Comics sind seit dem letzten Jahrhundert ein beliebtes fiktionales Medium, und die Erfindung von Superman wird oft als Grundstein der Branche angesehen. Doch bevor der Mann aus Stahl sein Debüt feierte, gab es einen anderen comicartigen Helden, der das Genre anführte: Doc Savage aus den Pulp-Magazinen. Pulp-Magazine waren in den 1930er Jahren die beliebteste Form der gedruckten sequentiellen Kunstgeschichte, bevor Marvel und DC das Medium dominierten.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gehörten Pulp-Helden wie Zorro, Das Phantom, Tarzan, den Shadow und Flash Gordon zu den Helden, zu denen junge Leser in ihren Zeitschriften aufschauten. Im Jahr 1933 lernte die Öffentlichkeit den Mann kennen, der zum Aushängeschild des Pulp Fiction Magazins werden sollte: Doc Savage. Einer der Hauptunterschiede zwischen Savage und seinen Vorgängern war sein Sinn für Modernität, seine Weltoffenheit und die Idee eines Menschen, der sich nicht von den Umständen bestimmen lässt.
Pulp Fiction richteten sich an ein älteres Publikum als die Superhelden und wurde in Magazinen, Zeitungsstrips und als Romanen veröffentlicht. Savage selbst wurde von dem Verleger Henry W. Ralston und dem Herausgeber John L. Nanovic bei Street & Smith Publications in seiner eigenen Serie, dem Doc Savage Magazine, herausgegeben. Das Genre war viel direkter und ehrlicher als manche Superheldengeschichten.
„Who knows what evil lurks in the hearts of men? The Shadow knows!“ (Wer weiß, welches Böse in den Herzen der Menschen lauert? Der Schatten weiß es!).
Dieser Satz, gesprochen von dem Schauspieler Frank Readick, wurden begleitet von einem musikalischen Thema, dem 1872 komponierten Le Rouet d’Omphale von Camille Saint-Saëns.
In unseren Breitengraden spielte The Shadow keine große Rolle, aber in Amerika ist er einer der bekanntesten Pulp-Helden überhaupt.
Meister der Täuschung
„The Living Shadow“; Cover von The Shadow #1 (April 7, 1931). Gezeichnet von Modest Stein.
The Shadow ist der Batman der Groschenromane, sowie Doc Savage dort der Superman ist. Die Analogie zu Batman ist allein schon deshalb berechtigt, weil viele Shadow-Romane dann später als Vorlage für Batman-Geschichten verwendet wurden. Ganz zu Beginn, im Jahr 1931 war die Figur zunächst nur ein mysteriöser Erzähler, der die Geschichten aus dem Street & Smith’s Detective Story Magazine zum Besten gab, um die Verkaufszahlen des Magazins zu steigern.
Als die Redakteure erfuhren, dass die Leser häufig an den Kiosken nach einem „Shadow-Magazin“ fragten, wussten sie, dass sie schnell handeln mussten. Herausgeber Henry Ralston beauftragte schließlich Walter Gibson mit der Schaffung der Figur.
Matt Murdock, der blinde Anwalt, der tagsüber für Gerechtigkeit im Gerichtssaal kämpft und nachts die Straßen von Hell’s Kitchen von Kriminellen befreit, ist die Figur, die das Marvel-Universum lehrte, die wahre Bedeutung von Dunkelheit zu verstehen.
Matt Murdock verliert sein Augenlicht in jungen Jahren, als ein mit radioaktivem Material beladener Lastwagen verunglückt und ein Kanister ihn direkt ins Gesicht trifft. Als er wieder zu sich kommt, wird ihm klar: Die Dunkelheit ist nun sein ständiger Begleiter. Auf den ersten Blick wirkt diese Tragödie wie der Beginn einer typischen Superhelden-Geschichte – ein schicksalhafter Unfall, der außergewöhnliche Fähigkeiten freisetzt und zur Lebensaufgabe wird. Doch was Autor Stan Lee und Zeichner Bill Everett 1964 aus dieser Prämisse schufen, übertraf die Konventionen des Genres mit einer beeindruckenden Finesse. Die Strahlung, die Matt die Sicht nahm, verstärkte im Gegenzug all seine anderen Sinne ins Übermenschliche. Sein Gehör ist so sensibel, dass er selbst das leise Pochen eines Herzschlags durch eine massive Betonwand wahrnimmt. Seine Zunge erkennt den Geschmack von Adrenalin in der Luft, wenn jemand vor Angst zittert. Sein Tastsinn ist so geschärft, dass er selbst die feinsten Vertiefungen auf einer Visitenkarte ertasten kann, die anderen verborgen blieben. Und dann ist da sein bemerkenswerter Radarsinn, der ihm eine mental-kartografische Wahrnehmung seiner Umgebung verschafft – eine weitaus präzisere Art des „Sehens“, als es jeder Mensch mit gesunden Augen je erleben könnte. Mit diesen Fähigkeiten formt sich Matt Murdock zu Daredevil, einem Helden, der mit Geschick und Mut in eine Welt eintaucht, die sowohl düster als auch voller Möglichkeiten ist. Es ist die Kombination aus Tragik, Eleganz und Innovation, die diese Figur bis heute zu einer Ikone unter den Superhelden macht.
Bill Everett & die Entstehung
Bill Everett, der Schöpfer des Sub-Mariners und eine Schlüsselfigur des Golden Age, war für die Zeichnungen von Daredevil #1 verantwortlich. Doch die Zusammenarbeit mit Stan Lee verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Everett übergab das Heft verspätet und in unvollständigem Zustand, was dazu führte, dass andere Künstler einspringen mussten. Das Ergebnis war ein spürbar zusammengeflicktes erstes Heft, eine ironische Tatsache, wenn man bedenkt, dass Daredevil später zu den am sorgfältigsten gestalteten Comics des Mediums zählen würde. Die frühen Tage des Helden waren im wahrsten Sinne des Wortes gehetzt und unausgereift. Doch alles, was darauf folgte, erzählte eine ganz andere Geschichte.
Die lange Reihe derer, die die Figur erweiterten
Stan Lee – Autor, Konzepz
Stan Lee entwickelte die grundlegende Idee für die Figur: ein blinder Anwalt mit besonderen, durch Radioaktivität erlangten Fähigkeiten, der in Hell’s Kitchen lebt und mit dem Verlust seines ermordeten Vaters Jack Murdock kämpft. In den frühen Ausgaben zeigte sich Daredevil als unbeschwerter, akrobatischer Held in einem auffälligen gelb-roten Kostüm. Auch wenn die spätere Entwicklung des Charakters nicht Lees ursprünglicher Vorstellung entsprach, bildete seine Arbeit dennoch das solide Fundament, auf dem alles weitere aufbaute.
Frank Miller – definierende Ära 1979 – 1983
Frank Miller führte Daredevil aus den Reihen mittelmäßig erfolgreicher Superhelden-Comics heraus und formte ihn zu einem Noir-Meisterwerk. Er kreierte den Kingpin, erweckte Elektra zum Leben, schenkte der Welt Stick und die Hand und schrieb mit Born Again eines der emotional tiefgründigsten Kapitel der Seriengeschichte. Ohne Miller wäre der Daredevil, den wir heute kennen, kaum denkbar.
Bill Everett – Zeichner, Erstausgabe
Everett hauchte der Figur als erster visuelles Leben ein: der rote Teufel, die markanten Hörner und die geschmeidige Agilität. Trotz der Herausforderungen während der Produktion war sein Beitrag zentral. Er verlieh Daredevil eine körperliche Präsenz, die späteren Künstlern als Grundlage diente und von ihnen weiterentwickelt wurde.
Bendis · Brubaker · Waid – weitere prägende Autoren
Brian Michael Bendis verschärfte Matts Identitätskrise bis zum Äußersten. Ed Brubaker ließ ihn durch die Hölle gehen, schickte ihn ins Gefängnis und brachte ihn an den Rand seines Verstandes. Mark Waid wiederum brach mit der düsteren Tradition und präsentierte einen Daredevil, der lacht – eine gewagte Entscheidung, die mit den Erwartungen vieler Fans brach. Jeder von ihnen hat nachhaltige Spuren in der Geschichte der Figur hinterlassen.
Frank Millers Einstieg bei Daredevil im Jahr 1979 markierte einen der entscheidendsten Wendepunkte in der Geschichte des amerikanischen Comics. Als damals junger Künstler übernahm Miller eine Serie, die nahe am Abgrund stand. Enttäuschende Verkaufszahlen und das drohende Ende waren bereits realistische Szenarien. Doch Miller brachte eine visionäre Perspektive mit, eine bahnbrechende visuelle Ästhetik und den Mut, eine düstere Tiefe zu erforschen, die im Marvel-Universum bis dahin in dieser Form nicht bekannt war.
Mit seiner Arbeit integrierte Miller die Stilmittel des Film noir nahtlos in das Genre des Superhelden. Comics als strukturelles Fundament. Hell’s Kitchen, das bisher lediglich als Hintergrund diente, wurde unter seiner Federführung zu einem lebendigen, pulsierenden Organismus, einem Sumpf aus Korruption, Gewalt und menschlichem Scheitern. Unter diesen Voraussetzungen führte er Wilson Fisk ein, den berüchtigten Kingpin of Crime, einen Schurken von erschreckender physischen Präsenz und noch beängstigenderer institutioneller Macht, der die Stadt durch Intrigen, Geld und Angst in seinem Würgegriff hielt.
Miller erkannte, dass Daredevil keine ausgeklügelte Kosmologie oder fantastische Kulissen benötigte. Was diese Figur brauchte, war das Leben auf der Straße, ein urbanes Schlachtfeld, in dem jede Entscheidung echte Konsequenzen hatte.
Neben dem Kingpin zählt Elektra zweifellos zu den bedeutendsten Beiträgen Frank Millers zur Daredevil-Mythologie. Als Matts große Liebe, tödliche Assassinin und zugleich seine erbitterte Widersacherin bildet sie ein ideales Gegengewicht zu ihm. Beide verbindet eine ähnlich strenge Ausbildung, ein unerschütterlicher Wille und nahezu identische körperliche Fähigkeiten, doch sind ihre moralischen Entscheidungen grundlegend verschieden. Elektras Tod bleibt eines der bewegendsten Ereignisse in der Geschichte der Comics. Dennoch stellte Miller sie nie als Opfer dar; Elektra war stets eine autonome Figur, die ihre Entscheidungen mit voller Überzeugung traf und die Konsequenzen bewusst in Kauf nahm.
Das tiefste Tal
Born Again, eine Zusammenarbeit von Frank Miller und David Mazzucchelli, gilt als das monumentalste Werk innerhalb des Daredevil-Kanons und zählt darüber hinaus zu den bedeutendsten Errungenschaften des amerikanischen Comics insgesamt. Die Handlung verfügt über eine fast archaische Klarheit. Karen Page, Matts frühere Geliebte und ehemalige Sekretärin, verrät im drogeninduzierten Taumel seine geheime Identität an einen Dealer im Austausch für eine Dosis Heroin. Diese Information findet ihren Weg zu Wilson Fisk, der einen minutiösen Plan in Gang setzt, um Matt Murdocks Leben Stück für Stück zu zerstören. Ohne Hast und ohne pompöse Eruptionen treibt er sein Vorhaben voran.
Das Besondere an dieser Geschichte ist Millers radikaler Ansatz innerhalb des Superhelden-Genres. Er zeigt den kompletten Fall seines Protagonisten, bevor er ihn Schritt für Schritt zurück ins Leben führt. Murdock verliert alles, seinen Führerschein, sein Vermögen, seine Wohnung, seinen Beruf und schließlich den Verstand. Er landet orientierungslos und gebrochen auf der Straße. Fisk wähnt sich als Sieger. Doch anstatt eines triumphalen Comebacks erzählt Miller von einem langsamen Heilungsprozess; ein schmerzhaftes Wiederaufbauen in kleinen Schritten. In diesem mühsamen Prozess entdeckt Matt Murdock seine wahre Identität, wer er ist, wenn ihm nichts mehr bleibt.
David Mazzucchellis Arbeit an Born Again ragt als visuelles Meisterwerk hervor. Seine Zeichnungen vereinen eine gelungene Balance aus reduzierter Expression und nahezu fotografischer Präzision. Mit beeindruckendem Geschick fängt Mazzucchelli die zerrissene Psyche von Matt ein. Gerade dieser feine Unterschied zwischen bloßer Illustration und erzählerischer Bildsprache verleiht dem Werk eine außergewöhnliche Tiefe und zeitlose Qualität.
Das theologische Herz der Figur
Kein anderer Superheld im Marvel-Universum ist so tief in einem religiösen Bewusstsein verwurzelt wie Daredevil. Matt Murdock ist Katholik. Das ist ein grundlegender Bestandteil seiner Persönlichkeit. Er sucht die Beichte, ringt mit Zweifeln und fragt sich, ob seine nächtlichen Taten als Sünde gelten könnten. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es seine moralische Pflicht ist, weiterzumachen. Dieser innere Widerspruch bleibt unauflösbar.
Frank Millers Daredevil-Geschichten sind dann konsequenterweise auch tief durchzogen von katholischer Symbolik: Bilder von Kreuzigung, Auferstehung und der Idee, dass Leiden eine reinigende Kraft besitzt, prägen seine Erzählungen. Besonders deutlich wird dies in Born Again, das in seiner Essenz einer modernen Passionsgeschichte gleicht. In dieser Story durchlebt der Held eine symbolische Todeserfahrung, um schließlich wiederaufzuerstehen. Schon der Titel gibt die Richtung unmissverständlich vor. Obwohl Miller selbst kein Katholik ist, erkannte er in der katholischen Mythologie das perfekte Vehikel, um eine Geschichte von Schuld und Erlösung zu erzählen.
Die Verbindung zwischen Daredevil und dem Katholizismus funktioniert so gut, weil sie voller Widersprüche ist und dadurch Tiefe gewinnt. Die Kirche repräsentiert für Matt Murdock sowohl Trost als auch moralischen Kompass. Sie konfrontiert ihn mit der Sündhaftigkeit seiner Handlungen, bietet ihm aber gleichzeitig einen Rahmen, um mit diesen Sünden umzugehen. Er kämpft, weil sein Glaube ihn antreibt. Doch zugleich zweifelt er an sich selbst, weil dieser Kampf ihn erschöpft. Beide Seiten – Glaube und Zweifel – drängen ihn schließlich zur Beichte, da er begreift, dass weder das eine noch das andere für sich allein genügt, um seinen inneren Konflikt zu lösen.
Die Welt aus Klang
Der Radarsinn von Daredevil zählt zu den interessantesten künstlerischen Herausforderungen im Comic. Wie bringt man eine Figur zur Geltung, die ohne Augenlicht auskommt? Wie visualisiert man eine Wahrnehmung, die vollkommen unabhängig vom Sehen funktioniert? Die talentiertesten Zeichner, die an der Figur gearbeitet haben, haben diese Fragen auf höchst unterschiedliche und kreative Weise interpretiert.
In den Anfangsjahren von Daredevil setzten Künstler wie John Romita Sr. und Gene Colan auf einen schlichten Stil. Daredevil wurde visuell wie eine sehende Figur dargestellt. Seine Blindheit fand hauptsächlich im Text Ausdruck, ohne dass die Bilder dies deutlich erkennbar machten.
David Mazzucchelli brachte diese Stilmittel in Born Again auf eine neue Ebene. In seinem Werk harmonierte die visuelle Sprache erstmals perfekt mit dem zerbrechlichen mentalen Zustand der Figur. Die Darstellung von Matts sensorischer Überforderung wurde zu einem zentralen erzählerischen Werkzeug, das gleichzeitig seinen psychischen Zusammenbruch reflektierte.
Doch die vielleicht bislang beeindruckendste und innovativste Interpretation des Radar-Sinns stammt von Paolo Rivera in Mark Waids Daredevil-Run. Rivera visualisierte die außergewöhnliche Wahrnehmung des Superhelden durch konzentrische Wellen und ultrafeine, blaue Sonarsignale, die von seinem inneren Radar ausgesendet werden. Diese Wellen breiten sich durch den Raum aus und lassen Formen, Texturen und Objekte in einer einzigartigen, leuchtenden Sonarwelt erstrahlen. Zum ersten Mal fühlte sich diese Darstellung für Leser so an, als könnten sie die Welt durch Matts Augen – oder in diesem Fall durch seine Sinne – erleben. Es war eine alternative Realität voller Reichtum und Tiefe, die das Sehen beinahe trivial wirken ließ.
Der Ort als Charakter
Hell’s Kitchen, das Viertel an der Westseite von Midtown Manhattan, zwischen der 34. und 59. Straße, westlich des Broadway gelegen, spielt für Daredevil eine ähnliche Rolle wie Gotham für Batman – es wird quasi selbst zu einer Hauptfigur. Doch während Gotham eine düstere und fiktive Welt voller alptraumhafter Architektur darstellt, ein greifbares Konstrukt der Fantasie ohne reales Gegenstück, besitzt Hell’s Kitchen echte Straßen, reale Bewohner und eine greifbare Geschichte, die diesem Ort eine ganz besondere Bedeutung verleiht.
Als Daredevil in den 1960er Jahren das Licht der Comicwelt erblickte, war Hell’s Kitchen ein berüchtigter Problembezirk in New York. Armut dominierte das Stadtbild, Bevölkerungsgruppen von irischen und puertorikanischen Immigranten prägten die Nachbarschaft, und die Schatten der organisierten Kriminalität zogen sich durch die Straßen. Genau hier wurde Matt Murdock als Sohn eines irisch-amerikanischen Boxers geboren, und genau hier verwurzelt er sich als Held seiner Gemeinschaft. Anders als mancher Superheld mit glitzernden High-Society-Verbindungen ist Daredevil der Anwalt für all jene, die auf den rauen Straßen seiner Kindheit immer wieder zu Verlierern der Gesellschaft werden.
Mit den Jahrzehnten jedoch hat sich Hell’s Kitchen dramatisch verändert. Einst Sinnbild urbaner Härten, ist das Viertel heute kaum wiederzuerkennen. Durch die Gentrifizierung wandelte sich Hell’s Kitchen bis hin zum Namen. Oft wird es nun als „Clinton“ bezeichnet – eine Hommage an einen ehemaligen Gouverneur von New York namens DeWitt Clinton. Es zählt inzwischen zu den teuersten Wohngegenden Manhattans und hat seinen einstigen Charakter fast komplett eingebüßt.
Diese ironische Fügung der Geschichte verleiht den heutigen Eskapaden von Daredevil eine bittersüße Note. Der blinde Held setzt sich weiterhin für die Menschen seiner Heimat ein. Doch diese Heimat, das eigentliche Hell’s Kitchen, existiert nur noch in den Erinnerungen. Die Geschichten um Matt Murdock tragen damit eine melancholische Einsicht in sich. Sein Kampf gilt einer Vergangenheit und einem Ort, der längst von der Realität verschluckt wurde.
Die TV-Serie
Die Netflix-SerieDaredevil nimmt unter den vielen Superhelden-Adaptionen einen besonderen Platz ein. Hier haben die Macher etwas geschaffen, das nicht nur seine Comic-Vorlage respektiert, sondern sie sogar in vielen Aspekten bereichert. Unter der Leitung von Showrunnern wie Drew Goddard und Steven DeKnight gelang es der Serie, das komplexe Erbe von Frank Miller und Brian Michael Bendis in eine serielle Erzählweise zu überführen, die den Ursprungston, das Tempo und die tiefgründige Ernsthaftigkeit des Comics auf beeindruckende Weise einfing.
Insbesondere Charlie Cox in der Rolle von Matt Murdock liefert eine Darbietung, die als die wohl authentischste Verkörperung einer Marvel-Figur im gesamten MCU gelten kann – und das will etwas heißen in einem Universum, das mit Robert Downey Jr. als Tony Stark oder Hugh Jackman als Wolverine bereits ikonenhafte Leistungen hervorgebracht hat. Cox verleiht der Blindheit seines Charakters eine glaubwürdige Tiefe durch subtile, körperliche Nuancen. Er meidet den direkten Blickkontakt, nutzt seinen Körper scheinbar unbewusst zum Lauschen und bewegt sich durch Räume, als würde er mit einem ausgeprägten Sinn für seine Umgebung navigieren. Seine Darstellung ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut durchdachtes Schauspiel die Essenz einer Comicfigur auf die Leinwand bringt und ihre Besonderheit zum Leben erweckt.
Die Flur-Szene
Die zweite Episode der ersten Staffel auf Netflix präsentiert eine durchgehende Kampfszene in einem Flur, die als eine der eindrucksvollsten Action-Choreografien in der Geschichte von Serien gilt. Was diese Szene besonders macht, ist, dass Matt am Ende sichtlich erschöpft ist. Schwer atmend, taumelnd und gezwungen, sich an der Wand abzustützen, spürt man die körperlichen Auswirkungen des Kampfes, die im Superhelden-Kino selten thematisiert werden. Dieses Element der physischen Realität, das bereits in den besten Phasen des Comics präsent war, gibt der Szene eine besondere Authentizität.
Der Held, der wieder aufsteht
Daredevil symbolisiert im Marvel-Universum die unerschütterliche Fähigkeit, nach jeder Niederlage erneut aufzustehen. Diese außergewöhnliche Eigenschaft wird im Superhelden-Genre nur selten hervorgehoben, da sie keine typische Superkraft darstellt. Während Batman den Detektiv verkörpert, Superman den Gott und Spider-Man von Schuldgefühlen getrieben ist, repräsentiert Daredevil den Mann, der alles verlieren kann und trotzdem unermüdlich weitermacht.
Diese Bedeutung geht weit über die Grenzen des Fandoms hinaus. Daredevil ist unter den Superhelden eine der Figuren, die am stärksten jene Menschen anspricht, die erfahren haben, was es heißt, am Tiefpunkt zu sein. Er repräsentiert Widerstandsfähigkeit. Und Resilienz ist vielleicht die authentischste „Superkraft“ in einer Welt ohne radioaktive Spinnen oder göttliche Waffen.
Frank Miller hat dies in Born Again am prägnantesten dargestellt. Brian Michael Bendis vertiefte dieses Motiv in seinen besten Geschichten. Mark Waid fügte eine neue Dimension hinzu, indem er die Perspektive erweiterte: Was, wenn Resilienz nicht in erster Linie von Dunkelheit geprägt ist, sondern von Leichtigkeit? Was, wenn das Wiederaufstehen manchmal auch durch Lachen geschieht, weil Lachen die angemessene Antwort auf eine Welt sein kann, die einen immer wieder niederzuringen versucht?
Der Grüne Mann ist ein Waldgeist, der seit Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Jahren in der Folklore verankert ist. Die Legende vom Grünen Mann stammt angeblich aus Europa, doch es gibt Geschichten und Belege dafür auf der ganzen Welt. Googelt man nach diesem Wesen, findet man eine Fülle von Informationen über seine Motive und Skulpturen, die in Kirchen in ganz Europa zu sehen sind. Doch hinter der Legende des Grünen Mannes steckt mehr.
Während der Grüne Mann in der heutigen Zeit als Gartenkunstwerk betrachtet wird, war er für unsere heidnischen Vorfahren einst ein Waldgott und der ultimative Wächter des Waldes.
Dr. Harleen Quinzel wurde in einer Zeichentrickserie geboren, aber schließlich vom Fandom kanonisiert.
Eine Nebenrolle, die dann die Hauptrolle übernahm
Arleene Sorkin; Foto von Emerson College Archives and Collections.
Harley Quinn ist die einzige Figur dieser Dokumentationsreihe, die in einer Zeichentrickserie für Kinder debütierte, was entscheidend für ihre Identität ist. Als Paul Dini und Bruce Timm sie im September 1992 für Batman: The Animated Series schufen, brauchten sie für die Episode Joker’s Favor eigentlich nur eine weibliche Assistentin des Jokers. Eine Nebenfigur. Einen Witz. Harley Quinn sollte nur in einer Episode auftreten.
Allerdings war die Resonanz so unmittelbar und eindeutig, dass sie wiederkehrte, denn nicht nur das Publikum mochte sie, auch Dini und das ganze Produktionsteam fanden gefallen an ihr. Es dauerte nicht lange, da wurde sie zur Hauptfigur und schließlich zum Publikumsphänomen. Dini und Timm erkannten ihr Potenzial und bauten es aus. Sie verpassten Harleen Quinzel eine Vergangenheit als Psychiaterin am Arkham Asylum, eine gefährliche Obsession für ihren berühmtesten Patienten und eine einzigartige Stimme: Arleen Sorkins Interpretation wurde das akustische Fundament der Figur und ihre Energie und Wärme überstiegen in jeder Folge mit Leichtigkeit den geschriebenen Text.
Arleen Sorkin
Paul Dini kannte Arleen Sorkin persönlich. Sie war jahrelang Darstellerin in der Seifenoper Days of Our Lives. Dini hatte eine Episode gesehen, in der Sorkin eine Narrenkönigin spielte. Dieses Bild blieb ihm im Gedächtnis. Als er Harley Quinn konzipierte, schrieb er die Figur mit Sorkins Stimme im Kopf. Er rief sie an und fragte sie, ob sie die Rolle übernehmen wolle, und sie sagte ja, ohne zu wissen, dass die Figur auch über dreißig Jahre später noch existieren würde. Sorkin sprach Harley Quinn in allen Animationsserien bis 2011. Ihre Stimme ist so sehr Teil der Figur, dass alle nachfolgenden Sprecherinnen zwangsläufig mit ihr verglichen werden.
Paul Dini Autor & Konzept
Dini ist der eigentliche Vater von Harley Quinn. Er schuf die Figur, gab ihr eine Biografie, eine psychologische Struktur und eine Sprache. Er schrieb auch ihre bedeutendste Einzelgeschichte: „Mad Love” (1994), die Harleen Quinzels Ursprungsgeschichte als Graphic Novel und später als Emmy-nominierten Zeichentrickfilm erzählt. Wie wir andernorts besprochen haben, hatte Dini eine tiefe persönliche Verbindung zu dieser Figur.
Bruce Timm Design & Produktionsleitung
Timm gestaltete Harleys ikonisches schwarz-rotes Harlekin-Kostüm. Der Name „Harley Quinn” ist ein Wortspiel mit „Harlequin”, der Figur aus der Commedia dell’Arte, und Timms Design macht diese Verbindung explizit: Harley ist Närrin, Akrobatin und Liebende in einer Person.
Die Frage, wer Harley Quinn erfunden hat, ist schwierig zu beantworten. Dini und Timm erschufen die Figur für Warner Bros. Wie in der Comicbranche üblich, hielt das Unternehmen die Rechte. Jahrelang haben die Macher kein Geld von den Verkäufen von T-Shirts und anderem Merchandise bekommen, obwohl sich Harley Quinn zu den lukrativsten DC-Figuren gemausert hat. Schließlich gab DC nach und räumte Dini und Timm eine finanzielle Beteiligung ein, aber dieser Schritt kam ziemlich spät und war wohl er widerwillig. Es ist das übliche amerikanische Verhalten, immer und überall zu beobachten.
Die Ursprungsgeschichte
Cover der Batman Adventures: Mad Love (1994); DC
Paul Dinis Batman: Mad Love ist ein wichtiges einzelnes Dokument über die Figur. Es ist auch eines der interessantesten Erzählungen der Batman-Animationsserie. Die Geschichte handelt von Dr. Harleen Quinzel, eine angehende Psychiaterin mit zweifelhaften Karriereplänen. Sie wird die Therapeutin des Jokers im Arkham Asylum, verliebt sich in ihn, opfert ihren Verstand, ihren Beruf und ihre Identität, um bei ihm zu sein. Aber der Joker erwidert ihre Gefühle nicht.
Das Herz von Mad Love ist ein Moment, der das gesamte Verhältnis zwischen dem Joker und Harley Quinn in einem einzigen Panel festhält. Harley ist drauf und dran, Batman auf eine Weise zu töten, die dem Joker selbst nie gelungen ist. Doch das gefällt dem Joker nicht. Er ist wütend, weil Harley fast erreicht hat, was ihm selbst nie gelungen war. Er schlägt sie und wirft sie aus dem Fenster. Schwer verletzt und wieder in Gefangenschaft lächelt sie. Sie ist froh, dass er sie beschimpft hat. Denn so hat er zumindest an sie gedacht.
Mad Love ist freilich kein romantisches Comic. Es ist eine der klarsten Darstellungen toxischer Abhängigkeit, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat. Die Tatsache, dass die Geschichte in einer Zeichentrickserie für Kinder verwurzelt ist, macht sie nicht weniger wild. Im Gegenteil.
Dini schrieb diesen Stoff aus einer persönlichen Erfahrung heraus, die er in Interviews angedeutet hat. Er hatte selbst eine Beziehungserfahrung gemacht, die emotionale Parallelen zu Harleys Situation aufwies. Das verleiht Mad Love eine Authentizität, die über das Handwerk hinausgeht.
Vom Trickfilm in den Comic
Batman: Harley Quinn; DC
Harley Quinns Weg in den Kanon der DC-Comics ist in der Geschichte des Mediums einzigartig. Normalerweise verläuft es so: Ein Comic erschafft eine Figur, die dann in einen Film oder eine Serie adaptiert wird. Bei Harley Quinn war es umgekehrt. Die Zeichentrickserie erschuf die Figur und der Comic übernahm sie. Zunächst geschah dies noch zögerlich. Die ersten Comicauftritte in den 1990er Jahren folgten der Animation, doch dann mit zunehmenden Selbstbewusstsein bis sie im regulären DC-Kanon so selbstverständlich war, als wäre sie immer schon da gewesen.
Ihr erster eigenständiger Comic-Auftritt im regulären DC-Kanon war Batman: Harley Quinn (1999), der wiederum von Dini geschrieben und von Alex Ross illustriert wurde – ein Heft von atemberaubender visueller Qualität, das gleichzeitig die Aufnahme der Figur in den Hauptkanon markierte. Ab 2000 erschien die Figur regelmäßig in Batman: Gotham Adventures und ähnlichen Titeln. Die erste eigenständige Ongoing-Serie bekam sie im Jahr 2001.
Die Fandom-Rolle
Die Kanonisierung von Harley Quinn wurde vom Fandom mitgetrieben. Die Figur hatte bereits in den 1990er Jahren eine Fanbasis, die Fanfiction, Artwork und Cosplay produzierte – lange bevor DC sie in den regulären Kanon aufnahm. Das zeigt, dass die digitale Fankultur die Entscheidungen der Verlage beeinflussen kann, sofern die Resonanz stark genug ist. Harley Quinn ist das erste große Beispiel dafür im amerikanischen Mainstream-Comic.
2019+ Animated-Series-Look: bequemer, farbiger, persönlicher. Das Design einer Frau, die für sich selbst lebt.
Es sagt bereits alles über die Figur aus zeigt in einer Silhouette, dass sie närrisch ist, akrobatisch und in einem theatralischen Spiel gefangen ist, das sie selbst nicht als Spiel versteht. Jede spätere Version des Kostüms zeigt, wie sich das verändert hat. Wird die Narrenkapuze abgelegt? Werden die Farben bunter und individueller? Das Design zeigt immer, wie es Harley Quinn innerlich geht.
Die Beziehung, die sie fast auslöschte
Die Beziehung zwischen Harley Quinn und dem Joker gilt als die bekannteste Darstellung einer toxischen Liebesbeziehung in der Welt der Superhelden-Narrative. Über Jahrzehnte hinweg hat das Medium gebraucht, um eine klare Aussage zu dieser Dynamik zu finden. In den Anfangszeiten der „Animated Series“ war die Beziehung ambivalent inszeniert. Der Joker misshandelte Harley, doch sie ging immer wieder zu ihm zurück. Dabei wurde ihr Verhalten als ein Merkmal ihrer Figur dargestellt, ohne die moralische Dimension kritisch zu hinterfragen. Das Unbehagen in den frühen Geschichten rund um Harley Quinn rührt von den Momenten, die ihr wiederholtes Rückkehren auf romantische Weise verklären.
Die Figur hat im Laufe der Zeit eine deutliche Entwicklung durchlaufen, geprägt durch die unterschiedlichen Interpretationen verschiedener Autoren. Ein markantes Beispiel ist die Serie von Amanda Conner und Jimmy Palmiotti, in der Harley ein neues Leben in Coney Island beginnt und ihre eigenen Abenteuer bestreitet. Sie wird darin unabhängiger und selbstständiger dargestellt. In der animierten Serie aus dem Jahr 2019 zeigt sich ein weiterer Wandel. Der Joker wird hier klar als narzisstisches Individuum porträtiert, das Harley nie wirklich geliebt hat. Dieser Erkenntnis folgend, beschließt Harley, sich von ihm zu lösen.
Die im Jahr 2019 erschienene Harley-Quinn-Serie geht sogar einen Schritt weiter. Erstmals in der dreißigjährigen Geschichte der Figur wird die entscheidende Frage direkt aufgeworfen und beantwortet: Wer könnte Harley sein, wenn sie sich nicht länger als „Jokers Harley“ definiert? Die Antwort ist simpel: Sie könnte mehr sein.
Die Beziehung, die sie rettete
Wir haben in einem anderen Beitrag schon über die Beziehung zwischen Harley Quinn und Poison Ivy gesprochen. Aber aus Harleys Perspektive stellte sich diese Beziehung anders dar. Harley ist für Ivy wie ein Anker, der sie dem Menschlichen wieder nahe bringt. In ihrer Welt der Pflanzen drohte sie alles zu verlieren. Für Harley wiederum ist Ivy der erste Mensch in ihrem Leben, der sie wirklich sieht.
Ivy liebt Harley nicht trotz ihrer Fehler oder ihrer Vergangenheit mit dem Joker. Sie liebt Harley so wie sie wirklich ist; sie erkannt man, dass Harley ein vollständiger Mensch ist, mit Geschichte, mit Narben und einer unzerstörbar scheinenden Fähigkeit zur Freude. In Comics, in denen es um Liebe geht, ist das selten. Es wird akzeptiert, dass zwei Menschen sich lieben, ohne dass sie sich verändern müssen.
Credit: Adriana Melo; DC
Die Hochzeit in der Serie ist der Abschluss einer Geschichte, die 1992 mit der Freundschaft zwischen zwei Schurkinnen begann. Das Fandom hat diese Geschichte die ganze Zeit über schon vor sich gesehen. Es dauerte manchmal länger, bis die Verlage etwas verstanden, wenn sie überhaupt je etwas verstehen.
Die Verkörperung
Margot Robbie hat Harley Quinn in vier Filmen gespielt. Suicide Squad (2016), Batman v Superman (Cameo), Birds of Prey (2020) und The Suicide Squad (2021). Die Qualität ihrer Darstellung variiert in den vier Filmen erheblich, was vor allem daran liegt, dass auch die Filme selbst auf sehr unterschiedlichen Ebenen stehen und es nur selten schaffen, die Erwartungen der Comicfans wirklich zu erfüllen. Was dabei jedoch immer konstant bleibt, ist Robbies intuitives Verständnis für die Figur. Sie verkörpert Harley als jemanden, der genau weiß, was er tut, und die Konsequenzen seiner Handlungen bewusst akzeptiert.
Birds of Prey (2020) ist aber der einzige der vier Filme mit Harley Quinn als Protagonistin, der dem Sujet tatsächlich gerecht wird. Er ist laut, farbenfroh, körperbetont und hat einen emotionalen Kern, der von Harley Quinns Ablösung vom Joker handelt. Der Film ist imperfekt und vital, eine Beschreibung, die auch auf Harley Quinn selbst zutrifft, wenn man es recht bedenkt.
Lady Gaga
Todd Phillips besetzte für den totalen Flopp Joker: Folie à Deux (2024) Lady Gaga als Harley Quinn – eine Entscheidung, die sofort wild diskutiert wurde und in einem Film resultierte, der ebenso an den Erwartungen seiner Harley-Quinn-Darstellung scheiterte wie an allem anderen. Rückwirkend demonstrierte das Experiment, was Robbie richtig gemacht hatte: Sie nämlich verstand, dass Harley Quinn gleichzeitig Komödie und Tragödie ist und dass man beides gleichzeitig spielen muss, um sie richtig darzustellen.
Die Figur, die das Fandom erschuf
Harley im New 52
Harley Quinn ist die erste zentrale Figur in der Geschichte amerikanischer Comics, die durch das Engagement der Fans zur Hauptfigur wurde, noch bevor der Verlag selbst diesen Schritt vollzog. Das ist ein starkes Signal. Es verdeutlicht, dass die Macht über Comicfiguren bei den Kulturschaffenden und dem Publikum liegen und nicht bei korrumpierten Juristen. Von Beginn an gehörte Harley Quinn den Fans. Sie schlossen sie ins Herz, verkleideten sich wie sie und schrieben Fanfiction über sie, und das alles, bevor sie überhaupt in den regulären Comics auftauchte. DC griff nicht auf eine bereits bestehende, kanonisierte Figur zurück, sondern ließ eine zum Leben erwecken, die von den Anhängern längst vollständig geformt und mit Bedeutung gefüllt worden war.
In den dreißig Jahren seitdem hat das weitreichende Folgen gehabt. Heute ist Harley Quinn einer der erfolgreichsten DC-Charaktere, sei es in Comics, im Merchandising, bei Kostümen und in sämtlichen anderen Formaten. Vielleicht ist sie die erste Figur, bei der die Kommerzialisierung vollständig dem Wunsch des Publikums folgte, anstatt umgekehrt. Dieses Modell ist bis heute ein Thema in der Comicbranche.
Und sie ist trotz allem noch immer interessant. Das ist das eigentliche Wunder. Drei Jahrzehnte kommerzielle Ausbeutung haben eine Figur hinterlassen, die in ihrer besten Ausprägung – in der Animated Series von 2019, in Dinis Mad Love oder den besten Ausgaben von Conner/Palmiotti – noch immer etwas zu sagen hat: über Liebe, Abhängigkeit, Humor als Überlebensstrategie und die Möglichkeit, die Person zu werden, die man immer hätte sein können.
Sie war nie nur seine Harley
Dr. Harleen Frances Quinzel hat einen Doktortitel in Psychiatrie. Sie hat eine Turnkarriere hinter sich, durch die sie ein Stipendium erhielt. Sie ist intelligent, körperlich außergewöhnlich und verfügt über einen Humor, der sowohl Waffe als auch Schild ist. All das war immer da – in Dinis Konzeption, in Sorkins Stimme, im Design von Bruce Timm. Und trotzdem dauerte es dreißig Jahre, bis eine Version der Figur erschien, die aufhörte, sich durch die Augen des Jokers zu sehen.
Dann nämlich würde sie einen bestimmten Menschen heiraten, der Pflanzen liebt und die Menschheit für eine fragwürdige Spezies hält. Sie würde in einem bunten Apartment in einer Welt leben, die sie nicht verdient, und jeden Morgen aufwachen und entscheiden, wer sie an diesem Tag sein möchte. Ohne Kostüm als Vorschrift. Ohne Joker als Spiegel. Nur Harley Quinn.
Obwohl er nicht zur berühmten Trias Batman, Superman und Wonder Woman gehört, ist der Flash insgeheim die wichtigste Figur im DC-Universum. Und das hat nichts mit Geschmack zu tun. Natürlich gibt es immer Geschichten, die nicht den persönlichen Vorlieben entsprechen, aber über die Bedeutung der Figur wird wohl niemand ernsthaft diskutieren wollen. Sie war die treibende Kraft hinter so vielen Innovationen und Markenzeichen, die heute fester Bestandteil des DC-Universums und der Comicwelt insgesamt sind. Es ist durchaus legitim und möglich, die Geschichte der DC-Comics (und in geringerem Maße auch die der Mainstream-Superheldencomics) mit dem roten Blitz als Maßstab darzustellen.
Der Flash erschien im Januar 1940 als dritter der bekanntesten DC-Charaktere im Goldenen Zeitalter der Comics. Er wurde nach Batman, aber kurz vor Green Lantern geschaffen. Außerdem war er ein ganz anderer Charakter als der, den man aus der aktuellen Flash-Comicserie oder sogar aus der Fernsehserie kennt (auf die wir weiter unten eingehen werden). Der erste Flash war ein Typ namens Jay Garrick.
Obwohl seine Entstehungsgeschichte anders und sein Kostüm alberner ist als das seines bekannteren Nachfolgers Barry Allen, ist das Wesentliche ziemlich dasselbe: Er ist ein Superheld, der wirklich schnell rennen kann. Die Geschichten aus dem Golden Age muss man eigentlich nicht lesen, es sei denn, man ist ein Komplettist und eingefleischter Flash-Fan. Auch wenn die Figur von Anfang an etwas Besonderes hat, sind die Geschichten um Jay Garrick nicht wirklich interessant. Immerhin war er Mitglied der ersten Superheldengruppe der Geschichte, der Justice Society of America.
Obwohl seine Entstehungsgeschichte anders und sein Kostüm alberner ist als das seines bekannteren Nachfolgers Barry Allen, ist das Wesentliche ziemlich dasselbe: Er ist ein Superheld, der wirklich schnell rennen kann. Die Geschichten aus dem Golden Age muss man eigentlich nicht lesen, es sei denn, man ist ein Komplettist und eingefleischter Flash-Fan. Auch wenn die Figur von Anfang an etwas Besonderes hat, sind die Geschichten um Jay Garrick nicht wirklich interessant. Immerhin war er Mitglied der ersten Superheldengruppe der Geschichte, der Justice Society of America.
Heute ist es nichts Besonderes mehr, damals aber war es überraschend und neu. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, dreht man die Uhren auf Null und beginnt einfach von vorne.
1956 tat DC etwas Verrücktes: In ihrer Showcase-Ausgabe #4 führten sie einen völlig neuen Flash ein. Entworfen von den Autoren Robert Kanigher und John Broome in Zusammenarbeit mit dem legendären Zeichner Carmine Infantino, war dieser neue Flash Barry Allen, ein Polizeiwissenschaftler, der seine Kräfte erhielt, nachdem er nach einem Blitzeinschlag mit Chemikalien übergossen worden war. Das war die Geburtsstunde des Flash, den die meisten heute kennen. Hier erhielt er auch seinen legendären roten Anzug.
Dieser Neustart markiert im Wesentlichen die Wiederbelebung der Superhelden-Comics, die nach der Anti-Comic-Kampagne von Frederic Wertham kurz vor dem Aus standen. Mit The Flash kehrten die Superhelden im großen Stil zurück. Mit der Geburt von Barry Allen begann das Silberne Zeitalter der Comics.
Als Barry Allen als Flash in Erscheinung trat, sollte er ursprünglich Jay Garrick vollständig ersetzen. Nachdem sein erster Auftritt in “Showcase” als Erfolg gewertet und er in eine eigene Serie aufgenommen wurde, knüpfte er in Flash Comics #105 direkt dort an, wo Jay Garrick aufgehört hatte. Doch Jay Garrick war nicht ganz verschwunden. Zunächst wurde er zu einer Comicfigur, die Barry Allen las und nach der er sich später benannte.
Und plötzlich trafen sich die beiden.
In der bahnbrechenden Geschichte „The Flash of Two Worlds“ von Gardner Fox und Carmine Infantino demonstriert Barry Allen als „The Flash“ bei einer öffentlichen Veranstaltung seine Kräfte, indem er etwas tut, was er noch nie zuvor getan hat. Er springt direkt von unserem Universum in ein anderes namens Erde 2. Dort ist der Comic-Held Jay Garrick eine reale Person. Aber nicht nur er, sondern alle Figuren des Goldenen Zeitalters sind dort vertreten. Diese Geschichte, die im “Flash Nr. 123″ vorgestellt wurde, war die Geburtsstunde des DC-Multiversums, und – um ein altes Comic-Klischee zu bemühen – nichts war mehr wie zuvor.
Das Science-Fiction-Element der Paralleluniversen wurde im Laufe der Zeit zu einem der abgedroschensten Superhelden-Comic-Themen, und genau hier nahm alles seinen Anfang. Der “Flash of Two Worlds” etablierte Erde 2 als die Welt, in der alle Helden des Golden Age lebten. Dies war der Beginn eines Trends, bei dem DC-Künstler immer neue parallele Erden einführten, um Geschichten zu erzählen, die sich stark von dem unterschieden, was man kannte – und einige dieser Geschichten waren wirklich seltsam.
Irgendwann geriet das Ganze außer Kontrolle, es gab einfach zu viele Universen bei DC, als dass die Fans den Überblick behalten hätten. Außerdem litt die Konsistenz der Hintergrundgeschichten der einzelnen Charaktere. Um dieses Problem zu lösen, wurde das DC-Multiversum 1985 mit ”Crisis on Infinite Earths” beendet. Dies war ein Wendepunkt in der Geschichte der Comics. Alle Universen wurden zu einem einzigen Universum, in dem nur noch die Versionen der größten Erfolge Gültigkeit haben sollten. Dieser Zeitpunkt wird seither als Bezugspunkt für die DC-Chronologie verwendet. Vor der Krise/Nach der Krise wird als Diskussionsgrundlage verwendet, so wie wir heute die Zeit in v. Chr. und n. Chr. einteilen.
Was aber hat das mit dem Flash zu tun?
Alles. Barry Allen spielt eine entscheidende Rolle in “Crisis”, denn diese Krise führt zu seinem heldenhaften Tod zu Beginn der letzten Handlung der Miniserie. Es ist ein poetisches und tragisches Ende für eine Figur: Der Held, der den Beginn des Silbernen Zeitalters markiert, stirbt am Ende.
Allen und seine Geschichte festigten damit das, was DC am meisten von seinem Hauptkonkurrenten Marvel unterscheidet.
Alles für die Legende
In den ersten Jahren, in denen Barry Allen den Flash verkörperte, führte DC einen jugendlichen Sidekick für den roten Blitz ein: Wally West, ehemals Kid Flash. Am Ende von “Crisis on Infinite Earths” übernahm West den Staffelstab von seinem ehemaligen Mentor und wurde zum Flash des modernen Zeitalters.
Wieder einmal war The Flash der Startschuss für eine weitere Innovation in der Comic-Welt: Der Sidekick übernimmt die Rolle seines Mentors. Die Graduierung von Wally West war ein großes Comic-Highlight, die Kanonisierung dessen, was bis heute als Eckpfeiler des DC-Universums gilt: Das Vermächtnis. Helden sind Ideen, größer als das Leben, größer als jeder Mensch. Sie sind Symbole, die von Menschen auf der ganzen Welt benutzt werden. Überall sieht man das Wappen von Superman oder das charakteristische Bat-Symbol von Batman. All dies sind mythische Banner, die mittlerweile über 75 Jahre alt sind.
Aber der rote Blitz begann als erzählerischer Prüfstein, als eine Figur, deren Geschichten das gesamte Verlagsimperium prägten und letztlich immer einen großen Wandel in den Comics ankündigten: Goldenes Zeitalter, Silbernes Zeitalter, Multiversum, Tod des Multiversums, Wiedergeburt des Multiversums und mindestens zwei getrennte Neustarts bei DC.
Selina Kyle schleicht seit achtzig Jahren durch Seiten und die Frage nach Gut und Böse ist noch immer unbeantwortet.
Die Diebin, die von Anfang an mehr war
Batman #1; DC
Catwoman betrat im Frühling 1940 in Batman #1 erstmals die Bühne, damals jedoch nicht unter ihrem allseits bekannten Namen Catwoman; sie hieß da noch schlicht „The Cat“ und war eine anonyme Diebin, die auf einem Luxusdampfer Batman und Robin ein kostbares Juwel stahl und entwischte. Mit dieser Figur schufen Bob Kane und Bill Finger im selben Heft, in dem auch der Joker sein Debüt feierte, einen Charakter von solcher Faszination, dass sie problemlos die Aufmerksamkeit des gesamten Heftes auf sich zog.
Bemerkenswert ist vor allem, dass The Cat erfolgreich entkam. Sie wurde weder besiegt noch verhaftet oder mit einer moralischen Lektion konfrontiert. Batman ließ sie ziehen, vermutlich, weil er von Anfang an eine gewisse Sympathie für sie empfand. Das war 1940, in der zweiten Ausgabe mit Batman und in einem Genre, das zu dieser Zeit stark auf klare moralische Unterscheidungen setzte. Doch hier erschien eine Schurkin, die das Spiel für sich entschied, und ein Held, der dies akzeptierte. Es war eine der kühnsten und revolutionärsten Einführungen in der Geschichte der Comics.
Bill Finger & Bob Kane
Die Urheberschaftsfrage rund um Catwoman spiegelt dieselbe Problematik bei Batman wider. Über viele Jahrzehnte wurde Bob Kane als alleiniger Schöpfer genannt, während Bill Finger, der maßgeblich für die konzeptuelle Gestaltung verantwortlich war, keine Anerkennung erhielt. Finger prägte entscheidende Elemente wie den Namen „Gotham City“, das Design von Batmans Kostüm und die tiefgründige Psychologie der Figur. Erst im Jahr 2015, über 40 Jahre nach Fingers Tod im Jahr 1974, würdigte DC offiziell seinen Beitrag. Catwoman steht daher ebenfalls für eine Geschichte, die einmal mehr von institutioneller Ungerechtigkeit geprägt ist.
Bob Kane: Der offiziell anerkannte Schöpfer mit Geschäftsinstinkt
Bob Kane sicherte sich früh die rechtlichen Vorteile für seine Zukunft. Ein Vertrag garantierte ihm die alleinigen Rechte an Batman und allen Figuren aus dieser Reihe. Die Verlage druckten seinen Namen als Zeichner in die ersten Hefte, obwohl häufig andere Künstler im Hintergrund die Tuschestifte führten. Sein tatsächlicher gestalterischer Anteil an Catwoman lässt sich schwer messen. Unbestritten bleibt sein Talent für vorteilhafte Verträge und kluge finanzielle Entscheidungen.
Bill Finger: Der wahre Schöpfer im Schatten
Während Kane die Verträge unterschrieb, war es Bill Finger, der Batman Leben einhauchte. Er schrieb die ersten Geschichten, entwarf die düstere Atmosphäre von Gotham City sowie ikonische Charaktere wie den Joker und Robin. Es wird angenommen, dass er auch ein wesentlicher Architekt der Grundzüge von Catwoman war. Doch trotz dieses prägenden Beitrags wurde Finger Zeit seines Lebens nie offiziell als Mit-Schöpfer von Batman anerkannt. Er starb 1974 mittellos und vergessen – ein Schicksal, das die Comicindustrie immer noch beschämt. Erst Jahrzehnte später erhielt er posthum die würdige Anerkennung, die ihm gebührt hätte.
Fingers Geschichte ist für das Verständnis von Catwoman von zentraler Bedeutung, da sie die Bedingungen beleuchtet, unter denen diese Figur geschaffen wurde. In der frühen Comicbranche herrschte ein System, das kreative Arbeit systematisch enteignete. Jene, die die Verträge besaßen, verdrängten die wahren Ideengeber. Catwoman, eine Figur, die stiehlt und damit die bestehende Eigentumsordnung infrage stellt, entstammt einem Umfeld, in dem Finger selbst Opfer solcher Praktiken wurde – sein geistiges Eigentum wurde ihm genommen. Es wäre zu weit hergeholt, dies als bewusste Allegorie zu interpretieren. Als unbewusste Ironie jedoch wiegt es schwer und verleiht der Geschichte eine tiefere Ebene.
Kaum eine andere Figur hat im Laufe ihrer Geschichte so viele Kostümwechsel durchlaufen wie Catwoman. Jedes ihrer Outfits spiegelt dabei einen Aspekt ihrer Persönlichkeit wider. Das Kleid aus den 1940er-Jahren symbolisiert, dass sie unbemerkt in der Menge verschwindet, wenn ihr danach ist. Der Latex-Anzug der 1990er unterstreicht, wie sie ihre Erscheinung als Waffe einsetzt. Die Schutzbrille aus dem Brubaker-Run wiederum zeigt sie als professionelle Diebin. Bei Catwoman ist das Kostüm ein Ausdruck ihres Selbst, auch wenn sie damit im Grunde immer die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Eine besondere Erwähnung verdient Julie Newmar, die Catwoman 1966 in der Batman-Fernsehserie verkörperte. Sie schuf etwas, das die Comics bis dahin nur angedeutet hatten: eine vielschichtige Figur mit Humor, sinnlicher Selbstsicherheit und einer Intelligenz, die der Batmans ebenbürtig war. Newmar verstand intuitiv, was die besten Autoren von Catwoman erst Jahre später vollständig zu Papier bringen sollten. Diese Frau setzt dieselben Waffen ein wie ihr berühmtester Gegenspieler, verfolgt dabei jedoch völlig andere Ziele.
Zwölf Jahre Schweigen
Catwoman #27, DC
Kaum ein Beispiel verdeutlicht die Absurdität des Comics Code Authority besser als der Umgang mit Catwoman. Die 1954 während der Wertham-Panik ins Leben gerufene Zensurinstanz der Comicindustrie legte fest, dass Kriminelle in Comics weder verherrlicht noch ihre Taten ungestraft bleiben durften. Catwoman, die an ihren diebischen Umtrieben sichtbar Freude hatte und dabei immer wieder entkam, fiel dieser Regelung sofort zum Opfer.
Von 1954 bis 1966 verschwand die Figur dadurch vollständig aus den regulären Veröffentlichungen von DC Comics, ganze zwölf Jahre lang. Eine der spannendsten Persönlichkeiten des Batman-Universums wurde eliminiert, weil sie nicht mit den vorherrschenden moralischen Vorstellungen vereinbar war. Erst die berühmte Batman-Fernsehserie holte sie zurück. Die Produzenten benötigten eine zentrale weibliche Gegenspielerin, und Julie Newmar hauchte der Figur im Studio neues Leben ein, nachdem sie in den Comics verdrängt worden war.
Dieses zwölfjährige Exil zeigt unmissverständlich: Catwoman ist eine Charakterfigur, die die Grundprinzipien des Genres – das Dogma, dass Verbrechen zwingend zu sühnen sei – tiefgreifend infrage stellt. Sie wurde verbannt, weil es keine Lösung für die Provokation gab, die sie verkörperte.
Die großartigste Catwoman-Geschichte ist politisch
DC
Ed Brubakers legendärer Catwoman-Run, der 2001 mit Darwyn Cookes Neuinterpretation der Figur begann, gehört zu den reifsten und durchdachtesten Geschichten, die je über Selina Kyle erzählt wurden. Der Grund dafür liegt in einer simplen Entscheidung. Brubaker gab Catwoman ein Zuhause, und nicht irgendeins. Sie kehrt ins East End zurück, in das ärmste Viertel Gothams, und macht es zu ihrem Rückzugsort wie auch zu ihrem Schutzgebiet.
Diese Entscheidung mag auf den ersten Blick rein fiktional erscheinen, doch sie hat eine tief politische Dimension. Während Batman als Wächter über ganz Gotham City erhaben ist, also jener Metropole der Reichen, des mächtigen Finanzsektors und der kulturellen Elite , schlägt Selina ihre Zelte in einem Bezirk auf, der jene beherbergt, die sonst von Batmans Fokus ausgeschlossen bleiben: Sexarbeiterinnen, Obdachlose, Einwanderer und viele andere, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter stehen. Indem sie sich diesen Menschen verpflichtet fühlt und deren Schutz übernimmt, formuliert Catwoman ein stilles, aber kraftvolles Statement über soziale Ungleichheit, Eigentumsverhältnisse und die offensichtlichen Grenzen eines bürgerlichen Heldentums, das sich mehr um teure Juwelen sorgt als um den täglichen Überlebenskampf der Vergessenen und Unsichtbaren.
Brubaker transportierte diese Themen in einer unverwechselbaren Erzählweise, die an die düsteren Tonlagen des klassischen Crime Noir erinnert – schnörkellos und intensiv, aber ohne belehrend zu wirken. Darwyn Cookes Zeichnungen verliehen diesem Ansatz die ästhetische Finesse: mit einer Stilistik, die von den klaren Linien der 1950er-Jahre inspiriert war und doch zugleich eine subtile Dekonstruktion der klassischen Bildsprache vollzog. Gemeinsam schufen Brubaker und Cooke eine Catwoman-Version, die uns deshalb interessiert, weil sie die konkrete soziale Realität berührt.
Die älteste erotische Spannung im Superhelden-Comic
Die Beziehung zwischen Batman und Catwoman gehört zu den längsten und vielschichtigsten romantischen Spannungen im Superhelden-Comic. Seit 1940 umkreisen sie sich gegenseitig mit einer Anziehungskraft, die beide zugleich suchen und auch vermeiden wollen. Es liegt auf der Hand, warum diese Spannung nie vollständig aufgelöst werden kann; gerade deshalb wird sie auch nie langweilig.
Batman & Catwoman, DC
Es ist die unterschiedliche Natur ihrer Überzeugungen, die diese Beziehung so bemerkenswert macht. Batman setzt auf Gesetze und Systeme, um Gotham durch Gerechtigkeit zu verbessern. Selina Kyle hingegen vertraut auf Menschen, individuelle Fälle und die flexible Auffassung von Eigentum in einer ungerechten Welt. Ihre Liebe reicht über diese philosophische Trennlinie hinweg, doch keine der beiden Seiten ist bereit, sie zu überschreiten. Denn das würde bedeuten, ihre Identität aufzugeben.
Batman und Catwoman sind solange ein Paar geblieben, weil beide dasselbe Ziel verfolgen: eine bessere Welt für Gotham. Allerdings sind sie grundsätzlich uneinig über das Aussehen dieser Welt.
Tom Kings Herangehensweise an diese Beziehung in seinem Batman-Zyklus (2016–2019) zählt zu den am meisten ambitionierten Kapiteln dieser Geschichte. King behandelte ihre Verlobung als ernsthaften Erzählstrang und stellte die Frage: Können zwei Liebende zusammenleben, wenn ihre Identitäten die Beziehung an sich unmöglich machen? Die Antwort des Zyklus war, dass die Hochzeit scheiterte, da Batman der Meinung war, nur als gebrochener Mann ein echter Held sein zu können. Diese Lösung war umstritten, doch sie war auch ehrlich.
Newmar, Pfeiffer, Hathaway: drei Interpretationen, eine Figur, viele Facetten
Catwoman hat dank Julie Newmar, Michelle Pfeiffer und Anne Hathaway über die Jahrzehnte hinweg eine bewundernswerte Vielschichtigkeit erhalten. Jede von ihnen hat diesen Charakter in Film und Fernsehen einzigartig verkörpert und dabei vollkommen unterschiedliche Ansätze gewählt. Und doch bleibt eins stets gleich: ihr gemeinsamer Draht zu einer tieferliegenden Wahrheit dieser komplexen Antiheldin.
Julie Newmar setzte 1966 in der kultigen Batman-Serie Maßstäbe, indem sie Catwoman mit einer Mischung aus Ironie, Intellekt und selbstbestimmter Sexualität darstellte. In einer Ära, in der Frauenrollen oft nur dekorativ waren, wirkte ihre Interpretation wie ein Aufbrechen erstarrter Muster. Das war für das prüde US-Fernsehen eine kleine Revolution.
Ein ganz anderes Licht auf die Figur warf Michelle Pfeiffer in Tim Burtons Batman Returns von 1992. Diese Catwoman war durch persönliches Trauma gezeichnet, ihre Transformation in die katzenhafte Heldin ein kraftvoller Bruch mit der Realität. Schon ihr aus Verzweiflung selbstgenähtes Kostüm erzählte eine eigene Geschichte. Dunkel, schmerzvoll und tief verwurzelt in der Ästhetik der Gothic Novel, trat sie weit über die klassischen Grenzen des Superhelden-Comics hinaus. Mit ihrer Darstellung als gebrochene, aber vielschichtige Figur fand Pfeiffer in Burtons düster-poetischer Welt genau den Raum, den sie brauchte, um Catwoman neu zu definieren.
Anne Hathaway schließlich brachte in Christopher Nolans The Dark Knight Rises (2012) einen völlig anderen Ansatz mit. Ihre Selina Kyle war bodenständig und geerdet, ein Produkt sozialer Ungerechtigkeiten und voller Klassenbewusstsein. Ihre Moral war pragmatisch und zielgerichtet, mehr inspiriert durch die sozialkritische Note eines Autors wie Ed Brubaker als durch die Fantastik eines Tim Burton. Es war eine Catwoman ohne Schnörkel, klug und durchtrieben, die genau wusste, wie diese dunkle Welt funktioniert und wer für ihr Chaos verantwortlich ist.
Ob verspielt, tragisch oder hochgradig realistisch, jede dieser Interpretationen hat ihren Teil dazu beigetragen, Catwoman als eine der großartigsten Charaktere des Batman-Universums zu etablieren. Drei Darstellungen, drei Perspektiven, und doch schimmern durch all diese Varianten immer wieder die Essenz und die unverwechselbare Vielschichtigkeit dieser Figur hindurch.
Die Figur, die das Genre herausfordert
Seit nunmehr achtzig Jahren fungiert Catwoman als moralischer Gegenpol im Batman-Universum. Sie ist jene Figur, deren bloße Existenz die grundlegenden Annahmen des Genres hinterfragt, das auf der Vorstellung basiert, es gäbe eine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse. Ebenso wird vorausgesetzt, dass die Ordnung, für die sie kämpfen, grundsätzlich erstrebenswert ist. Catwoman jedoch stellt all dies in Frage. Sie nimmt von den Reichen, die ihren Wohlstand meist auf fragwürdige Weise erlangt haben. Sie schützt diejenigen, die vom System übersehen oder benachteiligt werden. Und sie liebt einen Mann, der die bestehende Ordnung repräsentiert, lehnt es jedoch ab, diese Ordnung auch für sich selbst zu akzeptieren.
Genau das macht sie zur bedeutendsten Nebenfigur in Batmans Welt und – in ihren schillerndsten Momenten – sogar zu einer noch besseren Protagonistin. Während Batman von Anfang an fest in seiner Identität verankert ist, steht Selina Kyle bei jeder neuen Geschichte erneut vor existenziellen Fragen: Wer bin ich? Nach wessen Regeln handle ich? Diese Fragen bleiben unbeantwortet und sollen es auch bleiben. Eine Catwoman, die eine endgültige Antwort findet, wäre schlicht keine Catwoman mehr.
Die Diebin, die nie gefasst wurde
Selina Kyle entkam erstmals im Jahr 1940 und seitdem konnte sie jedem Versuch, sie auf ein festgelegtes Bild zu reduzieren, geschickt entwischen. Sie ist eine Meisterin der Subversion und entzieht sich hartnäckig jeder Erzählung, die versucht, ihr eine eindeutige Identität aufzudrängen. Das ist ihre wahre Superkraft. Es sind weder die Peitsche noch ihre akrobatischen Fähigkeiten oder ihr Talent als Diebin. Es ist ihre unvergleichliche Fähigkeit, keine greifbare Form anzunehmen, sich einer festen Definition zu entziehen.
Bill Finger, der vermutlich der kreative Kopf hinter der Figur war, hätte diese Charaktereigenschaft womöglich verstanden. Selina ist die Verkörperung des Widerstands gegen ein System, das sie vereinnahmen möchte.
Gotham mag Batman brauchen. Aber jede gute Geschichte braucht Catwoman. Denn ohne sie würde Batman niemals wirklich begreifen, welchen inneren und äußeren Kampf er eigentlich führt.
Eine Tochter sucht ihren Vater und findet sich selbst
Zatanna gilt als eine kleine Sensation, und das aus gutem Grund. Ihr Erfolg beruht auf einem originellen erzählerischen Kniff, den Autor Gardner Fox 1964 in Hawkman #4 einsetzte. Ihr Debüt markierte den Auftakt einer mehrteiligen Suche, die sie quer durch das gesamte DC-Universum führte und sich über mehrere Serien und Ausgaben erstreckte. Für die damalige Zeit war das eine bahnbrechende Idee. Obwohl es bereits Crossover gab, war die Vorstellung, dass ein Charakter gezielt in anderen Comics auftauchte, um jemanden zu suchen, eine mutige Innovation, die das Genre der Superhelden-Comics auf eine neue Ebene hob.
Aber wen suchte Zatanna? Nun, ihren Vater, Giovanni Zatara, der bereits eine Ikone im DC-Universum war. Dieser Bühnenmagier, der jedoch echte magische Kräfte besaß, war seit den späten 1930er Jahren ein fester Bestandteil der Comics, war jedoch spurlos verschwunden. Zatanna begab sich auf eine abenteuerliche Reise, zog von Heft zu Heft und wandte sich an verschiedene Helden wie Batman, Atom, Green Lantern und Elastoman, um Unterstützung zu erhalten. Schließlich fand sie ihren Vater 1967 in Justice League of America #51 wieder. Dieser Moment war zugleich der Höhepunkt ihrer Eingliederung in die Gemeinschaft der DC-Helden, aber das Ende ihrer Suche war es nicht.
Die Art und Weise dieser groß angelegten Suche prägte ihre Figur von Anfang an. Zatanna wurde als jemand vorgestellt, der vor keiner Herausforderung zurückschreckt und keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, das zu finden, was für sie von Bedeutung ist.
Familiengeschichte
Giovanni Zatara trat erstmals 1938 in Action Comics #1 auf, demselben Heft, in dem auch Superman sein Debüt feierte. Dadurch ist Zatanna die Tochter einer Figur, die wortwörtlich am selben Tag wie Superman ihren ersten Auftritt in der Welt der Comics hatte. Diese Verbindung gibt ihr eine besondere Bedeutung im Stammbaum des DC-Universums, da sie eng mit dessen Ursprüngen verknüpft ist.
Ein Erbe aus dem Goldenen Zeitalter
Gardner Fox
Einer der produktivsten und einflussreichsten Comicautoren des Goldenen Zeitalters. Fox erfand den Flash (Jay Garrick), Hawkman, den Sandman Wesley Bernard (nicht zu verwechseln mit der Marvel-Figur) und das Konzept des Multiversums. Zatanna war eine seiner letzten großen Schöpfungen, ein letztes Aufleuchten des mythologisch denkenden Autors kurz vor dem Ende seiner aktiven DC-Karriere.
Murphy Anderson
Anderson gab Zatanna ihr ikonisches visuelles Grundkonzept: das Kostüm der Bühnenmagierin, samt Frack und Zylinder. Eine Entscheidung von großer Klugheit, denn sie verankerte die Figur sofort in einer Welt des Theaters und der Illusion.
Gardner Fox gilt als eine der tragischen Gestalten der Comicgeschichte. Über die Jahre verfasste er Hunderte von Comics für DC, erschuf Charaktere, die heute enorme Werte in Milliardenhöhe repräsentieren, und erhielt dafür weder eine angemessene Entlohnung noch Ansprüche auf eine Rente. Als DC in den 1960er-Jahren damit begann, erfahrene Veteranen schrittweise durch neue Talente zu ersetzen, war Fox einer der ersten, die das Unternehmen verlassen mussten. Zatanna war sein letztes Vermächtnis, eine Figur, die er bis ins Detail ausgearbeitet zurückließ.
Murphy Andersons visuelles Konzept für Zatanna zeigte eine beeindruckende Beständigkeit. Der Frack und der Zylinder entwickelten sich zum unverkennbaren Markenzeichen der Figur. Selbst wenn spätere Autoren Anpassungen an ihrem Kostüm vornahmen, fiel man immer wieder auf diesen ikonischen Look zurück. Er ist nicht nur überaus auffällig und ästhetisch, sondern vermittelt auch eine starke Botschaft: Diese Frau ist eine Künstlerin, die weiß, dass Magie und Theater untrennbar miteinander verbunden sind. Sie weigert sich, so zu tun, als ob das Übernatürliche unsichtbar wäre.
Sdrow detrevni – eine Grammatik der Macht
Zatanna nutzt eine einzigartige Form der Magie: Sie spricht rückwärts. Dies ist das zentrale Merkmal, das sie auszeichnet. Ein einfaches „Erif“ lässt Flammen entstehen (Fire). „Etaerc a llaw“ (Create a Wall) zieht eine Mauer hoch. Ihre umgekehrte Sprache dient ihr als magischer Zauberstab, ein Artefakt, mit dem sie ihre Macht manifestiert. Ähnlich wie bei Etrigans Vorliebe für gereimte Sprache lohnt es sich auch hier, diese eigenwillige Fähigkeit als ein konzeptionelles Ausdrucksmittel zu betrachten.
Rückwärts zu sprechen verwirrt das gewohnte Verständnis von Sprache, indem es die Ordnung der Buchstaben und Laute umkehrt. Es ist wie ein kleines Experiment mit den Bausteinen unserer Realität: Alles bleibt gleich, aber die Reihenfolge wird auf den Kopf gestellt. Genau dieses Konzept liegt der westlichen Idee von Magie zugrunde und ist weniger ein Bruch der Naturgesetze, sondern ein Perspektivwechsel, der die Wirklichkeit aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zeigt. Zatanna verkörpert dieses Prinzip perfekt. Sie ist einerseits eine Magierin im klassischen Sinn, aber auch eine Sprachkünstlerin, die das Unmögliche in Worte fasst.
Diese Mechanik zeigt, dass Sprache nur aus Konventionen besteht. Wenn Zatanna ein einfaches „Erif!“ ausruft und plötzlich Flammen in Erscheinung treten, erinnert uns das daran, dass Worte nur dann Bedeutung haben, wenn wir ihnen diese zuschreiben. Dreht man sie um, verändert sich ihr Gehalt – die Magie liegt also nicht in den Wörtern selbst, sondern in unserer Wahrnehmung. Natürlich war diese tiefergehende Idee vermutlich nicht das Hauptziel von Zatannas Erfindern im Jahr 1964. Aber die besten Köpfe, die später an ihrer Geschichte arbeiteten, nutzten diese Konzepttiefe kunstvoll aus..
Giovanni Zatara – Schatten und Fundament
Ein Essay über Zatanna kommt nicht ohne eine Auseinandersetzung mit der Figur ihres Vaters aus, denn Giovanni Zatara bildet das zentrale Fundament für ihre Charakterisierung. Als Magier des Goldenen Zeitalters verkörperte Zatara pure Macht und moralische Reinheit. Mit seinen rückwärts gesprochenen Zaubersprüchen besiegte er Schurken und strahlte die nahezu makellose Tugend einer Zeit aus, in der Helden noch als frei von inneren Konflikten dargestellt wurden.
Zatanna ist in jeder Hinsicht die Tochter ihres Vaters; sie hat seine magischen Fähigkeiten, seinen Stil und seine Bühnenpräsenz geerbt. Doch im Gegensatz zu ihm gehört sie einer Ära an, die von ihren Figuren mehr verlangt als nur noble Gesten. Die stärksten Erzählungen über Zatanna sind jene, die ihren Vater nicht nostalgisch verherrlichen. Stattdessen stellen sie grundlegende Fragen: Wie fühlt es sich an, in den Fußstapfen eines Menschen zu stehen, dessen Moralverständnis einfacher war als das eigene? Und was tut man, wenn man das Vermächtnis einer Person zwar liebt, es aber dennoch als unzureichend empfindet?
Mit Zataras Tod in Alan Moores Swamp Thing #50 wurde diesen Fragen eine greifbare Dringlichkeit verliehen. Während einer Seance verlor Zatanna ihren Vater, als eine Attacke finsterer Mächte ursprünglich auf sie abzielte. Zatara jedoch nahm den Fluch auf sich, um seine Tochter zu schützen. Seitdem begleitet sie die Abwesenheit ihres Vaters wie ein unsichtbarer Schatten, der sie fortwährend prägt.
Im Jahr 2004 rüttelte Brad Meltzers Identity Crisis das DC-Universum auf eine Weise durch, die bis heute nachhallt. Zatanna stand dabei im Mittelpunkt eines der moralisch brisantesten Momente dieser Geschichte. Es kam ans Licht, dass die Justice League in der Vergangenheit wiederholt magische Eingriffe genutzt hatte, um das Gedächtnis von Schurken zu löschen und damit ihre geheimen Identitäten zu schützen. Diejenige, die diese heikle Aufgabe ausführte, war Zatanna. Doch der wahre Schock folgte später. Sie hatte dasselbe auch bei Batman getan, ohne sein Wissen und ohne seine Zustimmung.
Dieser Moment markiert eine seltene Episode von wirklicher moralischer Schwere in der Comic-Geschichte, bei der es keine einfache Antwort gibt. Zatanna handelte aus Sorge um das Wohl der Gruppe, die Sicherheit der Helden und ihre Lebensgrundlagen. Doch dabei überschritt sie eine entscheidende Grenze, die in einer Welt voller grenzenloser Kräfte von fundamentaler Bedeutung ist. Diese Grenze zieht die Linie zwischen Fürsorge und Manipulation, zwischen Schutz und Bevormundung.
Durch Identity Crisis entwickelte sich Zatanna weiter: Von einer bis dahin makellosen Heldin wurde sie zu einer Charakterfigur mit Ecken und Kanten, deren Handlungen nicht mehr frei von Schuld waren. Dieser Wandel leitet ihre Reifung ein und verleiht ihrer Geschichte neue Tiefe.
Seit diesem Vorfall hegt Batman ein tiefes Misstrauen ihr gegenüber – ein Thema, das in späteren Erzählungen wiederholt aufgegriffen wird. Solche Konsequenzen schaffen die Grundlage für spannende Geschichten, wie beispielsweise in Paul Dinis Solo-Serie von 2010–2011. Dort wurde gezeigt, wie Zatanna gelernt hat, mit der Last ihrer Entscheidungen zu leben, auch wenn diese von anderen nicht immer sofort verstanden wurden.
Der Autor, der sie wirklich verstand
Paul Dini
Paul Dini nimmt in der Geschichte von Zatanna eine Rolle ein, die vergleichbar ist mit Neil Gaiman für Poison Ivy oder Alan Moore für Etrigan. Er ist der Autor, der das volle Potenzial der Figur erkannt und ausgeschöpft hat. Seine Beziehung zu Zatanna wird dabei von einer spürbaren persönlichen Wärme getragen, die in Comics nur selten so intensiv zum Ausdruck kommt. In Interviews hat Dini offen erklärt, dass Zatanna schon seit seiner Kindheit zu seinen Lieblingsfiguren zählt.
In ihrer Soloserie von 2010 porträtierte Dini Zatanna als vielschichtigen Charakter: Als Bühnenkünstlerin widmet sie sich ihren Zaubershows mit Ernsthaftigkeit. Als Tochter setzt sie sich mit ihrer nicht abgeschlossenen Beziehung zu ihrem Vater auseinander. Als Magierin bekämpft sie in San Francisco lokale mystische Bedrohungen, und als Freundin zeigt sie sich als Mensch mit Fehlern, verborgen hinter der schillernden Fassade ihres Fracks. Auf den ersten Blick erscheint dieses Konzept für eine Figur mit nahezu grenzenlosen Möglichkeiten überraschend bodenständig. Doch auf den zweiten Blick wird klar, dass genau dieser Ansatz unverzichtbar ist. Zatanna bleibt spannend, indem sie in ihrer Erdung fest verankert bleibt.
Anekdote
Im Jahr 2007 heiratete Dini die Zauberkünstlerin Misty Lee, die seitdem als Synchronsprecherin von Zatanna in zahlreichen Animationsserien und Videospielen tätig ist. Diese Verbindung aus realem Leben und fiktiver Welt lässt die Grenzen zwischen Autor, Figur und Wirklichkeit verschwimmen. Man könnte es als charmantes Detail oder als spannende Reflexion deuten. Misty Lees Stimme verleiht Zatanna eine warme, präzise und zugleich leicht selbstironische Note – genau der richtige Klang, um die Essenz der Figur einzufangen.
Theater, Femininität und die Würde der Unterhaltung
Zatanna nimmt im Superhelden-Genre eine besondere Stellung ein, da sie die einzige namhafte Heldin ist, die ihre Identität als Bühnenkünstlerin in den Mittelpunkt stellt. Während die meisten Helden ihre herausragenden Fähigkeiten hinter einer unauffälligen Fassade des Alltags verbergen, macht Zatanna das Außergewöhnliche zur öffentlichen Schau. Sie vereint die Rollen einer Entertainerin und einer Retterin und demonstriert, dass diese beiden Aspekte nicht zwingend im Widerspruch zueinander stehen müssen, auch wenn das Genre selbst lange gebraucht hat, um dies anzuerkennen.
Ihr charakteristisches Erscheinungsbild mit Frack und Zylinder verkörpert in diesem Sinne ein stilles, unbewusstes politisches Statement. Diese Kleidung symbolisiert die Verbindung von Magie und Kunst und verdeutlicht, dass auch Kunst ernst genommen werden sollte. Wer auf hohem Niveau unterhält, leistet einen essenziellen Beitrag. In einem Genre, das traditionell eher physische Kraft und Gewalt betont als Eleganz und Sprache, stellt Zatannas Auftreten eine leise, aber wirkungsvolle Subversion dar.
Ihre Rolle innerhalb der Justice League Dark – zusammen mit Figuren wie Wonder Woman, John Constantine, Swamp Thing, Detective Chimp, Deadman und anderen aus der magischen Ecke des Universums – zeigt, dass sie am besten in einem Ensemble aufgehoben ist, das die düsteren, übernatürlichen Bereiche der Superheldenwelt erforscht. Dort befasst man sich mit Kräften jenseits menschlicher Kontrolle. In dieser Gruppe ist sie weder die mächtigste noch die erfahrenste, doch oft erweist sie sich als die bodenständigste und vernünftigste. Ihre besondere Stärke liegt in ihrer Fähigkeit, sowohl eine tiefe Verbindung zur menschlichen als auch zur mystischen Seite zu halten.
Der Vorhang fällt und hebt sich wieder
Zatanna ist eine Figur, die sechs Jahrzehnte gebraucht hat, um ihre ganze Strahlkraft zu entfalten. Mit einer Eleganz, die eng mit ihrem Wesen verbunden ist, hat sie diesen Werdegang durchlebt. Vom Crossover-Gimmick des Silbernen Zeitalters zur vielschichtigen, moralisch herausfordernden Zauberin des modernen DC-Universums – ihre Entwicklung mag nicht linear verlaufen sein, doch der Weg ging stets bergauf.
Was sie in der ersten Reihe der DC-Charaktere hält, ist weniger ihre bloße Stärke als vielmehr ihr Umgang mit Macht. Sie ist mächtig genug, um sich den schwierigen Fragen zu stellen: Wie nutzt man Magie und überschreitet dabei Grenzen, ohne selbst grenzenlos zu werden? Wie schützt man das, was einem wichtig ist, ohne es zu dominieren? Und wie macht man aus einem geerbten Vermächtnis ein eigenes Leben?
Bereits 1964 ließ Gardner Fox diese Fragen anklingen, als er eine Tochter auf die Suche nach ihrem Vater schickte. Diese Suche dauert an, doch inzwischen weiß Zatanna, dass die größte Entdeckung sie selbst ist.
Etrigan istJack Kirbys düsterstes Vermächtnis und ein seltsamer Schatz im DC-Universum
Ein König, ein Zauberer und eine ewige Bürde
Es gibt Momente in der Geschichte der Comics, die sich rückblickend wie Naturgewalten anfühlen – künstlerische Schöpfungen, bei denen ein einzelner Autor eine neuartige und so fremdartige Idee zum Leben erweckt, dass das Medium danach nicht mehr ganz dasselbe war. Die Erschaffung von Etrigan durch Jack Kirby im Jahr 1972 ist einer dieser seltenen Augenblicke. Und doch bleibt diese Meisterleistung heute überraschend wenig gewürdigt.
Die Prämisse ist so schlicht wie gewagt: In der letzten Nacht von Camelot, als König Artus‘ Reich im Chaos von Feuer und Verrat unterging, verschmolz der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan mit einem menschlichen Ritter namens Jason Blood. Dies war eine Strafe und zugleich ein Schutz – eine ambivalente Verbindung aus Fluch und Gabe. Ob dies Merlins wahre Absicht war, bleibt absichtlich unklar. Seit jenem Moment wandelt Jason Blood als unsterblicher Zeuge des Verfalls menschlicher Zivilisation durch die Jahrhunderte, belastet mit dem Wissen um die Vergänglichkeit der Welt. Gleichzeitig birgt er die Macht, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimform spricht und die Mächte des Bösen mit einer Begeisterung bekämpft, die nicht weniger erschreckend wirkt als das Übel selbst.
Ursprung
Jack Kirby ließ sich bei der Entwicklung von Etrigan von mittelalterlicher Dämonologie, der Faust-Sage sowie seiner persönlichen Faszination für das Konzept des „edlen Wilden“ inspirieren, einer Figur, die moralische Komplexität weniger durch Vernunft als durch Instinkt erfährt. Der Kontext von Camelot diente stets als thematisches Fundament der Figur: Etrigan ist ein Überbleibsel einer einst glorreichen, mythischen Ära, die ihrer eigenen Größe nicht standhalten konnte.
Jack Kirby: Autor, Zeichner, Visionär
Als Miterfinder ikonischer Figuren wie Captain America, den Fantastic Four, den X-Men, den New Gods, Darkseid, Thor und unzähligen weiteren Charakteren hat Jack Kirby unauslöschliche Spuren in der Welt der Comics hinterlassen. Bereits 1972, als er Etrigan ins Leben rief, galt er als lebende Legende. Gleichzeitig war er jedoch ein Mann, der tief enttäuscht von Marvel zu DC wechselte, um dort die Chance auf absolute kreative Freiheit zu ergreifen.
Die DC-Phase im Kontext
Kirbys Jahre bei DC (1970–1975) markieren das wohl eigensinnigste und ambitionierteste Kapitel seiner Karriere. In dieser Zeit entstanden nicht nur Etrigan und die Fourth World-Saga, sondern auch Werke wie OMAC und Kamandi. Diese Serien waren kommerziell nur bedingt erfolgreich, überforderten jedoch konzeptionell die damaligen Möglichkeiten des Mediums und setzten neue kreative Maßstäbe.
Um Etrigan wirklich zu verstehen, muss man zunächst Jack Kirby verstehen. Eine Aufgabe, die alles andere als leicht ist. Jacob Kurtzberg, der sich Jack Kirby nannte, stammte aus der jüdischen Einwanderergemeinschaft der Lower East Side. Für ihn waren Comics ein Medium, um moderne Mythen zu erschaffen. Gemeinsam mit Joe Simon schuf er in den 1940ern Captain America und damit ein kulturelles Symbol, dessen Bedeutung weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus bis in die Gegenwart reicht. In den 1960ern baute er zusammen mit Stan Lee das Marvel-Universum auf, das die Popkultur nachhaltig prägen sollte. Doch trotz seiner revolutionären Leistungen blieben ihm sowohl die Rechte an seinen Figuren als auch die verdiente Anerkennung weitgehend verwehrt.
Als Kirby 1970 zu DC wechselte, trieb ihn ein beinahe unstillbarer kreativer Hunger an. Sein Ziel war es, etwas zu schaffen, das zumindest ideell ganz ihm gehörte. Die Fourth World-Saga, mit zentralen Figuren wie Darkseid, Orion und New Genesis, war der Ausdruck dieses Strebens: ein kosmisches Epos, das den ewigen Konflikt zwischen Freiheit und totaler Kontrolle thematisiert. Etrigan hingegen entstammt einer anderen Facette seines Schaffens; er ist das dunklere und intimere Pendant dieser Mythologie. Weniger kosmisch in seinem Auftreten, dafür tief verwurzelt in den Abgründen der menschlichen Seele.
Kirby entwarf Etrigan in einer Phase seines Lebens, in der er zwei scheinbar widersprüchliche Identitäten vereinte. Er war sowohl der unangefochten mächtigste Comickünstler seiner Zeit als auch ein Mann, der die innere Zerrissenheit einer Bestie kannte, und die schien nie das richtige Gefäß zu finden.
Warum spricht der Dämon in Versen?
Es ist eines der markantesten und zugleich meistdiskutierten Merkmale der Figur. Dabei war dies ursprünglich in Kirbys Konzept gar nicht vorgesehen: Der Etrigan des Jahres 1972 sprach noch ganz ohne Reime. Wie andere Schurken in Comics äußerte er sich in großspuriger Prosa. Erst Alan Moore brachte 1984 in seiner Interpretation der Figur in Swamp Thing die revolutionäre Idee ein, Etrigan in Jamben und Reimen reden zu lassen.
Moore erkannte das ästhetische Potenzial, das in der mittelalterlichen Herkunft der Figur schlummerte und von der Originalserie ungenutzt geblieben war. In der Tradition englischer mittelalterlicher Dichtung – von Beowulf bis hin zu den Mysterienspielen des 14. Jahrhunderts – sprachen Dämonen und übernatürliche Wesen oft in gebundener Sprache. Dies diente sowohl dazu, ihre Andersartigkeit zu unterstreichen, als auch, weil Magie und Versform traditionell eng miteinander verbunden galten. Als Autor und zugleich literarisch versierter Denker griff Moore diese Tradition auf und legte sie Etrigan in den Mund.
Sprachstil · Etrigan
Gone, gone the form of man, Rise the demon Etrigan!
Die zwei Zeilen, die Jason Blood zur Beschwörung verwendet, gehören zu den ikonischsten Versen in der Geschichte der Comics. Sie besitzen eine Qualität, die nur wenigen Schlagworten gelingt. Sie wirken wie eine Liturgie, ein Gebet, das jedoch in die falsche Richtung flüstert. In den späten 1980er-Jahren verfeinerte Matt Wagner die Figur in seiner preisgekrönten Miniserie The Demon und hob Etrigans gereimtes Sprechen zu einem wahrhaft literarischen Werkzeug. Wenn der Dämon spricht, hat man die Szene schon bildlich vor Augen, noch bevor man das erste Wort gelesen hat.
Wonder Woman spiegelt die Ängste, Sehnsüchte und feministischen Hoffnungen Amerikas wider. Eine ikonische Figur, erschaffen von einem Mann, der mit zwei Frauen zusammenlebte, ausgestattet mit einem Lasso und einer tief verwurzelten Überzeugung.
Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.
Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.
Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics, dem Vorläufer von DC. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.
Marstons ungewöhnliches Privatleben
William Moulton Marston lebte in einer offenen Dreiecksbeziehung mit seiner Ehefrau Elizabeth Holloway Marston und der Psychologie-Studentin Olive Byrne, der Nichte der Frauenrechtlerin Margaret Sanger. Beide Frauen hatten Kinder mit ihm. Elizabeth und Olive lebten nach Marstons Tod 1947 noch jahrzehntelang zusammen. Beide inspirierten Wonder Woman maßgeblich: Elizabeth durch Intelligenz und Stärke, Olive durch ihre Armbänder, die der Figur als Vorbild für die legendären „Bracelets of Submission“ dienten.
Marston war alles andere als ein gewöhnlicher Autor. Er hatte eine dezidierte pädagogische und nehezumessianische Überzeugung. Seiner Meinung nach würde die Welt in etwa tausend Jahren von Frauen regiert werden, was er als das Beste betrachtete, was ihr passieren könnte. Frauen verbänden laut seiner Theorie Stärke mit Liebe und Mitgefühl auf eine Art, die Männern schlicht nicht möglich sei. Wonder Woman war für ihn der literarische Beweis dieser Idee, die inzwischen zunehmend an Gewicht gewinnt.
Die seltsamste Ursprungsgeschichte des Goldenen Zeitalters
Die Figur besitzt eine selbst für Comic-Verhältnisse außergewöhnlich komplexe Herkunftsgeschichte. Diana ist die Prinzessin der Amazonen auf Paradise Island (Themyscira), einer verborgenen Insel, die von Frauen bewohnt wird. Sie haben sich aus der von Männern dominierten Welt zurückgezogen, um in Frieden und Selbständigkeit zu leben. Ihre Mutter Hippolyta formte sie ursprünglich aus Ton, und die Götter hauchten ihr Leben ein. Zumindest in der Ursprungsversion. Spätere Neuinterpretationen, insbesondere die in den 1980er-Jahren von George Pérez geschaffene und mittlerweile weitgehend kanonische Version, legten jedoch Zeus als ihren Vater fest. Dies verlieh der Geschichte zwar mehr Dramatik, entfernte sie aber zugleich von ihrem ursprünglichen subversiven Ansatz.
Die Handlung nimmt Fahrt auf, als der amerikanische Pilot Steve Trevor auf Paradise Island abstürzt und gerettet werden muss. Um ihn sicher in die Welt der Menschen zurückzubringen und den Alliierten im Zweiten Weltkrieg beizustehen, verlässt Diana ihre Heimat. Dabei nimmt sie die Tarnidentität der Krankenschwester Diana Prince an – eine Rolle, deren Alltäglichkeit im Kontrast zu ihrem auffälligen Sternenbanner-Outfit beinahe humorvoll wirkt.
In den frühen Comics entwickelte William Moulton Marston anschließend ein freudianisch aufgeladenes Universum, das von Symbolik rund um Fesselung, Unterwerfung und psychologische Machtkämpfe durchzogen war. Kaum eine Ausgabe kam ohne Szenen aus, in denen Figuren – oft Wonder Woman selbst – gefesselt, angekettet oder anderweitig in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren. Der Zeichner H. G. Peter setzte diese Szenen mit einer Präzision um, bei der modernen Lesern schwindelig wird. Sowohl der Herausgeber von DC Comics, Sheldon Mayer, als auch die Branchen-Ethikkommission waren wiederholt alarmiert. Marston erklärte ihnen geduldig wie kleinen Kindern, dass all dies alles symbolisch gemeint sei, eine Metapher für die psychologische Befreiung von emotionalen Zwängen.
Ob ihm dies tatsächlich abgenommen wurde, bleibt ungewiss. Die Historikerin Jill Lepore, die 2014 die richtungsweisende Biografie The Secret History of Wonder Woman veröffentlichte, kommt zu dem Schluss, dass Marstons spezifische Vorlieben und seine feministische Ideologie untrennbar miteinander verknüpft waren. Eines ohne das andere zu verstehen sei schlichtweg unmöglich.
Das Lasso der Wahrheit
Die bekannteste Erfindung von Marston war der Lügendetektor, was die Entstehung von Wonder Womans Lasso der Wahrheit keine reine Zufälligkeit sein lässt. Das „Lasso der Wahrheit“ zwingt jeden, der darin gefangen ist, zur Ehrlichkeit – eine direkte Verbindung zwischen Marstons wissenschaftlicher Leidenschaft und der fantastischen Welt der Comicfigur. Ursprünglich wurde das goldene Lasso aus dem Gürtel der Göttin Gaia geschmiedet, was es unzerstörbar machte.
Nach Marstons Tod: Jahre des Vergessens und der Wiederentdeckung
Als Marston 1947 an Krebs verstarb, verlor Wonder Woman nicht nur ihren wichtigsten Fürsprecher, sondern auch die prägnanten Merkmale, die sie auszeichneten. Der Autor Robert Kanigher übernahm die Geschichten und verwandelte sie in eine romantisierte Heldin, deren größter Wunsch es war, Steve Trevor zu heiraten. Ihre Abenteuer wurden alltäglicher und weniger ambitioniert – das Feuer des Goldenen Zeitalters war erloschen.
Wonder Woman auf der Titelseite
Die 1960er-Jahre brachten für Wonder Woman eine ganz eigene Identitätskrise mit sich. Im Zuge der umfassenden Neuausrichtung vieler DC-Charaktere verlor die Amazonenprinzessin ihre übermenschlichen Kräfte – und, man mag es kaum glauben, wurde zur Betreiberin einer Modeboutique. Was als ein moderner, zeitgemäßer Emma-Peel-Moment für das Silberne Zeitalter gedacht war, entwickelte sich zu einem der größten Irrwege in der Geschichte des Comics. Der Schock war groß, besonders bei Feministinnen wie Gloria Steinem. So groß, dass sie 1972 keine geringeren Maßnahmen ergriff, als Wonder Woman im ikonischen Originalkostüm auf das Cover der allerersten Ausgabe des Ms. Magazine zu setzen. Mit dieser symbolischen Geste sollte die Superheldin rehabilitiert werden: eine deutliche Botschaft, dass sie zur feministischen Bewegung gehört und nicht in eine Boutique.
Die wahre Rettung von Diana Prince folgte jedoch erst 1987, durch die geniale Neuinterpretation von George Pérez nach Crisis on Infinite Earths. Pérez hauchte der Figur neues Leben ein, indem er sie tief in der griechischen Mythologie verwurzelte und ihr mit Themyscira – dem überarbeiteten Paradise Island – eine faszinierende politische und kulturelle Identität gab. Gleichzeitig verlieh er Wonder Woman eine Würde und Tiefe, wie sie seit den Tagen ihres Schöpfers William Moulton Marston nicht mehr gesehen worden waren. Zum ersten Mal in Jahrzehnten folgte die Serie einer durchdachten künstlerischen Vision, die sich nicht für ihre Protagonistin rechtfertigen musste.
Im Verlauf der folgenden Jahre gab es weitere bemerkenswerte Phasen: die eleganten Zeichnungen von Phil Jimenez in den frühen 2000ern, Greg Ruckas kluge und packende politische Geschichten oder Gail Simones emotionaler Scharfsinn. Diese kreativen Meilensteine zeigten immer wieder, wofür Wonder Woman steht: für Stärke durch Mitgefühl, nicht anstelle davon. Dies bleibt das Herzstück von Marstons Vermächtnis, unabhängig davon, wie man zu den Eigenheiten seines Lebens stehen mag.
Was die Figur wirklich besonders macht
Man könnte denken, Wonder Woman sei lediglich die weibliche Entsprechung zu Superman oder Batman. Doch das ist ein hartnäckiges Missverständnis. Superman verkörpert den Immigranten, der Amerika liebt. Batman ist der traumatisierte Milliardär, der die Dunkelheit mit seiner eigenen Dunkelheit bekämpft. Wonder Woman hingegen stammt aus einer fremden Kultur, die sie für überlegen hält, und dennoch entscheidet sie sich freiwillig, der Menschheit zu helfen.
Gerade das macht sie aus einer philosophischen Perspektive spannender als viele ihrer Kollegen. Sie ist keine gebrochene Figur, die durch heldenhafte Taten nach Heilung sucht. Ihre Motivation entspringt der Stärke und Unversehrtheit. Anstelle mit Zorn und Gewalt vorzugehen, nutzt sie ihr Lasso der Wahrheit. Sie tötet nur im äußersten Notfall, und selbst dann trägt sie die moralische Bürde dieser Entscheidung sichtbar mit sich.
Die Armbänder, die sie trägt – im Original „Bracelets of Submission“ – gehören zu den denkwürdigsten Symbolen der Comicwelt. Ursprünglich von den Göttern auferlegt, dienen sie den Amazonen als Mahnmal ihrer früheren Versklavung. Gleichzeitig sind sie eine unzerstörbare Schutzwaffe. In manchen Erzählungen verliert Wonder Woman ihre Selbstkontrolle, wenn sie die Armbänder ablegt, und wird unberechenbar. Freiheit ohne Begrenzung wird dann zur Gefahr, was eine ganz andere Art von Gefangenschaft ist. Marstons psychologischer Hintergrund zeigt sich deutlich in solchen Details.
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