Ich war Blumen pflücken

… und das muss man nicht mehr tun, seitdem es Salatmetzgereien gibt, seitdem sie ausgehackt zernommen, aufgehängt um auszumilchen an den kargen Zimmerhaken hänken, seitdem Blattwurst im Insektendarm geliefert werden kann. Aber war pflücken »hallo ich pflücke dich« war pflücken Ackerwinde und Adonisröschenen und Fieberklee und Mädesüß, betrat das Wiesen=Eiland das Grasgestrüpp und niemand dieser Wesen floh, sangen mich an, sangen Note um Note mit dem Wind, das Streichorchester, sangen Stimme, sangen Alt und sangen Neu und Bass : stimmt es, dass du pflückest damit wir deiner Liebsten Hand befüllen, Vasenfinger um uns Blicken dir ins Auge, nasse Augen, nasser Stiel ? Pflaume von Damas (Dammassine) aus der Jura=Kette, kugelig bis länglich, pflückest wie der Graf Anjou. Und in den Gewittern stehen Reiher Reihen aber auch grüne Tangos, welche Farbe gibt es nicht gäbe es nicht immerwiederkehrende Träufel von Kelchglocken stürmt die Nacht, von Pollen nebelt nabelt es von Wasser der Brau=Gast Braut, der Blätter Zunft, der rumorende Pflücker traumächtiger Blüten weiße Sorbets mit Zucker und Honig und Mändelchen. Den Lilien folgt wer sie versteht. Vaina Kardamom : wenn sie ihre Beine spreizt beginnt der Schmetterling den Butterflug und wenn sie steht liegt er still an ihren Lippen. Michelia Champaca : gelbe Schwere, blütig=süß, in Sandelholz und Mandarine taucht sie auch die Veilchen durch den Rosenduft weißer Pfirsich, ihre Haut ist Mandelaprikose, ihre Augen schwarzer Szechuan und alles pfeift schon oft verkohlt und wiederholt verbrannt in Teufels Namen, der doch auch dort tanzt wo feine Füßchen um den Tischen herumwischen, staubleuchtend bastelnd zeh=geln. Die Uhren sind völlig nutzlos, sie ticken stets die gleiche Melodie tack=tieren tick=tieren wie unruhig dahin.

Tellermulden

So lieben wir:
Wir kochen die magische Suppe ab, in der freilich auch ein Anteil
der selten gefundenen Springwurzel schwimmen muss, und fischen
nach den feisten Brocken, die nach oben querlen –

alsda können sein:
Knollensellerie, Porree, Pastinaken und Topinambur.

Es wäre nicht dasselbe, würden wir das Geschlampe
nach Bauernsitte einfach über den Tisch in die vorgekerbten Tellermulden gießen,
denn dann
läge nur alles hingeschüttet vor uns,
ohne den Reim, den wir uns über das Essen machen könnten.

Das Vergnügen aber, in den warmnassen Schwaden des Kesseldampfs zu stehen
und mit starren Augen in der Hitze herumzufummeln – hier eine Wange,
dort sogar ein Lächeln in den Wogen des kochenden Wassers zu entdecken,
das unser Gemüse bald an die Oberfläche wirbelt,
gleich aber wieder nach unten zieht –
bereitet uns die natürliche Freude des Schwerenöters,
der nach den wirklichen Wölbungen in schummerigen Hirtenhäusern Ausschau hält,
aber nichts sieht außer Kerzen und Lampen, und sich so das Seine selbst zusammenspinnt.

Kenorland

Träne um Träne, eingeteilt in große und dicke und zarte Wasserperlen.
Man nannte sie Namen wie Elfuhrdreißigtränen
oder auch Vierzehnuhrtränen, Abendtränen, Nachttränen.
Schmachtende Wasserfälle waren das,
die infantile Verwandlung eines einfachen Kissens
in ein zu huldigendes Herz. Hingebeugt in den Herd der Unruhe:
gutes Kind, hast nie vergessen, wie man den Wahnsinn kultiviert.
Ich aber gleite weiter, ich bin bereits nicht mehr einzuholen.
Niemand, der ein Wort an mich richtet,
da draußen ist keine Welt, wir alle sind Gespenster.

Es überlebt kein Wetterfrosch,
wenn Asche niederfällt; die Nüstern der Stuten
wittern das Feuer, das nicht mehr existiert. Filigran
der Beischlaf heute Nacht, das geöffnete Fenster. Ich blicke hinaus,
der Unsterblichkeit ins Gesicht. Ist aber der Mythos
voller ewig gültiger Wahrheit, bleiben unsere Aussagen Hypothesen,
die sich ständig erneut vor der Empirie zu bewähren haben,
doch der Mythos (im Gegensatz
zu den sich ständig verändernden Aussagen der Wissenschaft)
hat nichts von seiner Kraft eingebüßt, seine Motive
sind konservierend und nicht expansiv.

Unter den Gehörnten will ich speicheln wie ein Gott.
Da draußen ist keine Welt, wir sehen die Gespenster der Gaslaternen,
der Strommasten, der Kraftwerke, der Windmühlen. Wir sehen
einen Stall, in dem abgetragene Schuhe stehen.

Auf die Tische, ihr barocken Engel!
In unserem Herzen lebt ein Wurm;
wir kaufen ihm die Trauben ab.

Vor unseren Türen tobt ein Sturm,
es gehen Schatten auf und ab
und über das gespreizte Feld von Annas Flügel
fegt ein wolkenreicher Himmel. Die Asche ist kühl,
das Porzellan hat Flecke. Komm, setz’ dich!
Komm, setz’ dich ins kalte Neon, ins geflutete Tal!

Wir ließen Berge schwimmen.
Die Schattenrose blüht.
»Sie sind doch noch ganz Ohr?«
Ich bestehe aus nichts anderem.

Die festliche Umrandung nur gehauchter Worte,
das Brausen des Ozeans, Mirovia um Kenorland,
gischtende Syntax, Bilder im semantischen Kreislauf,
Autopoiesis. Siehe : ich schmettere felswärts,
reinige mich der Lieder, sehe mir Bilder von ihr an,
den Stuhl, auf dem sie saß.

Dinge verwandeln sich stets vollständig mit ihrer ganzen Form,
aus dem Haus ging ich, um eine Salatgurke zu kaufen,
unterwegs dachte ich daran, noch Orangensaft dazuzupacken,
aus dem Orangensaft wurde ein Fass Wein,
aus der Salatgurke Toast und Ananas
und Schinken und Käse
und man kann es auch nicht ändern,
die Gegenstände zerfließen förmlich.

Parahotelzimmer

Auch in Parahotelzimmern springt die Luft durch den
statischen Auftrieb wie eine Bestie in sämtliche Ecken hinein,
kaum schließt man die Tür und lässt den Staub wie ein
zufällig entstehendes Universum unleserliche Formationen
einnehmen, die sich unablässig wandeln.

Pandoras Pithos, eine Herberge der Essenz der Weltübel,
übt sich kaum in der notwendigen Geduld, sich nicht
immerdar ausleeren zu müssen.

Ungewollte Schatten geistern über die Erde, die selbst
nur vage Umrisse hat. Die Raupe, pelzig eingehüllt, später flügge,
kann den dräuenden Irrfahrten nicht entkommen, muss sich
der Veränderung unterwerfen. Die Verpuppung ist
mit nichts zu vergleichen, außer mit unserer eigenen Geburt,
an die wir keine Erinnerung haben.

Vom ersten verbürgten Versuch, hier eine Straße zu bauen,
den Schotterweg aufzugeben, der vor dem Haus vorbeirollt
und hinauf zum Waldrand führt, blieb ein abgeschnittener Arm,
der kein Ziel kennt. Ich hörte wie die Teermaschinen
ihren schwarzen Belag kochten. Durchs Haus turnte der Geruch
frischer Krapfen, die sich, ausgelegt auf dem Kellerboden,
von selbst vermehrten.

Wenn Gäste kamen, begleiteten wir sie zu ihren Grabstätten,
die sie sich während eines komplizierten Verfahrens ausgesucht hatten.
So konnten sie ein Gefühl dafür bekommen, wie einst jene den Platz
erfahren werden, die sie besuchen kommen, um Blumen niederzulegen
oder den Würmern huldigen,
die aus der Fracht ihres Magens neue Erde produzieren.

Die Schnitt’, die Zunge leidet

Welcher Sinn lag hinter dem Murmeln,
das Bäche simulieren wollte?
Das Erbrechen hochangesehener Wörter
ist beinahe moderne Literatur.
In der Hoffnung, jemand verstünde also doch;
dann die Theorie: Du musst dich getäuscht haben,
das Verstehen bist nur du.

Tänzer in Glasbehältern in der Stadt
tanzen rund um die Uhr, sie pausieren nie.
Es ist die Freiheit, die Welt zum ersten Mal zu erblicken.
Da ist zunächst keine Welt, die man sich ansehen könnte.
Bunte Zikaden die Stimmen, Augen, die ihre selbstgefällige Freude spiegeln,
Münder, hinter denen Töne lauern, wie sie
von Schwachsinnigen gebrabbelt werden.
So empfängt uns die Welt. Von der Mutter
sieht man nichts, schmeckt nur unendliche Milch,
die Unendlichkeit des warmen Körpers (Cula, Cali –
original orgies since 37).

Ist auch alles noch so sehr zersplittert,
so sage ich es doch in mein eigenes Zimmer hinein:
wie Scherben, die im hellen Schein erstrahlen,
mir unterschiedliche Geschmäcker bieten,
die nur ein Traum in der Morgendämmerung sind gewesen;

wie Bilder mir ein Wunder sind,
wenn sie niemand sonst beachtet;
an wie vielen Schnitten die Zunge leidet,
sie lispelt, sie zischt unentwegt;
mal verharrt sie zwischen Gaumen und dem eigenen Bett,
das sich mit Speichel füllt.

Ertrunken ist im Nachtgewand
noch nie ein Träumer, der ein Eiland weiß.