Früher hatte man noch Namen

Emma, gib‘ Mamas Handy her! Emma! – Gott, was für ein Gekreische, das da von den heute typisch ungeschminkt blasswangigen Weleda-Gesichtern durch das Wartezimmer der Praxis meines Gynäkologen galoppiert. Weleda? Das war doch ein Wischmopp, nach dem alle Hausfrauen der 90er Jahre gegriffen haben, weil die Werbung ihnen versprach, sich nach dem Lappen nicht mehr bücken zu müssen. Alles sauber aus dem Stand!

Und so soll’s wohl heute modern sein, sich abgeschminkt zu zeigen, und sein zopfiges Balg, dem man im Fettzwergenalter, in dem man noch mehr schwankt als selbstbewusst von A nach B sein Dasein fortzusetzen, offenbar affige Haarlänge zugesteht, während man sich selbst mit Ende Zwanzig alle zwei Wochen zur Schur begibt, weil Frau sich heute kurzhaarsportlich an den Mann und Arbeitgeber bringt. Statt der Zeitung die Faszienrolle unter’m Arm. Und die habe ich mir, als ich mal wieder Lust hatte im Sanitätshaus nach atmungsaktiven ledernen Damenschuhen zu schnuppern, gleich einmal zeigen und erklären lassen. Das ist eine Art Yoga-Indien-Brahma-Kautschuk-Rolle, mit der man sich die verkleisterte Muskulatur wieder glattwalzen kann. Nur das man selbst das Nudelholz ist, das man über die Rolle ziehen muss.

Unsereins brauchte früher nichts anderes als Merz Spezial Dragees, eine kleine Pulle Rotbäckchen in der Handtasche und ein nach Zitrone duftendes Erfrischungstuch. Ach ja, und früher, da hatte man ja noch Namen. Da hie? man Hedwig, Berthamaria-Lilli oder eben Renate. Aus dem Lateinischen stammend (Moment, ich muss erst voller Stolz Atem holen): Renata, die Wiedergeborene! Man hat ja schließlich als Kluge Hausfrau der 4buchstabigen Teufelsbrut durch die Jahrhunderte einen Exorzismus entgegenzusetzen. Nomen est Omen. (Ich frage mich ohnehin, warum man die kleinen Dinger nicht einfach ABCD ruft). Man gönnt seinen Kindern ja heute Alles und Nichts.

Emma heißt ja nix. Na gut, nix stimmt jetzt auch nicht. Ich habe mal nachgeschaut, es bedeutet allumfassend (ich stell mir da die plautzigen Hände von meinem Männchen vor) und soll ein eigenständiger Name sein. Ja nun.

Aber – um dem Teufel mal aus dem Bett zu kraulen – wenn wir Weiber das Ganze rückwärts lesen, schiebt doch glatt die AMME ihr Schnäuzen aus dem Namen hervor, mit Zitzen wie eine birnenförmige Apfelsine. Von welcher Eigenständigkeit sprechen wir denn da? Und allumfassend? Meiner Seel! Das entspricht ja nur dem Entschluss, sich schon elterlicherseits für gar nichts entschieden zu haben. Was soll dann aus dem Kinde werden? Vielleicht braucht es auch schon eine Faszienrolle.

Ich sag nur: Á la belle poule! Die Damen im 17 Jh. haben sich, als das mit der Hygiene nicht so en vogue war, weil man noch keine Runst empfand, dem auf den Pelz zu schauen, was da inkognito keimte, sogar Flaggschiffe in ihre aufgetürmten Haarhauben setzen lassen, um die Nackenmuskulatur zu stärken.

Warum lesen wir Horrorliteratur

Als ich gefragt wurde, ob ich an einer Kolumne mitwirken wolle, dachte ich, dass ich wohl über kosmischen Horror schreiben würde – immerhin veröffentliche ich ein Lovecraft-Magazin (The Lovecraft eZine). Ich hatte den Artikel bereits fertig, als ich bemerkte, dass ich nicht bei der Sache gewesen bin. Ob nun besser oder schlechter: ich schrieb einfach auf, was mich wirklich beschäftigte.

Das ist nicht lustig, aber schließlich geht es hier um Horror. Mein Lexikon definiert das als „auf Erfahrung beruhender, schreckerfüllter Schauder, Abscheu, Widerwille.“

• • • •

Weiterlesen

Tee anstatt Insektengift

Seit die Erde rotiert und durch eine dunkle Kartonage schlingert, dreht sich alles um dieses Insektengift, das auf jedem Altweibertisch vor sich hin dampft, schwarz wie ein Sumpfloch, saubitter und mulchig wie ein Maul voller Blumenerde, kurz bevor der April die Rentner in den Garten lockt. Selbstverständlich kann man sich Kaffee auch auf die Haut schmieren, wenn die vor lauter Allergie aussieht wie eine billige Pizza, und muss nicht nur fette Schnecken von den noch fetteren Erdbeeren? abhalten. Man will, so dünkt es mir, gar nicht an die eigentliche schwarze Brühe ran, sondern an das, was drin ist, im Kaffee also das Koffein, bei dem die Basedowschen Kranken zwar mit Pulsbeschleunigung, Herzklopfen und folgender Gedankenflucht, Nervosität, und quälender Schlaflosigkeit reagieren, das gesellschaftliche Leben aber nahezu still stehend würde.

Ja, ich schwadronierte einst über unsere steinbrüchig gewordene Kaffeekultur, und bin noch immer davon überzeugt, dass manche Mauken wieder nach frisch geschleuderter Butter duften, wenn man das, was vom Weiberkranz übrig geblieben ist, in ein Fußbecken quirlt.

Als Höllenweib gesunder Praxis beobachte ich natürlich sehr genau, was sich im Land der Dichter, von denen ich bestochen werde, so tut – und, was soll ich sagen: da zeichnet sich eindeutig ein Trend nach englischem Vorbild ab. Theophyllin bringt, wie alle Welt bezeugen kann, ein langes Leben in jede echte Queen hinein. Und wer möchte nicht, gebückt und runzlig, gewandet in bunte Farben und steinalt, noch so eine rüstige Fotografie abgeben?

Ob im Palast auch wirklich Twinings of London auf den schicken Tischen in den noch schickeren Kesseln zieht, vermag ich nicht zu sagen, obwohl ich gerade bemerke und mich frage, warum ich dort noch nie geladen war; gesagt aber werden kann, dass es hier in Dichters Grüften solch ein Getränk – von mir höchstselbst bereitet – zu jeder Tag und Nachtzeit gibt. God save Tee-in.

Vom Brot

Da tanzen sie im Rhythmus ihrer Negermusik durch die Küche, als ob sie das Brot höchstselbst erfunden hätten. Dass sie den Sauerteig nicht gleich mit ins Bett nehmen, um sich regelmäßig der nassen Pfütze in ihrer Mitte gewahr zu werden, sollte einer nachts aufwachen und Furcht vor geträumtem Psychoballast bekommen, verwundert mich dann doch bei derartigem Enthusiasmus. Nur weil ihnen mal etwas geglückt zu sein scheint.

Weiterlesen

Wo die Wissenschaft versagt hat

Bis zum heutigen Tag hat uns die Wissenschaft noch nicht mitgeteilt, wie viel Gummischnuller nötig sind, um einen Körper von 90 Kilo damit an einer Gardinenstange zu befestigen, und wie lange es dauert, bis der Körper dann voraussichtlich doch runter kommt, weil so ein Schnuller ja schneller ermüdet als ein Pfund Hack, das man in ein Kopfkissen stopft, denn da ist ja noch der Bezug außen rum. Bevor jetzt jemand sagt: Gute Renate, warum sollte so ein verrücktes Zeug denn jemand tun?, dann will ich in meiner Instanz als kluge Hausfrau darauf hinweisen, dass es ja möglich sein könnte, dass man sein Federkissen irgendwo verloren hat. So ein Pfund Hack hat man aber doch wohl immer parat, oder etwa nicht? Und wenn Sie sich scheuen, ihr Fleisch ins Bett zu tragen, denken Sie daran, dass Sie das im Grunde täglich tun, nur fressen Sie’s nachher nicht auf, weil Sie dann ja immer weniger würden, während so ein Schweinchen immer nachzuwachsen scheint, was den lieben Bauern zu verdanken ist, die die Tierchen mit Schlamm und Scheiße begießen, auf dass sie sich so freudig vermehren.

Weiterlesen

Gefahr in der Nachbarschaft

Der Mensch, der da in unserer Nachbarschaft haust, fiel mir zuerst auf, weil er das Fernsehprogramm nachsprach. Ich kam gerade heim, vollbepackt mit Tüten, weil ich mein Roll-Dingens vergessen hatte, und lief unter seinem Fenster vorbei, wo er, gekleidet wie eine Schaufensterpuppe, der man die Klamotten falsch rum angezogen hatte, vor seinem Apparat hampelte und versuchte, die jeweiligen Stimmlagen zu treffen. Sie werden verstehen, dass sich sofort die Kundalini-Schlange der Angst meinen Buckel hinauf schob. Man hört ja oft, dass das bereits die Vorstufe zum Massaker sein könnte. Jetzt ist der, hab ich erfahren, ein Buchhalter.

Weiterlesen

Pörkölt

Um ein Gulyás zu kochen, wäre es unbedingt erforderlich gewesen, ausschließlich Rindfleisch zu verwenden, und so wurde es bei uns heute nur ein Pörkölt, das aus verschiedenen Fleischarten besteht; was aber nimmt man, wenn man kein Schaf zur Hand hat und der Metzger sich nicht vom Fleck rührt, sobald man ihn auffordert, augenblicklich eines zu zerlegen, man bräuchte kleine magere Stücke, und die Wolle für den Überzieher nähme man auch gleich mit? Man schielt zur Sau, man denkt an die Sau, man nimmt die Sau und verdrängt das Gulyás für dieses eine Mal, weil das Rindfleisch zusammen mit dem Schwein heute günstiger angeboten wird. Außerdem flattert draußen ein Wenigelchen Schnee in der Luft herum und man denkt, das sei ein guter Tag für Pörkölt. Man nimmt noch einen ganzen Sack Zwiebeln, weil man davon ebenso viel braucht wie vom Fleisch, und besteigt seinen Schlitten, der, weil dieses verdammt seltene weiße Zeug nicht mehr liegen bleibt in unseren Breiten, seine Kufen bereits nach den ersten Hundert Metern völlig aufgebraucht hat. Das war dann wohl das Zahnfleisch des Transportmittels. Kurt, nimm mir mal den Sack da von dem Schlittern, Kurt, hörst du nicht? – Ah, da kommter!
„Den Sack, Kurt!“
„Was gibts denn, Renchen?“
„Pörkölt!“
Wenn er jetzt noch lange so kuckt, lange ich ihm eine.

Steinerner Garten

Wir hatten dich herausgeholt aus dem Nichts, dem steinernen Garten, die Dunkelheit zwischen zwei Schatten, trügerische Schönheit, die man erblicken will, dorthin sich retten mit letzter beeindruckender Kraft, liegenbleiben, außen herum versinkt die Welt im Chaos, aber dieses Idyll ist das Brandmal auf schwarzem, wissendem Papier, in Hügelketten wellend – eine Sekunde des persönlichen Empfindens, hier spricht die Erde, nichts ist erschaffen, alles entwachsen aus dem Spiel der Gewalten; das Leben kein Spiel – was dann?

Man will seinen Körper schützen, man lässt nicht ab davon, ihn zu erhalten, aber man geht stumm ins Verderben, weil man aus irgendeinem Grunde annimmt, der Stärkere zu sein, jeder Makel muss erst bewiesen werden, in seinem eigenen Körper vermutet man nur sich selbst, die Gedanken hält man für unhörbar, für ein solides Geheimnis, wer immer weiter läuft, bekämpft die eiserne Hand in der Brust, sie wird sich nicht um das rasende Herz schließen können, die Tat rettet vor der Resignation.

Das U-förmige Gehege

Ich zeichne mich, da bin ich ganz wach, meist wie ich mich nie gesehen habe, wie ich strebe nach dem Berge, wie ich dort dann nach dem brausenden Wasser taste, das von den Hängen tönt, eingeschlossen von einem u-förmigen Gehege, ich schrieb dir, dass ich erkenne, was ich tue, aber das war, wie du dir nun denken kannst, erlogen, ich erkenne mich selbst nicht, nicht auf dem Gemälde, hingehastet mit zitternden Fingern, vermisse dich, nebenbei erwähnt, könntest du nicht hier sein, zumindest eine weitere Zeit, wir könnte nachholen, was wir nicht hatten, die Gespräche nachholen, wenn auch nur einen Tages

– Und ich schwebe

ja, du schwebst, und das erkenne ich wohl

Am alten Holzplatz

Wir hatten damals eine Art Sommer gesehen, er war kaum zu unterscheiden
von einem gedanklichen Licht. Immer dann, wenn ich alleine bin, erinnere
ich mich an Skulpturen von bleibendem Wert. Am ersten Kaugummiautomaten
zog ich einen Strawberry Stroke, der sich in einem ausgekauten Kaugummi
verfing. Er rollte einsam über die Straße. Ich befreite ihn aus seiner
Nervosität. Aber es gab – ein paar Schritte weiter – einen anderen –
Assorted Fruit Flavor – er zerbröselte im Mund und fügte sich schwer in
seine Kauform.

Es ist grün, wenn man es will.

In 1000 Jahren wird das 21. Jahrhundert das Mittelalter gewesen sein.

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.