Besorgungen um zehn

Ich gehe auf der Straße und gebe vor, ein Auto zu sein, was man mir scheinbar nicht abnimmt, sonst wäre kein Hupkonzert aufgekommen. Unbeeindruckt blinke ich (hat man kein recht auf Langsamfahrt?) nach alter Herren Sitte mit dem linken Arm. Ich muss gar nicht aussteigen, um den Laden zu betreten, bin bereits das Ausgestiegene höchstselbt. Heute bedient wieder die blonde, feiste Nachbarin, die nach ihrer Schwangerschaft vor über zehn Jahren nie wieder in eine gewisse Windschnittigkeit zurückfand. Außerdem gibt es ja noch das zweite, das jüngere Kind.

Oft höre ich sie über den Hof plärren, ihre Kinder mit einer die Gehörmuschel zersetzenden Eifrigkeit zur Ordnung rufen. Als sie mich einmal zum Kaffee bei sich einladen wollte, bekam ich Panik, denn wie hätte ich ihr Dauergespräch ertragen können? Heute klagte sie über die schmerzhafte Unbeweglichkeit ihres Nackens, entstanden durch die Schlepperei des neues Schlafzimmers. Ich empfahl ihr in meiner stets hilfsbereiten Art eine Salbe, von der ich selbst, wenn ich wieder einmal vor der Schreibmaschine auf dem Stuhl eingeschlafen war, gute Dienste zu vermelden hatte. Dummerweise wollt sie nun, dass ich ihr, wenn ich so eine Salbe hätte, ihr diese in den Briefkasten werfen sollte. Ich tat es nicht, denn es ist meine Salbe. Die Tube weist Druckstellen von meinen Händen auf, ein Muster meines Nackenschmerzes ist entstanden, ein Code, eine Sprache, eine regelrechte Historie! Ich merke erneut, wie ich mit Kommunikationsschwierigkeiten zu kämpfen habe.

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    Nuja. Das Bad ist immer noch ansehnlich. Recht groß, mit Badewanne und Waschmaschinenplatz. Der Blick in die Berge nicht zu verachten. Und es ist ruhig. Wirklich sonderbar aber war für mich, dass die Räume, die ich vom Besichtigungstermin mitgenommen habe, irgendwie andere waren. Sie waren mir geräumig, wurden mir im Laufe der Zeit gar weit und weiter. Ich habe sogar aus dem kleinsten Raum – ein Abstellkämmerchen – vor meinem inneren Auge, einen Tanzsaal gemacht. Das gelang mir schon einmal, vor vielen vielen Jahren, in Bergen op Zoom, als ich potselig in meinem Zelt lag, das sich dermaßen ausweitete als hätte es einen ganzen Hofstaat fassen wollen. An Phantasie mangelt es mir offenbar nicht. Nicht verwunderlich, ich vertrage ja auch keine Drogen, bin stets in anderen Sphären. Wer mit mir längere Zeit verbringt, nimmt das wahr. So ist die Entscheidung gefallen, dass der Venusberg eine Herberge meiner alten Möbelstücke wird, die ohnehin sehr raumeinnehmend sind. Ein schwerer weitflächiger Altherrenschreibstisch mit einer Schublade und jeweils einer Tür in den zwei stämmigen Beinen gehört dazu, ebenso ein alter Sessel, als auch mein bestes Stück: ein alter Jugendstilschrank mit ovalem Spiegel, Verzierungen und bunten Glaseinlassungen. Ein Schrank, der einen einlädt, ihn zu atmen, ihn zu begehen. Das wird nun unser gemeinsamer, in dem unsere Garderobe ihr Unwesen treiben kann: wenn im Busen der Kleider die Blumen schwellen … 

    Daher kommt er zu uns in den Keselground, in dem wir leiben und leben, wie es wohl kaum jemand anderem aufgrund der Quadratmeterzahl möglich ist. Allein die vielen Pflanzen und ihre Lust üppig zu werden, bezeugen es. Es wirkt auf uns, als fühlten sie sich äußerst wohl, sie kokettieren gar mit ihrer Erscheinung, der sie sich bewusst sind, da sie spüren, dass wir sie wahrnehmen. Fräulein Flamingo Anthurie, noch im zarten Pubertätsalter macht es vor, reckt und streckt sich, gibt alles, was wir ihr geben: in ihren grazilen Wuchs, vor allem aber in ihre wächsernen, knatschroten Phallusblüten. Ihre Babys interessieren sie nicht, sie will einfach nur obszön sein: Schminke! Schminke! Kajal und Lippenstift, ist offenbar ihr einziger Begehr.

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