Dass ausgerechnet heute um 4 Uhr in der Früh nicht etwa der Wecker anbimmelte, sondern die Blase, und ich danach nicht mehr in den Schlaf finden konnte, weil die Helligkeit schon spürbar in den Raum drang und noch immer keine Vogelstimmen zu hören waren, veranlasste auch die erwachte Albera, mit mir zusammen nach dem frühen Wurm zu suchen. Die Krähen tauchten dann doch auf, und in Kempten gibt es davon die größte Population ganz Deutschlands.
Die „Seltsame Geschichte“
Wir hören in letzter Zeit viel über die steigende Popularität der Weird Fiction.(Anm. Ich behalte hier die Originalbezeichnung bei, weil der Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung nicht ins Deutsche übertragen werden kann, ohne fälschlich behandelt zu werden. Die häufigen und gebräuchlichen Übersetzungsfehler „Literatur der Angst“, „Unheimliche Literatur“ usw. führen hierbei nur in eine Sackgasse.)
Wie viel oder wie wenig dieses neue Aufkommen mit der New Weird-Bewegung von vor einigen Jahren zu tun hat, überlasse ich den Diskussionen der Gelehrten. Über kurz oder lang kann man sagen, dass uns alle paar Jahre ein neues Konzept als das neue große Ding der Horrorliteratur präsentiert wird, und im Moment ist es ein Stamm unheimlicher Erzählungen, die ihre Inspiration hauptsächlich (wenn auch nicht immer offensichtlich) von Lovecraft, aber auch von Chambers, Howard, Ligotti und so weiter beziehen. Sie wird mit anderen Genres kombiniert, verdünnt und in verschiedenen Formen verzerrt, aber am Ende des Tages, im Hier und Jetzt, ist die „Weird Fiction“ König.
Das leere Bett
In einem Film von David Lynch, den jeder hasst außer mir – Twin Peaks: Fire Walk With Me – gibt es einen der verstörendsten Momente des ganzen Horrorfilm-Genres (in Cannes buhte das Publikum bei der Premiere den Film aus, aber was wissen die schon). Für sich selbst genommen ist der Film nicht nur ein unterschätztes Juwel über die letzten tragischen Tage einer jungen Frau, sondern auch einer der furchterregendsten Filme der 90er Jahre. Ohne den schrulligen Humor der Serie betrachtet ist er ein geradlinig erzählter Alptraum, in dem alle gesunden Facetten des kleinbürgerlichen Amerikas durch und durch dunkel und verrottet sind.
Das Gelächter des Teufels
Wenn es den Teufel wirklich gibt, dann lauert er weder in dunklen Ecken, noch lauert er den Unvorsichtigen auf, noch heckt er unvorstellbar böse Pläne aus. Wenn es den Teufel wirklich gibt, dann lacht er. Er bietet ein pikantes Geheimnis an und wartet nicht darauf, ob Sie in Versuchung geraten, sondern will wissen wie sehr. Er will sehen, ob dies die eine Versuchung ist, die sich schließlich als unwiderstehlich erweist. Was auch immer nötig ist, damit Sie der Versuchung nachgeben, was auch immer den Wendepunkt markiert – das ist der Teufel.
Den Horror nach Hause bringen
Vergiss die Blutflecken auf dem Flur zum zweiten Schlafzimmer – das war nur ein Mythos, erfunden von meinem sadistischen Onkel, um mich und meine Schwester mit schlaflosen Nächten zu peinigen. Niemand ist je in diesem Schlafzimmer gestorben, ganz egal, was er behauptete. Nein, der wirkliche Spuk hat seine Wurzeln tiefer in dieser Geschichte, eine wahre Geschichte, die auf das Jahr 1912 zurückzuführen ist, ein Datum, das in den aufwändigen Eisenklopfer an der Tür geätzt ist.
Meine Eltern hatten das Haus von Mr. Davis gekauft – ich kannte seinen Vornamen nicht – und Mr. Davis hatte es von Mr. Armstrong, der es gebaut hatte, quadratisch, kalt und stark, mit kunstvollen Stuckdecken und glänzenden Eichenholzarbeiten, wie man sie heute in keinem Haus mehr haben will.
Das Scheitern der Furcht
Die Protagonisten sind weder angehende Hollywood-Größen noch durch Gymnastik gestählte Körper, die im Film in unterschiedlichen Phasen der Nacktheit gezeigt werden: es sind alltägliche Leute, die den Hauptteil des Films in Parkas rumlaufen. Das Dokumentarfilm-Motiv ist mittlerweile selbst zu einem Klischee verkommen, aber wir sehen noch immer die gleichen jungen Stahlkörper, die in Scheiben geschnitten und zu Würfeln gepresst werden, auf ihrem unvermeidlichen Weg in das nächste Sequel. Nicht wirklich beängstigend. Genauso wenig wie die literarische Seite der Gleichung – selbst durch die versiertesten Händen (und ich glaube, dass wir eine kleine Renaissance des Genres erleben) – gelingt es kaum, mich zu verunsichern.
Tulip

Sommer der Nacht / Dan Simmons
Liest man sich etwas in die Reviews zu Summer Of Night ein, wird man immer wieder auf die Vergleiche mit Stephen Kings ES stoßen. Sollte der Vergleich gerechtfertigt sein, ist Simmons mit diesem Roman gescheitert. Betrachtet man Summer Of Night für sich und sieht die Parallelen als im Horror-Genre übliches Setting an, liest man dieses Buch nicht ohne Gewinn, auch wenn es gegenüber anderen Simmons-Büchern durchaus abfällt.
stahlmontur
hätten wir uns berührt hätten
wir uns anders betrachtet hätten
uns gesehen. Warum bist
du zur sonne gekommen geschmolzen
einmal im rhythmus der straße
angekommen treiben flächendeckende
ungedeckte gullideckel wasser hinab
in den stall
fernhausende gestalten jubeln :
jubilee – und mir noch etwas milch !!
als wäre die erschütterung ein gerngesehner
gast. Warum bist du …
kind asfaltner schwärze. Montur
aus stahl
Die verhängnisvolle Leinwand
Die Dame von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür des berüchtigten Mansardenzimmers, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.