Pinocchio (Der hölzerne Junge)

Ikonische Filme und Geschichten, die sich tief in die Erzählung der Gesellschaft eingegraben haben, verlieren oft mit der Zeit ihre substanzielle Wirkung. Das trifft vor allem immer dann zu, wenn der Disney-Konzern sich eines eigentlich düsteren Märchens annimmt und dieses in ein zuckriges, ungenießbares Substrat verwandelt. Eines der besten Beispiele ist Dornröschen. Der Film basiert natürlich auf dem Märchen, in dem ein verheirateter König ein schlafendes Mädchen findet, das er nicht aufwecken kann und stattdessen vergewaltigt.

Die 1940er Version von Pinocchio ist da keine Ausnahme. Der Film basiert auf einer Geschichte, die 1881 und 1882 von Carlo Collodi als Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel Die Abenteuer des Pinocchio in einer Zeitung veröffentlicht wurde. Jiminy Cricket erscheint im Buch als Sprechende Grille und spielt keine so große Rolle.

Er taucht zum ersten Mal in Kapitel 4 auf, in dem die Binsenweisheit veranschaulicht wird, dass Kinder es nicht mögen, wenn ihr Verhalten von Leuten korrigiert wird, die viel mehr wissen als sie selbst. Als die sprechende Grille Pinocchio sagt, er solle wieder nach Hause gehen, springt Pinocchio wütend auf, nimmt den Hammer von der Bank und wirft ihn mit aller Kraft nach der Grille.

Baccis Pinocchio

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Die viktorianische Alchemie des Oscar de Muriel

Bouquinist

Es dürfte allgemein unter Kennern als ausgeschlossen gelten, Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes auch nur ansatzweise nahe zu kommen. Dieser Kanon ist gesetzt wie die Frage nach der Nummer 1 der Rockgitarristen, die immer nur von Jimi Hendrix belegt werden kann. Zu seiner Zeit musste sich Doyle, der seine Figur noch nicht einmal leiden konnte, über Konkurrenz auch keine Sorgen machen. Poe war schließlich tot, dem Mann, dem er vielleicht nicht alles, aber doch vieles zu verdanken hatte. Manche Schreiber mögen es für literarische Nostalgie halten, dass sich heute Autoren und Autorinnen auf der ganzen Welt um die viktorianische Zeit verdient machen. Die Qualität ist selbstredend eine ganz andere Sache. Die Quellen der Kriminal- und Schauerliteratur liegen genau hier und nicht etwa in den sintflutartig skizzierten Fernsehkrimis oder True Crime-Perversionen mit elend billigen Titelbildern, auf denen man stets nur den Rücken einer Person zu sehen bekommt, weil die Verlage gar keine Zeit haben, sich den Inhalt genauer anzuschauen und ihnen ihr Produkt ohnehin völlig egal ist.

Scherenschnitte

Bei Oscar de Muriels Buchserie bekommen wir jedoch Scherenschnitte. Die mögen zunächst nicht besonders reizvoll erscheinen. Vergessen wir aber nicht, dass Scherenschnitte während der viktorianischen Ära extrem populär waren, namentlich als schnelle, erschwingliche Methode, Porträts von geliebten Menschen zu erstellen. Da die Frey & McGray-Reihe im Jahr 1888 beginnt, befinden wir uns genau in dieser Übergangszeit – Silhouetten waren noch im kulturellen Gedächtnis, aber bereits im Niedergang begriffen. Das verleiht den Covern eine nostalgische, leicht melancholische Note, die dann auch perfekt zur gotischen Atmosphäre der Bücher passt.

Es gibt Autoren, deren Biografie sich wie ein Laborprotokoll des Unwahrscheinlichen liest. Oscar de Muriel, 1983 in Mexiko-Stadt geboren – ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem sich heute das Ripleys Believe it or Not Museum befindet – ist einer von ihnen. Er ist promovierter Chemieingenieur, Geigenspieler, Übersetzer und schließlich Chronist viktorianischer Verbrechen geworden. Heute (ich nehme an, dass er es heute noch tut) pendelt der Autor zwischen Manchester und Mexiko-Stadt, aber sein literarisches Schaffen entsteht in einem Gartenschuppen im Norden Englands.

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Im Bann der Fledermausinsel / Oscar de Muriel

Bouquinist

Oscar de Muriels „Im Bann der Fledermausinsel“ ist ein Roman, der wieder einmal die Grenze zwischen historischem Kriminalfall, Schauerliteratur und psychologischer Studie verschwimmen lässt. Das Werk, erschienen 2018 als vierter Band der Reihe um die Ermittler Ian Frey und Adolphus “Nine-Nails” McGray, entfaltet seine Handlung diesmal in den schottischen Highlands, in der Einöde um Loch Maree. Schon der Titel – mit seiner eigentümlichen Verbindung aus landschaftlicher Präzision und morbidem Versprechen – kündigt an, dass hier Natur und Tod, Mythos und Rationalität untrennbar ineinandergreifen.

Im Zentrum der Geschichte steht ein Auftrag, der zunächst unscheinbar wirkt: Eine junge Frau namens Millie Fletcher bittet die Ermittler, ihren Sohn Benjamin zu beschützen, der als unehelicher Nachkomme eines Adligen plötzlich zum Erben erklärt worden ist und nun anonyme Morddrohungen erhält. Was zunächst wie ein klassischer Krimianfang klingt, öffnet sich bald zu einem tiefen psychologischen und symbolischen Raum. Die Ermittler reisen in das schlossähnliche Landhaus der Familie Koloman am Loch Maree – ein Ort, der fast wie ein eigener Organismus wirkt, ein düsterer Körper aus Stein, Nebel und Schweigen. Der See selbst ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern ein Spiegel der inneren Vorgänge. Seine Wasseroberfläche ruht trügerisch, unter ihr aber sammeln sich die Schatten der Vergangenheit, verdrängte Schuld und das Unheimliche, das jederzeit wieder auftauchen kann.

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Die Todesfee der Grindlay Street / Oscar de Muriel

Bouquinist

Oscar de Muriels Die Todesfee der Grindlay Street (2016) führt die ungleichen Ermittler Ian Frey und Adolphus „Nine-Nails“ McGray in ein Edinburgh des Jahres 1889, das von winterlicher Kälte und einem unterschwelligen Schaudern durchzogen ist. Im Irrenhaus von Edinburgh entkommt die Insassin Irma Starling nach einem blutigen Mord und lässt die Stadt in Aufruhr zurück. Die Jagd nach ihr führt Frey und McGray hinaus aus der urbanen Enge in die verschneiten Highlands, wo sich die Spuren von moderner Wissenschaft und uralten Mythen kreuzen. Wie schon im ersten (Die Schatten von Edinburgh) und zweiten (Der Fluch von Pendle Hill) Band nutzt de Muriel das klassische Gerüst des viktorianischen Kriminalromans, um es mit Elementen des Schauerromans zu verschränken.

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Die Farben der Geister

Paranormal

Heute erkunden wir die verschiedenen Farbtöne, in denen Geister angeblich auftreten. Aus welchem Grund auch immer, es sind alles weibliche Erscheinungen. Diese „Damen“ sind ein sehr interessanter Teil der Folklore, und vielleicht sogar gruselig genug, um euch heute Nacht wach zu halten.

DIE BRAUNE LADY

Es ist gut möglich, dass ihr das berühmte Foto der Brown Lady schon kennt. Dieses dreihundert Jahre alte Gespenst, das Raynham Hall in Norfolk, England, heimsucht, wurde angeblich 1936 von Indra Shira und Captain Hubert C. Provand vor die Linse genommen.

Zu Lebzeiten soll es sich bei der braunen Dame um Lady Dorothy Townshend, die Schwester des ersten englischen Premierministers (Sir Robert Walpole), gehandelt haben, die der Legende nach von ihrem Mann bis zu ihrem frühen Tod eingesperrt wurde. Ein Porträt von Dorothy Townshend hing früher in Raynham Hall – es zeigte eine Frau in einem braunen Kleid mit großen, strahlenden Augen. Wenn man nachts an dem Bild vorbeiging, nahm das Gesicht anscheinend einen bösen Ausdruck an.

Der Geist der Brown Lady hatte seit den 1800er Jahren mehrere bemerkenswerte Auftritte. Sie erschien im Zimmer von Georg IV. und starrte ihn an, als er im Bett lag; und sie erschien Kapitän Frederick Marryat, als dieser einen Ball im Haus besuchte. Sie erschien ihm auf dem Flur, starrte ihn an und erschreckte ihn so sehr, dass er seinen Revolver zog und schoss. Aber die Kugel ging natürlich glatt durch und wurde später in der Tür dahinter entdeckt.

Das Foto, das eine neblige weiße Gestalt zeigt, die vor einer Treppe schwebt, wurde im Jahr der Aufnahme im Country Life Magazine veröffentlicht und sofort berühmt. Es ist nach wie vor eine der bekanntesten Geisterfotografien, für die es noch keine Erklärung gibt.

WEISSE FRAUEN

Diese besondere Bezeichnung hält man in der Welt der Geister für Frauen bereit, die in einer Tragödie oder bei einem Mord ums Leben gekommen sind – vor allem Adelige. Am populärsten sind sie in Großbritannien, wo man sagt, dass sie sich in Schlössern und auf dem Gelände herumtreiben, und manchmal sieht man sie mit einem Giftbecher in der Hand. Es gibt unzählige Geschichten über weiße Frauen im Vereinigten Königreich, aber meine Lieblingsgeschichte ist die über die weiße Dame von Darwen, einer kleinen Stadt in Lancashire. Man sagt, dass sie auf ihrem Grabstein spukt, dass sie nachts auf dem Friedhof umherwandert und dass sich die Augen der Steinfigur auf ihrem Grab öffnen, wenn man sie berührt.

Geschichten über weiße Frauen gibt es in vielen verschiedenen Kulturen, und ihre Eigenarten sind von Ort zu Ort etwas unterschiedlich. In Frankreich zum Beispiel findet man die weißen Damen oft in der Nähe von Brücken, wo junge Frauen als Opfer für die Geister in den Fluss geworfen wurden und man im Gegenzug die Brücke sicher überqueren durfte.

GRAUE FRAUEN

Ähnlich wie bei den weißen Frauen handelt es sich bei den grauen Frauen um die Geister, die unter gewaltsamen oder tragischen Umständen zu Tode gekommen sind, vor allem aber, wenn dies durch einen geliebten Menschen verursacht wurde. Ihr Name rührt daher, dass sie normalerweise grau gekleidet sind. Glamis Castle in Schottland wird von einer grauen Dame heimgesucht, die die Kapelle bewohnt; die Verwalter haben sogar die Kirchenbank reserviert, auf der sie oft sitzt.

Chambercombe Manor

In Chambercombe Manor in Nord-Devon, England, geht der Geist einer grauen Dame um, der bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreicht. Die Geschichte besagt, dass ein Mann namens William Oatley eines Nachts ein Schiff an die Küste steuerte und es absichtlich gegen die Felsen prallen ließ, um es zu plündern. Eine Frau wurde an Land gespült, deren Gesicht so stark verletzt war, dass keine Gesichtszüge mehr vorhanden waren, und er nahm sie mit nach Hause. Sie starb später in der Nacht, und Oatley stahl ihren Schmuck und ihr Geld. Am nächsten Tag erfuhr Oatley, dass seine Tochter während des Schiffbruchs verschwunden war, und aus Kummer und Scham darüber, sie versehentlich ermordet zu haben, versteckte er ihre Leiche in einer Mauer des Herrenhauses. Man glaubte, ihren Leichnam hundert Jahre später gefunden zu haben, doch ihr herzzerreißender Geist ist nie verschwunden.

ANDERE DAMEN

Hier sind zwei weitere Geister in Farbe:

Die Blue Lady ist ein mysteriöser Frauengeist, der in der Moss Beach Distillery in Kalifornien spukt. Die Legende erzählt von einer Frau, die immer in Blau gesehen wurde. Während eines Urlaubs an der Küste lernte sie einen schneidigen Mann kennen, wurde aber von ihrem eifersüchtigen Ehemann getötet, als er von ihrer Affäre erfuhr.

Man hat nicht nur eine seltsame Gestalt in Blau am Strand auf und ab wandern sehen – manchmal mit blutverschmierten Kleidern -, sondern es wurden auch andere merkwürdige Ereignisse in der Distillery gemeldet, wie unheimliche Telefonanrufe von scheinbar niemandem und das Verschwinden von Frauenschmuck.

Leider wurde jede Glaubwürdigkeit, die das Restaurant hatte, von der SyFy-Sendung Ghost Hunters zunichte gemacht, die mehrere Schreckensmeldungen rund um die Distillery entdeckte.

Die letzte geisterhafte Frau, von der ich heute erzählen möchte, ist ein Gespenst aus der lokalen Überlieferung. Hier in meiner Heimatstadt St. Louis, Missouri, haben wir einen Ort, der weithin als einer der spukhaftesten Orte Amerikas gilt – das Lemp Mansion. Als Familiensitz der Bierbarone der frühen 1900er Jahre fand ihr reicher Lebensstil mit der Prohibition ein jähes Ende. Nach der Schließung ihrer Brauerei starb William Lemp’s Sohn (einer von sieben), Frederick, an einem Herzinfarkt. Kurz darauf erschoss sich William im Marmorbüro des Hauses, wo sich auch sein Sohn William Jr. das Leben nahm. Zwei weitere Kinder von William Lemp begingen später in der Villa Selbstmord, aber es wird angenommen, dass die meisten Familienmitglieder noch immer in dem Haus spuken.

(c)Matt Hucke – hucke @cynico.net

Ein besonderes Gespenst ist die Tochter Lillian Lemp, die zu Lebzeiten den Spitznamen „Lavendel-Lady“ trug, weil sie oft lila Kleidung anhatte. Heute sieht man sie oft vor ihrem Porträt auf der Treppe und in dem Zimmer, das sie einst bewohnte und in dem man schlafen kann… wenn man sich traut!

Der Fluch von Pendle Hill / Oscar de Muriel

Bouquinist

Oscar de Muriel führt sein Ermittlerduo Frey & McGray im zweiten Fall (zum ersten) noch tiefer in die Grauzonen zwischen Rationalität und Aberglauben. „Der Fluch von Pendle Hill“ ist zugleich viktorianischer Polizeithriller, Folk-Horror und Milieustudie über Medizin, Macht und Mythen – temporeich erzählt, atmosphärisch dicht und mit spürbarer Lust am Schauerroman, aus dem sich der Kriminalroman ja dann auch herausschälte.

Neujahr 1889: In der Irrenanstalt von Edinburgh gelingt einem Patienten die Flucht, eine Krankenschwester stirbt – und die sture, scharfzüngige Lokallegende „Nine-Nails“ McGray sowie der nüchterne Londoner Exilant Ian Frey nehmen die Verfolgung auf. Der Fall ist von Anfang an von Gerüchten über Okkultes umflort; die Spur führt schließlich über verschneite Landstriche hinweg in den Schatten von Pendle Hill, dem sagenumwobenen Schauplatz der Lancashire-Witchcraft-Prozesse.

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Bringt mir einen Becher Sekt!

Es ist ein Klischee, dass Shakespeare einer der großen Erfinder der englischen Sprache ist, ein weit verbreiteter Irrtum, dass sein Wortschatz größer war als der jedes anderen Schriftstellers, und eine einfache Tatsache, dass er wahrscheinlich der am häufigsten zitierte Autor im Oxford English Dictionary ist. Weniger bekannt ist sein Beitrag zur Sprache der deutschen Trinkkultur.

Falstaff
Falstaff mit einem Krug „sack“ (Foto:en.wikipedia.org)

Eine der populärsten Figuren Shakespeares ist der große Antiheld Falstaff, ein unverbesserlicher Schurke, dessen Vorliebe für Alkohol nur noch von seiner Fettleibigkeit übertroffen wird. Im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts war kein Schauspieler in dieser Rolle bekannter als Ludwig Devrient, dessen späteres Leben entweder eine starke Sympathie für den Stil seiner Figur oder ein frühes Beispiel für hartnäckiges Method Acting erkennen lässt. Es war Devrients Angewohnheit, nach einer Vorstellung als Falstaff von der Bühne in die Kneipe zu gehen und einen der charakteristischen Sätze seiner Figur zu brüllen: „Bring mir einen Becher Sekt!

Zu Shakespeares Zeiten hieß Sekt „Sack“ und war ein sehr beliebter Sherry und das Lieblingsgetränk seiner Trinker. Sack war jedoch kein übliches Getränk in deutschen Kneipen, und was Devrient eigentlich verlangte, war höchstwahrscheinlich Champagner – der natürlich eine deutsche Erfindung ist, wenn auch auf französischem Territorium.

Dry Sack

Champagner gilt heute als Getränk der gehobenen Klasse, wurde aber zur Zeit der Romantik in großen Mengen von Künstlern getrunken, die sich aus finanziellen Gründen keine wirklich anständigen Getränke leisten konnten. Devrient, der durch Deutschland reiste, wiederholte seinen Auftritt in einer Kneipe nach der anderen – und das Ergebnis war ein billiges, kaum trinkbares Gebräu, das im Deutschen noch heute als „Sekt“ bekannt ist, dank Friedrich Wilhelm Schlegel, der bekanntlich als erster Shakespeare übersetzte und aus „Sack“ „Sect“ machte. Was hätte er sonst tun können? Das Sprachgefühl lässt „Sact“ nicht zu.

Die Totenfrau von Edinburgh / Oscar de Muriel

Bouquinist

Der Okkultismus nimmt in Die Totenfrau von Edinburgh nicht nur die Funktion eines dekorativen Motivs ein, sondern bildet die tragende Struktur, auf der der gesamte Roman ruht. De Muriel nutzt das Übernatürliche nicht als bloßen Reiz des Viktorianischen, aber auch nicht als triviales Grauen, das sich am Ende rational auflöst. Der Okkultismus ist vielmehr die Bruchstelle, an der sich die geistigen Welten seiner Figuren reiben: jene der etablierten Wissenschaft, die sich im späten 19. Jahrhundert zunehmend als Hoheitsmacht verstand, und jene des Spiritismus, der damals keineswegs als Randphänomen galt. De Muriel spielt bewusst mit der historischen Tatsache, dass Séancen, Geisterfotografie und mediale Zirkel gerade für die gebildeten Schichten faszinierend waren, weil sie zugleich Trost, Unterhaltung und metaphysische Antwortversprechen boten.

Im Zentrum steht Madame Katerina, die das Medium verkörpert, aber nicht als Scharlatanin gezeichnet wird. Ihr Status bleibt immer in der Schwebe: Sie ist weder eindeutig Betrügerin noch eindeutig Verbindungsglied zu einer jenseitigen Welt. Genau in diesem Schwebezustand entfaltet sich der Roman. Der Okkultismus ist hier weniger eine Sammlung von Ritualen als ein Weltzustand: eine Art Zwischenreich, in dem Schuld, Trauma und gesellschaftliche Konflikte eine Stimme finden. Die Séance, in der sechs Menschen sterben, wirkt wie ein düsteres Sakrament, in dem die Vergangenheit der Familien – ihre gegenseitigen Kränkungen, Erbstreitigkeiten, verborgenen Verletzungen – plötzlich Gestalt gewinnt. Der Geist, den Katerina beschwört oder zu beschwören vorgibt, ist letztlich die materialisierte Summe all dessen, was verschwiegen wurde. De Muriel zeigt damit sehr fein, dass der Okkultismus im Viktorianischen nicht nur ein exotisches Hobby war, sondern psychologisch funktional: Er bot eine Sprache für das Unsagbare.

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Die Affenpfote

Bouquinist

Das literarische Werk des Engländers William Wymark Jacobs war vor allem komödiantisch, doch ist er heute fast ausschließlich für seine übernatürliche Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“ (Die Affenpfote) bekannt. Ursprünglich im September 1902 veröffentlicht, wurde sie in Horror-Anthologien wieder veröffentlicht, für Film und Bühne adaptiert und diente als Inspiration für Dutzende anderer Medienformen.

In seiner klassischen Erzählung erhält die Familie White, zu der Vater, Mutter und der erwachsene Sohn Herbert gehören, Besuch von einem befreundeten Militär, Sergeant-Major Morris. Er erzählt den Whites von einem geheimnisvollen Talisman, der drei Wünsche erfüllen soll, allerdings zu einem schrecklichen Preis. Sergeant-Major Morris wirft den Talisman, eine getrocknete Affenpfote, ins Feuer, aber Mr. White holt ihn zurück, bevor er verbrennt, und beschließt trotz Morris‘ Warnungen, ihn zu behalten und ihn zu benutzen.

Die Geschichte ist einfach gestrickt, aber Jacobs‘ düstere und eindringliche Erzählung hatte sie zeitlos gemacht. Die Bewunderung für diese Geschichte entfachte sich augenblicklich, und die erste Adaption davon wurde 1903 in Form eines Einakters in London aufgeführt. Die erste Verfilmung von „The Monkey’s Paw“ erschien 1923, und seither entstanden neun weitere Filme dieser Geschichte – der letzte wurde 2013 von Brett Simmons gedreht. Die Geschichte diente als Inspiration für eine Reihe von Fernsehserien wie Akte X, Buffy, Grusel, Grauen, Gänsehaut und The Twilight Zone, die alle das Motiv eines verfluchten Talismans verwendeten, der Wünsche erfüllt.

Das Motiv wurde auch in zahlreichen anderen Filmen, Fernsehsendungen, Büchern, Videospielen und Comics aufgearbeitet, aber meine Lieblingsversion von „The Monkey’s Paw“ ist vielleicht die Hörbuchversion, gelesen von der lebende Legende Christopher Lee aus dem Jahr 2004, die im Rahmen der BBC-Radioserie Christopher Lee’s Fireside Tales entstanden ist.

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