Anrufe aus dem Jenseits

Paranormal

Das Phänomen der „Telefonanrufe von Verstorbenen“ gehört zu den rätselhaftesten und zugleich unheimlichsten Erscheinungen der paranormalen Welt. Immer wieder berichten Menschen von Anrufen verstorbener Angehöriger oder Freunde – manchmal nur wenige Stunden nach deren Tod, manchmal erst Jahre später. Diese mysteriösen Anrufe haben oft eines gemeinsam: Sie sind von schlechter Qualität, werden von statischem Rauschen begleitet oder klingen, als kämen sie aus weiter Ferne.

Die bekanntesten Fälle solcher Phantomanrufe folgen oft einem bestimmten Muster. In vielen Fällen hören die Empfänger nur ein leises Knacken oder eine verzerrte, mechanisch klingende Stimme, die nur wenige Worte spricht, bevor die Verbindung abrupt abbricht. Manche Anrufer wiederholen einen einzigen Satz, während andere nur unverständliche Laute von sich geben. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Kommunikation – wenn auch nur für kurze Zeit – kohärenter ist.

Ein besonders gut dokumentierter Fall ereignete sich am 12. September 2008. An diesem Tag kam es im San Fernando Valley zu einem verheerenden Zugunglück, bei dem 25 Menschen ums Leben kamen. Einer von ihnen war Charles Peck, ein 49-jähriger Mann mit einer Verlobten und zwei erwachsenen Kindern. Obwohl er bereits beim Aufprall starb, erhielten seine Angehörigen in den folgenden elf Stunden 35 Anrufe von seinem Mobiltelefon. Die Anrufe spendeten Hoffnung – vielleicht war Charles doch noch am Leben? Doch als die Rettungskräfte seine Leiche schließlich in den Trümmern fanden, stellte sich heraus, dass er die Anrufe unmöglich selbst getätigt haben konnte. Noch merkwürdiger: Es wurde nie offiziell bestätigt, ob sein Handy überhaupt im Wrack gefunden wurde.

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Als die Telefonie noch analog verlief

Das Titelbild stammt aus der Reihe „The Painful Chamber Masterworks“. Ich ließ mich in einem Abbruchhaus mit einem zerschlissenen Kleid ablichten, das einen gewissen roten Faden – auch in den Texten – bildet, vor allem aber in der später auftauchenden Erzählung „Das blaue Kleid“.

Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.

Der literarische Krimi: Auf der Suche nach einem schwer fassbaren Genre

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Bekanntermaßen ist die Definition eines Genres eine trübe Angelegenheit, und kein Genre ist undurchsichtiger als die literarische Fiktion. Jeder Versuch, dieses schlüpfrige Ding zu definieren, endet naturgemäß in einer Schlammschlacht, ganz gleich, welche Absichten der unerschrockene Begriffsbestimmer verfolgt – schon der Name „literarische Fiktion“ impliziert eine süffisante, kleine Stichelei.

Das „Verbrechen“ im „literarischen Krimi“ hingegen ist einfach zu verstehen. Der Leser muss mindestens ein Verbrechen auf den Seiten des Buches finden. Und es ist wahrscheinlich, dass dieser Leser diesem Verbrechen auf eine der Arten begegnet, die er bereits aus seiner Lektüre über andere fiktionale Verbrechen kennt – durch Rätsel und Spannung, durch Ablenkungsmanöver, verblüffte Detektive, das Aufdecken von Hinweisen. Ob das Buch nun mit einer Leiche oder einem verschwundenen Diamanten beginnt, der Leser weiß, sobald er die vorletzte Seite umblättert, wird die Identität des Täters aufgedeckt sein. Das Genre ist nicht nur eine Ansammlung von Tropen oder Hilfsmitteln – es bietet die Form der Erwartungen des Lesers.

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Der böse See

Paranormal

In allen Kulturen der Welt gibt es Mythen und Legenden. Mythen darüber, wie die Welt erschaffen wurde, wie die Jahreszeiten entstanden sind, warum der Mond und die Sterne am Himmel hängen. Es gibt auch Legenden, die eine Warnung enthalten, wie die urbanen Legenden über den Mann mit der Hakenhand, der Verliebte angreift, die an einem abgelegenen Ort vorehelichen Sex haben, oder Legenden über Geister in den Wäldern, die Kinder entführen und bestrafen, wenn sie nicht gehorchen. Diese Legenden sind jedoch selten bewiesen. Aber manchmal zeugen Legenden dennoch davon, dass sie einst auf Tatsachen beruhten.

Nyos
Der böse See

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Smee / A. M. Burrage

Bouquinist Rubrik

Der Schriftsteller A. M. Burrage äußerte einst den Wunsch, seinen Lesern einen wohligen Schauer über den Rücken zu jagen, so dass sie nicht anders können, mit einer brennenden Kerze zu Bett gehen, ganz unerheblich, wie tapfer sie sich fühlen mögen. Doch seine Gespenstergeschichten, von denen eine Auswahl 2022 in einer opulenten Ausgabe der British Library erschien, bieten weit mehr als bloßen Grusel. Der in Middlesex geborene Burrage (1889-1956) begann bereits während seiner Schulzeit mit dem Schreiben von Geschichten, zunächst für Jugendmagazine. Doch erst nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg 1918 reifte er zu einem meisterhaften Autor übernatürlicher Geschichten heran. Seine besten Werke entstanden in den 1920er Jahren, einer Zeit, in der die Gespenstergeschichte eine ihrer zahlreichen Renaissancen erlebte. Dennoch ist sein Werk hierzulande weitgehend unbekannt: Eine deutsche Ausgabe seiner Erzählungen gibt es bis heute nicht.

Burrages Erzählungen sind von unterschiedlicher Qualität, sie reichen von sentimentalem Pathos bis zu purem Horror und phantastischen Alternativrealitäten. Die genaue Anzahl seiner Gespenstergeschichten ist nicht eindeutig belegt, es sollen aber weit über hundert sein. Material für eine deutsche Auswahl gäbe es also genug, aber freilich fehlen hierzulande die Leser.

Smee

Die Geschichte „Smee“ spielt an einem Weihnachtsabend und folgt der beliebten Tradition klassischer Spukgeschichten: Sie wird als Erzählung in einer Erzählung präsentiert. Tony Jackson sieht sich gezwungen, seinen Freunden zu erklären, warum er sich weigert, an ihrem Versteckspiel nach dem Abendessen teilzunehmen. Um sein Zögern zu begründen, erzählt er von einem unheimlichen Erlebnis in der Vergangenheit: einem Weihnachtsabend, an dem er mit elf Freunden das Spiel „Smee“ spielte. Dieses Spiel ähnelt dem klassischen Versteckspiel, hat aber eine raffinierte Variante. Der Name leitet sich von der phonetischen Ähnlichkeit zu „It’s me“ („Ich bin’s!“) ab.

Eine Person wird per Los zum „Smee“, wobei nur sie selbst um ihre Rolle weiß. Nach dem Erlöschen des Lichts versteckt sich „Smee“, während die anderen ihn oder sie suchen. Trifft ein Spieler auf einen anderen, fragt er: „Smee?“ Antwortet der andere mit „Smee!“, zieht der Fragende weiter. Der echte „Smee“ jedoch bleibt stumm, und wer ihn findet, verharrt ebenso schweigend bei ihm – bis alle Spieler beisammen sind. Der Letzte, der den Kreis erreicht, verliert das Spiel.

Was Jackson an jenem Weihnachtsabend jedoch erlebte, ging über ein harmloses Spiel hinaus: Ein Geist hatte sich unter die Mitspieler gemischt. Das Szenario ist perfekt für eine Spukgeschichte – ein weitläufiges, altes Haus mit unzähligen Zimmern und dunklen Gängen, dazu die Warnung des Gastgebers, bestimmte Bereiche aufgrund baulicher Eigenheiten besser zu meiden. In absoluter Dunkelheit verliert sich die Orientierung, und ein ungebetener Mitspieler bleibt unbemerkt, bis es zu spät ist.

„Smee“ spielt meisterhaft mit der Angst vor der Dunkelheit. Während Weihnachten gemeinhin mit heimeligen Lichtern verbunden wird, hat es in der angelsächsischen Tradition auch eine enge Verbindung zu Geistergeschichten. Doch während viele moderne Leser mit solchen Erzählungen wenig anfangen können, weil ihnen das Gespür für subtile Atmosphäre und literarische Raffinesse fehlt, entfalten sie für Kenner ihren vollen Zauber. Wer sich auf die düstere Eleganz solcher Geschichten einlassen kann, erlebt einen Genuss – ähnlich dem Weihnachtsfest selbst.

Das Schwert als Seelenfresser

Bouquinist Rubrik

Ein moderner Begriff für klassische Erzählstrukturen ist der Tropus. Ursprünglich stammten diese Trophäen aus der Rhetorik und umfassten Redewendungen wie Metaphern und Ironie. Heute versteht man darunter vor allem häufig verwendete literarische und bildhafte Mittel, Motive oder Klischees Die große Reise (Quest), der Bauernjunge, der zum König wird – das sind nur einige Beispiele von Tropen, die immer wieder auftauchen. Natürlich gibt es noch viele andere. Im Wesentlichen zeichnet sich eine gute Geschichte weder durch die Abwesenheit noch durch den Einsatz solcher Tropen aus, sondern durch ihren Umgang damit. Doch das ist ein anderes Thema. Beginnen wir unsere neue Reihe mit dem gängigen Handwerkszeug der meisten Helden: den Schwertern …

Michael Whelans berühmtes Porträt von Elric und seinem Schwert Sturmbringer

Das wohl berühmteste aller legendären Schwerter, das untrennbar mit einer der größten epischen Erzählungen verbunden ist, ist zweifellos König Arthurs Excalibur. Dieses Schwert, bekannt als das „Schwert im Stein“ und das „Schwert der Dame vom See“, tritt in zahlreichen Geschichten auf, jede mit ihrer eigenen Interpretation. Sicherlich sind es die Geschichten rund um König Artus und seine Tafelrunde, die als bedeutender historischer Baustein des epischen Fantasy-Genres gelten. Daher ist es kaum überraschend, dass Erzählungen voller Könige, Magier, Intrigen und Schwerter dominieren, was das Mittelalter zur idealisierten Kulisse werden ließ—trotz der Vielzahl an Themen, die die moderne Fantasy bietet. Das Mittelalter als Trope wird in einem anderen Beitrag weiter erkundet. Hier jedoch konzentrieren wir uns auf Schwerter (nicht auf irgendwelche Schwerter, denn dies würde den Rahmen sprengen), speziell auf die Seelenfresser …

C.J. Cherryhs Protagonistin Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg
Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg

Die mächtigsten dieser Waffen führen ein Eigenleben und können selbst für ihren Besitzer gefährlich sein. Eingeweihten dürfte Michael Moorcocks Elric von Melniboné und sein Schwert Sturmbringer vertraut sein. Auch C.J. Cherryhs Protagonistin Morgaine mit ihrem Schwert Wechselbalg ist kaum zu übersehen. Wechselbalg verschlingt zwar keine Seelen, transportiert jedoch seine unglücklichen Opfer durch Raum und Zeit. Die Geschichten um Morgaine vereinen epische Fantasy mit einem Science-Fiction-Ambiente, wobei das Schwert, eine Mischung aus Waffe und Wurmloch, alles andere als leicht zu handhaben ist. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist Steven Eriksons Anomander Rake mit seiner Waffe Dragnipur. Obwohl Drizzts Klingen aus R.A. Salvatores Forgotten Realms-Romanen keine Seelen absorbieren, besitzt sein Erzfeind Artemis Entreri einen unverwechselbaren Dolch mit einem seelenfressenden Edelstein, was nahezu dasselbe ist, nur in kleinerem Format.

Dass die Träger solcher Schwerter in gewissem Sinne Elfen sind, oder in einem modernen Sinne „elfische Archetypen“, ist hierbei besonders interessant. Elric, Morgaine und Anomander Rake sind allesamt Anführer oder Manipulatoren mit großer Macht; sie sind keine Menschen und auch in ihrem Verhalten distanziert und andersartig.

Obwohl es nicht unbedingt ein Klischee ist, sind sowohl der Elf als auch das seelenfressende Schwert markante Merkmale der fantastischen Literatur. In Kombination sind sie leicht zu identifizieren, obwohl man argumentieren könnte, dass dieses spezielle Schwert stellvertretend für ein weit charakteristischeres Genre-Element stehen kann: das Artefakt der Macht.

Artefakte der Macht, wie das seelenfressende Schwert und Tolkiens „Einer Ring“, entstammen häufig mysteriösen oder sogar fragwürdigen Ursprüngen und besitzen eine ambivalente Bedeutung für ihre Besitzer. Sturmbringer beispielsweise, das dämonisch beeinflusste Schwert, verfolgt hartnäckig das Ziel, Elric zu beherrschen. Im Gegensatz dazu zeigt Robin McKinleys wesentlich freundlicheres blaues Schwert namens Gonduran einen leicht verschmitzten Sinn für Humor. Das auffälligste Merkmal von Macht-Artefakten ist, dass sie fast immer einen eigenen Willen entwickeln und oft ihre eigenen Ziele verfolgen. Manche dieser Artefakte sind im Grunde neutral und können, abhängig von ihrer Nutzung, sowohl für gute als auch für böse Zwecke eingesetzt werden, wie beispielsweise der „Stein“ in Barbara Hamblys Der schwarze Drache. Ein Risiko ist immer vorhanden, da die Nutzung solcher Artefakte oft gefährlich sein kann. In fast allen Fällen ist es jedoch unklug, sich auf sie zu verlassen. Dies zeigt sich auch bei den drei Elfenringen in Der Herr der Ringe. Obwohl sie zu guten Zwecken erschaffen wurden, bedeutete ihre Abhängigkeit vom Einen Ring, dass mit dessen Zerstörung auch alle durch die Ringe erreichten Errungenschaften verloren gingen.

Aus objektiver Sicht lässt sich feststellen, dass das Macht-Artefakt im epischen Erzählen ein gewisses Misstrauen gegenüber menschlichen Antrieben und Technologien verdeutlicht. Es bildet quasi das Gegenstück zur dystopischen Tradition, die in der Science-Fiction präsent ist. Ähnlich wie Schwerter, sei es seelenfressend oder nicht, tragen Macht-Artefakte stets eine gewisse innerliche Zerrissenheit in sich.

Das Bild

… unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr fasst, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterlässt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang, ich kannte auch die Farbe meiner Augen, insofern sei gesagt, dass ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen und sie beträte mich durch meine Po­ren, doch –

Zur Nacht

Zur Nacht – ich mag an einer bestimmten Stelle der Nacht Müdigkeit empfinden – aktiviert sich das Nachtgehirn, das sich ganz und gar von dem des Tages unterscheidet. Vielleicht tritt es gerade durch die Erschlaffung der körperlichen Funktion hervor. Ich ging auf und ab vor meiner Bücherwand; gehe ich nahe an sie heran, sind es viele, trete ich etwas zurück, bemerke ich vor allem das Fehlen jener Bücher, die noch nicht da sind. Dieses Fehlen fällt mir auf, weil noch Wand zu erkennen ist. Ich habe Mühe, die Nacht zu verschlafen – ein Traum ist ja nicht garantiert. Eine Nacht ohne Traum wäre allerdings vertan, also muss der Ersatz, der sichere Ersatz, die Lektüre sein. Nicht das lineare Zeilenfolgen, sondern das Fliegen durch auffällige Bände, die sich anbieten durch ihr leichtes Vorstehen, das Durchbrechen der sauberen Linie.

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