weder kann ich dem begriff „gedicht“, noch der „lyrik“ etwas abgewinnen. das „poem“ ist internationaler ausgerichtet und definitiver, außerdem ist es ein fundamentaler begriff.
Und der Sterbliche steht da mit nassen, aber stumpfen Augen neben der überirdischen Szene, eingesponnen von Geisterraupen.
Ein Buch, vielblättriges Klee. Ein Buch, mit wilden Ergänzungen, neugefundenes Land, Noval-Acker im Broca-Hirn. Du musst – ich kann’s nicht mehr, sagt Richter, schiebt die Buttensuppe etwas unsauber zur Seite und fragt nach einem Humpen Bayreuther Bier, während die anderen die Tapeten befummeln.
„Brauchen die etwa Stifte?“
Und Schang dreht sich zu Hardenberg und Tieck. „Vielleicht fehlt ihnen der persönliche Bezug zur Tafel, die du feilhältst. Und ich bin’s nun auch leid. Es ist mitnichten angenehm, durch den Nebel zu schwirren, der ja von keinem Stoffe daran gehindert wird, in direkter Weise das Gemüt einzunässen. So ist’s als Geist. Wir hatten noch kurz vorher ein Gespräch, wie es denn wohl gewesen wäre, wenn man Lenzens Reformplan des Militärwesens in Weimar angenommen hätte, der aus einem kühnen Amazonenkorps von ledigen Edelhuren bestehen sollte, als die Nebulnis auch gleich nachließ und uns alle an ein Gasthaus denken ließ, das sich da wie ein zerrissener Traum auftat. Denk an, wir schliefen bis heut‘, und träumten, was wir jetzt würklich vor uns sehen. Eindrucksvoll und garstig. Gib ihnen Stifte, mir bitte einen Humpen! Alles ist mir recht, nur golden muss das Flüsschen sein!“
Wenn das Scheiterfeuer ausfährt, Arme in die Luft walzt und sündengeschwärzt die Grasnaben höllenheiß anlangt, trocknen die schweißverzerrten Gesichter, fallen in sich zusammen, blähen sich neu auf. Mit den Lippen springend führt die Hand den läppischen Wein zum Maule der offenen Kehlen. Aber auch Mineralwasser stehen bereit : Pyrmont, Eger, Karlsbad, Sauerbrunn, Seltz, Fachingen. Aus dem rembrandtschen Feuer hallen Rufe : Man will ins Diesseits brechen, die Aufgabe ist durchaus groß; so sind zwar die Gestalten der langen Nacht nur Boten, die Nachricht aber ist dringlich.
Da also verlassen sie ihre Schatten wie Pflaumen, die von Bäumen purzeln. Es sind all die toten Dichter und sie fordern ein Buch. Nur Goethe, der Verächter noch im Jenseits, fehlt. Dafür steht der kopflose Schiller Spalier gleich neben Richter, der mich, seinen Landsmann, neugierig anschielt.
Für diesen seltsamen Besuch habe ich mir einen Vorrat angelegt: Bärendreck, Hefekringel, Puffmais, Rahmstrudel, Zuckermus, Süßholz, Knusperflocken, gedeckte Apfeltorte, Molossol, „verlorene Gier“, Knuddelflecke, Buttensuppe, Pumpernickel. Für ein Bade sind’s zu viele der entrückten Musensöhne. Wer hätte nicht schon gern mit den Geistern der Vergangenheit Zeit in einem Nymphenkübel verbracht? Doch ich befinde mich in der Umgebung nur schlumpiger Moderne, wo Haarhecken und von der Schere abgenagte Nägel dem Abguss regelmäßig einen Pfropf aufsetzen.
Sprecht mit mir, macht mir mein Geheimnis bitter! Nachtgespenster, lasst die Mitte mich an diesem Abend sein, die Mitte mich im Bette. Es sind Girlanden dort an jenen Schnüren festgemacht, die auf zum Galgen führen.
Die Frage, ob denn hier in der Rhode, im baumbestrumpften Reuth die Menschlein herausgeschwemmt, oder ob sie doch von hier in die Stadt gespült werden, auf den verborgenen Lippen. Die Startposition ist LOS, die Spielregeln ungültig, das Atemloch ganz rotplärrig schon. Im Wald und auf der Heide, Transport mit einem NSU Fiat 1100 in das Vakuum, in dem du der Beweis einer absoluten Leere bist, klitzeklein in der Wiege gehätschelt, starre Augen auf die Puppe, die eine Rasselschnur durch den Leib gespannt trägt. Es ist noch ein weiter Weg. Du könntest damit beginnen, zu kriechen, heute durchs Heute, morgen durchs Morgen, dich nicht von der Stelle rühren. Die Welt zieht an dir vorbei, strömt spielend durch dich, den nichtisolierten Leiter, hindurch. Strahlende Erlebnisse, mümmelnde Gesichter vor deinen runden Backen. Merke sie dir gut, es sind alles zukünftige Leichen. Du wirst sie nur auf Fotografien wiedersehen : Aufgestellt wie Zinnsoldaten, die jungen Fähnriche von Langemarck zu Beginn des ersten Weltkriegs, das Deutschlandlied auf den Lippen. In offener Formation, ohne Deckung marschieren sie in die feindlichen Gewehrsalven hinein und werden allesamt wie die Fliegen niedergemacht. Das Blut spritzt fröhlich über sich kräuselndes Gedärm, aus dem sich die marmorierte Scheiße herauswälzt, den jähen Pulvergeruch annimmt, um sich zu tarnen. Wer vollkommen ist, hat keinen Namen.
Welten – zwei, drei (ohne die unendlichen Nullen dahinter) – flirrten unruhig zitternd, szintilierten strahlend, gleißten über den Baldachin hinfort, bedachten das Erdlein mit keinem Blick (zu weit entfernt, zu wenig gespreizte Beine) und kümmerten sich um eine Verabredung drüben am Fluchtpunkt.
»Dance the Ghost with me!«
Ja, sie tanzten den ›Geist‹, so als ob überhaupt kein Körper da wäre, der die alleinstehende Bewegung hemmt, die Figur wichtiger als das Motiv, vergänglich (ein Jitterbug).
Yoruba und Bantu sämen das magmatische Blut.
Das Zimmer, der Schrank, die Kommode, die Parfümflaschen, das Zimmer (eine Puppenstube) : Schurwolle und handmarmorierter Märchenfilz, gibt es denn eine gedachte Rinne für schwitzende Kissen, einen theoretischen Abstell-Halbmesser für eine Tasse Kaffee ohne Untersetzer, mit Untersetzer, ein Develey-Senfglas?
Man kann nicht aufstehen und tanzen, es gibt keinen Radius in diesem Juke Joint für Grundschritt, Wegdrehen, Retourdrehen, Platzwechsel, Handwechsel, Licht lässt sich kombinieren, die Kerzen leuchten auch bei Tag; dann erzittern die Gegenstände, betatschen sich entlang der Wand als Schatten, vom nahen Wald dringt der Geruch der großen Fichten durch das geöffnete Fenster, die Schafe blöken zum Fließen der Eger, dicke Teppiche schlucken jeglichen Lärm und auch das Lustgeschrei der Mädchen. Manchmal riecht es nach Alkohol und nackten Menschen.
Sebastiana : »Wo im Wald bist du gewesen?«
»Ich war überall!« Wie recht er damit hatte : Über-All; die Unendlichkeit ist immer dann zugegen, wenn man keine Grenzen mehr wahrnimmt, über allem das Blau des Himmels, über allem das Vergessen, das Ende der Reflexion über einen Ort, an dem man sich aufhält.
»Doch nicht im Steinbruch?«
Was ist deine tiefste Angst, deine schlimmste Vorstellung? Was ist der Steinbruch für ein Symbol? Aufbruch, Abbruch, Spuk und Tod und Teufel.
Lebendiger Abfall, sein Ausdampfen : alles voller Symbole, verdaut und geschissen. Die Zivilisation setzte in dem Moment ein, als man kein Feld mehr mit seiner eigenen Jauche düngen durfte, wollte man der Pestorchidee aus dem Wege gehen.
»Ich war einfach nur im Wald!«
»Und der spricht mit dir?«
Eigentlich war es kein richtiges Sprechen, es war mehr ein Flüstern. Man hörte es auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Es ist nicht einfach zu erklären : Ich nehme anders wahr! Er erinnert sich an den ersten Schneefall seines Lebens. Das ist mein erster Schneefall, dachte er. In Wirklichkeit war es etwa der vierte oder fünfte, aber Schnee war ihm bis dahin nicht bewußt, und irgendwann in den letzten Tagen des Aprils krönte ihn die Welt zum König des Unglücks.
Es war ihm nicht gelungen, alles zu verhindern; einen Pakt mit der Zeit konnte er nicht gültig schließen, aber für Vergessen sorgen. Das gelang durch das Hineinziehen seines Gegenübers in seine Vision. Der Betroffene existierte dann zwar weiter, vielleicht etwas stumpfer an mentalen Prozessen; Wortkarg zumeist; verträumt, wie es in diesem Landstrich jedoch nicht weiter ins Gewicht fällt.
In den wenigen Fällen, da dies aus unbekannten Gründen misslang, halfen die Moiren mit der ganzen Verve eines unverfänglichen Unfalls nach.
… und frisch bläst uns der Wind ins Gesicht, als wir vom Walde her die freie Flur betreten. Leise steigt er heraus aus dem Tal der Eger, raunt und wipfelt in den Schattenseiten der Fichtenschonung. Packt er aber härter zu, schüttelt die wetterzerzausten Kronen der alten Überhälter und erstickt das hohe Trommeln des Buntspechtes, dann empfindet man es gerade hier, als gingen die Geister noch um von der Herren Raitenbach aus der Burg Graßlitz, den Grafen von Liebenstein aus dem alten Schloß oder den rauflustigen Forstern aus der Burg Neuhaus auf dem Schloßberg, die aus ihren Raubnestern ausgezogen, um sich zu ergötzen am gruseligen und grausamen Spiel, das sie trieben, als sie hier und in der ganzen Umgebung die Kaufleute und sonstiges fahrende Volk ausraubten und ausplünderten. Bis es den Egerern zu dumm wurde und sie sich mit einer Reihe von Fürsten, darunter Herzog Ludwig von Bayern, die Markgrafen von Weitzen, ferner die Städte Eger, Zwickau, Ölnitz usw. zusammenschlossen, um den Landfrieden wieder herzustellen und zu erhalten. 1412 wurde Graßlitz geschleift. Dann kam die Rache auf Neuhaus zu. Alle Zünfte, voran die Tuchmacher und Metzger aus Eger, erstürmten die Burg und zerstörten sie vollständig.
Nick ertappte sich selbst dabei, wie er im Regen saß, und das Schauspiel der fallenden Tropfen beobachtete. Nichts hätte ihn heute Abend zurück in seine Kammer gebracht, denn er wollte nicht etwas hören, was nicht gleichzeitig zu beobachten war.
Wärst du unsichtbar, mein lieber Regen, ja, auch dann müsste ich mir eine Gestalt für dich ausdenken. Vermutlich würde ich Fingerknöchel nehmen, ich wüsste ja nicht, dass du Wasser bist.
Die Fahrt zum Leichenschauhaus verlief ohne Zwischenfälle, kein Ast verfing sich im Getriebe und niemand choreographierte einen Untergang. Auch wir müssen den Abschied an den Händen halten (mit etwas Nagellack sind seine Finger wieder schmuck). Die Wände schwitzen ein brutales Rot.
Noch einmal: die Trompete schallt (ich sag‘ es dir),
die Trompete schallt (nicht fern von hier).
Da hast du sie, diese feindlichen Wände um dich herum, diese schwitzenden Brutstätten des nächtlichen Wahnsinns. Sie sondern ein Flavor künftiger Ereignisse bereits in den Morast vor der Tür.
Jedes Steinchen kennt das Wagnis, von einer Pfütze überwältigt zu werden.
Auf dem Grund hurtiger Luft.
Zementbläue bleicht den Blues. Simsala=Peng.
Bis zu einem gewissen Grad kann ich es hupen hören, dann aber verschwindet die Nacht in goldenen Pumps und schleift ihr Rückgrat hinter sich her.
Kein Hungerkünstler wird sich hinsetzen und von einem Gedicht träumen, das er in kühlen Nächten in einer Art Rodeo mit dem Minotaurus von einer abwesenden Dame um den Bauch gebunden bekam : ein Stück Labyrinth, in dem er bleibt, gerade weil die Wände sich verschieben. Er kann sich nicht immer vom Fleisch der Gefallenen ernähren, auch wenn diese ewig sind.
Ich schlage die Nacht nicht aus, die jetzt die Stunde läutet und Sunna noch einmal übers Land winken lässt, die körperlos darauf verzichtet, alles aus den Schatten zu heben. Die Zeit ist nur im Gewölk am blutblauen Himmel auszumachen: ein Blick – und das Geschmier des Tages bekommt seinen Epitaphen mit der Erscheinung dieses Altostratus. Ich bin zur Nacht gerüstet, mein Mantel ist ein Zeugnis der wandelnden Finsternis, und nur meine Laterne, deren Licht sich in die engen Gassen schlägt, spült kurze Helle in ihre Magenkehle, die der Schattenfürst ebenso duldet wie mich als einen ihrer Protagonisten, der durch ein postsündgeflutetes Metropolis wankt, um den Schläfern einen Anhalt für ihre Träume zu geben. Als Poet bin ich nur wortmächtiger Kadaver, angelangt im Schutt, im Abraum der Ewigen Gärten.
Vielleicht bleibe ich unter einem Fenster stehen und bilde mir die Vision einer einsamen Existenz heraus, die dort im dämmrichten Erker ihre Sonette niederschreibt, nicht ahnend, dass die Unsterblichkeit kein Archiv besitzt, jetzt, da Bibliotheken fallen und die Erinnerung nur noch bis gestern reicht. Unter Brüdern bin ich auf Friedhöfen, grüße die Wurmlebendigen, die Simse umflappt von Falterstaub, ein letzter Kerzenschimmer über den Giebeln bleckt ein langes Gesicht, darunter gähnen Schluften und Hohlwege, Grottendämpfe zerwehen, vergehen an den Nostern, ausgeschnaupt und angesogen. Ich weiß viel von dunklen Wanderherzen, die sich vom Mondenschein zerklüften lassen, niederlassen an den Strecken, an den Bäumen, leisberauscht vom Zeiselwind. Dichtet euch hinfort, ihr Scharen lappiger Lappsäcke! Vom Frohn bestuhlt erschlafft euch die Zunge im Maule: Mistel, Kinster, Mahrentacken, Mahre, Gaul und Roß! In meinem Sehnen spinnt er sich ein, der Bruder Wurm – und verweigert sich den Zöglingen der Verderbnis. Er schreibt; steht ganz sinnlos und allein vor seiner Wirtin, die ihm den Mietzins aus dem letzten Auge sticht.
So nenne ich dem leeren Fenster die Zeit und streune weiter, während die letzten ausgerufenen Sekunden zu mir zurückfließen wie Sternentaler. Denn wenn’s den Poeten nicht mehr gelingt, in dieser prosaischen Welt ein Herdfeuer zu entdecken, stirbt jeglicher Geist in den Dingen für immer hin, ersteht nie wieder, hebt nicht mehr den Odemkorb des letzten Hauchs. Ich finde mich im Nachtwind wohl, beobachte durch die kleppernden Läden das Zuendegehen eines Lebens, das noch Duft genannt werden kann, denn der da liegt freut sich offenkundig an der ewigen Wiederkunft und hält und bekommt gehalten das Händchen im Kreise seiner liebsten Kerzen, die so lichterloh scheinen und ihm das Angesicht wie einen Motor vorglühen, auf daß er ohne zu stottern und murren über den Gjöll blicken kann, zur Holle, dem Holunder hin. Noch ist der Jüngling nicht hinüber, beharrt, man kann es sehen, auf sein Recht, das Kissen aufgeschüttelt zu bekommen, um Freund Hein gebührend empfangen zu können, sodann nach einem Trunk mit ihm gemeinsam hinzufahren.
Ich bin nachtwach, ein Schläfer bei Tage. Ich trage den Traum wie einen Anzug. Ins tiefere Tief hinein weht mich die Melange der späten Stunde, ein zerklüftetes Bäumelein auf einer Insel umgeben von Staub, die Raschelblätter in den ewigen Raum gebeugt.
Dort hindert den noch Lebenden das Leben selbst am Scheiden. Die Kammer gehört ihm als Gast, der sich um den Abschied kümmert. Fragt ihn die Liebste nicht schon, wohin er gehe? Seine Lippen bewegen sich wie zum Gedicht, man meint, sie küssen sich in Bälde, doch wölbt sich sein Mund hin an ihr Ohr, und der Wiederschall meiner Rufe zersplittert wie ein gläsernes Wolkenschaf an einer Kerkerwand. Um die Errettung der Seele ist’s niemanden mehr, man weiß nichts mehr vom Tod zu sagen, als dass er nach wie vor verlässlich steht wenn aller Schmerz nicht mehr das Leben lindert.
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