Len Wein: Der stille Schöpfer

New York, die Stille und die Sehnsucht nach dem Wunderbaren

Lenny Herman Wein wurde am 12. Juni 1948 in New York City geboren und wuchs in der Bronx auf, zu einer Zeit, in der Comichefte das am leichtesten zugängliche Format für Geschichten waren. In jener Ära wurde ein lesendes Kind nicht als Außenseiter betrachtet. Wein verschlang alles, von Superhelden und Horror bis zu Science-Fiction und Romanzen. Er konsumierte die gesamte Bandbreite, die der amerikanische Comicmarkt der späten 1950er und frühen 1960er Jahre zu bieten hatte. Diese allgemeine Prägung seiner Generation wurde für Wein außergewöhnlich, weil er seine Begeisterung fürs Lesen mit einem instinktiven Verständnis verband. Er erkannte schon früh, was eine Geschichte packend macht, wie Charaktere lebendig werden, wie sich erzählerische Bögen schließen und wie ein einzelnes Panel mehr sagen kann, als Worte je beschreiben könnten.

Len Wein mit „Swampy“ © Lex Larson

Wein erlernte das Schreiben nicht durch ein Studium, da er an der School of Visual Arts in New York Grafikdesign studierte, sondern im direkten Austausch mit der Industrie. Er gehörte einer Generation junger Comicfans an, die sich über Fanzines vernetzten und durch intensiven Diskussionen über das Medium ein tiefes handwerkliches Wissen erlangten, das ihnen keine akademische Ausbildung hätte bieten können. Marv Wolfman, sein lebenslanger Freund und späterer Kollaborateur, war in diesen frühen Jahren ein wichtiger Begleiter; ihr gemeinsames Interesse an Comics entwickelte sich zu einer Berufung, die ihre gesamte Karriere prägte.

In den 1960er Jahren begann Wein, erste Kurzgeschichten an kleinere Verlage zu verkaufen, bevor er sich in den Produktionsstrukturen von DC und Marvel der frühen 1970er Jahre etablierte. Diese Zeit, bevor er mit den Werken bekannt wurde, die ihm einen dauerhaften Platz in der Comicgeschichte sicherten, zeigt ihn als Autor, der das Handwerk des Serienhefts mit einer Sorgfalt erlernte, die seine spätere Produktivität und Vielseitigkeit prägte. Wein war kein Autor, der sich auf eine einzige markante Stimme konzentrierte, um sie als Grundlage seiner gesamten Karriere zu nutzen. Er ein Handwerker im besten Sinne: jemand, der jede Geschichte, die er verfasste, so umfassend wie möglich ausgestaltete, unabhängig von Charakteren, Genre oder Verlagen.

Das Gewicht des Unlesbaren

Len Weins Wolverine © Marvel

Len Wein ist der Autor dieser Essay-Reihe, dessen Vermächtnis sich schwer auf ein einziges Werk zurückführen lässt. Dies liegt daran, dass sein bedeutendster Beitrag nicht in einem einzelnen Werk, sondern in einer Vielzahl von Entscheidungen liegt, deren weitreichende Folgen er nicht vorhersehen konnte, die jedoch das Medium nachhaltig veränderten. Um diese Entscheidungen zu verstehen, muss man zunächst ihre Bedeutung erkennen: Wein schuf Wolverine. Er formte Swamp Thing in seiner modernen Gestalt. Als Redakteur war er maßgeblich daran beteiligt, dass Alan Moore Swamp Thing übernehmen konnte. Zudem erschuf er die New X-Men, das Team, das den Grundstein für Chris Claremonts legendären Lauf legte.

Diese Liste erscheint auf den ersten Blick wie eine ironische Anekdote der Kulturgeschichte, und tatsächlich ist sie das. Len Wein ist ein Autor, der mehr prägende Charaktere und schicksalhafte Entscheidungen in seinem Berufsleben vereint als fast jeder andere in der amerikanischen Comicgeschichte. Dennoch ist sein Name beim breiten Publikum selten mit diesen Errungenschaften verbunden. Jeder kennt Wolverine, doch den Namen Wein kaum ein Kind. Diese Tatsache ist nicht nur ungerecht; sie spiegelt auch ein strukturelles Merkmal eines Mediums wider, in dem die Figuren die Autoren überdauern und überstrahlen, wo die Schöpfung den Schöpfer in den Schatten stellt.

Noch ironischer wird es, wenn man die Verbindung zu Watchmen betrachtet. Wein war der Redakteur, der Alan Moore bei DC Comics erst möglich machte und dessen Arbeit zuerst bei Swamp Thing betreute, und dann auch die ersten Entwürfen dessen, was schließlich Watchmen werden sollte. Als später in den 1980er Jahren die Frage der Rechte eskalierte und Moores Beziehung zu DC zerbrach, stand Wein auf der Seite des Verlags. Diese Haltung brachte ihm von Moore heftige öffentliche Kritik ein, die Weins Ruf in bestimmten Kreisen belastete. Die volle Wahrheit dieses Konflikts bleibt komplex und liegt irgendwo zwischen den Darstellungen der Beteiligten, wie es bei solchen Industriekonflikten oft der Fall ist. Zurück bleibt ein Paradox. Der Mann, der Moores Karriere bei DC unterstützte, wurde von Moore selbst zum Antagonisten erklärt. Dieses Paradox wirft ein Licht auf die Natur des Comicgeschäfts und seiner Konflikte um Autorschaft, weniger auf die moralische Integrität der beiden Männer.

Die Entscheidung, die die Welt veränderte

Giant-Size X-Men #1, veröffentlicht von Marvel Comics im Mai 1975 und illustriert von Dave Cockrum, gilt als eine der einflussreichsten Comicausgaben in der Geschichte der USA. Dies liegt nicht an der erzählerischen Perfektion, sondern an der richtungsweisenden Entscheidung, deren Auswirkungen sich über die Jahrzehnte entfaltet haben und heute buchstäblich durch Milliarden an Kinoeinnahmen messbar sind. Laut eigener Aussage verfasste Len Wein diese Ausgabe an einem einzigen Wochenende, um eine Produktionslücke zu schließen. Diese spontan wirkende Entstehung steht im krassen Gegensatz zur enormen kulturellen Resonanz des Comics.

Giant-Size X-Men #1 © Marvel

Der Auftrag war klar: Das X-Men-Franchise, das seit 1969 keine neuen Ausgaben mehr hervorgebracht hatte und nur noch in Wiederveröffentlichungen existierte, sollte mit einem internationalen Team neu belebt werden. Wein und Cockrum entwickelten dabei Charaktere, die bis heute einzigartig in ihrem kulturellen Einfluss bleiben: Storm aus Kenia, die erste schwarze Superheldin im US-Mainstream mit einer eigenen Story, Nightcrawler aus Deutschland, Colossus aus der Sowjetunion, Thunderbird als Verteter der Native Americans, Banshee aus Irland und Wolverine aus Kanada, der bereits in Weins Incredible-Hulk-Ausgaben sein Debüt hatte und nun seine wahre Bestimmung fand.

Die Entscheidung, das X-Men-Team im Jahr 1975 international aufzustellen, war revolutionär. Es war die intuitive Erkenntnis, dass das Superhelden-Genre über die Vorstellungen seiner Gründergeneration hinaus erweitert werden konnte. Len Wein betonte in Gesprächen stets, dass er keine tiefgreifende ideologische Agenda verfolgte. Sein Ziel war es, ein spannendes, visuell vielfältiges Team zu schaffen, das durch verschiedene kulturelle Hintergründe erzählerisch bereichert wurde. Diese nüchterne Einschätzung seines Werks kennzeichnet Wein und sollte nicht als Bescheidenheit missverstanden werden. Sie spiegelt die Haltung eines Handwerkers wider, der sicher in seinem Können ist, ohne es zu verherrlichen.

Von historischer Bedeutung für die Comicwelt war seine Entscheidung, das X-Men-Franchise an Chris Claremont weiterzugeben. Das von ihm geschaffene Team in andere Hände zu geben zählt zu den produktivsten Weitergaben von Verantwortung in der Geschichte des Mediums. Wein erkannte in Claremont das Potential, das er in den Figuren gespürt hatte, und gab die Kontrolle ab. Das ist keine geringe Geste. In einer Branche, die oft von kreativem Besitzdenken geprägt ist, zeugt die Fähigkeit, sein Werk weiterzugeben, von wahrer Größe.

Die Schöpfung und ihre Verwandlung

swam25 1
Alan Moore übernimmt Swamp Thing © DC

Swamp Thing entstand 1971 in einer Kurzgeschichte im House of Secrets #92, einer kurzen, in sich abgeschlossenen Horrorerzählung, die von Wein zusammen mit dem Zeichner Bernie Wrightson entwickelt wurde und genügend Anklang fand, um zu einer eigenständigen Serie erweitert zu werden. Die ursprüngliche Swamp Thing-Serie, die Wein und Wrightson von 1972 bis 1974 gemeinsam schufen, gilt als ein Werk von beeindruckendem Rang, als eine atmosphärische, literarisch anspruchsvolle Horrorreihe, die dem Mainstream-Comicgeschmack der frühen 1970er-Jahre weit voraus war.

Wrightson, einer der talentiertesten Horrorzeichner, die das amerikanische Comic je hervorgebracht hat, verlieh dem Swamp Thing eine visuell dichte und organische Textur, die in der Comicgeschichte jener Ära unerreicht war. Seine Schwarz-Weiß-Technik, üppige Schraffuren und die detaillierte botanische Darstellung der Sumpflandschaften stellten zeichnerische Leistungen dar, die das Werk in die Nähe der europäischen Comictradition brachten, obwohl es nicht direkt daraus stammte. In diesen zwölf Ausgaben bilden Wein und Wrightson eine der beeindruckendsten kreativen Partnerschaften des amerikanischen Comics jener Zeit.

Was Wein und Wrightson 1971 schufen, war in seiner Konzeption einfach, jedoch reich an emotionaler Substanz: ein Mensch, der zum Monster wird und dabei seine Menschlichkeit bewahrt, da sie tiefer im Geist verwurzelt ist als im physischen Körper. Diese Idee bildet das Fundament der gesamten späteren Swamp-Thing-Mythologie, einschließlich Alan Moores berühmter Wendung: Swamp Thing ist nicht etwa ein Mensch, der glaubt, ein Pflanzenwesen zu sein, sondern ein Pflanzenwesen, das glaubt, ein Mensch zu sein. Moores Neuerung funktioniert nur, weil Weins ursprüngliches Konzept stabil genug war, um eine solche Umkehrung zu tragen. Ein schwaches Konzept könnte nicht derart elegant umgekehrt werden.

Nachdem Wein und Wrightson die Swamp-Thing-Serie verließen, fiel sie in eine lange Phase kreativer Mittelmäßigkeit, bis Moore sie 1983 übernahm und transformierte. Das spricht für Weins ursprüngliche Arbeit. Die Serie überlebte ein Jahrzehnt unter schwacher Betreuung, weil ihr Fundament stark genug war, um diese Last zu tragen. Das ist die stillere Form von Qualität, die nicht sofort ins Auge springt und deren Fehlen erst auffällt, wenn sie nicht mehr da ist.

Macht im Unsichtbaren

Weins Rolle als Redakteur, darunter auch seine Zeit als Chefredakteur bei DC Comics, ist ein oft unterbewertetes, jedoch unglaublich wichtiges Kapitel seiner Laufbahn. Im Comicbereich bleibt die Arbeit eines Redakteurs in der Regel unsichtbar. Sie wird nicht in den Credits erwähnt, von keiner Fangemeinde gefeiert und hinterlässt keine offensichtliche Spur im finalen Werk, außer dass das Werk selbst existiert. Es wurde veröffentlicht, erhielt eine bestimmte Form und der Autor bekam seine Chance. Als Redakteur war Wein jedoch die treibende Kraft hinter all dem.

Ein besonders einprägsames Beispiel seiner redaktionellen Fähigkeiten war seine Entscheidung, Alan Moore für Swamp Thing zu gewinnen und ihm dann die kreative Freiheit zu gewähren, die Moores Arbeit erforderte. 1983 war Moore in den USA weitgehend unbekannt; während seine Arbeiten in Großbritannien schon Aufmerksamkeit erregt hatten, war der Übergang in den amerikanischen Mainstream alles andere als selbstverständlich. Wein erkannte in Moores Konzept eine Qualität, die es lohnte, über die übliche Vorsicht im Verlagswesen hinwegzugehen. Die Entscheidung, einem unbekannten britischen Autor das Vertrauen zu schenken, um eine sterbende Serie zu beleben, zählt zu den wohl fruchtbarsten Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.

Die spätere Entfremdung zwischen Wein und Moore, ausgelöst durch die Auseinandersetzung um die Watchmen-Rechte und dokumentiert durch Moores scharfe öffentliche Kommentare, stellt den dunklen Schatten dieser einst produktiven Zusammenarbeit dar. Wein, der diese Verbindung überhaupt erst ermöglicht hatte, geriet in den Hintergrund. Das ist eine besondere Tragik, die Redakteure oft trifft: Sie legen den Grundstein für Großartiges und müssen schließlich die Folgen tragen, wenn diese Größe zu Konflikten führt.

Die Figur und ihr Nachleben

Wolverine gilt als die kommerziell erfolgreichste Einzelfigur, die je in einem amerikanischen Comic entstanden ist, basierend auf den globalen Filmeinnahmen seit Hugh Jackmans Debüt im Jahr 2000, die kaum in ihrer Gesamtheit zu erfassen sind. Diese Figur wurde 1974 von Wein in einer Ausgabe von The Incredible Hulk als Gastrolle eingeführt. Ein kanadischer Mutant mit einziehbaren Knochenkrallen und unbändiger Wut. Die Grundidee war simpel: eine mysteriöse, gefährliche Figur, die als Gegenspieler des Hulk fungierte. Zunächst war da nicht mehr geplant.

Diese einfache Idee entwickelte sich jedoch weiter und ist nicht allein Weins Verdienst. Dave Cockrum verlieh Wolverine in Giant-Size X-Men sein unverwechselbares Aussehen, und Chris Claremont baute über sechzehn Jahre hinweg seine Figur zur vielschichtigen, tragischen und mythologisch aufgeladenen Gestalt aus, die heute bekannt ist. Doch die Basis, ein Mann, der seine Identität nicht kennt, von seiner eigenen Natur überwältigt wird und Gewalt als integralen Teil seiner Persönlichkeit begreift, stammt von Wein. Diese Grundlage war robust genug, um alles Weitere zu tragen.

Das Fundament, das trägt

Len Wein verstarb am 10. September 2017 in Los Angeles im Alter von 69 Jahren. Die Nachrufe, die seinem Tod folgten, hoben immer wieder dieselben Namen hervor: Wolverine, Swamp Thing, Storm und die New X-Men. Ebenso wurde sein Charakter beschrieben: Ein Mann, der voller Leidenschaft für das von ihm geliebte Medium arbeitete, seine Kollegen unterstützte und die kreativen Werke anderer ermöglichte, ohne jemals mit dem Schreiben aufzuhören. Diese Nachrufe waren warmherzig, ehrlich und voller Trauer. Sie ähnelten denen anderer Menschen, deren wahre Bedeutung erst nach ihrem Weggang vollständig erkannt wird.

Von Wein bleibt kein einzelnes Meisterwerk, obwohl die frühen Swamp Thing-Ausgaben mit Wrightson diesem Begriff ziemlich nahekommen. Was bleibt, ist seltener zu finden: ein Leben, das ein Medium im Kern veränderte, ohne jemals das Werkzeug dieser Veränderung zu sein. Wein war das Fundament, auf dem andere aufbauten. Er war der Herausgeber, der die Voraussetzungen schuf, unter denen Meisterleistungen möglich waren. Er war der Schöpfer von Figuren, die weitaus größer wurden als er selbst, und das war ihm bewusst, doch erschuf er sie trotzdem, da die Alternative gewesen wäre, nichts zu erschaffen.

In einer Sammlung von Essays über Autoren wie Moore, Morrison, Gaiman und Claremont, deren Werke man liest und bei denen man an ihre Namen denkt, bleibt Wein eine Erinnerung wert. Er zeigt auf, was hinter diesen Werken steckt: die unzähligen Entscheidungen jener Menschen, die nie im Rampenlicht standen, aber Türen öffneten, Figuren ersannen und Talente erkannten und förderten. All dies aus Liebe zum Medium, nicht als Weg zum Ruhm, sondern aus Berufung. Len Wein lebte diese Berufung sein Leben lang. Das ist letztendlich eine Art von Größe, die ihresgleichen sucht.

Neil Gaiman: Der Bibliothekar des Unmöglichen

Neil Gaiman

Neil Richard MacKinnon Gaiman wurde am 10. November 1960 in Portchester, Hampshire, England, geboren und wuchs in verschiedenen Gegenden Südenglands auf. Er stammt aus einem jüdischen Elternhaus, in dem Bücher allgegenwärtig waren. Diese Nähe zu Büchern legte den Grundstein für seine Laufbahn: Schon bevor er schreiben konnte, war das Lesen ein integraler Bestandteil seines Lebens. Für Gaiman war Lesen nie nur ein Hobby, sondern ein unverzichtbarer Lebensakt. Seine aufrichtige Wertschätzung für Bibliotheken und das Lesen ist die glaubwürdige Äußerung eines Mannes, der ohne die Welt der Bücher nicht derselbe wäre.

Die früh in der Lektüre gewonnenen Einflüsse sind in seinen späteren Arbeiten so tief verwurzelt, dass sie fast unsichtbar erscheinen: G. K. Chesterton für das Verständnis, dass das Fantastische keine Flucht vor der Realität darstellt, sondern eine Methode, sie intensiver zu erfassen; C. S. Lewis für das Recht, Mythologie ernst zu nehmen; Tolkien für die Praxis des Weltenbaus als literarische Technik; und vor allem die griechischen, nordischen und keltischen Mythen, die Gaiman als lebendige Erzählungen erlebte. Geschichten über Macht, Verlust, Liebe und Tod, die er von Anfang an ernst nahm, da Götter, die nicht ernst genommen werden, beleidigt sein könnten.

Seine Schriftstellerkarriere begann, wie bei vielen britischen Comicautoren seiner Generation, im Journalismus und in der Biografik. Bevor er seinen Weg in die Comic-Welt fand, verfasste Gaiman Bücher über Douglas Adams und Duran Duran. Diese Lehrjahre als schneller Schreiber für kommerzielle Aufträge bildeten ebenfalls eine Art Schule und schärften seine handwerkliche Effizienz, die selbst unter der traumhaften Oberfläche seines späteren Werkes stets als solider Unterbau spürbar ist. Bei Gaiman hat jede Szene eine Funktion, jedes Bild ein Echo und jeder Satz eine Richtung. Dies ist handwerkliches Können, das jegliche Magie noch untermauert.

Die Architektur des Traums

© DC

The Sandman (DC/Vertigo, 1989–1996, mit zahlreichen Zeichnern) ist das Werk, mit dem Gaiman die Welt der Comics betrat und nachhaltig veränderte. Die Serie erzählt von Morpheus, dem Herrscher über das Reich der Träume, einer der sieben unsterblichen Wesenheiten (den Ewigen) verkörperte Kräfte, die älter als die Götter selbst sind. Traum, Tod, Verzweiflung, Begierde, Delirium, Schicksal und Zerstörung. Zu Beginn der Serie wird Morpheus nach einem Jahrhundert der Gefangenschaft befreit und steht vor der Aufgabe, sein verfallenes Reich wiederherzustellen. Diese scheinbar einfache Prämisse trägt eine der komplexesten und literarisch reichsten Erzählstrukturen, die das Medium je hervorgebracht hat.

Was Sandman von früheren Comics unterschied, war Gaimans literarischer Ansatz. Er überschritt die Grenzen traditioneller Genre-Conventions und wagte sich unerschrocken in das Terrain der Weltliteratur. Gaiman schrieb Geschichten, die in der Ära Shakespeares spielten und Shakespeares Verbindung zur Magie des Erzählens beleuchteten. Er schuf Erzählungen, die in der griechischen Antike, in der Gegenwart und während des Ersten Weltkriegs verortet sind. Er zitierte Chaucer, nutzte die Bibliothek von Borges als Motiv, ließ Orpheus als Figur auftreten und verwendete Märchen sowie Mythologie als strukturelle Grundlage. Diese intertextuelle Dichte war im amerikanischen Comic des Jahres 1989 ohnegleichen.

Sieben Personifikationen

Die Entscheidung, Sandman mit verschiedenen Zeichnern wie Sam Kieth und Mike Dringenberg in den frühen Ausgaben und später Charles Vess, Jill Thompson, Shawn McManus, Marc Hempel und vielen anderen zu gestalten, war eine bewusste ästhetische Wahl, denn verschiedene Geschichten erfordern auch unterschiedliche Bildsprachen. Die Genregeschichten der Anfangszeit brauchen einen anderen visuellen Ton als die mythologischen Erzählungen der mittleren Episoden, die sich wiederum von den abstrakten, traumartigen Bildern der Kapitel um Delirium unterscheiden müssen. Dave McKean gestaltete die ikonischen Titelbilder aller 75 Ausgaben und verlieh dem Werk eine visuelle Identität, die sich von der des Comic-Innenlebens unterschied, eine Kunstform, die sich auch tatsächlich als Kunst präsentiert.

Die Figur der Death (Morpheus‘ Schwester), die als freundliche junge Frau erscheint und jedem Menschen am Tag seiner Geburt und seines Todes begegnet, ist Gaimans populärste Schöpfung und wird häufig als revolutionär beschrieben. Die Wahl, den Tod als sympathische, zugängliche und liebevolle Gestalt darzustellen, statt ihn als Schrecken oder abstraktes Prinzip zu präsentieren, war sowohl eine theologische als auch eine ästhetisch kluge Entscheidung. Sie unterläuftt die lange Tradition des populären Todes-Diskurses. Wer den Tod nicht fürchtet, weil er ein freundliches Gesicht hat, kann möglicherweise tiefer über ihn nachdenken als jemand, der ihn nur fürchtet.

Death © DC

Die Struktur des Traums

Die formale Struktur Sandmans zählt zu den raffiniertesten erzählerischen Konstruktionen überhaupt. Gaiman setzt auf ein gestaffeltes Konzept: kurze, in sich abgeschlossene Geschichten, die eigenständig funktionieren, eingebettet in längere Erzählstränge, welche wiederum Teil eines übergeordneten narrativen Geflechts sind, das erst im Gesamtbild sichtbar wird. Ein Leser, der Band drei liest, kann jede Geschichte für sich verstehen; wer jedoch alle zehn Bände liest, erkennt das System, das die einzelnen Teile zu einer größeren Einheit verbindet. Diese Struktur ermöglicht eine literarische Tiefe, die ein reiner Serien-Comic nicht erreicht. Sie spricht sowohl Leser an, die nie zuvor einen Comic gelesen haben, als auch jene, die das gesamte Medium bereits kennen, und bietet beiden etwas Passendes.

Gaiman hat mit seinen Werken gezeigt, dass Comics mit der Tiefe und Intensität eines Romans aufwarten können.

Der Handlungsbogen A Game of You, in dem eine Nebenfigur der Serie namens Barbie in ein Traumland gezogen wird, das sie als Kind erschaffen hat und nun zu zerfallen droht, ist das intimste und zugleich formal mutigste Kapitel der Serie. Es handelt von der Verbindung zwischen der kindlichen Fantasie und den Kompromissen des Erwachsenseins. Gaiman schreibt hier mit einer seltenen emotionalen Offenheit, die in anderen, kosmologischeren Kapiteln nicht immer so spürbar ist. Dabei stellt er unbequeme Fragen zu Geschlecht, Identität und Selbstbestimmung, was 1992 innerhalb eines DC-Comics bemerkenswert ist, und verankert das Werk in einem ganz anderen historischen Kontext im Vergleich zu vielen seiner Zeitgenossen.

Das letzte Kapitel, The Wake, vollzieht etwas, das im Comicmedium selten und in der Populärliteratur noch seltener passiert: Es widmet sich der Trauer. Es trauert um Morpheus, der am Ende seines Weges stirbt, weil sein Stolz und seine Unnachgiebigkeit es ihm unmöglich machten zu wachsen, und gibt dieser Trauer die notwendige Zeit und den Raum. Kein Spektakel, keine Auflösung, kein tröstlicher Abschluss. Nur das Gefühl des Verlustes, ausgedehnt über dreißig Seiten hinweg, mit der Würde, die echte Trauer verlangt.

Die Prosa und das Universum

Unter den Autoren dieser Reihe ist Gaiman der einzige, dessen Bedeutung außerhalb des Comicmediums mindestens genauso groß ist wie innerhalb – möglicherweise übertrifft sie dies sogar. Seine Romane, darunter „Good Omens“ (zusammen mit Terry Pratchett, 1990), „American Gods“ (2001), „Coraline“ (2002), „Anansi Boys“ (2005) und „The Ocean at the End of the Lane“ (2013), haben sich international millionenfach verkauft, sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und wurden in TV-Serien, Filme und Hörspiele umgewandelt. Diese Reichweite ist für einen Comicautor beispiellos und wirft die Frage auf, wie man Gaiman einordnen sollte: als Comicautor, der auch Romane schreibt, oder als Romancier, der Comics als eines von mehreren Medien nutzt?

Die ehrlichste Antwort lautet: beides trifft zu und die Unterscheidung spielt für Gaiman selbst keine Rolle. Er hat stets betont, dass es die Geschichten sind, die sich ihre Form auswählen, nicht die Autoren. Eine Geschichte kann im Comic besser aufgehoben sein als im Roman und umgekehrt; die Frage nach der Hierarchie dieser Formen ist falsch gestellt. „Sandman“ wäre als Roman nicht dasselbe; seine Bildebenen und visuellen Leitmotive würden innerhalb der Prosa verloren gehen. „American Gods“ würde als Comic nicht die gleiche Wirkung entfalten; seine Weite und Langsamkeit erfordern das Prosaformat. Diese Sensibilität für das Medium als solches ist Gaimans größte professionelle Stärke.

American Gods – Die Theologie der Einwanderer

Neil Gaimans Jugendliteratur, darunter Werke wie Coraline, Das Graveyard-Buch und Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard, verdient besondere Anerkennung. Diese Bücher verdeutlichen einen wesentlichen Aspekt seines Denkens. Kinder benötigen keine vereinfachten Geschichten, sondern die vollständige Erzählung, allerdings in einer für sie verständlichen Form. Coraline ist eine Horrorgeschichte für Kinder, die ihren Schrecken nicht mildert. Sie folgt damit einem Ansatz, der in der Geschichte der Kinderliteratur von den Brüdern Grimm bis Roald Dahl immer wieder verteidigt werden musste: dass Kinder das Dunkle kennenlernen sollten, da sie sonst keine Möglichkeit haben, eine Sprache für die dunkleren Aspekte des Lebens zu entwickeln.

Die Mythologie als Methode

Das verbindende Element in Gaimans gesamtem Werk, ob in verschiedenen Medien, Genres oder für unterschiedliche Altersgruppen, ist die Mythologie als eine Methode der Erkenntnisgewinnung. Gaiman ist der Ansicht, dass alte Geschichten nicht trotz ihrer Andersartigkeit relevant bleiben, sondern gerade wegen ihr. Diese Geschichten sind über Jahrtausende durch menschliche Erzählgemeinschaften weitergegeben worden und haben dabei das über Bord geworfen, was nunnötig ist, während sie das bewahrten, was die menschliche Erfahrung in ihrer tiefsten Form beschreibt. Mythen stellen komprimierte Wahrheiten dar, und die Aufgabe des modernen Autors besteht darin, diese alten Wahrheiten in eine neue Sprache zu übersetzen, ohne dabei ihren Kern zu beschädigen.

Diese Auffassung teilt er mit Tolkien und Lewis, von denen er sie wahrscheinlich auch übernommen hat. Doch Gaimans Umgang mit Mythologie ist weltlicher, pluralistischer und ethnisch vielfältiger als der seiner Vorbilder. Während Tolkien vor allem in der nordisch-germanischen Tradition und Lewis in der christlichen Allegorie verwurzelt war, ist Gaimans mythologisches Repertoire wirklich global. Er schreibt über Anansi, den westafrikanischen Spinnengott, mit derselben Vertrautheit wie über Odin. Dabei ist er überzeugt, dass kein mythologisches System privilegierter ist als ein anderes, da alle aus der gleichen menschlichen Notwendigkeit entstehen: der Notwendigkeit, die Welt durch Erzählungen begreifbar zu machen.

Diese mythologische Herangehensweise hat auch eine psychologische Dimension, die häufig in der Forschung zu seinem Werk hervorgehoben wird und von Gaiman selbst bestätigt wurde. Er sieht Mythologie als kollektive Traumarbeit an. Die Geschichten einer Kultur über Götter und Helden sind eine Verarbeitung ihrer tiefsten Ängste, Wünsche und moralischen Überzeugungen, in einem symbolischen System, das individuelle Überforderung vermeiden hilft. Unter diesem Aspekt ist Sandman ein Versuch, die Traumarbeit des gesamten westlichen Kulturraums auf einmal zu vollziehen.

Ruhm, Komplexität und Verantwortung

Seit den frühen 1990er-Jahren ist Gaiman eine in der Öffentlichkeit präsente Persönlichkeit mit erheblichem kulturellem Einfluss. Er ist ein beliebter Autor, gefragter Redner, bekanntes Twitter-Phänomen und ein Freund von Rockstars und Filmemachern. Diese öffentliche Präsenz hat seine Werke begleitet und wurde von ihm mit einer Professionalität gepflegt, die seinen britischen Ursprung erkennen lässt: immer charmant, zugänglich und dankbar, ohne je arrogant zu wirken. Das Publikum liebt nicht nur sein Schaffen, sondern auch den Menschen, der er zu sein scheint, und für eine lange Zeit war dies eine seltene und glückliche Konstellation.

Im Jahr 2023 wurden gegen Gaiman Vorwürfe des sexuellen Fehlverhaltens laut, die durch weitere Berichte an Substanz gewonnen haben und sein öffentliches Image auf eine scheinbar irreparable Weise beschädigt haben. Diese Angelegenheiten sind zum Zeitpunkt dieses Essays nicht vollständig aufgeklärt und rechtlich noch nicht abgeschlossen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner Karriere kann diese Vorwürfe nicht ignorieren. Gleichzeitig wäre es unangemessen, das künstlerische Schaffen aufgrund dieser Vorwürfe zu beurteilen, da dessen Entstehung vor diesen Ereignissen liegt und seine literarische Qualität nicht durch die biographischen Umstände des Autors beeinflusst wird. Die daraus resultierende Spannung ist unangenehm. Diese auszuhalten, ohne sie in eine der Extreme (weder bedingungslose Anerkennung noch völlige Ablehnung) zu lenken, ist die einzige ehrliche Haltung in dieser Situation.

Das Werk bleibt, was es ist. Was die Person getan oder unterlassen hat, sollte in anderen Foren und basierend auf anderen Beweisen als einem Literaturessay bewertet werden.

Die Bibliothek, die niemals brennt

Im Sandman-Universum gibt es die Bibliothek des Traums, in der nicht nur alle jemals geschriebenen Bücher zu finden sind, sondern auch jene, die niemals das Licht der Welt erblickten, Bücher, die nur in den Köpfen ihrer potenziellen Autoren existierten, aber nie auf Papier gebracht wurden, weil die Autoren starben, aufhörten oder sich für etwas anderes entschieden. Diese Bibliothek verkörpert Gaimans Vorstellungskraft:, sie ist unerschöpflich und in ihrem Potenzial größer als in ihrer Umsetzung.

Neil Gaiman ist mit einem bemerkenswerten Talent gesegnet, aus dieser sltsamen Bibliothek mehr herauszuholen als viele andere, und zwar in einer Form, die von Menschen gelesen, geliebt und weitergegeben wird. Am Ende ist dies die einfachste und wohl genaueste Beschreibung seiner Leistung. Er hat Geschichten ans Licht gebracht, die schon immer existierten, und sie der Welt präsentiert. Er hat gezeigt, dass Comics eine bedeutende Rolle in der Weltliteratur spielen können. Er hat dem Roman bewiesen, dass die alten Götter noch lebendig sind. Er hat der Kinderliteratur gezeigt, dass das Dunkle kein Feind, sondern ein Lehrer sein kann.

Sandman wird so lange gelesen werden, wie Menschen träumen – das heißt, solange es Menschen gibt. American Gods wird jedes Mal einem Einwanderer neue Einblicke gewähren, der ein Land betritt, das ihn nicht erwartet hat. Coraline wird jedem Kind zur Seite stehen, das entdeckt hat, dass die andere Mutter freundlicher erscheint als die echte, und dass diese Freundlichkeit eine Warnung darstellt, nicht eine Sicherheit. Diese Werke sind in ihrer Vollkommenheit unabhängig vom Schöpfer. Das ist, was Literatur ausmacht.

Dagobert Duck – Ein Porträt

Es gibt Figuren in der Popkultur, die so selbstverständlich geworden sind, dass man sie kaum noch hinterfragt. Dagobert Duck gehört zu ihnen.

Der alte Erpel mit Zylinder und Zwicker, der sich kopfüber in seinen Geldspeicher stürzt, ist längst mehr als nur eine Comicfigur. Er ist eine kulturelle Ikone, ein Archetyp, ein Mythos. Doch wie entstand er eigentlich und was macht ihn so besonders?

Um diese Frage zu beantworten, muss man in das Jahr 1947 zurückgehen, in die Werkstatt eines Mannes, der damals kaum ahnte, dass er einen der langlebigsten Charaktere der Comicgeschichte erschuf, Carl Barks.

© Egmont Ehapa

Dagoberts erster Auftritt fand sich in der Geschichte »Christmas on Bear Mountain«, auf Deutsch Die Mutprobe, die im Dezember jenes Jahres erschien. Barks hatte sich an die Aufgabe gemacht, Donald Duck eine neue Figur zur Seite zu stellen, einen wohlhabenden Onkel, der Donald und seine Neffen zu Weihnachten auf sein Schloss einlädt. Dieses erste Bild Dagoberts ist noch weit entfernt von der Gestalt, die wir heute kennen. Ein mürrischer, einsamer Alter, der Weihnachten verabscheut und Menschen meidet.

»Hier sitz ich einsam und verlassen, und Weihnachten steht vor der Tür, grauenhaftes Fest. Wenn’s nur erst vorbei wär, Weihnachten liegt mir nicht. Ich kann niemanden leiden, und mich kann niemand leiden«,

lässt ihn Barks klagen. Schon in diesem ersten Auftritt liegt der Kern des späteren Dagobert. Die Isolation, die Bitterkeit, aber auch der Wille, andere auf die Probe zu stellen, um die eigene Weltsicht bestätigt zu sehen.

Der Name, den Barks ihm gab, war Programm. Scrooge McDuck knüpft unübersehbar an Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte an, jenem geizigen alten Mann, der Weihnachten verachtet. Mit dem schottisch klingenden McDuck verbannt Barks Humor, Tradition und einen Hauch Exotik. In Deutschland machte Erika Fuchs aus Scrooge McDuck Dagobert Duck.

© Egmont Ehapa

Sie fand in der Historie den Namen eines merowingischen Königs, der im Deutschen zugleich altmodisch, gewichtig und leicht komisch klingt. Fuchs‘ Übersetzungen machten nicht nur Dagobert, sondern das gesamte Entenhausen für Generationen deutsche Leser zu einem literarischen Erlebnis. In dieser frühen Phase war Dagobert aber noch keine Hauptfigur. Er war Randgestalt, eine Art Karikatur des grieskrämigen Alten.

Es brauchte noch einige Jahre, bis er das Zentrum einer Erzählung bilden sollte. Der Wendepunkt kam 1952 mit »Only a poor old man«, auf Deutsch Der arme reiche Mann. Hier war Dagobert zum ersten Mal der Protagonist einer längeren Geschichte. Carl Barks erinnerte sich später.

Sie schrieben, fragten mich, ob ich einen 32-seitigen Dagobert-Comic machen würde. Niemand wusste, woher er kam. Also dachte ich, na ja, ich werde einfach ein bisschen darüber schreiben, woher er kam, wie er seinen Reichtum angehäuft hat und wie er ihn zu schützen gedenkt.

In dieser Geschichte kämpft Dagobert nicht nur gegen die Panzerknacker, sondern auch gegen Naturgewalten, um seinen Geldspeicher zu verteidigen. Damit setzte Barks die Grundlage für die Figur. Reich, verletzlich, findig, zugleich Opfer und Sieger.

Der Geldspeicher wurde zum Schauplatz, der ihn definierte. Barks sagte dazu:

»Die Tatsache, dass Dagobert reich war, war der Auslöser für alle weiteren Entwicklungen. Ich habe ihn nach und nach reicher und reicher gemacht. Dann musste ich einen Ort entwickeln, an dem er das Geld aufbewahren konnte.«

Doch Geld ist für Dagobert kein abstrakter Wert. Es ist Erinnerung. In den Geschichten wird deutlich, dass er jede Münze kennt, jede Banknote mit einer Anekdote verbinden kann. Jahrzehnte später schrieb ein Fan im Internet,

er liebt sein Geld so sehr, weil er sich daran erinnern kann, wie er jede Münze verdient hat. Jedes Geldstück in diesem Speicher ist eine Erinnerung für ihn.

Dieser Gedanke ist zentral. Dagoberts Speicher ist kein Hort der Gier, sondern ein Archiv der eigenen Biografie. Das zeigt sich auch in Geschichten wie »Back to the Klonedike«, auf Deutsch Wiedersehen mit Klondike, von 1953, in der Dagobert an die Städte seiner Jugend zurückkehrt. Hier begegnet er Glittering Goldie, auf Deutsch Nelly, der Sängerin, die einst sein Herz berührte. Diese Episode offenbart eine weiche Seite, den sentimentalen Romantiker, der im Wettlauf um Reichtum auch persönliche Bindungen verlor.

© Disney

Don Rosa griff diesen Faden Jahrzehnte später auf und machte Nelly zu einem Schlüsselmoment in Dagoberts Leben, zum Symbol für alles, was er opfern musste. Noch deutlicher wird seine Philosophie in »The Fabolous Philosophers Stone« von 1955.
Auf der Suche nach dem Stein der Weisen erkennt Dagobert, dass grenzenloser Reichtum den Wert des Reichtums vernichtet. Geld hat nur Bedeutung, wenn es erarbeitet, erkämpft, verdient ist. Barks betonte in einem Interview:

»Ich habe mir Dagobert nie als Millionär vorgestellt, der sein Geld durch die Ausbeutung anderer Menschen verdient hat. Ich habe absichtlich versucht, es so aussehen zu lassen, als ob Onkel Dagobert das meiste seines Geldes in den Tagen verdient hat, als man noch in die Berge gehen und Gold finden konnte.«

Dieser Satz zeigt, dass Dagobert nicht als Ausbeuter gedacht war. Sein Reichtum ist ein Symbol für Abenteuergeist, Fleiß und Cleverness. Eine kapitalistische Utopie ohne die Schatten der Ausbeutung. Mit diesem Ethos wurde Dagobert auch für Leser sympathisch. Er ist zwar knausrig, aber seine Knausrigkeit ist eine Pose, ein Schutzschild. Hinter ihr steckt Stolz auf das, was er selbst geleistet hat.

Er ist der Selfmade Man in Entengestalt, der Mythos vom Aufstieg aus eigener Kraft. Nach Barks übernahmen andere Künstler die Figur, doch keiner prägte sie so stark wie Don Rosa. In den 90er Jahren schuf er den Zyklus The Life and Times of Scrooge McDuck. Sein Leben, seine Milliarden. Indem er Dagoberts Leben von der Kindheit in Glasgow bis zu seinem Ruhestand in Entenhausen nachzeichnete. Ein schieres Meisterwerk.

© Disney

Don Rosa sagte, alles, was ich tat, baute auf Barks Fundament auf.

Er hat Scrooge geschaffen. Ich habe nur versucht, die Details auszufüllen, die er angedeutet hat. Diese Geschichten machten aus Dagobert endgültig eine epische Gestalt.

Sie zeigen den harten Jungen, der in Schottland als Schuhputzer seine ersten Münzen verdient, den jungen Mann, der in den Klondike zieht, den einsamen Abenteurer, der Reichtum anhäuft und zugleich das Leben verpasst. Don Rosa inszenierte ihn als tragischen Helden, der alles gewann und zugleich viel verlor. Gerade in Europa fanden diese Geschichten ein riesiges Publikum.
Während Disney-Comics in den USA eher als Kinderkram galten, wurden sie in Deutschland, Italien oder Skandinavien ernsthaft gelesen. Don Rosa wurde hier gefeiert wie ein Popstar. 1999 etwa tourte er durch Deutschland und die Fans standen stundenlang Schlange für ein Autogramm. Das zeigt, wie stark Dagobert in Europa verankert ist.

Ein Grund dafür ist sicherlich Erika Fuchs. Sie gab der Figur im Deutschen nicht nur ihren Namen, sondern eine Sprache, die ihn zu einer literarischen Gestalt machte. Fuchs übersetzte nicht wörtlich, sondern kreativ, durchsetzt mit Zitaten aus Schiller, Goethe oder Kant. Dadurch bekam Dagobert eine Stimme, die zugleich komisch und gebildet klang, eine Verbindung, die in Deutschland ganze Generationen prägte.

Dagobert ist aber nicht nur eine Figur der Comics. Er wurde zur Inspirationsquelle der Popkultur. George Lucas und Steven Spielberg erklärten, dass die berühmte Felsbrocken-Szene in Indiana Jones, Jäger des verlorenen Schatzes, direkt von einer Barks-Geschichte übernommen wurde. In »The Seven Cities of Cibola«, zu Deutsch Die sieben Städte von Cibola, rollt ein riesiger Stein durch einen Tempel, fast identisch mit der Filmszene.

Die sieben Städte © Egmont Ehapa
Die sieben Städte © Egmont Ehapa

Dagobert wurde damit zu einem modernen Mythos, der sogar Hollywood prägte. Man darf auch die Symbolik des Geldspeichers nicht unterschätzen. Er ist ein absurdes Gebäude, überdimensioniert, lächerlich und zugleich erhaben. Für Kinder ist er ein Traum, für Erwachsene eine Satire, für Dagobert selbst eine Kathedrale.

Don Rosa sagte einmal, der Speicher sei Dagoberts Seele in Stein und Mörtel. Ein Tempel, in dem er nicht den Mammon anbetet, sondern die eigene Vergangenheit. Was bedeutet das für unsere Sicht auf Reichtum? Dagobert verkörpert eine Idee, die heute völlig naiv wirkt: dass man durch harte Arbeit und Abenteuer reich werden kann, ohne andere auszubeuten. Er ist der gute Kapitalist, der gerechte Millionär. Das macht ihn sympathisch, aber auch märchenhaft unrealistisch, weil es anständige Millionäre nun einmal nicht gibt. Das ist so, als würde man nach einem liebenswürdigen Mörder suchen.

Vielleicht liegt darin seine Faszination. In einer Welt, in der reale Milliardäre mit Raketen ins All fliegen, wirkt ein alter Erpel, der in Münzen schwimmt, fast prophetisch. Eine Parodie, die zur Wahrheit geworden ist. Gleichzeitig ist er ein tragischer Held. Denn sein Reichtum ist auch seine Einsamkeit. Er sitzt allein auf seinem Geld, misstraut allen, klammert sich an die Vergangenheit. Viele Geschichten enden mit einem Bild, das ihn allein im Speicher zeigt, während die Münzen durch seine Finger rieseln. In diesen Momenten erkennt man, dass Dagobert mehr ist als ein Gag. Er ist eine Figur, die etwas über uns erzählt, über den Preis des Erfolgs, über die Sehnsucht nach Erinnerung, über den Wert von Geschichten. Heute ist Dagobert längst Teil der Meme-Kultur, der Pop-Analysen, der Kunst.

Sein Bild taucht in Streetart auf, in Essays über Kapitalismus, in Karikaturen über Reichtum. Er ist Symbol und Satire zugleich. Aber er ist auch eine Figur, die Kinder nach wie vor lieben, weil sie Abenteuer verspricht, Schatzsuche, ferne Länder, wilde Mythen.

Vielleicht ist es diese Doppelbödigkeit, die ihn unsterblich macht. Für Kinder ist er ein Schatzsucher, für Erwachsene ein Spiegel der Gesellschaft, für Künstler eine Quelle der Inspiration. Und für alle zusammen ist er einfach Dagobert, der alte, eigensinnige Erpel, der in Gold schwimmt und doch nie aufhört, nach dem nächsten Regenbogen zu suchen.

Am Ende bleibt Dagobert ein Paradox. Er ist Ebenezer Scrooge und doch sein Gegenteil, ein Geizhals mit Herz, ein Abenteurer mit Misstrauen, ein Kapitalist mit romantischer Seele. Vielleicht ist er deshalb so zeitlos. Denn er zeigt uns, dass Reichtum, Abenteuer und Erinnerung untrennbar miteinander verbunden sind. Und dass kein Gold der Welt über das hinwegtrösten kann, was man unterwegs verpasst hat.

Und wenn er am Ende einer Geschichte wieder in seinen Speicher steigt, die Münzen durch die Finger gleiten lässt und leise seufzt, dann spüren wir etwas, das über jede Pointe hinausgeht. Hier spricht ein Mythos zu uns, der von uns allen handelt.

Micky Maus als Ermittler

Micky als Ermittler

Eine Maus, die gar nicht als Detektiv gedacht war

Micky Maus war ursprünglich gar nicht als Detektiv vorgesehen. Als Walt Disney sie 1928 ins Leben rief, war sie als freche und anarchische Figur ausgelegt. Steamboat Willie zeigt uns einen ungestümen Abenteurer, der ein Dampfschiff kapert und Tiere auf kreative Weise in Musikinstrumente verwandelt. In den frühen Kurzfilmen der späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre verkörpert Micky eine impulsive, fröhliche und einfallsreiche Persönlichkeit, die an Figuren wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton erinnert, also weit entfernt ist von einem Sherlock Holmes.

Frühe Micky Maus-Skizzen
Frühe Micky Maus-Skizzen via https://d23.com © Disney

Weiterlesen

Die fabelhafte Hasenpfote / Carl Barks

© Egmont Ehapa

Hier haben wir also die erste Geschichte von Carl Barks vorliegen, die er sowohl selbst geschrieben als auch gezeichnet hat. (Die Story zu „The Victory Garden“, mit der die Barks-Zehnseiter-Ära beginnt, wurde ihm nämlich noch von Western Publishing zugeschickt.) Barks war mit „Die fabelhafte Hasenpfote“ („The Rabbit’s Foot“) am 23. Dezember 1942 fertig, erschienen ist sie aber erst im Mai des darauffolgenden Jahres.

Der Glaube an eine Hasenpfote als Talisman hat seinen Ursprung vermutlich in der afroamerikanischen Volksmagie, die als Voodoo bekannt ist. Dabei ist zu beachten, dass es nicht irgendeine Pfote ist, die an einen Schutzzauber geknüpft ist, sondern die Hinterpfote. Das Kaninchen muss außerdem auf einem Friedhof erschossen worden sein. Manche Quellen behaupten, es müsse zudem ein Vollmond, ein Neumond, ein Freitag, der 13. oder zumindest ein regnerischer Freitag sein, wenn die Hasenpfote genommen wird. Betrachtet man Barks‘ Hintergrund als Bauernjunge und harter Arbeiter, wird klar, warum er so fixiert auf Glück und Schicksal war. Und hier, in seiner ersten eigenständigen Story, finden wir genau das, was die ganze Duck-Saga durchziehen sollte, einen Donald in Reinkultur. Worum geht’s? Donald sitzt gemütlich unter einem Baum und liest das Buch „Weise Worte weiser Männer“. Das macht unser Erpel ohnehin gerne: er stimmt gerne intellektuell überlegenen Menschen zu. Und als die Kinder mit einer Hasenpfote zurückkommen, die sie von einem alten Indianer haben, und ihm verkünden, dass ihnen fortan Glück beschert ist, wird Donald etwas grantig und verweist auf sein Buch, in dem schwarz auf weiß steht, dass so etwas Aberglaube ist. Was folgt, ist eine Art Wettstreit. Die Neffen wollen beweisen, dass sie Recht haben, Donald will ihnen das Gegenteil lehren.

© Egmont Ehapa

Zunächst geht’s über eine morsche Brücke. Die Kinder kommen unbeschadet am anderen Ufer an, Donald aber plumpst ins Wasser. Doch dies als Beweis anzusehen, fällt ihm gar nicht ein, also schlägt er die nächste Prüfung vor: Freikarten für das Karussell zu bekommen. Zufällig wurde es gerade generalüberholt und der Inhaber bittet Tick, Trick und Track ein paar Proberunden zu drehen, damit er sehen kann, ob alles in Ordnung ist. Das ist doch eindeutiges Glück, oder nicht? Donald wird nachdenklich, während sie am Zoo vorbeischlendern, wo ein Gorilla ausgebrochen ist. Alles rettet sich. Alles inklusive Donald, der ohne Erfolg versucht, die sturen Kinder ebenfalls von der Flucht zu überzeugen. Interessant hierbei ist, dass Donald sich auf einen Baum flüchtet und sich die Augen zuhält. Für die Neffen rechnet er mit dem Schlimmsten. Die aber zeigen dem Gorilla die Hasenpfote und bekommen von ihm sogar noch drei Tüten Erdnüsse, bevor er sich aufmacht, Donald vom Ast schütteln zu wollen, was sehr schlecht für ihn wäre, da im darunterliegenden Wasser Krokodile schon auf ihn lauern. Erneut zeigen die Neffen, dass auf die Hasenpfote Verlass ist, indem sie ein abgeschlossenes Ruderboot ergattern, mit dem sie Donald retten. Der ist nun doch beeindruckt. Allerdings äußert sich das bei ihm in verkehrtem Maße, denn er sieht sich bereits als Held gefeiert, wenn es ihm gelänge, den Gorilla einzufangen. Dazu braucht er nur die Hasenpfote, die ihm die Neffen aber nicht geben wollen, weil sie nur ihrem Besitzer Glück bringt. (Nur am Rande sei erwähnt, dass hier einer der vielen Hinweise auf Tick, Trick und Track als Dreifachwesen, also als EIN Wesen zu finden ist, wenn sie sagen: „DEM Besitzer“, denn sie sind ja – sichtbar für alle – zu dritt. Aber das ist eine andere Geschichte.) Für Donald ist die Warnung der Kinder nichts anderes als ein Hirngespinst und er eignet sich die Pfote einfach an.

© Egmont Ehapa

Die Charakterstudie zeigt einen Donald, der – wie so oft – an einen intelligenten Spruch in einem intelligenten Buch glaubt. Gleichzeitig wird für ihn alles andere als falsch erkannt. Durch einen denkwürdigen Moment, in dem seine Feigheit obsiegt, kommt ihm nun glaubhaft vor, was ihm zuvor falsch erschien. Schnell denkt er an seinen eigenen Vorteil, denn da gibt es etwas, das ihm immer wieder wie ein Makel erscheinen wird: Die Abwesenheit von Anerkennung. Eigentlich hätte er jetzt den Punkt erreicht, an dem er seinen Neffen hätte glauben müssen, aber erneut tut er ihre Erklärung als Hirngespinst ab, diesmal jedoch in die andere Richtung als zu Beginn der Story.

Das Ergebnis ist, dass er vom Gorilla ordentlich vertrimmt wird. Doch der Klimax ist noch nicht erreicht und mündet in einen letzten, einen „wahren“ Test. Donald will wissen, ob die Hasenpfote die drei auch vor der schlimmsten Tracht Prügel ihres Lebens beschützen kann. Sie kann; denn als er nach dem „Zuchtleder“ greift, reißt er aus Versehen die darüber befindliche Uhr aus der Wand, die ihm prompt auf den Schädel fällt und ihn ins Krankenhaus bringt.

Nicht in allen Geschichten teilt uns Donald auf so fatale Weise einige seiner Charaktereigenschaften auf einmal mit. Aber auch wir sind egoistisch und froh, dass er eigentlich nicht lernfähig ist.

Geoff Johns und die Kunst der mythologischen Rückgewinnung

Geoff Johns

Die Schule des Sehens

Geoff Johns
Geoff Johns 2011

Geoff Johns wurde 1973 in Detroit, Michigan, geboren. Er wuchs in einer Umgebung auf, die das amerikanische Industriezeitalter in seinem Niedergang verkörperte. Seine Herkunft hat sich nicht so direkt in sein Werk eingeschrieben wie etwa die so genannten Troubles in Belfast bei Garth Ennis oder die Geschichte Northamptons bei Alan Moore. Detroit ist also kein eigentlich mythologisches Koordinatensystem in Johns‘ Comics. Möglicherweise aber hat das Aufwachsen in einer Stadt, die um ihre eigene Identität kämpft sein Gespür dafür geschärft, was verloren gehen kann und was es bedeutet, sich dagegen zu wehren.

Der entscheidende Moment in Johns‘ Karriere ist die Begegnung mit Richard Donner, dem Regisseur des Superman-Films von 1978. Johns arbeitete zunächst als persönlicher Assistent Donners, bevor er im Comicbereich Fuß fasste. Die Lehrzeit hat ihn in seinem Verständnis von Figurenmythologie, emotionaler Zugänglichkeit und dem Verhältnis zwischen Heldenfigur und Publikum geprägt. Donners Superman ist nicht zufällig der am häufigsten genannte kulturelle Referenzpunkt in Johns‘ Interviews. Der Film zeigt, wie man eine mythologische Figur ernst nehmen kann, ohne sie zu schwer zugänglich zu machen. Er zeigt, wie man Wunder inszeniert, ohne sie ironisch zu betrachten. Und er zeigt, wie man das Staunen als legitime emotionale Kategorie behandelt, statt als kindisches Verhalten, das überwunden werden muss.

Johns betrat die Bühne des Comics in den späten 1990er Jahren, zunächst mit kleineren Projekten. Dann aber übernahm er die JSA-Serie (Justice Society of America, DC Comics, ab 1999, zunächst gemeinsam mit David Goyer, später allein) und wurde zu einer der prägendsten Stimmen der frühen 2000er. Die JSA ist die älteste Superheldentruppe im DC-Universum. Deren Mitglieder stammen noch aus der Ära des Zweiten Weltkriegs und waren damals ein Nischensegment, ein Relikt der frühesten Comicgeschichte. Das nahm niemand wirklich ernst. Johns jedoch nahm sie sehr ernst.

Kontinuität als Poesie

Um zu verstehen, was Johns für die Comicgeschichte getan hat, muss man ein Wort kennen, das in der Kritik der elitären Hochliteratur als Unwort gilt: Kontinuität. In amerikanischen Superheldencomics bezeichnet Kontinuität die Gesamtheit aller vergangenen Ereignisse, Charakterentwicklungen und Handlungsbögen, die im Laufe von Jahrzehnten in einem fiktiven Universum stattgefunden haben. Für die meisten Leser (und viele Autoren) ist diese Kontinuität eine Last: ein unüberschaubares, widersprüchliches und häufig chaotisches Archiv, das neue Leser abschreckt und die kreative Freiheit behindert.

Geoff Johns | Flash | DC
Geoff Johns | Flash | © DC

Johns sieht das anders. Für ihn ist sie das Wichtigste am Medium. Er meint damit die emotionale Bindung der Leser an die Figuren und ihre Geschichten. Viele wollten das um 1986 fast schon zwanghaft ändern, eine gute Idee war das aber nicht immer. Johns‘ Projekt ist deshalb auch das genaue Gegenteil davon. Er will die ursprüngliche Bedeutung dieser Bindung wiederherstellen, ohne alles in Grund und Boden zu stampfen.

Diese Methode ist in seiner Arbeit an Flash (DC Comics, ab 2000, hauptsächlich mit Scott Kolins), seinem ersten großen Werk, gut zu beobachten. Johns übernahm die Figur des dritten Flash – Wally West -, der seit 1986 in der Rolle seines verstorbenen Vorgängers Barry Allen operierte, und gab ihr zurück, was sie in den vorangegangenen Jahren verloren hatte: ein emotionales Innenleben, eine familiäre Verankerung sowie eine Gemeinschaft von Verbündeten und Gegenspielern. Dadurch erschien das Flash-Universum als eine logische Welt statt als Bühnenbild für einzelne Abenteuer. Johns nimmt also in dieser Phase keine großen mythologischen Umbrüche vor; aber er repariert Stück für Stück das soziale und emotionale Gewebe der Figur.

Das war keine kleine Sache, wie man an der Wirkung sieht. Sein Flash-Run ist einer der stärksten in der Geschichte des Titels. Die Figuren, die er in dieser Zeit entwickelte oder zurückbrachte, gehören zu den Besten. Besonders die Schurken, die Flash so berühmt gemacht haben.

Das emotionale Spektrum als Mythologie

Geoff Johns | Green Lantern | DC
Geoff Johns | Green Lantern | © DC

Johns‘ wichtigste Leistung als Autor ist die Serie Green Lantern (DC-Comics, ab 2004, zunächst mit Carlos Pacheco, dann mit Ivan Reis). Die Serie und der zugehörige Handlungsbogen, der sich über Jahre entwickelte und in Sinestro Corps War (2007), Blackest Night (2009–2010) sowie Brightest Day (2010–2011) gipfelte, ist das beste Dokument seiner mythologischen Methode und eines der strukturell kühnsten Projekte im amerikanischen Mainstream-Comic des frühen 21. Jahrhunderts.

Die Ausgangssituation ist folgende: Hal Jordan, der bekannteste Green Lantern und seit Jahrzehnten einer der zentralen DC-Helden, wurde in den 1990ern durch eine Reihe von Entscheidungen, die zu den umstrittensten der Branche gehören, zum Schurken gemacht, zum Massenmörder und schließlich getötet. Dieser Versuch der damaligen Autoren, die Figur zu „modernisieren“, wurde von vielen Lesern als Verrat wahrgenommen. Geoff Johns‘ gesamter Green-Lantern-Run ist letztlich eine Antwort auf diese Entwicklung: eine systematische Rückeroberung der Figur, ihrer Mythologie und ihrer moralischen Integrität.

Zur mythologischen Struktur von Johns‘ Green Lantern, 2004–2013

John verleiht Hal Jordan nicht nur durch die Handlung eine neue Bedeutung, sondern schafft auch ein frisches mythologisches Fundament für die Figur. Dadurch wirkt seine Rehabilitation wie eine Offenbarung.

Diese Arbeit basiert auf der Idee, dass die verschiedenen Farben im DC-Universum – Grün für Willenskraft, Gelb für Furcht, Rot für Wut, Orange für Gier, Blau für Hoffnung, Indigo für Mitgefühl, Violett für Liebe, Weiß für Leben und Schwarz für Tod – kein willkürliches System von Energiequellen darstellen. Sie repräsentieren ein konsistentes Modell des Kosmos, das alle Emotionen umfasst. Diese Vorstellung mag zunächst theoretisch erscheinen, aber ihre Ausführung ist beeindruckend und erinnert an Tolkiens Arda-Kosmos: eine Welt, die aus einem grundlegenden Prinzip ein ganzes Universum aus Charakteren, Konflikten und Bedeutungen erschafft.

Blackest Night ist der Höhepunkt dieser Konzeption und stellt eines der komplexesten Event-Narrative dar, die der amerikanische Mainstream-Comic je gesehen hat. In diesem apokalyptischen Ereignis kehren die Toten des DC-Universums als schwarze Lanterns zurück und nähren sich von den Emotionen der Lebenden. Die Geschichte umfasst zahlreiche Begleitausgaben, die alle von Johns koordiniert wurden. Dies belegt eindrucksvoll, dass Johns als Kreativdirektor von DC-Comics effektiv arbeiten kann. Am Ende erweist sich Blackest Night als ein eindrucksvolles Event, das den Erwartungen gerecht wird und gleichzeitig die Erzählungen der letzten fünf Jahre gut zusammenfasst. Solch ein Erfolg ist selten, wie später die Event-Phase von Brian Michael Bendis gezeigt hat.

Die Frage der Generationen

Ein häufiges Thema in den Werken von Johns, das jedoch oft nicht direkt benannt wird, ist die Weitergabe von Verantwortung zwischen den Generationen. Dabei steht im Mittelpunkt, welche Traditionen bewahrt werden und welche Veränderungen notwendig sind. Bereits während seiner Zeit bei JSA hat er sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Hierbei wird im Rahmen der Justice Society eine Verbindung zwischen den Helden des Zweiten Weltkriegs und ihren modernen Nachfolgern geschaffen. In Teen Titans (ab 2003, illustriert von Mike McKone) wird dieses Konzept auf eine andere Generation angewendet: Jugendliche wachsen im Schatten ikonischer Erwachsener auf und lernen, ihr eigenes Verständnis von Macht und Verantwortung zu entwickeln.

Zur Frage der Nostalgie

Geoff Johns | Teen Titans | DC
Geoff Johns | Teen Titans | © DC

In Interviews spricht Johns immer wieder über die persönliche Erfahrung des Todes seiner Schwester, die bei einem Flugzeugabsturz starb, als er noch jung war. Dieses Trauma lässt ihn darüber nachdenken, welches Erbe er seinen eigenen Kindern einmal hinterlassen möchte. Diese Frage zieht sich durch seine Werke, auch wenn er sie nie direkt beantwortet. In Johns‘ Universum sterben Superhelden nicht einfach, um dramatische Effekte zu erzielen. Wenn sie sterben oder zurückkehren, erleben die Menschen echte Trauer und echte Hoffnung.

In Action Comics und seiner Arbeit an Superman zeigt Johns, wie er mit dieser ikonischen Figur umgeht. Er präsentiert Superman als Idealfigur, als jemanden, der das Gute verkörpert. Das erfordert ein besonderes Fingerspitzengefühl, eine Fähigkeit, die nur wenige Autoren beherrschen. Johns ist einer von ihnen.

Der unterschätzte Aquaman

Geoff Johns | Aquaman | DC
Geoff Johns | Aquaman | © DC

Kein Werk veranschaulicht Johns‘ Methode so klar und unaufdringlich wie seine Arbeit an Aquaman (DC Comics, ab 2011, illustriert von Ivan Reis). Häufig machen sich Menschen darüber lustig, dass Aquaman mit Fischen spricht und nicht cool genug für einen Superhelden ist. Genau dieses Vorurteil nimmt Johns zum Thema seiner Geschichte. In der ersten Ausgabe sitzt Aquaman in einem Schnellrestaurant und hört zu, wie die Bedienung und andere Gäste über ihn lachen. Das ist mutig, denn es greift direkt das Denken der Leser (mich eingeschlossen) auf.

Johns behandelt die Figur mit dem nötigen Ernst und verleiht ihr wieder Würde. Atlantis wird als ein Königreich voller Geschichte, Politik und Kultur dargestellt. Arthur Curry ist ein Mensch, der sich in keiner Welt wirklich zuhause fühlt. Diese innere Zerrissenheit ist ein altes, aber bewährtes Motiv. Johns entdeckte es in einer Figur, in der es niemand erwartet hatte.

Johns als Kreativdirektor

Johns wurde 2010 Kreativdirektor von DC Comics. Er arbeitete an der Filmreihe des „DC Extended Universe“, die mit Man of Steel (2013) begann, und war überhaupt maßgeblich an der Entwicklung dieser Filmreihe beteiligt. Das war das komplizierteste Kapitel seiner Karriere. Er arbeitete jetzt nicht mehr als Autor, sondern als Institutionspolitiker, was viele Konflikte mit sich brachte.

Johns hat also bei der Planung von Batman v Superman: Dawn of Justice (2016) und bei der Entwicklung des DCEU-Gesamtkonzepts mitgeholfen. Diese Filmreihe erhielt von den Zuschauern stark unterschiedliche Bewertungen und zeichnete sich künstlerisch durch eine gewisse Uneinheitlichkeit aus. Johns legt Wert auf emotionale Zugänglichkeit, mythologische Würde und Staunen als legitime Kategorien. Dennoch entschieden sich die Filmproduktionen oft für eine entgegengesetzte Herangehensweise. Johns hat die Gründe für diese unerwarteten Differenzen nie vollständig öffentlich nachvollziehbar gemacht.

Geoff Johns | Doomsday Clock | DC
Geoff Johns | Doomsday Clock | © DC

2018 trat er von seiner Führungssrolle bei DC zurück. Die genauen Umstände sind nicht bekannt. In den 2010er Jahren gab es in der Branche viele Diskussionen über das schlechte Arbeitsklima. Johns‘ Beteiligung an den in dieser Zeit entstandenen Produktionen hat seinem Ruf erheblich geschadet. Auch wenn dies den Rahmen eines comichistorischen Essays überschreitet, lässt es sich nicht einfach ignorieren.

Nach seinem Rücktritt wandte sich Johns erneut der Kreativarbeit zu, beginnend mit Doomsday Clock (DC, 2017–2019, illustriert von Gary Frank). Er ging das Projekt mit derselben Entschlossenheit an, die er bereits während seiner Green-Lantern-Phase bewiesen hatte. Die Kritiker standen dem Werk jedoch skeptisch gegenüber. Doomsday Clock ist ein fehlerhaftes, aber dennoch ehrgeiziges Werk, das versucht, Moores in sich geschlossenes Universum in den DC-Mainstream zu integrieren. Dieser Versuch zeigt sowohl beeindruckende als auch problematische Aspekte und spiegelt weniger Johns‘ Fähigkeiten wider als die Herausforderungen der Aufgabe an sich.

Das Licht in der Dunkelheit

Unter den Autoren dieser Reihe ist Geoff Johns derjenige, dessen Stellung am stärksten von der Spannung zwischen seiner künstlerischen Arbeit und den institutionellen Verstrickungen geprägt ist. Seine Comics sind bemerkenswerte Beiträge zur Geschichte des Genres. Sie beweisen, dass man Tradition und Innovation elegant verbinden kann, ohne allzu stark auf Neuerungen zu drängen. Seine Werke unterstreichen, dass der Glaube an die emotionale Kraft der Superhelden-Mythologie eine würdige ästhetische Haltung ist und nicht als naiv abgetan werden sollte.

In den 2000er Jahren hat Johns dem DC-Universum etwas von dem zurückgegeben, was es nach Watchmen verloren hatte: die Fähigkeit, sich selbst ernst zu nehmen, ohne zynisch zu wirken. Er hat gezeigt, dass ein Mythos nicht nur dekonstruiert werden muss, sondern auch aus dem Inneren heraus verstanden und erweitert werden kann. Diese Möglichkeit wurde lange Zeit unterschätzt und verdient Anerkennung, unabhängig von Johns Entscheidungen jenseits seiner Tätigkeit als Comic-Autor.

Wenn man den institutionellen Rummel beiseitelässt, bleibt ein talentierter Schriftsteller, der an viele positive Werte glaubt. Er ist jemand, der Staunen als eine Form der Intelligenz ansieht und Hoffnung nicht als Schwäche betrachtet. In einer Branche, die das Dunkle über Jahrzehnte als Zeichen von Tiefe stellte, hat er stets daran festgehalten, dass Licht genauso vielschichtig sein kann wie Schatten. Alles hängt davon ab, was man sich vorzustellen vermag.

Chris Claremont & die politische Imagination des Superheldencomics

Chris Claremont

Suffolk, New York und die Herkunft eines politischen Auges

Christopher Simon Claremont, geboren am 25. November 1950 in Bury St Edmunds, Suffolk, England, wanderte als Kind mit seiner Familie in die USA aus. Das Gefühl der Fremde beeinflusste nachhaltig sein späteres Schaffen. Aufgewachsen in New York, studierte er am Bard College und begann in den 1970er Jahren als Redaktionsassistent bei Marvel Comics zu arbeiten. Im Jahr 1975 übernahm er die Serie Uncanny X-Men, die damals unter schwachen Verkaufszahlen litt. Unermüdlich schrieb er diese Serie bis 1991 weiter, eine nahezu beispiellose Leistung in der Geschichte der amerikanischen Seriencomics.

Chris Claremont während der Galaxy Con Richmond in Richmond, VA im März 2026
Chris Claremont während der Galaxy Con Richmond in Richmond, VA im März 2026

Um die Bedeutung dieser Leistung wirklich zu erfassen, sollte man sich die Situation der X-Men im Jahr 1975 vor Augen führen, als Claremont die Serie übernahm. Ursprünglich 1963 von Stan Lee und Jack Kirby ins Leben gerufen, wurde die Serie nach zwölf Jahren wegen schwacher Verkaufszahlen eingestellt und erschien nur noch in Sammelheften. Die Charaktere – Cyclops, Marvel Girl, Iceman, Beast und Angel – waren freundliche, aber generische Teenager, deren mutierte Besonderheit kaum mehr als ein erzählerisches Instrument war. Claremont nahm buchstäblich eine zum Stillstand gekommene Serie und verwandelte sie in das kulturell bedeutsamste Superhelden-Comic des späten 20. Jahrhunderts.

Claremont hatte kein Talent fürs Zeichnen, weil er ausschließlich Autor war. Auch technisch war er nicht besonders versiert. Dennoch brachte er eine politische Perspektive sowie das Verständnis mit, dass die Geschichte der X-Men eine Allegorie auf die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ist.

Die Allegorie und ihre Schärfung

Die X-Men als Bürgerrechts-Allegorie ist eine Interpretation, die ursprünglich von Lee und Kirby vorgeschlagen wurde. Dabei repräsentiert Professor X Martin Luther King und Magneto Malcolm X, und damit zwei unterschiedliche Ansätze im Umgang mit einer feindseligen Gesellschaft. Die der Assimilation und der Konfrontation. Diese Parallele wurde bewusst gewählt und galt für ihre Zeit als mutig. Dennoch wurde sie nicht umfassend ausgearbeitet. In den ersten zwölf Jahren blieb die Allegorie eher im Hintergrund, prägte die Handlung gelegentlich, stand jedoch nie im Mittelpunkt.

Days of Future past
©Marvel

Claremont rückte die Allegorie in den Mittelpunkt. Dadurch gewann sie an Schärfe, Vielschichtigkeit und politischer Aussagekraft. Er betrachtete die X-Men als Symbol für jegliche Art von Ausgrenzung. Bei Claremont steht die Verfolgung der Mutanten sowohl für Rassismus als auch für Homophobie, Sexismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Klassendiskriminierung – alles gleichzeitig, oft explizit und stets durchdacht. Diese erweiterte Allegorie ist der bedeutendste Aspekt seines politischen Beitrags, denn sie ermöglicht es vielen verschiedenen Menschen, sich in der Erzählung wiederzufinden.

Die Holocaust-Dimension, personifiziert durch die Figur des Magneto und systematisch entwickelt in der Genosha-Storyline sowie dem Handlungsbogen Days of Future Past (1981, illustriert von John Byrne), bildet den tiefgründigsten und historisch aufrichtigsten Aspekt des Werks. Magneto ist ein Überlebender des Holocaust. Claremont vertiefte diese Hintergrundgeschichte in mehreren Erzählungen, und heute ist sie so eng mit der Figur verknüpft, dass man leicht vergisst, dass sie ursprünglich nicht dazugehörte. Diese Erzählstruktur verändert Magneto grundlegend. Er ist ein Mensch, dessen Weltanschauung durch reale historische Ereignisse geprägt ist. Obwohl seine Methoden fragwürdig sind, trifft seine Analyse der Welt ins Schwarze.

Claremonts eigentliches Erbe

Days of Future Past, The Dark Phoenix Saga (1980), und God Loves, Man Kills (1982) gehören zu den Erzählsträngen, die in jeder Anerkennung von Claremonts Werk hervorgehoben werden, und das mit gutem Grund. Doch das wahre Fundament seines Vermächtnisses liegt in den subtileren und dauerhafteren Elementen: den Figuren, die er entwickelte, transformierte oder neu erfand und die heute zu den bekanntesten im amerikanischen Comicuniversum zählen. Ihre Weltanschauung wurde durch reale historische Erfahrungen geprägt. Seine Methoden mögen fehlerhaft sein, aber seine Analyse der Welt ist treffend. Im Jahr 1981 war diese Komplexität für Superheldencomics alles andere als selbstverständlich.

Diese Liste ist zwar nicht vollständig oder exakt, doch sie veranschaulicht etwas Besonderes. Chris Claremont hat nicht nur eine Comic-Serie geschrieben, sondern auch einen signifikanten Teil des menschlichen Inventars des Marvel-Universums geformt. Diese Einflussnahme erstreckt sich über sechs Jahrzehnte und ist in einigen der meistgesehenen Filme der Filmgeschichte klar erkennbar.

Storm - Marvel
© Marvel

Besonders wichtig ist die Qualität der weiblichen Figuren in seinem Werk, ein Aspekt, der in der Kritik viel Beachtung gefunden hat und durchaus verdient. In einer Branche, die Frauen oft als bloße Anhängsel oder Opfer darstellte, erschuf Claremont weibliche Charaktere mit eigenen Zielen, eigenem Willen, moralischer Vielschichtigkeit sowie physischer und psychologischer Stärke. Diese Charaktere ergänzten oft ihre männlichen Kollegen und übertrafen sie sogar. Unter Claremonts Feder wurde Storm zur würdevollsten, mächtigsten und vielschichtigsten Superheldin ihrer Zeit. Kitty Pryde, eine junge Figur, die Naivität, Mut, Verlust und Reife verkörpert, gehört zu den vollständigsten Coming-of-Age-Gestalten, die das Medium je hervorgebracht hat. Rogue, vollständig von Claremont erdacht, ist eine Figur, deren Unfähigkeit, jemanden zu berühren, so emotional resonant gestaltet ist, dass sie über Jahrzehnte hinweg nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat.

Sechzehn Jahre als Einheit

Die beeindruckende Länge von Claremonts Arbeit an den X-Men, mit 186 Ausgaben der Hauptreihe sowie zahlreichen zusätzlichen Ausgaben und Spin-offs, ist weit mehr als nur eine statistische Besonderheit. Diese Serie dient als Ausdruck seiner wichtigen Merkmale. Claremont ist wahrhaft ein Langstreckenläufer. Seine Geschichten erstrecken sich über Jahre anstatt über Monate, und die Entwicklung seiner Charaktere nimmt die notwendige Zeit in Anspruch. Die emotionale Wirkung vieler seiner eindringlichsten Szenen entsteht kumulativ; sie entfaltet sich, weil die Leser über Jahre hinweg mit den Figuren mitgefiebert haben.

Die Dark Phoenix-Saga exemplifiziert diese Methode perfekt. Jean Greys Wandel von der schüchternen Heldin Marvel Girl zur allmächtigen Phoenix und schließlich zur zerstörerischen Dark Phoenix ist das Resultat einer jahrelangen, behutsamen Charakterentwicklung. In dieser Zeit hat Claremonts Jean Grey eine emotionale Tiefe und psychologische Eigenständigkeit erlangt, die die Basis für ihre spätere Tragödie bildet. Der Tod am Ende der Saga ist eines der kraftvollsten Ereignisse in der Geschichte des Superheldencomics, da er sich unausweichlich anfühlt. wie das finale Kapitel einer langen, authentischen Geschichte und nicht lediglich wie ein Handlungskniff.

Zur Narratologie des langen Comicserienbogens

Die Frage des Schreibstils

Claremonts Schreibstil bleibt ein bemerkenswertes Diskussionsthema.. Er zeichnet sich durch ausführliche Texte, ausgedehnte innere Monologe und lange Dialogpassagen aus, die mit ihrer Dichte manchmal das Bildformat zu überfordern scheinen. Dieser Ansatz steht im deutlichen Gegensatz zum knappen, bildorientierten Stil, der die amerikanischen Superheldencomics seit Beginn des 21. Jahrhunderts prägt. Kritiker haben diesen Stil nicht selten als überladen angesehen und darauf hingewiesen, dass Claremonts Worte die Illustrationen seiner Künstler gelegentlich überwältigen.

Jedoch greift diese Kritik oft zu kurz. Claremonts Textfülle ist eine bewusste Entscheidung. Der innere Zustand einer Figur wird im Comic nicht nur durch das Bild, sondern auch durch das Wort vermittelt, wobei das Wort eine Tiefe erreichen kann, die das Bild allein nicht bietet. In seinen besten Momenten, wie bei Kitty Prydes Gedanken während ihrer ersten Begegnung mit dem Mutanten-Konzentrationslager in "Days of Future Past" oder Storms Reflexionen über ihre Gottheit-Metapher , wird diese Textfülle zu einem literarischen Werkzeug und nicht zu einer Schwäche.

In diesem Zusammenhang war die Zusammenarbeit mit John Byrne (1977–1981) die produktivste und spannendste Phase seiner Karriere. Byrne, ein Zeichner von beeindruckender Präzision und Ausdruckskraft, hatte eigene kreative Vorstellungen, die gelegentlich mit Claremonts Ansichten kollidierten. Besonders bei der Frage nach der Textmenge auf einer Comicseite. Dennoch erwies sich dieser Konflikt als kreativ bereichernd. Die gemeinsame Schaffensphase zählt zu den ausgewogensten in Claremonts gesamter X-Men-Ära, da Byrnes Gespür für visuelles Gleichgewicht Claremonts textliche Energie bändigte, ohne sie zu ersticken.

Das politische Manifest

God Loves, Man Kills
© Marvel

Marvel Super Heroes Secret Wars: God Loves, Man Kills (1982, illustriert von Brent Anderson) ist eines von Claremonts politisch direktesten Werken. Diese Graphic Novel erscheint außerhalb der regulären Kontinuität, was ihr eine Direktheit und Ernsthaftigkeit verleiht, die in der monatlichen Serie schwerer umzusetzen gewesen wäre. Die Geschichte handelt von einem religiösen Fundamentalisten namens William Stryker, der unter dem Deckmantel christlicher Moraltheologie einen Kreuzzug zur Vernichtung aller Mutanten organisiert. Sie bleibt erschreckend aktuell: Obwohl 1982 geschrieben, könnte sie heute im Kontext des amerikanischen Kulturkampfes unverändert neu veröffentlicht werden.

Was God Loves, Man Kills aus dem typischen Superheldencomic heraushebt, ist die Weigerung, die religiösen Themen zu vereinfachen. Stryker ist kein Heuchler, der seinen Glauben als Deckmantel nutzt; er glaubt wirklich an das, was er tut. Diese aufrichtige Überzeugung macht ihn gefährlicher als jeden Zyniker. Claremont stellt diesem Fanatismus die Figur eines schwarzen Priesters gegenüber, der denselben Glauben hat, ihn jedoch auf grundlegend andere Weise lebt. Durch diese Entscheidung wird die Kritik an Stryker nicht zu einer pauschalen Religionskritik. Diese Präzision zeigt einen politischen Autor, der sein Thema wirklich versteht.

Claremonts Abgang und seine Konsequenzen

Chris Claremonts Ausstieg aus der X-Men-Serie im Jahr 1991 geschah unter Umständen, die er als unfreiwillig beschreibt. Diese Kündigung war das Ergebnis von Auseinandersetzungen mit der Marvel-Führung bezüglich kreativer Kontrolle und Verlagspolitik. Diese Episode zählt zu den düstersten in der Geschichte des amerikanischen Comicverlagswesens, das ohnehin nicht an solchen Kapiteln spart. Claremont hatte sechzehn Jahre lang diese bedeutende Serie des Verlags betreut und wurde ohne angemessene Anerkennung oder Rechte an seinen Kreationen entlassen. Die rechtlichen und finanziellen Aspekte dieses Abschieds sowie die Frage nach den Verpflichtungen eines Autors gegenüber seinen Schöpfungen und eines Verlags gegenüber einem Autor bleiben Teil einer bis heute nicht abgeschlossenen Debatte.

Es steht fest: Die X-Men entwickelten sich nach Claremonts Abgang zu einem anderen Phänomen. Sie waren zwar kommerziell außerordentlich erfolgreich, aber inhaltlich stark entleert. Die 1990er Jahre der X-Men, geprägt von beeindruckenden visuellen Darstellungen, einer Vielzahl von Charakteren und einer komplexen Handlung ohne politischen Tiefgang, waren der direkte Gegensatz zu Claremonts Jahrzehnt: viel Oberfläche, wenig Substanz. Diese Phase machte das X-Men-Franchise zu einem der meistverkauften Comic-Titel aller Zeiten und reduzierte gleichzeitig den politischen Kern der Allegorie auf bloßes Dekor. In den 1990ern rückte die Frage, wie die X-Men visuell spektakulärer dargestellt werden können, in den Vordergrund und verdrängte die Überlegungen zu ihrem politischen Gehalt.

Claremonts spätere Rückkehr zu den X-Men in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren erreichte trotz vereinzelter Erfolge nicht mehr die Intensität seines ursprünglichen Schaffens. Das lag weniger an nachlassendem Talent als an veränderten Bedingungen in der Comicindustrie. Das monatliche Heftformat der 2000er erlaubte nicht mehr die Langzeitentwicklung, die sein Erzählstil benötigte, und die Kontinuität der Post-Millennial-X-Men war so komplex und widersprüchlich, dass kein Autor sie hätte vollständig klären können.

Die politische Grammatik des Mediums

Chris Claremont hat von allen Autoren dieser Essay-Reihe den größten Einfluss auf die Populärkultur ausgeübt, da seine Werke am weitesten verbreitet sind. Milliarden kennen Charaktere wie Wolverine, Storm, Rogue und Magneto durch Filme, Fernsehsendungen und Videospiele. Diese Darstellungen basieren letztendlich auf Claremonts Entscheidungen, die er in den Comics der späten 1970er- und 1980er-Jahre getroffen hat. Eine solche kulturelle Reichweite ist in der Geschichte der Comics beispiellos.

Wichtiger als diese Reichweite ist jedoch der Inhalt, der diese Figuren prägt. Claremont hat den Superheldencomics eine politische Dimension verliehen, indem er Themen wie strukturelle Unterdrückung, Identität und Zugehörigkeit ins Zentrum stellte, anstatt sie nur im Hintergrund mitschwingen zu lassen. Diese Themen haben bis heute Einfluss, auch in Werken, die nicht direkt von ihm stammen, und in Adaptionen, die diese politische Tiefe manchmal abschwächen oder vereinfachen. Sie sind fest in die Charaktere, ihre Herkunftsgeschichten, ihre Beziehungen zueinander und das Grundparadoxon ihrer Existenz als verfolgte Individuen eingebunden.

In einer von Männern dominierten Erzählform war Claremont der Erste, der systematisch und überzeugend die Frage nach dem Anderssein stellte. Für ihn war dies das zentrale moralische Anliegen des Genres. Sein herausragendes Vermächtnis besteht in der Überzeugung, dass Comics, oft als billige und verachtete Erzählform betrachtet, ein Medium sein können, in dem Amerika über sich selbst reflektiert. Diese Überzeugung hat Claremont über sechzehn Jahre hinweg mit seinen monatlichen Veröffentlichungen unter Beweis gestellt. Und dieser Beweis ist bis heute gültig.

Fiktion und Realität sind dasselbe Ding

Fiktion und Realität sind dasselbe Ding

Das Bewusstsein als Nadelöhr: Die Illusion der unmittelbaren Welt

Wenn wir die Augen öffnen, fühlt sich die Welt da draußen erschreckend unmittelbar an. Wir glauben, ein Fenster zur Realität aufzustoßen, durch das das Licht der Tatsachen ungefiltert auf die Netzhaut fällt und von dort direkt ins Bewusstsein wandert. Doch diese wahrgenommene Unmittelbarkeit ist eine der erfolgreichsten Täuschungen unseres Nervensystems.

Neurobiologisch betrachtet ist der Schädel eine dunkle, lautlose Höhle aus Knochen. Das Gehirn hat keinen direkten Kontakt zur Welt. Was es erreicht, sind keine Gegenstände, Farben oder Bedeutungen, sondern ausschließlich elektrische Impulsketten, eine Übersetzung von Reizen durch bioelektrische Potenziale. Das Gehirn sieht kein Haus, es hört keine Musik und es fühlt keinen Schmerz; es decodiert lediglich Datenströme.

Die kontrollierte Halluzination

Um in dieser Dunkelheit zu überleben, wartet das Gehirn nicht passiv darauf, dass die Sinnesdaten ein Bild zusammensetzen. Es arbeitet stattdessen als prädiktives System. Es generiert fortlaufend ein internes Vorhersagemodell der Welt, also eine Hypothesis darüber, was da draußen gerade geschieht. Die über die Sinne eingehenden Signale dienen dabei lediglich als Korrekturdaten für den Fehlerabgleich (Prediction Error).

Der Neurowissenschaftler Anil Seth bringt diese Funktionsweise prägnant auf den Punkt:

Wahrnehmung ist eine kontrollierte Halluzination.

Wenn wir uns auf ein Konstrukt einigen, das die eingehenden Sinnesdaten ausreichend gut erklärt, nennen wir es „Realität“. Weicht das Konstrukt eklatant von den Daten ab oder fehlen die externen Daten gänzlich, nennen wir es „Halluzination“ oder „Traum“. Qualitative Unterschiede in den Bausteinen gibt es jedoch nicht. Beide Zustände nutzen exakt dieselbe biochemische und neuronale Infrastruktur.

Anil K. Seth © Carlos Figueroa Rojas

Der gemeinsame Nenner im Geist

Ob wir also vor einem physischen Baum stehen, von einem Baum träumen oder in einem Roman eine meisterhafte Beschreibung eines Baumes lesen: In allen drei Fällen erlebt unser Bewusstsein das Endergebnis einer internen Rechenoperation.

Für die Neuronen, die dieses Erleben erschaffen, existiert die Unterscheidung zwischen „physischer Außenwelt“ und „innerer Vorstellung“ schlicht nicht. Die Qualia, d.h. die subjektive Erlebnisqualität eines Gedanken, eines Gefühls oder eines Bildes, ist im Bewusstsein in ihrer Beschaffenheit immer gleich real.

Das Bewusstsein ist das Nadelöhr, durch das alles hindurchmuss, um für uns zu existieren. Wenn aber jede Erfahrung, die wir je machen können, primär ein hausgemachtes Konstrukt unseres Gehirns ist, verliert die Behauptung, es gäbe einen harten, kategorialen Unterschied zwischen der „echten Welt“ und einer „erfundenen Erzählung“, ihr Fundament.

Die physikalische Außenwelt mag existieren, doch die „Wirklichkeit“, in der wir denken, fühlen und handeln, ist von der ersten Sekunde an eine Fiktion des Geistes.

Die Ontologie der Fiktion: Batman, Cäsar und die Macht der Wirkung

Wenn wir akzeptieren, dass unser Bewusstsein keinen direkten Draht zur materiellen Außenwelt besitzt, sondern ausschließlich intern generierte Modelle verarbeitet, gerät das klassische Realitätsverständnis ins Wanken. Wenn alles, was für uns existiert, zuerst das Nadelöhr der mentalen Repräsentation passieren muss, welches Recht haben wir dann, einer physisch greifbaren Entität mehr „Realität“ zuzusprechen als einer rein ideellen?

Hier stoßen wir auf die radikale Prämisse einer wirkungsbezogenen Seinslehre: Was wirkt, das ist.

Darstellung des Bewusstseins aus dem 17. Jahrhunderts von Robert Fludd

Das Phantom der historischen Substanz

Wir neigen dazu, Figuren der Weltgeschichte – wie Julius Cäsar, Napoleon oder Alexander den Großen – in eine kategorial andere Kiste zu stecken als fiktionale Charaktere wie Sherlock Holmes oder Batman. Cäsar, so das gängige Argument, hat schließlich geatmet, geblutet und den Rubikon überschritten. Er war „echt“.

Doch für uns im Hier und Jetzt ist diese physische Existenz Cäsars längst verdampft. Wir haben keinen Zugriff auf seinen biologischen Körper, keine sensorische Bestätigung seines Daseins. Alles, was uns von Julius Cäsar bleibt, ist ein komplexes Geflecht aus Sprache, Artefakten, Münzprägungen und narrativen Überlieferungen. Wenn wir an Cäsar denken, treten wir nicht in Kontakt mit einer historischen Materie, sondern mit dem Narrativ von Cäsar.

Cäsar existiert in unserem Bewusstsein als eine Ansammlung von Bedeutungen, Eigenschaften und Geschichten, genau wie jede andere fiktive Figur.

Wirkung als primärer Existenzbeweis

Nun könnte man einwenden: Aber Cäsar hat Spuren in der physischen Welt hinterlassen, Batman nicht! Doch hält dieses Argument einer genauen Betrachtung stand?

Batman verfällt nicht der Nichtexistenz, nur weil ihm eine historische DNA fehlt. Er existiert als hochgradig wirksame kulturelle und mentale Entität, mehr als die meisten angeblich historischen Figuren. Seine Idee bewegt seit fast einem Jahrhundert Millionen von Menschen. Er füllt Bibliotheken, steuert globale Wirtschaftskreisläufe im Wert von Milliarden Dollar, motiviert Menschen zu moralischem Handeln und prägt das ästhetische Gedächtnis ganzer Generationen.

Wenn ein Gedanke in der Lage ist, physische Handlungen in der echten Welt auszulösen, wenn Menschen wegen einer Idee Häuser bauen, Geld ausgeben, Kunst erschaffen oder ihr Verhalten ändern, dann besitzt diese Idee eine unumstößliche ontologische Realität.

Eine Erfindung, die das Verhalten von Menschen verändert, ist nicht ‚weniger real‘ als ein Stein, der auf dem Weg liegt. Der Stein blockiert den Schritt; das Narrativ lenkt die Richtung des Lebens.

Die Verwechselung von Trägermedium und Inhalt

Der Denkfehler liegt in der Verwechslung des Trägermediums mit der Sache selbst. Wir glauben, der Stein oder der biologische Körper sei das Einzige, was „wirklich“ ist. Doch im Bewusstsein regiert die Information, nicht die Materie, die sie transportiert..

Ob die Information über einen Mann, der im dunklen Umhang für Gerechtigkeit kämpft, aus der Feder von Bob Kane stammt oder die Information über einen Feldherrn aus den Memoiren von Plutarch, ist für die mentale Architektur unseres Geistes zweitrangig. Beide Figuren sind Konstrukte, die in den Köpfen der Lebenden auferstehen.

In dem Moment, in dem wir aufhören, Realität an tote Materie zu binden und sie stattdessen als das begreifen, was im Geist Wirkungskraft entfaltet, wird klar: Batman existiert und zwar genau an demselben Ort, an dem auch der Rest unserer Weltgeschichte stattfindet – im kollektiven Bewusstsein der Menschheit.

Geschichtsschreibung als Erzählkunst: Das Phantom der historischen Tatsache

Wenn der Zugriff auf die Vergangenheit nur über Narrative möglich ist, drängt sich die nächste Konsequenz auf: Die Geschichtsschreibung ist überhaupt keine Abbildung von Vergangenem (wie könnte sie auch?), sondern ein aktiver Prozess des Erfindens.

Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass ein Geschichtsbuch ein neutraler Spiegel der Wirklichkeit sei, ein Ort, an dem unumstößliche „Fakten“ sauber aneinandergereiht liegen. Doch Fakten stehen nicht roh in der Welt herum. Ein Faktum ist für sich genommen stumm, bedeutungslos und unvollständig. Erst wenn ein Bewusstsein die Fragmente aus Archiven, Knochenfunden und Papyrusfetzen auswählt, ordnet und in eine zeitliche Abfolge bringt, entsteht das, was wir „Geschichte“ nennen.

Geschichte ist niemals die Vergangenheit selbst. Geschichte ist immer ein Plot.

Das Diktat der Dramaturgie

Um aus dem chaotischen Ozean vergangener Mikromomente einen verständlichen Sinngehalt zu meißeln, greift die Historik zwangsläufig zu denselben Werkzeugen wie der Romanautor:

  • Selektion (Das große Vergessen): 99,9 % dessen, was in einer historischen Sekunde geschah (der Windhauch, der Husten eines Soldaten, das sprichwörtliche Umfallen eines Sackes Reis) wird gestrichen. Was bleibt, ist eine radikal gefilterte Auswahl.
  • Kausalität (Das Erfinden von Sinn): Historiker verbinden Punkt A mit Punkt B und behaupten: Weil A geschah, folgte B. Diese Kausalität ist jedoch kein physikalisches Gesetz, sondern eine im Nachhinein konstruierte Erzähllogik.
  • Dramaturgie (Anfang, Höhepunkt, Ende): Epochen wie die „Renaissance“ oder das „Mittelalter“ haben für die Menschen, die in ihnen lebten, nie existiert. Es sind nachträglich erfundene Kapitelüberschriften, um der zeitlichen Unendlichkeit eine verdauliche Struktur zu geben.

Der Historiker Hayden White hat in seiner wegweisenden Schrift „Metahistory“ aufgezeigt, dass historische Werke immer tief im Fiktionalen verwurzelt sind. Ob eine Epoche als Tragödie, Komödie, Satire oder Romantik erzählt wird, liegt nicht an den Daten, es liegt an der dramaturgischen Entscheidung desjenigen, der die Feder führt.

Das Historiker-Dilemma: Recherchierte Fiktion

Das bedeutet keineswegs, dass Historiker lügen oder wissenschaftliche Standards wertlos sind. Der Unterschied zwischen einem Geschichtsbuch und einem Fantasy-Roman liegt im Regelwerk der Recherche, nicht in der Natur des Endprodukts.

Das Geschichtsbuch ist eine streng reglementierte, von Fußnoten disziplinierte Fiktion, aber es bleibt ein Narrativ, eine Erfindung.

Wir können die Vergangenheit nicht wiederbeleben. Jeder Versuch, sie zu beschreiben, erschafft eine neue Fiktion in der Gegenwart. Was wir als „unsere Geschichte“ bezeichnen, ist ein ständig aktualisiertes Drehbuch, das wir uns selbst erzählen, um zu verstehen, wer wir heute sein wollen, oder besser: die uns erzählt wird, damit wir wissen, was wir als Futter einer skrupellosen Obrigkeit zu tun haben und entsprechend handeln.

Wer also behauptet, die „Realität“ der Vergangenheit stehe im kategorialen Gegensatz zur Fiktion, übersieht oder ignoriert die Bauweise unseres Geistes. Wir können Wirklichkeit überhaupt nur begreifen, indem wir sie in eine Geschichte verwandeln.

Intersubjektive Fiktionen: Das unsichtbare Fundament der Gesellschaft

Wir neigen zu der Annahme, dass Dinge wie Staaten, Gesetze, Währungen oder Menschenrechte feste Bestandteile der realen Welt sind. Wir spüren ihre Auswirkungen jeden Tag. Doch wenn man mit einem Mikroskop oder einem Teilchenbeschleuniger nach einem „Staat“ oder einem „Euro“ sucht, wird man kein einziges Atom davon finden.

Sie sind, historisch und philosophisch betrachtet, reine Erfindungen unseres Geistes.

Ein Stein fällt zu Boden, egal ob ein Mensch hinsieht oder nicht. Er ist objektiv. Mein persönlicher Zahnschmerz existiert nur für mich. Er ist subjektiv.

Ein 100-Euro-Schein hingegen ist ein gutes Beispiel. Physikalisch betrachtet handelt es sich nur um ein bedrucktes Stück Baumwollpapier. Es hat kaum einen materiellen Wert. Dasselbe gilt für ein Gesetzbuch oder eine Landesgrenze. Dass wir für dieses Papier Brot, Kleidung oder ein Auto bekommen, liegt einzig und allein daran, dass Millionen von Menschen an dieselbe Geschichte glauben.

Geld ist der erfolgreichste Fiktionsroman der Menschheitsgeschichte. Es funktioniert nur so lange, wie alle Beteiligten an seinen Plot glauben.

Wenn die Fiktion die Materie dominiert

Harari und andere Kulturphilosophie-Konstruktivisten haben gezeigt, dass die größte Errungenschaft des Homo sapiens nicht das Handhaben von Werkzeugen ist, sondern das Erfinden von Welten.

Erst dieser kollektive Fiktionsglaube ermöglichte es uns, über Stammesgrenzen hinweg mit Millionen von Fremden zu kooperieren:

  • Unternehmen (wie Google oder Disney): Es sind rechtliche Fiktionen. Selbst wenn alle Gebäude brennen und alle Mitarbeiter gleichzeitig gekündigt werden, existiert das rechtliche Konstrukt in den Köpfen weiter.
  • Menschenrechte: Weder die Physik noch die Evolution kennt „Rechte“. Sie sind ein erfundener, aber wunderbarer Mythos, den wir uns erzählen, damit ein friedliches Zusammenleben (zumindest in der Theorie) gelingt.
  • Nationen: Grenzen sind keine feinen roten Linien auf dem Erdboden, sondern narrative Vereinbarungen auf Landkarten.

Die Verschmelzung von Illusion und Wirklichkeit

Wenn aber die Grundpfeiler unseres gesamten Zusammenlebens – Politik, Ökonomie, Recht, Moral – auf erfundenen Narrationen basieren, bricht die Behauptung zusammen, es gäbe eine von Fiktionen gereinigte „echte Realität“.

Die physische Materie ist lediglich die Leinwand; die Fiktion ist das Bild, das wir darauf malen. Wir bewegen uns nicht in einer Welt aus Steinen und Pflanzen, es ist eine Welt aus Bedeutungen, Mythen und Geschichten.

Ob diese Geschichte von Homer stammt, im Gesetzblatt steht, von Historikern aufgeschrieben wurde oder in einem Comicheft über Gotham City gedruckt ist: Sie alle gehorchen demselben Prinzip. Sie sind Konstrukte unseres Bewusstseins, die das menschliche Schicksal lenken.

Die Befreiung der Wirklichkeit

Wenn wir die Puzzleteile unserer Betrachtung zusammenfügen, löst sich das vermeintliche Dilemma zwischen Fiktion und Realität auf, aber nicht, weil wir die Welt an die Illusion verloren hätten, sondern weil wir das Wesen unseres Geistes begreifen.

Von den bioelektrischen Impulsen in den dunklen Wänden unseres Schädels über die mythologische Strahlkraft einer popkulturellen Ikone bis hin zu den unsichtbaren Pfeilern unserer Ökonomie und Geschichte: Wir leben nicht in einer Welt der Erzählungen, da gibt es keine „Dinge“.

Die Behauptung, dass es keinen kategorialen Unterschied zwischen Fiktion und Realität gibt, ist daher keine Absage an die Wahrhaftigkeit unseres Lebens. Sie ist eigentlich die Anerkenntnis unserer ontologischen Verfassung. Wir können eine Wirklichkeit nicht greifen, weil das Bewusstsein selbst ein Geschichtenerzähler ist. Was wir „Realität“ nennen, ist schlicht das kohärenteste, wirksamste und kollektiv am stärksten verhandelte Narrativ, das uns zur Verfügung steht.

Das Erkennen dieser Fiktionalität bedeutet kein Abgleiten in den Nihilismus. Es ist ein Akt der Befreiung. Es zeigt uns, dass die Welt da draußen kein starrer, unveränderlicher Granitblock ist, sondern ein dynamisches Gewebe aus Ideen, Bedeutungen und Interpretationen.

Wenn unsere Realität genauso erfunden ist wie jede andere Erzählung auf dieser Welt, dann tragen wir als Geschichtenerzähler auch die Verantwortung für die Welten, die wir erschaffen. Batman, Julius Cäsar, Micky Maus, Napoleon, das Geld in unserer Tasche und die Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit teilen sich denselben Schauplatz: das menschliche Bewusstsein.

Wir sind nicht bloß passive Zuschauer in einem ohnehin nicht fertigen Universum. Wir sind die Autoren der Wirklichkeit.

Invincible – Ein Liebesbrief ans Genre

Invincible

Der Sohn des Helden

Mark Grayson ist siebzehn Jahre alt, als er zum ersten Mal fliegt. Sein Vater Nolan, auch bekannt als Omni-Man, ist der mächtigste Held der Erde und hat ihm versprochen, dass dies eines Tages geschehen würde. Die Kräfte kommen von Nolans Seite. Er ist Viltrumit, Angehöriger einer außerirdischen Kriegerrasse, und Mark trägt das entsprechende genetische Erbe in sich. Er nimmt den Namen Invincible an, und ist erstmal von seinen neuen Fähigkeiten begeistert.

So beginnt Robert Kirkmans Comic Invincible, der anfangs noch so sonnig und harmlos erscheint wie ein Superman-Comic aus dem Silbernen Zeitalter. Ein junger Mann erhält außergewöhnliche Kräfte, wird ein Held, kämpft gegen Schurken, besucht die Schule und verliebt sich. Kirkman liebt diese Tradition, so wie alle, die mit ihr aufgewachsen sind. In 144 Ausgaben zerlegt und setzt er diese Erzählung neu zusammen, ohne dabei zynisch zu wirken. Das ist das Besondere an Invincible im Vergleich zu anderen Superhelden-Dekonstruktionen. Es ist ein Ausdruck echter Zuneigung.

Die Idee

KIRKMAN, WALKER UND OTTLEY

Robert Kirkman Autor (alle 144 Ausgaben)

Vor Invincible ein weitgehend unbekannter Comicautor aus Kentucky. Nach Invincible und parallel durch den Erfolg von The Walking Dead  einer der einflussreichsten Comicschöpfer seiner Generation. Kirkman schrieb über fünfzehn Jahre lang jede einzelne Ausgabe selbst. Das ist im modernen Comicbetrieb fast beispiellos.

Cory Walker / Ryan Ottley Zeichner (Gründungsphase & Hauptserie)

Walker zeichnete die ersten sieben Ausgaben und gab der Figur ihr visuelles Fundament: hell, klar, mit einem Optimismus in der Linie, der dem Ton entspricht. Ryan Ottley übernahm ab Ausgabe #8 und blieb bis fast zum Ende. Sein Stil reifte mit der Serie, wurde dunkler, präziser, fähig zu einer Gewalt, die die frühen Hefte nicht kannten.

© Image Comics

Kirkmans Arbeit als Autor bleibt über 144 Ausgaben hinweg bemerkenswert beständig. Von der ersten bis zur letzten Ausgabe hat die Figur sich weiterentwickelt: Sie ist älter geworden, hat geliebt, Menschen verloren, getötet, Fehler gemacht und daraus gelernt. Diese Qualität ist nur möglich, wenn eine einzige Person die Geschichte entwirft. Kirkman hatte alles bereits Jahrzehnte im Voraus geplant. Was in Ausgabe #100 geschieht, war schon in der ersten Ausgabe vorgesehen

In den frühen Ausgaben brachte Ryan Ottley die Geschichte mit einer klaren, freundlichen Linie zu Papier, typisch für Zeichner, die Helden im Teenageralter porträtieren. Die späteren Ausgaben zeigen erheblich mehr Brutalität und eine größere Bereitschaft zur Darstellung von körperlicher Zerstörung. Das ist in diesem Genre selten. Gewalt stellt hier die bereits erwähnte Konsequenz dar.

Der Schatten der Vorbilder

Man merkt sofort, dass Mark Grayson aus zwei Welten kommt. Er hat die Power von Superman, kämpft aber mit denselben Alltagsproblemen wie der junge Peter Parker. Von Superman hat er die außerirdische Abstammung, die physische Überlegenheit und die Verpflichtung gegenüber der Menschheit als Wahlheimat geerbt. Von Spider-Man hat er das jugendliche Alter, den Schulalltag, und die emotionalen Komplikationen des Superheldenlebens innerhalb eines menschlichen Biotops.

Kirkman hat seine Vorbilder immer offen gefeiert. Das war bei Invincible von Anfang an so gewollt. Bei Watchmen von Alan Moore hingegen war das anders. Da wurden die Vorbilder erst durch die Mangel gedreht und dann zerstört. Kirkman wollte mit seiner Version zeigen, was passieren könnte, wenn die Geschichten nicht so verlaufen, wie sie anfänglich scheinen.

Invincible ist nicht als Kritik an Superman oder Spider-Man gedacht. Dennoch könnten echte Liebhaber des Genres sich fragen, welche Kosten damit verbunden wären, würden diese Helden wirklich existierten.

Die Antwort, die Kirkman gibt, bestimmt das Herz der Serie: Es würde alles kosten. Doch Mark Grayson entschließt sich, trotz der Herausforderungen weiterzumachen. Hier liegt der maßgebliche Unterschied zu Werken wie Watchmen, Spawn und vielen anderen Dekonstruktionen. Invincible verharrt nicht im Nihilismus oder in der Tragödie. Hier geht es die Überzeugung, dass Heldentum möglich ist, selbst wenn man die Kosten kennt. Vielleicht gerade dann.

Der Vater, das Trauma

Man muss sich das mal vorstellen: Ein netter Kerl flog durch die Gegend, genoss seine beeindruckenden Kräfte, und ab und zu gab es etwas Highschool-Drama. Doch dann kam Ausgabe #12, die unter Fans ehrfürchtig als „The Omni-Man Issue“ bekannt ist.

© Image Comics

In dieser Ausgabe passiert etwas, das bis heute nachwirkt. Nolan Grayson, der einst glorreiche Über-Vater, enthüllt eine erschütternde Wahrheit: Er ist kein Beschützer, sondern der Vorbote einer brutalen Invasionsarmee. Was folgt, ist kein gewöhnlicher Comic-Kampf, bei dem man sicher sein kann, dass alles gut ausgeht. Nolan prügelt seinen eigenen Sohn beinahe zu Tode und tötet dabei Tausende Unschuldige.

Die Gewalt in dieser Ausgabe war für 2004 im Mainstream-Comic beispiellos, abgesehen von Vertigo-Titeln. Ryan Ottley zeichnete Körper, die zu Blutlachen wurden, und Mark, der durch Gebäude geschleudert wird, immer wieder aufsteht und erneut zu Boden geht. Er zeichnete Nolan mit dem Gesicht eines Vaters, der zwischen zwei Welten zerrissen ist und die falsche Entscheidung getroffen hat. Genau das hebt die Serie über reine Unterhaltung hinaus. Der Antagonist dieser Geschichte wird geliebt, was den Schmerz unerträglich macht.

Die Reaktion

Was Kirkman zeigt

Körperlicher Schaden

Mark heilt zwar, aber langsam, und mit Narben. Kämpfe kosten Wochen der Erholung. Der Körper erinnert sich an all das, was er erdulden musste.

Moralische Schuld

Mark tötet, manchmal ist das falsch, manchmal notwendig, aber immer hat es Konsequenzen. Das Genre erlaubt das selten so offen.

Psychisches Trauma

Verrat durch den Vater, eigene Fehler, viele Tote durch seine falschen Entscheidungen. Mark trägt das alles sichtbar mit sich herum.

Identitätskrise

Halb-Viltrumit, Sohn eines Verräters, Held einer Welt, die ihn fürchtet. Mark weiß nie ganz, wer er ist.

Beziehungskosten

Amber, Eve, die Unmöglichkeit eines normalen Lebens. Kirkman zeigt, was Superhelden-Romantik wirklich bedeutet.

Zeit

Wir sehen Mark nicht als ewigen Teenager. Er wird erwachsen, er gründet eine Familie, er wird alt.

Die Liste hebt das wahre Alleinstellungsmerkmal von „Invincible“ im Superhelden-Comic hervor: Kontinuität als emotionale Wahrheit.Charaktere bei den großen Verlagen sterben und kehren zurück, Beziehungen werden auf Anfang gesetzt, und Traumata geraten in Vergessenheit, da die Figuren aus kommerziellen Gründen konstant bleiben müssen. Mark Grayson hingegen gehört Kirkman. Er konnte mit ihm verfahren, wie er wollte, und dabei lagen ihm Konsequenzen am Herzen. Jede Entscheidung hat Gewicht. Jede Niederlage hinterlässt Spuren. Jeder Sieg hat seinen Preis.

Die wichtigste Figur neben Mark Grayson

© Image Comics

Die Architektur von Invincible verdeutlicht, dass Samantha Eve Wilkins (Atom Eve) mehr ist als nur eine Nebenfigur; sie ist vielleicht sogar die interessanteste Persönlichkeit der gesamten Gruppe. Während Marks Konflikte häufig physischer Natur sind, steht Eve vor einem Dilemma, das direkt zu den wesentlichen Fragen der Science-Fiction führt: Was tut man mit der Fähigkeit, die Welt auf molekularer Ebene verändern zu können? Ihre Entwicklung ist ein Paradebeispiel für „organisches Wachstum“ in der Stoffentwicklung. Kirkman gestand selbst ein, dass er erst lernen musste, diese Figur richtig zu schreiben, und das wird im Text auf positive Weise deutlich. Eve beginnt als typische Teenager-Heldin und entwickelt sich konsequent zu einer Frau, die ihre eigenen moralischen Grenzen erkundet.

In der zweiten Hälfte der Serie (etwa ab Ausgabe #50) gewinnt sie an psychologischer Tiefe, die Mark oft erst viel später erreicht. Sie fungiert als der emotionale Anker der Serie und bewahrt sie davor, nur in reine Action abzurutschen. Durch Eve zeigt Kirkman, was Superhelden-Romantik wirklich bedeutet, wenn man den Kitsch weglässt: die harte Arbeit an einer gemeinsamen Identität unter schwierigen Bedingungen.

Die beste Superhelden-Adaption seit Jahren

Die Animationsserie auf Amazon Prime, die 2021 debütierte, ist ebenfalls bemerkenswert. Sie erkennt, warum das Original so effektiv ist, und überträgt dieses Verständnis erfolgreich in das neue Medium, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Showrunner Simon Racioppa hat die Struktur von Kirkman beibehalten und sie durch die Auswahl beeindruckend geeigneter Sprecher noch verstärkt. Die deutsche Synchronisation wirkt im Vergleich dazu etwas steif.

Der unabhängige Weg

Kirkman startete seine Karriere mit einer halbmythischen List. Er reichte Battle Pope und später Invincible bei Image Comics ein, indem er behauptete, es handle sich um Independent-Comics mit einem bereits lizenzierten Science-Fiction-Hintergrund. Zu dieser Zeit akzeptierte Image nur Fortsetzungen existierender Charaktere. Diese Geschichte ist nicht vollständig bestätigt, hat aber jahrelang in der Comicszene die Runde gemacht, und Kirkman hat sie nie eindeutig widerlegt.

Das Creator-Ownership-Modell von Image, das McFarlane mit Spawn etabliert hatte, machte Invincible überhaupt erst möglich. Kirkman behielt die Rechte an seinem Werk. Er konnte den Charakter altern lassen und ihn, falls nötig, sogar sterben lassen. Ausgabe #144 konnte als wirkliches Ende geschrieben werden, da niemand außer ihm daran interessiert war, die Serie aus rein kommerziellen Gründen fortzusetzen.

Optimismus als radikale Position

Zwischen den düsteren Dekonstruktionen eines Rorschach, der brachialen Ästhetik von Spawn oder der moralischen Ambivalenz einer Catwoman nimmt Invincible eine durchaus provokante Sonderrolle ein. Kirkman liefert uns hier nämlich etwas, das im Superhelden-Genre nach den 1980er Jahren fast als naiv galt: einen authentischen Optimismus.

Das Spannende daran ist jedoch: Dieser Optimismus ist nicht wohlfeil. Er wird nicht durch das Ausblenden von Gewalt erkauft, sondern durch das Überwinden von Gewalt. Während Alan Moore in Watchmen das Genre dekonstruierte, um seinen inhärenten Zynismus zu enthüllen, stellt Kirkman die Frage nach dem „Danach“. Kennt ein Held all den Dreck, den Verrat und die physische Zerstörung, würde dieser trotzdem weitermachen?

Mark Graysons Antwort darauf ist ein entschiedenes Ja. Medienhistorisch betrachtet ist das eine weit interessantere Haltung als purer Nihilismus. Kirkman zeigt über 144 Ausgaben, dass Reife nicht zwangsläufig in Zynismus münden muss. In einer Branche, die oft von einer „ewigen Gegenwart“ lebt, in der sich nichts wirklich ändert und Tode nur vorübergehend sind, setzt er auf radikale Konsequenz. Mark altert, er scheitert, er trägt Narben, und genau deshalb ist seine Entscheidung am Ende bedeutsam.

Als Mark Grayson am Ende der Hauptserie mit Mitte dreißig zum letzten Mal in die Lüfte steigt, repräsentiert er einen Menschen, der das Superhelden-Emblem trägt und nun das volle Gewicht seiner Verantwortung begreift.

Robert Kirkman und Ryan Ottley haben hier ein Werk geschaffen, das parallel zum Protagonisten gewachsen ist. Invincible hat eine besondere Bedeutung, da es das Genre aus einer tiefen Zuneigung heraus beleuchtet, anstatt es distanziert zu kritisieren. Es zeigt, dass die Wahrheit über die Herausforderungen des Heldendaseins erzählt werden kann, ohne dabei den Glauben an die heldenhafte Idee zu verlieren. Am Ende steht nicht Zynismus, sondern die Erkenntnis, dass der Einsatz trotz aller Herausforderungen lohnenswert ist.

Rorschach – Die Maske schaut zurück

Rorschach Alan Moore

Was die Gosse aus ihm machte

Watchmen #6
Watchmen #6,© DC

Walter Kovacs wurde in eine Welt geboren, die keine Verwendung für ihn hatte. Als Sohn einer Prostituierten wuchs er in einer namenlosen Umgebung auf, wurde misshandelt und verwahrloste schließlich. Für ihn gab es nie ein Vorbild für das, was einen Menschen ausmachen könnte. Als junger Mann wurde er dann mit einem Fall konfrontiert, der in der Geschichte des Superhelden-Comics einzigartig ist: dem Mord an Kitty Genovese – oder vielmehr der comiceigenen Version davon. Bei diesem grausamen Mord sahen achtunddreißig Zeugen zu, ohne einzugreifen. Walter Kovacs nähte sich aus dem Kleid des Opfers eine Maske. Und hörte von da an auf, Walter Kovacs zu sein.

Das Geniale und zugleich Erschreckende an Moores Erzählweise ist die Rolle des Psychiaters Dr. Malcolm Long. Er versucht, Rorschach zu „heilen“, blickt aber so tief in dessen nihilistische Weltanschauung, dass sein eigener bürgerlicher Optimismus daran zerbricht. Moore nutzt hier ein literarisches Werkzeug, das wir in der Medienwissenschaft als „unzuverlässiges Erzählen“ oder „perspektivische Korrosion“ bezeichnen. Rorschachs Stimme ist so eindringlich, dass sie den Leser (und den Psychiater) langsam vergiftet.

Tagebucheintrag · Rorschach · Watchmen #1

„Heute Morgen lag ein Hundekadaver in der Gasse,
Reifenspuren auf seinem geborstenen Bauch.
Diese Stadt fürchtet mich. Ich sah ihr wahres Gesicht.“

Die Tagebucheinträge, die sich durch die zwölf Ausgaben von Watchmen ziehen, sind Ausdruck von Rorschachs unverwechselbarer Sprache. Diese zeigt sich komprimiert, verzichtet auf Artikel und bewegt sich zwischen poetischer Dichte und psychopathologischen Symptomen. Sie spiegeln einen Geist wider, der die Welt auf ihre schärfsten Konturen reduziert hat: Schwarz und Weiß. Kein Grau. Niemals Grau.

Moore & Gibbons

Alan Moore Autor

Er ist der einflussreichste Comicautor der Nachkriegszeit. Mit Watchmen verfolgte Moore eine klare Absicht. Er wollte das Superhelden-Genre dekonstruieren, seine Gewaltfantasien hinterfragen und seine moralischen Gewissheiten zerstören. Rorschach war dabei sein schärfstes Werkzeug, und wie ein gewaltiger Berg lag das Risiko eines Missverständnisses bereits vor ihm.

Dave Gibbons Zeichner

Gibbons‘ Beitrag zu Watchmen ist kaum zu überschätzen. Sein striktes 9-Panel-Raster, seine akribische visuelle Konsistenz und die symmetrischen Seitenlayouts sind vollendete inhaltliche Entscheidungen. Die Form des Comics spiegelt Rorschachs Weltbild wider: rigide, unerbittlich und ohne Ausbrüche ins Chaotische.

Mr A, in einem Panel aus „Witzend“ Nr. 4, 1968. Zeichnung von Steve Ditko.
Mr A, in einem Panel aus „Witzend“ Nr. 4, 1968. Zeichnung von Steve Ditko.

Moore übernahm die Idee für Rorschach von zwei älteren Figuren. Da ist einmal The Question, den Steve Ditko für Charlton Comics zeichnete, ein Journalist ohne Gesicht, der nach streng objektivistischen Prinzipien handelt. Später hat Ditko für seine eigenen unabhängigen Veröffentlichungen Mr. A. geschaffen, einen Helden, der buchstäblich in Schwarz und Weiß gedruckt war und für den moralische Grautöne nicht existierten.

Moore erkannte in Ditkos Figuren eine philosophische Position, nämlich den Objektivismus nach Ayn Rand, der die Überzeugung vertritt, dass Moral absolute Gewissheiten besitzt und Kompromisse moralisches Versagen bedeuten. Moore beschloss, diese Position zu Ende zu denken. Was passiert, wenn man einen Menschen erschafft, der wirklich ohne Grauzonen lebt? Die Antwort ist Rorschach. Und diese Antwort ist erschreckend.

Die Maske

Rorschachs Maske zählt zu den durchdachtesten visuellen Kreationen der Comicwelt. Aus zweischichtigem Latex gefertigt, zeigt sie ein Tintenmuster, das sich ständig verändert und auf Temperatur sowie Druck reagiert. Dieses symmetrische Muster ist an den Rorschach-Test angelehnt und besitzt keine feste Bedeutung, wodurch es alles symbolisieren kann, was der Betrachter hineininterpretiert.

Das ist Moores elegantester Trick. Die Maske spiegelt zurück. Was Rorschach als Figur bedeutet, hängt vom Betrachter ab und von den Mustern, die er in der Symmetrie zu erkennen glaubt. Ein Fan, der ihn als kompromisslosen Helden sieht, erkennt darin sein eigenes Weltbild. Ein Kritiker hingegen, der ihn als Faschisten betrachtet, sieht darin seine eigene Angst widergespiegelt. Moore benannte die Figur bewusst nach diesem Phänomen, in der Hoffnung, dass die Leser den Witz verstehen würden. Viele taten es jedoch nicht.

Gibbons zeichnete die Maske sehr genau. In ruhigen Momenten sind die Muster offen und unscharf. In Momenten der Wut oder Gewalt werden sie zu harten, schwarzen Flecken. Sie zeigen einen Hund, der auf dem Asphalt liegt. Sie zeigen auch die Maschinerie, die ihn dorthin gebracht hat. Und sie zeigen eine Frage, die aufkeimt, wenn man lange genug hinsieht.

Die Philosophie, die Moore widerlegte

Um Rorschach wirklich verstehen zu können, muss man erneut einen genauen Blick auf Steve Ditko werfen. Diesmal sollte der Fokus nicht auf seiner Rolle als Schöpfer von Doctor Strange liegen, sondern auf ihm als politischem Philosophen, der Comics als Ausdrucksmittel nutzt. Ditkos Figur Mr. A, die er 1967 für eigene Publikationen außerhalb des Mainstreams entwickelte, stellt die kompromissloseste Form des Ayn-Rand-Objektivismus dar. Dieser Held wurde ausschließlich in Schwarz-Weiß abgebildet und trägt eine Visitenkarte mit einer schwarzen und einer weißen Hälfte bei sich. Für ihn existieren keine Graustufen oder Kompromisse zwischen diesen beiden Extremen.

Gibbons/Moore
Gibbons/Moore

Ditko glaubte fest an seine Überzeugungen und lebte konsequent danach, indem er sich aus der Comicbranche zurückzog und das Leben eines Einsiedlers wählte, als diese seine Weltanschauung nicht akzeptierte. Mr. A war ein philosophisches Manifest in Comicform, dessen kompromisslose Art zugleich Bewunderung und Unbehagen hervorrief.

Moore griff diese Figur und ihre Philosophie auf und fragte sich: Was geschieht mit jemandem, der auf diese Weise denkt? Nicht in einer idealisierten Welt, sondern in unserer realen Welt, mit einer bestimmten Kindheit, mit Traumata, einem bestimmten Körper und einer persönlichen Geschichte? Die Antwort findet sich in Walter Kovacs. Es führt zu Wahnsinn und Gewalt.

Ditko & Moore

Der Held, den Moore nicht erschuf

Alan Moore hat in Interviews immer wieder betont und mit zunehmender Dringlichkeit darauf hingewiesen, dass Rorschach als Kritik gedacht ist und keineswegs als Vorbild. Er äußerte, dass es ihn beunruhigt, wenn Leser Rorschach als Helden betrachten, da dies zeigt, wie bereitwillig Menschen faschistische Rhetorik akzeptieren können, wenn sie in eine ansprechende ästhetische Form gehüllt ist. Laut Moore ist Rorschach ein gestörter Mensch, der schreckliche Taten vollbringt und sich dabei auf eine Philosophie stützt, die ihre eigene Engstirnigkeit fälschlicherweise als Überlegenheit versteht.

Nichtsdestotrotz schuf Moore eine faszinierende Figur. Er verlieh ihr eine unverwechselbare Stimme, die von rauchiger, verdichteter Poesie geprägt ist. Rorschach wurde mit einem Hintergrund versehen, der Mitgefühl hervorruft. Moore gab ihm auch den einzigen Moment echter moralischer Integrität in Watchmen, nämlich den Moment, in dem er sich weigert zu schweigen, selbst wenn Schweigen Millionen Leben retten könnte.

Moore kreierte Rorschach als Warnung vor dem Faschismus der unverrückbaren Überzeugungen und schenkte ihm gleichzeitig die tiefgründigste Stimme im Buch. Mit dieser Herangehensweise wollte er zeigen, dass Personen mit absoluten moralischen Überzeugungen potenziell gefährlich sein können. Doch tat er das mit solch einem Maß an Einfühlungsvermögen und poetischer Kraft, dass die Warnung für viele Leser in Bewunderung umschlug. Dies betrifft nicht nur Watchmen; diese Herausforderung begegnet jedem Autor, der überzeugend einen beängstigenden Charakter erschafft. Was geschieht, wenn die Überzeugung die Angst übertrifft?

Die Philosophie der Kompromisslosigkeit

Rorschachs Weltanschauung ist in sich geschlossen und logisch. Er betrachtet die Welt als ein moralisches Schlachtfeld, auf dem es lediglich Gewinner und Verlierer gibt. Jemand, der zusieht, während ein Verbrechen geschieht, ohne einzugreifen, ist genauso schuldig wie der Täter selbst. Das ist seine Überzeugung. Wer Verbrecher schützt, wird selbst zum Verbrecher. Und wer mit dem Bösen Kompromisse eingeht, um Gutes zu erreichen, hat das Böse bereits akzeptiert.

Diese Perspektive ist von erschreckender Klarheit und bringt einen hohen Preis mit sich, den Alan Moore deutlich herausstellt. Um die Welt nur in Schwarz und Weiß zu sehen, musste Walter Kovacs aufhören, Menschen als solche wahrzunehmen. Für ihn existieren lediglich Täter und Opfer, Schuldige und Unschuldige. Es gibt keine Umstände, die das Bild verzerren könnten, keine hintergründige Komplexität. Diese Vereinfachung verwandelt einen Menschen in eine Maschine.

Dave Gibbons hat diese Philosophie in ein visuelles System umgesetzt. Das strikte 9-Panel-Raster von Watchmen wird nur selten durchbrochen. In den Panels, die Rorschach zugeordnet sind, herrscht die strikteste und unerbittlichste Ordnung. Die Darstellung Rorschachs ist so rigide wie sein Denken. Durch diese Struktur drücken die Bilder aus, was Moore mit seinem Text verdeutlichen will: Dieser Geist kennt weder Freiräume noch Gnade.

Er stirbt, weil er recht hat

Rorschachs Tod am Ende von Watchmen gehört zu den am gründlichsten entwickelten und tragischsten Momenten der Geschichte. Ozymandias hat einen Plan ausgeheckt, um Millionen zu opfern und dadurch Milliarden zu retten – eine Ethik, die auf Zweckmäßigkeit in einem apokalyptischen Ausmaß beruht. Alle anderen Figuren akzeptieren diesen Kompromiss, schweigen und leben weiter. Doch Rorschach weigert sich. Er ist entschlossen, sein Tagebuch zu veröffentlichen. Er wird die Wahrheit enthüllen. Er wird nicht schweigen, selbst wenn sein Schweigen die Welt retten könnte.

Rorschach
Rorschach, © DC

Dr. Manhattan tötet ihn auf seinen eigenen Wunsch hin. Rorschach fordert seinen Tod, da er weiß, dass er nicht anders kann, als die Wahrheit zu sagen. Und er stirbt in dem Moment, in dem seine kompromisslose Moral von ihm verlangt, das Richtige zu tun. Er ist der Einzige, der nicht lügt. Er bleibt seinen Überzeugungen bis zum Ende treu. Er stirbt, weil er im Recht ist.

Moore betrachtet diesen Tod nicht als Sieg. Er präsentiert ihn als Tragödie. Ein Mensch, dessen zerrüttete Weltsicht ihm das Leben unmöglich machte, stirbt gerade dann, als seine Sichtweise moralisch gerechtfertigt ist. Dies ist ein Nachruf auf die Opfer, die das Streben nach Absolutem fordert.

Vor den Masken und danach

Im Jahr 2012 veröffentlichte DC „Before Watchmen“, eine Reihe von Prequel-Miniserien, die sämtliche Watchmen-Charaktere beleuchten, darunter auch Rorschach. Alan Moore widersetzte sich diesem Projekt, beteiligte sich nicht daran und bezeichnete es als ethisch fragwürdig. Er vertritt die Ansicht, dass „Watchmen“ ein abgeschlossenes Kunstwerk ist, und dass Fortsetzungen oder Prequels reine kommerzielle Ausbeutung ohne künstlerische Notwendigkeit darstellen. Und natürlich hat er Recht.

Die Mini-Serie Before Watchmen: Rorschach von Brian Azzarello und Lee Bermejo ist handwerklich gut gemacht, bietet jedoch inhaltlich keine großen Überraschungen. Sie behandelt einen jungen Walter Kovacs, der Verbrecher jagt, selbst Gewalt anwendet und die Welt in Schwarz und Weiß sieht. Zwar greift sie die von Moore geschaffene Figur auf, jedoch fehlt der Kontext, der sie erst bedeutsam macht. Ein Rorschach ohne „Watchmen“ ist lediglich ein weiterer Vigilant; innerhalb von „Watchmen“ hingegen verkörpert er eine tiefgreifende Philosophie über Überzeugungen.

Damon Lindelofs HBO-Serie „Watchmen“ stellt dagegen die bisher interessanteste Auseinandersetzung mit Rorschachs Charakter nach dem Original dar. Lindelof zeigt, was geschieht, wenn Rorschachs Ideologie von weißen Rassisten übernommen wird, die seine Maske als Symbol für eine vermeintlich „reine“ Wahrheit in einer multikulturellen Gesellschaft nutzen. Dies entspricht Moores Warnung konsequent: Eine Ideologie der absoluten Überzeugung kann von jedem vereinnahmt werden, der glaubt, die absolute Wahrheit zu besitzen, und das birgt immer Gefahren.

Der Spiegel, der zurückschaut

Rorschach ist wohl neben dem Punisher einer der größten Missverständnisse in der Geschichte der Superheldencomics. Die Tatsache, dass die Figur oft als Held interpretiert wird, obwohl sie als Warnung gedacht war, sagt mehr über das Genre und seine Leser als über die Figur selbst. Es illustriert, wie das Superheldengenre so stark auf die Idee des kompromisslosen, moralisch überlegenen Einzelkämpfers fixiert ist, dass diese Figur letztlich als Held wahrgenommen wird, selbst wenn der Autor alle Mühen unternimmt, sie als das eigentliche Problem darzustellen.

In diesem Zusammenhang kann man Rorschachs Experiment als gelungen betrachten, wenn auch nicht in der von Moore beabsichtigten Weise. Moore wollte die zugrunde liegende Ideologie entlarven, am Ende legte er jedoch die Sichtweise der Leser offen. Wer Rorschach als Helden betrachtet, zeigt völlig offen seine eigene Perspektive. Das ist der wahre Rorschach-Test, den das Comic durchführt.

Er stirbt im Schnee und sein Tagebuch liegt in der Redaktion

Walter Kovacs fertigte seine Maske aus dem Stoff eines ermordeten Kindes an. Er trug sie bis zu seinem Lebensende, entschlossen, sie niemals abzunehmen, da ihm das Gesicht darunter weniger real erschien als die sich verändernden Muster im Stoff. Für ihn war die Maske sein wahres Ich.

1986 schufen Alan Moore und Dave Gibbons eine Figur, die den Kern des Superhelden-Genres infrage stellte. Das Genre reagierte darauf, indem es diese Kritik ignorierte. Heute ist Rorschach auf T-Shirts, Tattoos und Avataren präsent, ein Symbol, dessen wirkliche Bedeutung verblasst ist. Das ist Moores Albtraum, demonstriert jedoch auch seine Richtigkeit. Die Bedeutung der Muster entsteht erst durch die Betrachtung.

Das Tagebuch liegt in der Redaktion des New Frontiersman. Ob es je veröffentlicht wird, lässt Moore offen. Rorschach ist tot. Aber die Maske lebt weiter. Und sie schaut zurück.

. . .

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.