Der unsterbliche Held in uns

Das Journal des Phantastikon

Er verlässt sein vertrautes Zuhause, scheitert, leidet und verliert beinahe alles. Doch er kehrt verwandelt zurück, ein anderer Mensch mit demselben Namen. Wir kennen ihn als Odysseus, den listigen König von Ithaka, der zehn Jahre lang durch das Mittelmeer irrt, um seinen Weg nach Hause zu finden. Auch kennen wir ihn als Miles Morales, einen Teenager aus Brooklyn, der eines Tages von einer genetisch veränderten Spinne gebissen wird und plötzlich entscheiden muss, ob er die Verantwortung für eine Maske übernehmen will, die andere fast zugrunde gerichtet hat. Die Kostüme ändern sich, doch das Muster bleibt gleich.

Das liegt weder an der Faulheit der Autoren noch ist es ein Zufall der Evolution. Hier entdecken wir etwas Fundamentaleres: den Abdruck einer Erzählung, die älter ist als alle Medien, die sie überliefert haben.

Die Heldenreise ist eine Struktur, die es erlaubt, unzählige verschiedene Geschichten zu erzählen, ähnlich wie eine Grammatik unendlich viele Sätze ermöglicht.

Die universelle Grammatik des Erzählens

Im Jahr 1949 unternahm der Mythenforscher Joseph Campbell mit der Veröffentlichung seines Buches Der Heros in tausend Gestalten einen radikalen Schritt. Er verglich darin zahlreiche Mythen aus aller Welt, darunter griechische, hinduistische, indigene und keltische Erzähltraditionen, und erkannte, dass sie alle auf einem gemeinsamen Gerüst basierten. Dieses nannte er den Monomythos.

Campbells Entdeckung lässt sich im Wesentlichen auf ein einfaches Prinzip reduzieren. Jede bedeutende Heldengeschichte gliedert sich demnach in eine dreiteilige Struktur. Zuerst kommt der Aufbruch: Eine Person lebt in einer gewohnten Umgebung, bis ein Ruf, eine Einladung oder eine Katastrophe sie aus ihrer Komfortzone herausreißt. Daraufhin erfolgt die Initiation: In einer unbekannten Welt stellt sie sich Herausforderungen, begegnet Mentoren und trifft auf Gegner. Schließlich erreicht sie eine entscheidende Krise, in der es gilt, sich selbst zu überwinden. Anschließend kehrt die Person transformiert und weiser zurück, oft mit einem „Elixier“, einer wertvollen Erkenntnis oder Gabe für die Gemeinschaft.

I

Der Ruf des Abenteuers

II

Die Prüfung

III

Die Rückkehr

Campbells Modell avancierte zur inoffiziellen Leitlinie Hollywoods, insbesondere nachdem George Lucas es als Basis für Star Wars verwendete. Ein besonderes Detail für Eingeweihte: Lucas schickte Campbell frühzeitig eine Kopie des Originals. Angeblich soll der alte Gelehrte gerührt gewesen sein. Doch die Heldenreise ist weit mehr als ein bloßes Werkzeug für erfolgreiche Filme. Sie stellt, um es gewagt auszudrücken, die universelle Grammatik des Erzählens dar, ein Regelwerk, das überhaupt erst das Erzählen von Geschichten ermöglicht.

Wie das Skelett Fleisch bekommt

Theorie ist schön. Konkreter wird es, wenn man das Muster durch drei sehr verschiedene Werke verfolgt.

Literatur · 1951

J.D. Salinger – Der Fänger im Roggen

Holden Caulfield erhält keinen Rückruf im klassischen Sinne; stattdessen wird er von der Eliteschule verwiesen. Diese unfreiwillige Trennung löst in ihm Scham und Wut aus und markiert den Beginn einer desorientierenden Reise durch New York City, die sich wie ein Abstieg in den Hades anfühlt. Auf diesem Weg trifft er auf Prostituierte, Trinker und andere verlorene Seelen. Seine größte Prüfung ist jedoch psychologischer Natur. Kann er die Erwachsenenwelt ertragen, ohne seine eigene Seele zu verlieren? Holdens Rückkehr ist ein stiller Zusammenbruch, doch er bringt etwas mit, nämlich die Erkenntnis, dass er seine kleine Schwester Phoebe schützen will. Dieses Elixier mag bescheiden erscheinen, aber es ist ausreichend.

Graphic Novel · 2018

Brian Michael Bendis – Miles Morales: Spider-Man

Miles‘ Geschichte folgt dem Monomythos mit einer entscheidenden Abwandlung. Sein Ruf ins Abenteuer ist ihm buchstäblich in die Wiege gelegt, da er einem verstorbenen Helden nachfolgt. Ihm wird eine Maske übertragen, die ihm nicht auf Anhieb passt, und eine Stadt, die bereits eine klare Vorstellung davon hat, wie Spider-Man sein sollte. Diese Herausforderung ist somit nicht nur körperlich, sondern auch eine Frage der Identität. Bin ich derjenige, der das Recht hat, dieses ikonische Kostüm zu tragen? Sein Mentor erscheint in Form eines Geistes. Peter Parker, der verstorbene Held, der ihn über Erinnerungen und Geschichten seiner Taten erreicht. Miles‘ Rückkehr besteht darin, die Maske zu akzeptieren. Das ist sein Statement. Der Held spiegelt das vielfältige Gesicht Amerikas wider und steht für die Zukunft.

Videospiel · 2022

FromSoftware – Elden Ring

Elden Ring verkörpert den Monomythos als ein interaktives Ritual. Der Spieler übernimmt die Rolle eines Befleckten, einer Gestalt, die ihrer Gnade beraubt wurde. Ein kosmischer Ruf führt zurück ins Zwischenland, wo zahlreiche Prüfungen und mächtige Bossgegner warten. Diese Herausforderungen sind wie eine meditative Initiationsreise, bei der das Scheitern nicht zu vermeiden, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Vorankommens ist. Campbells „Weg der Prüfungen“ wird dadurch besonders greifbar. Und die Rückkehr? Sie gestaltet sich vielfältig. Elden Ring bietet sechs unterschiedliche Enden und transformiert den Monomythos zu einem Poly-Mythos. So entsteht eine narrative Struktur, die mehrere Wege aufzeigt und Raum für individuelle Geschichten lässt. Diese Pluralität spiegelt die Essenz des interaktiven Mediums wider.

Wenn Helden aufhören, Helden zu sein

Es wäre zu einfach, Campbells Modell als unumstößliches Universalgesetz anzusehen. Die spannendsten Geschichten des 21. Jahrhunderts nehmen oft eine ganz andere Richtung ein. Sie üben Druck auf Campbells Struktur aus, bis sie zusammenbricht.

Der Antiheld ist das wichtigste Gegenargument. Walter White aus Breaking Bad erlebt seine Entwicklung gewissermaßen rückwärts. Er kommt nicht als geläuterter Mensch zurück, sondern als moralisch zerstörtes Individuum. Sein „Elixier“ erweist sich als giftig. Besonders in zeitgenössischen Erzählungen wie Succession, The Sopranos oder Fleabag entsteht das eigentliche Drama dadurch, dass die Veränderung abgelehnt wird. Der Held verweigert die Rückkehr, und gerade darin liegt der Kern der Geschichte.

Noch Interessanter ist der Wandel hin zur kollektiven Heldenreise. In Ursula K. Le Guins Science-Fiction-Geschichten ist es nicht das Individuum, das den Weg beschreitet und zurückkehrt, sondern eine Gemeinschaft, ein Volk oder eine Idee. In Die Tribute von Panem beginnt Katniss Everdeens Geschichte als klassische Heldin-Erzählung und wandelt sich zu der Frage: Was passiert, wenn der Held eine Revolution entfesselt, die größer ist als er selbst? In Campbells Zeit spielte diese Variante kaum eine Rolle. Im 21. Jahrhundert jedoch ist sie unverzichtbar.

Man könnte ebenso hinterfragen, ob Campbells Erzählmuster nicht von Beginn an eine unausgesprochene Ideologie mit sich getragen haben. Jene eines aktiven, westlich geprägten und zumeist männlichen Protagonisten, der durch persönliche Transformation die Welt rettet. Feministische Ansätze der Mythenkritik – von Stimmen wie Clarissa Pinkola Estés bis hin zu zeitgenössischen Comic-Schöpferinnen wie G. Willow Wilson (Ms. Marvel) – haben aufgezeigt, dass sich die Erzählstrukturen verändern, sobald andere Perspektiven ins Zentrum rücken. Kamala Khan orientiert sich nicht an Campbells Modell. Sie gestaltet ihren eigenen Weg, und dieser ist ebenso legitim.

Warum wir diese Geschichten noch immer brauchen

Die Frage ist nicht, ob der Monomythos eine Wahrheit enthält. Die Frage ist, welche Wahrheit das ist.

Wir leben in einer Zeit, die Schwierigkeiten hat, den Sinn zu finden. Die einst großen kollektiven Erzählungen wie der Glaube an Fortschritt, nationale Geschichten und religiöse Versprechen bröckeln oder werden misstrauisch beäugt. Diese Leerstelle wird von traditionellen Mustern eingenommen, weil wir verstehen wollen, wie Wandel möglich ist. Wie man das Zentrum eines Labyrinths erreicht und lebend wieder hinausfindet. Wie man Verlust in Erkenntnis verwandeln kann.

Wenn Miles Morales lernt, seine Maske zu akzeptieren, zeigt uns das, wie wir Verantwortung übernehmen können, auch wenn sie überwältigend wirkt. Wenn Holden Caulfield im Central Park sitzt und seiner Schwester beim Karussellfahren zusieht, erinnert uns das daran, dass selbst im Scheitern unerwartete Schönheit liegen kann.

Joseph Campbell hat es zutreffend formuliert: Der Held besitzt tausend Gesichter, denn letztlich reflektiert er immer auch einen Teil von uns selbst.

Das Licht im Kino schwindet. Der Controller ruht in unseren Händen. Die erste Seite eines Buchkapitels wartet darauf, aufgeschlagen zu werden. Und irgendwo, genau in diesem Moment gespannter Erwartung, bevor die Geschichte ihren Lauf nimmt, stehen wir an einer Schwelle. Bereit, dem Ruf zu folgen, den wir bis jetzt noch nicht vernommen haben.

Watchmen

watchmen

Dem Autor Alan Moore, dem „Zauberer” hinter „V wie Vendetta”, „Batman: The Killing Joke”, „From Hell” und vielen anderen Titeln, ist es gelungen, seine zeitgenössischen Ideen auf revolutionäre Weise durch das Medium Comic zu vermitteln. Indem er sich mit universellen Konzepten auseinandersetzte und sie durch Symbolismus und Satire aufschlüsselte, erregte er schnell die Aufmerksamkeit der Welt. Er wurde zu einem wichtigen Einfluss in der Populärkultur, denn sein Werk besitzt bis heute eine unvergleichliche Relevanz für die moderne Politik und Philosophie. Zu seinen bedeutendsten Comics gehört das mit dem Hugo Award ausgezeichnete Hauptwerk Watchmen, das mit seiner Erzählung, seinen Themen, seinen Figuren und seiner philosophischen Botschaft die Comic-Industrie schlagartig veränderte.

Watchmen © DC Comics

Die Geschichte von Watchmen ist in einer alternativen Realität angesiedelt, die sich am Zustand der Welt in den 1980er Jahren orientiert. Sie ist ein ausladender Kommentar zum Superheldenkonzept und seinen persönlichen sowie politischen Implikationen vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs. Zwar absolviert Richard Nixon hier mehrere Amtszeiten als Präsident der Vereinigten Staaten und die USA gewinnen den Vietnamkrieg, doch die zentrale Wendung dieser realistisch dargestellten Geschichte ist die Existenz von Superhelden und ihre Verantwortung für die Entwicklung der internationalen Beziehungen und die Verbrechensbekämpfung. Während die Spannung ins Unermessliche steigt, deutet der Mord an einem ehemaligen Helden auf ein größeres Komplott hin. Aufgrund des Keene-Gesetzes sind Vigilanten nun illegal und ihre Aktivitäten sind untersagt. 

Alan Moore hat sich eines Themas angenommen und eine realistische und doch nihilistische Sicht auf Superhelden vorgelegt, wie es sie vorher noch nie gegeben hat. Durch seine vielschichtige, nicht-lineare Erzählweise bietet er eine intime und doch universelle Geschichte, die den Wahnsinn der Welt durch die Augen von Vigilanten betrachtet. Diese haben ihre Bestimmung in Handlungen gefunden, die darauf ausgerichtet sind, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Ob diese Helden für die Regierung arbeiteten oder nicht, war nicht entscheidend für das Verständnis der keineswegs neuen Erkenntnis, dass die Menschheit zur Grausamkeit jenseits unserer Vorstellungskraft fähig ist. Anhand verschiedener komplexer Charaktere – vom schwer fassbaren, zwanghaften Rorschach bis hin zum göttlichen, rätselhaften und introspektiven Dr. Manhattan – wird in einer zwölfteiligen Serie ein kritischer Kommentar zur Motivation von Helden präsentiert.

Die schonungslose Sezierung der Superhelden und die fesselnde Krimihandlung sind jedoch nicht die einzigen Eigenschaften dieses Comics. Zeichner Dave Gibbons verdient ebenso viel Lob für dieses bahnbrechende Werk, denn sein Neun-Panel-Raster ist eines der ikonischen Elemente dieser Geschichte. Die dialoglosen Seiten zeigen eine unglaubliche emotionale Bandbreite und bestätigen das Sprichwort, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt. Der ehrgeizige und selbstbewusste Künstler zögert nicht, die Hauptfiguren zu ignorieren und sich auf die Umgebung zu konzentrieren, um die starke Symbolik der Geschichte zu vermitteln. Tatsächlich gibt es in der gesamten Geschichte erstaunliche Wort- und Bildspiele, die bis ins kleinste Detail analysiert werden können und die Erzählung meisterhaft perfektionieren. Dies hilft auch bei der Illustration einiger der besten Übergänge zwischen den Panels. Letztendlich dient das Artwork als tadelloses Gefäß, um diese erschütternde und doch fesselnde Tragödie zu erzählen, die auf ihrer selbst konstruierten, atemberaubenden Mythologie beruht.

Dieses Buch wurde seit seiner Erstveröffentlichung endlos zerpflückt. Jedes Bild wurde mikroskopisch genau untersucht, die Handlung, die Charaktere und die Symbole wurden nicht weniger ausführlich analysiert als jene der Odyssee. Die Fans dieses Buches sind wie die Fans aller anderen Bücher auch äußerst einnehmend und streitlustig. Wenn man ein Buch wie dieses zum ersten Mal liest, wird man wahrscheinlich weniger Kritik üben, sondern eher eine intellektuelle Angleichung vornehmen. Was gesagt werden konnte, wurde wahrscheinlich schon gesagt; die Frage ist nun, mit wem man übereinstimmt.

Watchmen ist groß, wichtig, brillant – und unerträglich. Es ist mystisch, düster. Es ist fantastisch und dumm. Auf seinen Seiten gibt es Helden, Antihelden und riesige, blaugesprenkelte Superhelden. Es gibt Aliens, straßenkämpfende Lesben und Piraten. Zweideutig böse Genies und durchschnittliche New Yorker sind ebenfalls dabei. Wenn die Gewalt nicht intim ist, dann ist sie global. Wenn der Sex nicht zärtlich ist, dann ist er schmutzig. Die Geschichte ist zum Teil ein Krimi, zum Teil ein philosophisches Traktat. Der Schreibstil ist heftig, bahnbrechend, verkniffen und pedantisch. Die Kunst ist stets steif, aber immer angemessen.

Watchmen ist alles. Manchmal ist es sogar langweilig.

Die Handlung ist komplex und äußerst anspielungsreich. Neben der Haupthandlung gibt es mehrere Hintergrundgeschichten sowie eine alternative Geschichte. Es gibt Darstellungen und Parodien auf die unterschiedlichsten Medien: Comics, Zeitungen, Fernsehen, Werbung, Zeitschriftenartikel usw. Zudem gibt es endlose Verweise auf die jüngere amerikanische Geschichte, die Antike, Philosophie, Poesie, populäre Musik, andere Comics und Watchmen selbst.

Obwohl das Werk als bahnbrechende Graphic Novel bezeichnet wird, lässt sich die Frage, was eine Graphic Novel ist, kaum klären. Das Time Magazine hat es zu einem der 100 besten Romane des Jahrhunderts gekürt. Dabei ist „Graphic Novel“ weiter nichts als das Etikett der Wahl für diejenigen, die lieber nicht beim Lesen von Comics erwischt werden wollen. 

Eine der wichtigsten Figuren ist Dan Dreiberg. Er ist kein Held mit Superkräften, aber auch nicht ganz gewöhnlich. Er ist ein Post-Superheld: Seit die Regierung maskierte Verbrechensbekämpfer verboten hat, hängt sein Nite-Owl-Kostüm im Schrank und sein cooles Luftkissenfahrzeug verstaubt im Keller. Aufgrund seines Übergewichts ist sein Selbstvertrauen geschwächt, sodass er sich nur aus der Ferne für Dr. Manhattans kurvige Freundin Laurie begeistern kann. Dr. Manhattan steht außerhalb der Zeit. Als Opfer eines nuklearen Unfalls kann er über Wasser laufen, durch Wände gehen und in einem Anfall von Wut sogar zum Mars fliegen und dort schmollen. Die Geschichte beginnt jedoch mit Rorschach im Trenchcoat – einsilbig und vermutlich geisteskrank – und seiner Vermutung, dass jemand es auf die Maskierten abgesehen hat. Während sich Recht und Unrecht um ihn herum ständig verschieben, ist Rorschach ironischerweise derjenige, der konstant bleibt. Er ist das schreckliche Gewissen von Watchmen.

Die verschiedenen Symbole des Comics – Uhren, Pyramiden und Dreiecke, das berühmte blutbespritzte Smiley-Gesicht, Masken, Tintenkleckse, Vögel und Schmetterlinge, Atome, Parfüm, Knoten, Spiegel und Reflexionen u.v.a.m. – wirken dagegen fast schon konkurrenzlos unsubtil. 

Einige Handlungselemente wirken überflüssig und etwas zu gewollt. An erster Stelle steht der Piratencomic im Comic. Die Tatsache, dass die Piraten die Superhelden als Thema der Comics abgelöst haben, deutet darauf hin, dass die Welt der Watchmen vielleicht düsterer und weniger idealistisch ist als unsere eigene. (Zumindest ist sie düsterer als die Zeit, in der Superhelden die Comics beherrschten.) Doch was ist mit einer Welt, in der Comics wie Watchmen dominieren? Moore übertreibt es jedoch, indem er ein morbides Piratenabenteuer einführt, das während der gesamten Geschichte Parallelen und Kommentare zur Haupterzählung aufweist. Zunächst ist es ein netter Trick, doch wenn es Kapitel für Kapitel wieder auftaucht, fragt sich der Leser: Was soll das?!? Der Autor des Piratencomics taucht sogar in einer Nebenhandlung auf, hat aber kaum Wirkung.

Die Grafik ist selbstbewusst, manchmal jedoch auch übermäßig konservativ. Die menschlichen Kiefer sind quadratisch, die Seiten sind stets in neun Panels unterteilt. Das Ergebnis ist eine interessante formale Spannung zwischen einem altmodischen Look und bahnbrechenden Texten. Eine komplizierte Handlung und ein ausgeklügeltes Layout greifen ineinander wie – was sonst? – ein Uhrwerk. Das ist auf technischer Ebene interessant. Es gibt jedoch Momente, in denen sich alles sehr nach der Maschinerie des Plots anfühlt. Dadurch verliert die Geschichte an Lebendigkeit.

Es wird deutlich mehr Zeit auf die Figuren als auf die Geschichte verwendet. Das ist ein weiteres Indiz dafür, warum „Graphic Novel” als Etikett funktionieren könnte – wenn man zu diesem Modebegriff neigt. Charaktere wie Dan Dreiberg, Laurie Juspeczyk und ihre Mutter Sally Jupiter sind allesamt erkennbar menschlich und äußerst dreidimensional dargestellt. In ihrer Welt ist alles kompliziert, ironisch und unangenehm.

Was die Figuren Rorschach, Dr. Manhattan und den von Alexander besessenen Geschäftsmann Ozymandias angeht, könnte man sich in einer alternativen literarischen Gestalt vorstellen, wie sie gemütlich einen langen Spaziergang vor dem Internationalen Sanatorium Berghof unternehmen, ihre Spazierstöcke rhythmisch klacken lassen und über die Folgen des Determinismus debattieren. In Watchmen jedoch entfalten sie ihre Präsenz auf der gesamten Erde und sogar bis zum Mars. Sie wirken wie mythisch-philosophische Archetypen, die in einem gequälten Vokabular gefangen sind. Sie schweben über unseren bloßen Gefühlen von Sympathie oder Empörung hinweg. 

Ein weiteres Problem liegt in der Auswirkung, die der Comic auf das Medium und sein Publikum hatte. Die Comicbranche zog die falschen Schlüsse aus dem Erfolg von. Statt nach innovativen Wegen zu suchen, um vertraute Geschichten auf neue Art zu erzählen, kamen viele Autoren und Künstler zu dem Fehlschluss, dass vor allem die Gewalt und der scheinbare „Erwachsenenanspruch“ den Erfolg des Comics ausgemacht hätten. Doch wahre Reife äußert sich in weit mehr als in expliziten Darstellungen von Blut oder der Verwendung vulgärer Ausdrücke – gerade dieses Verständnis zeigte Watchmen auch. Leider fehlte es vielen seiner Nachahmer in den darauffolgenden Jahren an dieser Einsicht. Vielmehr wurde der Fokus darauf gelegt, Comics düsterer zu gestalten, anstatt sie thematisch und inhaltlich komplexer zu machen. Das veränderte das Medium nachhaltig, aber nicht immer zum Positiven.

Watchmen selbst bleibt ein Werk von beeindruckender Ernsthaftigkeit und Ambition. Es ist groß angelegt und strebt unübersehbar danach, von Bedeutung zu sein, doch allzu häufig schwebt es am Rande der Selbstgefälligkeit. Alan Moores Texte sind durchdrungen von einer gewissen Überheblichkeit und geraten stellenweise ins Risiko, zur Parodie ihrer eigenen Ansprüche zu werden.

Es gibt einen herzzerreißenden Moment, der sich am Ende des vorletzten Kapitels ereignet, wenn der Videomonitor weiß wird und alles entsetzlich still ist. Dieser Moment ist wie geschaffen für einen Mythos, für eine Geschichte, in der es um das Unbekannte geht, um das, wofür wir zunächst keine Worte haben. Der Mythos blickt in das Herz einer großen Stille. Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie methodisch und manchmal grausam die „essentielle Albernheit” der Charaktere entlarvt wird (um Moore in seinem Vorwort zu The Dark Knight Returns zu zitieren), während gleichzeitig der Geist und die Mission des Mythos aufrechterhalten werden.

Und das, obwohl Mythen und Romane, oder Comics und Romane, traditionell ein Widerspruch in sich sind. Sicher, Mythen mögen sich manchmal wie Romane lesen, aber die beiden Formen haben eigentlich nichts gemeinsam. Selbst die experimentellsten Fiktionen müssen sich bis zu einem gewissen Grad auf psychologischen Realismus stützen; ohne ihn wären ihre Figuren unerkennbar und ihre Handlungen uninteressant. In den Mythen hingegen geht es genau um dieses Widersprüchliche und das Unerklärliche. Das Leere. Das Schweigen.

Letztendlich überwiegt jedoch die visuelle Komplexität von Watchmen viele seiner literarischen Schwächen. Es ist interessant anzuschauen. Und die Welt, die Alan Moore erschaffen hat, ist so umfassend und tiefgründig erdacht, dass sie einen in ihren Bann zieht und am Ende nicht mehr loslässt.

Frank Miller: Das Evangelium des Schattens

Frank Miller

Frank Miller und die Neuinterpretation des Comic-Noir als Weltanschauung, Ästhetik und politisches Statement.

Olney und Millers Wurzeln

Frank Miller, geboren 1957 in Olney, Maryland, und aufgewachsen in Montpelier, Vermont, fand seine prägenden Inspirationen in Regionen, die kulturell eher unscheinbar sind. Vielleicht war es gerade der Mangel an urbaner Eleganz, der seine Vorstellungskraft formte und ihn zeitlebens von der Faszination für das Abgründige, die Dunkelheit und die raue Realität des amerikanischen Stadtlebens nicht entkommen ließ. Miller entstammte keinem akademischen Umfeld; seine prägenden Einflüsse waren die billigen Comichefte seiner Jugend, die Kriminalromane von Mickey Spillane und Raymond Chandler sowie die Schwarzweißfilme der 1940er Jahre, in denen Licht und Schatten untrennbar mit Gut und Böse verknüpft sind. Diese frühen Eindrücke zementierten eine ästhetische und erzählerische Grundstruktur, die sich konsequent durch sein gesamtes Werk zieht.

Frank Miller
Frank Miller

Mit 19 Jahren zog Miller nach New York, und wurde in eine Zeit hineingeworfen, in der die Stadt noch tief in den Wirren einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise steckte. Die Bronx brannte im übertragenen wie wörtlichen Sinne, der Times Square war ein Knotenpunkt des organisierten Verbrechens, und die Kriminalitätsraten boten Bilder einer nahenden Apokalypse. Diese düsteren, gefährlichen Straßen New Yorks der späten 1970er Jahre wurden zur Blaupause für Millers kreative Vorstellungskraft. Selbst wenn seine Geschichten formal in fiktiven Orten wie Gotham City oder Sin City angesiedelt sind, ist das Echo dieses nächtlichen New Yorks in jedem Panel seiner Werke zu spüren.

Zunächst betrat Miller die Welt des Comics als Zeichner, bevor er sich als Autor etablierte. Seine frühen Arbeiten für Marvel und DC in den späten 1970er Jahren lassen bereits den unverwechselbaren Stil eines Künstlers erkennen, der mit handwerklicher Präzision experimentiert und seine eigene Bildsprache entwickelt: starke Kontraste, markante Schattierungen und ein ausgeprägtes Gespür für dramatische Perspektiven. Dieser Stil entstammt kaum der klassischen Comictradition, findet sich dafür aber im visuellen Ausdruck des Deutschen Expressionismus und bei den japanischer Manga-Künstlern. Besonders wegweisend war die Inspiration durch Kazuo Koikes und Goseki Kojimas „Lone Wolf and Cub“, ein Werk, das Miller selbst immer wieder als maßgebend bezeichnet hat, lange bevor der Manga-Boom die amerikanischen Comics nahezu einäscherte.

Daredevil – Die Neudefinition des Helden als Opfer

Frank Millers Arbeit an Daredevil markierte eine Revolution im amerikanischen Superhelden-Comic. Unter seinem kreativen Einfluss gewann die Serie eine bisher ungeahnte Tiefe und Intensität, die sich nicht allein auf die körperlichen Herausforderungen des Heldendaseins beschränkte. Das kannte man bereits als tragendes Element, das typisch für das Genre war. Miller legte den Fokus auf die emotionalen und psychischen Abgründe seines Protagonisten Matt Murdock, die den Leser in eine düstere und erschütternde Realität eintauchen ließen.

Born Again
Born Again © Marvel

Eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür ist die Entwicklung von Karen Page, Murdocks einstiger großer Liebe, die in einem verheerenden Strudel der Selbstzerstörung versinkt. Als drogenabhängige Prostituierte liefert sie letztlich Murdocks Geheimidentität aus, und das für eine einzige Dosis Heroin. Diese Handlung löst eine unaufhaltbare Kette des Leids aus, die durch den berüchtigten Kingpin noch verstärkt wird, diesem skrupellosen und brutalen Strategen, der minutiös plant, wie er Murdock zu Fall bringen kann. Mit eisiger Präzision vernichtet er jeden Aspekt von Murdocks Existenz: sein Zuhause, seinen Beruf, seinen Ruf und die Frau, die ihm einst Hoffnung gab.

Die Stadt selbst, in der Daredevil für Gerechtigkeit und gegen Korruption kämpft, verwandelt sich unter Millers Feder in ein gnadenloses Monster. Sie wird zum Symbol einer Welt, die ihre Helden verschlingt. In dieser beklemmenden Atmosphäre entfaltet sich ein radikal neuer Blick auf das Superhelden-Genre. Miller schrieb damit Geschichte und bewies eindrücklich, dass Comics durchaus mehr sein können, als es sich Normies generell vorstellen: Kunst, die das menschliche Drama ebenso tiefgründig einfängt wie jede “große” Literatur.

Dieser zentrale Handlungsstrang ist Born Again (1986), mit Zeichnungen von David Mazzucchelli und gilt als Millers erstes Meisterwerk und als eine der wegweisendsten Erzählungen des Genres. Wegweisend nicht zuletzt deshalb, weil es die übliche Prämisse auf den Kopf stellt. Der Held wird als Gefangener und Opfer eines übermächtigen Systems dargestellt. Die Bedrohungen entspringen den tief verwurzelten Strukturen einer korrupten Welt. Das ist eine Sichtweise, die in diesem Genre bis dahin kaum anzutreffen war.

Verdientermaßen sollte auch Mazzucchellis visuelles Talent hervorgehoben werden. Seine Illustrationen für Born Again zeigen einen Stil, der sich stark von Millers eigenem unterscheidet. Die reduzierten, ausdrucksstarken Zeichnungen verleihen der Geschichte eine zusätzliche emotionale Ebene, die Millers Texte alleine nicht hätten erreichen können. Born Again gehört zu den seltenen Superheldengeschichten, in denen Autor und Zeichner auf Augenhöhe zusammenarbeiten, ein Gleichgewicht, das in Millers späteren Arbeiten als alleiniger Autor und Zeichner immer weniger sichtbar wurde.

The Dark Knight Returns – Höhepunkt und Falle

1986 war ein Schlüsseljahr der Branche. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung von Alan Moores und Dave Gibbons‘ wegweisendem Watchmen, brachte Frank Miller Batman: The Dark Knight Returns heraus. Mit diesem Werk machte er sich wirklich einen Namen. Die zeitliche Nähe der beiden Publikationen deutet auf einen tiefgreifenden Wandel im kollektiven Bewusstsein des amerikanischen Superheldencomics hin, einer Branche, die nach Jahrzehnten konventioneller Erzählmuster plötzlich von zwei Seiten aus radikal hinterfragt wurde.

Obwohl Moores und Millers Ansätze für das Genre gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen, könnten sie in ihrer Ausprägung kaum unterschiedlicher sein. Während Moore das Superhelden-Genre dekonstruiert, indem er seine moralischen Grundpfeiler von innen heraus untergräbt, inszeniert Miller eine düstere Apotheose. Er greift den Mythos des Superhelden auf und führt ihn an seine absolutesten Grenzen. Der Batman in The Dark Knight Returns ist ein fünfzigjähriger, verbitterter Mann, der aus seinem Ruhestand zurückkehrt, um ein Gotham City zu retten, das von Chaos und politischer Lähmung gezeichnet ist. Gewaltbereit, kompromisslos und mit einer klaren Schwarz-Weiß-Sicht ausgestattet, wird Batman unter Miller gerade aufgrund dieser Eigenschaften zum Held.

Dieser Batman hat jeden Zweifel hinter sich gelassen. Miller stellt dies als Stärke dar. Doch die Rezeption von The Dark Knight Returns zeugt auch von einem grundlegenden Missverständnis . Die Grenze zwischen bewusster Überhöhung und fragwürdigem Ideal wird hier oft verschwommen wahrgenommen.

Dark Knight returns
Dark Knight returns © DC Comics

Die künstlerische Brillanz von The Dark Knight Returns ist unbestreitbar. Frank Millers experimentelle Seitenkomposition durchbricht radikal die traditionelle Panel-Anordnung. Er verändert das Seitenraster von Seite zu Seite, setzt Fernsehnachrichten als ironischen Kontrapunkt zur Handlung ein und schafft eine visuelle Sprache, die mit kontrastreichen schwarzen Flächen und weißen Leerstellen arbeitet . Eine ähnliche Ästhetik findet man in den expressiven Holzschnitten der 1920er Jahre. Diese eindringliche Bildsprache war 1986 im Kontext des amerikanischen Superhelden-Comics eine regelrechte Sensation und hat eine nachhaltige Wirkung auf die nachfolgende Generation von Künstlern hinterlassen.

Doch das Werk wirft auch tiefgreifende politische Fragen auf. Entstanden in der Ära Reagans, ist seine Ideologie eng mit dem Zeitgeist dieser Jahre verwoben: einer Ernüchterung gegenüber dem liberalen Konsens, dem Ruf nach einem starken, entschlossenen Führer sowie einer Ablehnung von Kompromissen und institutionellen Mechanismen. Miller scheint diese Ideologie zu teilen. In seiner Darstellung fehlt Batman als Charakter einiges an Vielschichtigkeit, hier ist er eine Projektion des autoritären Rächers, der als moralische Instanz agiert. Die enge Verknüpfung dieses Wunschbilds mit den politischen Strömungen jener Zeit zeigt sich auch in der Irritation, die das Werk bei Lesern mit unterschiedlicher politischer Überzeugung hervorgerufen hat.

Im Zentrum steht die Spannung zwischen zwei Aspekten: meisterhafter Kunstfertigkeit und problematischer Ideologie. Genau hier liegt der Kern der Auseinandersetzung mit Millers Werk. The Dark Knight Returns ist nicht revolutionär, weil es eine fragwürdige Weltsicht propagiert. Literatur muss natürlich keine makellose Ideologie vertreten, um bedeutend zu sein, und Leser müssen ihr nicht zustimmen, um die Kraft eines Werkes zu erkennen. Es bleibt ein anspruchsvolles Werk, das aber möglicherweise seine eigene Wirkung nicht vollends reflektiert. Ohne kritische Distanz zu seinem Protagonisten fordert es dazu auf, die dargestellte Gewalt als eine Art Erlösung zu empfinden.

Sin City – Ästhetik als Ausdruck und Argument

Sin City
Sin City © Dark Horse Comics

Mit Sin City (ab 1991, ursprünglich in „Dark Horse Presents“) hat Frank Miller ein eigenständiges Universum geschaffen, losgelöst von etablierten Rahmenwerken. Kein Bezug zu Superhelden, keine geteilte Mythologie, stattdessen ein Werk, das Atmosphäre, Genre und die Essenz Millers in reinster Form präsentiert.

Die Wahl, Sin City ausschließlich in Schwarz-Weiß darzustellen, ergänzt durch gezielte Farbnuancen wie das rote Kleid einer Frau oder den gelben Körper eines Schurken, ist dann auch mehr als nur ein stilistisches Mittel. Sie spiegelt eine Weltsicht wider. Während Alan Moore mit Grautönen die moralische Ambivalenz betont, es gibt es in Millers Kosmos keinen Platz für solche Nuancen. Seine Welt ist in klaren Kontrasten gezeichnet, da gibt es Jäger und Gejagte, Starke und Schwache. Die Abwesenheit von Grau wird bei ihm zur bewussten Aussage über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.

Die Charaktere in Sin City folgen einem archetypischen Muster. Männer sind hier stets bereit zur Gewalt, ihre inneren Monologe geprägt von der lakonischen Härte eines Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Sie schildern ihre Realität mit einer kargen Sachlichkeit und sind überzeugt, dass Gewalt der einzig gangbare Weg ist. Die Welt dieser Figuren ist unnachgiebig schlicht, wo strenge Ordnungen der Komplexität als vermeintlicher Schwäche gegenüberstehen.

Sin City steht erneut für einen Wendepunkt im Medium. Es war eines der ersten Werke, das abseits von Superheldengeschichten beachtlichen Erfolg erzielte und bahnte den Weg für einen Markt, der sich gezielt an Erwachsene richtete, eine Nische, die Anfang der 1990er Jahre kaum existierte und durch Millers Werk überhaupt erst entscheidend geprägt wurde.

300 und die Ideologie des Körpers

300 aus dem Jahre 1998, das von Lynn Varley koloriert wurde, ist ein kontroverser Punkt in der Diskussion über Frank Millers Schaffen. Die Erzählung über die dreihundert Spartaner, die bei der Schlacht um die Thermopylen gegen die übermächtigen Perser unterlagen, wird in Millers Version zu einer Hommage an körperliche Disziplin, Kampf- und Opferbereitschaft für die Gemeinschaft. Der grafische Stil zählt zu den beeindruckendsten des Mediums, weist jedoch eine historische Vereinfachung auf, die berechtigte Fragen aufwirft.

300
300

In 300 haben die Perser nichts mit echten Personen zu tun, sie dienen lediglich als Symbole. Sie verkörpern Dekadenz, Fremdheit und Missgestalt, kurz: das ultimative Andere. Die Spartaner dagegen sind reine Inkarnationen von Körper, die im Kampf fallen. Diese Darstellung des heroischen Körpers als nationales Emblem, die Erhebung des Heldentodes und die Dämonisierung des Fremden zur Kriegsrechtfertigung haben in der europäischen Bildpropaganda des 20. Jahrhunderts eine problematische Bedeutung erlangt.

Miller hat sein Werk stets als ein Produkt des Genres verteidigt. 300 sei eine archetypische Kriegserzählung und kein politisches Manifest. Diese Rechtfertigung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, da Genre-Konventionen tatsächlich eine gewisse Autonomie gegenüber dem politischen Inhalt bewahren. Dennoch greift diese Verteidigung zu kurz. Die Kraft von Bildern liegt vor allem in ihrer Wirkung auf das Publikum, unabhängig davon, was der Künstler beabsichtigt. Die Darstellungen in 300 haben, insbesondere nach dem Kinoerfolg von Zack Snyders Verfilmung im Jahr 2007, ihren festen Platz im Bildrepertoire der Populärkultur gefunden. Sie wurden nachweislich von politischen Bewegungen vereinnahmt, wodurch sie über Millers ursprüngliche Absichten hinausgehen.

Der Absturz und die Farbe der Selbstreflexion

In den 2000er Jahren setzte ein Prozess ein, den wohlwollende Kritiker als kreative Erschöpfung bezeichneten, weniger wohlwollende hingegen als Selbstkarikatur. Mit All Star Batman and Robin, the Boy Wonder (ab 2005, illustriert von Jim Lee) versuchte Frank Miller, zu den Ursprüngen seines Erfolgs zurückzukehren. Doch das Werk wurde in Fachkreisen überwiegend als ungewollte Parodie auf ihn selbst interpretiert. Hier präsentiert sich Batman als fanatischer Charakter, dessen Weltanschauung zwischen einer infantilen Version von Nietzsche und überzogenem Macho-Drama hin- und her pendelt. Auffällig war auch Millers Reaktion auf die teils harschen Kritiken. In Interviews und öffentlichen Statements zeigte er wenig Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Noch problematischer erwies sich der Essay Holy Terror, Batman!, der im Zuge der Terroranschläge am 11. September 2001 entstand und schließlich 2011 unter dem Titel Holy Terror als eigenständiges Werk veröffentlicht wurde, nachdem DC Comics eine Publikation abgelehnt hatte. Das Buch stellt eine unverhohlen propagandistische Fantasie dar, in der ein Superheld gegen muslimische Terroristen kämpft, umgesetzt in Millers typischer Schwarzweiß-Ästhetik, jedoch durchdrungen von einer Feindbildkonstruktion, die jegliche kritische Distanz vermissen lässt. Im Gegensatz zu den ohnehin fragwürdigen Aspekten von Werken wie 300 erscheint hier alles umso kompromissloser und eindimensionaler. Holy Terror ist schlichtweg schlechte Kunst, die einer fragwürdigen Ideologie dient.

Damit rückt eine zentrale Frage ins Blickfeld: Beeinflusst ein Spätwerk die Interpretation eines Frühwerks? Ändert Holy Terror rückwirkend den Wert und die Bedeutung von Born Again? Die Kunstgeschichte liefert darauf keine klaren Antworten. Ein Werk existiert autonom vom Leben seines Schöpfers, und die Qualität einer Schöpfung sollte nicht zwangsläufig durch spätere persönliche oder künstlerische Entwicklungen des Urhebers bewertet werden. Dennoch bleibt auffällig, wie Millers spätere Anhängerschaft dieses Thema oft umgeht. Möglicherweise verweigert man sich der intellektuellen Herausforderung, die eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Fällen erfordert.

Was bleibt vom Glanz

Wenn man den äußeren Glanz abzieht, bleibt Frank Millers Beitrag zur Comicgeschichte zugleich unverkennbar und doch schwer greifbar. Im Vergleich zu Größen wie Alan Moore oder Grant Morrison erweist sich Millers Stellenwert als ambivalent. In gewisser Weise ist er mehr und doch weniger als seine Kollegen. Mehr, weil sein visueller Einfluss auf den amerikanischen Mainstream-Comic tiefer und umfassender ist als der anderer Autoren seiner Generation. Merkmale wie die kontrastreiche Bildgestaltung, die dramatische Schattenführung und die Betonung expressiver Figuren bei gleichzeitiger Reduktion des Hintergrunds gehen unverkennbar auf ihn zurück und prägen die Ästhetik des Superheldencomics der 1990er und frühen 2000er. Weniger jedoch, da das philosophische und literarische Fundament seines Schaffens begrenzter bleibt als bei Moore. Miller hinterfragte das Medium selbst nie und zeigte wenig Interesse daran, seine Arbeit theoretisch zu untermauern.

Was bei Miller im Kern besteht, ist ein unverwechselbares ästhetisches Universum. Die klare moralische Dichotomie, die Stadt als Kriegsgebiet, der handelnde Mann als Summe seiner Taten; all das sind wiederkehrende Elemente. Hinzu kommen zwei oder drei Werke, die den Höhepunkt handwerklicher Perfektion innerhalb ihres Genres darstellen. Daredevil: Born Again bleibt ein zeitloser Klassiker, solange es Superheldencomics gibt. The Dark Knight Returns hingegen ist ein Werk, das über seine Zeit hinausreicht, gerade aufgrund der Widersprüche, die es in seinem Innersten trägt.

Abschließend bleibt zu sagen: Millers Werk ist das vielleicht ehrlichste Spiegelbild der amerikanischen Populärkultur im späten 20. Jahrhundert. Es reflektiert ihre Faszination für Gewalt, ihre Sehnsucht nach Ordnung, ihre Unfähigkeit, Stärke von Brutalität zu unterscheiden, und ihre unbestreitbare Energie. Es ist eine Kunst, die weder Verehrung erfordert noch idealisiert werden muss, um verstanden zu werden; eine Kunst, die man verstehen kann, ohne sie zu lieben. Und vielleicht ist genau das letztlich ein Zeichen von wahrer Größe.

Batman – Der dunkle Ritter

batman

Die Erzählung von Batman hat sich längst zu einem modernen Mythos entwickelt. Der junge Bruce Wayne wird Zeuge der brutalen Ermordung seiner Eltern und schwört, das Verbrechen zu bekämpfen. Getrieben von diesem Ziel, widmet er sein Leben der Selbstdisziplin. Er meistert nahezu sämtliche Kampfkünste, eignet sich wissenschaftliche Expertise an, wird ein brillanter Detektiv und stellt sich den zahlreichen Bedrohungen, die seine Heimatstadt Gotham City heimsuchen, eine Stadt, die mittlerweile genauso ikonisch ist wie der Dunkle Ritter selbst.

Seinen ersten Auftritt hatte Batman im Mai 1939 in Detective Comics Nr. 27. Schon ein Jahr später erhielt er eine eigene Comicreihe. Offiziell wurde die Figur von Bob Kane geschaffen, nachdem der Redakteur Vin Sullivan ihn damit beauftragt hatte, einen neuen Helden zu entwickeln, der an den Erfolg von Superman anknüpfen sollte. Doch viele der markanten Merkmale Batmans entstanden durch den wenig bekannten Autor Bill Finger, dessen entscheidender Einfluss erst spät gewürdigt wurde. Während Kane das grundlegende Konzept eines maskierten Detektivs lieferte, war es Finger, der dem Helden seine unverkennbaren Charakteristika verlieh: die düstere Kapuze mit den spitzen Ohren, den Umhang, die Abwesenheit übernatürlicher Kräfte, den bürgerlichen Namen Bruce Wayne und die düstere Kulisse Gothams. Auch die tragische Ursprungsgeschichte des Helden, der Tod seiner Eltern in einer dunklen Gasse, stammt von Finger.

Batman Detectice Comics #27
Batman Detectice Comics #27

Trotz seiner prägenden Beiträge wurde Bill Finger zu Lebzeiten nie offiziell als Mitbegründer (und eigentlich Hauptbegründer) von Batman anerkannt. Bob Kane hatte sich vertraglich die alleinigen Rechte sichern lassen und jahrzehntelang die Lorbeeren geerntet. Erst im Jahr 2015, viele Jahre nach Fingers Tod, erkannte DC Comics seine maßgebliche Rolle öffentlich an. Diese späte Wertschätzung stellt nicht nur ein bedeutendes Kapitel in der Kulturgeschichte des Urheberrechts dar, sondern spiegelt zugleich ein zentrales Motiv wider, das Batman selbst verkörpert: den unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit in einer grundsätzlich ungerechten Welt.

Superman setzte seine übermenschlichen Kräfte ein, um der Korruption entgegenzutreten, während Batman von Anfang an eine deutlich düsterere Figur war. Seine Charakterentwicklung war stark von den Pulp-Magazinen, der Legende von Zorro und dem Horrorfilm The Bat aus dem Jahr 1926 geprägt. Als geheimnisvolle Gestalt der Nacht zögerte Batman zunächst nicht, Verbrecher zu töten, wenn er glaubte, dass sie es verdient hätten. Damit spiegelte er die ambivalente Stimmung seiner Zeit wider, die zwar von Fortschritt und Optimismus geprägt war, jedoch auch von einer gewissen Desillusionierung angesichts des Zweiten Weltkriegs. In dieser zerrissenen und fragilen Gesellschaft, die moralisch weder eindeutig gut noch böse war, fand das Konzept eines wohlhabenden Rächers perfekt seinen Platz in der kulturellen Landschaft jener Ära.

Kane beschrieb das Vorgehen, Batman zu einem Waisenkind zu machen, so:

“Bill und ich haben lange darüber nachgedacht, aber dann kamen wir zu dem Schluss, dass es nichts Traumatischeres gibt, als wenn deine Eltern vor deinen Augen ermordet werden.”

Indem sie ihren Protagonisten auf diese Weise von seinen Eltern loslösten, zielten die Schöpfer von Batman darauf ab, bei den Lesern Mitgefühl zu wecken und der Figur einen tiefen, düsteren Gerechtigkeitssinn mitzugeben. Dieser Drang nach Gerechtigkeit formt Batmans Bestreben, „der größte Detektiv der Welt“ zu werden. Dabei entging ihnen möglicherweise, dass sie zugleich eine kraftvolle Figur erschufen, die das Pathos eines Dickens’schen Waisenkinds mit dem Mythos des Selfmade-Mannes vereint.

Was Batman so einzigartig macht

In einer Welt voller Helden mit übernatürlichen Fähigkeiten bleibt Batman ein Sonderfall: ein Mensch unter Göttern. Ohne Superkräfte stellt er sich dem Verbrechen allein durch rigoroses Training, scharfen Verstand und unerschütterlichen Willen entgegen. Gerade diese menschliche Verletzlichkeit, kombiniert mit radikaler Selbstdisziplin, hebt ihn von nahezu allen anderen Figuren des Comicuniversums ab. Seine einzige wahre „Superkraft“ ist sein eiserner Wille, geprägt von einem Kindheitstrauma, das ihn unaufhaltsam antreibt. Doch Batman ist nicht nur ein Kämpfer; er ist auch ein Denker. Als der „beste Detektiv der Welt“ untersucht er akribisch Tatorte, löst komplexe Rätsel und durchdringt die psychologischen Motive seiner Feinde. Seine Verkleidung ist nicht allein zur Tarnung gedacht – sie symbolisiert eine tiefgreifende Wandlung: Bruce Wayne ist bloß die Fassade, während Batman die wahre Identität verkörpert. Das Cape ist längst ein Teil seiner selbst geworden.

© DC
© DC

Hinzu kommen seine hochentwickelten technischen Hilfsmittel, die ihn zur Legende machen. Von seinem vielseitigen Utility-Gürtel über das ikonische Batmobil bis hin zum Bat-Signal. All diese Artefakte tragen zur Mythenbildung des Dunklen Ritters bei. Er ist eine Gestalt, die Schmerz, Technologie und absolute Selbstbeherrschung in einer Person vereint und so zu einer unsterblichen Ikone wurde.

Die nächste Inkarnation des maskierten Rächers entstand auf überraschende Weise, als die Verkaufszahlen von Superhelden-Comics während des Silver Age merklich sanken. Dennoch erlebte Batman mit seiner berühmten Fernsehserie eine Renaissance, die ihn in einem völlig neuen Licht zeigte. Die Darstellung in dieser Serie zeichnete sich durch Kitsch und Humor aus. Dieser Batman war nicht der düstere Verbrechensbekämpfer, sondern eine bewusst kinderfreundliche Figur, die dennoch durchaus gesellschaftliche Veränderungen widerspiegelte.

Adam West Batman
Adam West Batman

Die 60er Jahre werden oft – ob gerechtfertigt oder nicht – mit freier Liebe, Drogenkultur und der Hippie-Bewegung assoziiert. Diese Zeit erschien einerseits ausgelassen und fröhlich, andererseits aber auch exzentrisch und ein wenig surreal, ähnlich wie Adam Wests Interpretation von Batman, die trotz aller Skurrilität von Charme und Witz geprägt war. Während Kinder sich an den actiongeladenen Kämpfen, cleveren Fallen und exzentrischen Bösewichten wie dem Riddler, Joker, King Tut oder Egghead erfreuten, bot die Serie Erwachsenen reichlich Anlass zum Schmunzeln über die parodistische Darstellung des Superheldenmythos. In ihrer Leichtigkeit und Verspieltheit verkörperte diese Adaption perfekt die Eigenarten des Silver Age. Gerade diese humorvolle Herangehensweise machte Batman zu einer kulturellen Ikone, die weit über die Welt der Comics hinausreichte. Noch heute ist es verblüffend, wie treffend Batman in dieser Phase seiner Entwicklung die gesellschaftlichen Strömungen von 1966 reflektierte. Genau hier liegt ein Teil seines andauernden Erfolgs. Jede seiner Versionen spiegelt auf ihre eigene Weise den Zeitgeist wider.

Nach den Abenteuern von Adam West verschwand Batman jedoch weitgehend aus der Live-Action-Welt und wurde vornehmlich in Zeichentrickserien adaptiert. Hier trat er oft als Titelheld in Kombinationen mit anderen Warner-Figuren wie etwa Scooby-Doo auf, was unter anderem den Rechten geschuldet war, die Warner Bros. immer noch für die DC-Charaktere hält. Diese Phase wird oft als Tiefpunkt für das Superhelden-Genre und insbesondere für Batmans Ruf angesehen. Während einige DC-Helden weiterhin heroisch gegen das Böse kämpften, wurde Batman zunehmend zur Karikatur seiner selbst degradiert, eine einst respektierte Figur, die zu einer komischen Randerscheinung geworden war.

Der Dunkle Ritter

Neal Adams war es dann, der Batman in den späten 1960er Jahren wieder düsterer erscheinen ließ. Sein detaillierter und realistischer Stil verlieh der Figur viel mehr Profil, und so ist er bis heute einer der einflussreichsten Künstler, die je an der Figur gearbeitet haben. Ihm gelang es, Batmans Aussehen für eine neue Generation von Comicfans zu aktualisieren.

In den Köpfen der Kinder und Eltern blieb Adam Wests Darstellung von Batman vor allem deshalb in Erinnerung, weil das Medium Film damals schon eine weitaus größere Reichweite hatte und auch jene Menschen erreichte, die mit Comics wenig anfangen konnten. Doch in den 1980er Jahren brachte Frank Miller eine entscheidende Wende. Mit seinem Werk „The Dark Knight“ setzte er einen neuen Maßstab dafür, was ein Superheldencomic leisten kann. Gemeinsam mit Alan Moores bahnbrechendem „Watchmen“ veränderte Miller die Welt der Comics nachhaltig. 

Als Autor schuf Miller düstere Geschichten, die in einer finsteren und gnadenlosen Welt angesiedelt sind. Zum ersten Mal seit den 1940er- und 1950er-Jahren wurde Batman wieder ernst genommen und zurück ins kollektive Bewusstsein gebracht. In Millers Werken zeigt sich ein übergreifendes Muster, das über das Medium Comic und die Superheldenthematik hinausreicht. Es verweist auf grundlegende Fragen der menschlichen Existenz, indem es eine latente Erwartung zukünftiger Katastrophen thematisiert, die als nahezu unausweichlich dargestellt werden. Und tatsächlich sollte diese diffuse Vorahnung im Jahr 2001 eine beklemmende Realität werden. 

Auch wenn die Inhalte von „The Dark Knight“ keinerlei direkte Verbindung zu terroristischen Anschlägen haben, so fängt Millers Werk dennoch den Geist und die kulturelle Stimmung einer Zeit ein, die für solche Katastrophen empfänglich war, und somit einen symbolischen Nerv des Zeitgeistes getroffen hat. Ohnehin ist es erstaunlich, wie treffsicher Comickünstler schon immer die Wirklichkeit vorwegnahmen.

Warum lieben Leser Batman?

Die Fangemeinde von Batman ist ebenso facettenreich wie die zahlreichen Interpretationen der Figur. Einige Leser fühlen sich besonders von den düsteren Detektivgeschichten angesprochen, in denen Batman weniger als Kämpfer, sondern vielmehr als brillanter Ermittler auftritt. Andere bewundern seine kompromisslose moralische Haltung in einer Welt voller Korruption. Viele wiederum schätzen seine tiefgehende psychologische Dimension. Hier ist ein Mann, der sein eigenes Trauma nicht verdrängt, sondern es bewusst nutzt, um anderen zu helfen. 

Eine bedeutende Rolle spielt auch die „Bat-Familie“. Charaktere wie Robin, Batgirl, Nightwing oder Alfred Pennyworth bereichern das Universum mit emotionaler Tiefe, zwischenmenschlichen Konflikten und vielseitigen thematischen Facetten. Besonders hervorzuheben ist die Weiterentwicklung von Tim Drake, dem dritten Robin, der 2021 in den Comics offiziell als bisexuell dargestellt wurde, ein wegweisender Schritt für mehr Diversität und Repräsentation in den Mainstream-Comics.

Die Fans beschäftigen sich zudem leidenschaftlich mit verschiedenen Storylines, visuellen Stilen und den oft zentralen moralischen Fragen. Klassiker wie The Killing Joke, Year One, Hush oder The Long Halloween faszinieren nicht nur durch ihre packende Handlung, sondern auch durch die tiefgründigen Themen, die sie behandeln – darunter Wahnsinn, Gerechtigkeit und die grundlegende Natur des Bösen.

Philosophische Dimensionen

Batman zählt zu den philosophisch tiefgründigsten Figuren der Comicwelt, da er essenzielle Fragen zur Identität aufwirft. Ist Bruce Wayne lediglich die Fassade, die Batman nutzt, um in der Gesellschaft zu funktionieren, oder umgekehrt: Ist Batman die Maske, hinter der sich ein gebrochener Junge versteckt? Diese Ungewissheit über das wahre Ich zieht sich wie ein Leitmotiv durch die besten Geschichten des Dunklen Ritters. Gleichzeitig verkörpert Batman ein moralisches Dilemma. Obwohl er außerhalb des Gesetzes agiert, folgt er einem strengen Kodex: Er tötet nicht. Diese Selbstauferlegung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck seiner inneren Disziplin  und damit eine bewusste Distanzierung von dem Chaos, das tief in seinem Inneren lauert. 

Dies wird besonders in seiner Beziehung zu seinem ewigen Gegenspieler, dem Joker, deutlich. Der Joker steht für unkontrollierte Anarchie, radikale Entgrenzung und den zynischen Nihilismus eines lachenden Wahnsinnigen, der Batman als seinen Spiegel sieht, als einen Seelenverwandten im Wahnsinn. Diese ambivalente Dynamik wirft eine zentrale Frage auf. Wo verläuft überhaupt die Grenze zwischen Ordnung und Wahnsinn, zwischen dem Streben nach Gerechtigkeit und der Gefahr des selbstgerechten Vigilantismus? Batman bewegt sich in einer moralischen Grauzone und fordert somit den Leser auf, sich denselben tiefgreifenden Fragen zu stellen.

Superman – Der Mann aus Stahl

superman

Ein merkwürdiges Schauspiel bot sich auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe von Action Comics im April 1938 seinen Lesern. Ein seltsam gekleideter Mann mit rotem Umhang hielt ein ganzes Auto über seinen Kopf.

Auf seiner Brust prangte ein rotes “S” auf gelbem Grund. Der Stil mag sich im Laufe der Jahrzehnte geändert haben, aber der Mann aus Stahl wurde immer in den gleichen Farben gezeigt: rot, gelb und blau.

In einer stillen Nacht im Jahr 1933, irgendwo in einem Vorort von Cleveland, saß ein 18-jähriger Junge namens Jerry Siegel schlaflos in seinem Zimmer. Draußen rauschte der Wind durch die Baumwipfel, und das Dröhnen der Großen Depression hing über der Stadt wie ein bleierner Nebel. Drinnen, bei schwachem Licht, tippte Jerry fieberhaft auf seiner Schreibmaschine. Es war keine gewöhnliche Geschichte, die er da schrieb. Es war die Geburt eines Traums, und der Anfang einer Legende.

Ein Mann, stärker als jede Maschine, schneller als jede Kugel. Ein Mann, der fliegen konnte. Der Kammern durchblickte, Berge versetzte und nie aufgab. Superman.

Doch er kam nicht allein zur Welt. Neben Jerry Siegel stand ein schüchterner junger Mann mit Brille, der schlecht sah und besser zeichnete als sprach: Joe Shuster. Gemeinsam formten sie das, was bald das Rückgrat einer ganzen Industrie sein sollte, das Urbild des modernen Superhelden.

Am Anfang war Superman kein Held. In der allerersten Version war er ein Telepath, ein finsterer Diktator mit übermenschlichen Fähigkeiten. Doch das hielt nicht lange. Siegel erinnerte sich später:

„Ich setzte mich einfach hin und schrieb eine Geschichte dieser Art – nur war in dieser ersten Geschichte der Superman ein Bösewicht.“

Es war eine andere Nacht, nicht lange danach, als Jerry das Herz der Figur entdeckte.

„Eines Nachts, als mir all diese Gedanken durch den Kopf gingen, kam mir das Konzept, dass Superman eine doppelte Identität haben könnte […]. Die Heldin in dieser Geschichte würde denken, er sei ein Waschlappen; dennoch wäre sie verrückt nach diesem Superman-Charakter.“

Clark Kent – der tollpatschige, verlegene Reporter – war Jerry selbst. Und Superman war das, was er sich wünschte zu sein. Stark. Bewundert. Unbesiegbar. Joe, der fast blind war und sich kaum traute, mit Mädchen zu sprechen, erkannte sich in Clark ebenfalls wieder.

„Ich war zurückhaltend, trug eine Brille, war sehr schüchtern gegenüber Frauen“, erinnerte er sich später. „Das Kostüm wurde inspiriert von den Kostümbildern, die sie in Fairbanks zum Karneval gemacht hatten.“

Doch wie bringt man einen Halbgott unter die Leute, wenn kein Verlag an ihn glaubt? Die beiden schickten ihre Idee an Dutzende Redaktionen. Keine wollte ihn. „Anfangs wurden wir von fast jedem Comic-Verlag im Land abgelehnt“, sagte Siegel nüchtern.

Fünf Jahre nach jener ersten Nacht griff schließlich der junge Verlag Detective Comics zu. Für 130 Dollar verkauften Siegel und Shuster die Rechte an ihrer Schöpfung. 1938 erschien Superman in Action Comics #1 – und veränderte das Medium für immer.

Superman Strip
Superman Strip © DC

Artefakte der Populärkultur müssen in ihrem jeweiligen sozialen und politischen Kontext analysiert werden, um die Dimensionen ihrer Bedeutung wirklich zu erkennen und zu verstehen. “Superman” als Ikone der Nachkriegszeit kann in einem solchen Kontext verstanden werden, denn in Fernsehsendungen, Filmen, Comics und anderen Formen der Massenunterhaltung sind immer auch Vorstellungen davon eingebettet, wie die Mitglieder einer Gesellschaft ihr Leben führen sollten.

Die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit, verbunden mit Verbesserungen in der Massenkommunikation, machten populäre Figuren wie Superman zu idealen Trägern kultureller Propaganda.

Als Teil der amerikanischen Kultur ist Superman zugleich Kinder- und Erwachsenenphantasie, mythischer Held und Gott. Er verkörpert in der kollektiven Wahrnehmung die “bewundernswertesten” Eigenschaften des amerikanischen Charakters, steht aber bei näherer Betrachtung auch für viele Brüche und Neurosen der amerikanischen kulturellen und sozialen Psyche.

Die Welt lag in Trümmern, der Zweite Weltkrieg stand bevor. Die Menschen brauchten Helden. Superman war stark, klar, gerecht – das Gegenteil der unübersichtlichen Wirklichkeit. Ein Kind vom zerstörten Planeten Krypton, das auf der Erde ein Zuhause fand. Einer, der sein Anderssein zum Guten nutzte. In seinen Geschichten rettete er nicht nur Leben, er stand für Prinzipien. Wahrheit, Gerechtigkeit, und Hoffnung.

In der Nachkriegszeit eroberten Superman Comics, Radio, Zeichentrickfilme, Kinos und 1951 auch das Fernsehen. Die Serie “The Adventures of Superman” setzte sich durch und wurde die am zweithäufigsten ausgestrahlte Serie in der Geschichte des Mediums.

Die enorme Popularität der Fernsehserie spiegelte den Erfolg der Ikone in anderen Medien wider, allerdings ohne die Kontroversen, unter denen die Comicindustrie zu leiden hatte. Obwohl Superman als einer der “saubersten” Comic-Helden galt, wurde er, wie andere Comic-Helden auch, in der Nachkriegszeit von Eltern und Kinderpsychiatern heftig angegriffen.

Man machte sich große Sorgen darüber, dass Comics Kinder überall vor den Augen ihrer Eltern verderben könnten. Man befürchtete, dass Kinder sich verletzen könnten, wenn sie versuchten, wie ihr Lieblingsheld zu fliegen. Oder dass sie durch Comics sexuell pervers und gewalttätig würden.

Angesichts der unglaublich gewalttätigen Zeit, die in der Realität gerade zu Ende gegangen war, scheint es, dass die Sorge der Erwachsenen um die Kinder (verstärkt durch das Ideal einer intakten Familie in der Nachkriegszeit), gepaart mit Angst und Schuldgefühlen nach dem Krieg, auf die Comics projiziert wurde. Die Erwachsenen schienen unfähig, Gewalt in der Realität zu verhindern, aber sie konnten zumindest verhindern, dass ihre Kinder sie in Form von Comics konsumierten und erlebten.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde Superman größer als seine Schöpfer. Er überlebte Kriege, Generationen, und Genrewechsel. In den 1970ern begann seine Menschlichkeit hervorzutreten. Er zweifelte, zögerte, war zerrissener als zuvor. Dann, 1992, geschah das Undenkbare: Superman starb. The Death of Superman zeigte ihn im tödlichen Kampf gegen das Monster Doomsday, und es war ein globales Medienereignis, das Fragen nach Vergänglichkeit und Heldenmut stellte.

Doch wie alle Mythen kehrte auch Superman zurück. Immer wieder. In Kingdom Come trat er gealtert, desillusioniert, aber mit ungebrochener Integrität auf. In Injustice wiederum wurde er zum Despoten – ein gebrochener Held, der sich selbst verlor. Die moderne Welt hat neue Fragen, neue Ängste, neue Moralvorstellungen – und Superman reagiert auf sie.

Was sich nie ändert, ist der Kern. Superman ist das Gute, das in uns steckt, wenn wir uns entscheiden, es zu leben. Er ist der Fremde, der nicht dazugehört, und trotzdem sein Leben für andere gibt. Vielleicht, weil er tief in sich weiß, was es heißt, allein zu sein.

Jerry Siegel und Joe Shuster, die beiden Jungen aus Cleveland, bekamen nie den Lohn, der ihnen zustand. Sie mussten Jahrzehnte kämpfen, um als offizielle Schöpfer anerkannt zu werden. Erst 1975, nach öffentlichem Protest, wurden ihre Namen in die Comics aufgenommen und ihnen eine kleine Rente zugesprochen. Doch was sie schufen, überstieg Geld und Ruhm. Es wurde ein Stück Weltkultur.

Die Idee von Superman als Golem und Moses

Die Idee von Superman selbst wird oft missverstanden. Viele denken, er sei Teil der Idee einer höher entwickelten Spezies. Aber in Wirklichkeit war er genau das Gegenteil. Sowohl Shuster als auch Siegel waren Juden, Söhne von Einwanderern, und Superman entlehnten sie der jüdischen Mythologie. Die Judenverfolgung in Deutschland stand ebenso Pate wie die Verhältnisse in der Sowjetunion und in Mussolinis Italien. Superman war der Retter, für den sie alle beteten, ein Held, der eintrat, um den Hilflosen zu helfen.

Siegel bekannte später:

“Was hat mich dazu bewogen, in den frühen 30er Jahren Superman zu erschaffen? Von der Vernichtung und der Abschlachtung hilfloser, unterdrückter Juden im nationalsozialistischen Deutschland zu hören und zu lesen… Filme zu sehen, in denen die Schrecken und die Entbehrungen der Unterdrückten gezeigt wurden. Ich hatte den großen Drang, den unterdrückten Massen irgendwie zu helfen. Aber wie konnte ich ihnen helfen, wenn ich mir selbst kaum helfen konnte? Superman war die Antwort.”

Die meisten Juden kennen die Geschichte des Golem, eines Mannes, der im 16. Jahrhundert von Rabbi Loew in Prag aus Schlamm geformt wurde. Loew hauchte der Kreatur durch hebräische Beschwörungsformeln Leben ein und sandte sie aus, um die Menschen zu beschützen. Superman hat eine ähnliche Funktion, auch wenn seine Geschichte etwas anders ist. In seiner Biographie finden sich nämlich auch Bezüge zur Geschichte von Moses.

Nach dem Buch Exodus wurde Moses von seiner besorgten Mutter am Ufer des Nils ausgesetzt, wo ihn die Tochter des Pharaos im Schilf fand. Und Superman wurde vom Planeten Krypton weggeschickt, weil seine Familie wollte, dass er überlebt. Und wie Moses, der sein Volk befreite, kämpft Superman für diejenigen, die nicht für sich selbst kämpfen können. Interessanterweise heißt er eigentlich Kal-El. Die hebräische Endung bedeutet “Gott”.

Superman wurde zum Symbol. Die Nazis hielten ihn für gefährlich, Joseph Goebbels schrieb in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps, Siegel sei “geistig und körperlich verkrüppelt”.

Amerikas liebster Superheld ist ein Immigrant. Das hilft, seinen außergewöhnlichen Erfolg zu erklären, den er seit über 80 Jahren hat. Amerika ist eine Nation, die sich aus Menschen aus der ganzen Welt zusammensetzt, die ihre Ideen vermischen und so etwas Neues schaffen. Supermans doppelte Identität ist der Grund, warum er die amerikanische Kultur verkörpert. Er entkam den Gefahren seiner Heimat, integrierte sich in eine andere Kultur und traf dann die Entscheidung, denen, die ihn aufnahmen, Sicherheit zu geben und seine Kraft für das Gemeinwohl einzusetzen.

Doc Savage – Das Vorbild aller Superhelden

doc savage

Comics sind seit dem letzten Jahrhundert ein beliebtes fiktionales Medium, und die Erfindung von Superman wird oft als Grundstein der Branche angesehen. Doch bevor der Mann aus Stahl sein Debüt feierte, gab es einen anderen comicartigen Helden, der das Genre anführte: Doc Savage aus den Pulp-Magazinen. Pulp-Magazine waren in den 1930er Jahren die beliebteste Form der gedruckten sequentiellen Kunstgeschichte, bevor Marvel und DC das Medium dominierten.

Doc Savage Magazine, März 1933, „The Man of Bronze“, illustriert von Walter M. Baumhofer.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gehörten Pulp-Helden wie Zorro, Das Phantom, Tarzan, den Shadow und Flash Gordon zu den Helden, zu denen junge Leser in ihren Zeitschriften aufschauten. Im Jahr 1933 lernte die Öffentlichkeit den Mann kennen, der zum Aushängeschild des Pulp Fiction Magazins werden sollte: Doc Savage. Einer der Hauptunterschiede zwischen Savage und seinen Vorgängern war sein Sinn für Modernität, seine Weltoffenheit und die Idee eines Menschen, der sich nicht von den Umständen bestimmen lässt.

Pulp Fiction richteten sich an ein älteres Publikum als die Superhelden und wurde in Magazinen, Zeitungsstrips und als Romanen veröffentlicht. Savage selbst wurde von dem Verleger Henry W. Ralston und dem Herausgeber John L. Nanovic bei Street & Smith Publications in seiner eigenen Serie, dem Doc Savage Magazine, herausgegeben. Das Genre war viel direkter und ehrlicher als manche Superheldengeschichten.

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Daredevil – Der Mann ohne Furcht

daredevil

Ein Junge und ein Unfall

Daredevil 1964
© Marvel 1964

Matt Murdock verliert sein Augenlicht in jungen Jahren, als ein mit radioaktivem Material beladener Lastwagen verunglückt und ein Kanister ihn direkt ins Gesicht trifft. Als er wieder zu sich kommt, wird ihm klar: Die Dunkelheit ist nun sein ständiger Begleiter. Auf den ersten Blick wirkt diese Tragödie wie der Beginn einer typischen Superhelden-Geschichte – ein schicksalhafter Unfall, der außergewöhnliche Fähigkeiten freisetzt und zur Lebensaufgabe wird. Doch was Autor Stan Lee und Zeichner Bill Everett 1964 aus dieser Prämisse schufen, übertraf die Konventionen des Genres mit einer beeindruckenden Finesse. Die Strahlung, die Matt die Sicht nahm, verstärkte im Gegenzug all seine anderen Sinne ins Übermenschliche. Sein Gehör ist so sensibel, dass er selbst das leise Pochen eines Herzschlags durch eine massive Betonwand wahrnimmt. Seine Zunge erkennt den Geschmack von Adrenalin in der Luft, wenn jemand vor Angst zittert. Sein Tastsinn ist so geschärft, dass er selbst die feinsten Vertiefungen auf einer Visitenkarte ertasten kann, die anderen verborgen blieben. Und dann ist da sein bemerkenswerter Radarsinn, der ihm eine mental-kartografische Wahrnehmung seiner Umgebung verschafft – eine weitaus präzisere Art des „Sehens“, als es jeder Mensch mit gesunden Augen je erleben könnte. Mit diesen Fähigkeiten formt sich Matt Murdock zu Daredevil, einem Helden, der mit Geschick und Mut in eine Welt eintaucht, die sowohl düster als auch voller Möglichkeiten ist. Es ist die Kombination aus Tragik, Eleganz und Innovation, die diese Figur bis heute zu einer Ikone unter den Superhelden macht.

Bill Everett & die Entstehung

Die lange Reihe derer, die die Figur erweiterten

Stan Lee – Autor, Konzepz

Stan Lee entwickelte die grundlegende Idee für die Figur: ein blinder Anwalt mit besonderen, durch Radioaktivität erlangten Fähigkeiten, der in Hell’s Kitchen lebt und mit dem Verlust seines ermordeten Vaters Jack Murdock kämpft. In den frühen Ausgaben zeigte sich Daredevil als unbeschwerter, akrobatischer Held in einem auffälligen gelb-roten Kostüm. Auch wenn die spätere Entwicklung des Charakters nicht Lees ursprünglicher Vorstellung entsprach, bildete seine Arbeit dennoch das solide Fundament, auf dem alles weitere aufbaute.

Frank Miller – definierende Ära 1979 – 1983

Frank Miller führte Daredevil aus den Reihen mittelmäßig erfolgreicher Superhelden-Comics heraus und formte ihn zu einem Noir-Meisterwerk. Er kreierte den Kingpin, erweckte Elektra zum Leben, schenkte der Welt Stick und die Hand und schrieb mit Born Again eines der emotional tiefgründigsten Kapitel der Seriengeschichte. Ohne Miller wäre der Daredevil, den wir heute kennen, kaum denkbar.

Bill Everett – Zeichner, Erstausgabe

Everett hauchte der Figur als erster visuelles Leben ein: der rote Teufel, die markanten Hörner und die geschmeidige Agilität. Trotz der Herausforderungen während der Produktion war sein Beitrag zentral. Er verlieh Daredevil eine körperliche Präsenz, die späteren Künstlern als Grundlage diente und von ihnen weiterentwickelt wurde.

Bendis · Brubaker · Waid – weitere prägende Autoren

Brian Michael Bendis verschärfte Matts Identitätskrise bis zum Äußersten. Ed Brubaker ließ ihn durch die Hölle gehen, schickte ihn ins Gefängnis und brachte ihn an den Rand seines Verstandes. Mark Waid wiederum brach mit der düsteren Tradition und präsentierte einen Daredevil, der lacht – eine gewagte Entscheidung, die mit den Erwartungen vieler Fans brach. Jeder von ihnen hat nachhaltige Spuren in der Geschichte der Figur hinterlassen.

Wie ein Zeichner eine Figur neu erschuf

Kingpin
Kingpin © Marvel

Frank Millers Einstieg bei Daredevil im Jahr 1979 markierte einen der entscheidendsten Wendepunkte in der Geschichte des amerikanischen Comics. Als damals junger Künstler übernahm Miller eine Serie, die nahe am Abgrund stand. Enttäuschende Verkaufszahlen und das drohende Ende waren bereits realistische Szenarien. Doch Miller brachte eine visionäre Perspektive mit, eine bahnbrechende visuelle Ästhetik und den Mut, eine düstere Tiefe zu erforschen, die im Marvel-Universum bis dahin in dieser Form nicht bekannt war.

Mit seiner Arbeit integrierte Miller die Stilmittel des Film noir nahtlos in das Genre des Superhelden. Comics als strukturelles Fundament. Hell’s Kitchen, das bisher lediglich als Hintergrund diente, wurde unter seiner Federführung zu einem lebendigen, pulsierenden Organismus, einem Sumpf aus Korruption, Gewalt und menschlichem Scheitern. Unter diesen Voraussetzungen führte er Wilson Fisk ein, den berüchtigten Kingpin of Crime, einen Schurken von erschreckender physischen Präsenz und noch beängstigenderer institutioneller Macht, der die Stadt durch Intrigen, Geld und Angst in seinem Würgegriff hielt.

Elektra
Elektra © Marvel

Neben dem Kingpin zählt Elektra zweifellos zu den bedeutendsten Beiträgen Frank Millers zur Daredevil-Mythologie. Als Matts große Liebe, tödliche Assassinin und zugleich seine erbitterte Widersacherin bildet sie ein ideales Gegengewicht zu ihm. Beide verbindet eine ähnlich strenge Ausbildung, ein unerschütterlicher Wille und nahezu identische körperliche Fähigkeiten, doch sind ihre moralischen Entscheidungen grundlegend verschieden. Elektras Tod bleibt eines der bewegendsten Ereignisse in der Geschichte der Comics. Dennoch stellte Miller sie nie als Opfer dar; Elektra war stets eine autonome Figur, die ihre Entscheidungen mit voller Überzeugung traf und die Konsequenzen bewusst in Kauf nahm.

Das tiefste Tal

Born Again, eine Zusammenarbeit von Frank Miller und David Mazzucchelli, gilt als das monumentalste Werk innerhalb des Daredevil-Kanons und zählt darüber hinaus zu den bedeutendsten Errungenschaften des amerikanischen Comics insgesamt. Die Handlung verfügt über eine fast archaische Klarheit. Karen Page, Matts frühere Geliebte und ehemalige Sekretärin, verrät im drogeninduzierten Taumel seine geheime Identität an einen Dealer im Austausch für eine Dosis Heroin. Diese Information findet ihren Weg zu Wilson Fisk, der einen minutiösen Plan in Gang setzt, um Matt Murdocks Leben Stück für Stück zu zerstören. Ohne Hast und ohne pompöse Eruptionen treibt er sein Vorhaben voran.

Born Again

Das Besondere an dieser Geschichte ist Millers radikaler Ansatz innerhalb des Superhelden-Genres. Er zeigt den kompletten Fall seines Protagonisten, bevor er ihn Schritt für Schritt zurück ins Leben führt. Murdock verliert alles, seinen Führerschein, sein Vermögen, seine Wohnung, seinen Beruf und schließlich den Verstand. Er landet orientierungslos und gebrochen auf der Straße. Fisk wähnt sich als Sieger. Doch anstatt eines triumphalen Comebacks erzählt Miller von einem langsamen Heilungsprozess; ein schmerzhaftes Wiederaufbauen in kleinen Schritten. In diesem mühsamen Prozess entdeckt Matt Murdock seine wahre Identität, wer er ist, wenn ihm nichts mehr bleibt.

David Mazzucchellis Arbeit an Born Again ragt als visuelles Meisterwerk hervor. Seine Zeichnungen vereinen eine gelungene Balance aus reduzierter Expression und nahezu fotografischer Präzision. Mit beeindruckendem Geschick fängt Mazzucchelli die zerrissene Psyche von Matt ein. Gerade dieser feine Unterschied zwischen bloßer Illustration und erzählerischer Bildsprache verleiht dem Werk eine außergewöhnliche Tiefe und zeitlose Qualität.

Das theologische Herz der Figur

Kein anderer Superheld im Marvel-Universum ist so tief in einem religiösen Bewusstsein verwurzelt wie Daredevil. Matt Murdock ist Katholik. Das ist ein grundlegender Bestandteil seiner Persönlichkeit. Er sucht die Beichte, ringt mit Zweifeln und fragt sich, ob seine nächtlichen Taten als Sünde gelten könnten. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass es seine moralische Pflicht ist, weiterzumachen. Dieser innere Widerspruch bleibt unauflösbar.

Frank Millers Daredevil-Geschichten sind dann konsequenterweise auch tief durchzogen von katholischer Symbolik: Bilder von Kreuzigung, Auferstehung und der Idee, dass Leiden eine reinigende Kraft besitzt, prägen seine Erzählungen. Besonders deutlich wird dies in Born Again, das in seiner Essenz einer modernen Passionsgeschichte gleicht. In dieser Story durchlebt der Held eine symbolische Todeserfahrung, um schließlich wiederaufzuerstehen. Schon der Titel gibt die Richtung unmissverständlich vor. Obwohl Miller selbst kein Katholik ist, erkannte er in der katholischen Mythologie das perfekte Vehikel, um eine Geschichte von Schuld und Erlösung zu erzählen.

Die Verbindung zwischen Daredevil und dem Katholizismus funktioniert so gut, weil sie voller Widersprüche ist und dadurch Tiefe gewinnt. Die Kirche repräsentiert für Matt Murdock sowohl Trost als auch moralischen Kompass. Sie konfrontiert ihn mit der Sündhaftigkeit seiner Handlungen, bietet ihm aber gleichzeitig einen Rahmen, um mit diesen Sünden umzugehen. Er kämpft, weil sein Glaube ihn antreibt. Doch zugleich zweifelt er an sich selbst, weil dieser Kampf ihn erschöpft. Beide Seiten – Glaube und Zweifel – drängen ihn schließlich zur Beichte, da er begreift, dass weder das eine noch das andere für sich allein genügt, um seinen inneren Konflikt zu lösen.

Die Welt aus Klang

Der Radarsinn von Daredevil zählt zu den interessantesten künstlerischen Herausforderungen im Comic. Wie bringt man eine Figur zur Geltung, die ohne Augenlicht auskommt? Wie visualisiert man eine Wahrnehmung, die vollkommen unabhängig vom Sehen funktioniert? Die talentiertesten Zeichner, die an der Figur gearbeitet haben, haben diese Fragen auf höchst unterschiedliche und kreative Weise interpretiert.

In den Anfangsjahren von Daredevil setzten Künstler wie John Romita Sr. und Gene Colan auf einen schlichten Stil. Daredevil wurde visuell wie eine sehende Figur dargestellt. Seine Blindheit fand hauptsächlich im Text Ausdruck, ohne dass die Bilder dies deutlich erkennbar machten.

Daredevil Radar
Daredevils Radar © Marvel

David Mazzucchelli brachte diese Stilmittel in Born Again auf eine neue Ebene. In seinem Werk harmonierte die visuelle Sprache erstmals perfekt mit dem zerbrechlichen mentalen Zustand der Figur. Die Darstellung von Matts sensorischer Überforderung wurde zu einem zentralen erzählerischen Werkzeug, das gleichzeitig seinen psychischen Zusammenbruch reflektierte.

Doch die vielleicht bislang beeindruckendste und innovativste Interpretation des Radar-Sinns stammt von Paolo Rivera in Mark Waids Daredevil-Run. Rivera visualisierte die außergewöhnliche Wahrnehmung des Superhelden durch konzentrische Wellen und ultrafeine, blaue Sonarsignale, die von seinem inneren Radar ausgesendet werden. Diese Wellen breiten sich durch den Raum aus und lassen Formen, Texturen und Objekte in einer einzigartigen, leuchtenden Sonarwelt erstrahlen. Zum ersten Mal fühlte sich diese Darstellung für Leser so an, als könnten sie die Welt durch Matts Augen – oder in diesem Fall durch seine Sinne – erleben. Es war eine alternative Realität voller Reichtum und Tiefe, die das Sehen beinahe trivial wirken ließ.

Der Ort als Charakter

Hell’s Kitchen, das Viertel an der Westseite von Midtown Manhattan, zwischen der 34. und 59. Straße, westlich des Broadway gelegen, spielt für Daredevil eine ähnliche Rolle wie Gotham für Batman – es wird quasi selbst zu einer Hauptfigur. Doch während Gotham eine düstere und fiktive Welt voller alptraumhafter Architektur darstellt, ein greifbares Konstrukt der Fantasie ohne reales Gegenstück, besitzt Hell’s Kitchen echte Straßen, reale Bewohner und eine greifbare Geschichte, die diesem Ort eine ganz besondere Bedeutung verleiht.

Als Daredevil in den 1960er Jahren das Licht der Comicwelt erblickte, war Hell’s Kitchen ein berüchtigter Problembezirk in New York. Armut dominierte das Stadtbild, Bevölkerungsgruppen von irischen und puertorikanischen Immigranten prägten die Nachbarschaft, und die Schatten der organisierten Kriminalität zogen sich durch die Straßen. Genau hier wurde Matt Murdock als Sohn eines irisch-amerikanischen Boxers geboren, und genau hier verwurzelt er sich als Held seiner Gemeinschaft. Anders als mancher Superheld mit glitzernden High-Society-Verbindungen ist Daredevil der Anwalt für all jene, die auf den rauen Straßen seiner Kindheit immer wieder zu Verlierern der Gesellschaft werden.

Mit den Jahrzehnten jedoch hat sich Hell’s Kitchen dramatisch verändert. Einst Sinnbild urbaner Härten, ist das Viertel heute kaum wiederzuerkennen. Durch die Gentrifizierung wandelte sich Hell’s Kitchen bis hin zum Namen. Oft wird es nun als „Clinton“ bezeichnet – eine Hommage an einen ehemaligen Gouverneur von New York namens DeWitt Clinton. Es zählt inzwischen zu den teuersten Wohngegenden Manhattans und hat seinen einstigen Charakter fast komplett eingebüßt.

Diese ironische Fügung der Geschichte verleiht den heutigen Eskapaden von Daredevil eine bittersüße Note. Der blinde Held setzt sich weiterhin für die Menschen seiner Heimat ein. Doch diese Heimat, das eigentliche Hell’s Kitchen, existiert nur noch in den Erinnerungen. Die Geschichten um Matt Murdock tragen damit eine melancholische Einsicht in sich. Sein Kampf gilt einer Vergangenheit und einem Ort, der längst von der Realität verschluckt wurde.

Die TV-Serie

Die Netflix-Serie Daredevil nimmt unter den vielen Superhelden-Adaptionen einen besonderen Platz ein. Hier haben die Macher etwas geschaffen, das nicht nur seine Comic-Vorlage respektiert, sondern sie sogar in vielen Aspekten bereichert. Unter der Leitung von Showrunnern wie Drew Goddard und Steven DeKnight gelang es der Serie, das komplexe Erbe von Frank Miller und Brian Michael Bendis in eine serielle Erzählweise zu überführen, die den Ursprungston, das Tempo und die tiefgründige Ernsthaftigkeit des Comics auf beeindruckende Weise einfing.

Insbesondere Charlie Cox in der Rolle von Matt Murdock liefert eine Darbietung, die als die wohl authentischste Verkörperung einer Marvel-Figur im gesamten MCU gelten kann – und das will etwas heißen in einem Universum, das mit Robert Downey Jr. als Tony Stark oder Hugh Jackman als Wolverine bereits ikonenhafte Leistungen hervorgebracht hat. Cox verleiht der Blindheit seines Charakters eine glaubwürdige Tiefe durch subtile, körperliche Nuancen. Er meidet den direkten Blickkontakt, nutzt seinen Körper scheinbar unbewusst zum Lauschen und bewegt sich durch Räume, als würde er mit einem ausgeprägten Sinn für seine Umgebung navigieren. Seine Darstellung ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut durchdachtes Schauspiel die Essenz einer Comicfigur auf die Leinwand bringt und ihre Besonderheit zum Leben erweckt.

Die Flur-Szene

Der Held, der wieder aufsteht

Daredevil symbolisiert im Marvel-Universum die unerschütterliche Fähigkeit, nach jeder Niederlage erneut aufzustehen. Diese außergewöhnliche Eigenschaft wird im Superhelden-Genre nur selten hervorgehoben, da sie keine typische Superkraft darstellt. Während Batman den Detektiv verkörpert, Superman den Gott und Spider-Man von Schuldgefühlen getrieben ist, repräsentiert Daredevil den Mann, der alles verlieren kann und trotzdem unermüdlich weitermacht.

Diese Bedeutung geht weit über die Grenzen des Fandoms hinaus. Daredevil ist unter den Superhelden eine der Figuren, die am stärksten jene Menschen anspricht, die erfahren haben, was es heißt, am Tiefpunkt zu sein. Er repräsentiert Widerstandsfähigkeit. Und Resilienz ist vielleicht die authentischste „Superkraft“ in einer Welt ohne radioaktive Spinnen oder göttliche Waffen.

Frank Miller hat dies in Born Again am prägnantesten dargestellt. Brian Michael Bendis vertiefte dieses Motiv in seinen besten Geschichten. Mark Waid fügte eine neue Dimension hinzu, indem er die Perspektive erweiterte: Was, wenn Resilienz nicht in erster Linie von Dunkelheit geprägt ist, sondern von Leichtigkeit? Was, wenn das Wiederaufstehen manchmal auch durch Lachen geschieht, weil Lachen die angemessene Antwort auf eine Welt sein kann, die einen immer wieder niederzuringen versucht?

Harley Quinn – Vom Fandom erschaffen

harley quinn

Eine Nebenrolle, die dann die Hauptrolle übernahm

Arleen Sorkin
Arleene Sorkin; Foto von Emerson College Archives and Collections.

Harley Quinn ist die einzige Figur dieser Dokumentationsreihe, die in einer Zeichentrickserie für Kinder debütierte, was entscheidend für ihre Identität ist. Als Paul Dini und Bruce Timm sie im September 1992 für Batman: The Animated Series schufen, brauchten sie für die Episode Joker’s Favor eigentlich nur eine weibliche Assistentin des Jokers. Eine Nebenfigur. Einen Witz. Harley Quinn sollte nur in einer Episode auftreten.

Allerdings war die Resonanz so unmittelbar und eindeutig, dass sie wiederkehrte, denn nicht nur das Publikum mochte sie, auch Dini und das ganze Produktionsteam fanden gefallen an ihr. Es dauerte nicht lange, da wurde sie zur Hauptfigur und schließlich zum Publikumsphänomen. Dini und Timm erkannten ihr Potenzial und bauten es aus. Sie verpassten Harleen Quinzel eine Vergangenheit als Psychiaterin am Arkham Asylum, eine gefährliche Obsession für ihren berühmtesten Patienten und eine einzigartige Stimme: Arleen Sorkins Interpretation wurde das akustische Fundament der Figur und ihre Energie und Wärme überstiegen in jeder Folge mit Leichtigkeit den geschriebenen Text.

Arleen Sorkin

Paul Dini kannte Arleen Sorkin persönlich. Sie war jahrelang Darstellerin in der Seifenoper Days of Our Lives. Dini hatte eine Episode gesehen, in der Sorkin eine Narrenkönigin spielte. Dieses Bild blieb ihm im Gedächtnis. Als er Harley Quinn konzipierte, schrieb er die Figur mit Sorkins Stimme im Kopf. Er rief sie an und fragte sie, ob sie die Rolle übernehmen wolle, und sie sagte ja, ohne zu wissen, dass die Figur auch über dreißig Jahre später noch existieren würde. Sorkin sprach Harley Quinn in allen Animationsserien bis 2011. Ihre Stimme ist so sehr Teil der Figur, dass alle nachfolgenden Sprecherinnen zwangsläufig mit ihr verglichen werden.

Paul Dini Autor & Konzept

Dini ist der eigentliche Vater von Harley Quinn. Er schuf die Figur, gab ihr eine Biografie, eine psychologische Struktur und eine Sprache. Er schrieb auch ihre bedeutendste Einzelgeschichte: „Mad Love” (1994), die Harleen Quinzels Ursprungsgeschichte als Graphic Novel und später als Emmy-nominierten Zeichentrickfilm erzählt. Wie wir andernorts besprochen haben, hatte Dini eine tiefe persönliche Verbindung zu dieser Figur.

Bruce Timm Design & Produktionsleitung

Timm gestaltete Harleys ikonisches schwarz-rotes Harlekin-Kostüm. Der Name „Harley Quinn” ist ein Wortspiel mit „Harlequin”, der Figur aus der Commedia dell’Arte, und Timms Design macht diese Verbindung explizit: Harley ist Närrin, Akrobatin und Liebende in einer Person.

Die Frage, wer Harley Quinn erfunden hat, ist schwierig zu beantworten. Dini und Timm erschufen die Figur für Warner Bros. Wie in der Comicbranche üblich, hielt das Unternehmen die Rechte. Jahrelang haben die Macher kein Geld von den Verkäufen von T-Shirts und anderem Merchandise bekommen, obwohl sich Harley Quinn zu den lukrativsten DC-Figuren gemausert hat. Schließlich gab DC nach und räumte Dini und Timm eine finanzielle Beteiligung ein, aber dieser Schritt kam ziemlich spät und war wohl er widerwillig. Es ist das übliche amerikanische Verhalten, immer und überall zu beobachten.

Die Ursprungsgeschichte

Mad Love
Cover der Batman Adventures: Mad Love (1994); DC

Paul Dinis Batman: Mad Love ist ein wichtiges einzelnes Dokument über die Figur. Es ist auch eines der interessantesten Erzählungen der Batman-Animationsserie. Die Geschichte handelt von Dr. Harleen Quinzel, eine angehende Psychiaterin mit zweifelhaften Karriereplänen. Sie wird die Therapeutin des Jokers im Arkham Asylum, verliebt sich in ihn, opfert ihren Verstand, ihren Beruf und ihre Identität, um bei ihm zu sein. Aber der Joker erwidert ihre Gefühle nicht.

Das Herz von Mad Love ist ein Moment, der das gesamte Verhältnis zwischen dem Joker und Harley Quinn in einem einzigen Panel festhält. Harley ist drauf und dran, Batman auf eine Weise zu töten, die dem Joker selbst nie gelungen ist. Doch das gefällt dem Joker nicht. Er ist wütend, weil Harley fast erreicht hat, was ihm selbst nie gelungen war. Er schlägt sie und wirft sie aus dem Fenster. Schwer verletzt und wieder in Gefangenschaft lächelt sie. Sie ist froh, dass er sie beschimpft hat. Denn so hat er zumindest an sie gedacht.

Mad Love ist freilich kein romantisches Comic. Es ist eine der klarsten Darstellungen toxischer Abhängigkeit, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat. Die Tatsache, dass die Geschichte in einer Zeichentrickserie für Kinder verwurzelt ist, macht sie nicht weniger wild. Im Gegenteil.

Dini schrieb diesen Stoff aus einer persönlichen Erfahrung heraus, die er in Interviews angedeutet hat. Er hatte selbst eine Beziehungserfahrung gemacht, die emotionale Parallelen zu Harleys Situation aufwies. Das verleiht Mad Love eine Authentizität, die über das Handwerk hinausgeht.

Vom Trickfilm in den Comic

Batman: Harley Quinn
Batman: Harley Quinn; DC

Harley Quinns Weg in den Kanon der DC-Comics ist in der Geschichte des Mediums einzigartig. Normalerweise verläuft es so: Ein Comic erschafft eine Figur, die dann in einen Film oder eine Serie adaptiert wird. Bei Harley Quinn war es umgekehrt. Die Zeichentrickserie erschuf die Figur und der Comic übernahm sie. Zunächst geschah dies noch zögerlich. Die ersten Comicauftritte in den 1990er Jahren folgten der Animation, doch dann mit zunehmenden Selbstbewusstsein bis sie im regulären DC-Kanon so selbstverständlich war, als wäre sie immer schon da gewesen.

Ihr erster eigenständiger Comic-Auftritt im regulären DC-Kanon war Batman: Harley Quinn (1999), der wiederum von Dini geschrieben und von Alex Ross illustriert wurde – ein Heft von atemberaubender visueller Qualität, das gleichzeitig die Aufnahme der Figur in den Hauptkanon markierte. Ab 2000 erschien die Figur regelmäßig in Batman: Gotham Adventures und ähnlichen Titeln. Die erste eigenständige Ongoing-Serie bekam sie im Jahr 2001.

Die Fandom-Rolle

Vom Harlekin zur Ikonografie

1992 Schwarz-rotes Harlekin-Kostüm. Timms klassisches Design. Vollständig, konzeptuell perfekt, sofort ikonisch.

2011 New-52-Neustart: skurrileres, bunteres Design. Zweiteilig, popkulturell. Mehr Freiheit, weniger Strenge.

2016 Margot Robbie-Variante: Shorts, T-Shirt, bunte Haare. Halloween-Klassiker eines ganzen Jahrzehnts

2019+ Animated-Series-Look: bequemer, farbiger, persönlicher. Das Design einer Frau, die für sich selbst lebt.

Es sagt bereits alles über die Figur aus zeigt in einer Silhouette, dass sie närrisch ist, akrobatisch und in einem theatralischen Spiel gefangen ist, das sie selbst nicht als Spiel versteht. Jede spätere Version des Kostüms zeigt, wie sich das verändert hat. Wird die Narrenkapuze abgelegt? Werden die Farben bunter und individueller? Das Design zeigt immer, wie es Harley Quinn innerlich geht.

Die Beziehung, die sie fast auslöschte

Die Beziehung zwischen Harley Quinn und dem Joker gilt als die bekannteste Darstellung einer toxischen Liebesbeziehung in der Welt der Superhelden-Narrative. Über Jahrzehnte hinweg hat das Medium gebraucht, um eine klare Aussage zu dieser Dynamik zu finden. In den Anfangszeiten der „Animated Series“ war die Beziehung ambivalent inszeniert. Der Joker misshandelte Harley, doch sie ging immer wieder zu ihm zurück. Dabei wurde ihr Verhalten als ein Merkmal ihrer Figur dargestellt, ohne die moralische Dimension kritisch zu hinterfragen. Das Unbehagen in den frühen Geschichten rund um Harley Quinn rührt von den Momenten, die ihr wiederholtes Rückkehren auf romantische Weise verklären.

Die Figur hat im Laufe der Zeit eine deutliche Entwicklung durchlaufen, geprägt durch die unterschiedlichen Interpretationen verschiedener Autoren. Ein markantes Beispiel ist die Serie von Amanda Conner und Jimmy Palmiotti, in der Harley ein neues Leben in Coney Island beginnt und ihre eigenen Abenteuer bestreitet. Sie wird darin unabhängiger und selbstständiger dargestellt. In der animierten Serie aus dem Jahr 2019 zeigt sich ein weiterer Wandel. Der Joker wird hier klar als narzisstisches Individuum porträtiert, das Harley nie wirklich geliebt hat. Dieser Erkenntnis folgend, beschließt Harley, sich von ihm zu lösen.

Die im Jahr 2019 erschienene Harley-Quinn-Serie geht sogar einen Schritt weiter. Erstmals in der dreißigjährigen Geschichte der Figur wird die entscheidende Frage direkt aufgeworfen und beantwortet: Wer könnte Harley sein, wenn sie sich nicht länger als „Jokers Harley“ definiert? Die Antwort ist simpel: Sie könnte mehr sein.

Die Beziehung, die sie rettete

Wir haben in einem anderen Beitrag schon über die Beziehung zwischen Harley Quinn und Poison Ivy gesprochen. Aber aus Harleys Perspektive stellte sich diese Beziehung anders dar. Harley ist für Ivy wie ein Anker, der sie dem Menschlichen wieder nahe bringt. In ihrer Welt der Pflanzen drohte sie alles zu verlieren. Für Harley wiederum ist Ivy der erste Mensch in ihrem Leben, der sie wirklich sieht.

Ivy liebt Harley nicht trotz ihrer Fehler oder ihrer Vergangenheit mit dem Joker. Sie liebt Harley so wie sie wirklich ist; sie erkannt man, dass Harley ein vollständiger Mensch ist, mit Geschichte, mit Narben und einer unzerstörbar scheinenden Fähigkeit zur Freude. In Comics, in denen es um Liebe geht, ist das selten. Es wird akzeptiert, dass zwei Menschen sich lieben, ohne dass sie sich verändern müssen.

Poison Ivy und Harley Quinn
Credit: Adriana Melo; DC

Die Hochzeit in der Serie ist der Abschluss einer Geschichte, die 1992 mit der Freundschaft zwischen zwei Schurkinnen begann. Das Fandom hat diese Geschichte die ganze Zeit über schon vor sich gesehen. Es dauerte manchmal länger, bis die Verlage etwas verstanden, wenn sie überhaupt je etwas verstehen.

Die Verkörperung

Margot Robbie hat Harley Quinn in vier Filmen gespielt. Suicide Squad (2016), Batman v Superman (Cameo), Birds of Prey (2020) und The Suicide Squad (2021). Die Qualität ihrer Darstellung variiert in den vier Filmen erheblich, was vor allem daran liegt, dass auch die Filme selbst auf sehr unterschiedlichen Ebenen stehen und es nur selten schaffen, die Erwartungen der Comicfans wirklich zu erfüllen. Was dabei jedoch immer konstant bleibt, ist Robbies intuitives Verständnis für die Figur. Sie verkörpert Harley als jemanden, der genau weiß, was er tut, und die Konsequenzen seiner Handlungen bewusst akzeptiert.

Birds of Prey (2020) ist aber der einzige der vier Filme mit Harley Quinn als Protagonistin, der dem Sujet tatsächlich gerecht wird. Er ist laut, farbenfroh, körperbetont und hat einen emotionalen Kern, der von Harley Quinns Ablösung vom Joker handelt. Der Film ist imperfekt und vital, eine Beschreibung, die auch auf Harley Quinn selbst zutrifft, wenn man es recht bedenkt.

Lady Gaga

Die Figur, die das Fandom erschuf

Harley Quinn New 52
Harley im New 52

Harley Quinn ist die erste zentrale Figur in der Geschichte amerikanischer Comics, die durch das Engagement der Fans zur Hauptfigur wurde, noch bevor der Verlag selbst diesen Schritt vollzog. Das ist ein starkes Signal. Es verdeutlicht, dass die Macht über Comicfiguren bei den Kulturschaffenden und dem Publikum liegen und nicht bei korrumpierten Juristen. Von Beginn an gehörte Harley Quinn den Fans. Sie schlossen sie ins Herz, verkleideten sich wie sie und schrieben Fanfiction über sie, und das alles, bevor sie überhaupt in den regulären Comics auftauchte. DC griff nicht auf eine bereits bestehende, kanonisierte Figur zurück, sondern ließ eine zum Leben erwecken, die von den Anhängern längst vollständig geformt und mit Bedeutung gefüllt worden war.

In den dreißig Jahren seitdem hat das weitreichende Folgen gehabt. Heute ist Harley Quinn einer der erfolgreichsten DC-Charaktere, sei es in Comics, im Merchandising, bei Kostümen und in sämtlichen anderen Formaten. Vielleicht ist sie die erste Figur, bei der die Kommerzialisierung vollständig dem Wunsch des Publikums folgte, anstatt umgekehrt. Dieses Modell ist bis heute ein Thema in der Comicbranche.

Und sie ist trotz allem noch immer interessant. Das ist das eigentliche Wunder. Drei Jahrzehnte kommerzielle Ausbeutung haben eine Figur hinterlassen, die in ihrer besten Ausprägung – in der Animated Series von 2019, in Dinis Mad Love oder den besten Ausgaben von Conner/Palmiotti – noch immer etwas zu sagen hat: über Liebe, Abhängigkeit, Humor als Überlebensstrategie und die Möglichkeit, die Person zu werden, die man immer hätte sein können.

Sie war nie nur seine Harley

Dr. Harleen Frances Quinzel hat einen Doktortitel in Psychiatrie. Sie hat eine Turnkarriere hinter sich, durch die sie ein Stipendium erhielt. Sie ist intelligent, körperlich außergewöhnlich und verfügt über einen Humor, der sowohl Waffe als auch Schild ist. All das war immer da – in Dinis Konzeption, in Sorkins Stimme, im Design von Bruce Timm. Und trotzdem dauerte es dreißig Jahre, bis eine Version der Figur erschien, die aufhörte, sich durch die Augen des Jokers zu sehen.

Dann nämlich würde sie einen bestimmten Menschen heiraten, der Pflanzen liebt und die Menschheit für eine fragwürdige Spezies hält. Sie würde in einem bunten Apartment in einer Welt leben, die sie nicht verdient, und jeden Morgen aufwachen und entscheiden, wer sie an diesem Tag sein möchte. Ohne Kostüm als Vorschrift. Ohne Joker als Spiegel. Nur Harley Quinn.

The Flash – Geschwindigkeit ist alles

the flash
The Flash
Jay Garrick, © DC

Obwohl er nicht zur berühmten Trias Batman, Superman und Wonder Woman gehört, ist der Flash insgeheim die wichtigste Figur im DC-Universum. Und das hat nichts mit Geschmack zu tun. Natürlich gibt es immer Geschichten, die nicht den persönlichen Vorlieben entsprechen, aber über die Bedeutung der Figur wird wohl niemand ernsthaft diskutieren wollen. Sie war die treibende Kraft hinter so vielen Innovationen und Markenzeichen, die heute fester Bestandteil des DC-Universums und der Comicwelt insgesamt sind. Es ist durchaus legitim und möglich, die Geschichte der DC-Comics (und in geringerem Maße auch die der Mainstream-Superheldencomics) mit dem roten Blitz als Maßstab darzustellen.

Der Flash erschien im Januar 1940 als dritter der bekanntesten DC-Charaktere im Goldenen Zeitalter der Comics. Er wurde nach Batman, aber kurz vor Green Lantern geschaffen. Außerdem war er ein ganz anderer Charakter als der, den man aus der aktuellen Flash-Comicserie oder sogar aus der Fernsehserie kennt (auf die wir weiter unten eingehen werden). Der erste Flash war ein Typ namens Jay Garrick.

Obwohl seine Entstehungsgeschichte anders und sein Kostüm alberner ist als das seines bekannteren Nachfolgers Barry Allen, ist das Wesentliche ziemlich dasselbe: Er ist ein Superheld, der wirklich schnell rennen kann. Die Geschichten aus dem Golden Age muss man eigentlich nicht lesen, es sei denn, man ist ein Komplettist und eingefleischter Flash-Fan. Auch wenn die Figur von Anfang an etwas Besonderes hat, sind die Geschichten um Jay Garrick nicht wirklich interessant. Immerhin war er Mitglied der ersten Superheldengruppe der Geschichte, der Justice Society of America.

Das erste Comic-Reboot überhaupt

Showcase Nr. 4
Showcase Nr. 4, ©DC

Obwohl seine Entstehungsgeschichte anders und sein Kostüm alberner ist als das seines bekannteren Nachfolgers Barry Allen, ist das Wesentliche ziemlich dasselbe: Er ist ein Superheld, der wirklich schnell rennen kann. Die Geschichten aus dem Golden Age muss man eigentlich nicht lesen, es sei denn, man ist ein Komplettist und eingefleischter Flash-Fan. Auch wenn die Figur von Anfang an etwas Besonderes hat, sind die Geschichten um Jay Garrick nicht wirklich interessant. Immerhin war er Mitglied der ersten Superheldengruppe der Geschichte, der Justice Society of America.

Heute ist es nichts Besonderes mehr, damals aber war es überraschend und neu. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sich das vorgestellt hat, dreht man die Uhren auf Null und beginnt einfach von vorne.

1956 tat DC etwas Verrücktes: In ihrer Showcase-Ausgabe #4 führten sie einen völlig neuen Flash ein. Entworfen von den Autoren Robert Kanigher und John Broome in Zusammenarbeit mit dem legendären Zeichner Carmine Infantino, war dieser neue Flash Barry Allen, ein Polizeiwissenschaftler, der seine Kräfte erhielt, nachdem er nach einem Blitzeinschlag mit Chemikalien übergossen worden war. Das war die Geburtsstunde des Flash, den die meisten heute kennen. Hier erhielt er auch seinen legendären roten Anzug.

Dieser Neustart markiert im Wesentlichen die Wiederbelebung der Superhelden-Comics, die nach der Anti-Comic-Kampagne von Frederic Wertham kurz vor dem Aus standen. Mit The Flash kehrten die Superhelden im großen Stil zurück. Mit der Geburt von Barry Allen begann das Silberne Zeitalter der Comics.

Flash trifft Flash

Flsh trifft Flash
Flash trifft Flash, © DC

Als Barry Allen als Flash in Erscheinung trat, sollte er ursprünglich Jay Garrick vollständig ersetzen. Nachdem sein erster Auftritt in “Showcase” als Erfolg gewertet und er in eine eigene Serie aufgenommen wurde, knüpfte er in Flash Comics #105 direkt dort an, wo Jay Garrick aufgehört hatte. Doch Jay Garrick war nicht ganz verschwunden. Zunächst wurde er zu einer Comicfigur, die Barry Allen las und nach der er sich später benannte.

Und plötzlich trafen sich die beiden.

In der bahnbrechenden Geschichte „The Flash of Two Worlds“ von Gardner Fox und Carmine Infantino demonstriert Barry Allen als „The Flash“ bei einer öffentlichen Veranstaltung seine Kräfte, indem er etwas tut, was er noch nie zuvor getan hat. Er springt direkt von unserem Universum in ein anderes namens Erde 2. Dort ist der Comic-Held Jay Garrick eine reale Person. Aber nicht nur er, sondern alle Figuren des Goldenen Zeitalters sind dort vertreten. Diese Geschichte, die im “Flash Nr. 123″ vorgestellt wurde, war die Geburtsstunde des DC-Multiversums, und – um ein altes Comic-Klischee zu bemühen – nichts war mehr wie zuvor.

Das Science-Fiction-Element der Paralleluniversen wurde im Laufe der Zeit zu einem der abgedroschensten Superhelden-Comic-Themen, und genau hier nahm alles seinen Anfang. Der “Flash of Two Worlds” etablierte Erde 2 als die Welt, in der alle Helden des Golden Age lebten. Dies war der Beginn eines Trends, bei dem DC-Künstler immer neue parallele Erden einführten, um Geschichten zu erzählen, die sich stark von dem unterschieden, was man kannte – und einige dieser Geschichten waren wirklich seltsam.

Irgendwann geriet das Ganze außer Kontrolle, es gab einfach zu viele Universen bei DC, als dass die Fans den Überblick behalten hätten. Außerdem litt die Konsistenz der Hintergrundgeschichten der einzelnen Charaktere. Um dieses Problem zu lösen, wurde das DC-Multiversum 1985 mit ”Crisis on Infinite Earths” beendet. Dies war ein Wendepunkt in der Geschichte der Comics. Alle Universen wurden zu einem einzigen Universum, in dem nur noch die Versionen der größten Erfolge Gültigkeit haben sollten. Dieser Zeitpunkt wird seither als Bezugspunkt für die DC-Chronologie verwendet. Vor der Krise/Nach der Krise wird als Diskussionsgrundlage verwendet, so wie wir heute die Zeit in v. Chr. und n. Chr. einteilen.

Was aber hat das mit dem Flash zu tun?

Alles. Barry Allen spielt eine entscheidende Rolle in “Crisis”, denn diese Krise führt zu seinem heldenhaften Tod zu Beginn der letzten Handlung der Miniserie. Es ist ein poetisches und tragisches Ende für eine Figur: Der Held, der den Beginn des Silbernen Zeitalters markiert, stirbt am Ende.

Allen und seine Geschichte festigten damit das, was DC am meisten von seinem Hauptkonkurrenten Marvel unterscheidet.

Alles für die Legende

In den ersten Jahren, in denen Barry Allen den Flash verkörperte, führte DC einen jugendlichen Sidekick für den roten Blitz ein: Wally West, ehemals Kid Flash. Am Ende von “Crisis on Infinite Earths” übernahm West den Staffelstab von seinem ehemaligen Mentor und wurde zum Flash des modernen Zeitalters.

Wieder einmal war The Flash der Startschuss für eine weitere Innovation in der Comic-Welt: Der Sidekick übernimmt die Rolle seines Mentors. Die Graduierung von Wally West war ein großes Comic-Highlight, die Kanonisierung dessen, was bis heute als Eckpfeiler des DC-Universums gilt: Das Vermächtnis. Helden sind Ideen, größer als das Leben, größer als jeder Mensch. Sie sind Symbole, die von Menschen auf der ganzen Welt benutzt werden. Überall sieht man das Wappen von Superman oder das charakteristische Bat-Symbol von Batman. All dies sind mythische Banner, die mittlerweile über 75 Jahre alt sind.

Wally West
Wally West, ©DC

Aber der rote Blitz begann als erzählerischer Prüfstein, als eine Figur, deren Geschichten das gesamte Verlagsimperium prägten und letztlich immer einen großen Wandel in den Comics ankündigten: Goldenes Zeitalter, Silbernes Zeitalter, Multiversum, Tod des Multiversums, Wiedergeburt des Multiversums und mindestens zwei getrennte Neustarts bei DC.

Black Hammer

black hammer

„Das Superhelden-Genre ist tot. Lang lebe das Superhelden-Genre.“

Es gibt Comicserien, die einfach gute Geschichten erzählen, und solche, die das Medium an sich hinterfragen. Black Hammer, erschienen 2016 bei Dark Horse Comics, gehört eindeutig zur zweiten, weit weniger verbreiteten Kategorie. Geschrieben von Jeff Lemire und illustriert von Dean Ormston in der Hauptphase, ist diese Reihe eine Hommage an die Superheldengeschichte – und zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit ihr.

Wer das liest und denkt: „Klingt nach dem üblichen Dekonstruktions-Brimborium“, den muss ich korrigieren. Black Hammer ist eben kein zynischer Angriff auf das Genre. Es ist eine melancholische Liebeserklärung, die das Genre auf tiefgründige Weise untersucht.

Die Prämisse

Eine Gruppe von Superhelden hat Spiral City vor einem apokalyptischen Ereignis bewahrt. Doch anstatt gefeiert zu werden, werden sie nach ihrem großen Triumph in ein kleines, unscheinbares Dorf auf dem Land verbannt – ein verwirrendes Geschenk oder doch eher eine Strafe? Dort gibt es weder Feinde noch Schlachten, sondern nur Felder voller Mais, alte Scheunen und eine bedrückende Stille. Für diese außergewöhnlichen Figuren, die für große Taten geboren wurden, wird das einfache Landleben zur ultimativen Prüfung.

Das Dorfleben als unüberwindbare Tortur für Menschen, deren Existenz normalerweise durch heldenhafte Aufgaben definiert wird. Lemire nimmt den klassischen Superheldenmythos, geprägt von Missionen, Kämpfen und Siegen, und friert ihn vollständig ein. Was bleibt, wenn das Abenteuer vorbei ist? Was geschieht mit der Person hinter der Maske, wenn der Held in ihr keine Aufgabe mehr hat?

Diese Frage ist eigentlich so alt wie der Comic selbst, aber selten wurde sie so radikal in die Struktur der Handlung eingeschrieben. Es passiert hier nichts Großes. Und genau darin liegt die Spannung.

Die Figuren als Comic-Archäologie

Abraham Slam ist der in die Jahre gekommene Held, der mit unnachgiebiger Willenskraft und zwei starken Fäusten glänzt, aber keine außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt. Er verkörpert den archetypischen Superhelden aus den frühen 1940er-Jahren, der im Goldenen Zeitalter ein Symbol des Ideals gewesen wäre. Einst als junger Kämpfer gegen das Verbrechen unterwegs, verbringt er nun sein Alter auf einer abgelegenen Farm und fragt sich, wie es dazu kommen konnte. In seiner Figur spiegelt sich die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten wider, die Jeff Lemire als das schmerzhafte Bewusstsein entfaltet, dass man sich früher lebendiger gefühlt hat.

Colonel Weird ist wohl die rätselhafteste und bizarrste Persönlichkeit der Gruppe. Als kosmischer Abenteurer, der ein wenig an Adam Strange und surrealistische Steve-Ditko-Welten erinnert, driftet er durch die sogenannte Para-Zone, einen Zwischenraum außerhalb von Zeit und Raum. Dieser Zustand lässt ihn fragmentarisch durch seine eigene Vergangenheit und Zukunft springen. Lemire nutzt ihn symbolträchtig, um Themen wie Trauma und Dissoziation zu ergründen, ohne sie direkt zu benennen. Weird ist derjenige, der stets mehr weiß als alle anderen, jedoch unfähig ist, dieses Wissen weiterzugeben – eine isolierende Einsamkeit auf höchstem Niveau.

Barbalien, ein Krieger vom Mars, ist auf der Erde gestrandet, doch seine Migration bringt ein doppelt schweres Schicksal mit sich: er ist schwul. Lemire bringt die Facetten seiner Sexualität mit beeindruckender Sensibilität ins Spiel. Barbalien wird nicht auf seine sexuelle Orientierung reduziert; er hat durch diese Identität bereits auf seinem Heimatplaneten Verfolgung erfahren, nur um auf der Erde in einer ebenso unbarmherzigen Ära Fuß zu fassen. Die Doppelrolle – als Außerirdischer unter Menschen sowie als Homosexueller in einer konservativen Gesellschaft der Retro-Fünfziger – verleiht seiner Figur eine komplexe und tiefgründige Dimension.

Madame Dragonfly lebt zurückgezogen in einem Spukhaus und trägt die Aura einer Mischung aus Elvira und Swamp Thing. Als Wächterin dunkler Geheimnisse verbirgt sie ihren eigenen Schmerz hinter einem Schleier aus Mystik. Und dann gibt es noch Gail, einen der tragischsten Charaktere des Ensembles. Trotz der immensen Kraft eines ganzen Planeten steckt sie im Körper eines kleinen Mädchens fest, allerdings mit dem Wissen und der Erfahrung einer erwachsenen Frau. In ihr thematisiert Lemire eindrucksvoll, was es bedeutet, von der Welt unterschätzt zu werden, obwohl man weitaus mehr erlebt und erlitten hat als viele andere.

Dean Ormston am Werk

Über Black Hammer zu sprechen, ohne Dean Ormston zu erwähnen, ist schlicht unmöglich. Sein einzigartiger Zeichenstil ist rau und kratzbürstig, geprägt von einer britischen Underground-Tradition, die Anklänge an Mike Mignola und die düsteren Ästhetiken der EC-Comics der 1950er Jahre aufweist. Ormston hält sich nicht an eine makellose, anatomisch perfekte Superhelden-Ästhetik. Er zeigt Gesichter, die von Falten geprägt sind, Schatten unter den Augen haben und Körper, denen ihre Lebensjahre anzusehen sind.

Seine Figuren wirken verbraucht, wie Menschen mit einer langen Geschichte und einem schweren Gepäck an Erlebnissen. Wenn Abraham Slam auf seiner Veranda sitzt und seinen Blick langsam über die Felder schweifen lässt, erzählt jede Linie in Ormstons Zeichnungen eine Geschichte, die ganz ohne Worte auskommt.

Mit der Zeit gewinnt das Black Hammer-Universum durch den Einstieg anderer Zeichner wie Jeff Lemire selbst (bei Black Hammer: Secret Origins), Wilfredo Torres (bei Doctor Weird) und Rich Tommaso (bei verschiedenen Spin-offs) eine visuelle Vielfalt. Der Stil wechselt bewusst von Miniserie zu Miniserie, wobei jede Geschichte ihre eigene, stilistisch passende Handschrift erhält. Dieser fragmentierte Look ist beabsichtigt, denn er spiegelt die zentralen Themen des Universums wider. Erinnerung, Identität und die verzerrte Wahrnehmung von Realität.

Im Dialog mit der Comic-Historie

Jeff Lemire lässt keinen Zweifel daran, woher seine Inspiration stammt. Black Hammer ist durchzogen von Anspielungen, die Leser sofort wiedererkennen. Doch sein Umgang mit diesen Elementen ist zugleich liebevoll und bemerkenswert facettenreich. Ein Ort wie Spiral City, eine Mischung aus Metropolis und Gotham, verdeutlicht die Handschrift dieser Welt. Der zentrale Charakter Black Hammer – einst ein strahlender Held, dessen mächtige Waffe die Gruppe unfreiwillig auf die geheimnisvolle Farm geführt hat – offenbart Einflüsse, die von Thor und nordischen Mythen bis hin zu tiefgehendem Familien- und Identitätskonflikt reichen, wobei Göttlichkeit mehr Bürde als Segen ist.

Doch Lemire geht mit seiner Geschichte über eine bloße Hommage hinaus. Er lotet die Strukturen des Superheldengenres aus und hinterfragt dessen unverkennbare Eigenheiten. Seit dem Silver Age scheinen Superhelden-Comics einen unersättlichen Drang zum Status quo zu pflegen. Nichts ist von Dauer, Tote kehren zurück, und am Ende wird die Welt immer aufs Neue gerettet. In Black Hammer wird dieser „Pakt“ gebrochen. Die Farm steht für Kontinuität, für etwas Unausweichliches. Das Gefühl der Gefangenschaft ist allgegenwärtig, und jede aufkeimende Hoffnung wird unweigerlich von misstrauischer Vorsicht begleitet.

Lemire geht weiter ins Detail: „Wenn wir wirklich reflektieren, was es heißt, ein Leben lang ein Held zu sein – was dann? Was bleibt davon übrig? Was geht auf diesem Weg verloren, und was passiert, wenn die Pflicht erlischt?”

Die wiederkehrenden Vergleiche mit Werken wie Watchmen von Alan Moore oder Marvels von Kurt Busiek sind dabei keineswegs zufällig gewählt. Während Watchmen mit chirurgischer Präzision Dekonstruktion betreibt und Marvels die Superhelden durch die ehrfürchtigen Augen eines Außenstehenden feiert, nimmt Black Hammer eine interessante Zwischenstellung ein. Es ist voller Zuneigung für seine Charaktere, ohne sie zu idealisieren. Gleichzeitig ist es zu ehrlich, um sie unkritisch zu verherrlichen. Der Spagat zwischen Liebe und Aufrichtigkeit macht das Werk zu einer außergewöhnlichen Reflexion über das Wesen von Helden.

Das Black-Hammer-Universum

DC/Black Horse

Was Jeff Lemire mit Black Hammer geschaffen hat, ist inzwischen ein kleines Verlagsphänomen. Was ursprünglich als zwölfteilige Serie konzipiert war, hat sich mittlerweile zu einem umfassenden Shared Universe entwickelt. Die Welt von Black Hammer umfasst zahlreiche Spin-offs, die sich einzelnen Figuren widmen, darunter Sherlock Frankenstein, Skulldigger und Skeleton Boy, Colonel Weird sowie Barbalien. Ergänzt wird das Universum durch Crossover-Events und Prequel-Miniserien. Besonders auffällig ist das Meta-Crossover Black Hammer/Justice League, in dem Lemire seine eigenen Charaktere gegen die berühmten DC-Superhelden antreten lässt. Während dies auf den ersten Blick wie reines Marketing wirken könnte, überzeugt die Umsetzung, denn Lemire stellt die unerschütterliche Stärke der DC-Ikonen den komplexen, häufig gebrochenen Persönlichkeiten seiner eigenen Figuren gegenüber — ein spannender thematischer Kontrast.

Erstaunlich ist vor allem, wie gut dieses Universum funktioniert. Die Spin-offs vertiefen die Geschichten und Hintergründe der Charaktere, die im Hauptband oft nur angerissen wurden. So erhält Barbaliens Vergangenheit Raum für eine intensive und würdige Darstellung, während Colonel Weirds kosmisches Umherziehen in The World of Black Hammer zu einem einzigartigen Erlebnis wird. Das Universum wächst kontinuierlich, ohne seine Essenz zu verlieren oder sich selbst zu widersprechen.

Black Hammer – eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Verlust und Identität

Black Hammer ist im Kern ein Comic über Verlust und Verzweiflung. Es erzählt von der schmerzhaften Erfahrung, an einer Rolle festzuhalten, die nicht mehr existiert, und der Suche nach Bedeutung in einem Leben, das einst außergewöhnlich war, sich nun aber in der Stille des Gewöhnlichen abspielt.

Die isolierte Farm, die unaufhörliche Stille, das Gefühl des gefangenseins – diese Elemente spiegeln das Wesen einer Depression wider. Sie verkörpern das Empfinden, dass das wahre Leben irgendwo anders geschieht, während man selbst im Stillstand verharrt. Jeff Lemire nutzt das Kostüm der Superhelden, weil es als Medium kraftvoll und ernsthaft menschliche Erfahrungen transportieren kann, wenn es gekonnt eingesetzt wird.

Diese emotionale Tiefe ist es, die Black Hammer von typischen Dekonstruktionen des Genres abhebt. Der Comic behandelt seine Leser nicht als Mitwisser eines Insider-Witzes, noch setzt er umfangreiche Vorkenntnisse voraus. Selbst Menschen, die mit Superhelden-Comics keinerlei Berührung hatten, können sich in den Figuren und ihrer universellen Geschichte wiederfinden. Diese dreht sich letztlich um das Ringen von Menschen, die sich damit konfrontiert sehen, dass sie niemals jene werden konnten, die sie sein wollten.

Wer hingegen mit den Arbeiten von Künstlern wie Jack Kirby oder Steve Ditko vertraut ist oder das Silver Age sowie die Werke von Geoff Johns und Grant Morrison schätzt, entdeckt zusätzliche Ebenen der Erzählung. Die subtil eingearbeiteten Verweise füllen die Geschichte mit einer atmosphärischen Dichte und einer spürbaren Liebe zum Detail, die dazu einlädt, den Comic erneut zu lesen, um all die verborgenen Hinweise zu entschlüsseln.

Black Hammer ist eine Pflichtlektüre für Fans des Genres und all jene, die sich von bewegenden Geschichten angesprochen fühlen. Es reflektiert tiefgehend über die Bedeutung und den Kern des Superhelden-Genres und enthält mehr Herz und Menschlichkeit als viele Werke der vergangenen Jahrzehnte aus den großen Comic-Verlagen.

Empfohlener Einstieg: Black Hammer Vol. 1: Vergessene Helden (Splitter, 2018). Wer danach mehr will (und das wird man) findet in Black Hammer Vol. 2: Das Ereignis und dem darauf folgenden Black Hammer: Age of Doom die Weiterführung der Haupthandlung.

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