Das eingeschworene Raupenmaß

Räumt man ein, dass es Unglück bringt, die Dinge mit einem anderen Namen zu versehen, als den, den sie selbst genannt haben (manche schweigen länger als andere, vielleicht schon in Gedanken an einen vorsätzlichen Betrug, der sie das erste Ding sein lässt, das einen falschen Namen genannt hat), wird man sich der Dinge intensiver bewusst werden, die auch dann Dinge sind, wenn sie nur gedacht werden, wenn sie nicht an ihrer Dinglichkeit gemessen werden können, sondern vielleicht nur an der Aura ihrer Dinglichkeit. Das Laternenglas ist ein ganz konkretes Ding, und ohne zu zögern wird es seinen Namen nennen; anders verhält es sich bei einem eingeschworenen Raupenmaß. Auch dieses Ding zögert nicht, seinen Namen recht zügig zu äußern, in der Gewissheit aber, dass es genauso gut ein Name unter falschen Voraussetzungen sein könnte, eine betrügerischer eben. Da man ein Ding unter keinen Umständen fragen darf, wie es zu diesem Namen gekommen ist, wird man kaum imstande sein, sich eine Brücke zu bauen, wenn man eines Tages gezwungen ist, sich daran zu erinnern. So könnte schnell ein Unglück heraufbeschwörendes ›eingefrorenes Raupenmaß‹ daraus werden, schlimmer, ein ›geborenes Raummaß‹. Es ist bis heute nicht abzusehen, was das bedeuten würde.

Seit wann schaukeln meine Schafe?

Langform

Hat jemand zwischen den Raunächten Wäsche gewaschen und damit ein Los gezogen? Nimm, Herr Wode, das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit dei­nem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind star­rend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige neigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bisschen Ge­wicht von sich stoßen können, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen.

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Die Straße ‚Malheur‘

Langform

Von meinem Platz aus konnte ich die Straße gut einsehen, während ich am Fenster sitzend Kaffee trank und hin und wieder etwas Gebäck zwischen meine Lippen nahm, mehr aus Gewohnheit, denn schon seit längerer Zeit plagte mich das Unwohlsein gegenüber jeder Nahrung, die zwar zum Erhalt gedacht mir dennoch wie der Versuch einer Selbstvergiftung erschien. So aß ich kaum mehr etwas, dessen Geschmack sich eindeutig bestimmen ließ. Geschmäcker verwirrten mich und ließen mich an der Entscheidung zweifeln, was wirklich zu schmecken war. Meine Parageusie trat besonders in meinen nervösen Zeiten auf, in denen ich selbst in einem Glas Wasser mehr entdeckte als ich eigentlich wollte. Rost, Kalk und der Geschmack von Chitin, auch wenn man annimmt, dieser Stoff reize die Geschmacksknospen nicht, waren dann die Hürden, die ich während einer hypersensiblen Phase zu überwinden hatte, um mich am Leben zu halten.

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Dorothea

Langform

Als Dorothea das Zeitliche segnete, fielen in der Küche die Schöpfkellen und Siebe mit irrwitzigem Getöse von der Herdklappe, an der sie gewöhnlich an einem Haken hingen, weil in den Schubladen des Küchenschranks kein Platz mehr war.
In diesem Augenblick kam es mir so vor, als hätte jemand die Tür zum Fluss hin geöffnet und mit nebligen Geisterfingern in der Luft herumgetastet. Die Temperatur in der Wohnung fiel merklich, sodass wir alle fröstelten. Selbst die Möbel zitterten und drängten sich wie Schafe dicht aneinander.
Carlos und Noob saßen am Wohnzimmertisch und rauchten. Sie sagten kein Wort, aber ihre Augen rollten in ihren wässrigen Höhlen und waren gespannt auf das nächste Ereignis.
Ich saß nicht weit von ihnen entfernt auf dem Boden und lauschte den Fledermäusen, die den Wagen des Psychopompos zogen, um Dorotheas Seele zur letzten Fähre zu bringen. In die Stille, die stets einem lauten Knall folgte, mischte sich das Geräusch nahender oder sich entfernender Schwingen, das für gewöhnliche Menschen unhörbar war.
In unserer Familie war der Tod ein ungewöhnlich massiver Einbruch, womöglich der Preis für die Langlebigkeit, die neben der Unsterblichkeit, die kaum je zu erreichen ist, sämtliche Übergänge in ein anderes Stadium zu einem Gewaltakt herabwürdigte.
Diese Kommunikation mit dem Jenseits, die nicht über gewöhnliche Kanäle stattfand, widersprach der physikalischen Logik, mit der ich mich beispielsweise in unserer institutionellen, erlebnisarmen Schule auseinandersetzen musste. Ich hätte mich nie getraut, dort von gänzlich anderen Wahrnehmungen als den hinlänglich akzeptierten zu sprechen. Wenn ich mich über den Animismus ausgelassen hätte, dem ich in meinen jungen Jahren bereits häufig als Zeuge beiwohnte, hätte mich das in große Bedrängnis gebracht. Meine Mitschüler waren allesamt wahre Erben und zukünftige Säulen unserer fehlerhaft eingerichteten Welt. Ihre Naturgesetze waren wie ein loses Sicherheitsnetz angelegt: nicht zwingend falsch, aber unzulänglich und oft genug fadenscheinig.

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Abstieg in den lichten Schatten

Langform

Ich erwachte in meinem fensterlosen Turm, in dem es nach alten Büchern und Würmern roch, die sie befallen hatten, und fegte die bleichen, geflügelten Viecher aus meinen gelockten Haaren, wo sie sich eingenistet hatten. Ich schüttelte die seidigen Körper von mir, stand auf und starrte auf die weiße Kugel aus sanftem Licht, die knapp über meinem länglichen Schatten schwebte – die Kugel, die von jeher mein Begleiter war. Durch ihr Licht konnte ich die Worte aus den alten Büchern verschlingen, Silben, die ich schmecken konnte, sobald sie gesprochen wurden. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich die Kunst des Lesens erlernt habe, aber ich kann mich schwach an die Frau erinnern, die in meinen Träumen tanzte und immer ein weißes Buch in der Hand hielt, die mir die leuchtenden Blätter zeigte und vorsichtig ihre stummen Lippen bewegte, damit ich die Worte verstehen konnte, die sie bildeten.

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Daphne

Geschrieben von A. Anders

Manchmal Wurzeln
Das Haar

Manchmal Rinde
Das Gefühl

Manchmal Blätter
Die Organe

Das Rauschen

Manchmal Äste
Die Arme

Das Knarzen
Der Wille zu dir

Manchmal wie Harz
Das Blut

Die Möse
Der Schwanz
Das Aufbrechen der Borke

Gestern die Milch, heute der Keller

Wir bleiben uns vor allem wahr. Und wenn du liegst, so beuge
ich mich stochastisch über dein weißes Rauschen, vermute nur,
und irre nicht. Du bist mir alle Erde dann, und alle Wärme dann.
Gestern hast du gesagt, du hast gesagt: Milch. Die ich von dir nahm,
die ich in dich leerte, die sich mit dir verband, die roch wie später dein Kleid.
Dein Fassen eine Zierart des weißen Trunks aus allen offenbarten Öffnungen.
Doch die Annahme des Gemolkenen. Der Lohensteinsche Himmelschlüssel,
und heute der Keller, in dem ich dich offenbarte, in dem du mir
zugeneigt zuneigtest dein Haupt, dein Haar, dein Angesicht. Und
in deiner Augen Glanz war’s mir, als sähe ich Erkennen strahlen,
durch allerlei Brimborium das Püppchen geknetet und zugerichtet,
doch sah ich’s nur und fühlte anders, denn fühlte –
und ich fühlte wie gestern die Milch, dich.

Faunlaub & Löwenstöckel

Es ist Montag, der neunundzwanzigste August. Der Tag, an dem der Turm sich, der sich uns beiden weissagte, durch unser Aufeinandertreffen in Mannheim, den Lüften zu durch Erde brach. Monate, seit Mitte 2015, hatten wir unzählige Worte, so viele lange Briefe aus dem Wasser der Mondin geschöpft. Uns ausgiebig ausgegossen. Oil mit einem Krug. Waterlily mit einem Krug. Aus einer Pfütze entstand ein Rinnsal : aus einem Rinnsal ein Bach : aus einem Bach ein Fluss : aus einem Fluss ein reißender Strom, der unaufhaltsam das Land unter unseren Füßen abtrug, Meer zu werden. Wir strömten uns zu, tasteten bald in allen Elementen nach uns. Wir siezten, duzten, kollidierten und fusionierten … kollidierten wieder, ließen ab, stoben auseinander, hoben wieder an …, wir gaben uns Namen. Nannten unsere Kinder bei den ihren. Sie spielten uns durch (wie wir sie durchspielten), entdeckten und blößten uns. Bangten bis zu diesem Tag:

Noch früher Morgen, wir telefonieren miteinander, soeben erst aus den Federn gestiegen, fühle ich mich pelzig von dem Zwölfstundendienst, der nun hinter mir liegt. Du hast dich bereits vom Nacken bis zu den Fußknöcheln in dein Weinlaub geworfen (da Kempten, wie du mir erzählst, offenbar eine Stadt ist, die ohne gelbe Hemden auszukommen gedenkt). Ich begleite dich zur Tür hinaus, gen Bahnhof zu gehen, die Tschu Tschu zu nehmen, in der ein Junge sitzen wird, der dich die ganze Fahrt zu mir hin unterhält. Ich springe unter die Dusche, weiß noch nicht, was ich anziehen werde, entscheide mich für mein braunes Wollklaid, packe meinen Rucksack, packe meine Tasche, und noch eine, habe viel zu viel dabei. Schwer beladen in beeschfarbenen Samtpömps, vergesse ich den olfaktorischen Handkuss nicht, tauche meine Finger der rechten Hand noch ins Becken meiner Nymphe und versuche von nun ab als linkshändige Packeselin durchzukommen. Ich stöckele los, mit offener Mähne. Denke an mein Sternbild, dass ich an einem meiner letzten Arbeitstage, vor dem Kuckucksnest gefunden hatte als ich, mit einer Kollegin sprechend, zu Boden blickte, und weiß noch nicht, dass der ausgemachte Handkuss der Umarmung eines Wesens weichen wird, auf das ich keinen Einfluss habe.

Eilmeldung aus der Antike

Vom Frischrahmaufstrich Cäsars
wird erzählt, er sei schon
damals an Tankstellen
erhältlich gewesen

die man nicht sehen konnte
weil es keine Autos gab.

Amor und Psyche

Die Stadt, die mich heimsuchte, ich wusste nicht welche, nichts über ihr Ausmaß, lag in einem dichten grünen Nebel getaucht. Schritt für Schritt nahm sie jeden meiner Füße derartig moosweich auf, dass ich bei jedem erneutem Kontakt das Gefühl hatte in einem unfassbar weiten Moor zu versinken. Die Glocke um meinen Kopf wog schwer. Der an ihr, auf Höhe meines Hinterkopfs, angebrachte spürbare Schlauch, der mir offenbar Sauerstoff zuführte, reichte anscheinend weit zurück. Wie weit jedoch, das kann ich nicht sagen, da ich mich nicht erinnerte, wie lange ich schon durchs Grün schritt, wie weit ich mich schon von einem Ausgangspunkt entfernt hatte, den ich in meiner Erinnerung gar nicht abrufen konnte. Mein Ausgangspunkt. Ein Ausgang, der doch vielmehr einen Eintritt bedeuten musste. In etwas, das ich immens wahrnahm. Obwohl ich zugleich dachte, das lag wohl an der Weise wie meine Schritte von ihr aufgenommen wurden, dass sie doch eher mich wahrnahm. Mich langsam in sie einverleibte. Es war mir als wäre Tag. Als ob Licht in diesem üppig grünen Nebel lag. Er schien in seiner Natur konvex zu sein, konvex zu funktionieren. Sich mir geradezu entgegen zu wölben in seinen ‚Bildern‘, setzte ich einen Fuß vor den anderen, und doch waren sie nie so nah, wie sie mir schienen, ja ich würde sogar sagen, wie ich sie sah. Denn ich sah in ihm tatsächlich etwas. Sah sich entwickelnde und verändernde Landschaften, Figuren und Formen, die sich mir darboten als wären sie Begleiter meines unbestimmten Weges, den ich nahm. Doch eigentlich bietet es sich an, sie eher als Begleiter meines Daseins zu bezeichnen, da von einem Weg ja nicht wirklich gesprochen werden kann. Ich ging schließlich nur. Ohne Ziel. Ohne irgend einen Anhaltspunkt. Hielt ich je an? Hatte ich geruht? Gar geschlafen? Ich weiß es nicht. Schritt ich überhaupt voran? Oder trat ich nur auf der Stelle?

Immer wieder blitzten mir weiße Augen auf. Hier und da. Dort drüben. Milchig aus den sich zusammenziehenden Dickichten schauend. Dickflüssig weiß. Mit den Lidern in die fließend grünen Landschaften verwoben, die sich mir wellenweise wie Kontaktlinsen näherten. Als ob sie mich besahen. Sich ein Bild von mir machten, mich in Augenschein nahmen, sich mir in sich immer verändernder Weise zeigend, als ob sie mich aus jeder denkbar möglichen Form, die sie annahmen, wahrnehmen wollten. Und immer wenn sie das taten, vernahm ich an diversen Stellen meines Körpers Lidschläge, als würde ich meine Augen auch an anderen Stellen meines Körpers öffnen. Mal an meinen Beinen. Mal an meinen Oberkörper. Mal an meinen Armen. Ich versuchte meinen Körper abzutasten, nahm ihn jedoch in seinen Einzelheiten, seinen Untergliederungen und Extremitäten als einen einzelnen Vielkörper wahr. Das heißt: Wenn ich nach meinem Bein tastete, spürte ich eine Vielzahl von meinem Bein, die sich aus meinem ergab. Ich spürte also ein Vielbein. Gleiches nahm ich an meinen Armen wahr, berührte ich sie. Es war ganz gleich wohin ich fasste, einzig mein Kopf, der in der Glocke geborgen lag, blieb mir vom Versuch verschont auch ihn in einer Vielzahl wahrzunehmen. Jedoch wusste ich nicht, ob es sich dann ebenso verhielte, nähme ich die Taucherglocke ab, zumal ich auch nicht wusste, ob ich in dieser nebelgrünen Atmosphäre atmen konnte. Und ich brannte auch nicht gerade darauf es herauszufinden. Zu wahnsinnig erschien mir die Idee, meinen Kopf, meine Gedanken, alles, was ich wahrnahm und mir zu einer sich stetig verändernden Information einer Welt wurde, in der ich mich befand, potenzierter wahrzunehmen als ich es ohnehin schon tat. Und so konnte ich die Augen nicht tasten. Fand nur immer wieder diese Vielzahl von meinen Beinen und Armen bestätigt, versuchte ich mich erneut davon zu überzeugen, dass ich in den vorherigen Versuchen einem Missempfinden gefolgt war. Das Kuriose war, je länger ich konzentriert zu tasten und zu fühlen versuchte, desto schneller rasten die Beine und Arme aus meinen Beinen und Armen hervor. Als würde damit verhindert, dass eine Kette des Fortdauerns unterbrochen würde. Das hatte etwas sich Generierendes. Als brachte eine Blüte sich selbst immer wieder hervor. Eine Blüte die der Blüte dient, um überhaupt zu sein.

Dieser Gedanke machte mich rasend, ebenso rasend wie sich mir die Vegetation des Nebels anpasste. Ich wusste nicht, ob ich es war, die sich dabei schnell bewegte, obwohl ich keinen einzigen Schritt tat, oder ob es diese fließend dickichte Landschaft war, die mich umgab, mich in sich hatte, so sehr war ich mit ihr verbunden, dass ich mir das nicht beantworten konnte, dass ich das Gefühl hatte, dass meine Haut nun ganz mit ihrer verwoben war. Es war ein von Anfang an warmes waberndes Empfinden. Klimatisch feucht. Doch jetzt, obwohl ich noch immer die Taucherglocke trug, hatte ich das Gefühl, dass es mir meinem Atem raubte, ich immer weniger Luft bekam, mich erdrückte, meinen Brustkorb fasste und engte. Ich blieb am Boden, versuchte mich zu sammeln, zu beruhigen, um erfassen zu können, was um mich herum passierte. Strengte meine Augen mehr an, indem ich sie leicht zusammenkniff, in der Hoffnung: doch noch etwas zu erkennen, das vielleicht hinter diesem konvex dickichten Nebel lag, den ich durchdrang ohne mich zu erinnern in ihn, diese Vegetation, eingedrungen zu sein, die mir undurchmessbar erschien. Als wäre ihre Weite eine Dauer, die mir zugleich jegliche Empfindung für Zeit nahm. Ich versuchte etwas zu erkennen, das mir einen Weg hier raus bedeuten könnte. Ich suchte allein mit meinen Augen. All meinen Augen, die sich aufschlugen, denn mir war klar, mich fortzubewegen, würde nichts nutzen, da ich ja überhaupt nicht wusste, ob ich es überhaupt getan hatte, mit jedem meiner Schritte. Zunehmend hörte ich meinen Herzschlag in der Glocke, meine Atmung wurde heftiger und kurzfrequenter. Das kleine Fenster beschlug nun im Innern. Ich konnte noch sehen, dass sich um mich herum Umrisse einer Stadt abzeichneten, die der grüne Nebel nach und nach freigab. Aber sogleich sie mir wie eine erlösende Fatamorgana erschienen war, wurde sie vom Kondenswasser meines Atems verdeckt, das sich an meinem, so dachte ich mittlerweile: kleinen Seelenfenster sammelte. Ich entschied mich auf allen Vieren zu ihr vorwärts zu krabbeln. Zu weich waren meine Beine vor Angst. Nur woher sollte ich wissen, dass ich mich immer noch in der richtigen Richtung befand. Ich kam mir vor wie eine heillose Eva in der grünen Hölle. Einzig der moosartige Boden unter meinen Händen und Knien blieb mir als etwas Reales, das mir Orientierung gab, mir versicherte, dass noch etwas außerhalb dieser Glocke, die nun die sichtbare Welt um mich herum bedeutete, existierte. Das war ein beklemmendes, kaum auszuhaltendes Gefühl, mit dem Körper in einer zu sein, die außerhalb derjenigen lag, die ich sehen konnte. Diese Zweiteilung: Der eigene Körper, der sich in einer für mich nicht (mehr) sichtbaren Welt die fortdauernde Existenz erkrabbelt, während mein Kopf, meine Gedanken in einer kleinen Taucherglocke festsaßen. Knie um Knie, Handfläche um Handfläche krabbelte ich voran. Der moosige Boden wuchs mich ein, mit jedem Zentimeter, den ich mich weiter traute, mich von ihm umschließen zu lassen. Näher den Umrissen der Stadt zu. Ich bewegte mich, je mehr es mich in sich nahm, weich und weicher werdend, spürte meine Kniescheiben, die Knochen und Muskeln meiner Hände kaum noch. Kam aber dennoch weiter, denn ich verlor auch an Gewicht, das ich zu tragen hatte. Ich wurde leichter und leichter. Bis keines mehr da war. Nur mein Kopf blieb durch die Taucherglocke unverändert schwer. Bald war nur noch er es, in dem ich mir bewusst war. Die inneren Ränder der Glocke wurden mir zum letzten Raum, in dem ich mir noch gewahr wurde. Das aber wurde mir im Nichts, in dem ich mich ansonsten befand, zuviel. Noch immer, das Fenster war weiterhin beschlagen und beschlug auch weiterhin, atmete ich. Was mir aus mehreren Gründen ein Rätsel war, da ich meinen Brustkorb nicht mehr spüren konnte, und auch nicht das Gefühl hatte, dass der Schlauch mich weiterhin mit Sauerstoff versorgte. Ich war einfach nur noch. War nur noch in dieser Taucherglocke. Sah weiter nichts als meinen eigenen Atem, der sich an dem kleinen Fenster zu Wasser kondensiert hatte. Ich ertrank an meinen eigenen Gedanken, die diese Hölle mir machte, die kein Mensch auszuhalten fähig wäre. Und so stieg das Wasser in ihr. Es wurde dunkler und dunkler. Ich sank. Erinnerte mich sogar mich noch dankbar empfunden zu haben. Doch je mehr ich sank, umso mehr spürte ich einen stärker werdenden Sog, der mir meinen Körper wieder ins Bewusstsein gab. Mit einer Gewalt, die zur Folge hatte, dass ich ihn wie ein tonnenschweres Gewicht wahrnahm, das mich in meiner Taucherglocke rasant in die Tiefe zog. Mir wurde kalt und kälter, umso mehr sich mein Körper rekonturierte. Mein kleines Seelenfenster gefror zunehmend bis es schließlich sprang und ich mich in vielen kleinen Spiegeln im Dunklen als ganzes Wesen sah: Nackt und klein. Ich versuchte die Spiegel mit den Händen aus meiner Glocke zu lösen. Einen nach dem anderen. Und mit jedem einzelnen, den ich löste, legte ich ein sonderbares Wesen frei, das sich hinter diesem Seelenfenster schon die ganze Zeit verborgen hielt. Ein Wesen in Nacht, das über mir beugte wie ein riesiger Falter. Das mich mit großen grotesk runden Augen puppig betrachtete, dessen Körper ich mit meinen Händen als einen männlichen tasten konnte. Es war als blickte ich in das personifizierte Kindchenschema der Natur, das den Blick nicht von mir nahm, mich ansah als würde es in mich hineinsehen, und je länger es schaute, desto mehr nahm es in seinen Gesichtszügen, ja gar in der Farbe seines Haaransatzes meine Erscheinung an. Es, dieser Scheme, verpuppte sich durch mich. Durch mein offenes Fenster muss er wohl eingedrungen sein. Oder war ich es mit fellnen Flügeln, die seine Gestalt annahm?

Amor und Psyche von Johann Heinrich Füssli (um 1810)

Ich kann es nicht sagen. Ganz grün die Lippen.

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