken Einflusses, den Poe auf mich ausgeübt hat) ein weiterer typischer Denkfehler eines kurzsichtigen Modernismus ist. Besagter Stil ist keine spezielle Eigenart Poes, sondern schlicht die traditionell vorherrschende Art, erzählende Prosa auf Englisch zu verfassen. Wenn ich durch irgendeinen speziellen Einfluss zu diesem Stil gekommen bin, dann vielleicht eher durch die Literatur des 18. Jahrhunderts als durch Poe.”

S. T. Joshi jedoch schreibt im ersten Teil seiner Biografie “Lovecraft – Leben und Werk”:

“[…] dass hier ein guter Teil Selbstinszenierung mit im Spiel ist. Es trifft durchaus zu, dass Lovecraft in seinen Erzählungen gewissermaßen den Stil der Essayisten des 18. Jahrhunderts mit demjenigen Poes verbindet, und zu dem Zeitpunkt, als er die obigen Zeilen schrieb (1935), hatte er sich in der Tat von jeder direkten Imitation des Poe’schen Stils längst gelöst. Doch es ist nicht zu leugnen, dass die Sprache, die Lovecraft in seinen frühen Erzählungen entwickelt – dicht, etwas überhitzt, durchsetzt mit archaischen und dunklen Begriffen -, ebenso wie sein Erzählstil, mit seiner beinahe vollständigen Abwesenheit realistischer Charakterzeichnung und dem starken Gewicht, das er auf Exposition und Narration legt, während Dialoge fast vollständig fehlen, offensichtlich auf Poe zurückgehen und nicht die “traditionell vorherrschende Art, erzählende Prosa auf Englisch zu verfassen”, repräsentieren – wovon man sich schnell überzeugen kann, wenn man diesem Stil die Prosa Hawthornes, Thackerays oder Joseph Conrads gegenüberstellt.”

Des Weiteren schreibt er: “An anderer Stelle schätzt Lovecraft den stilistischen Einfluss Poes auf seine Arbeit etwas aufrichtiger ein” und übergibt ihm das geschriebene Wort, das er einst an Clark Ashton Smith richtete (1930):

“Da Poe von allen Horror-Schriftstellern den größten Einfluss auf mich ausübte, beginnt für mich eine Geschichte nicht richtig, wenn sie nicht etwas von seiner Manier hat. Ich könnte mich nie abrupt in eine Sache hineinstürzen, wie es die populären Schriftsteller tun. Für mein Dafürhalten muss man zunächst eine Szenerie & einen Weg, über den man sich der Sache nähert, etablieren, bevor die eigentliche Vorstellung beginnen kann.”

Der zu erzählenden Geschichte des Ich-Erzählers ist, wie bereits erwähnt, eine einleitende Leseransprache vorangestellt, in der er dem Leser Informationen gibt, auf welche Weise er mit den nun folgenden Informationen umgehen soll. Womit sie, die “eigentliche” Geschichte, zu einem Tatsachenbericht mutiert, der vom Ich-Erzähler vorwegnehmend in einen Kontext seiner Weltanschauung gebettet wird, in dem er bereits Partei für sich ergreift, es aber doch dem Leser überlässt, was er von der nun folgenden Geschichte hält. Etwas, das auch bei Poe häufig Anwendung fand.

Joshi geht auch auf die häufige Verwendung von Ajektiven ein, die der Poes entspricht, hält den Kritikern, die Lovecraft “Adjektivitis” vorwerfen, aber dagegen, dass sie vergessen:

“[…] dass die Technik der Adjektivhäufung, insbesondere wenn es sich um eine in der ersten Person verfasste Erzählung handelt, oft zur Beschreibung des Geisteszustandes des Protagonisten dient und damit zu einem Element der Charakterzeichnung wird.”

Wir können festhalten, dass Lovecraft grundsätzlich von Poes Werk beeinflusst war, besonders seine frühen Arbeiten lassen das erkennen, wir halten aber auch fest, dass Lovecraft sich dadurch sehr schnell eigene Prinzipien zur Komposition seiner Erzählungen geschaffen hat, die ihrerseits das Schreiben vieler Autoren beeinflussten und bis heute beeinflussen. Und schaut man sich die Biographie und Interessen der beiden an, wird man besonders auf diesen Feldern feststellen, sie sind sich gar nicht so unähnlich.

Der Träumer und Visionär Jervas Dudley

Wir wissen, dass Jervas Dudley in einer Irrenanstalt sitzt, wir wissen, dass er ein Träumer und Visionär ist, der wenig übrig hat für das Treiben seiner Zeit. Wir wissen, dass er sich gerne in Bücher vergräbt und darüber hinaus über ein erstaunliches Wissen verfügt, das ihm auf andere Weise zukommt als durchs Lesen. Wir wissen, dass die Familiengruft der Hydes ihn magisch anzieht, dass er sich mit ihnen mehr und mehr verbunden fühlt. Wir wissen aber auch durch seinen Vater und den Spion, wie auch durch die Aussagen der Dorfbewohner, dass Jervas Dudley die Gruft niemals betreten hat. Was also hat es mit seinem Erleben auf sich? Woher weiß er die vielen Dinge, die er weiß. Woher seine zunehmende Wesensveränderung?

Eines ist klar, schon die Selbstbeschreibung Dudleys verrät, dass er ein Sonderling ist, anders als alle anderen. Er träumt, hängt seinen Gedanken nach, lässt sich auf das ihn Umgebende ein:

“Auf diesen moosbedeckten Hängen habe ich als kleines Kind meine ersten Schritte getan und um ihre grotesken, gichtigen Eichenbäume die ersten fantastischen Einfälle meiner Kindheit gewoben. Die Dryaden, die über diese Bäume wachten, kannte ich sehr gut und oft habe ich ihre wilden Tänze in den schwankenden Strahlen des abnehmenden Mondes beobachtet […].”

Wir können davon ausgehen, dass Jervas über eine sensiblere Wahrnehmung verfügt als andere, eine, die es ihm ermöglicht in seinem Alltag in Bereiche vorzudringen, die dem Auge und dem Geist ansonsten verborgen sind. So verborgen, wie es die Gruft der Hydes selbst ist. Der Familienname Hyde lässt uns unwillkürlich an die Novelle “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde” des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson denken. Kein Zufall, würde ich meinen, vollzieht Jervas doch eine Wandlung, die die Geschichte der Familie Hyde für ihn zu Tage fördert, eine Geschichte, die sonst, viele Jahre nach der Feuerkatastrophe verborgen geblieben wäre. Es scheint, als nehme Jervas die Wesenszüge eines Familienmitglieds der Hydes an. Und sein unbedingtes Beharren, in “seinen” Sarg in der Hydegruft gelegt zu werden, verrät uns, dass sich hierbei um den bei dem Brand Umgekommenen handeln muss, der Besitz von ihm nimmt. Es ist, als wollte der Geist der Hydes dafür sorgen, dass das leerstehende Grab nicht leer bleibt, dass es einen Körper bekommt. Der Umgekommene trug offenbar den selben Vornamen. Ein Seelenwanderungsmotiv wie es auch Poe oft verwendete. Zudem wissen wir, dass auch Jervas herausgefunden hat, dass er mütterlicherseits mit den Hydes verwandt ist. Etwas, das seine Empfänglichkeit für diese Familie und ihre Geschichte noch verstärkt. Da es Jervas gelingt in die Gruft zu gelangen ohne körperlich anwesend zu sein, und er sogar mit dem Besuch des Festes im Herrenhaus der Hydes, gewissermaßen in der Zeit zurückreist, können wir ihn als eine Art Psychonauten verstehen. Das Auffinden der Porzellanminiatur verstärkt das Doppelgängermotiv.

Doch vergessen wir bei all diesen geschilderten übernatürlichen Phänomenen nicht, dass nur Jervas Dudley all das erfahren hat. Es könnte sich dabei also auch um einen rein psychischen Vorgang handeln. Diese Möglichkeit besteht zumindest, auch wenn wir geneigt sind, uns auf die Seite Dudleys zu stellen. Was wiederum an Lovecrafts Zeichnung der Figur liegt, die anders ausstaffiert ist als seine vom Leser gewohnteren Protagonisten. Vor allem die psychologische Tiefe, die er ihm verleiht, trägt zur Identifikation des Lesers bei. Er gibt häufig Auskunft über seinen seelischen Zustand, der Leser leidet mit ihm. Ein wenig erinnert er in seinen Zügen auch an seinen Erfinder selbst. Und lesen wir diese von Lovecraft an Alfred Galpin verfassten Zeilen (April 1920), verstehen wir, wieso es Jervas Dudley brauchte:

“An einem Junitag im Jahre 1917 spazierte ich mit meiner Tante über den Swan Point Cemetery und bemerkte einen zerbröselnden Grabstein, auf dessen Schieferoberfläche sich schwach ein Schädel und gekreuzte Knochen abzeichneten. Die Jahreszahl 1711 war noch gut erkennbar. Das Ensemble brachte mich zum Grübeln. Hier stand ich vor einem Bindeglied zu meinem über alles geliebten Zeitalter der gepuderten Perücken – dem Leichnam eines Mannes, der eine Allongeperücke getragen und vielleicht die Originalblätter des Spectator gelesen hatte. Hier lag ein Mann, der zur selben Zeit wie Mr. Addison gelebt hatte und der ohne weiteres Mr. Dryden hätte begegnen können, wenn er im richtigen Moment im richtigen Teil von London gewesen wäre! Warum konnte ich nicht mit ihm sprechen und tiefer in das Leben meines auserwählten Zeitalters eindringen? Was fehlte seinem Körper, dass er nicht mehr in der Lage war, sich mit mir zu unterhalten? Lange betrachtete ich dieses Grab, und am Abend, nachdem ich nach Hause zurückgekehrt war, begann ich meine Erzählung “The Tomb”.”

Das Trinklied

Auch beim Trinklied spekuliert S. T. Joshi, Lovecraft hätte sich hier an Poe gehalten, der in “The Fall of the House of Usher” und “Ligeia” jeweils gekonnt ein eigenes herausragendes Gedichte implementierte. Zwei Gedichte, die wie dieses mit der jeweiligen Erzählung stark verwoben sind. 1963 wurde das Trinklied in Lovecrafts “Collected Poems” aufgenommen. Dass das Trinklied sogar schon vor der Entstehung der Erzählung ersonnen wurde, belegt ein Manuskript in der John Hay Library, es gehört zu einem Brief, dessen erste zwei Seiten fehlen und der abrupt auf der fünften endet. Vielleicht, so Joshi, hat Lovecraft nur diese Seiten aufgehoben, weil ihm das Lied gefiel und er davon ausging, es irgendwann einmal zu verwenden. Als Quelle der Inspiration gilt unter anderem ein Lied aus Thomas Mortons “New English Canaan or New Canaan” von 1637. Aber auch ein Lied, das in Sheridans Komödie “School for Scandal” von 1777 gesungen wird, wird in Betracht gezogen, denn in seinem Brief soll Lovecraft selbst angedeutet haben, er habe versucht, ein georgianisches Trinklied nachzuahmen und kein jakobitisches.

Ein gelungenes Stück Prosa, das Lovecraft, ganz im Gegensatz zu den meisten seiner frühen Erzählungen, selbst sehr mochte. Ein sehr erstaunliches gar, bedenkt man, dass er es nach neunjähriger Prosaabstinenz verfasste. Schrecklich und komisch zugleich zeigt sich das Übernatürliche in “Die Gruft”, manifestiert sich im Innen wie im Außen des Protagonisten, der bis zum Schluss verlangt, was nach ihm verlangt. Ein großer früher Anstoß Lovecrafts über Wahrnehmung und Realität nachzudenken.

Lord Dunsany

In dem Stück “The Laughter of the Gods” des irischen Schriftstellers Lord Dunsany (Edward Plunkett) kann man folgende Zeile lesen:

“Ein Mensch ist eine sehr kleine Sache, und die Nacht ist sehr groß und voller Wunder.”

Man wird hier sehr kurz stutzen, denn irgendwie kommt einem dieser Satz bekannt vor, und dann hat man es herausgefunden. Diese Zeile erinnert an die Anrufung der Priesterin Melisandre in George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer: Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken. Es gibt im Grunde keinen Zweifel daran, dass Martin mit Dunsanys Arbeit vertraut, und diese Ähnlichkeit völlig beabsichtigt ist. Martin, wie viele wahrscheinlich wissen, genießt es, gelegentliche und schräge Verweise auf Werke anderer Autoren in Ein Lied von Eis und Feuer zu platzieren. H.P. Lovecraft ist einer jener Schriftsteller, die einige solcher Hinweise von Martin bekommen haben, und dieser war definitiv ein Anhänger Lord Dunsanys.

Für einen Autor, zu dessen Schülern nicht nur H.P. Lovecraft und möglicherweise George R.R. Martin gehören, sondern auch Neil Gaiman, J.R.R. Tolkien, Ursula Le Guin und viele andere, ist Lord Dunsanys Werk – zumindest heute – unverschämt obskur. Viel zu wenige zeitgenössische Leser kennen seinen Namen oder sogar die Titel seiner größten Werke – The Gods of Pegana (nicht übersetzt) und Die Königstochter aus Elfenland, um nur ein paar zu nennen – ganz zu schweigen von seinen weniger bekannten Kurzgeschichten, Gedichten und Theaterstücken. Über einen Zeitraum von 50 Jahren schuf er Werke von höchster Qualität und Bedeutung, die alle literarischen Formen abdeckten.

Lord Dunsany wurde 1878 in London geboren und teilte seine Zeit zwischen seinem Familienbesitz in Irland und verschiedenen Immobilien in England auf. Seine frühesten Schriften wurden von ihm selbst veröffentlicht, und die Literatur war nur eine Leidenschaft unter vielen, einschließlich Jagd und Cricket. Lord Dunsany musste sicherlich nicht für seinen Lebensunterhalt schreiben.

Dunsany fand in seinem irischen Kollegen W.B. Yeats einen literarischen Meintor, der Dunsanys traumhaftes Textgespinst mit den Werken des Schriftstellers Thomas De Quincey, dem Autor der Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, verglich. Denn Dunsanys Prosa strahlt ebenso wie De Quinceys von Drogen inspiriertes Werk, ergibt ein wunderschönes Mosaik aus Schmuckwörtern, die den Leser hypnotisieren wie Mohnblumen, die aus einer Opiumpfeife quellen.

Nehmen wir ein Beispiel aus “The Gods of Pegana”:

“Und Jabim ist der Herr der zerbrochenen Dinge, der hinter dem Haus sitzt, um jene Dinge zu beklagen, die weggeworfen werden. Und dort sitzt er und beklagt die zerbrochenen Dinge, bis die Welten an ihrem Ende angelangt sind, oder bis jemand kommt, um die zerbrochenen Dinge zu heilen. Oder er sitzt manchmal am Ufer des Flusses, um die vergessenen Dinge zu beklagen, die darauf treiben. Ein gütiger Gott ist Jabim, dessen Herz schmerzt, wenn etwas verloren geht.” (Übers. M. Perkampus)

Oder dies aus “The Fortress Unvanquishable” (Die unüberwindbare Festung):

“Dann ging der Zauberer des Dorfes in den Turm seines Hauses hinauf, und all jene, die vor Angst nicht zu schlafen vermochten, konnten sein Fenster hoch oben in der Nacht sanft und einsam glühen sehen. Am nächsten Tag, als die Abenddämmerung sich neigte und die Nacht sich schnell ausbreitete, ging der Magier zum Waldrand und sprach dort den Zauber aus, den er gewoben hatte. Und der Zauber war furchtbar und schlimm und hatte Macht über böse Träume und über kranke Geister; denn es war ein Vers von vierzig Zeilen in vielen Sprachen, gleichermaßen lebdendig und tot, mit einer Absicht in sich, mit der die Menschen der Ebene ihre Kamele nicht verfluchen wollten, und einem Schrei, mit dem die Walfänger des Nordens die Wale an die Küsten lockten, um sie zu töten, und ein Wort, das Elefanten zum Trompeten bringt; und jede der vierzig Zeilen schloss mit einem Reim für “Wespe”.” (Übers. M. Perkampus)

Beide Beispiele sind von barocker Qualität und weisen einen bogenförmigen Stil auf, als ob die Worte aus einem längst vergessenen Kapitel eines heiligen Buches stammen und nicht aus der Feder eines irischen Amateurschriftstellers. Einige Gelehrte führen dies auf den Einfluss der King James Bibel zurück, und damit haben sie vermutlich Recht.

Wiedervereinigung mit der Natur

Lord Dunsanys Werk wurde unter den Literaten seiner Zeit gefeiert, heute aber ist er nicht halb so bekannt wie seine literarischen Nachkommen. Und das ist eigentlich eine Schande. Er erschloss als Autor Bereiche, die heutigen Fantasy-Fans sehr vertraut sind. Dunsany erschuf ein ganzes Pantheon imaginärer Götter, Geschichten von fremdartigen Welten, und Geschichten von Helden, die gegen phantastische und magische Feinde antreten.

Er war mit einem Verständnis für die symbolische Kraft der Fantasie gesegnet und er benutzte diese Symbole als Metapher, um die Schrecken der übernatürlichen Welt mitsamt seiner eigenen tiefen Überzeugung darzustellen. Nach Ansicht einiger Experten, die diesen rätselhaften Schriftsteller im Detail studiert haben, war die Notwendigkeit der Wiedervereinigung des Menschen mit der Natur das übergeordnete Thema seines Gesamtwerks.

Der exzentrische 18. Lord Dunsany kandidierte einst für ein öffentliches Amt und galt als treuer Familienvater. Zusammen mit George MacDonald, Rider Haggard, Edgar Allen Poe und William Morris gilt er als einer der Vorreiter der modernen Fantasy.

Der Begriff Dunsanian bezieht sich auf einen Stil und eine Atmosphäre, die oft kopiert, aber nie erreicht oder sogar übertroffen wurde. Eine große Anzahl von Lord Dunsanys 70 Büchern wurden mit Entenfedern geschrieben, die von den Tieren zurückgelassen wurden, und die er selbst zuschnitzte – andere wiederum diktierte er seiner Frau Lady Beatrice.

Dunsany Castle

In seiner Eigenschaft als 18. Baron Dunsany hatte Lord Dunsany reichlich Besitz zu verwalten. Dazu gehörte auch Dunsany Castle, Irlands ältestes verbliebenes Familienhaus aus der Zeit um 1180. Das Schloss und sein Anwesen wurden von der Familie als ein wichtiger Teil des nationalen Erbes betrachtet und sie kämpften dafür, dass es trotz der Schwierigkeiten, die dazu führten, dass viele andere ähnliche Gebäude in Irland während der Amtszeit von Lord Dunsany aufgegeben werden mussten, erhalten blieb.

Dunsany Castle wurde ursprünglich als turmhohe Festung der normannischen Truppen erbaut. Der Bau begann 1180/81 unter dem Kommando des normannischen Kriegsherrn Hugh de Lacy. Der erste Teil des zu errichtenden Geländes war eine Wehranlage (Dun), nach der das Stadtzentrum von Dunsany benannt ist. Natürlich wurden weitere Arbeiten durchgeführt, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, als die Burg auf das Dreifache ihrer ursprünglichen Größe anwuchs. Ein großer Teil des ursprünglichen Gebäudes steht noch, einschließlich des großen Fundaments und der vier Haupttürme.

Noch heute wird Dunsany Castle von der Familie Plunkett geführt, nämlich dem 20. Lord Dunsany Edward Plunkett und seiner Frau Maria Alice de Marsillac. Es ist das am längsten bewohnte Haus und eines der ältesten kontinuierlich bewohnten Gebäude in Irland. Das Schloss kann besichtigt werden und beherbergt noch immer den Schreibtisch, an dem Lord Dunsany seine fantastischen Ideen niederschrieb.

Andere Besitztümer in Lord Dunsanys Obhut waren Trim Castle (Irlands größte Burg), Dunstall Priory und Ivy Cottage in Shoreham, Kent.

Lord Dunsany starb am 25. Oktober 1957 in Dublin an einer Blinddarmentzündung. Aus der daraus resultierenden Operation gelangte er nicht mehr zu Bewusstsein. Er wurde in Shoreham begraben.

Der große Gott Pan

Arthur Machen veröffentlichte eine erste Version von Der große Gott Pan im Jahre 1890 im Magazin The Whirlwind; später schrieb er die Geschichte um und erweiterte sie, bis sie 1894 dann, zusammen mit der thematisch sehr ähnlich gelagerten Geschichte, Das innerste Licht,  als Buch erschien. Es ist eine faszinierende Arbeit, die ihre beängstigende Stimmung hauptsächlich durch indirekte Hinweise speist. Von heute aus gesehen, entdeckt man eine sehr “viktorianische” Einstellung gegenüber Frauen. Zur Zeit ihres Erscheinens löste die Geschichte durch die angedeutete Sexualität einen regelrechten Skandal aus.

Machen wurde 1863 in Wales als Arthur Llwellyn Jones-Machen geboren; ‘Machen’ war der Mädchenname seiner Mutter, den er später zu seinem Künstlernamen machte. Weil die Familie zu arm war, um Machen auf eine Universität zu schicken, entzündete sich sein Interesse für das Verborgene und Unheimliche, das ein Leben lang anhalten sollte, durch seinen schon früh vorhandenen Lesehunger, den er in der Bibliothek seines Vaters, der ein Geistlicher war, befriedigte. Später lebte Machen dann in London als Übersetzer und Journalist. Er heiratete 1887 und lernte durch seine Frau den Okkultisten A.E. Waite kennen (den Urheber eines der berühmtesten Tarotdecks). Seine Frau starb 1897; im Jahre 1900 trat Machen Waites Order of the Golden Dawn bei. 1901 wurde er Schauspieler und heiratete 1903 noch einmal. Aber er schrieb auch weiter, und 1914 erschien eine seiner Kurzgeschichten, “The Bowmen”, die die urbane Legende der Engel von Mons verbreitete. Er starb 1947.

Machens literarischer Ruf schwankte während seiner Lebenszeit erheblich. Die Kontroversen um Der große Gott Pan hatten seinem Namen nicht gerade gut getan, allerdings änderte sich das in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. H.P. Lovecraft bezeichnete ihn als Meister der Übernatürlichen in der Literatur, nicht zuletzt, weil Lovecraft erheblich von Machens Arbeiten beeinflusst wurde.

Die Geschichte beginnt in Wales, im Haus des Wissenschaftlers Dr. Raymond, der seinem nervösen Freund Clarke sein nächstes Experiment erklärt. Raymond ist ein Hirnspezialist, ein Student der “transzendentalen Medizin”, der eine Operation an der an einem sieben Jahre alten Mädchen namens Mary vornehmen will; seine Absicht ist es, einige Teile des Hirngewebes zu durchtrennen, so dass sich für sie “der Schleier hebt” und sie eine tiefgreifendere, spirituelle Welt wahrzunehmen vermag. Möglicherweise gibt es Risiken, aber Raymond sagt: “Ich rettete Mary aus der Gosse und vor dem sicheren Hungertod, als sie ein Kind war; ich denke, ihr Leben gehört mir, und ich kann damit verfahren, wie es mir beliebt.” Er vollzieht die Operation, Mary jedoch bleibt dadurch geistig erheblich geschädigt.

Einige Jahre später, Clarke lebt, mitgenommen von Raymonds Experiment, in London; er meidet das Übernatürliche und alles, was nicht alltäglich ist – außer das, was ihm dabei behilflich ist, ein Buch aus Erinnerungen zusammenzustellen, um die “Existenz des Teufels” zu beweisen. Und so trägt er Daten über ein Mädchen namens Helen V. zusammen.  Im Laufe einiger Jahre wurde sie dabei beobachtet, merkwürdigen Kontakt mit seltsamen kleinen Menschen in einem Waldstück an der Grenze zu Wales zu unterhalten. Später nahm sie auch ein anderes Mädchen dorthin mit, eines Tages verschwand sie auf mysteriöse Weise. Die Erzählung wechselt zu einem Mann namens Villiers, der einen alten Freund namens Charles Herbert besucht. Herbert ist gewissermaßen ruiniert oder von seiner Frau halb in den Wahnsinn getrieben worden, bevor sie ihn verließ. Villiers untersucht Herberts Fall, findet einiges über dessen eigentümliche Frau heraus und bespricht die Ergebnisse mit Clarke; der erkennt auf einem Bild von Herberts noch-Ehefrau eine starke Ähnlichkeit mit Raymonds Mary.  Im nächsten Kapitel diskutiert Villiers die äußerst seltsame Geschichte mit seinem Freund Austin, und entdeckt, dass Mrs. Herbert in irgendeiner Weise an dem mysteriösen Tod eines talentierten Malers in Südamerika beteiligt war.

Das nächste Kapitel beginnt mit einem allwissenden Erzähler, der von einer sonderbaren Selbstmordserie unter reichen Männern der modischen Londoner Gesellschaft berichtet. Über die nächsten Kapitel gelangen Villiers und Austin zu der Erkenntnis, dass hierfür die Gastgeberin von Gesellschaften, Mrs. Beaumont verantwortlich ist – und dass Mrs. Beaumont niemand anderes ist als die ehemalige Mrs. Herbert. Villiers verkündet Austin seine Entscheidung, der Dame einen Besuch abzustatten, und sie vor die Wahl zu stellen: Selbstmord oder eine Erklärung.

Der Abschluss der Geschichte präsentiert Fragmente von Texten unterschiedlicher Prägung: da wären erstens die persönlichen Erinnerungen eines Arztes, der eine eigentümliche Leiche untersucht. Es folgen Auszüge aus zwei Briefen. Der erste ist von Clarke an Raymond und spielt auf die Endgültige Begegnung mit Mrs. Beaumont an, Helen, beschreibt seinen Besuch in Wales, wo er eine römische Ruine sah, in der eine Inschrift, dem Gott Nodens gewidmet, auffiel: “dem Gott der Gr0ßen Tiefe, des Abgrunds”. Der zweite Brief ist von Raymond an Clarke, der ihm erzählt, dass Mary Helens Mutter war, und andeutet, dass Pan ihr Vater war.

Alles in allem ist das eine wirklich absonderliche Geschichte. Die zusammenfassende Wiedergabe hebt die wacklige Struktur der Handlung hervor. Die einzelnen Figuren heben sich nicht groß voneinander ab; wir bekommen nur einige Fakten über den ein oder anderen an die Hand (Clarkes Abkehr vom Übernatürlichen, als Beispiel), aber diese scheinen nur selten ihre Taten zu beeinflussen. Außerdem scheinen sich alle untereinander zu kennen, so als wäre London nur ein kleines Nest. Die schließliche Konfrontation bleibt nebulös. Helen begeht ohne ersichtlichen Grund Selbstmord – was hat sie von einer “Erklärung” zu befürchten? Und wie kann ihr Tod unangezeigt bleiben?

Die Konstruktion der Erzählung ist ebenfalls ungewohnt. In ihrer Mitte befindet sich eine Art Vakuum: Helen sagt nicht ein einziges Wort, sie scheint ohne Motivation zu agieren, ihr fehlt sämtliche Persönlichkeit. Hier haben wir eine Horrorstory ohne Horror in seinem Kern. Nur Tod, Selbstmord und den grundlosen Ruin. Es gibt auch keine wirkliche Aktivität, die aus der Handlung hervorgeht; nach der ersten Szene, reihen sich nur die Zwischenfälle aneinander, die eine (männliche) Figur der anderen (männlichen) Figur erzählt. Wie kommt es, dass dennoch alles zusammenläuft?

Und zusammenhalten tut es. So merkwürdig alles ist, es ist effektiv. Der erste Grund ist die Sachlichkeit, die in Machens Prosa grundsätzlich vorhanden ist. Die Figuren sprechen direkt und einfach, normale Menschen versuchen, die abnormalen Vorgänge um sie herum zu verstehen. Es steckt eine gewisse Klarheit in der Ausdrucksweise, die sich modern anhört, was im Widerspruch zum altertümlichen Horror der Geschichte steht. Und diese Klarheit hat die Fähigkeit, unmerklich Schatten in die kraftvolle Anrufung der Emotionen zu entlassen.

Der größte Teil der Darbietung von Der große Gott Pan, hat viel von einer Club-Story: einer erzählt seine Erlebnisse oder Erinnerungen einer anderen Person oder einer Gruppe. Der Schrecken der Geschichte dient dazu, den traditionell geschützten Raum (für eine Erzählung) in einem Club zu untergraben. Trotz dieses Form finden wir hier eine dialoglastige Struktur vor; die Art wie einige der Figuren den anderen Informationen vorenthalten – Erzählpassagen, Texte, überlappende Sequenzen: all das wirkt wie ein Puzzle, das bis zum Ende hin nicht klar sichtbar ist.

Machen nutzt diese Struktur geschickt, um einige wirksame und gelegentlich widersprüchliche Effekte zu erzeugen. Bemerkenswert ist, dass trotzdem die Geschichte durch das gegenseitige Berichten vorangetrieben wird, die Schlüsselpunkte des eigentlichen Horrors ausgespart bleiben. Es fehlen Puzzleteile. Das Bild als Ganzes ist nur zu erraten. Inmitten der geradlinigen, nüchtern erzählten Geschichte, klaffen Lücken.

Da wir ins späte viktorianische Zeitalter blicken, und da einer der Männer, die Helen zerstörte, ihr Ehemann war, dem sie in der Hochzeitsnacht schreckliche Geheimnisse offenbarte, ist die herkömmliche Annahme, zu erklären, dass all das, was nicht gesagt wurde, mit Sexualität zusammenhängt. Der Gebrauch des Pan, dem Gott des Sexus und der Fruchtbarkeit als Sinnbild für Marys spirituelle Erfahrung, stützt diese Annahme. Von einem bestimmten Punkt aus gesehen, könnte man sagen, die Geschichte handelt davon, was geschieht, wenn Sex zu Horror wird, oder Pan zur Panik. Nicht über Sex zu sprechen, den Trieb sozusagen zu verdrängen, weckt destruktive Kräfte. Von diesem Punkt aus, ergibt das Ende einen symbolischen Sinn: das Wagnis, den Schrecken bloßzustellen, offen darüber zu sprechen, vertreibt ihn.

Innerhalb der Phantastischen Literatur belegt Der große Gott Pan einen interessanten Platz. Selbst vielleicht inspiriert von Mary Shellys Frankenstein – Raymond kommt der modernen Vorstellung eines verrückten Wissenschaftlers vielleicht sogar näher als Frankenstein – hat die Erzählung einen enormen Eindruck auf künftige Schriftsteller gemacht. Lovecraft und Stephen King haben lautstark für sie geworben – und das PHANTASTIKON tut es auch.

Machens Erzählung hat nie den Ruhm von Frankenstein oder Dracula erreicht, weil ihr vermutlich ein repräsentatives Monster fehlte. Wo die anderen beiden Erzählungen eine echte und charismatische Bedrohung darstellen, ist Helen weniger eindeutig, distanzierter. Schwieriger auch zu verstehen. Obwohl das nicht notwendigerweise eine Schwäche bedeutet. Es ist das Testament von Machens Kunstferigkeit. Er verstand sich auf das Indirekte und Subtile. Er wusste, was er tat, wenn er den direkten Horror vermied und wenn er uns ein Spiegelbild unserer eigenen Abgründe vor Augen führte. Der große Gott Pan ist eine faszinierende, beunruhigende Geschichte mit großen Einfluss. Mehr kann man sich nicht vorstellen. Sie ist effektiv und in ihrer Wirkungsweise nicht einfach zu erklären.