Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Bouquinist
Nighttrain

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabei gewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch „nur“ eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

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Der bukolische Rest

1890 am 20. Januar mittags 2 ¼ Uhr erfolgten plötzlich 2 starke Blitz- und Donnerschläge mit darauffolgendem Schneegestöber. 1891 gab es sehr viel Mutterkorn, dass ein Pfd. Um 1,05 Mk. verkauft wurde. 1892 am 1. Mai war ein furchtbarer Schneesturm, der die Waldvögel in die Stadt hereintrieb. Der Schnee lag ein und mehr Fuß tief. Es wurden am 1. und 2. Mai Schlittenpartien unternommen. Dann kam Regen und am 6. Mai wieder Schnee. Der Heuertrag war sehr gut. Die Hitze des Sommers war schier unerträglich: 36 ½ R. (Réaumur) in der Sonne. Das Getreide wurde vormittags geschnitten und nachmittags eingefahren. Es war dies Jahr ohne Unkraut. Kartoffel gab es viele und gute.

Ich habe mich mit dem Land verbunden, bin das Land geworden, weil ich der einzige bin, der das Gestein befragt hat. Jetzt bist du überall, mon amie d’enfanc, und meine Liebe ist eine Liebe aller Zeitalter. Und alles geht seinen Gang auf des Mutters Brust. Ich werde kommen, wenn du mich rufst, aber es wird mir schwerfallen, deine Wunder noch einmal auferstehen zu lassen. Oh, ich werde sie niederschreiben, sei dir gewiß, aber sie werden fremd sein, denn niemand kann dich hören, wie du unter ihren Schuhen tobst, wie du dich windest, vor allem weil du weißt, was aus mir geworden ist. Der ewige Wanderer. Ahasver. Allerdings bin ich kein Schuhmacher, und wenn ich es wäre, würde ich mich anregen lassen von den schlanken Sohlen der Dirnen, denen ich ihre zarte Haut bewahren wollen würde. Und Maß nehmen. Tag und Nacht Maß nehmen. Denn nur in den Schuhen meiner Zunft seid ihr willkommen, wohl in einem Stall, denn etwas anderes habe ich nie bewohnt. Aber wie gesagt, ich bin kein Schuhmacher. Nur jemand, der Koffer wechselt und ausschreitet. Ich bin das Land, der bukolische Rest, im wolkigen Moos faßt sie mich an.

Perlengestirn

Ich ritt in Stiefeln durch ausgestorbene Dörfer, Täler, Wälder, Seen, Plätze, die mein einziges Gesicht zerkratzen, mein stacheliges Tränenhalsband.

Astraler Nebel schwallte durch die Blutbahn, Nacht wurde Herbst, aber nur außerhalb der Körper, die im Perlenglanz erstrahlten. Worüber ich nachgedacht habe, ist die letzte Nacht, eine feste Festung, da hinein fallen Feste, so wie der Mond es vorschreibt.

Mond, holst du mich denn nicht ins Nichts?

Im Nichts unter dem Mond bin ich in allerbester Gesellschaft; neben einem heißen Körper bin ich ebenfalls heißer Körper, Perlengestirn, Perlenschweiß, Perlenmond, Perlendecke; Perlenaugen perlen ab an bronzefarbener Haut, die das Universum umspannt, zwischen den Bananenkisten des Physikers.

Die Zahl 7 ist als einzige Zahl unter den ersten zehn diejenige, die weder Faktor noch Produkt aus anderen Zahlen ist.

Der siebte Himmel ist der Bereich, der die Welt in ihrem Ganzen zusammenhält; da ist der Motor, der Put=Put.

Oh Bienenschwarm, oh Bienenschwarm, allein deine Sensorik, der zentrale Lichtpunkt, die schöpferische Kraft, ein Augenblick der Ewigkeit, der keinen Anfang und kein Ende hat! Selbst die Stille; heute ist sie nicht mehr da, heute ist die Stille wirklich still, aber damals gab es dieses Summen, das über allem lag wie eine Glocke, und einen Druck, das heißt, die Luft war fester, so als würden wir alle zusammengepresst und auf dem Boden gehalten. So überklar hingen im Geäst, in den Wipfeln der Bäume Buchstaben, die Wolken strotzten vor architektonischer Semantik, Schinken aus Prag, etwas Hustensaft aus der Apotheke, Sonntags in den Zoo.

Der Brunnen der Yoni

Denkst du noch daran, wie du deine Kleider ablegtest, danach dein Höschen wieder anzogst, einen Ohrring herausnahmst? Du zerrißt das Höschen, bis du nur noch den Hosenbund trugst, von dem eine Triangel hing. Du sahst, wie etwas aus dem Meer gekrochen kam und dich musterte, was dir nicht unangenehm war. Du wolltest einen Brunnen graben und brauchtest jemanden, der dir dabei behilflich war.

»Kennst du dich damit aus?«

»Natürlich kenne ich mich damit aus, du hast doch gesehen, woher ich gekommen bin!«

»Das ist nicht dasselbe! Das Meer, das wurde nicht gemacht, das hat niemand geplant.«

Der große Frosch war anderer Meinung und teilte es dir mit, würgte eine Fliege hervor, würgte noch eine Fliege hervor. »Hier«, seine Zunge deutete auf die schwarzen Punkte im Sand, »hier ist die Mitte des Brunnens.«

»Ich sehe sie«, sagtest du. Ihr begannt gemeinsam zu graben, es veränderte sich nur das Wetter. I went down to the crossroads, try to flag a ride. 

Du lernst kennen und du vermisst; die eigentliche Art bleibt dir fremd. Du kommst gut nach Hause und schlecht aus dem Haus, ein Luftspuk, wo immer du bist. So zittern die Stunden, die Jahre vorbei, ein Traum ist so gut wie der nächste, die rührende Nähe der Wünsche vertreibt die Scheu, sich allein im Spiegel zu betrachten. Du gingst (später) in die Stadt der Schenkel, kamst über Haut gepilgert, die wie Sand ihre Formen verändert, gingst zum Brunnen der Yoni und wusstest nicht mehr, was du vorher wusstest. 

Terra finestre

Was bringst du mir heute, Erzähler,von der Welt bei, die du entwirfst und die ich nirgendwo finden kann? Die Augen sind schon seit dem frühen Morgen geöffnet, eine Falltür in den Tag hinein, der eindringt, sobald die Standuhr kurz innehält. Oft denke ich mir, ich kann, indem ich den Atem anhalte, damit auch die Sekunden verzögern,aber ich spüre, wie das Herz weiterwill. Die Bühne der Mime braucht Licht, nur ein Traum holographiert in das Finster (terra finestre).

Die Depeschen stecken pünktlich im Briefkasten, um 9 klingelt es an der Tür, aber aufgrund einer Erektion kann ich nicht öffnen, und ankleiden möchte ich mich nicht. Wir leben hier auf einem absonderlich lauten Schach-Feld.

Notizen zur unheimlichen Literatur

Bouquinist

Natürlich hat das Leben keinen Sinn. Aber der Tod auch nicht. Und das ist eine weitere Sache, die das Blut in Wallung bringt, sobald man Lovecrafts Universum entdeckt. Der Tod seiner Helden hat keine Bedeutung. Der Tod lindert nichts. Er bedeutet in keiner Weise das Ende der Geschichte. Unerbittlich zerstört HPL seine Figuren und bring damit nur die Verstümmelung von Marionetten hervor. Gleichgültig gegenüber diesen erbärmlichen Wechselfällen wächst die kosmische Angst weiter. Sie schwillt und nimmt weiter Gestalt an. Der große Cthulhu erwacht aus seinem Schlaf.

  • Michel Houellebecq*

Ich habe das Gefühl, dass zu viele Menschen von Lovecrafts Monstern, Tentakeln, Polypen und Shuggoths besessen sind. Ehrlich gesagt, ich denke, dass sie den Kern nicht verstehen. Zumindest kann ich sagen, dass sie jenen Teil nicht verstehen, der den größten Einfluss auf mich ausgeübt hat. Da wäre die Wichtigkeit der Atmosphäre zu nennen, das gefundene Manuskript als narratives Element und HPLs Wertschätzung dessen, was Paläontologen und Geologen Tiefenzeit nennen. Tiefenzeit ist entscheidend für seinen kosmischen Schrecken, den existenziellen Schock, den ein Leser aus seinen Geschichten zieht. Unsere Kleinheit und Bedeutungslosigkeit im Universum insgesamt. In allen möglichen Universen. Im Konzept der Unendlichkeit. Nichts und niemand kümmert sich um uns. Niemand passt auf uns auf. Für mich ist das die Aussage Lovecrafts.

  • Caitlin Kiernan

In gewisser Weise ist [Lovecrafts] Ruf das Opfer seines Mythos. Er wurde als ein Gegenmittel zum konventionellen viktorianischen Okkultismus konzipiert – als ein Versuch, den imaginativen Reiz des Unbekannten zurückzugewinnen – und ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie seine Geschichten Schlimmeres oder Größeres suggerieren, als sie zeigen. Er ist auch nur eines seiner Mittel, um ein Gefühl der Verwunderung (Sense of Wonder) beim Leser zu erreichen, mit dem Ziel, die besten Werke des visionären Horrors hervorzubringen (und das ist keineswegs alles, was zum Mythos gehört). Seine Geschichten sind ein Tasten nach der perfekten Form für die Weird Tale, ein Prozess, während dem er alle Formen und Prosa-Stile ausprobierte, die er nur kannte.

  • Ramsey Campbell

Alles, was ich liebte, war bereits seit zwei Jahrhunderten tot … Ich bin niemals Teil von irgendetwas um mich herum – in bin in allen Belangen ein Außenseiter.

  • H. P. Lovecraft

Die besten Arbeiten heutiger „unheimlicher Literatur“ (und das schließt ältere Figuren wie Ramsey Campbell, Thomas Ligotti, T. E. D. Klein, Dennis Etchison und andere mit ein) wird zunehmend nur von einem kleinen Kreis von Kennern und nicht von der Allgemeinheit gelesen. Ich weiß nicht genau, was man dagegen tun kann; vielleicht ist es auch nur der Beleg dafür, dass, wie Lovecraft vor langer Zeit schrieb, die Weird Fiction wirklich nur für die „wenigen Sensiblen“ gedacht ist.

  • S.T. Joshi

Per definitionem basiert die seltsame Geschichte auf einem Rätsel, das niemals gelöst werden kann. Abgesehen von der Semantik ist für mich in einer so genannten seltsamen Geschichte das Wichtigste ein undurchdringliches Geheimnis, das die Handlungen und Manifestationen in einer Erzählung erzeugt. Ein gutes Beispiel ist Lovecrafts Lieblingsgeschichte „Die Weiden“ von Algernon Blackwood. Es gibt nichts in den Weiden selbst, das für die Phänomene verantwortlich ist, die die beiden Männer bedrohen, die auf einer Insel rasten, während sie die Donau hinunterfahren. Die Weiden sind nur ein Symbol für eine unsichtbare, unerkennbare Kraft, die nichts Gutes mit denen vorhat, die unglücklicherweise vom schlechten Wetter an diesen atmosphärischen Ort gefesselt werden. Diese Kraft ist offensichtlich übernatürlich – oder, angesichts von Blackwoods Sicht auf die Natur, überwirklich.

  • Thomas Ligotti

ALLE ZITATE ÜBERSETZT VON MICHAEL PERKAMPUS. *DAS HOUELLEBECQ-ZITAT WURDE AUS DEM ENGLISCHEN ÜBERSETZT.

Falter aus nächtlichem Horn

Das Paradies ist nicht vorgesehen, solange Zeit existiert, die ihrerseits keine Ermüdung erkennen lässt, sich sogar beschleunigt. Kein Lichtstrahl findet je zu seiner Quelle zurück. Ich geistere durch jedes einzelne Zimmer des leeren Hauses.  Jahre alte Seifenstücke hängen gefangen in einem Nylonsäckchen im Bad, Badeschaum in der Luft. Das Bett im Schlafzimmer ist gemacht und verströmt einen modrigen Geruch. Wenn jemand stirbt, ist er schneller fort als man glaubt. Gepackte alte schwere Koffer liegen auf den Schränken, durchsichtige Folien über den Möbeln, um sie vor Staub zu schützen. Ein langer Flur; das Wohnzimmer, das ich noch voller Leben kannte. Meine schlaflosen Nächte in der Küche, die ich schreibend verbrachte, weil ich erst schlafen konnte, wenn die Sonne aufging. Die Musik wirkt in den Räumen schauderhaft, und doch dringt sie lebendig an mein Ohr. Ich bilde mir ein, ich sei am Leben und hätte nichts verloren. Der Gedanke, eines Tages mein Gesicht im Spiegel sehen zu müssen und zu wissen : das sind nicht mehr meine Augen, das ist nicht mehr mein Mund. Wo wird der Mensch sein, der mich dann noch kennt?

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Im Garten der Hyacinthe (Reprise)

Der Turm der höchsten Trümmer liegt in Sprachen, sendet Mauerstein hinein in die brühende Melange. Zucksuppe gischtet brandig, sendet das schwarze Röcheln uteralwärts. Schaumige Maische verdreht die Worte. In diesem Blut erhebt sich Pflanzenseiber, darin gebettet befinden sich die Kehlen, die sich rühren, kleben finster, schlotig, kahl hochgereckt an der Wand, die sich farblos gen Norden neigt. Man hört sie röcheln, aber kein Wort formuliert sich. Schutt und Schlamm in inniger Umarmung.

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