Terra finestre

Was bringst du mir heute, Erzähler,von der Welt bei, die du entwirfst und die ich nirgendwo finden kann? Die Augen sind schon seit dem frühen Morgen geöffnet, eine Falltür in den Tag hinein, der eindringt, sobald die Standuhr kurz innehält. Oft denke ich mir, ich kann, indem ich den Atem anhalte, damit auch die Sekunden verzögern,aber ich spüre, wie das Herz weiterwill. Die Bühne der Mime braucht Licht, nur ein Traum holographiert in das Finster (terra finestre).

Die Depeschen stecken pünktlich im Briefkasten, um 9 klingelt es an der Tür, aber aufgrund einer Erektion kann ich nicht öffnen, und ankleiden möchte ich mich nicht. Wir leben hier auf einem absonderlich lauten Schach-Feld.

Ähnliche Beiträge

  • Ein Blick, der nach dir späht

    Der Pfeifer an den Toren der Dämmerung
    Dieses flatternde Gewebe
    geistreichen Skizzismus schaukelndes
    Träumen zufällige freie Katenation
    da gabs die Türe wie eine Säge.
    Fürchte in der blinden Mauer
    einen Blick, der nach dir späht
  • Traum vom Gasthaus

    5 Uhr 45, und einen Traum im Gepäck.

    Ein abgelegenes Gasthaus sollte eröffnen, und als ich mich dort vorstellte, schien mein Charme über meine Kenntnisse gestellt zu werden. Von außen war das Gebäude leicht dem Brutalismus zuzuordnen. Beton und Glas, dabei flach. Im Innern war alles etwas altmodisch, aber es gab eine Musikanlage. Untypisch für ein Speiserestaurant. So weit ich weiß, sollten wir nur zu dritt in diesem riesigen Gebäude arbeiten. Interessant war wieder einmal das Urinal, das außerhalb des Gebäudes mit einem schönen Waldblick versehen war. Man konnte den Notdurft-Verrichtenden unbeschwert aus den großen Fenstern der Gaststube heraus beobachten. Tatsächlich lag das Urinal etwas höher und man pinkelte hinunter auf einen Steinquader. Interessanterweise gab es da auch ein Quadrat, in dem man lümmeln konnte und sich traf, so als wäre in der Nähe ein Schwimmbad. Die Wirtin, ein verlebtes, geschminktes Weib, verstand nicht viel von ihrem Job. Dann gab da diejenige, die sich aus dem Restaurant verzog und lieber in der Buchhaltung arbeitete, obwohl sie sich wahrscheinlich am besten ausgekannt hätte.

    So weit, so gut. Interessant waren aber die berittenen Geister, die am nächsten Tag kommen sollten, um alles zu prüfen. Sie kamen durch den Wald geritten, stoisch und ruhig (und einzeln). Ihr Gesicht war wie ein Heckenschnitt anzusehen.

  • Täusche das Auge

    Sagst du denn, ein jeder, der stirbt, der will es auch oder der soll oder der muß, was ist denn der Tod, gegen den wir kämpfen in Ermangelung des Herzens Schau, und ist denn der Tod das Ablegen des Körpers, plötzlich oder vorbereitet oder warum weinst du? oder wissen wir nicht, daß wir das Wasser sind und meine Hand bald deine Hand sein wird und mein Gesicht auch dein Gesicht, nirgendwo die Kraft, als hier, haben uns zwischen das Vergehen gemischt (vorher beobachtet) da können wir hindurch gehen, wir müssen schnell sein (die mahlenden Wände wie Backenzähne) wir müssen schnell sein in der Zeit (ich mache dir zum letzten mal den Wein auf) oder warum weinst du? dort ist doch nichts, ich bin mäandert, ich schrieb, Vorläufer des Schriftstellers sah ich am Pulte zerhockt, wurzelschlagend Briefe verfassen. Secretaire á la mode in verschiedenen Gattungen der Malerei Still=Leben, Trompe-l’œil, Vanitas-Bildchen wurden allein die Gegenstände der Schriftkultur ohne die Gegenwart eines Menschen, gegeben, oft ganze Ensemble von Schreibgeräten- und formen, neben dem Manuskript (Ozean) Feder Federmesser Brieföffner Tintenfaß Wachsstange Notizbuch Brieftasche versiegelter Umschlag und versiegeltes Memorandum, neben den Druckschriften ein Kupferstich und ein Almanach oder warum schreibst du? unsere Erde wäre nichts als ein düsterer Kerker, wenn wir nichts von der Macht des Geistes wüßten, Geschichte sowieso ist ein Gewebe aus Unsinn für den höheren Denker, Amru, der muselmanische Eroberer von Alexandria
    (mit der umfangreichsten Bibliothek des Altertums) benutzte die Schriftrollen als Brennstoffvorrat für die Heizung der viertausend öffentlichen Bäder der Stadt oder warum schreibst du?
    (in Ermangelung des Herzens Schau) für Ägypter, Mesopotamier und Homer war das Herz der Sitz der Intelligenz, Demokrit aber sah im Hirn den Wächter der Gedanken, die Leber als Sitz der Begierden die Lust am Orientierungsverlust, am Gebrochenen, Reflektierten, Raffinierten und Auflösenden. Plato gliederte die Seele in drei Teile, Aristoteles fror das Denken ein : ‚Das Gehirn besteht aus Wasser und Erde‘ (aus Wasser und Erde ?) – ‚Es ist ein Kühlaggregat, um die Temperatur des Blutes zu senken und den Schlaf einzuleiten‘ (den Schlaf einzuleiten ?) umgibt man sich (folgerichtig) mit den klügsten Köpfen, geschieht es, daß man sich mit ihnen im Traumdialoge mißt, da tafeln wir des öfteren (Abstinenz ist unsere Sache nicht) bis uns recht schlecht von der Völlerei geworden ist, Minne zu erwerben, das ist ja des Dichters Sinn, wir nennens heute Liebe, meinen aber Magen. Im 17. Jahrhundert führt Descartes die einzelnen Komponenten wieder zusammen und brachte sie in der Zirbeldrüse unter, er war der erste, der den Körper als eine Maschine sah (die mahlenden Wände wie Backenzähne) verglich ihn mit einer Orgel, in deren Pfeifen die animalischen Instinkte zirkulieren
    (‚Three More Quarks for Mister Mark‘ / Joyce)
    übern Tischrand dieser Erde wölbt der Sonnerich sich halb, in all Getöpfe faßt die lichte Hand, in Weidenkörben goldets auf – auf Heldenfeldern trocknet s Laub und zischelt beim Verwehen : ‚Oh Serpentina, hier entlang, oh Serpentina, dort!‘
    Ich sah sie nicht am Fenster stehn noch über die Schulter schnurrn, ihr Schritt tickt immer weiter fort, es atmet kaum ihr Schuh, heraus blitzt neonfarben neuester Tand und Modeschlick, wer’s nicht hat (Acht und Bann) verwest sind ihre Schritte halb schon auf dem Asphaltschwarz, mich geht die Gier fürs Neue an, wohin wird sie mich wehn.

    Standort : Amsterdam 1987 in den Grachten mit einem Koffer voll früher Gedichte.

  • lass das doch ma Bertha!

    tass ich mich bewegen muss
    ist 1 dill emma, kann ja
    kaum fornvon hintn unna
    scheide. ich sheep noch
    schnelltee in mein mitt hünnerbrüh
    gefülltn munt. feffermin zeh.
    / oder
    diarrhoe bekam sie vom
    dauernden arschfingern
    / oder
    vom dusch=schlauch drin:
    jetzt
    lass das doch ma Bertha!
  • Die Kußkelbertate

    Wenn’s uns mit dem Kuss so ergeht, als wär’s zunächst ein Gruß von Innigkeit, sind wir vom Schlemmerwort ›Lecktschmandt› nicht mehr weit entfernt. Die Kußkelbertate ist nicht weit von der Hintertür entfernt und uns soll jetzt gar nichts anderes jucken als den Kuss auch auf die Liebe zu verweisen – mit deren Intension wächst auch die Bezeichnung des Kusses selbst.

    Der Gruß von Innigkeit fliegt meist nur durch die Luft oder wird angedeutet, der Kuss der Verehrung wird uns erst die Brücke basteln, die bereits das Lustgefüge gewähren lässt, also bereits den Wechsel zwischen Gruß und lippender Inbesitznahme für das eigene Empfinden meint.

    Bossen, Guschl, Tunsch, und Schmatz sind nur einige seiner sonderbaren Namen, und wo immer wir auch den Gruß des Kusses finden mögen, soll nicht das darin ausgedrückte Besiegeln von Frieden und Freundschaft uns für den Moment interessieren, sondern das Schlemmen des anderen, geliebten Parts. Da wird es nicht wunderlich sein, wenn selbst das höhere »Leck mich« doch eigentlich den Kuss bezeugt, denn ob man einen Arsch nun leckt oder küsst, macht der Frivolität keinen Umstand.

    In Wahrheit geht das Küssen an der richtigen Stelle bereits notwendig in ein forderndes Schlecken über, das nun auf Speisʼ und Trank – du bist mir also Speisʼ und Trank – verweist, auf das Vernaschen. So wird deutlich, dass jemand von der Lust und von der Liebe zu leben vermag, er nascht vom dargebotenen Leib der Inbrunst, der Brunft; von der Aura des oder der Geliebten wird er sich be=essen.

    So wie ebenfalls der Thanatos dem Eros nicht weit, so ist es auch das Essen aus dem Munde. Die orale Befriedigung des Kindes ist auch die Befriedigung des neuen Zustands der Liebe.
    »Gott, wie bin ich beschmetterlingt!« (– statt ›beflügelt‹.)