Alan Moore – Der Magier aus Northampton

Alan Moore sieht nicht nur aus wie ein biblischer Prophet, er hat auch den dazugehörigen Zorn im Gepäck. Doch auch wenn sich in seinen Äußerungen immer wieder Spuren von Empörung finden, wird die Zuschreibung eines wütenden alten Mannes seiner Komplexität kaum gerecht. Geboren am 18. November 1953 in Northampton als Sohn einer Druckerin und eines Brauereiarbeiters, trägt Moore die Eigenheiten seiner Heimatstadt wie die meisten Engländer tief in seiner Vorstellungskraft mit sich. Northampton als unspektakuläre englische Stadt mittlerer Größe wartet dennoch mit einer Geschichte auf, die wie Lava unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche schwelt. Moore hat sie zum zentralen Bezugspunkt seiner kreativen Mythologie erhoben. Nur wenige einflussreiche Autoren haben ihre Herkunftsorte derart stark in ihrer Arbeit verankert wie er. Die viktorianischen Straßenpflaster aus From Hell oder die elisabethanischen Geisterstimmen in seinem Roman Voice of the Fire zeugen von dieser Bindung. Für Moore ist Northampton das, was Dublin für James Joyce war: eine Landkarte der Gesamtheit seiner Realität. 

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Weder gestern noch heute

Die schattigen Sparten zermörserten das Licht,
es gab keine Einkehr mit hellen Vehikeln und einem Umtrunk
an beleuchteter Bowle. Gesichter verloren ihre wertvollen Schalen
und zeigten ihre knöchernen Gebäude voller Höhlen und Nebennarben,
beigebracht auf einer Suche, die den Gestirnen folgt. Die
ältesten Lagerfeuer zwischen Tag und Nacht,
ein zarter Tanz, der stets an dieser Grenzstatt sein Auskommen findet,
flüchtig und unauffindbar in Gestalt, Mächtig
in der Erinnerung eines schlanken Morgens, einer nachgebenden Nacht. Die
Kohle glüht, der Erzähler sitzt, weil er sonst doch zu sehr schwanken würde.
Um Punkt Mitternacht schlägt die Uhr zwölf,
dann ist es weder gestern noch heute.

Len Wein: Der stille Schöpfer

New York, die Stille und die Sehnsucht nach dem Wunderbaren

Lenny Herman Wein wurde am 12. Juni 1948 in New York City geboren und wuchs in der Bronx auf, zu einer Zeit, in der Comichefte das am leichtesten zugängliche Format für Geschichten waren. In jener Ära wurde ein lesendes Kind nicht als Außenseiter betrachtet. Wein verschlang alles, von Superhelden und Horror bis zu Science-Fiction und Romanzen. Er konsumierte die gesamte Bandbreite, die der amerikanische Comicmarkt der späten 1950er und frühen 1960er Jahre zu bieten hatte. Diese allgemeine Prägung seiner Generation wurde für Wein außergewöhnlich, weil er seine Begeisterung fürs Lesen mit einem instinktiven Verständnis verband. Er erkannte schon früh, was eine Geschichte packend macht, wie Charaktere lebendig werden, wie sich erzählerische Bögen schließen und wie ein einzelnes Panel mehr sagen kann, als Worte je beschreiben könnten.

Len Wein mit „Swampy“ © Lex Larson

Wein erlernte das Schreiben nicht durch ein Studium, da er an der School of Visual Arts in New York Grafikdesign studierte, sondern im direkten Austausch mit der Industrie. Er gehörte einer Generation junger Comicfans an, die sich über Fanzines vernetzten und durch intensiven Diskussionen über das Medium ein tiefes handwerkliches Wissen erlangten, das ihnen keine akademische Ausbildung hätte bieten können. Marv Wolfman, sein lebenslanger Freund und späterer Kollaborateur, war in diesen frühen Jahren ein wichtiger Begleiter; ihr gemeinsames Interesse an Comics entwickelte sich zu einer Berufung, die ihre gesamte Karriere prägte.

In den 1960er Jahren begann Wein, erste Kurzgeschichten an kleinere Verlage zu verkaufen, bevor er sich in den Produktionsstrukturen von DC und Marvel der frühen 1970er Jahre etablierte. Diese Zeit, bevor er mit den Werken bekannt wurde, die ihm einen dauerhaften Platz in der Comicgeschichte sicherten, zeigt ihn als Autor, der das Handwerk des Serienhefts mit einer Sorgfalt erlernte, die seine spätere Produktivität und Vielseitigkeit prägte. Wein war kein Autor, der sich auf eine einzige markante Stimme konzentrierte, um sie als Grundlage seiner gesamten Karriere zu nutzen. Er ein Handwerker im besten Sinne: jemand, der jede Geschichte, die er verfasste, so umfassend wie möglich ausgestaltete, unabhängig von Charakteren, Genre oder Verlagen.

Das Gewicht des Unlesbaren

Len Weins Wolverine © Marvel

Len Wein ist der Autor dieser Essay-Reihe, dessen Vermächtnis sich schwer auf ein einziges Werk zurückführen lässt. Dies liegt daran, dass sein bedeutendster Beitrag nicht in einem einzelnen Werk, sondern in einer Vielzahl von Entscheidungen liegt, deren weitreichende Folgen er nicht vorhersehen konnte, die jedoch das Medium nachhaltig veränderten. Um diese Entscheidungen zu verstehen, muss man zunächst ihre Bedeutung erkennen: Wein schuf Wolverine. Er formte Swamp Thing in seiner modernen Gestalt. Als Redakteur war er maßgeblich daran beteiligt, dass Alan Moore Swamp Thing übernehmen konnte. Zudem erschuf er die New X-Men, das Team, das den Grundstein für Chris Claremonts legendären Lauf legte.

Diese Liste erscheint auf den ersten Blick wie eine ironische Anekdote der Kulturgeschichte, und tatsächlich ist sie das. Len Wein ist ein Autor, der mehr prägende Charaktere und schicksalhafte Entscheidungen in seinem Berufsleben vereint als fast jeder andere in der amerikanischen Comicgeschichte. Dennoch ist sein Name beim breiten Publikum selten mit diesen Errungenschaften verbunden. Jeder kennt Wolverine, doch den Namen Wein kaum ein Kind. Diese Tatsache ist nicht nur ungerecht; sie spiegelt auch ein strukturelles Merkmal eines Mediums wider, in dem die Figuren die Autoren überdauern und überstrahlen, wo die Schöpfung den Schöpfer in den Schatten stellt.

Noch ironischer wird es, wenn man die Verbindung zu Watchmen betrachtet. Wein war der Redakteur, der Alan Moore bei DC Comics erst möglich machte und dessen Arbeit zuerst bei Swamp Thing betreute, und dann auch die ersten Entwürfen dessen, was schließlich Watchmen werden sollte. Als später in den 1980er Jahren die Frage der Rechte eskalierte und Moores Beziehung zu DC zerbrach, stand Wein auf der Seite des Verlags. Diese Haltung brachte ihm von Moore heftige öffentliche Kritik ein, die Weins Ruf in bestimmten Kreisen belastete. Die volle Wahrheit dieses Konflikts bleibt komplex und liegt irgendwo zwischen den Darstellungen der Beteiligten, wie es bei solchen Industriekonflikten oft der Fall ist. Zurück bleibt ein Paradox. Der Mann, der Moores Karriere bei DC unterstützte, wurde von Moore selbst zum Antagonisten erklärt. Dieses Paradox wirft ein Licht auf die Natur des Comicgeschäfts und seiner Konflikte um Autorschaft, weniger auf die moralische Integrität der beiden Männer.

Die Entscheidung, die die Welt veränderte

Giant-Size X-Men #1, veröffentlicht von Marvel Comics im Mai 1975 und illustriert von Dave Cockrum, gilt als eine der einflussreichsten Comicausgaben in der Geschichte der USA. Dies liegt nicht an der erzählerischen Perfektion, sondern an der richtungsweisenden Entscheidung, deren Auswirkungen sich über die Jahrzehnte entfaltet haben und heute buchstäblich durch Milliarden an Kinoeinnahmen messbar sind. Laut eigener Aussage verfasste Len Wein diese Ausgabe an einem einzigen Wochenende, um eine Produktionslücke zu schließen. Diese spontan wirkende Entstehung steht im krassen Gegensatz zur enormen kulturellen Resonanz des Comics.

Giant-Size X-Men #1 © Marvel

Der Auftrag war klar: Das X-Men-Franchise, das seit 1969 keine neuen Ausgaben mehr hervorgebracht hatte und nur noch in Wiederveröffentlichungen existierte, sollte mit einem internationalen Team neu belebt werden. Wein und Cockrum entwickelten dabei Charaktere, die bis heute einzigartig in ihrem kulturellen Einfluss bleiben: Storm aus Kenia, die erste schwarze Superheldin im US-Mainstream mit einer eigenen Story, Nightcrawler aus Deutschland, Colossus aus der Sowjetunion, Thunderbird als Verteter der Native Americans, Banshee aus Irland und Wolverine aus Kanada, der bereits in Weins Incredible-Hulk-Ausgaben sein Debüt hatte und nun seine wahre Bestimmung fand.

Die Entscheidung, das X-Men-Team im Jahr 1975 international aufzustellen, war revolutionär. Es war die intuitive Erkenntnis, dass das Superhelden-Genre über die Vorstellungen seiner Gründergeneration hinaus erweitert werden konnte. Len Wein betonte in Gesprächen stets, dass er keine tiefgreifende ideologische Agenda verfolgte. Sein Ziel war es, ein spannendes, visuell vielfältiges Team zu schaffen, das durch verschiedene kulturelle Hintergründe erzählerisch bereichert wurde. Diese nüchterne Einschätzung seines Werks kennzeichnet Wein und sollte nicht als Bescheidenheit missverstanden werden. Sie spiegelt die Haltung eines Handwerkers wider, der sicher in seinem Können ist, ohne es zu verherrlichen.

Von historischer Bedeutung für die Comicwelt war seine Entscheidung, das X-Men-Franchise an Chris Claremont weiterzugeben. Das von ihm geschaffene Team in andere Hände zu geben zählt zu den produktivsten Weitergaben von Verantwortung in der Geschichte des Mediums. Wein erkannte in Claremont das Potential, das er in den Figuren gespürt hatte, und gab die Kontrolle ab. Das ist keine geringe Geste. In einer Branche, die oft von kreativem Besitzdenken geprägt ist, zeugt die Fähigkeit, sein Werk weiterzugeben, von wahrer Größe.

Die Schöpfung und ihre Verwandlung

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Alan Moore übernimmt Swamp Thing © DC

Swamp Thing entstand 1971 in einer Kurzgeschichte im House of Secrets #92, einer kurzen, in sich abgeschlossenen Horrorerzählung, die von Wein zusammen mit dem Zeichner Bernie Wrightson entwickelt wurde und genügend Anklang fand, um zu einer eigenständigen Serie erweitert zu werden. Die ursprüngliche Swamp Thing-Serie, die Wein und Wrightson von 1972 bis 1974 gemeinsam schufen, gilt als ein Werk von beeindruckendem Rang, als eine atmosphärische, literarisch anspruchsvolle Horrorreihe, die dem Mainstream-Comicgeschmack der frühen 1970er-Jahre weit voraus war.

Wrightson, einer der talentiertesten Horrorzeichner, die das amerikanische Comic je hervorgebracht hat, verlieh dem Swamp Thing eine visuell dichte und organische Textur, die in der Comicgeschichte jener Ära unerreicht war. Seine Schwarz-Weiß-Technik, üppige Schraffuren und die detaillierte botanische Darstellung der Sumpflandschaften stellten zeichnerische Leistungen dar, die das Werk in die Nähe der europäischen Comictradition brachten, obwohl es nicht direkt daraus stammte. In diesen zwölf Ausgaben bilden Wein und Wrightson eine der beeindruckendsten kreativen Partnerschaften des amerikanischen Comics jener Zeit.

Was Wein und Wrightson 1971 schufen, war in seiner Konzeption einfach, jedoch reich an emotionaler Substanz: ein Mensch, der zum Monster wird und dabei seine Menschlichkeit bewahrt, da sie tiefer im Geist verwurzelt ist als im physischen Körper. Diese Idee bildet das Fundament der gesamten späteren Swamp-Thing-Mythologie, einschließlich Alan Moores berühmter Wendung: Swamp Thing ist nicht etwa ein Mensch, der glaubt, ein Pflanzenwesen zu sein, sondern ein Pflanzenwesen, das glaubt, ein Mensch zu sein. Moores Neuerung funktioniert nur, weil Weins ursprüngliches Konzept stabil genug war, um eine solche Umkehrung zu tragen. Ein schwaches Konzept könnte nicht derart elegant umgekehrt werden.

Nachdem Wein und Wrightson die Swamp-Thing-Serie verließen, fiel sie in eine lange Phase kreativer Mittelmäßigkeit, bis Moore sie 1983 übernahm und transformierte. Das spricht für Weins ursprüngliche Arbeit. Die Serie überlebte ein Jahrzehnt unter schwacher Betreuung, weil ihr Fundament stark genug war, um diese Last zu tragen. Das ist die stillere Form von Qualität, die nicht sofort ins Auge springt und deren Fehlen erst auffällt, wenn sie nicht mehr da ist.

Macht im Unsichtbaren

Weins Rolle als Redakteur, darunter auch seine Zeit als Chefredakteur bei DC Comics, ist ein oft unterbewertetes, jedoch unglaublich wichtiges Kapitel seiner Laufbahn. Im Comicbereich bleibt die Arbeit eines Redakteurs in der Regel unsichtbar. Sie wird nicht in den Credits erwähnt, von keiner Fangemeinde gefeiert und hinterlässt keine offensichtliche Spur im finalen Werk, außer dass das Werk selbst existiert. Es wurde veröffentlicht, erhielt eine bestimmte Form und der Autor bekam seine Chance. Als Redakteur war Wein jedoch die treibende Kraft hinter all dem.

Ein besonders einprägsames Beispiel seiner redaktionellen Fähigkeiten war seine Entscheidung, Alan Moore für Swamp Thing zu gewinnen und ihm dann die kreative Freiheit zu gewähren, die Moores Arbeit erforderte. 1983 war Moore in den USA weitgehend unbekannt; während seine Arbeiten in Großbritannien schon Aufmerksamkeit erregt hatten, war der Übergang in den amerikanischen Mainstream alles andere als selbstverständlich. Wein erkannte in Moores Konzept eine Qualität, die es lohnte, über die übliche Vorsicht im Verlagswesen hinwegzugehen. Die Entscheidung, einem unbekannten britischen Autor das Vertrauen zu schenken, um eine sterbende Serie zu beleben, zählt zu den wohl fruchtbarsten Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.

Die spätere Entfremdung zwischen Wein und Moore, ausgelöst durch die Auseinandersetzung um die Watchmen-Rechte und dokumentiert durch Moores scharfe öffentliche Kommentare, stellt den dunklen Schatten dieser einst produktiven Zusammenarbeit dar. Wein, der diese Verbindung überhaupt erst ermöglicht hatte, geriet in den Hintergrund. Das ist eine besondere Tragik, die Redakteure oft trifft: Sie legen den Grundstein für Großartiges und müssen schließlich die Folgen tragen, wenn diese Größe zu Konflikten führt.

Die Figur und ihr Nachleben

Wolverine gilt als die kommerziell erfolgreichste Einzelfigur, die je in einem amerikanischen Comic entstanden ist, basierend auf den globalen Filmeinnahmen seit Hugh Jackmans Debüt im Jahr 2000, die kaum in ihrer Gesamtheit zu erfassen sind. Diese Figur wurde 1974 von Wein in einer Ausgabe von The Incredible Hulk als Gastrolle eingeführt. Ein kanadischer Mutant mit einziehbaren Knochenkrallen und unbändiger Wut. Die Grundidee war simpel: eine mysteriöse, gefährliche Figur, die als Gegenspieler des Hulk fungierte. Zunächst war da nicht mehr geplant.

Diese einfache Idee entwickelte sich jedoch weiter und ist nicht allein Weins Verdienst. Dave Cockrum verlieh Wolverine in Giant-Size X-Men sein unverwechselbares Aussehen, und Chris Claremont baute über sechzehn Jahre hinweg seine Figur zur vielschichtigen, tragischen und mythologisch aufgeladenen Gestalt aus, die heute bekannt ist. Doch die Basis, ein Mann, der seine Identität nicht kennt, von seiner eigenen Natur überwältigt wird und Gewalt als integralen Teil seiner Persönlichkeit begreift, stammt von Wein. Diese Grundlage war robust genug, um alles Weitere zu tragen.

Das Fundament, das trägt

Len Wein verstarb am 10. September 2017 in Los Angeles im Alter von 69 Jahren. Die Nachrufe, die seinem Tod folgten, hoben immer wieder dieselben Namen hervor: Wolverine, Swamp Thing, Storm und die New X-Men. Ebenso wurde sein Charakter beschrieben: Ein Mann, der voller Leidenschaft für das von ihm geliebte Medium arbeitete, seine Kollegen unterstützte und die kreativen Werke anderer ermöglichte, ohne jemals mit dem Schreiben aufzuhören. Diese Nachrufe waren warmherzig, ehrlich und voller Trauer. Sie ähnelten denen anderer Menschen, deren wahre Bedeutung erst nach ihrem Weggang vollständig erkannt wird.

Von Wein bleibt kein einzelnes Meisterwerk, obwohl die frühen Swamp Thing-Ausgaben mit Wrightson diesem Begriff ziemlich nahekommen. Was bleibt, ist seltener zu finden: ein Leben, das ein Medium im Kern veränderte, ohne jemals das Werkzeug dieser Veränderung zu sein. Wein war das Fundament, auf dem andere aufbauten. Er war der Herausgeber, der die Voraussetzungen schuf, unter denen Meisterleistungen möglich waren. Er war der Schöpfer von Figuren, die weitaus größer wurden als er selbst, und das war ihm bewusst, doch erschuf er sie trotzdem, da die Alternative gewesen wäre, nichts zu erschaffen.

In einer Sammlung von Essays über Autoren wie Moore, Morrison, Gaiman und Claremont, deren Werke man liest und bei denen man an ihre Namen denkt, bleibt Wein eine Erinnerung wert. Er zeigt auf, was hinter diesen Werken steckt: die unzähligen Entscheidungen jener Menschen, die nie im Rampenlicht standen, aber Türen öffneten, Figuren ersannen und Talente erkannten und förderten. All dies aus Liebe zum Medium, nicht als Weg zum Ruhm, sondern aus Berufung. Len Wein lebte diese Berufung sein Leben lang. Das ist letztendlich eine Art von Größe, die ihresgleichen sucht.

Das Manuskript in der Flasche: Über Edgar Allan Poes Poetik der Auslöschung

Bouquinist

Die wohl bekannteste Daguerreotypie von Edgar Poe ist die sogenannte Ultima Thule vom 9. November 1848, die vier Tage nach seinem Selbstmordversuch entstand. Dieses Porträt wurde nach einem Zitat aus Poes Gedicht Traumland so genannt, weil man darin einen Ausdruck trotziger Verzweiflung am Rande des Todes gesehen haben will. Für die meisten Poe-Liebhaber ist dies das Bild, das dem Charakter seines Werkes am nächsten kommt – ein Antlitz, das bereits jenseits seiner selbst zu existieren scheint, ein Gesicht am Abgrund.

Baudelaire attestierte dem Porträt, dass Poe hier ein sehr französisches Aussehen zeige; in Wirklichkeit war der Dichter vom Alkohol gezeichnet. Das ursprünglich eher feminine Gesicht weist tiefe Furchen auf, die Augenpartien zeichnen sich asymmetrisch ab. Es ist, als hätte sich das Leben selbst in diese Züge eingeschrieben, als wären die inneren Labyrinthe, durch die Poes Geist wanderte, nun nach außen gekehrt und in Fleisch verwandelt.

Doch dann geschieht etwas Merkwürdiges in einem Leben voller Merkwürdigkeiten. Am 13. November, also vier Tage später, sieht Poe schon viel erholter aus. Zu sehen auf dem als Daguerreotypie bezeichneten Porträt von Whitman. Die Verwandlung ist so dramatisch, dass man kaum glauben mag, es handele sich um denselben Menschen. War es die Elastizität der Jugend – Poe war damals erst neununddreißig –, oder war es jene merkwürdige Fähigkeit zur Regeneration, die manche Menschen besitzen, die gewohnt sind, sich immer wieder aus den eigenen Abgründen emporzuziehen?

Zeichnung von Fritz Eichenberg

1849 scheint Poe fast wieder gesund zu sein. Er sieht gesund aus, hat Pläne für die Zukunft, will sogar wieder heiraten – und stirbt unter mysteriösen Umständen in Baltimore, unter dessen Sternen sich sein ganzes düsteres und tragisches Leben abgespielt hatte. Der Tod kam in Form einer Auslöschung: gefunden in fremder Kleidung, delirierend, unfähig zu erklären, was geschehen war. Es war, als hätte das Leben selbst eines seiner Manuskripte geschrieben und es dann ins Meer der Vergessenheit geworfen.

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Trenndocht

Wie wichtig es ist, sich im Detail zu verlieren
Wir waren zündhaften Vulkanen versprochen.

Nur eine feine Staubkarambolage trennt
den Hokuspokus von der hohen Form.

Man tat gut daran sich das Fleisch zu verdienen.
Du lügst eine neue Platte auf. Die Form wandert schnell.

Neil Gaiman: Der Bibliothekar des Unmöglichen

Neil Gaiman

Neil Richard MacKinnon Gaiman wurde am 10. November 1960 in Portchester, Hampshire, England, geboren und wuchs in verschiedenen Gegenden Südenglands auf. Er stammt aus einem jüdischen Elternhaus, in dem Bücher allgegenwärtig waren. Diese Nähe zu Büchern legte den Grundstein für seine Laufbahn: Schon bevor er schreiben konnte, war das Lesen ein integraler Bestandteil seines Lebens. Für Gaiman war Lesen nie nur ein Hobby, sondern ein unverzichtbarer Lebensakt. Seine aufrichtige Wertschätzung für Bibliotheken und das Lesen ist die glaubwürdige Äußerung eines Mannes, der ohne die Welt der Bücher nicht derselbe wäre.

Die früh in der Lektüre gewonnenen Einflüsse sind in seinen späteren Arbeiten so tief verwurzelt, dass sie fast unsichtbar erscheinen: G. K. Chesterton für das Verständnis, dass das Fantastische keine Flucht vor der Realität darstellt, sondern eine Methode, sie intensiver zu erfassen; C. S. Lewis für das Recht, Mythologie ernst zu nehmen; Tolkien für die Praxis des Weltenbaus als literarische Technik; und vor allem die griechischen, nordischen und keltischen Mythen, die Gaiman als lebendige Erzählungen erlebte. Geschichten über Macht, Verlust, Liebe und Tod, die er von Anfang an ernst nahm, da Götter, die nicht ernst genommen werden, beleidigt sein könnten.

Seine Schriftstellerkarriere begann, wie bei vielen britischen Comicautoren seiner Generation, im Journalismus und in der Biografik. Bevor er seinen Weg in die Comic-Welt fand, verfasste Gaiman Bücher über Douglas Adams und Duran Duran. Diese Lehrjahre als schneller Schreiber für kommerzielle Aufträge bildeten ebenfalls eine Art Schule und schärften seine handwerkliche Effizienz, die selbst unter der traumhaften Oberfläche seines späteren Werkes stets als solider Unterbau spürbar ist. Bei Gaiman hat jede Szene eine Funktion, jedes Bild ein Echo und jeder Satz eine Richtung. Dies ist handwerkliches Können, das jegliche Magie noch untermauert.

Die Architektur des Traums

© DC

The Sandman (DC/Vertigo, 1989–1996, mit zahlreichen Zeichnern) ist das Werk, mit dem Gaiman die Welt der Comics betrat und nachhaltig veränderte. Die Serie erzählt von Morpheus, dem Herrscher über das Reich der Träume, einer der sieben unsterblichen Wesenheiten (den Ewigen) verkörperte Kräfte, die älter als die Götter selbst sind. Traum, Tod, Verzweiflung, Begierde, Delirium, Schicksal und Zerstörung. Zu Beginn der Serie wird Morpheus nach einem Jahrhundert der Gefangenschaft befreit und steht vor der Aufgabe, sein verfallenes Reich wiederherzustellen. Diese scheinbar einfache Prämisse trägt eine der komplexesten und literarisch reichsten Erzählstrukturen, die das Medium je hervorgebracht hat.

Was Sandman von früheren Comics unterschied, war Gaimans literarischer Ansatz. Er überschritt die Grenzen traditioneller Genre-Conventions und wagte sich unerschrocken in das Terrain der Weltliteratur. Gaiman schrieb Geschichten, die in der Ära Shakespeares spielten und Shakespeares Verbindung zur Magie des Erzählens beleuchteten. Er schuf Erzählungen, die in der griechischen Antike, in der Gegenwart und während des Ersten Weltkriegs verortet sind. Er zitierte Chaucer, nutzte die Bibliothek von Borges als Motiv, ließ Orpheus als Figur auftreten und verwendete Märchen sowie Mythologie als strukturelle Grundlage. Diese intertextuelle Dichte war im amerikanischen Comic des Jahres 1989 ohnegleichen.

Sieben Personifikationen

Die Entscheidung, Sandman mit verschiedenen Zeichnern wie Sam Kieth und Mike Dringenberg in den frühen Ausgaben und später Charles Vess, Jill Thompson, Shawn McManus, Marc Hempel und vielen anderen zu gestalten, war eine bewusste ästhetische Wahl, denn verschiedene Geschichten erfordern auch unterschiedliche Bildsprachen. Die Genregeschichten der Anfangszeit brauchen einen anderen visuellen Ton als die mythologischen Erzählungen der mittleren Episoden, die sich wiederum von den abstrakten, traumartigen Bildern der Kapitel um Delirium unterscheiden müssen. Dave McKean gestaltete die ikonischen Titelbilder aller 75 Ausgaben und verlieh dem Werk eine visuelle Identität, die sich von der des Comic-Innenlebens unterschied, eine Kunstform, die sich auch tatsächlich als Kunst präsentiert.

Die Figur der Death (Morpheus‘ Schwester), die als freundliche junge Frau erscheint und jedem Menschen am Tag seiner Geburt und seines Todes begegnet, ist Gaimans populärste Schöpfung und wird häufig als revolutionär beschrieben. Die Wahl, den Tod als sympathische, zugängliche und liebevolle Gestalt darzustellen, statt ihn als Schrecken oder abstraktes Prinzip zu präsentieren, war sowohl eine theologische als auch eine ästhetisch kluge Entscheidung. Sie unterläuftt die lange Tradition des populären Todes-Diskurses. Wer den Tod nicht fürchtet, weil er ein freundliches Gesicht hat, kann möglicherweise tiefer über ihn nachdenken als jemand, der ihn nur fürchtet.

Death © DC

Die Struktur des Traums

Die formale Struktur Sandmans zählt zu den raffiniertesten erzählerischen Konstruktionen überhaupt. Gaiman setzt auf ein gestaffeltes Konzept: kurze, in sich abgeschlossene Geschichten, die eigenständig funktionieren, eingebettet in längere Erzählstränge, welche wiederum Teil eines übergeordneten narrativen Geflechts sind, das erst im Gesamtbild sichtbar wird. Ein Leser, der Band drei liest, kann jede Geschichte für sich verstehen; wer jedoch alle zehn Bände liest, erkennt das System, das die einzelnen Teile zu einer größeren Einheit verbindet. Diese Struktur ermöglicht eine literarische Tiefe, die ein reiner Serien-Comic nicht erreicht. Sie spricht sowohl Leser an, die nie zuvor einen Comic gelesen haben, als auch jene, die das gesamte Medium bereits kennen, und bietet beiden etwas Passendes.

Gaiman hat mit seinen Werken gezeigt, dass Comics mit der Tiefe und Intensität eines Romans aufwarten können.

Der Handlungsbogen A Game of You, in dem eine Nebenfigur der Serie namens Barbie in ein Traumland gezogen wird, das sie als Kind erschaffen hat und nun zu zerfallen droht, ist das intimste und zugleich formal mutigste Kapitel der Serie. Es handelt von der Verbindung zwischen der kindlichen Fantasie und den Kompromissen des Erwachsenseins. Gaiman schreibt hier mit einer seltenen emotionalen Offenheit, die in anderen, kosmologischeren Kapiteln nicht immer so spürbar ist. Dabei stellt er unbequeme Fragen zu Geschlecht, Identität und Selbstbestimmung, was 1992 innerhalb eines DC-Comics bemerkenswert ist, und verankert das Werk in einem ganz anderen historischen Kontext im Vergleich zu vielen seiner Zeitgenossen.

Das letzte Kapitel, The Wake, vollzieht etwas, das im Comicmedium selten und in der Populärliteratur noch seltener passiert: Es widmet sich der Trauer. Es trauert um Morpheus, der am Ende seines Weges stirbt, weil sein Stolz und seine Unnachgiebigkeit es ihm unmöglich machten zu wachsen, und gibt dieser Trauer die notwendige Zeit und den Raum. Kein Spektakel, keine Auflösung, kein tröstlicher Abschluss. Nur das Gefühl des Verlustes, ausgedehnt über dreißig Seiten hinweg, mit der Würde, die echte Trauer verlangt.

Die Prosa und das Universum

Unter den Autoren dieser Reihe ist Gaiman der einzige, dessen Bedeutung außerhalb des Comicmediums mindestens genauso groß ist wie innerhalb – möglicherweise übertrifft sie dies sogar. Seine Romane, darunter „Good Omens“ (zusammen mit Terry Pratchett, 1990), „American Gods“ (2001), „Coraline“ (2002), „Anansi Boys“ (2005) und „The Ocean at the End of the Lane“ (2013), haben sich international millionenfach verkauft, sind in zahlreiche Sprachen übersetzt und wurden in TV-Serien, Filme und Hörspiele umgewandelt. Diese Reichweite ist für einen Comicautor beispiellos und wirft die Frage auf, wie man Gaiman einordnen sollte: als Comicautor, der auch Romane schreibt, oder als Romancier, der Comics als eines von mehreren Medien nutzt?

Die ehrlichste Antwort lautet: beides trifft zu und die Unterscheidung spielt für Gaiman selbst keine Rolle. Er hat stets betont, dass es die Geschichten sind, die sich ihre Form auswählen, nicht die Autoren. Eine Geschichte kann im Comic besser aufgehoben sein als im Roman und umgekehrt; die Frage nach der Hierarchie dieser Formen ist falsch gestellt. „Sandman“ wäre als Roman nicht dasselbe; seine Bildebenen und visuellen Leitmotive würden innerhalb der Prosa verloren gehen. „American Gods“ würde als Comic nicht die gleiche Wirkung entfalten; seine Weite und Langsamkeit erfordern das Prosaformat. Diese Sensibilität für das Medium als solches ist Gaimans größte professionelle Stärke.

American Gods – Die Theologie der Einwanderer

Neil Gaimans Jugendliteratur, darunter Werke wie Coraline, Das Graveyard-Buch und Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard, verdient besondere Anerkennung. Diese Bücher verdeutlichen einen wesentlichen Aspekt seines Denkens. Kinder benötigen keine vereinfachten Geschichten, sondern die vollständige Erzählung, allerdings in einer für sie verständlichen Form. Coraline ist eine Horrorgeschichte für Kinder, die ihren Schrecken nicht mildert. Sie folgt damit einem Ansatz, der in der Geschichte der Kinderliteratur von den Brüdern Grimm bis Roald Dahl immer wieder verteidigt werden musste: dass Kinder das Dunkle kennenlernen sollten, da sie sonst keine Möglichkeit haben, eine Sprache für die dunkleren Aspekte des Lebens zu entwickeln.

Die Mythologie als Methode

Das verbindende Element in Gaimans gesamtem Werk, ob in verschiedenen Medien, Genres oder für unterschiedliche Altersgruppen, ist die Mythologie als eine Methode der Erkenntnisgewinnung. Gaiman ist der Ansicht, dass alte Geschichten nicht trotz ihrer Andersartigkeit relevant bleiben, sondern gerade wegen ihr. Diese Geschichten sind über Jahrtausende durch menschliche Erzählgemeinschaften weitergegeben worden und haben dabei das über Bord geworfen, was nunnötig ist, während sie das bewahrten, was die menschliche Erfahrung in ihrer tiefsten Form beschreibt. Mythen stellen komprimierte Wahrheiten dar, und die Aufgabe des modernen Autors besteht darin, diese alten Wahrheiten in eine neue Sprache zu übersetzen, ohne dabei ihren Kern zu beschädigen.

Diese Auffassung teilt er mit Tolkien und Lewis, von denen er sie wahrscheinlich auch übernommen hat. Doch Gaimans Umgang mit Mythologie ist weltlicher, pluralistischer und ethnisch vielfältiger als der seiner Vorbilder. Während Tolkien vor allem in der nordisch-germanischen Tradition und Lewis in der christlichen Allegorie verwurzelt war, ist Gaimans mythologisches Repertoire wirklich global. Er schreibt über Anansi, den westafrikanischen Spinnengott, mit derselben Vertrautheit wie über Odin. Dabei ist er überzeugt, dass kein mythologisches System privilegierter ist als ein anderes, da alle aus der gleichen menschlichen Notwendigkeit entstehen: der Notwendigkeit, die Welt durch Erzählungen begreifbar zu machen.

Diese mythologische Herangehensweise hat auch eine psychologische Dimension, die häufig in der Forschung zu seinem Werk hervorgehoben wird und von Gaiman selbst bestätigt wurde. Er sieht Mythologie als kollektive Traumarbeit an. Die Geschichten einer Kultur über Götter und Helden sind eine Verarbeitung ihrer tiefsten Ängste, Wünsche und moralischen Überzeugungen, in einem symbolischen System, das individuelle Überforderung vermeiden hilft. Unter diesem Aspekt ist Sandman ein Versuch, die Traumarbeit des gesamten westlichen Kulturraums auf einmal zu vollziehen.

Ruhm, Komplexität und Verantwortung

Seit den frühen 1990er-Jahren ist Gaiman eine in der Öffentlichkeit präsente Persönlichkeit mit erheblichem kulturellem Einfluss. Er ist ein beliebter Autor, gefragter Redner, bekanntes Twitter-Phänomen und ein Freund von Rockstars und Filmemachern. Diese öffentliche Präsenz hat seine Werke begleitet und wurde von ihm mit einer Professionalität gepflegt, die seinen britischen Ursprung erkennen lässt: immer charmant, zugänglich und dankbar, ohne je arrogant zu wirken. Das Publikum liebt nicht nur sein Schaffen, sondern auch den Menschen, der er zu sein scheint, und für eine lange Zeit war dies eine seltene und glückliche Konstellation.

Im Jahr 2023 wurden gegen Gaiman Vorwürfe des sexuellen Fehlverhaltens laut, die durch weitere Berichte an Substanz gewonnen haben und sein öffentliches Image auf eine scheinbar irreparable Weise beschädigt haben. Diese Angelegenheiten sind zum Zeitpunkt dieses Essays nicht vollständig aufgeklärt und rechtlich noch nicht abgeschlossen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner Karriere kann diese Vorwürfe nicht ignorieren. Gleichzeitig wäre es unangemessen, das künstlerische Schaffen aufgrund dieser Vorwürfe zu beurteilen, da dessen Entstehung vor diesen Ereignissen liegt und seine literarische Qualität nicht durch die biographischen Umstände des Autors beeinflusst wird. Die daraus resultierende Spannung ist unangenehm. Diese auszuhalten, ohne sie in eine der Extreme (weder bedingungslose Anerkennung noch völlige Ablehnung) zu lenken, ist die einzige ehrliche Haltung in dieser Situation.

Das Werk bleibt, was es ist. Was die Person getan oder unterlassen hat, sollte in anderen Foren und basierend auf anderen Beweisen als einem Literaturessay bewertet werden.

Die Bibliothek, die niemals brennt

Im Sandman-Universum gibt es die Bibliothek des Traums, in der nicht nur alle jemals geschriebenen Bücher zu finden sind, sondern auch jene, die niemals das Licht der Welt erblickten, Bücher, die nur in den Köpfen ihrer potenziellen Autoren existierten, aber nie auf Papier gebracht wurden, weil die Autoren starben, aufhörten oder sich für etwas anderes entschieden. Diese Bibliothek verkörpert Gaimans Vorstellungskraft:, sie ist unerschöpflich und in ihrem Potenzial größer als in ihrer Umsetzung.

Neil Gaiman ist mit einem bemerkenswerten Talent gesegnet, aus dieser sltsamen Bibliothek mehr herauszuholen als viele andere, und zwar in einer Form, die von Menschen gelesen, geliebt und weitergegeben wird. Am Ende ist dies die einfachste und wohl genaueste Beschreibung seiner Leistung. Er hat Geschichten ans Licht gebracht, die schon immer existierten, und sie der Welt präsentiert. Er hat gezeigt, dass Comics eine bedeutende Rolle in der Weltliteratur spielen können. Er hat dem Roman bewiesen, dass die alten Götter noch lebendig sind. Er hat der Kinderliteratur gezeigt, dass das Dunkle kein Feind, sondern ein Lehrer sein kann.

Sandman wird so lange gelesen werden, wie Menschen träumen – das heißt, solange es Menschen gibt. American Gods wird jedes Mal einem Einwanderer neue Einblicke gewähren, der ein Land betritt, das ihn nicht erwartet hat. Coraline wird jedem Kind zur Seite stehen, das entdeckt hat, dass die andere Mutter freundlicher erscheint als die echte, und dass diese Freundlichkeit eine Warnung darstellt, nicht eine Sicherheit. Diese Werke sind in ihrer Vollkommenheit unabhängig vom Schöpfer. Das ist, was Literatur ausmacht.

Dagobert Duck – Ein Porträt

Es gibt Figuren in der Popkultur, die so selbstverständlich geworden sind, dass man sie kaum noch hinterfragt. Dagobert Duck gehört zu ihnen.

Der alte Erpel mit Zylinder und Zwicker, der sich kopfüber in seinen Geldspeicher stürzt, ist längst mehr als nur eine Comicfigur. Er ist eine kulturelle Ikone, ein Archetyp, ein Mythos. Doch wie entstand er eigentlich und was macht ihn so besonders?

Um diese Frage zu beantworten, muss man in das Jahr 1947 zurückgehen, in die Werkstatt eines Mannes, der damals kaum ahnte, dass er einen der langlebigsten Charaktere der Comicgeschichte erschuf, Carl Barks.

© Egmont Ehapa

Dagoberts erster Auftritt fand sich in der Geschichte »Christmas on Bear Mountain«, auf Deutsch Die Mutprobe, die im Dezember jenes Jahres erschien. Barks hatte sich an die Aufgabe gemacht, Donald Duck eine neue Figur zur Seite zu stellen, einen wohlhabenden Onkel, der Donald und seine Neffen zu Weihnachten auf sein Schloss einlädt. Dieses erste Bild Dagoberts ist noch weit entfernt von der Gestalt, die wir heute kennen. Ein mürrischer, einsamer Alter, der Weihnachten verabscheut und Menschen meidet.

»Hier sitz ich einsam und verlassen, und Weihnachten steht vor der Tür, grauenhaftes Fest. Wenn’s nur erst vorbei wär, Weihnachten liegt mir nicht. Ich kann niemanden leiden, und mich kann niemand leiden«,

lässt ihn Barks klagen. Schon in diesem ersten Auftritt liegt der Kern des späteren Dagobert. Die Isolation, die Bitterkeit, aber auch der Wille, andere auf die Probe zu stellen, um die eigene Weltsicht bestätigt zu sehen.

Der Name, den Barks ihm gab, war Programm. Scrooge McDuck knüpft unübersehbar an Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte an, jenem geizigen alten Mann, der Weihnachten verachtet. Mit dem schottisch klingenden McDuck verbannt Barks Humor, Tradition und einen Hauch Exotik. In Deutschland machte Erika Fuchs aus Scrooge McDuck Dagobert Duck.

© Egmont Ehapa

Sie fand in der Historie den Namen eines merowingischen Königs, der im Deutschen zugleich altmodisch, gewichtig und leicht komisch klingt. Fuchs‘ Übersetzungen machten nicht nur Dagobert, sondern das gesamte Entenhausen für Generationen deutsche Leser zu einem literarischen Erlebnis. In dieser frühen Phase war Dagobert aber noch keine Hauptfigur. Er war Randgestalt, eine Art Karikatur des grieskrämigen Alten.

Es brauchte noch einige Jahre, bis er das Zentrum einer Erzählung bilden sollte. Der Wendepunkt kam 1952 mit »Only a poor old man«, auf Deutsch Der arme reiche Mann. Hier war Dagobert zum ersten Mal der Protagonist einer längeren Geschichte. Carl Barks erinnerte sich später.

Sie schrieben, fragten mich, ob ich einen 32-seitigen Dagobert-Comic machen würde. Niemand wusste, woher er kam. Also dachte ich, na ja, ich werde einfach ein bisschen darüber schreiben, woher er kam, wie er seinen Reichtum angehäuft hat und wie er ihn zu schützen gedenkt.

In dieser Geschichte kämpft Dagobert nicht nur gegen die Panzerknacker, sondern auch gegen Naturgewalten, um seinen Geldspeicher zu verteidigen. Damit setzte Barks die Grundlage für die Figur. Reich, verletzlich, findig, zugleich Opfer und Sieger.

Der Geldspeicher wurde zum Schauplatz, der ihn definierte. Barks sagte dazu:

»Die Tatsache, dass Dagobert reich war, war der Auslöser für alle weiteren Entwicklungen. Ich habe ihn nach und nach reicher und reicher gemacht. Dann musste ich einen Ort entwickeln, an dem er das Geld aufbewahren konnte.«

Doch Geld ist für Dagobert kein abstrakter Wert. Es ist Erinnerung. In den Geschichten wird deutlich, dass er jede Münze kennt, jede Banknote mit einer Anekdote verbinden kann. Jahrzehnte später schrieb ein Fan im Internet,

er liebt sein Geld so sehr, weil er sich daran erinnern kann, wie er jede Münze verdient hat. Jedes Geldstück in diesem Speicher ist eine Erinnerung für ihn.

Dieser Gedanke ist zentral. Dagoberts Speicher ist kein Hort der Gier, sondern ein Archiv der eigenen Biografie. Das zeigt sich auch in Geschichten wie »Back to the Klonedike«, auf Deutsch Wiedersehen mit Klondike, von 1953, in der Dagobert an die Städte seiner Jugend zurückkehrt. Hier begegnet er Glittering Goldie, auf Deutsch Nelly, der Sängerin, die einst sein Herz berührte. Diese Episode offenbart eine weiche Seite, den sentimentalen Romantiker, der im Wettlauf um Reichtum auch persönliche Bindungen verlor.

© Disney

Don Rosa griff diesen Faden Jahrzehnte später auf und machte Nelly zu einem Schlüsselmoment in Dagoberts Leben, zum Symbol für alles, was er opfern musste. Noch deutlicher wird seine Philosophie in »The Fabolous Philosophers Stone« von 1955.
Auf der Suche nach dem Stein der Weisen erkennt Dagobert, dass grenzenloser Reichtum den Wert des Reichtums vernichtet. Geld hat nur Bedeutung, wenn es erarbeitet, erkämpft, verdient ist. Barks betonte in einem Interview:

»Ich habe mir Dagobert nie als Millionär vorgestellt, der sein Geld durch die Ausbeutung anderer Menschen verdient hat. Ich habe absichtlich versucht, es so aussehen zu lassen, als ob Onkel Dagobert das meiste seines Geldes in den Tagen verdient hat, als man noch in die Berge gehen und Gold finden konnte.«

Dieser Satz zeigt, dass Dagobert nicht als Ausbeuter gedacht war. Sein Reichtum ist ein Symbol für Abenteuergeist, Fleiß und Cleverness. Eine kapitalistische Utopie ohne die Schatten der Ausbeutung. Mit diesem Ethos wurde Dagobert auch für Leser sympathisch. Er ist zwar knausrig, aber seine Knausrigkeit ist eine Pose, ein Schutzschild. Hinter ihr steckt Stolz auf das, was er selbst geleistet hat.

Er ist der Selfmade Man in Entengestalt, der Mythos vom Aufstieg aus eigener Kraft. Nach Barks übernahmen andere Künstler die Figur, doch keiner prägte sie so stark wie Don Rosa. In den 90er Jahren schuf er den Zyklus The Life and Times of Scrooge McDuck. Sein Leben, seine Milliarden. Indem er Dagoberts Leben von der Kindheit in Glasgow bis zu seinem Ruhestand in Entenhausen nachzeichnete. Ein schieres Meisterwerk.

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Don Rosa sagte, alles, was ich tat, baute auf Barks Fundament auf.

Er hat Scrooge geschaffen. Ich habe nur versucht, die Details auszufüllen, die er angedeutet hat. Diese Geschichten machten aus Dagobert endgültig eine epische Gestalt.

Sie zeigen den harten Jungen, der in Schottland als Schuhputzer seine ersten Münzen verdient, den jungen Mann, der in den Klondike zieht, den einsamen Abenteurer, der Reichtum anhäuft und zugleich das Leben verpasst. Don Rosa inszenierte ihn als tragischen Helden, der alles gewann und zugleich viel verlor. Gerade in Europa fanden diese Geschichten ein riesiges Publikum.
Während Disney-Comics in den USA eher als Kinderkram galten, wurden sie in Deutschland, Italien oder Skandinavien ernsthaft gelesen. Don Rosa wurde hier gefeiert wie ein Popstar. 1999 etwa tourte er durch Deutschland und die Fans standen stundenlang Schlange für ein Autogramm. Das zeigt, wie stark Dagobert in Europa verankert ist.

Ein Grund dafür ist sicherlich Erika Fuchs. Sie gab der Figur im Deutschen nicht nur ihren Namen, sondern eine Sprache, die ihn zu einer literarischen Gestalt machte. Fuchs übersetzte nicht wörtlich, sondern kreativ, durchsetzt mit Zitaten aus Schiller, Goethe oder Kant. Dadurch bekam Dagobert eine Stimme, die zugleich komisch und gebildet klang, eine Verbindung, die in Deutschland ganze Generationen prägte.

Dagobert ist aber nicht nur eine Figur der Comics. Er wurde zur Inspirationsquelle der Popkultur. George Lucas und Steven Spielberg erklärten, dass die berühmte Felsbrocken-Szene in Indiana Jones, Jäger des verlorenen Schatzes, direkt von einer Barks-Geschichte übernommen wurde. In »The Seven Cities of Cibola«, zu Deutsch Die sieben Städte von Cibola, rollt ein riesiger Stein durch einen Tempel, fast identisch mit der Filmszene.

Die sieben Städte © Egmont Ehapa
Die sieben Städte © Egmont Ehapa

Dagobert wurde damit zu einem modernen Mythos, der sogar Hollywood prägte. Man darf auch die Symbolik des Geldspeichers nicht unterschätzen. Er ist ein absurdes Gebäude, überdimensioniert, lächerlich und zugleich erhaben. Für Kinder ist er ein Traum, für Erwachsene eine Satire, für Dagobert selbst eine Kathedrale.

Don Rosa sagte einmal, der Speicher sei Dagoberts Seele in Stein und Mörtel. Ein Tempel, in dem er nicht den Mammon anbetet, sondern die eigene Vergangenheit. Was bedeutet das für unsere Sicht auf Reichtum? Dagobert verkörpert eine Idee, die heute völlig naiv wirkt: dass man durch harte Arbeit und Abenteuer reich werden kann, ohne andere auszubeuten. Er ist der gute Kapitalist, der gerechte Millionär. Das macht ihn sympathisch, aber auch märchenhaft unrealistisch, weil es anständige Millionäre nun einmal nicht gibt. Das ist so, als würde man nach einem liebenswürdigen Mörder suchen.

Vielleicht liegt darin seine Faszination. In einer Welt, in der reale Milliardäre mit Raketen ins All fliegen, wirkt ein alter Erpel, der in Münzen schwimmt, fast prophetisch. Eine Parodie, die zur Wahrheit geworden ist. Gleichzeitig ist er ein tragischer Held. Denn sein Reichtum ist auch seine Einsamkeit. Er sitzt allein auf seinem Geld, misstraut allen, klammert sich an die Vergangenheit. Viele Geschichten enden mit einem Bild, das ihn allein im Speicher zeigt, während die Münzen durch seine Finger rieseln. In diesen Momenten erkennt man, dass Dagobert mehr ist als ein Gag. Er ist eine Figur, die etwas über uns erzählt, über den Preis des Erfolgs, über die Sehnsucht nach Erinnerung, über den Wert von Geschichten. Heute ist Dagobert längst Teil der Meme-Kultur, der Pop-Analysen, der Kunst.

Sein Bild taucht in Streetart auf, in Essays über Kapitalismus, in Karikaturen über Reichtum. Er ist Symbol und Satire zugleich. Aber er ist auch eine Figur, die Kinder nach wie vor lieben, weil sie Abenteuer verspricht, Schatzsuche, ferne Länder, wilde Mythen.

Vielleicht ist es diese Doppelbödigkeit, die ihn unsterblich macht. Für Kinder ist er ein Schatzsucher, für Erwachsene ein Spiegel der Gesellschaft, für Künstler eine Quelle der Inspiration. Und für alle zusammen ist er einfach Dagobert, der alte, eigensinnige Erpel, der in Gold schwimmt und doch nie aufhört, nach dem nächsten Regenbogen zu suchen.

Am Ende bleibt Dagobert ein Paradox. Er ist Ebenezer Scrooge und doch sein Gegenteil, ein Geizhals mit Herz, ein Abenteurer mit Misstrauen, ein Kapitalist mit romantischer Seele. Vielleicht ist er deshalb so zeitlos. Denn er zeigt uns, dass Reichtum, Abenteuer und Erinnerung untrennbar miteinander verbunden sind. Und dass kein Gold der Welt über das hinwegtrösten kann, was man unterwegs verpasst hat.

Und wenn er am Ende einer Geschichte wieder in seinen Speicher steigt, die Münzen durch die Finger gleiten lässt und leise seufzt, dann spüren wir etwas, das über jede Pointe hinausgeht. Hier spricht ein Mythos zu uns, der von uns allen handelt.

Micky Maus als Ermittler

Micky als Ermittler

Eine Maus, die gar nicht als Detektiv gedacht war

Micky Maus war ursprünglich gar nicht als Detektiv vorgesehen. Als Walt Disney sie 1928 ins Leben rief, war sie als freche und anarchische Figur ausgelegt. Steamboat Willie zeigt uns einen ungestümen Abenteurer, der ein Dampfschiff kapert und Tiere auf kreative Weise in Musikinstrumente verwandelt. In den frühen Kurzfilmen der späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre verkörpert Micky eine impulsive, fröhliche und einfallsreiche Persönlichkeit, die an Figuren wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton erinnert, also weit entfernt ist von einem Sherlock Holmes.

Frühe Micky Maus-Skizzen
Frühe Micky Maus-Skizzen via https://d23.com © Disney

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Bratziges Silber

Seit geraumer Zeit bin ich aller Menschen befreit, ich treffe sie nur noch als Kulisse an, um der Stadt das Antlitz des Lebens zu verpassen. Ich erkenne starre Gesichter, wenn ich sie sehe. Allein seit die VERANDA existiert hat es sich die Welt nicht nehmen lassen, mehrmals ihr Gewand so zu verändern, dass nicht mal ihre Mutter sie widererkannt hätte. THE GERMAN ANGST IS IN YOUR FACE, graviert, nur der Henkel freigestellt. Ein bratziges Silber.

Nun denkt man, dass dies einst eine Seite der Muse, der Literatur war, Dinge, die man nicht einfach verhungern lässt, man quält sie. Man zieht die Substanz aus allem Gesagten durch Konterkorrektur. Man spricht in den leeren Raum (ich spreche gerade in den leeren Raum, der Schatten der Modulation kehrt an mein Ohr zurück), stellt die ein oder andere Frage an das Nichts. Wo sind alle?

Monochrom begründet

Was folgt, ist dann eine Rückschau, ohne aber zu verweilen. Man kann irgendwo hingelangen, wo es einen inneren Frieden gibt, so der Volksmund, der längst zahnlos in den wenigen Sträuchern hockt, die ihm von einem Finsterwald noch geblieben sind. Aber es sagte dieser Mund, dass man gar nicht so weit laufen muss, dass man möglicherweise sogar schon da ist, und falls nicht … hat das guten Grund auf gutem Grund (monochrom begründet).

Ich fleddere ja jetzt – oh weh – die Tiefenerinnerungen, die in Comics verankert sind. Es wäre eins, ein Medium nicht zu kennen, aber es ist ein anderes, ein Medium komplett zu ignorieren. Stellt sich die Frage: wie kann man sich vernünftig über eine bunte Abfolge an Bildern unterhalten, wo Mäuse und Enten ins Universum fliegen oder sogar einst Pharaonen waren?

Gar nicht. Das ist der völlig falsche Weg. Manchmal kann man durch einen Schuss zurückerinnert werden. Zum Beispiel, als es Familie tatsächlich gab. Es wuselten zumindest viele Leute herum.

Es gibt eine gewisse Einsamkeit, die man erst dann empfindet, wenn man in einen blauen Himmel schaut.

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