Würfel, Wahnsinn und Wahrheit – Die dunkle Legende von Dungeons & Dragons

DD
Die erste Ausgabe von D&D

In den frühen 1970er-Jahren, irgendwo in einem bescheidenen Wohnzimmer im Mittleren Westen der USA, schrieben ein paar Männer Geschichte – ohne es zu ahnen. Gary Gygax und Dave Arneson erschufen mit Dungeons & Dragons nicht nur ein Spiel, sondern eine neue Art des Geschichtenerzählens. Sie brachten etwas in die Welt, das mehr war als Würfel und Regeln, mehr als Tabellen und Miniaturen. Sie riefen eine Welt ins Leben, die jenseits des Sichtbaren lag – ein Reich aus Schwertern, Zaubern, Drachen und Heldenmut. Und sie legten damit den Grundstein für eine Kultur, die bis heute wächst.

D&D entstand aus der Leidenschaft für Strategiespiele, Fantasy-Literatur und mittelalterliche Geschichte. Ursprünglich war es eine Erweiterung zu einem historischen Kriegsspiel namens Chainmail, das mit Fantasy-Elementen angereichert wurde – Magie, Monster, Mythen. Bald lösten sich die Geschichten von ihren historischen Wurzeln. Der Fokus verlagerte sich vom militärischen Taktieren zur individuellen Erfahrung: Spieler erschufen Figuren mit Namen, Hintergrundgeschichten und eigenen Zielen. Es war der Beginn des Rollenspiels, wie wir es heute kennen.

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Eskapismus

Lesen ist wie Reisen. In beiden Fällen verlässt man für eine gewisse Zeit seinen Alltag, kehrt erholt und im besten Falle begeistert zurück und bekommt dadurch eine neue Perspektive geliefert. Wenn Lesen Eskapismus ist, dann frage ich mich, warum Reisen das nicht weniger sein sollte. Der Vorwurf des Eskapismus kann nur von bösartigen und teuflischen Leuten vorgebracht werden. Das erinnert mich an denkwürdige Aussagen wie: „Furcht vor dem Feind“, oder „Fahnenflucht“, Begriffe der Kriegsmaschinerie und von Leuten, die wir heute zurecht aus tiefstem Herzen verachten. Das Gegenteil von Flucht ist Angriff. Sollte man wirklich die möglichen Macher der „Realität“ angreifen? Das halte ich für närrisch. Eskapismus ist die einzige Form des empfindsamen Menschen, in dieser Hölle, die uns umgibt, zu überleben. Und das sollten wir; wir sollten überleben.

Zirbelkiefer

wie – und das frage ich mich wieder – soll man die Dinge sehen
und erkennen und ordnen, wenn man sie nicht beschreiben kann
und wie soll man sie beschreiben können, wenn man sie nicht
sieht wie sie sind sobald man nicht dazu übergeht, seinem Auge
einen Stift zu verpassen und überhaupt das Auge auszutauschen
gegen ein inneres Konstrukt wie etwa der Zirbeldrüse
die dann sieht, was an der Aufhängung des Bewusstseins
vor sich geht

nur ohne Geschmack und derlei anzuwenden

aus ihr entweicht nichts, wie aktivieren?

eine Höhle war das erste, das mir auffiel
aber wie so oft war sie ein imaginäres Ziel dessen
was ‚auch‘ hätte sein können
die Wahrscheinlichkeiten
immer die Wahrscheinlichkeiten
es waren nicht selten die letzten Mohikaner die ich anführte

Sperrgut

die Gestalten trieften als unsere Sonne erklang
auch schon nah das Pferd, das einstige Steppentier
aus dornigen Winden gereift. Jetzt auf zu
einer Hochburg, neben den Zinnen dehnen sich Lücken
als Krähe umschwebt man sie leicht, als bloßer Blitz
verfehlt man sie. Der Staub wurde sich seines Wesens bewusst
und die Ziele keiften sich stetig an ob des Gelingens
außerordentlicher Figuren, die man schon die morsche Treppe –
ums Eck wird’s wirklich eng, so eine Fuge, ein
unmöglicher Raum, in sich abgeschlossen durch Sperrgut

Willkommen auf Musgrave Hall

Bouquinist

Während Nationen weltweit gute Literatur zu schätzen wissen und sie in allen Erscheinungsformen konsumieren, gibt es in unseren Breitengraden leider noch immer eine erstaunliche Unkenntnis und Ignoranz gegenüber einem Medium, das weltweit einzigartig ist. Und es sind die Leser selbst, die sich immer etwas wegzuducken scheinen, wenn es um den Heftroman geht, so als würden sie akzeptieren, dass man ihre Leidenschaft als etwas minderwertig betrachtet wird.

Und nicht nur das, selbst Autoren versuchen einer völlig veralteten Ansicht über Realitäten Rechnung zu tragen, in dem sie den Unglauben herausstellen oder der Unmöglichkeit des Plots Rechnung tragen. Das führt zu einer Verzerrung, die als „typisch deutsch“ betrachtet werden kann, so als wisse man um sein Laster und hoffe auf das Verständnis für diese angebliche Schwäche. Das ist die einfachste Art, die Herkunft des Textes zu erkennen. Internationale Autoren hingegen interessieren sich nicht für eine wie auch immer geartete deutsche Apologetik, die bei Lesern und Autoren gleichermaßen mitschwingt – sie schreiben, als wäre das, was sie erzählen, das normalste auf der Welt. Weiß man um diesen Aspekt, erkennt man leicht, warum gerade durch dieses merkwürdige Verhalten und Understatement die Prophezeiung eines „minderwertigen Mediums“ dann eben doch erfüllt wird. Man bleibt unter sich und von Selbstbewusstsein ist in den meisten Fällen nichts zu merken.

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Feenkreise

Paranormal

Stell dir folgende Szene vor: Du spazierst durch einen malerischen Wald. Die Vögel zwitschern in der Ferne, die Sonne scheint dir in den Nacken, als du auf einen faszinierenden Ring von Pilzen mitten im Wald stoßen. Dein erster Impuls ist wahrscheinlich, diesen seltsamen Anblick näher zu untersuchen. Wenn man jedoch auf den Volksglauben hört, sollte dein erster Gedanke sein, vor diesen Feenkreis-Pilzen wegzulaufen. Seit Jahrhunderten werden solche Erscheinungen auf der ganzen Welt mit dem Wirken von Feen, Hexen oder sogar dem Teufel in Verbindung gebracht, obwohl einige glauben, dass die Kreise ein Zeichen von Glück sind. Feenkreise waren im Laufe der Geschichte ein wichtiger Bestandteil der Folklore und fanden schließlich auch Eingang in andere Medien wie Literatur und Kunst.

Credit: unukorno

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Julio Cortázar: Vertrautheit des Phantastischen

„Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?“

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer fassbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: „Dieses Buch besteht aus vielen Büchern“, schreibt Cortázar, „aber vor allem aus zwei Büchern.“ Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: „Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.“ Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Julio Cortázar
Julio Cortazar

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Herr Rossi sucht das Glück

Signor Rossi – oder wie er auch genannt wurde, Herr Rossi, M. Rossi, Mr. Rossi und Señor Rossi – wurde von dem berühmten italienischen Animationsfilmer Bruno Bozzetto im Alter von 22 Jahren geschaffen. Die Figur debütierte 1960 in dem Film Un Oscar per il Signor Rossi. Signor Rossi ist ein „Jedermann“ aus der Mittelschicht (Rossi ist der häufigste Nachname in Italien), der einfach nur das einfache Leben leben möchte (Urlaub machen, ein Auto kaufen, auf Safari gehen, einen Oscar gewinnen usw.), aber irgendwie sieht er seine Träume immer um sich herum zappeln. Seine komischen Missgeschicke, die er oft mit seinem Hund und Kumpel Gastone unternimmt, spiegeln die sozialen Veränderungen in der italienischen Nachkriegsgesellschaft wider, wie etwa die Überlastung und den Umgang mit allerlei sinnloser Bürokratie. Der verrückte, extrem farbenfrohe Animationsstil erinnerte an etwas, das der Pop-Art-Künstler Peter Max produziert haben könnte. In den 1960er Jahren wurden vier Signor-Rossi-Kurzfilme gedreht und drei weitere in den 1970er Jahren, bevor die Titelmusik 1975 durch Franco Godis unfassbar eingängigen Song „Viva Felicità“ („Es lebe das Glück“) ersetzt wurde.

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Tarzan (Der Affenmensch)

Wir sind alle nur Tiere

In den folgenden Jahren forderten die Leser etwa fünfundzwanzig Fortsetzungen von Burroughs. Die Statistiken sind erstaunlich: Bis 1970 gab es zum Beispiel mehr als sechsunddreißig Millionen Tarzan-Bücher in einunddreißig Sprachen; außerdem gab es mehr als fünfzig Tarzan-Filme (von den unzähligen Samstagsmatineen, in denen Johnny Weissmuller seinen berühmten Tarzan-Schrei ausgab, bis hin zu den jüngsten Inkarnationen wie “Greystoke” und “Legend of Tarzan”). Der Gelehrte Russel Nye hörte sich in der gesamten amerikanischen Kultur um und kam zu dem Schluss: “Tarzan bleibt die größte populäre Schöpfung aller Zeiten.” Die Strahlkraft mag in Europa nicht ganz so bedeutend sein (man träumt auf dem alten Kontinent anders), und dennoch bleibt Tarzan auch hier ein Phänomen.

Burroughs’ privater Traum sprach Millionen von Lesern an und wurde dann zu einem gemeinsamen Traum, einem öffentlichen Traum, einem Mythos. Burroughs tat nicht weniger, als uns zum wilden Ursprung zurückzubringen. Das bedeutete Lendenschurz und Nacktheit. Entfernte Überreste unseres Werdegangs. Der Text spricht die Wahrheit aus, dass wir im Grunde genommen Tiere sind – Konkurrenten, allein mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Noch über unserer Kultur und den angeblich guten Manieren liegen Gier und der Wunsch nach Macht. Rationales Denken ist nur ein zerbrechlicher Deckel, der einen stärkeren und tieferen Eintopf aus Trieben, Impulsen und Leidenschaften bedeckt. Denn was sind wir am Ende? Wie würden wir uns in der Wildnis verhalten, wenn alle Annehmlichkeiten nicht mehr vorhanden wären? Burroughs findet am Ende eine Antwort. Bei Darwin und Freud.

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Ein merkwürdiges Opossum

die Veranda ist kein chronisches vorgehen gewöhnt
sie gewöhnt sich an alles aber ist in sich nicht von
unbeschwertem Interesse

ich könnte eine verrückte zeit beschreiben wobei
alle federn einmal fallen nachdem sie lange zeit
in der schwebe blieben aufgrund man weiß es nicht genau

vermutet wird ein absturz in den anden bei vollem
bewusstsein eine metapher fürwahr und entbehrlich
wie alles was um diesen ausgedörrten brunnen liegt

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