Spukhafte Fernwirkung

Von diesen Erlebnissen habe ich mir Skizzen gemacht. In einem Gewirr stecken Säfte fest, Disteln durchreißen nadelstichig die nahe Umgebung, Trampelpfad, Trampelerschütterung, Schritte offener Sohlen, behuft weiterziehen. Nirgend Ziel. Nirgend Beginn. Tal hinter Wildnis, Kot abdichtet der Häuser Fud. Konzert für Jazztrompete und Einhorn, ein Mündel wippt auf einem Stab, Brennholz, soweit das Auge / Alle Gleichzeitigkeiten in Glockenblumen schwenken. Die Welt eine Theorie aus Zufall, der schöne Tod ein Gebein im Kleid, Humor ein Rauschen der Silben; die Sprache erstickt: Teerkotze haftet an den Lippen, Zungen vergeudet. Ein letztes Atom, ein letzter Blick über die ausgerenkte Schulter. Der Nebel folgt. Meine Haut strafft sich Tag und Nacht wie der Klee, die Weichheit, die Form, vergessen ist nicht ein Jota. Vergessen ist nicht ein Fenster: was draußen war, was drinnen ist: anderswo, zu jeder Zeit: das Ticken der Ur-Uhr.

Die ausgegorenen Eventualitäten, spukhafte Fernwirkung zwischen den Quantenteilchen. Ob ich das jetzt (Schnipsel der ich bin) gebrauche, ob es einen Ort dafür gibt, Wasserstraßen hinein ins Herz der Finsternis (und sie weideten ihn aus, bevor sie neues Leben in ihn taten).

Sie trat durch die Tür: »Mein GOtt! So viele Universen wieʼs hier gibt, habʼ ich ja noch nie geseh’n!«

Das eingeschworene Raupenmaß

Räumt man ein, dass es Unglück bringt, die Dinge mit einem anderen Namen zu versehen, als den, den sie selbst genannt haben (manche schweigen länger als andere, vielleicht schon in Gedanken an einen vorsätzlichen Betrug, der sie das erste Ding sein lässt, das einen falschen Namen genannt hat), wird man sich der Dinge intensiver bewusst werden, die auch dann Dinge sind, wenn sie nur gedacht werden, wenn sie nicht an ihrer Dinglichkeit gemessen werden können, sondern vielleicht nur an der Aura ihrer Dinglichkeit. Das Laternenglas ist ein ganz konkretes Ding, und ohne zu zögern wird es seinen Namen nennen; anders verhält es sich bei einem eingeschworenen Raupenmaß. Auch dieses Ding zögert nicht, seinen Namen recht zügig zu äußern, in der Gewissheit aber, dass es genauso gut ein Name unter falschen Voraussetzungen sein könnte, eine betrügerischer eben. Da man ein Ding unter keinen Umständen fragen darf, wie es zu diesem Namen gekommen ist, wird man kaum imstande sein, sich eine Brücke zu bauen, wenn man eines Tages gezwungen ist, sich daran zu erinnern. So könnte schnell ein Unglück heraufbeschwörendes ›eingefrorenes Raupenmaß‹ daraus werden, schlimmer, ein ›geborenes Raummaß‹. Es ist bis heute nicht abzusehen, was das bedeuten würde.

Seit wann schaukeln meine Schafe?

Langform

Hat jemand zwischen den Raunächten Wäsche gewaschen und damit ein Los gezogen? Nimm, Herr Wode, das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit dei­nem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind star­rend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige neigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bisschen Ge­wicht von sich stoßen können, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen.

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Die Straße ‚Malheur‘

Langform

Von meinem Platz aus konnte ich die Straße gut einsehen, während ich am Fenster sitzend Kaffee trank und hin und wieder etwas Gebäck zwischen meine Lippen nahm, mehr aus Gewohnheit, denn schon seit längerer Zeit plagte mich das Unwohlsein gegenüber jeder Nahrung, die zwar zum Erhalt gedacht mir dennoch wie der Versuch einer Selbstvergiftung erschien. So aß ich kaum mehr etwas, dessen Geschmack sich eindeutig bestimmen ließ. Geschmäcker verwirrten mich und ließen mich an der Entscheidung zweifeln, was wirklich zu schmecken war. Meine Parageusie trat besonders in meinen nervösen Zeiten auf, in denen ich selbst in einem Glas Wasser mehr entdeckte als ich eigentlich wollte. Rost, Kalk und der Geschmack von Chitin, auch wenn man annimmt, dieser Stoff reize die Geschmacksknospen nicht, waren dann die Hürden, die ich während einer hypersensiblen Phase zu überwinden hatte, um mich am Leben zu halten.

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Dorothea

Langform

Als Dorothea das Zeitliche segnete, fielen in der Küche die Schöpfkellen und Siebe mit irrwitzigem Getöse von der Herdklappe, an der sie gewöhnlich an einem Haken hingen, weil in den Schubladen des Küchenschranks kein Platz mehr war.
In diesem Augenblick kam es mir so vor, als hätte jemand die Tür zum Fluss hin geöffnet und mit nebligen Geisterfingern in der Luft herumgetastet. Die Temperatur in der Wohnung fiel merklich, sodass wir alle fröstelten. Selbst die Möbel zitterten und drängten sich wie Schafe dicht aneinander.
Carlos und Noob saßen am Wohnzimmertisch und rauchten. Sie sagten kein Wort, aber ihre Augen rollten in ihren wässrigen Höhlen und waren gespannt auf das nächste Ereignis.
Ich saß nicht weit von ihnen entfernt auf dem Boden und lauschte den Fledermäusen, die den Wagen des Psychopompos zogen, um Dorotheas Seele zur letzten Fähre zu bringen. In die Stille, die stets einem lauten Knall folgte, mischte sich das Geräusch nahender oder sich entfernender Schwingen, das für gewöhnliche Menschen unhörbar war.
In unserer Familie war der Tod ein ungewöhnlich massiver Einbruch, womöglich der Preis für die Langlebigkeit, die neben der Unsterblichkeit, die kaum je zu erreichen ist, sämtliche Übergänge in ein anderes Stadium zu einem Gewaltakt herabwürdigte.
Diese Kommunikation mit dem Jenseits, die nicht über gewöhnliche Kanäle stattfand, widersprach der physikalischen Logik, mit der ich mich beispielsweise in unserer institutionellen, erlebnisarmen Schule auseinandersetzen musste. Ich hätte mich nie getraut, dort von gänzlich anderen Wahrnehmungen als den hinlänglich akzeptierten zu sprechen. Wenn ich mich über den Animismus ausgelassen hätte, dem ich in meinen jungen Jahren bereits häufig als Zeuge beiwohnte, hätte mich das in große Bedrängnis gebracht. Meine Mitschüler waren allesamt wahre Erben und zukünftige Säulen unserer fehlerhaft eingerichteten Welt. Ihre Naturgesetze waren wie ein loses Sicherheitsnetz angelegt: nicht zwingend falsch, aber unzulänglich und oft genug fadenscheinig.

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Abstieg in den lichten Schatten

Langform

Ich erwachte in meinem fensterlosen Turm, in dem es nach alten Büchern und Würmern roch, die sie befallen hatten, und fegte die bleichen, geflügelten Viecher aus meinen gelockten Haaren, wo sie sich eingenistet hatten. Ich schüttelte die seidigen Körper von mir, stand auf und starrte auf die weiße Kugel aus sanftem Licht, die knapp über meinem länglichen Schatten schwebte – die Kugel, die von jeher mein Begleiter war. Durch ihr Licht konnte ich die Worte aus den alten Büchern verschlingen, Silben, die ich schmecken konnte, sobald sie gesprochen wurden. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich die Kunst des Lesens erlernt habe, aber ich kann mich schwach an die Frau erinnern, die in meinen Träumen tanzte und immer ein weißes Buch in der Hand hielt, die mir die leuchtenden Blätter zeigte und vorsichtig ihre stummen Lippen bewegte, damit ich die Worte verstehen konnte, die sie bildeten.

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Daphne

Geschrieben von A. Anders

Manchmal Wurzeln
Das Haar

Manchmal Rinde
Das Gefühl

Manchmal Blätter
Die Organe

Das Rauschen

Manchmal Äste
Die Arme

Das Knarzen
Der Wille zu dir

Manchmal wie Harz
Das Blut

Die Möse
Der Schwanz
Das Aufbrechen der Borke

Gestern die Milch, heute der Keller

Wir bleiben uns vor allem wahr. Und wenn du liegst, so beuge
ich mich stochastisch über dein weißes Rauschen, vermute nur,
und irre nicht. Du bist mir alle Erde dann, und alle Wärme dann.
Gestern hast du gesagt, du hast gesagt: Milch. Die ich von dir nahm,
die ich in dich leerte, die sich mit dir verband, die roch wie später dein Kleid.
Dein Fassen eine Zierart des weißen Trunks aus allen offenbarten Öffnungen.
Doch die Annahme des Gemolkenen. Der Lohensteinsche Himmelschlüssel,
und heute der Keller, in dem ich dich offenbarte, in dem du mir
zugeneigt zuneigtest dein Haupt, dein Haar, dein Angesicht. Und
in deiner Augen Glanz war’s mir, als sähe ich Erkennen strahlen,
durch allerlei Brimborium das Püppchen geknetet und zugerichtet,
doch sah ich’s nur und fühlte anders, denn fühlte –
und ich fühlte wie gestern die Milch, dich.

Faunlaub & Löwenstöckel

Es ist Montag, der neunundzwanzigste August. Der Tag, an dem der Turm sich, der sich uns beiden weissagte, durch unser Aufeinandertreffen in Mannheim, den Lüften zu durch Erde brach. Monate, seit Mitte 2015, hatten wir unzählige Worte, so viele lange Briefe aus dem Wasser der Mondin geschöpft. Uns ausgiebig ausgegossen. Oil mit einem Krug. Waterlily mit einem Krug. Aus einer Pfütze entstand ein Rinnsal : aus einem Rinnsal ein Bach : aus einem Bach ein Fluss : aus einem Fluss ein reißender Strom, der unaufhaltsam das Land unter unseren Füßen abtrug, Meer zu werden. Wir strömten uns zu, tasteten bald in allen Elementen nach uns. Wir siezten, duzten, kollidierten und fusionierten … kollidierten wieder, ließen ab, stoben auseinander, hoben wieder an …, wir gaben uns Namen. Nannten unsere Kinder bei den ihren. Sie spielten uns durch (wie wir sie durchspielten), entdeckten und blößten uns. Bangten bis zu diesem Tag:

Noch früher Morgen, wir telefonieren miteinander, soeben erst aus den Federn gestiegen, fühle ich mich pelzig von dem Zwölfstundendienst, der nun hinter mir liegt. Du hast dich bereits vom Nacken bis zu den Fußknöcheln in dein Weinlaub geworfen (da Kempten, wie du mir erzählst, offenbar eine Stadt ist, die ohne gelbe Hemden auszukommen gedenkt). Ich begleite dich zur Tür hinaus, gen Bahnhof zu gehen, die Tschu Tschu zu nehmen, in der ein Junge sitzen wird, der dich die ganze Fahrt zu mir hin unterhält. Ich springe unter die Dusche, weiß noch nicht, was ich anziehen werde, entscheide mich für mein braunes Wollklaid, packe meinen Rucksack, packe meine Tasche, und noch eine, habe viel zu viel dabei. Schwer beladen in beeschfarbenen Samtpömps, vergesse ich den olfaktorischen Handkuss nicht, tauche meine Finger der rechten Hand noch ins Becken meiner Nymphe und versuche von nun ab als linkshändige Packeselin durchzukommen. Ich stöckele los, mit offener Mähne. Denke an mein Sternbild, dass ich an einem meiner letzten Arbeitstage, vor dem Kuckucksnest gefunden hatte als ich, mit einer Kollegin sprechend, zu Boden blickte, und weiß noch nicht, dass der ausgemachte Handkuss der Umarmung eines Wesens weichen wird, auf das ich keinen Einfluss habe.

Eilmeldung aus der Antike

Vom Frischrahmaufstrich Cäsars
wird erzählt, er sei schon
damals an Tankstellen
erhältlich gewesen

die man nicht sehen konnte
weil es keine Autos gab.

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