Peter Straub, einer der besten Autoren unserer Zeit, der unsere jahrzehntelange Faszination für Horrorgeschichten mitbegründet hat, verstand es, makabre und herzzerreißende Prosa in einem Satz zu verweben. Selbst Geschichten über Geistererscheinungen, unheimliche Paralleluniversen oder grausame Morde konnten in Straubs Händen schwermütig, sensibel und kathartisch wirken.
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Stephen King Re-Read: Brennen muss Salem
In den agnostischen und sexuell freizügigen 1970er Jahren war der Vampir bereits seiner Mythologie beraubt und zu dem verkommen, was King „die Bedrohung durch das Lächerliche“ nannte. In deutlicher Abkehr von dieser Tradition reduzierte er den sexuellen Aspekt des Vampirs und verlieh dem Archetyp eine völlig neue Bedeutung, indem er seine Anziehungskraft auf den menschlichen Wunsch ausrichtete, seine Identität in der Masse aufzugeben.
Kings wichtigste Neuerung bestand jedoch darin, dass er eine mythische Kleinstadt im Sinne der amerikanischen Schauerliteratur imaginierte und diese Stadt selbst zum Monster machte; die Bevölkerung, normalerweise Opfer des Vampirs, wird hier als hirnlose Masse zur Bedrohung, als Pestwolke oder primitive Horde.
Stephen King: Fairy Tale

Wenn ein Roman in jüngster Zeit sich gut in das hier besprochene Stephen-King-Multiversum einfügt, dann ist es dieser, den man am ehesten im King-Kanon in eine Reihe mit „Die Augen des Drachen“, die Romane um den dunklen Turm, dem Talisman oder „The Wind through the Keyhole“ (bei uns „Wind“) stellen kann.
Die alternative Märchenwelt des Buches kombiniert Grimmsche Märchenelemente mit Lovecraftschem kosmischem Horror, aber es dauert eine Weile, bis man dort ankommt. Charlie Reade, der Protagonist des Buches, beginnt seine Reise durch den Weltbrunnen erst nach etwa einem Viertel des Buches. Zunächst aber baut King das sorgfältige Porträt von Charlies Leben in der kleinen Stadt Sentry in Illinois auf. Dann aber fließt alles von Rumpelstilzchen bis zu den drei kleinen Schweinchen über Star Wars und den Hunger Games in diese mitreißende Coming-of-Age-Geschichte, die eine Erzählung von menschenfressenden Riesen, elektrischen Zombies, Duellen auf Leben und Tod, einem grausamen Herrscher und einer schönen Prinzessin umspannt.
Stephen King Re-Read: Susannah
Deutlich kürzer als „Wolves of the Calla“, ist „Song of Susannah“ ein rasantes Sammelsurium an Verrücktheiten mit dem Hauptziel, den Höhepunkt der Serie vorzubereiten.
Zusammen mit dem vorherigen ist dieses Buch in einem fast schon irrwitzigen Tempo entstanden. Bis dahin ließ sich King zwischen den einzelnen Teilen sehr lange Zeit, aber zwischen der Veröffentlichung von Glas und Wolfsmond geschah etwas Entscheidendes im Leben des King. Bei einem Spaziergang in der Nähe seines Hauses wurde er von einem Lieferwagen angefahren und so schwer verletzt, dass er das Schreiben aufgeben wollte. Das tat er nicht, er ist einer der wenigen Besessenen, aber er machte sich Sorgen darüber, den Dunklen Turm niemals abschließen zu können, wenn er jetzt nicht dran blieb. Die letzten drei Bücher wurden deshalb in halsbrecherischer Geschwindigkeit geschrieben und veröffentlicht, alle innerhalb von zwei Jahren.
Carrie – Ein universelles Märchen
Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie Rosemaries Baby und Der Exorzist. Es war die Zeit, in der die Menschen begannen, sich mehr für das Unheimliche und Paranormale der menschlichen Existenz zu interessieren und sich nicht mehr mit Gespenstern und Geistern abzufinden.
Der Archetyp
Man mag sich fragen, was an Stephen Kings Carrie so besonders ist, dass es überhaupt sein Erstlingswerk werden konnte. Ein großer Teil der Legende beruht auf der Tatsache, dass dies bereits Kings vierter Roman war, den er an Verlage schickte. (Die ersten drei waren Amok, Todesmarsch und Qual, die alle später unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden.) Gerne wird auch die Geschichte erzählt, dass King den einzigen Entwurf in den Papierkorb geworfen habe, bis seine Frau ihn überreden konnte, ihn wieder herauszuholen und zu beenden. Tatsächlich hatte er nicht nur das Manuskript in den Papierkorb geworfen, er wollte das Schreiben überhaupt aufgeben. King konnte einfach nicht glauben, dass eine Geschichte über ein dünnes, blasses Mädchen mit Menstruationsproblemen die Leute interessieren würde. Das wäre sicher die richtige Einschätzung gewesen, aber Carrie entsprach voll und ganz dem damaligen Zeitgeist.

Stephen King: Billy Summers

In einer begeisterten Rezension schrieb John Dugdale von der Sunday Times: „Diszipliniert, aber abenteuerlich, gleichermaßen gut in Actionszenen und tiefgründiger Psychologie, zeigt King mit diesem Roman, dass er mit 73 Jahren ein Schriftsteller ist, der wieder auf der Höhe seines Könnens agiert.“
Neil McRobert vom Guardian nannte es Kings „bestes Buch seit Jahren“ und lobte seine „eigene Art eines kräftigen, übersteigerten Realismus“.
Seit fünf Jahrzehnten dominiert Stephen King das literarische Erzählen und mit Billy Summers wandert dieser einzigartige Autor weiter auf jenem Pfad, der schon länger vorhanden ist, den er aber mit „Mr. Mercedes“ eindeutig eingeschlagen hat.
Stephen King Re-Read: The Stand
Das letzte Gefecht (The Stand) war ein Meilenstein für Stephen King, und das nicht nur, weil die Größe und das Gewicht des Buches einem tatsächlichen Meilenstein in nichts nachsteht. Es war das letzte Buch für den Verlag Doubleday und brachte ihm seinen ersten Agenten ein, der Stephen King von einem reichen Autor zu einem sehr, sehr reichen Autor machte. In schreibspezifischer Hinsicht gibt es jedoch einen anderen Punkt, der das letzte Gefecht über alles stellt, was der Autor bis dahin geschrieben hatte: es ist lang. Sehr lang. Und das ist wichtiger als man zunächst annehmen mag.
Nachdem King seinen Roman Shining beendet hatte, dauerte es einen Monat, bis er mit seinem nächsten Buch begann: The House on Value Street. Darin sollte es um die Entführung der Verleger-Tochter Patty Hearst gehen. King war der Meinung, dass diese Entführung nur für einen Romancier Sinn ergeben könnte. Doch nach sechs Wochen Arbeit schaffte er nur ein paar Zeilen. Was aber noch schlimmer ins Gewicht fiel für einen charakterbasierten Schriftsteller wie King: seine Figuren fühlten sich leblos an und aus anderen Büchern entlehnt. So saß er vor seiner toten Schreibmaschine, umgeben von Recherchematerial und dachte an den Dugway-Vorfall von 1968. In diesem Dugway-Areal kam es zu einem Unfall: die Army hatte bei einem Nervengas-Test zufällig 3000 Schafe getötet. Er dachte auch über George R. Stewards Buch Leben ohne Ende nach, in dem eine Pandemie fast die ganze Menschheit auslöscht. Außerdem erinnerte er sich an etwas, das er vor kurzem bei einem christlichen Radiosender gehört hatte: “Einmal in jeder Generation wird die Plage über sie kommen.”
Stephen King Re-Read: Nachtschicht

Zu Beginn seiner Karriere wollte niemand wollte eine Kurzgeschichtensammlung von Stephen King veröffentlichen. Als aber Shining, sein erster Hardcover-Schlager, gleich nach Carrie einschlug wie eine Bombe, begann seine Karriere auf Hochtouren zu laufen. Doubleday hatte King unter Vertrag und verlangte einen weiteren Roman im folgenden Jahr, aber King war mit einem Buch zugange, von dem es schien, als könne er es niemals beenden: Das letzte Gefecht. Ohne vorhersagen zu können, wie lange er noch brauchen würde, schlug er seinem Verlag vor, eine Sammlung mit Kurzgeschichten herauszugeben, die er für verschiedene Magazine wie Cavalier, Penthouse und Cosmopolitian geschrieben hatte, zusammen mit einem Vorwort von King selbst und vier neuen Storys.
Stephen King Re-Read: Wolfsmond
Im fünften Teil des Dunklen Turms befinden sich Roland Deschain und sein Ka-Tet in einer Stadt namens Calla Bryn Sturgis, einer friedlichen Talgemeinde von Farmern und Viehzüchtern im Grenzland von Mittwelt. Gleich hinter der Stadt liegt Donnerschlag. Dieses Land der Dunkelheit ist die Heimat einer Gruppe, die als die Wölfe bekannt ist und die sich vorgenommen hat, Schmerz und Trauer über Calla Bryn Sturgis zu bringen. Unser Ka-tet muss einen Weg finden, die Wölfe aufzuhalten.
Der Dunkle Turm verschmilzt zahlreiche Genres in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Leicht lässt sich feststellen, dass die Multiversen, die heute so einen großen Erfolg haben – wie etwa das Marvel Extended Universe und zahlreiche andere – alle ihren Ursprung bei King finden. Natürlich gab es schon früher andere Welten und fiktive Orte, an die man gelangen konnte, aber niemals vorher mit jener kompromisslosen Energie, die nicht nur die meisten von Kings Werken (manche sagen sogar alle) unter einen Schirm drängt, sondern außerdem noch alle „möglichen“ Welten.
Klar wird das in einer Szene aus „Wolfsmond“, wo Roland und Eddie verschiedene Arten von Geschichten diskutieren:
„In unserer Welt hat man seine Detektiv- und Kriminalgeschichten… seine Science-Fiction-Geschichten… seine Westerngeschichten… seine Märchen. Kapiert?«“
„Ja“, sagte Roland. „Wollen die Leute in eurer Welt immer nur einen Geschichtengeschmack auf einmal? Nur einen Geschmack in ihrem Mund?“
„So könnte man’s ausdrücken“, sagte Susannah.
„Isst denn niemand Eintopf?“ fragte Roland.
Der Dunkle Turm enthält Western-, Fantasy-, Horror-, Gothic- und Scifi-Elemente, gepaart mit einer postmodernen Sensibilität. Das Multiversum, auf dem die Serie basiert, liefert gemischte Ergebnisse. King greift auf Charaktere und Schauplätze aus anderen Werken zurück, unabhängig davon, ob er sie selbst verfasst hat oder nicht, um die von ihm gewünschte riesige Landschaft aufzubauen.
Das Setting und die Genrefusion standen für King an erster Stelle; jegliche Implikationen für Genrekonventionen waren ein nachträglicher Gedanke, eine Folge seines Weltenbaus. King sah sich gezwungen, die Spannung zwischen einem Multiversum-Setting und der Tradition der Gothic Novel anzusprechen. Die Darstellung bestimmter schauerromantischer Ängste, einschließlich sexueller Normen oder des Glaubens an Gott, profitiert von der Mehrdeutigkeit und Ungewissheit, die von Parallelwelten ausgeht.
Wenn Autoren Geister in ihren Werken platzieren, wie in Shakespeares Hamlet oder Dantes Inferno, kann dies oft dazu dienen, die Handlung und die Atmosphäre voranzutreiben, aber es gelingt ihnen nicht, das Unheimliche im Leser effektiv zu evozieren. Solche Darstellungen können die Ungläubigkeit des Lesers nicht aufheben. Autoren wie King, die einen Schauplatz wählen, der der Realität entspricht, können hingegen wesentlich effektiver unheimliche Gefühle erzeugen, in dem sie die Machenschaften hinter der Welt verschleiern. Die Schauerliteratur ist dafür bekannt, dass sie Informationen vor dem Leser verbirgt, um ihn in die Irre zu führen. King verwendet oft die „gewöhnliche Realität“ als Kulisse und verändert nur ein oder zwei wichtige Aspekte. „Shining“ oder „Brennen muss Salem“ zeigen ein Amerika, das sich nur durch die Existenz von Telepathie oder Vampiren von einem anderen unterscheidet. Jeder weitere Aspekt dieser Romane arbeitet daran, eine gemeinsame Realität zu etablieren und ist somit ein Versuch, das Unheimliche heraufzubeschwören.
Obwohl die verschiedenen Welten des Dunklen Turms gelegentlich ziemlich weit von der Konsensrealität abweichen, fragmentiert King die genaue kosmologische Funktionsweise des Turm-Multiversums während der gesamten Serie und weigert sich, jede Frage darüber zu beantworten, wie das Multiversum funktioniert. Wenn King Welten einbezieht, die für den Leser kaum wahrnehmbar sind, knüpft er an die Tradition Freuds an. King bevorzugt zwei Ansätze, um diese Realitätsnähe herzustellen: erstens die Kenntnis der amerikanischen Städte und Staaten und zweitens die amerikanische Kultur, die sich in Musik, Währung oder sogar Softdrinks ausdrückt.
Die Reisen von Pater Callahan durch zahlreiche Amerikas unterstreichen das unheimliche Setting, das King erschafft, am besten. Callahan, der von Barlow in „Brennen muss Salem“ erniedrigt wurde, reist durch parallele Amerikas, bevor er sich in Mittwelt niederlässt. Nach einer Vampirjagd durch New York City muss Callahan ein weiteres Mal fliehen, diesmal auf einem Bohlensteg unter der George Washington Bridge. Einen solchen Steg gibt es nicht, aber unter der meistbefahrenen Brücke der Welt beginnt Callahan, die verborgenen Highways von Amerika zu bereisen, Straßen, die ihn von einem Amerika zum anderen führen. Callahans Reise beginnt hier.
Er kann anhand der Einrichtung seines Hotelzimmers oder der Gesichter auf seinen Dollarnoten erkennen, in welchem Amerika er gerade aufwacht. Schließlich verschwinden die Requisiten des Reisens hinter der Landschaft selbst:
„Wichtig sind der Anblick einer Wetterfahne vor einem knallrosa Sonnenuntergang, das Geräusch seiner Absätze auf einer einsamen Straße in Utah, das Heulen des Windes in der Wüste von New Mexico, der Anblick eines seilhüpfenden Kindes neben einem schrottreifen Chevrolet Caprice in Fossil, Oregon.“
Die Beschreibung ländlicher Szenen und eines stillgelegten Autos bedeuten, dass das Reisen dazu dient, das Land zu erleben, die Reise zu genießen. Durch die Verlagerung des Fokus von Orten und Gegenständen, die die Amerikas voneinander unterscheiden, beschwört King Bilder herauf, die dem Leser bekannt sind. Mit einem Epos, das parallele apokalyptische Landschaften, Monster und Multiversum-Reisen bietet, muss King die Verbindung zur gemeinsamen Realität gelegentlich aufrecht erhalten. Hier romantisiert King die Flucht von der Stadt aufs Land, um die unheimliche Verbindung zwischen den Universen zu stärken. Der Leser stellt sich nicht nur eine Wetterfahne oder den Straßenlärm vor, sondern fühlt mit dem Ruf der Straße und der Sehnsucht mit zurück nach einfacheren Zeiten. Die urbanen Merkmale von Universum zu Universum, wie z. B. die Lage von Coop City einmal in der Bronx und dann wieder in Brooklyn, ändern sich ständig, was auf die Ungewissheit und Wandlungsfähigkeit einer Stadt hinweist.
Indem er andere Werke der Popkultur in sein Turm-Multiversum einbezieht, definiert sich King selbst als Mitglied dieser Gemeinschaft. Die Wölfe ähneln den Doombots aus den Marvel-Comics, Andy der Roboter erinnert Eddie an C3PO, und der gesamte Handlungsstrang des Romans ist eine deutliche Anlehnung an „Die glorreichen Sieben“. Die mit Lichtschwertern und Schnaatzen bewaffneten Wölfe bedrohen die Gemeinschaft in jeder Generation, indem sie Kinder stehlen und sie später geistig und seelisch behindert zurückbringen, ein Zustand, der als „minder“ bekannt ist. Die Kinder der Calla wachsen nach ihrer Rückkehr nur noch körperlich. Die Wölfe haben den Kindern all ihre psychischen Fähigkeiten geraubt.
Ein Wort zu Randall Flagg
Flagg taucht erstmals leibhaftig in „The Stand“ auf und terrorisiert zahlreiche Welten des Multiversums. Seine Herkunft ähnelt vage der von Roland, was ihm in typischer Gothic-Manier einen Doppelgänger beschert. Sowohl Roland als auch Randall verließen ihr Zuhause in jungen Jahren, um sich Prüfungen zu stellen. Roland litt unter dem Verlust seiner Geliebten, und Randall, der damals Walter Padick hieß, lief mit dreizehn Jahren von zu Hause weg und wurde missbraucht.
Walter weigert sich, nach Hause zurückzukehren, und wird zu dem Bösewicht, der Kings Multiversum heimsucht. Dabei ist er unter zahleichen Namen bekannt: Marten Broadcloak, Walter O’Dim, Mann in Schwarz, Richard Fannin und, am berüchtigtsten, Randall Flagg. Walter verfolgt Roland schon sein ganzes Leben lang. Als Marten verführt Walter Rolands Mutter und bringt Roland mit einem Trick dazu, sie zu erschießen. In „Schwarz“ ermutigt Walter Roland, Jake Chambers in den Tod stürzen zu lassen. Text für Text arbeitet Walter gegen das Weiße, weil King ihn genau dafür braucht.
Stilistische Bravour in Peter Straubs „Geisterstunde“
Der umfassende Datenspeicher von Goodreads wirft Peter Straubs „Geisterstunde“ auf Platz 15 der größten Horrorromane aller Zeiten aus. Es gibt nur wenige Romane des Genres, die in den 70ern geschrieben wurden und den Test der Zeit so makellos bestehen konnten. Straubs großes Können und seine subtile Überlegenheit lässt fast alle Romanciers der düsteren Thematik ziemlich alt aussehen. Gegenüber den besten Horrorgeschichten haben Romane ganz allgemein kaum eine Chance, aber die Handvoll überragende Werke, die es da draußen gibt, stehen jeder Bestenliste gut zu Gesicht. So natürlich auch dieses, obwohl es nicht mein Lieblingsbuch von Straub ist.