Wohlan, ihr Dronkardes!

Im Egertal ziemte sich die dem Buche ›A delicate Diet for daintie mouthed Dronkardes, wherin the fowle Abuse of common carowsing and quaffing with hartie Draughtes is honestile admonished‹ (erschienen 1576) entnommene Klassifizierung der unterschiedlichen Räusche und deren Träger. Da gab es Menschen, die soviel soffen, dass sie dann affentrunken waren und hin und her tanzten. Andere waren löwentrunken, schmissen mit Porzellan und Zinnkrügen um sich, nannten ihre Wirtin eine verdammte Hure und zerschmetterten die Fensterscheiben mit dem Dolch. Es würde geben einen Sturm in dieser Nacht. Wieder andere waren schweinetrunken. Sie wälzten sich auf dem Boden, lallten, dass sie noch mehr zu trinken wünschten und besudelten ihre Kleider. Dann gab es solche, die schlaftrunken waren. Sie 1verzapften den größten Blödsinn als der Weisheit letzter Schluss, obwohl sie kaum noch ein vernünftiges Wort hervorbringen konnten. Besonders übel waren jene, die der Autor des Kompendiums bockstrunken nannte. Wenn diese richtig vollgesoffen waren, hatten sie nur Bocksgelüste und mochten auf jede Frau springen, die das Pech hatte, in der Nähe ihrer Hosenknöpfe zu sein. Andere wieder waren fuchstrunken. Nur in diesem Zustand waren sie bereit und fähig, Geschäfte abzuschließen, wobei sie ihren – natürlich auch besoffenen – Partner listig übers Ohr hauten. Im Egertal waren all diese Typen zu beobachten. Bliebe noch die Rede vom Scharfen Eck, das sich am anderen Ende der langgezogenen Straße, kurz vor der Auffahrt zur Bundesstraße Richtung Selb oder Marktredwitz befand, wo es einen abschüssigen Fußballplatz gab, der ein Lieblingsplatz der Maulwürfe war, etwas stiefmütterlich und für unsere Geschichte nicht relevant.

Hier gab es, Rausch hin, Rausch her, zumindest keine betrügerischen Wirte, die nach ihrem Tod in ihren Kneipen als Poltergeist, Werwolf, Alp und Trude, Zaunreiterin oder Hagazussa (die vom Hag) umgehend mussten, von einem universellen Schicksal dazu aufgefordert, es gab keine Herbaria, die sagt: »Bei den Zauberfrauen sollst du nicht zärtlich schlafen, dass dich eine nicht innig umarmt. Sie wünscht sonst dir an, dass du weder zum Schranne noch zum Königshof kommst, dir mundet kein Mahl nach der Mannesfreude, du gehst schlafen voll Schmerz.«

Aber die verstreuten Spuren wandernder Sippen und Einzelgänger lassen nach und die Zeiten menschlicher Anwesenheit wurden abgelöst von solcher völliger Öde und Wildnis. Einer von vielen rätselhaften Begriffen hat sich jedoch aus vorgermanischer Zeit bis heute erhalten: ›Agara‹, einer der in alle vier Himmelsrichtungen davoneilenden Lebensquellen, die hier entspringen: Die Eger.

1habent sua fata libelli

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    Da also verlassen sie ihre Schatten wie Pflaumen, die von Bäumen purzeln. Es sind all die toten Dichter und sie fordern ein Buch. Nur Goethe, der Verächter noch im Jenseits, fehlt. Dafür steht der kopflose Schiller Spalier gleich neben Richter, der mich, seinen Landsmann, neugierig anschielt.

    Für diesen seltsamen Besuch habe ich mir einen Vorrat angelegt: Bärendreck, Hefekringel, Puffmais, Rahmstrudel, Zuckermus, Süßholz, Knusperflocken, gedeckte Apfeltorte, Molossol, „verlorene Gier“, Knuddelflecke, Buttensuppe, Pumpernickel. Für ein Bade sind’s zu viele der entrückten Musensöhne. Wer hätte nicht schon gern mit den Geistern der Vergangenheit Zeit in einem Nymphenkübel verbracht? Doch ich befinde mich in der Umgebung nur schlumpiger Moderne, wo Haarhecken und von der Schere abgenagte Nägel dem Abguss regelmäßig einen Pfropf aufsetzen.