Bizarre Kleinigkeiten

Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert: Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.

Athanator

wie plötzlich sich allerdings die zeit beschleunigt hat – und in einem wahren veitstanz immer weiter fahrt aufnimmt, das ist einfach ungeheuerlich, weiß man nicht, dass cornelius schlehenfeuer dafür verantwortlich ist. Das möchte ich Ihnen sagen : der alchymist schob etwas unverträgliches in seinen athanator und … Sie sehen es ja.

Vampyradonna

»Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt?!« 

Die Vampirin sieht ihn fragend an, hilflos und nackt; die Erschöpfung ihres Mundes, ihrer Lippen, mit Brüsten schneeweiß, sticht aus ihrem Gesicht. 

»Schau dir diese Sauerei nur an!« Er hält seinen Arm vom Körper abgespreizt und sie schaut dem permanenten Tropfen zu. Im ersten Moment weiß sie nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt erst veranlasst hatte, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut vielleicht? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seinen Schwanz wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt. 

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Das nackte Haus in der Calle Desnuda

Der Kranich aus dem Sumpf über dem Schlot des Hauses mit den Hüften pfeift den Türen nach, den blinden Fenstern, nachtgeschlossen, Röcke für die Blöße bläht der Wind und darunter wird sichtbar das blankhautene Gebinde, das geteilte Geschlecht im Keller der Kohlen, der Hitze für einen Tag und eine Nacht.

Durch die Lippentür und über die Schwelle, der Damm zieht (Windes Wind), es ist Winter, der Kranich steigt der Herde nach, entfellt sie alle um die Suppe, die warm vom Magen her das Kleid für morgen schafft, stehen, manche liegen schon im lichten Fön der Lampen, von der Decke ächzt ein Lied, verteilt gerecht die Noten, um sie am rechten Platz zu keuchen.

Die Geschwindigkeit einer Kutsche

Was von uns bleibt, ist der Irrtum unserer Sinne. Wir können nur durch Sprache sehen, erkennen aber werden wir nie etwas über den Moment hinaus.

Es ist noch gar nicht so lange her, da zürnten Kutschenräder durch den Dreck und die Reisegeschwindigkeit bewegte sich mit dem Puls der Pferde. Sie genügte, um die Erscheinungen hinter den Bäumen erkennen zu können, die während eines flotten Marsches per pedes gar nicht wahrzunehmen sind, weil sie sich immer im toten Winkel des Läufers befinden. Bei unnatürlich schneller Fahrt ist hingegen jegliche Wahrnehmung gestört und es gibt schlicht keine aufzudeckenden Geister. Die Geschwindigkeit einer Kutsche aber deckt sie auf, sie ist das natürliche Tempo überland, und wir wissen, dass wir nicht da sind, wo wir sein sollten.

Ortswechsel

Ich betrachtete gerade eine neue Situation, als wir auch schon fliehen mussten. So war es schon immer gewesen, die gemachten Betten zerwühlt von kreidebleichen Gesichtern, aber mit Gefühl in der schimmernden Brust. Man könnte leicht auf die Idee verfallen, es gäbe nur Mehlspeisen, die sich unter der besonderen Bläue des Tages zu einer neuen Form aufraffen. Die Steintreppen hinab gerann der Luftzug an den Wangen, einzelne Hinweise lagen verstreut an den Rändern der Gassen oder lehnten für einen kurzen Augenblick an den wankelmütigen Gebäuden. Es wäre uns recht gewesen, wenn zumindest irgendwo irgendjemand am Fenster gestanden hätte, aber die Uhrzeit war noch nicht reif.

Easy Dater

Ein Film der Angst lag auf meinem Körper. Wie ein X – ich war wie ein X an diesem gusseisernen Bett befestigt, mein Mund ohne Speichel. Ein bitterer Geschmack, dort, wo die Zunge beginnt. Die Schläfrigkeit dämpfte das Bedürfnis, aufzuschreien. Aus dem Nebenzimmer hörte ich Geräusche durch die angelehnte Tür, Stimmen, die darüber berieten, was mit mir zu tun sei. Ich durchlebte es bereits; die Scham, vor allem die Scham – die lag zuoberst. Ich war freiwillig hier, war mitgetrottet, ein braves Weibchen.

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Wer vollkommen ist hat keinen Namen

Sprecht mit mir, macht mir mein Geheimnis bitter! Nachtgespenster, lasst die Mitte mich an diesem Abend sein, die Mitte mich im Bette. Es sind Girlanden dort an jenen Schnüren festgemacht, die auf zum Galgen führen.

Die Frage, ob denn hier in der Rhode, im baumbestrumpften Reuth die Menschlein herausgeschwemmt, oder ob sie doch von hier in die Stadt gespült werden, auf den verborgenen Lippen. Die Startposition ist LOS, die Spielregeln ungültig, das Atemloch ganz rotplärrig schon. Im Wald und auf der Heide, Transport mit einem NSU Fiat 1100 in das Vakuum, in dem du der Beweis einer absoluten Leere bist, klitzeklein in der Wiege gehätschelt, starre Augen auf die Puppe, die eine Rasselschnur durch den Leib gespannt trägt. Es ist noch ein weiter Weg. Du könntest damit beginnen, zu kriechen, heute durchs Heute, morgen durchs Morgen, dich nicht von der Stelle rühren. Die Welt zieht an dir vorbei, strömt spielend durch dich, den nichtisolierten Leiter, hindurch. Strahlende Erlebnisse, mümmelnde Gesichter vor deinen runden Backen. Merke sie dir gut, es sind alles zukünftige Leichen. Du wirst sie nur auf Fotografien wiedersehen : Aufgestellt wie Zinnsoldaten, die jungen Fähnriche von Langemarck zu Beginn des ersten Weltkriegs, das Deutschlandlied auf den Lippen. In offener Formation, ohne Deckung marschieren sie in die feindlichen Gewehrsalven hinein und werden allesamt wie die Fliegen niedergemacht. Das Blut spritzt fröhlich über sich kräuselndes Gedärm, aus dem sich die marmorierte Scheiße herauswälzt, den jähen Pulvergeruch annimmt, um sich zu tarnen. Wer vollkommen ist, hat keinen Namen.

Jitterbug

Welten – zwei, drei (ohne die unendlichen Nullen dahinter) – flirrten unruhig zitternd, szintilierten strahlend, gleißten über den Baldachin hinfort, bedachten das Erdlein mit keinem Blick (zu weit entfernt, zu wenig gespreizte Beine) und kümmerten sich um eine Verabredung drüben am Fluchtpunkt.

»Dance the Ghost with me!«

Ja, sie tanzten den ›Geist‹, so als ob überhaupt kein Körper da wäre, der die alleinstehende Bewegung hemmt, die Figur wichtiger als das Motiv, vergänglich (ein Jitterbug).

Yoruba und Bantu sämen das magmatische Blut.

Das Zimmer, der Schrank, die Kommode, die Parfümflaschen, das Zimmer (eine Puppenstube) : Schurwolle und handmarmorierter Märchenfilz, gibt es denn eine gedachte Rinne für schwitzende Kissen, einen theoretischen Abstell-Halbmesser für eine Tasse Kaffee ohne Untersetzer, mit Untersetzer, ein Develey-Senfglas?

Man kann nicht aufstehen und tanzen, es gibt keinen Radius in diesem Juke Joint für Grundschritt, Wegdrehen, Retourdrehen, Platzwechsel, Handwechsel, Licht lässt sich kombinieren, die Kerzen leuchten auch bei Tag; dann erzittern die Gegenstände, betatschen sich entlang der Wand als Schatten, vom nahen Wald dringt der Geruch der großen Fichten durch das geöffnete Fenster, die Schafe blöken zum Fließen der Eger, dicke Teppiche schlucken jeglichen Lärm und auch das Lustgeschrei der Mädchen. Manchmal riecht es nach Alkohol und nackten Menschen.

Sebastiana : »Wo im Wald bist du gewesen?«

»Ich war überall!« Wie recht er damit hatte : Über-All; die Unendlichkeit ist immer dann zugegen, wenn man keine Grenzen mehr wahrnimmt, über allem das Blau des Himmels, über allem das Vergessen, das Ende der Reflexion über einen Ort, an dem man sich aufhält.

»Doch nicht im Steinbruch?«

Was ist deine tiefste Angst, deine schlimmste Vorstellung? Was ist der Steinbruch für ein Symbol? Aufbruch, Abbruch, Spuk und Tod und Teufel.

Lebendiger Abfall, sein Ausdampfen : alles voller Symbole, verdaut und geschissen. Die Zivilisation setzte in dem Moment ein, als man kein Feld mehr mit seiner eigenen Jauche düngen durfte, wollte man der Pestorchidee aus dem Wege gehen.

»Ich war einfach nur im Wald!«

»Und der spricht mit dir?«

Eigentlich war es kein richtiges Sprechen, es war mehr ein Flüstern. Man hörte es auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Es ist nicht einfach zu erklären : Ich nehme anders wahr! Er erinnert sich an den ersten Schneefall seines Lebens. Das ist mein erster Schneefall, dachte er. In Wirklichkeit war es etwa der vierte oder fünfte, aber Schnee war ihm bis dahin nicht bewußt, und irgendwann in den letzten Tagen des Aprils krönte ihn die Welt zum König des Unglücks.

Es war ihm nicht gelungen, alles zu verhindern; einen Pakt mit der Zeit konnte er nicht gültig schließen, aber für Vergessen sorgen. Das gelang durch das Hineinziehen seines Gegenübers in seine Vision. Der Betroffene existierte dann zwar weiter, vielleicht etwas stumpfer an mentalen Prozessen; Wortkarg zumeist; verträumt, wie es in diesem Landstrich jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt.

In den wenigen Fällen, da dies aus unbekannten Gründen misslang, halfen die Moiren mit der ganzen Verve eines unverfänglichen Unfalls nach.