Superman – Der Mann aus Stahl

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Ein merkwürdiges Schauspiel bot sich auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von Action Comics im April 1938 seinen Lesern. Ein seltsam gekleideter Mann mit rotem Umhang hielt ein ganzes Auto über seinen Kopf.

Auf seiner Brust prangte ein rotes “S” auf gelbem Grund. Der Stil mag sich im Laufe der Jahrzehnte geändert haben, aber der Mann aus Stahl wurde immer in den gleichen Farben gezeigt: rot, gelb und blau.

In einer stillen Nacht im Jahr 1933, irgendwo in einem Vorort von Cleveland, saß ein 18-jähriger Junge namens Jerry Siegel schlaflos in seinem Zimmer. Draußen rauschte der Wind durch die Baumwipfel, und das Dröhnen der Großen Depression hing über der Stadt wie ein bleierner Nebel. Drinnen, bei schwachem Licht, tippte Jerry fieberhaft auf seiner Schreibmaschine. Es war keine gewöhnliche Geschichte, die er da schrieb. Es war die Geburt eines Traums, und der Anfang einer Legende.

Ein Mann, stärker als jede Maschine, schneller als jede Kugel. Ein Mann, der fliegen konnte. Der Kammern durchblickte, Berge versetzte und nie aufgab. Superman.

Doch er kam nicht allein zur Welt. Neben Jerry Siegel stand ein schüchterner junger Mann mit Brille, der schlecht sah und besser zeichnete als sprach: Joe Shuster. Gemeinsam formten sie das, was bald das Rückgrat einer ganzen Industrie sein sollte, das Urbild des modernen Superhelden.

Am Anfang war Superman kein Held. In der allerersten Version war er ein Telepath, ein finsterer Diktator mit übermenschlichen Fähigkeiten. Doch das hielt nicht lange. Siegel erinnerte sich später:

„Ich setzte mich einfach hin und schrieb eine Geschichte dieser Art – nur war in dieser ersten Geschichte der Superman ein Bösewicht.“

Es war eine andere Nacht, nicht lange danach, als Jerry das Herz der Figur entdeckte.

„Eines Nachts, als mir all diese Gedanken durch den Kopf gingen, kam mir das Konzept, dass Superman eine doppelte Identität haben könnte […]. Die Heldin in dieser Geschichte würde denken, er sei ein Waschlappen; dennoch wäre sie verrückt nach diesem Superman-Charakter.“

Clark Kent – der tollpatschige, verlegene Reporter – war Jerry selbst. Und Superman war das, was er sich wünschte zu sein. Stark. Bewundert. Unbesiegbar. Joe, der fast blind war und sich kaum traute, mit Mädchen zu sprechen, erkannte sich in Clark ebenfalls wieder.

„Ich war zurückhaltend, trug eine Brille, war sehr schüchtern gegenüber Frauen“, erinnerte er sich später. „Das Kostüm wurde inspiriert von den Kostümbildern, die sie in Fairbanks zum Karneval gemacht hatten.“

Doch wie bringt man einen Halbgott unter die Leute, wenn kein Verlag an ihn glaubt? Die beiden schickten ihre Idee an Dutzende Redaktionen. Keine wollte ihn. „Anfangs wurden wir von fast jedem Comic-Verlag im Land abgelehnt“, sagte Siegel nüchtern.

Fünf Jahre nach jener ersten Nacht griff schließlich der junge Verlag Detective Comics zu. Für 130 Dollar verkauften Siegel und Shuster die Rechte an ihrer Schöpfung. 1938 erschien Superman in Action Comics #1 – und veränderte das Medium für immer.

Superman Strip
Superman Strip © DC

Artefakte der Populärkultur müssen in ihrem jeweiligen sozialen und politischen Kontext analysiert werden, um die Dimensionen ihrer Bedeutung wirklich zu erkennen und zu verstehen. “Superman” als Ikone der Nachkriegszeit kann in einem solchen Kontext verstanden werden, denn in Fernsehsendungen, Filmen, Comics und anderen Formen der Massenunterhaltung sind immer auch Vorstellungen davon eingebettet, wie die Mitglieder einer Gesellschaft ihr Leben führen sollten.

Die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit, verbunden mit Verbesserungen in der Massenkommunikation, machten populäre Figuren wie Superman zu idealen Trägern kultureller Propaganda.

Als Teil der amerikanischen Kultur ist Superman zugleich Kinder- und Erwachsenenphantasie, mythischer Held und Gott. Er verkörpert in der kollektiven Wahrnehmung die “bewundernswertesten” Eigenschaften des amerikanischen Charakters, steht aber bei näherer Betrachtung auch für viele Brüche und Neurosen der amerikanischen kulturellen und sozialen Psyche.

Die Welt lag in Trümmern, der Zweite Weltkrieg stand bevor. Die Menschen brauchten Helden. Superman war stark, klar, gerecht – das Gegenteil der unübersichtlichen Wirklichkeit. Ein Kind vom zerstörten Planeten Krypton, das auf der Erde ein Zuhause fand. Einer, der sein Anderssein zum Guten nutzte. In seinen Geschichten rettete er nicht nur Leben, er stand für Prinzipien. Wahrheit, Gerechtigkeit, und Hoffnung.

In der Nachkriegszeit eroberten Superman Comics, Radio, Zeichentrickfilme, Kinos und 1951 auch das Fernsehen. Die Serie “The Adventures of Superman” setzte sich durch und wurde die am zweithäufigsten ausgestrahlte Serie in der Geschichte des Mediums.

Die enorme Popularität der Fernsehserie spiegelte den Erfolg der Ikone in anderen Medien wider, allerdings ohne die Kontroversen, unter denen die Comicindustrie zu leiden hatte. Obwohl Superman als einer der “saubersten” Comic-Helden galt, wurde er, wie andere Comic-Helden auch, in der Nachkriegszeit von Eltern und Kinderpsychiatern heftig angegriffen.

Man machte sich große Sorgen darüber, dass Comics Kinder überall vor den Augen ihrer Eltern verderben könnten. Man befürchtete, dass Kinder sich verletzen könnten, wenn sie versuchten, wie ihr Lieblingsheld zu fliegen. Oder dass sie durch Comics sexuell pervers und gewalttätig würden.

Angesichts der unglaublich gewalttätigen Zeit, die in der Realität gerade zu Ende gegangen war, scheint es, dass die Sorge der Erwachsenen um die Kinder (verstärkt durch das Ideal einer intakten Familie in der Nachkriegszeit), gepaart mit Angst und Schuldgefühlen nach dem Krieg, auf die Comics projiziert wurde. Die Erwachsenen schienen unfähig, Gewalt in der Realität zu verhindern, aber sie konnten zumindest verhindern, dass ihre Kinder sie in Form von Comics konsumierten und erlebten.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde Superman größer als seine Schöpfer. Er überlebte Kriege, Generationen, und Genrewechsel. In den 1970ern begann seine Menschlichkeit hervorzutreten. Er zweifelte, zögerte, war zerrissener als zuvor. Dann, 1992, geschah das Undenkbare: Superman starb. The Death of Superman zeigte ihn im tödlichen Kampf gegen das Monster Doomsday, und es war ein globales Medienereignis, das Fragen nach Vergänglichkeit und Heldenmut stellte.

Doch wie alle Mythen kehrte auch Superman zurück. Immer wieder. In Kingdom Come trat er gealtert, desillusioniert, aber mit ungebrochener Integrität auf. In Injustice wiederum wurde er zum Despoten – ein gebrochener Held, der sich selbst verlor. Die moderne Welt hat neue Fragen, neue Ängste, neue Moralvorstellungen – und Superman reagiert auf sie.

Was sich nie ändert, ist der Kern. Superman ist das Gute, das in uns steckt, wenn wir uns entscheiden, es zu leben. Er ist der Fremde, der nicht dazugehört, und trotzdem sein Leben für andere gibt. Vielleicht, weil er tief in sich weiß, was es heißt, allein zu sein.

Jerry Siegel und Joe Shuster, die beiden Jungen aus Cleveland, bekamen nie den Lohn, der ihnen zustand. Sie mussten Jahrzehnte kämpfen, um als offizielle Schöpfer anerkannt zu werden. Erst 1975, nach öffentlichem Protest, wurden ihre Namen in die Comics aufgenommen und ihnen eine kleine Rente zugesprochen. Doch was sie schufen, überstieg Geld und Ruhm. Es wurde ein Stück Weltkultur.

Die Idee von Superman als Golem und Moses

Die Idee von Superman selbst wird oft missverstanden. Viele denken, er sei Teil der Idee einer höher entwickelten Spezies. Aber in Wirklichkeit war er genau das Gegenteil. Sowohl Shuster als auch Siegel waren Juden, Söhne von Einwanderern, und Superman entlehnten sie der jüdischen Mythologie. Die Judenverfolgung in Deutschland stand ebenso Pate wie die Verhältnisse in der Sowjetunion und in Mussolinis Italien. Superman war der Retter, für den sie alle beteten, ein Held, der eintrat, um den Hilflosen zu helfen.

Siegel bekannte später:

“Was hat mich dazu bewogen, in den frühen 30er Jahren Superman zu erschaffen? Von der Vernichtung und der Abschlachtung hilfloser, unterdrückter Juden im nationalsozialistischen Deutschland zu hören und zu lesen… Filme zu sehen, in denen die Schrecken und die Entbehrungen der Unterdrückten gezeigt wurden. Ich hatte den großen Drang, den unterdrückten Massen irgendwie zu helfen. Aber wie konnte ich ihnen helfen, wenn ich mir selbst kaum helfen konnte? Superman war die Antwort.”

Die meisten Juden kennen die Geschichte des Golem, eines Mannes, der im 16. Jahrhundert von Rabbi Loew in Prag aus Schlamm geformt wurde. Loew hauchte der Kreatur durch hebräische Beschwörungsformeln Leben ein und sandte sie aus, um die Menschen zu beschützen. Superman hat eine ähnliche Funktion, auch wenn seine Geschichte etwas anders ist. In seiner Biographie finden sich nämlich auch Bezüge zur Geschichte von Moses.

Nach dem Buch Exodus wurde Moses von seiner besorgten Mutter am Ufer des Nils ausgesetzt, wo ihn die Tochter des Pharaos im Schilf fand. Und Superman wurde vom Planeten Krypton weggeschickt, weil seine Familie wollte, dass er überlebt. Und wie Moses, der sein Volk befreite, kämpft Superman für diejenigen, die nicht für sich selbst kämpfen können. Interessanterweise heißt er eigentlich Kal-El. Die hebräische Endung bedeutet “Gott”.

Superman wurde zum Symbol. Die Nazis hielten ihn für gefährlich, Joseph Goebbels schrieb in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps, Siegel sei “geistig und körperlich verkrüppelt”.

Amerikas liebster Superheld ist ein Immigrant. Das hilft, seinen außergewöhnlichen Erfolg zu erklären, den er seit über 80 Jahren hat. Amerika ist eine Nation, die sich aus Menschen aus der ganzen Welt zusammensetzt, die ihre Ideen vermischen und so etwas Neues schaffen. Supermans doppelte Identität ist der Grund, warum er die amerikanische Kultur verkörpert. Er entkam den Gefahren seiner Heimat, integrierte sich in eine andere Kultur und traf dann die Entscheidung, denen, die ihn aufnahmen, Sicherheit zu geben und seine Kraft für das Gemeinwohl einzusetzen.

Ice Cream Man

ice cream man

Ice Cream Man ist eine laufende Horror-Anthologie-Reihe, die seit 2018 bei Image Comics erscheint. Geschrieben wird die Serie von W. Maxwell Prince, für die Zeichnungen ist Martín Morazzo verantwortlich und Chris O’Halloran ist für die Kolorierung zuständig.

Im Zentrum steht eine auf den ersten Blick harmlos wirkende Figur: ein fröhlicher Eisverkäufer namens Rick – der titelgebende „Ice Cream Man”. Doch Rick ist weit mehr als ein gewöhnlicher Verkäufer süßer Leckereien. Er ist ein übernatürliches Wesen, das wie ein Trickster, Dämon oder gar Gott agiert. In jeder Ausgabe begegnet er anderen Menschen in verschiedenen Kleinstädten Amerikas und bringt Chaos, Tod, Wahnsinn und metaphysischen Horror mit sich.

Image Comics

Jede Ausgabe erzählt eine in sich geschlossene Geschichte. Mal geht es um einen Jungen, dessen Eltern von seiner Spinne mumifiziert wurden. Ein anderes Mal um eine verlorene Kindheit, eine kaputte Ehe oder ein Leben, das durch Drogen, Einsamkeit oder Schuld zerbricht. Die Geschichten sind lose miteinander verbunden, vor allem durch den Ice Cream Man selbst und seinen mysteriösen Gegenspieler Caleb, der offenbar eine Art Ordnung in den Wahnsinn bringen will – eine Art Cowboy des Lichts.

Das Besondere an dieser Serie ist die Mischung aus klassischer Horror-Anthologie mit einer eigenen übergeordneten Mythologie. Jede Geschichte funktioniert zwar für sich, aber wer die Serie regelmäßig verfolgt, erkennt ein sich entfaltendes Universum, das sich langsam aber sicher offenbart.

Der Horror ist nicht immer blutig, sondern oft psychologisch, surreal und philosophisch – mit Anleihen aus der Literatur von Lovecraft, Shirley Jackson und David Lynch. Auch Einflüsse aus moderner Popkultur wie Creepshow, Black Mirror oder The Twilight Zone sind spürbar.

Martín Morazzo’s Zeichenstil erinnert an eine Mischung aus Frank Quitely (All-Star Superman) und Geoff Darrow (Hard Boiled) – klar, detailreich und oft grotesk. Morazzo gelingt es, alltägliche Szenen durch minimale Verschiebungen ins Unheimliche zu kippen. O’Hallorans Kolorierung verstärkt das: Die grellen, manchmal fast bonbonfarbenen Töne wirken wie Zuckerguss über einem fauligen Kern.

In einer Ausgabe sehen wir etwa eine komplett in Gedichtform erzählte Geschichte, in einer anderen wird die Struktur eines „Choose Your Own Adventure“-Hefts übernommen. Form und Inhalt sind immer wieder experimentell und brechen die vierte Wand, lassen Panels zerfließen oder manipulieren das Seitenlayout.

Ice Cream Man ist mehr als nur Horror – es ist eine düstere, oft zynische Bestandsaufnahme amerikanischer Gesellschaft. Die Serie beschäftigt sich mit Sucht und Isolation, Kindheitstraumata, psychischer Krankheit, dem Verlust von Identität, Technologie- und Medienkritik, Religiöser Symbolik und metaphysischer Leere. Der Horror wirkt deshalb so nachhaltig, weil er nicht einfach aus der Ecke springt, sondern tief in der Lebensrealität der Figuren verankert ist. Oft ist der Ice Cream Man nur ein Katalysator, der bereits vorhandene Risse sichtbar macht. Damit ist das hier keine Serie für schnelle Schocks, sondern ein subtiles, oft verstörendes Spiegelbild unserer Ängste, Verluste und inneren Dämonen – verpackt in kunstvoll komponierte Einzelgeschichten, die mal zum Weinen, mal zum Würgen, selten zum Lachen bringen. Wer Horror liebt, der sich mit existentialistischem Schrecken, literarischem Anspruch und formaler Kreativität verbindet, findet hier eine der stärksten und originellsten Comicreihen der letzten Jahre.

Hellboy – Ein echtes Höllenkind

Wenn man Mike Mignolas Hellboy nur aus den Spielfilmen kennt, kennt man nur einen Aspekt der Figur, die hier mit einem anderen Auge gesehen wird. Während der erste Film von  2004 noch Teile aus Saat der Zerstörung, Der Teufel erwacht und verschiedenen anderen Passagen der Storylines der Comics enthielt, ist die Fortsetzung Hellboy II: Die goldene Armee aus dem Jahr 2008 fast völlig unabhängig davon.

Der Anfang von Hellboy war nur ein Witz

Hellboy, Ersentwurf

Erschaffen hat die Figur der Autor und Künstler Mike Mignola. Sie erschien zum ersten Mal in der Ausgabe 2 der San Diego Comic-Con Comics (August 1993), veröffentlicht von Dark Horse Comics.

Tatsächlich aber hatte die erste Skizze, die für die Great Salt Lake Comic Con 1991 vorgestellt wurde, kaum etwas mit der heute berühmten Figur zu tun. Sie zeigt einen behaarten, fast höhlenmenschenartigen Dämon mit vier Hörnern, Flügeln und einer Krabbe und einem Fisch an seinen Gürtel. Auf dem Gürtel stehen die Worte „Hell Boy“. Mignola hielt nicht viel von dieser Skizze und tatsächlich war der Name für ihn nur ein Witz. In einem Interview sagte Mignola:

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Constantine – Der Hellblazer

Hellblazer

Constantines Herkunft scheint so willkürlich und lächerlich, wie die Figur selbst beständig und mürrisch ist. Die Hauptverantwortlichen für seine Erschaffung machen unterschiedliche Aussagen über seine Eigenschaften, aber alle sind sich einig, dass er wie Sting aussieht.

© Glenn Fabry

Constantine erschien zum ersten Mal auf den Seiten der Comic-Saga Swamp Thing im Juni 1984, kurz nach dem Ende der Welttournee von Police für ihr Album Sincronicity. Swamp Thing stammte damals aus der Feder des britischen Autors Alan Moore, der noch zwei Jahre davon entfernt war, mit Watchmen zum Comic-Superstar zu werden. 1984 war er noch ein relativ unbekannter britischer Autor, der mit seiner dekonstruktivistischen und mystischen Sicht auf Swampy einen Kulterfolg landete. Ihm zur Seite standen die amerikanischen Künstler Stephen Bissette und John Totleben. Beide waren von Sting besessen.

Bissette sagt, er habe Moore gebeten, eine Figur zu schaffen, die Sting ähnlich sieht. Karen Berger, die Redakteurin der Serie, erzählte, dass es Totleben war, der von Stings Darstellung eines möglicherweise dämonischen Betrügers im Film Brimstone and Treacle von 1982 begeistert war. Moore erzählte dem Comics Journal, dass er die Wünsche der Künstler nur zum Spaß erfüllte. Und so tauchte in einer Szene von Swamp Thing No. 25 eine namenlose Figur auf, die Sting ähnelte. Das hätte das Ende sein können.

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Doc Savage – Das Vorbild aller Superhelden

doc savage

Comics sind seit dem letzten Jahrhundert ein beliebtes fiktionales Medium, und die Erfindung von Superman wird oft als Grundstein der Branche angesehen. Doch bevor der Mann aus Stahl sein Debüt feierte, gab es einen anderen comicartigen Helden, der das Genre anführte: Doc Savage aus den Pulp-Magazinen. Pulp-Magazine waren in den 1930er Jahren die beliebteste Form der gedruckten sequentiellen Kunstgeschichte, bevor Marvel und DC das Medium dominierten.

Doc Savage Magazine, März 1933, „The Man of Bronze“, illustriert von Walter M. Baumhofer.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gehörten Pulp-Helden wie Zorro, Das Phantom, Tarzan, den Shadow und Flash Gordon zu den Helden, zu denen junge Leser in ihren Zeitschriften aufschauten. Im Jahr 1933 lernte die Öffentlichkeit den Mann kennen, der zum Aushängeschild des Pulp Fiction Magazins werden sollte: Doc Savage. Einer der Hauptunterschiede zwischen Savage und seinen Vorgängern war sein Sinn für Modernität, seine Weltoffenheit und die Idee eines Menschen, der sich nicht von den Umständen bestimmen lässt.

Pulp Fiction richteten sich an ein älteres Publikum als die Superhelden und wurde in Magazinen, Zeitungsstrips und als Romanen veröffentlicht. Savage selbst wurde von dem Verleger Henry W. Ralston und dem Herausgeber John L. Nanovic bei Street & Smith Publications in seiner eigenen Serie, dem Doc Savage Magazine, herausgegeben. Das Genre war viel direkter und ehrlicher als manche Superheldengeschichten.

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Tales from the Crypt

Wenn das Grauen spricht

Tales from the Crypt #1 © EC Comics

In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt – dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.

Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein simpler Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten „Horror-Anthologie-Comics“, die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten – makaber, blutig, oft mit einer ironischen Pointe – wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.

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Der Zauberer von Rummelsdorf

Zauberer von Rummelsdorf

Obwohl Spirou nicht von Franquin erfunden wurde, ist es kein Geheimnis, dass er die Figur mit etlichen weiteren Charakteren umgab und die Comics rund um den Pagen und seinen Freund Fantasio zu einem Klassiker der Franko-Belgischen Schule machte. Der Zauberer von Rummelsdorf stellt im Spirou-Kosmos auch gleich eine Revolution dar, denn es ist das erste große Abenteuer der beiden Helden.

Spirou und Fantasio beschließen, in der Nähe des kleinen Dorfes Champignac (das bei uns nun „Rummelsdorf“ heißt) zelten zu gehen. Durch die Übersetzung geht einerseits die Verniedlichung der Champagne verloren, die auch gleichzeitig eine Anspielung auf die Zauberpilze ist, mit denen wir es hier unter anderem zu tun bekommen. Trotzdem darf man mit „Rummelsdorf“ zufrieden sein, denn in klanglicher Hinsicht passt er natürlich besser in den Titel, als wenn irgendeine erzwungene Übersetzung hier versucht hätte, das Wortspiel zu retten.

Dort angekommen, entdecken sie Schweine in allen Farben und schwarzen Tupfen, Kühe, die plötzlich anfangen, ungenießbare Milch zu geben, und beschließen, einem Zigeuner zu helfen, der vom Bürgermeister von Rummelsdorf der Hexerei beschuldigt wird. Sie lernen auch den Grafen von Rummelsdorf kennen, eine exzentrische Person, die ein Schloss mit einem riesigen Park bewohnt. Es ist eine stimmungsvolle Anlehnung an Graf Dracula und den ländlichen Sujets von Agatha Christie, ohne dass dies etwa gleich augenfällig würde.

Eines Nachts wird Fantasio entführt. Spirou findet heraus, dass der Graf dafür verantwortlich ist, um sein Produkt X1 an ihm zu testen. Damit ist klar, dass er der Verantwortliche der Phänomene im gemütlichen Dorf ist. Denn irgendwie hat das alles mit den merkwürdigen Pilzen zu tun, die überall dort wachsen, wo etwas Sonderbares passiert ist.

„Bangebüchse“ als Referenz an Sugar Ray Robinson

Das Serum, das er X1 nennt, verleiht Fantasio übermenschliche Kräfte, doch die Wirkung hält nur etwa 36 Stunden an. Um die Bauern von Rummelsdorf für die Experimente an deren Tiere zu entschädigen, wendet der Graf das Produkt an sich selbst an, und reist zu verschiedenen Sportwettkämpfen, die er alle mühelos gewinnt und die jeweiligen Preisgelder einheimst.

Tatsächlich wird er von dem Kleinkriminellen Herkules entdeckt, in dessen Laden sich die Banditen Natan (der im Original Narcisse heißt, weil er stets vor einem Spiegel steht und sich die Augenbrauen zupft) und Valentino verstecken. Von dem Banditen verachtet, stiehlt Herkules X1 und X2, letzteres ein furchterregendes Mittel, das den Betreffenden in einer Stunde um siebzig Jahre altern lässt. Mit einer List sorgt er dafür, dass Valentino und Natan sich gegenseitig X2 spritzen, während er mit dem X1 im Blut Banken ausraubt. Spirou und Fantasio fangen ihn schließlich, als die Wirkung des Mittels nachlässt, während der Graf ein Heilmittel für X2 findet, das Natan und Valentino wieder in ihre Kindheit zurückversetzt. Irgendetwas geht bei ihm also immer schief, auch wenn die eingeschlagene Richtung stimmt.

Das Skript des Albums wurde von einem gewissen Jean Darc (in Wirklichkeit Henri Gillain, Lehrer und Bruder des Zeichners Jijé, der die Serie von 1943 bis 1946 übernahm) geschrieben, der sich bei der Gestaltung seines Rummelsdorf von seinem Heimatdorf in Luxemburg inspirieren ließ, während Franquin das Schloss Skeuvre in Natoye (Provinz Namur, Belgien) zum Vorbild nahm, um das Herrenhaus des Grafen zu entwerfen.

Das Schloss von Skeuvre, Inspiration für das Schloss des Grafen von Rummelsdorf. ©Jean-Pol Grandmont

Man kann das große Talent von Franquin nicht übersehen, denn mit diesem ersten großen Abenteuer legt er die Grundlagen und die Nebenfiguren (z.B. der Bürgermeister, oder sein Beamter Federkiel…) und die Hauptfiguren (der Graf) einer Serie, die 53 (bald 54) Alben umfasst, ohne die Sonderausgaben zu zählen.

Die Genialität dieses Albums liegt sowohl in der originellen, magischen und stimmungsvollen Geschichte als auch in der Hervorhebung all dieser neuen Figuren, die man heute im Pantheon der europäischen Comics weiterhin gerne sieht.

Black Hammer

black hammer

„Das Superhelden-Genre ist tot. Lang lebe das Superhelden-Genre.“

Es gibt Comicserien, die einfach gute Geschichten erzählen, und solche, die das Medium an sich hinterfragen. Black Hammer, erschienen 2016 bei Dark Horse Comics, gehört eindeutig zur zweiten, weit weniger verbreiteten Kategorie. Geschrieben von Jeff Lemire und illustriert von Dean Ormston in der Hauptphase, ist diese Reihe eine Hommage an die Superheldengeschichte – und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit ihr.

Wer das liest und denkt: „Klingt nach dem üblichen Dekonstruktions-Brimborium“, den muss ich korrigieren. Black Hammer ist eben kein zynischer Angriff auf das Genre. Es ist eine melancholische Liebeserklärung, die das Genre auf tiefgründige Weise untersucht.

Die Prämisse

Eine Gruppe von Superhelden hat Spiral City vor einem apokalyptischen Ereignis bewahrt. Doch anstatt gefeiert zu werden, werden sie nach ihrem großen Triumph in ein kleines, unscheinbares Dorf auf dem Land verbannt – ein verwirrendes Geschenk oder doch eher eine Strafe? Dort gibt es weder Feinde noch Schlachten, sondern nur Felder voller Mais, alte Scheunen und eine bedrückende Stille. Für diese außergewöhnlichen Figuren, die für große Taten geboren wurden, wird das einfache Landleben zur ultimativen Prüfung.

Das Dorfleben als unüberwindbare Tortur für Menschen, deren Existenz normalerweise durch heldenhafte Aufgaben definiert wird. Lemire nimmt den klassischen Superheldenmythos, geprägt von Missionen, Kämpfen und Siegen, und friert ihn vollständig ein. Was bleibt, wenn das Abenteuer vorbei ist? Was geschieht mit der Person hinter der Maske, wenn der Held in ihr keine Aufgabe mehr hat?

Diese Frage ist eigentlich so alt wie der Comic selbst, aber selten wurde sie so radikal in die Struktur der Handlung eingeschrieben. Es passiert hier nichts Großes. Und genau darin liegt die Spannung.

Die Figuren als Comic-Archäologie

Abraham Slam ist der in die Jahre gekommene Held, der mit unnachgiebiger Willenskraft und zwei starken Fäusten glänzt, aber keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt. Er verkörpert den archetypischen Superhelden aus den frühen 1940er-Jahren, der im Goldenen Zeitalter ein Symbol des Ideals gewesen wäre. Einst als junger Kämpfer gegen das Verbrechen unterwegs, verbringt er nun sein Alter auf einer abgelegenen Farm und fragt sich, wie es dazu kommen konnte. In seiner Figur spiegelt sich die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten wider, die Jeff Lemire als das schmerzhafte Bewusstsein entfaltet, dass man sich früher lebendiger gefühlt hat.

Colonel Weird ist wohl die rätselhafteste und bizarrste Persönlichkeit der Gruppe. Als kosmischer Abenteurer, der ein wenig an Adam Strange und surrealistische Steve-Ditko-Welten erinnert, driftet er durch die sogenannte Para-Zone, einen Zwischenraum außerhalb von Zeit und Raum. Dieser Zustand lässt ihn fragmentarisch durch seine eigene Vergangenheit und Zukunft springen. Lemire nutzt ihn symbolträchtig, um Themen wie Trauma und Dissoziation zu ergründen, ohne sie direkt zu benennen. Weird ist derjenige, der stets mehr weiß als alle anderen, jedoch unfähig ist, dieses Wissen weiterzugeben – eine isolierende Einsamkeit auf höchstem Niveau.

Barbalien, ein Krieger vom Mars, ist auf der Erde gestrandet, doch seine Migration bringt ein doppelt schweres Schicksal mit sich: er ist schwul. Lemire bringt die Facetten seiner Sexualität mit beeindruckender Sensibilität ins Spiel. Barbalien wird nicht auf seine sexuelle Orientierung reduziert; er hat durch diese Identität bereits auf seinem Heimatplaneten Verfolgung erfahren, nur um auf der Erde in einer ebenso unbarmherzigen Ära Fuß zu fassen. Die Doppelrolle – als Außerirdischer unter Menschen sowie als Homosexueller in einer konservativen Gesellschaft der Retro-Fünfziger – verleiht seiner Figur eine komplexe und tiefgründige Dimension.

Madame Dragonfly lebt zurückgezogen in einem Spukhaus und trägt die Aura einer Mischung aus Elvira und Swamp Thing. Als Wächterin dunkler Geheimnisse verbirgt sie ihren eigenen Schmerz hinter einem Schleier aus Mystik. Und dann gibt es noch Gail, einen der tragischsten Charaktere des Ensembles. Trotz der immensen Kraft eines ganzen Planeten steckt sie im Körper eines kleinen Mädchens fest, allerdings mit dem Wissen und der Erfahrung einer erwachsenen Frau. In ihr thematisiert Lemire eindrucksvoll, was es bedeutet, von der Welt unterschätzt zu werden, obwohl man weitaus mehr erlebt und erlitten hat als viele andere.

Dean Ormston am Werk

Über Black Hammer zu sprechen, ohne Dean Ormston zu erwähnen, ist schlicht unmöglich. Sein einzigartiger Zeichenstil ist rau und kratzbürstig, geprägt von einer britischen Underground-Tradition, die Anklänge an Mike Mignola und die düsteren Ästhetiken der EC-Comics der 1950er Jahre aufweist. Ormston hält sich nicht an eine makellose, anatomisch perfekte Superhelden-Ästhetik. Er zeigt Gesichter, die von Falten geprägt sind, Schatten unter den Augen haben und Körper, denen ihre Lebensjahre anzusehen sind.

Seine Figuren wirken verbraucht, wie Menschen mit einer langen Geschichte und einem schweren Gepäck an Erlebnissen. Wenn Abraham Slam auf seiner Veranda sitzt und seinen Blick langsam über die Felder schweifen lässt, erzählt jede Linie in Ormstons Zeichnungen eine Geschichte, die ganz ohne Worte auskommt.

Mit der Zeit gewinnt das Black Hammer-Universum durch den Einstieg anderer Zeichner wie Jeff Lemire selbst (bei Black Hammer: Secret Origins), Wilfredo Torres (bei Doctor Weird) und Rich Tommaso (bei verschiedenen Spin-offs) eine visuelle Vielfalt. Der Stil wechselt bewusst von Miniserie zu Miniserie, wobei jede Geschichte ihre eigene, stilistisch passende Handschrift erhält. Dieser fragmentierte Look ist beabsichtigt, denn er spiegelt die zentralen Themen des Universums wider. Erinnerung, Identität und die verzerrte Wahrnehmung von Realität.

Im Dialog mit der Comic-Historie

Jeff Lemire lässt keinen Zweifel daran, woher seine Inspiration stammt. Black Hammer ist durchzogen von Anspielungen, die Leser sofort wiedererkennen. Doch sein Umgang mit diesen Elementen ist zugleich liebevoll und bemerkenswert facettenreich. Ein Ort wie Spiral City, eine Mischung aus Metropolis und Gotham, verdeutlicht die Handschrift dieser Welt. Der zentrale Charakter Black Hammer – einst ein strahlender Held, dessen mächtige Waffe die Gruppe unfreiwillig auf die geheimnisvolle Farm geführt hat – offenbart Einflüsse, die von Thor und nordischen Mythen bis hin zu tiefgehendem Familien- und Identitätskonflikt reichen, wobei Göttlichkeit mehr Bürde als Segen ist.

Doch Lemire geht mit seiner Geschichte über eine bloße Hommage hinaus. Er lotet die Strukturen des Superheldengenres aus und hinterfragt dessen unverkennbare Eigenheiten. Seit dem Silver Age scheinen Superhelden-Comics einen unersättlichen Drang zum Status quo zu pflegen. Nichts ist von Dauer, Tote kehren zurück, und am Ende wird die Welt immer aufs Neue gerettet. In Black Hammer wird dieser „Pakt“ gebrochen. Die Farm steht für Kontinuität, für etwas Unausweichliches. Das Gefühl der Gefangenschaft ist allgegenwärtig, und jede aufkeimende Hoffnung wird unweigerlich von misstrauischer Vorsicht begleitet.

Lemire geht weiter ins Detail: „Wenn wir wirklich reflektieren, was es heißt, ein Leben lang ein Held zu sein – was dann? Was bleibt davon übrig? Was geht auf diesem Weg verloren, und was passiert, wenn die Pflicht erlischt?”

Die wiederkehrenden Vergleiche mit Werken wie Watchmen von Alan Moore oder Marvels von Kurt Busiek sind dabei keineswegs zufällig gewählt. Während Watchmen mit chirurgischer Präzision Dekonstruktion betreibt und Marvels die Superhelden durch die ehrfürchtigen Augen eines Außenstehenden feiert, nimmt Black Hammer eine interessante Zwischenstellung ein. Es ist voller Zuneigung für seine Charaktere, ohne sie zu idealisieren. Gleichzeitig ist es zu ehrlich, um sie unkritisch zu verherrlichen. Der Spagat zwischen Liebe und Aufrichtigkeit macht das Werk zu einer außergewöhnlichen Reflexion über das Wesen von Helden.

Das Black-Hammer-Universum

DC/Black Horse

Was Jeff Lemire mit Black Hammer geschaffen hat, ist inzwischen ein kleines Verlagsphänomen. Was ursprünglich als zwölfteilige Serie konzipiert war, hat sich mittlerweile zu einem umfassenden Shared Universe entwickelt. Die Welt von Black Hammer umfasst zahlreiche Spin-offs, die sich einzelnen Figuren widmen, darunter Sherlock Frankenstein, Skulldigger und Skeleton Boy, Colonel Weird sowie Barbalien. Ergänzt wird das Universum durch Crossover-Events und Prequel-Miniserien. Besonders auffällig ist das Meta-Crossover Black Hammer/Justice League, in dem Lemire seine eigenen Charaktere gegen die berühmten DC-Superhelden antreten lässt. Während dies auf den ersten Blick wie reines Marketing wirken könnte, überzeugt die Umsetzung, denn Lemire stellt die unerschütterliche Stärke der DC-Ikonen den komplexen, häufig gebrochenen Persönlichkeiten seiner eigenen Figuren gegenüber — ein spannender thematischer Kontrast.

Erstaunlich ist vor allem, wie gut dieses Universum funktioniert. Die Spin-offs vertiefen die Geschichten und Hintergründe der Charaktere, die im Hauptband oft nur angerissen wurden. So erhält Barbaliens Vergangenheit Raum für eine intensive und würdige Darstellung, während Colonel Weirds kosmisches Umherziehen in The World of Black Hammer zu einem einzigartigen Erlebnis wird. Das Universum wächst kontinuierlich, ohne seine Essenz zu verlieren oder sich selbst zu widersprechen.

Black Hammer – eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Verlust und Identität

Black Hammer ist im Kern ein Comic über Verlust und Verzweiflung. Es erzählt von der schmerzhaften Erfahrung, an einer Rolle festzuhalten, die nicht mehr existiert, und der Suche nach Bedeutung in einem Leben, das einst außergewöhnlich war, sich nun aber in der Stille des Gewöhnlichen abspielt.

Die isolierte Farm, die unaufhörliche Stille, das Gefühl des gefangenseins – diese Elemente spiegeln das Wesen einer Depression wider. Sie verkörpern das Empfinden, dass das wahre Leben irgendwo anders geschieht, während man selbst im Stillstand verharrt. Jeff Lemire nutzt das Kostüm der Superhelden, weil es als Medium kraftvoll und ernsthaft menschliche Erfahrungen transportieren kann, wenn es gekonnt eingesetzt wird.

Diese emotionale Tiefe ist es, die Black Hammer von typischen Dekonstruktionen des Genres abhebt. Der Comic behandelt seine Leser nicht als Mitwisser eines Insider-Witzes, noch setzt er umfangreiche Vorkenntnisse voraus. Selbst Menschen, die mit Superhelden-Comics keinerlei Berührung hatten, können sich in den Figuren und ihrer universellen Geschichte wiederfinden. Diese dreht sich letztlich um das Ringen von Menschen, die sich damit konfrontiert sehen, dass sie niemals jene werden konnten, die sie sein wollten.

Wer hingegen mit den Arbeiten von Künstlern wie Jack Kirby oder Steve Ditko vertraut ist oder das Silver Age sowie die Werke von Geoff Johns und Grant Morrison schätzt, entdeckt zusätzliche Ebenen der Erzählung. Die subtil eingearbeiteten Verweise füllen die Geschichte mit einer atmosphärischen Dichte und einer spürbaren Liebe zum Detail, die dazu einlädt, den Comic erneut zu lesen, um all die verborgenen Hinweise zu entschlüsseln.

Black Hammer ist eine Pflichtlektüre für Fans des Genres und all jene, die sich von bewegenden Geschichten angesprochen fühlen. Es reflektiert tiefgehend über die Bedeutung und den Kern des Superhelden-Genres und enthält mehr Herz und Menschlichkeit als viele Werke der vergangenen Jahrzehnte aus den großen Comic-Verlagen.

Empfohlener Einstieg: Black Hammer Vol. 1: Vergessene Helden (Splitter, 2018). Wer danach mehr will (und das wird man) findet in Black Hammer Vol. 2: Das Ereignis und dem darauf folgenden Black Hammer: Age of Doom die Weiterführung der Haupthandlung.

Rocky Beach oder das Altern der Popmythen

Es gibt Figuren der Popkultur, die nicht altern dürfen. Sie leben in einer Art erzählerischer Gegenwart, die sich über Jahrzehnte hinweg stabil hält. Genau darin liegt ihr Geheimnis. Während Generationen von Lesern älter werden, bleiben diese Figuren unverändert: Sherlock Holmes bleibt immer der Detektiv der Baker Street, Tarzan der Herr des Dschungels – und Justus, Peter und Bob bleiben die drei Jungen aus Rocky Beach. Ein Erinnerungsraum, in dem auch unsere eigenen Abenteuer gespeichert sind, denn irgendwo da draußen gibt es uns noch in einem kindlichen Alter – und wenn „die Mumie flüstert“ halten wir dort den Atem an als sei das das erste Mal.

Die Graphic Novel Rocky Beach von Christopher Tauber und Hanna Wenzel setzt genau an diesem paradoxen Punkt an. Sie erzählt nicht einfach eine weitere Episode aus der Welt der Die drei ???, sondern stellt eine stillere Frage: Was geschieht mit einer fiktiven Welt, wenn ihre Leser älter werden?

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The Crow

the crow

Nun stell dir vor, dass diese Liebe im Nu gewaltsam von dir genommen wurde. Du hast von einem Augenblick auf den nächsten alles verloren. Was würdest du tun? Würdest du verzweifeln? Drogen und Selbstzerstörung über dich stülpen? Jeden, den du triffst, deinen Hass spüren lassen? Oder würdest du etwas anderes machen? Dich etwa in Kunst ausdrücken?

Sein Name ist James, und ihr Name war Bethany. 1978 wurde sie von einem Fahrzeug erfasst und getötet. Laut dem Archiv einer James O’Barr / The Crow-Fanseite war „Beth allein auf einem Bürgersteig in Detroit unterwegs, als ein betrunkener Fahrer in einem Lieferwagen sie erfasste und sie durch mehrere Vorgärten schleifte.“ Dieses Ereignis prägte James O’Barr so gewaltig, dass das Ergebnis Comicgeschichte geschrieben hat und bei all jenen auf Widerhall stieß, die ein Exemplar des Comics The Crow von 1989 besitzen oder den gleichnamigen Film von 1994 sahen oder, wenn alles gut läuft, dem Neustart des Films in naher Zukunft entgegenfiebern. Über all die Jahre hat es fünf Filme über The Crow gegeben, und lange schon kursieren Gerüchte über einen weiteren. Das Projekt, das jetzt von Regisseur Corin Hardy (Hallow) geleitet wird, sichtete für die Rolle der zentralen Figur Eric Draven bereits eine Menge möglicher Darsteller.

James O'Barr
James O’Barr

Nachdem O’Barrs Welt zerbrochen war, wechselte er in die Welt des Militärdienstes, trat den Marines bei und wurde in Deutschland stationiert, wo er begann, Kampfhandbücher zu illustrieren. Tagsüber zeichnete er fleißig für sein Land, aber abends suchte er sich heftige Konfrontationen. Die oben genannte Fanseite bemerkt, dass er sich „während des Feierabends kopfüber in Schlägereien stürzte. Im Nachhinein war sein Verhalten offensichtlich selbstzerstörerisch, und es ist es ein Wunder, dass er noch am Leben ist.“

O’Barr erreichte seine frühe Entlassung aus seinem Militärdienst und entschied sich, nach seiner Heimkehr, die Person zu suchen, die für den Tod der Frau verantwortlich war, die er liebte, und sich zu rächen. Stattdessen erfuhr er, dass der Fahrer bereits gestorben war, angeblich unter natürlichen Umständen.

James O’Barrs Geburtstag wird am 1. Januar gefeiert, aber er selbst ist sich nicht sicher, ob es wirklich sein Geburtsdatum ist. Er kam in einem Wohnwagen zur Welt und wurde erst etwa eine Woche später in ein Krankenhaus gebracht. Sein Vater war, während er das Licht der Welt erblickte, betrunken, und weder er noch seine Mutter konnten sich an das tatsächliche Datum seiner Geburt erinnern. Von diesem Zeitpunkt an drehte sich für O’Barr das Karussell der Pflegefamilien bis er ungefähr sieben Jahre alt war.

Zu zeichnen begann er schon früh; desinteressiert an den Illustrationen, die er in seinen Bilderbüchern vorfand, kreierte er seine eigenen. Er zeigte sie niemanden, wollte die negative Aufmerksamkeit seiner Pflegefamilie nicht auf sich ziehen. Trotz des Trostes, den er beim Zeichnen fand, behielt er seine Arbeiten für sich und isolierte sich sozial.

Durch das Zeichnen entdeckte er jedoch einen Weg, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken.

Ohne sich jemals einer Kunstschule angeschlossen zu haben lernte O’Barr, instinktiv Bilder zu schaffen, die von Emotionen durchtränkt waren. Die Charaktere, die seine Geschichten bevölkern, scheinen aus echtem Fleisch und Blut zu bestehen und rufen tiefe Reaktionen des Publikums hervor. Durch seinen künstlerischen Ausdruck entfernte sich O’Barr von den typischen Figuren der meisten Comic-Bücher und wandte sich der Renaissance-Skulptur, lebenden Modellen und der Stillleben-Fotografien zu. Statt einer übertriebenen Helden- und Schurkenanatomie nahm sich O’Barr die Formen von Michelangelos Kunst vor, und dieser Realismus zeigt sich in jedem Bildstrich, besonders aber in The Crow.

James O'Barr
James O’Barr

O’Barr erhält im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern kein Drehbuch und bringt es dann als Bild auf Papier. Stattdessen hat er sein gesamtes künstlerisches Leben als Schöpfer und Illustrator verbracht und wird nur dann in Projekte involviert, wenn er einen persönlichen Bezug dazu hat. Jede Linie in jedem Bild rührt von einer tiefen Emotion, sei es Liebe, Hass, Wut oder Trauer. Jedes Bild hat eine Lebenskraft, die auch das Publikum betrifft. Für O’Barr ist Zeichnen Therapie. The Crow, sowohl die Graphic Novel als auch der Film, drücken den rohen Schmerz von Liebe und Verlust aus, wie ein kaltes Rasiermesser, das über einen Nerv gezogen wird, inklusive der zerstörenden Wut, die daraus folgen kann. Hier wird der Schmerz in das Licht gedrängt und das Publikum wird gezwungen, ihn als das zu betrachten, was er ist: ein Lehrer. In seinem ersten Auftritt wird The Crow auf die Straße gestoßen, registriert den Schmerz aber kaum und sagt: 

„Ich kenne den Schmerz auf molekularer Ebene. Er zieht an meinen Atomen und singt in einem Alphabet der Angst zu mir.“ 

The Crow illustriert all denen Gerechtigkeit, die Mut brauchen, um ins Angesicht der Angst zu blicken. In den Köpfen des Publikums wird die Idee des Antihelden als jemand verfestigt, dessen Handlungen gerechtfertigt sind, der aber genauso viel Angst und Schrecken erzeugen kann wie die Schurken der Geschichte selbst.

The Crow verkörpert Liebe, die zur Wut geworden ist, Verzweiflung, die sich zum Wahnsinn wandelte. Mit krass-weißer Haut, einem schwarzen Haarschopf und dem verräterischen Schwarz über seinen Augen und seinem Mund, das ein nie endendes Grinsen erzeugt, war The Crow eine neue Art von Held der unerbittlichen Rache und äußersten Brutalität, jene Art von Held, die Batman wäre, wenn er ganz seiner Dunkelheit nachgeben würde. Das soll nicht heißen, dass The Crow einfach ein hirnloser Killer ist, der auf Rache sinnt. Weit davon entfernt. Eric Draven ist trotz der Verwandlung immer noch derjenige, der er einst war. Wir erhaschen einen flüchtigen Blick auf ihn, wenn er sich an die schönen Dinge erinnert, die er mit seiner verlorenen Liebe teilte. Obwohl die Geschichte einen düsteren, unbeugsamen Blick auf den sintflutartigen Einbruch der Tragödie bietet, zeigt sie auch, was Gerechtigkeit und Erlösung leisten können. In den Worten von The Crow im Film von 1994:

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