Geistermode: Warum tragen Gespenster Kleidung?

Paranormal

„Geister erscheinen gewöhnlich in demselben Kleid, das sie zu Lebzeiten trugen, obwohl sie manchmal ganz in Weiß gehüllt sind; aber das sind vor allem die Gespenster des Kirchhofs.“ (Francis Grose, 1787)

„Wie erklären Sie sich die Kleidung der Geister – sind diese etwa ebenfalls Geister?“ (Saturday Review, 19. Juli 1856)

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Gedanken zum „Slipstream“

Bouquinist

Kommen wir nun zu einer merkwürdigen Geschichte, die als „Slipstream“ begann, die „New Wave Fabulists“ unter ihren Mantel nahm, die Postmodernisten sowieso, und heute mit dem gleichermaßen irreführenden Begriff „New Weird“ einen neuen Anlauf nimmt. Keiner der aufgeführten Begriffe ist eine wirkliche Genrebezeichnung, die man noch um „Surrealismus“ und „Bizarro Fiction“ erweitern könnte, ohne den Kern zu treffen.

Slipstream ist die etwas unbequeme Definition einer Literatur, die die Kluft zwischen dem Mainstream und der spekulativen Literatur, bestehend aus Science Fiction, Fantasy und Horror überwindet. Wenn die gemeinte Literatur aber wirklich definiert werden soll, dann kann man sie im günstigsten Fall „seltsam“ oder „äußerst seltsam“ nennen, abgeleitet von der Anthologie, die neben einem Aufsatz von Bruce Sterling, der „Slipstream“ als Genre im Jahre 1989 einführte: „Feeling very strange – The Slipstream Anthology“, die allerdings erst im Jahre 2006 von James Patrick Kelly und John Kessel herausgegeben wurde. Darin erklären die Autoren, dass die „kognitive Dissonanz“ das Herzstück des „Slipstream“ sei, und dass es sich dabei weniger um ein Genre als vielmehr um einen literarischen Effekt wie „Horror“ oder „Komödie“ handelt, um einen Geisteszustand oder eine Herangehensweise, die außerhalb jeder Kategorisierung liegt. Ähnlich wie im „Magischen Realismus“ werden physikalische Gesetze gebrochen, aber niemand wundert sich darüber, was der herkömmlichen Phantastik-Theorie mit ihrem angeblichen „Riss“ widerspricht. Die typischen Charaktere der spekulativen Literatur – Magier, Zombies, Aliens gibt es hier normalerweise nicht, also können die seltsamen Begebenheiten auch nicht auf sie abgewälzt werden. Es sind die gewöhnlichen Menschen im Angesicht merkwürdiger Umstände selbst, die eine „Slipstream“-Geschichte erleben.

Hinzu kommt ein „literarisches“ Anliegen. Die Autoren gehen durch ihren Stil ein Risiko ein. Form, Thema und Stimmung erheben sich über die Handlung, die zwar nicht unwichtig ist, die sich aber dem, was der Autor sagt und wie er es sagt, unterordnet. Die Form ist wichtiger als die bloße Abfolge von Ereignissen, wie man sie heute überall vorgesetzt bekommt. Das berühmteste Beispiel einer „Slipstream“-Geschichte ist Shirley Jacksons „Die Lotterie“. Oberflächlich betrachtet geht es darin um eine kleine amerikanische Gemeinschaft. Es gibt kein zugrundeliegendes Übel, das wie in einer gewöhnlichen Horrorgeschichte im Hintergrund lauert. Sicher ist das eine Horrorgeschichte, aber die Natürlichkeit der Kulisse und der Figuren weicht niemals dem entfesselten Terror. Es gibt kein Monster, das man fürchten muss. Die Plausibilität der Geschichte wird nie in Frage gestellt. Die Ereignisse fühlen sich real an, auch wenn die Umstände unglaublich sind. Das ist Slipstream. Die Grenze zwischen Realität und Phantasie ist schlicht und einfach verwisch oder gar nicht vorhanden.

Ist Glitzer ein Bohnerwachs oder ein Dessertbelag? Ist ein Elektron eine Welle oder ein Teilchen? Slipstream sagt uns, dass die Antwort ja lautet.

John Kessel; Feeling very strange

Der größte Teil dieser Geschichten wird in der Kurzform geschrieben, daher tauchen einige der besten von ihnen in Zeitschriften oder Magazinen auf. Längere Romane neigen dazu, eher durch kommerzielle Beschränkungen ihr Ziel zu verfehlen. Kurzgeschichtenschreiber hingegen dürfen sich austoben und experimentieren. Andererseits liegt hier das gleiche Problem vor wie in der „Weird Fiction“; es ist schwieriger, die Atmosphäre des Unheimlichen, Seltsamen in einem Roman in voller Länge aufrechtzuerhalten. Michael Cisco gilt als einer der wenigen Autoren, die das überhaupt je geschafft haben.

Aus den Brunnen

Geschrieben von A. Anders

Wir haben verwahrt, aufgebahrt und hergerichtet.
Die Tische. Die Stühle. Auf den Tellern
die Masken. Die gelösten
Zungen im Glas. Nun ist dieser Raum
offenen Mundes
für immer zu schließen.

Nackt und uneingeladen
steigt aus den Brunnen
die Wahrheit mit ihrem Reisigbesen.

Teichbestandteile

Geschrieben von A. Anders

Es ist warm. Schwalben tauchen in die verspiegelten Fenster des großen schweren Hauses hinter mir. Während ich Nachtblätter mit leuchtend grünen Adern sammele, löst sich das Tuch, das ich mir um mein Haar geschlungen, auf meinem Kopf zu einem Dutt gebunden hatte. An meinem Hals, über meine Brust lassen sich Nattern in alle Himmelsrichtungen in meinen Garten herab. Ich werde schwarz und werde warten, bis die Schwalben das schwere Haus wieder verlassen. Als sie dann irgendwann aus den offenen Augen schwärmen, dringen die Nattern, nunmehr verjüngt, aus den umstehenden Büschen hervor. Sie lachen mit Stimmen noch sehr junger Kinder, die, während sie an meinem Körper hochschlängeln, meinen Körper tasten. Eine von ihnen hält an meinem Rücken auf Höhe meiner rechten Niere und sagt: „Teichbestandteile“. Die anderen unterdessen zischeln: „Es sind Kinder, die einen Lotos zerpflücken!“

Lethe

Geschrieben von A. Anders

Sie wuschen ihn,
kleideten ihn ein,
drapierten seine Arme
verschränkt auf seinem Brustkorb.

Sie schlossen ihre Augen
und legten sich neben ihn,
um ihn ein Stück
seines Weges begleiten zu können.

Nach einer Weile
waren seine Hände und Füße
kaum mehr sichtbar,
sein Gesicht fiel ein
zu einer dunklen Höhle,
in die sie sich hinabbeugten
und Steine fallen ließen,
um zu hören, wie tief es in ihm ist.

Doch das könnten sie nur ermessen,
indem sie sich, mit dem Gesicht
dem Himmel zugewandt, selbst
in ihn hineinfallen ließen.

Sie erinnerten sich,
dass man ihnen gesagt hatte:
die Natur gebiert
auf dem Bauch liegend blind.

Sie erhoben sich,
tastend in ihren Gesichtern,

nicht wissend,
ob es noch dieselben waren,
die sie sonst
in den Spiegeln erblicken konnten.

Dashiell Hammett

Dashiell Hammett lebte zwischen 1894 und 1961 und gilt allgemein als Pionier des Hardboiled-Krimis als literarische Form. Er schrieb eine Handvoll Romane, die die Aufmerksamkeit ernsthafter Leser auf sich zogen, und war ein früher amerikanischer Vertreter der literarischen Moderne und des literarischen Existenzialismus. Und doch wird er als Autor immer noch unterschätzt.

Dashiell Hammett Cov

Die Gründe sind einfach: Hammett schrieb Kriminalromane, die zunächst vor allem in Groschenheften erschienen; sein Publikum war über weite Strecken anspruchslos; seine Figuren waren oft (aber nicht immer) Bewohner von Armenvierteln. Es dauerte eine Weile, bis sich in der amerikanischen Literaturszene die Erkenntnis durchsetzte, dass große Literatur nicht auf geordnete Gemeinschaften beschränkt sein muss.

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Hagazussa

Geschrieben von A. Anders

Wir hatten nie wirklich zueinander gefunden. Ich konnte weder mit ihr, noch ohne sie leben. Ihrer jedoch mir mittlerweile schmerzhaften Abwesenheit wegen, hatte ich versucht, sie mir lebendig zu erhalten: Ich schnitt aus den Bildern ihrer Ahnen, die ich längst auf den Dachboden gebracht hatte, um sie dort zu lagern, Teile ihrer rosigen Gesichter, die, sobald ich sie befeuchtet hatte, sich wie feine Hauttücher Schicht für Schicht auf den von mir zu diesem Zwecke geschnitzten und geschliffenen Puppenkopf aus Holz modellieren ließen. Für ihre Wimpern verwendete ich die Beine der unzähligen toten Fliegen, die sich im Laufe der Jahre auf meinem Fensterbrettern gesammelt hatten und die ich in leeren Streichholzschachteln verwahrte. Ihre Augen aber ließ ich geschlossen. Denn keines der Inkarnate der Iriden ihrer Ahnen schien die Farbe ihrer Iriden zu haben. Wie nahe oder fern ich ihrem Antlitz dabei kam, konnte ich nicht sagen, zu starr und unbewegt bot es sich mir dar. Weshalb ich die Inkarnate immer mal wieder vorsichtig löste und sie auf dem Gesicht der Puppe neu anzuordnen versuchte. Ihr Körper sollte noch folgen.

Ich verließ nur noch selten das Haus. Wollte mich schützen, vor dem, was man über sie erzählte. Man berichtete sich, sie hätte schon als junges Mädchen, als sie noch in einem der Ställe gearbeitet hatte, die Pferde verrückt gemacht. Weshalb man es ihr zuschrieb, als am 13. August sämtliche Pferde, die die Bauern des Dorfes auf ihren Gehöften beherbergten, wild, mit einem weißen Schleier, der in ihre Mähnen gebunden war, die Hauptstraße hinunter schossen, um in alle Himmelsrichtungen zu fliehen. Es hatte mehrere Tage gedauert, sie wieder einzufangen. Sie, deretwegen man nun Grund hatte, sich die Mäuler zu wässern, um zu fabulieren, lebte, allein mit ihren Hühnern, in einer kleinen modrigen Holzhütte am Rande des Birkenhains. Ihr Alter vermochte niemand zu schätzen. Viele Jahre schon hatte sie niemand mehr gesehen. Eine der häufigsten Verwünschungen, die in den Stuben des Dorfes ausgesprochen wurde, war diese: Den Eiern ihrer Hühner solle der Dotter fehlen, statt der Schalen sollen sie schlangenartige, verdrehte Häute haben. Kinder unterdessen flüsterten anderen Kindern zu, sie hätten sie, als sie am Randes des Birkenhains spielten und in der Erde nach Stinkmorcheln suchten, von einem Schleier verhängt, an einem ihrer Fenster stehen sehen. Man hatte ihnen erklärt, dass die Leichenfinger, die aus der Erde über manchen Gräbern des hiesigen Friedhofs wuchsen, eben diese Stinkmorcheln waren, die die Kinder zum Platzen bringen wollten, um die schwarzgrünen Sporenwolken aufsteigen zu lassen. Nur dass die Alten sie als Hexeneier bezeichneten. Doch noch bevor sie sich zu weißen schlaffen Leichenfingern wandelten, deren Kuppen recht bald zur Erde hin zeigten, ragten die Fruchtkörper, aus dem Ei hervorkommend, wie Phalli mit schwarzgrünen Hüten, die von Myriaden von Fliegen umschwärmt wurden. „Unzüchtiges Teufelszeug“, hatte man gerufen, als man sie das erste Mal auf den Gräbern erblickte. „Das ist ihr Werk! Wo Fliegen sind, da ist der Teufel nicht weit!“

Ich hatte es damals gehört. Weshalb ich mich endgültig entschieden hatte, in das verlassene Haus meines verstorbenen Mannes, den ich am 13. August 1947 geheiratet hatte, am Eingang des Dorfes zu ziehen und meine kleine Hütte am Rande des Birkenhains zu verlassen. Ihren fertig modellierten Körper jedoch hatte ich in mein zurückgelassenes Heim gebracht. Meinen Schleier behielt sie bei sich.

Lilith

Geschrieben von A. Anders

Ich bin, von dir genommen,
in den kleinsten Winkeln deines Raumes daheim.
Meine schwarzen Augäpfel
sind die Dunkelheit der Welt gewöhnt.
Kein Augenweiß. Nichts Irisierendes,
das isoliert betrachtet werden kann und will.
So hocke ich einfach da
und nehme wahr,
wie ein Haus Zeit konserviert.
Mein Mund, eine Melasse, die Fliegen fängt.
Denn das, was sie nicht fängt, wirft
sie auf Wunden. Ins hypnotische
Meer der Mütter greift meine Seele fingerlang.
Das immer Kleinste der Kleider
ist ins Nichts geweht, an den Rändern
verwoben mit mir. Ich wringe,
stehend im weißen Sand,
mein Kleid, dein rotes Meer.

ritu

Geschrieben von A. Anders

Ich musste, in jener Nacht, in der der Mond meinem Haus sehr nahe stand, wohl etwas von ihr mitgenommen haben, als ich schlafend in meinem Bette lag und zum ersten Mal, mittels eines Stuhls, durch ihre vielen verborgenen Räume geflogen war. Denn seither stand sie jedes Mal, wenn ich in den Spiegel blickte, hinter mir. Tat sie einen Schritt zurück, verschwand sie in tiefer Schwärze. Tat sie einen vor, war mein Gesicht für mich im Spiegel nicht mehr erkennbar. Ich war rastlos seitdem. Blies Nacht für Nacht die fast heruntergebrannte Kerze auf meinem Fensterbrett aus, öffnete das Fenster und hob mit meinem Atem davon.

Abyss

Geschrieben von A. Anders

Der klamme hölzerne Raum, in dem sie saßen, hob und senkte sich an seinen beiden Enden abwechselnd auf und ab. Dunkelgrüne leere Flaschen rollten über dem Boden hin und her. In den blauen Bärten der grobschlächtigen Männer hatten sich kleine Fische verfangen, die gleichmäßig zappelten als würden sie durch ihr gewohntes Habitat schwimmen. Das flackernde Licht der Kerzen auf dem Tisch ließ sie für Bruchteile von Sekunden verschwinden, als seien sie im Dickicht der Bärte in Deckung gegangen. Filigrane Neptungräser, die sich nachgiebig der vorherrschenden Strömung hingaben. Sprachen die Männer, kam nichts als Wasser aus ihren dunklen Mündern. Rülpsten oder gähnten sie, fuhren imposante Flaggschiffe aus ihren nassen Schlünden von Zeit zu Zeit, die sich, sobald sie sich entschieden hatten, in eine Richtung abzubiegen, verflüchtigten. Die Schlacke, die sie dabei jedes Mal mitspülten, jedoch blieb, nahm zu, nahm nach und nach, von den Wellenbewegungen modelliert, die Gestalt eines dunklen Geschöpfes an, das sich vor den Bärtigen aufbaute. Muränen schwammen aus ihrem wässernden, sich wandelnden Leib, der mal jung, mal alt erschien, jedoch immer ungefähr und fließend blieb. Neben Seesternen, die am Boden aus ihr hervorkrochen, lösten sich Muscheln aus ihr, als hätte man den Boden des Meeres aufgewirbelt. Einer der Bärtigen holte aus seinen Ohrmuscheln zwei unförmige fahle Perlen. Die anderen taten es ihm nach. Blitze zuckten durch die Augen der Muränen und die Augen der Männer. Schnell rollten die leeren Flaschen in die Tiefe zur Seite des Bugs. Das Licht der Kerzen auf dem Tisch erlosch.

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