Schwerkraft zum halben Preis

Nebenan, beinahe in der Hinterstube, so aber doch noch im Wintergarten, verkaufte Frau Emsrente Schwerkraft zum halben Preis. Es ist da in den letzten Jahren gehörig etwas ins Wanken geraten, und da man zu keinem Zeitpunkt wusste, was Schwerkraft überhaupt ist, wusste freilich auch niemand, wie man ihr Fehlen kompensieren sollte. Aber Frau Emsrente hatte einen Schwerkraftmixer, eigentlich ein zylindrisches Haushaltsgerät, das von außenliegenden Solarringen umschlossen wurde, und auf dessen Innenseite eine mit Sauerstoff gefüllte Biosphäre angelegt war.
Man kaufte Frau Emsrentes Schwerkraft, wenn man etwas im Umland Spazierengehen wollte.

Der Troubadour, die Kaltmamsel, und die Dame

Der Troubadour kniet nieder, greift ihre Hand mit wonnevollem Blick, der dem Ausdruck höchster Pein in nichts nachsteht, so als wäre er mit dem offenen Schneid des Tuzakmessers geeint.
„Meine Dame“, knistert es aus seinem Hals. „Meine Dame – ich bin Ihr ergebener Diener, völlig fertig bin ich, aber Ihr Diener!“
„Hast Du das gehört, Mamsell“, sagt das engelsgleiche Geschöpf. „Er sagt, er sei mein Diener!“
„Das sagt der doch nur so, das meint der doch nicht.“
„Aber ich meine es! Im Staub mein Knie, so schaut!“ ruft der Versemacher und plärrt, die freie Hand auf die Brust gelegt und einen Kropf blasend, los:

Nichts schimmert mehr, wenn es Dein
Antlitz ergafft, das so hell
wie die Sonne es neidet!
Nichts glimmt in den Feuern der
Kesselkanonen, die Gulasch
den Marschallen brühen…

„Jetzt seien Sie aber start! das Mädel erschrickt ja, wenn Sie so einen Käse herumbrüllen – und rot wird sie nicht, weil Sie ihr schmeicheln, sondern weil jeder zuschaut, wie sie da mit Ihrem Flickenteppich an ihre Hand wie einen abgeschlagenen Hühnerkopf halten! Haben Sie keine Heimstatt?“
„Meine Heimstatt ist das Herz der Dame und nur für sie will ich verdampfen im Nebel, der aufsteigt und die Lust mit sich hinan nimmt in den Himmel, der…“
„Jetzt geh, sag doch Du auch mal was!“ unterbricht die Kaltmamsell das mit allerhand Spuckwerk einhergehende Liebesgeschnurre.
„Was soll ich denn sagen. Er liebt mich halt.“

Gliese 581 c

Es ist der Sog der großen Städte, deren Gravitation auf die feinen Geister wirkt und sie schließlich zerstört. Verlorenheit ist im Tumult besser zu ertragen, als unter der schweren Last vom Blitz getroffener Schneisen, Flurschäden, den Monokulturen der Einzugsgebiete. Die Natur repariert nicht, sie reißt alles ein. Die Feuer brennen, gezähmt vom Verwaltungsapparat der Vernunft, in den ausbetonierten Kuhlen, in fremde Bahnen gelenkt (wie auch das Wasser, das jene Planeten begattet, die in einer abgewogenen Entfernung um ihre Sonne kreisen) – auserkoren, das Leben zu bergen, das andere jagen – schlüpfirg, aus dem Urnest gespeichelt. Gesucht werden Aminosäuren, zuletzt gesehen auf der Erde (und auf Gliese 581 c).

Mistsudel

Neben den Bachrunsen biegen sich bucklig die Zweige der Lärchen mit ihrem Säbelwuchs. Sie bedecken mit ihrer Dachung das Blattgefieder, vernähen anhand ihrer grünen Nadeln den blauen Himmel mit dem Ende ihres dreckigen Saums. Und der Ort erscheint mir wie mit Schritten abgemessen, zurückgelassen für ein anderes Ziel vor Ewigkeiten. Für das Ziel, zu bleiben. Endet der Horizont, weicht man aus in ein nächtliches Dasein, beendet den Mistsudel der Realität mit der einfachen Gabe, sich ausknipsen zu können.

Das unzerbrochene Kirschglas

…. rasch rasch: die Über=raschung; schneller schneller ge=schnellt; mach auf! was ist da drin? Spiel des Schicksals: rot (oder): rot (oder): die Kiste (es sind noch immer Kisten, Fässer !); knarr knarr geht auf, überhäuft der Augen reifen Schauder mit Kinkerlitz, der dicker mästet, als in der Kiste Innen=Raum Platz gewesen wäre. 1 Trost: wie tröstet man ? – die Wolken zaudern nieder, interrupt=pausierend, wenn dann: rasch rasch die Über=raschung. So geschah’s im Keller: ich stand bloß da, um die Kirschen zu stehlen, die Steine zu spucken, weil sie so menschensüß. Im Regal: was Du köpfst – und sey es noch so groß – verzehre ! – trinke aus dem Hals das sprudelnde Bächlein Naab, den eingemachten Saft …. rasch rasch : es rasch=schellen die Hände am Klavier : Ding=Dong ! – es läutet, wenn das Weck=Glas fällt, zerbricht; es weckt jetzt: die schon schlafen sind, die jetzt schon liegen, schlafen wollen (kommt auf die Uhrzeit an: ein jeder hat sie an der Hand, doch in der Hand sie niemand.). Der elende Fant steht schlemmend, hemmungslos vor: Truhe & Regal; er reckt sich nicht, Glas regt sich nicht – und alle schlafen weiter oder ein.

Die Geröllhalden von Herculaneum

Langform

Ich greife vor und sehe bereits die ganze Erzählmaschine anrumpeln und abraspeln, was dann in diesen ledernen Teig fällt. Ich sehe dich gehen, ich sehe dich gegangen, ich weiß nicht wann, noch weiß ich wo. So suche ich, ohne mich augenscheinlich zu bewegen, vor (der) mir, hinter mir – gilt nicht – ich komme! Die vertrunkene Löblichkeit des Scheiterns, fern von Sternen angereist, namenlos. Forscher Hemdentausch. Gartentanz Regenbalz. Kümmergrund im Regen, abfallwärts auf Stelzen gehen, Born-Ritter wachen nahe der geliebten Stadt, und brennende Vehikel rudern abwärts zu den Lagern. Die Geröllhalden von Herculaneum, Lava und Bimsstein in antiker Trockenheit, die Gefangenen erbauen hohe Gerüste mit ihrer Brust, ihren Schenkeln, den Armen. Mit den Fingern im Blut fremder Namen klingen die Jahrtausende an. Wer den Staub rieseln sieht, bekennt seine Torheit, spricht in Lumpen vor, erhofft das Getränk so weiter fremder Welten, die still im Nichts sich regen.

Wie ein unbewusster Nebel werde ich auftauchen, die Stimmen gleich hinter mir, nahe bei den Gestaden, die ich bewandle. Finde mich dort, Wanderer, auf der Suche nach den Stimmen, die dir sagen, was ich dir sage. Die Stimmen gleich hinter mir, von Eros und Thanatos, den Mysterien der Wirklichkeit. Der Nebel voller Licht, darin die Gewalt eines rein fließenden Chaos, Auftrieb, Abtrieb. Geschmeidiges Sein durchwebt die Stille. Ich sage : »Still jetzt!« Da du das Gespenst bist, das sich im Walde verirrt, da du der Bach bist, der neben mir geht. Ich fand die frisch erworbene Demut an meiner linken Seite herabtropfen, blutendes Weideland. Ich fand dich stehend; da du wie das Holz gekleidet warst, folgte ich dir. An den blitzenden Augen vorbei kam ich hinter dir her, verlor deinen Rücken. Auf den Fersen gehend sprengte Zeit aus dem weichen Boden, als wäre es noch dunkler geworden da im Nest. Das schwarze Licht verblasst zu hellem Grau, dunklem Weiß, vernebeltem Gelb, das aus der Erde sticht.

Pferdeköpfe aus Raha dachten Geister in die Wüste. Das Wallen der Mähne gestaltete sich ganz so, als könnte sie berührt werden. Freilauf der inneren Bilder. Im Schlaf erkannte er den Schatten der Besiegten, wie er um einen Kenotaphen hing, die Gebeine der Gefallenen ruhten nicht hier. Sie alle wurden dreimal beim Namen genannt und eingeladen, ihren Geist hier einziehen zu lassen. Er blickte auf den Sündenbock, der zugleich von diesem Heer der vielen Völker als Lichtgestalt gepriesen wurde, den Löwen der Völker, der jetzt verstummt. Er war das Krokodil in den Seen, hatte die Flüsse auf gepeitscht, das Wasser mit seinen Füßen verschmutzt, die Fluten aufgewühlt. Sein Fleisch wurde auf den Bergen ausgelegt und die Täler mit seinem Aas gefüllt, das Land ertrank unter der Flut seines Blutes und Finsternis legte sich darüber. Das Schwert von Babel war über den Fürsten von Rosch, Meschech und Tubal gekommen. Zyklopenhafte Wände und Mauerzüge im modellierenden Licht unsichtbarer Scheinwerfer überschwemmten das Bild der öden Wüste, deren Sand ockerfarben vom Blut in der plötzlichen Dunkelheit erkaltete. Eine seltsam bannende Kraft lag in diesen Mauerresten. Erdmasse aus Mergel. Treppenstufen ungeduldiger Habgier. Nymphen, Faune und Mänaden, ein Satyr auf einem Esel reitend, pralle Hüftstücke unbekleideter Damen in tolldreisten Spiegeln. Vollsaftige selige Ekstase folgte dem Tod, Perlhühner und Wägelchen mit Weintrauben gespannt. Enten, Pfaue, Feigenbäume. Säulen, Kapitelle, Gesimse, Grabdenkmäler, Reliefs und Skulpturen verschwimmen mit traumhaften Symbolen. Und immer wieder Pferdeköpfe, hetzend durch ein Nebelband, Schaum auf ihrem Geschirr, die Trense gespannt, die Augen konzentriert und starr. Diesmal änderte sich der Rhythmus ihrer Bewegung, die Pferde waren Isländer und ihre schnelle Gangart war der Tölt. Vor ihnen gab es nichts als eine große, gähnende Schlucht, Ginnungagap. Hier in dieser gewaltigen Leere, mitten zwischen Licht und Dunkel, sollte alles Leben seinen Anfang nehmen in der Begegnung zwischen Eis und Feuer. Langsam begann der Schnee zu schmelzen, geformt von der Kälte, aber von der Hitze zum Leben erweckt entstand ein seltsames Wesen, der Größte aller jemals existierenden Riesen mit dem Namen Ymir.

Dreh- und Engelpunkt

Das Bett ist der Ort, an dem man liebt und träumt, die wahre Werkstätte der Literatur, des Dichters eigentliche Heimat, oh Hesperos, Sohn der Eos, sanft und bescheiden und errötend wie ein junges Mädchen, dein Renaissance=Bett im wunderbaren Drang der Liebe, Trank der Liebe, graublaue Augen, oh Mensch, so graublaue Augen, ich kann doch kaum aus meinen Tagen heraus=sterben in die Nächte hinein, Wollust nämlich, Hort der Auflösung, ich kam nackt aus meiner Mutter und trat der Göttin vor den Schoß, steige herab in meine grünen Auen, direkt hinein in mein Gebett im Beet von Aprikosen und Nelken, der Erkenntnisquelle Tod und Thor Geburt und Thor, hold Kreuzungspunkt der Sinne. Sie hat immer da gestanden, am Brunnen. Sie hat dann immer gewunken, am Stall, ging wieder ins Haus und erschlug heimlich Fliegen. Die legte sie in Reih und Glied neben ihre Groschenromansammlung, gegenüber polterte die Tür in den Engeln (Dreh- und Engelpunkt).

Standort : Selb-Plößberg 1981, in einem fremden Garten traf ich Knabe eine junge Frau.

Der Zuchtstuten Zunder

Unser möbliertes Appartement. Zement und Plüsch, eine Achtzigerjahre-Höhle mit grellen Teppichen.

Nichts gehört uns hier, oder dir.
Nichts hört auf uns, oder dich.

Nichts hätte ich über dich, Lustloch, zu sagen, wenn nicht hier auf dem Abort das erste vieler saftiger Ereignisse geschehen wäre, meine Hand, potzblitz, konnte so viel des saftigen Lebens gar nicht halten, wie es sprang, über mich hinweg sprang, an den Kacheln klebte, rann rann, über die Finger rann, auf das Bodenplüsch regnete, das ich nach dem Baden zusammenknüllte wie nachts die Bettdecke, das Kopfkissen.
Die junge Frau, die mit Ludwig jeden Abend im Schlafraum verschwand : ich auf der Couch vernahm das Röhren der Hirsche, das Zwitschern der Vögel. Sie besaß schöne, schwarze Netzstrümpfe, die ich heimlich, heimelig in dir Lustloch trug, mein Arm die neue Belastung herrlich fand, und eines Tages (in der Nacht des Tages) schlug ich die Augen auf, die Blase drückte, ich blies, ich blies die Lichter an, zählte auf dem Boden Höcker um Höcker, zwischen denen ich wandelte in einem Fleischmeer, sog den Schweiß des femininen Stalls, der Zuchtstuten Zunder für immer in mein Gedächtnis.

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