Das Wetter ist unentwegt schön, man glaubt gar nicht, dass irgendwelche Geister gerade heute ihre Geisterhunde spazieren führen wollten, sollte das walk-the-dog-Syndrom auch später noch gelten. Aber diese Schönheit des Tages, diese besondere Bläue des Himmels, lässt die dunklen Falten dennoch gewähren, wahrscheinlich mit einer Anwesenheitsliste, damit man die Schuldfrage schnell abhandeln konnte, wenn es denn erwünscht war und niemand das räuberische Haupt verantworten wollte.
Es ist der Kommunikation so viel anheim gegeben, da reichen komplexe Sprachsysteme nicht aus, da müssen auch die Gesichtsmuskeln mitspielen, die Hände, die ganze Haltung – und dann merken sie, dass sie gar nicht sprechen, jauchzen und jodeln müssen, sondern sich auf Zehenspitzen drehen und hüpfen können – bis sie niemand mehr versteht, gerade so, als würden sie doch reden.
Lass mich tanzen, ich will reden. Lass mich sitzen, ich will reden. Lass mich aufstehn, ich will reden.
Die Geister kamen wirklich nicht heraus, ihre Geisterhunde blieben auf ihren Geisterteppichen liegen und wünschten sich eine Geistergasse herbei, aber solcherlei Vergnügungen waren weit. Die Sonne lässt Geister verdampfen und – von brodelnden Kochtöpfen angezogen – könnte die diffuse Gesellschaft in die Nahrungskette eingreifen, Spukkartoffeln zum Beispiel könnten mit einem mal gar sein und im nächsten Moment wieder roh.
Stell dir vor, du fährst spät in der Nacht allein auf einer einspurigen, hinterwäldlerischen Straße entlang. Deine Scheinwerfer streifen die Bäume, die sich dicht an die Straße schmiegen, das Brummen Ihrer Reifen dröhnt leise unter der Musik aus dem Radio. Die Monotonie der scheinbar endlosen Straße bringt dich zum Träumen – doch deine Gedanken werden durch die beiden Scheinwerferpunkte, die plötzlich in deinem Rückspiegel auftauchen, unterbrochen. Das Auto muss gerade einen Hügel erklommen haben oder um eine Kurve gebogen sein, denn es ist das erste Mal, dass du heute Abend jemand anderen auf der Straße siehst. Das Auto fährt mit beängstigender Geschwindigkeit, und als es langsamer wird, um neben dir anzuhalten, siehst du, dass es ein seltsames schwarzes Auto ist. Das Fenster wird heruntergekurbelt…
Wenn du mit den Legenden über unheimliche Fahrzeuge nicht vertraut bist, dann bin ich da, um dich zu informieren. Es gibt sie in vielen verschiedenen Formen, eine so beunruhigend wie die andere.
Die Todeskutsche
Die Todeskutsche hat ihre stärksten Wurzeln in Irland, wo sie Cóiste Bodhar (koe-shta bower) genannt wird, was so viel wie „taube Kutsche“ oder „stumme Kutsche“ bedeutet. Die Cóiste Bodhar ist ein Omen für den Tod, und wenn man sie sieht oder hört, bedeutet das, dass jemand sterben wird. Die irische Version der Todeskutsche sieht ziemlich unheimlich aus und ist oft mit Kerzen und menschlichen Überresten geschmückt.
Noch furchteinflößender als die Kutsche selbst ist ihr Fahrer, eine Fee namens Dullahan. Sein Kopf, der unter einem Arm getragen wird, hat kleine, schwarze Augen und ein breites Grinsen, das bis zu den Ohren reicht. Er trägt eine Peitsche, die aus einem menschlichen Rückgrat besteht. Wenn man den Dullahan einen Namen rufen hört, ist es sicher, dass der Angesprochene als nächstes stirbt. Während der Cóiste Bodhar durch jedes verschlossene Tor gehen kann, fürchtet sich der Dullahan vor Gold, und wer es in der Nähe hat, vertreibt ihn. Der Cóiste Bodhar taucht in dem Disney-Film Das Geheimnis der verwunschenen Höhle aus dem Jahr 1959 auf (ein Lieblingsfilm aus meiner Kindheit).
Der revolutionäre schwedische Film mit Spezialeffekten, Der Fuhrmann des Todes (1921), handelt von einer ähnlichen Legende. In dem Film muss die letzte Person, die stirbt, bevor die Uhr in der Silvesternacht zwölf schlägt, vorne in der Todeskutsche Platz nehmen und die Seelen der Toten für das nächste Jahr einsammeln.
In Robert W. Chambers kultiger Kurzgeschichte Das Gelbe Zeichen kommt die Todeskutsche durch einen ominösen Traum, dessen Fahrer ein Mann mit blassem, geschwollenem Fleisch ist, der den Erzähler an einen „plumpen, weißen Grabwurm“ erinnert.
Auch ich habe mich von der Legende der Todeskutsche inspirieren lassen und darüber in meiner Geschichte „Crossroad“ geschrieben, die in der vierten Ausgabe des Sanitarium Magazine veröffentlicht wurde.
Der Leichenwagen
„Lache nie, wenn der Leichenwagen vorbeifährt, denn du könntest der Nächste sein, der stirbt“, heißt es im „Hearse Song“, der in Scary Stories to Tell in the Dark dokumentiert ist. Als ob Leichenwagen nicht schon bedrohlich genug wären, gibt es auch noch eine Reihe von Aberglauben, der mit den Leichentransportfahrzeugen verbunden ist. So bringt es beispielsweise Unglück, wenn ein Leichenwagen vor dem Haus eines Menschen hält, da dies ein Zeichen dafür ist, dass ein Bewohner bald sterben wird.
Das von mir erwähnte Lied stammt aus dem Ersten Weltkrieg, wurde von amerikanischen und britischen Soldaten gesungen und als Kinderreim populär gemacht. Häufig wird es auch als „Die Würmer kriechen rein, die Würmer kriechen raus“ bezeichnet, und es sind mehrere verschiedene Versionen überliefert – im Folgenden habe ich den Text von nur einer Version aufgeschrieben.
„Lache nie, wenn der Leichenwagen vorbeifährt, denn du könntest der nächste sein, der stirbt. Sie wickeln dich in ein großes weißes Laken Von deinem Kopf bis zu deinen Füßen. Sie stecken dich in eine große schwarze Kiste Und bedecken dich mit Erde und Steinen. Etwa eine Woche lang geht alles gut, bis dein Sarg anfängt undicht zu werden. Die Würmer krabbeln rein, die Würmer krabbeln raus, Die Würmer spielen Karten auf deiner Kopfhaut, Sie fressen deine Augen, sie fressen deine Nase, Sie fressen das Gelee zwischen deinen Zehen. Ein großer grüner Wurm mit rollenden Augen krabbelt in deinen Bauch und an den Seiten wieder raus. Dein Magen wird schleimig grün, und Eiter fließt heraus wie Schlagsahne. Du streichst ihn auf eine Scheibe Brot, Und das isst du, wenn du tot bist.“
Der schwarze Volga
(c) Lions Gate Entertainment, Filmposter
Eine meiner liebsten urbanen Legenden ist die vom schwarzen Volga. Diese Sage wurde in den 60er Jahren in Osteuropa populär; das Auto, ein schwarzer Volga, entführt angeblich Kinder und benutzt sie für grausame Schwarzmarktgeschäfte. Das Auto der Legende kann eine Vielzahl von Fahrern haben, wie Nonnen, Vampire oder sogar den Teufel. Manchmal wird das Auto von niemandem gefahren und erschreckt die Insassen anderer Wagen so sehr, dass sie von der Straße abkommen.
Der Autor Joe R. Lansdale hat für die von urbanen Legenden inspirierte Anthologie Haunted Legends eine Geschichte mit dem Titel „The Folding Man“ verfasst. In seiner Geschichte, die von der Legende des schwarzen Volga inspiriert ist, geht es um eine Gruppe Jugendlicher, die an Halloween von einem Auto voller Nonnen gequält werden.
Das unheilvolle schwarze Auto spielt auch eine Schlüsselrolle in dem Film Dead End aus dem Jahr 2003, in dem eine Familie eine Nebenstraße nimmt, um dem Verkehr zu entgehen, und sich an einem bösen, heimgesuchten Ort wiederfindet, an dem das einzige andere Auto der schwarze Volga ist, der kommt, um seine Opfer zu holen.
Wenn du also das nächste Mal auf einer einsamen Straße unterwegs bist und ein anderes Paar Scheinwerfer siehst, hüte dich vor dem schwarzen Volga.
Die Turbulenzen nahmen zu, ohne Reue, uns über die Zeiten hinwegzufegen. Ich sah, wie alles erstarrte – ein handfest gewordener Untergang, ein Zerbröseln am Nullpunkt, der von einem Geschwader Minuswelten umschwärmt wurde, die dem Werden nicht entkommen können.
Um die besonderen Bücher zu finden, insofern man sie nicht bereits in seiner Sammlung hat, ist es unabdingbar, immer weiter den Spuren zu folgen. Früher war es so, dass man dem Literaturverzeichnis folgte und sich die nächsten Stationen heraus schrieb. Des weiteren fand man – gerade in Taschenbüchern – am Ende ein reichhaltiges Register oder sogar Werbung für ähnliche Werke wie dieses, das man gerade in Hände hielt. Das bedeutet nicht, dass es heute nicht ähnlich funktioniert, aber die Trefferquote ist doch längst nicht mehr so hoch wie zu Beginn eines Leselebens, aber die Spurensuche funktioniert weiterhin überragend bei Sachbüchern, die sich sozusagen per definitionem aus angegebenen Quellen speisen.
Überlegt man sich, wie eine ausgewachsene und nennenswerte Bibliothek überhaupt zustande kommt, dann wird man zugeben müssen, dass – abgesehen vom Grundstock, den jede Bibliothek pflegen sollte, unabhängig davon, in welchen Zweig hinein sie sich später entwickelt – ein Großteil der Anschaffungen zunächst ungelesen eingeordnet wird. Man beginnt ein vielversprechendes Werk und legt es enttäuscht zur Seite, um zum nächsten Buch zu greifen. Manchmal kommt es sogar vor, das im gesamten Pulk nicht das zu finden ist, nach dem man gerade dürstet und schon mit der nächsten Bestellung zugange ist. Selbstverständlich hat man immer etwas zu lesen, es ist ganz und gar unmöglich, leer zu laufen, aber ich spreche hier von besonderen Büchern, von jenen, die sofort in den persönlichen Kanon wandern. Um so mehr Bücher auf den Markt geworfen werden, desto geringer werden die Meisterwerke, desto höher aber auch die Sichtungen, die dann den Umfang der Bibliothek merklich erhöhen.
Juan Carlos Onettis Erzählung „Ein verwirklichter Traum” (1941) zählt zu den rätselhaftesten und atmosphärisch dichtesten Kurzgeschichten der lateinamerikanischen Literatur. In dieser meisterhaft komponierten Erzählung verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Theater und Leben, bis sie vollständig verwischen. Die Geschichte einer namenlosen Frau, die den gescheiterten Theaterunternehmer Langman beauftragt, ihren Traum auf der Bühne zu inszenieren, wird zu einer tiefsinnigen Meditation über Sehnsucht, Selbsterkenntnis und Tod.
Langman, ein heruntergekommener Theaterdirektor, der in einer heißen Provinzstadt gestrandet ist, erzählt die Geschichte selbst. Eine mysteriöse Frau in Schwarz sucht ihn auf und hat ein ungewöhnliches Anliegen: Sie möchte ein kurzes Theaterstück aufführen – allerdings nicht vor Publikum, sondern nur für sich selbst. Das Stück, das sie „Ein verwirklichter Traum“ nennt, basiert auf einem Traum, der ihr einst ein Gefühl intensiven Glücks vermittelt hat, dessen Bedeutung sie jedoch nicht versteht.
Im Laufe der Zeit hat die Menschheit immer wieder die gleichen grundlegenden Geschichten erzählt. Von den antiken Mythen bis zum modernen Kino folgen die Erzählungen oft vertrauten Strukturen, wie die Reise des Helden, die Tragödie der Hybris oder der Triumph der Liebe über alle Widrigkeiten. Doch trotz dieser Wiederholungen haben diese Geschichten eine große Anziehungskraft und offenbaren mit jeder neuen Erzählung neue Dimensionen. Dieses Phänomen lässt sich auf drei zentrale Faktoren zurückführen: die Universalität menschlicher Erfahrungen, die Anpassungsfähigkeit von Geschichten an sich verändernde Kontexte und die vielschichtige Komplexität, die dem Erzählen von Geschichten innewohnt.
Carl Jung
Im Herzen jeder Geschichte, die Bestand hat, spiegelt sich der Zustand des Menschen wider. Themen wie Liebe, Angst, Ehrgeiz und Sterblichkeit sind nicht an Kultur oder Zeit gebunden; sie sind der menschlichen Erfahrung inhärent. Carl Jungs Konzept der Archetypen – universelle Symbole und Motive, die im kollektiven Unbewussten eingebettet sind – bietet einen Rahmen, um zu verstehen, warum sich bestimmte Geschichten ewig anfühlen. Archetypen wie der Held, der Mentor, der Schatten und der Betrüger kommen immer wieder vor, weil sie grundlegende Aspekte unserer Psyche widerspiegeln.
Die Geschichte eines Helden, der sich ins Unbekannte wagt, Prüfungen besteht und verändert zurückkehrt, ist in allen Kulturen allgegenwärtig. Von Odysseus in Homers Odyssee bis zu Luke Skywalker in Star Wars spricht diese Erzählstruktur zu unseren eigenen Reisen des Wachstums und der Selbstentdeckung. Die Wiederholung dieser Themen unterstreicht ihre Relevanz; wir erzählen diese Geschichten immer wieder, weil sie Wahrheiten zum Ausdruck bringen, die konstant bleiben, auch wenn sich die Welt weiterentwickelt.
Sie drehte sich um und beobachtete, wie der Fremde an ihr vorbei ging, fragte sich, was ihm zugestoßen sein mochte. Im anständigen Teil der Stadt beteten sie die Wirklichkeit an. Es brannte nicht mehr, als er einige Stunden später erwachte.
Die Türen zu allen Geschäften standen offen, manche wie ein Schlund, eingeschlagen und marode. Im anständigen Teil der Stadt brachten sie sich zu Anlässen gegenseitig Kuchen. Aus den Kesseln unter der Stadt dampften Wassersignale.
Die Vehikel schlurften durch die Straßen, obszöne Jäger emsiger Flaneure, die jeden Tag nur einen kleinen Bissen dieser phänomenalen Aussicht zu sich nahmen. Im anständigen Teil der Stadt gab es Prospekte, die alles aus der Ferne zeigten.
Ich bin auf der Suche nach dem Seltsamen. Das Leben, die entblößten Träume… oder mehr noch : der fehlende Sinn, der nur dann fehlt, wenn er wirklich fehlt und nicht etwa wenn es ihn gar nicht gibt.
Dieser Baustein, der beweisen könnte dass die Schöpfung eine runde Sache ist, alles eingerastet und läuft wie geschmiert, wir haben die Vernunft doch tatsächlich als solche erkannt, hurra.
Die Gebäude und Räume können nur von einer Seite aus betreten werden, eine Auswahl fällt daher leicht. Im Innern aber stecken die Möglichkeiten einer ausgedehnten Traumwanderung, die
– wie eine gute Geschichte – irgendwo anfängt und irgendwo aufhört. Das Vorher und Nachher ist nur als Potenz vorhanden, aber es wiegt schwer in seiner Nichtausgesprochenheit.
Das Leben, die entblößten Träume…
Das Seltsame hat einen anderen Grund als das Gewöhnliche zu konterkarieren, es führt seinen Tanz in Stille aus und ist präsent wie ein Bild, das von einer ruchlosen Hand überpinselt wurde, in der Annahme, niemand würde kratzen oder schaben oder sich fragen, warum die Farbe derart monströs aufgetragen wurde, ob sich da nicht ein Geheimnis finden ließ bei der Entscheidung :
Welches der beiden Kunstwerke soll dem Vergessen in den Rachen geworfen werden? – von denen eins vielmehr ein quasi-Kunstwerk ist, mit einem quasi-Dasein.
Zerstören wir das Sichtbare für etwas, das wir nicht kennen – und wäre ein Vergleich nicht ohnehin töricht? Eine Skizze ist der erste Beleg für die Dauer, denn solange immer alles möglich ist, vergeht kein Gedanke ungedacht.
Früher hoben wir alte Zeitungen auf, um das vermaledeite Feuer anzubekommen, wenn die krustigen Zahnstocher partout kein Wölkchen von sich gaben. Oder um auszugleichen, dass wir uns keine Unterwäsche leisten konnten. So eine Schlagzeile über der Mutterbrust sorgte nicht selten für Lacher, wenn man auf Hippie-Partys klein Kurt nach dem milchigen Gesöff schnappen ließ wie ein Bullkarpfen nach der Mücke im Wind. Die Ecken pulten wir dann immer zwischen die Fettfalten, damit ja nichts abrutschte. Auf die Idee, daraus Gedichtchen zu formen wären wir niemals gekommen. Häkeln, Stopfen und Nähen war unser Beruf, liebe Gendertussen – wenn ihr mir diese moderne Höflichkeitsfloskel gestattet! Hatten wir keine Wolle, trennten wir eben alles wieder auf. Heute eine Socke, morgen ein Pullover, übermorgen Handschuhe. Dem gedruckten Zeug einen Hauch altertümlicher Handarbeit zu verpassen, erfreut mein in die Jahre gekommenes Kümmerherz so sehr, dass ich mir gleich einen Dornkat erlauben werde, um mein Glück ja niemanden spüren lassen zu müssen. Denkt immer daran, liebe Dichterlein: Renate is fatsching yu!
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