Einen Körper haben bedeutet: Raum; im Raum sein. Leiber, die wir sind, sind wir der Ort, zu dem wir gehen, sobald es unsere Schuhe zulassen, die vergänglich sind. Unter verschiedenen Umständen gleichbleibende Tätigkeiten, die von den jeweiligen Inhalten völlig unabhängig sind, eine senkrechte Achse also, kein System, keine logische Folgerung, Brutschutz und Adaption des Unsagbaren, gerne ein Schloss, auf die Zähne gebaut, güldene Zopfprinzessinnen darin einquartiert, oder eine Hunde- und Pellkartoffelzucht zugelassen. Sie wissen es wahrscheinlich besser als ich: man wird sich nicht für etwas entscheiden, vor allem deshalb nicht, weil noch nie darüber in den alten Dampfkesseln, dem Urquark, gesprochen worden ist, eine Einigung stets zweifelhaft, ein Ehering ist nicht schlechter als ein Gebiss, nach alter Herren Sitte geschmiedet.
Kategorie: Hundertprosa
Gezirp schüchterner Lippen
Trümmer des Schlafs
Trümmer des Schlafs: ich komme hoch, zerteile die Oberfläche (noch nicht), sehe ein abgeschmacktes Licht, einen wartenden Tag, er wälzt wälzt wälzt sich, im Bett, der Tag, und träumt, hält fest an dem Traum, der Wahnsinn; du Wahnsinniger! (auch ich bin ständig mit dem Trommelrevolver unterwegs). Nein, ich fasse mich an, der Instinkt des Traumes ist stets erotisches Schweinelager, stets voll … und voll … die Laken: stinkendes, krustiges Blut – und Nahrung (oder Rätsel). Das Fass, das der Böttcher botticht hat nichts zu tun mit dem Böttcher, der den Bottich fasst.
Trümmer des Schlafs weiterlesenKafkas Prag
Gliese 581 c
Es ist der Sog der großen Städte, deren Gravitation auf die feinen Geister wirkt und sie schließlich zerstört. Verlorenheit ist im Tumult besser zu ertragen, als unter der schweren Last vom Blitz getroffener Schneisen, Flurschäden, den Monokulturen der Einzugsgebiete. Die Natur repariert nicht, sie reißt alles ein. Die Feuer brennen, gezähmt vom Verwaltungsapparat der Vernunft, in den ausbetonierten Kuhlen, in fremde Bahnen gelenkt (wie auch das Wasser, das jene Planeten begattet, die in einer abgewogenen Entfernung um ihre Sonne kreisen) – auserkoren, das Leben zu bergen, das andere jagen – schlüpfirg, aus dem Urnest gespeichelt. Gesucht werden Aminosäuren, zuletzt gesehen auf der Erde (und auf Gliese 581 c).
Mistsudel
Neben den Bachrunsen biegen sich bucklig die Zweige der Lärchen mit ihrem Säbelwuchs. Sie bedecken mit ihrer Dachung das Blattgefieder, vernähen anhand ihrer grünen Nadeln den blauen Himmel mit dem Ende ihres dreckigen Saums. Und der Ort erscheint mir wie mit Schritten abgemessen, zurückgelassen für ein anderes Ziel vor Ewigkeiten. Für das Ziel, zu bleiben. Endet der Horizont, weicht man aus in ein nächtliches Dasein, beendet den Mistsudel der Realität mit der einfachen Gabe, sich ausknipsen zu können.
Das unzerbrochene Kirschglas
…. rasch rasch: die Über=raschung; schneller schneller ge=schnellt; mach auf! was ist da drin? Spiel des Schicksals: rot (oder): rot (oder): die Kiste (es sind noch immer Kisten, Fässer !); knarr knarr geht auf, überhäuft der Augen reifen Schauder mit Kinkerlitz, der dicker mästet, als in der Kiste Innen=Raum Platz gewesen wäre. 1 Trost: wie tröstet man ? – die Wolken zaudern nieder, interrupt=pausierend, wenn dann: rasch rasch die Über=raschung. So geschah’s im Keller: ich stand bloß da, um die Kirschen zu stehlen, die Steine zu spucken, weil sie so menschensüß. Im Regal: was Du köpfst – und sey es noch so groß – verzehre ! – trinke aus dem Hals das sprudelnde Bächlein Naab, den eingemachten Saft …. rasch rasch : es rasch=schellen die Hände am Klavier : Ding=Dong ! – es läutet, wenn das Weck=Glas fällt, zerbricht; es weckt jetzt: die schon schlafen sind, die jetzt schon liegen, schlafen wollen (kommt auf die Uhrzeit an: ein jeder hat sie an der Hand, doch in der Hand sie niemand.). Der elende Fant steht schlemmend, hemmungslos vor: Truhe & Regal; er reckt sich nicht, Glas regt sich nicht – und alle schlafen weiter oder ein.
Dreh- und Engelpunkt
Das Bett ist der Ort, an dem man liebt und träumt, die wahre Werkstätte der Literatur, des Dichters eigentliche Heimat, oh Hesperos, Sohn der Eos, sanft und bescheiden und errötend wie ein junges Mädchen, dein Renaissance=Bett im wunderbaren Drang der Liebe, Trank der Liebe, graublaue Augen, oh Mensch, so graublaue Augen, ich kann doch kaum aus meinen Tagen heraus=sterben in die Nächte hinein, Wollust nämlich, Hort der Auflösung, ich kam nackt aus meiner Mutter und trat der Göttin vor den Schoß, steige herab in meine grünen Auen, direkt hinein in mein Gebett im Beet von Aprikosen und Nelken, der Erkenntnisquelle Tod und Thor Geburt und Thor, hold Kreuzungspunkt der Sinne. Sie hat immer da gestanden, am Brunnen. Sie hat dann immer gewunken, am Stall, ging wieder ins Haus und erschlug heimlich Fliegen. Die legte sie in Reih und Glied neben ihre Groschenromansammlung, gegenüber polterte die Tür in den Engeln (Dreh- und Engelpunkt).
Standort : Selb-Plößberg 1981, in einem fremden Garten traf ich Knabe eine junge Frau.
Der Zuchtstuten Zunder
Unser möbliertes Appartement. Zement und Plüsch, eine Achtzigerjahre-Höhle mit grellen Teppichen.
Nichts gehört uns hier, oder dir.
Nichts hört auf uns, oder dich.
Nichts hätte ich über dich, Lustloch, zu sagen, wenn nicht hier auf dem Abort das erste vieler saftiger Ereignisse geschehen wäre, meine Hand, potzblitz, konnte so viel des saftigen Lebens gar nicht halten, wie es sprang, über mich hinweg sprang, an den Kacheln klebte, rann rann, über die Finger rann, auf das Bodenplüsch regnete, das ich nach dem Baden zusammenknüllte wie nachts die Bettdecke, das Kopfkissen.
Die junge Frau, die mit Ludwig jeden Abend im Schlafraum verschwand : ich auf der Couch vernahm das Röhren der Hirsche, das Zwitschern der Vögel. Sie besaß schöne, schwarze Netzstrümpfe, die ich heimlich, heimelig in dir Lustloch trug, mein Arm die neue Belastung herrlich fand, und eines Tages (in der Nacht des Tages) schlug ich die Augen auf, die Blase drückte, ich blies, ich blies die Lichter an, zählte auf dem Boden Höcker um Höcker, zwischen denen ich wandelte in einem Fleischmeer, sog den Schweiß des femininen Stalls, der Zuchtstuten Zunder für immer in mein Gedächtnis.
Ein Eintopf voller Rätsel
Das ist alles, was wir spüren: diese Erde, dieses alte Fleisch, durch unsere Fußsohlen bis nach oben, wer weiß, wohin.
Die Schlangenenergie, die sich das Rückgrat hinaufschiebt, Hitze aufstaut, auch auf dem kühlen Boden, auch auf dem nassen Boden. Ihre Täler sind unsere Täler, wir füllen den Raum um ihr Humus-Rund herum mit aberwitzigen Geschichten, mit hohen Sprüngen und einer Menge gebrochener Knochen. Das einzige, das am Abend übrigbleibt, sind gewaschene Füße. Von den Spuren im Haus bleiben nur die Abdrücke vor der Tür, die sich bereits mit Wasser füllen, einen Trog formen, aus dem die wilden Hunde trinken, die man gerne irrtümlich im Abendnebel für Wölfe hält. ›Sauhundgrausen‹ ist das Wort für dieses Wetter, den ganzen Tag überschwänglich schön und am Abend so, als schütteten sämtliche Dämonen der Umgebung ihren Eintopf auf die Straße. Einen Eintopf voller Rätsel.
Der Himmel zieht sich zusammen, es brennt lichterloh in fetten Farben. Sebastiana ruft: »Adam!«
Es wird regnen, es wird donnern, es wird blitzen. Adam ist hinausgegangen, er ist unter den Himmel getreten. Das Gras im Saft, die Welt im Wachstum, die Wolken abgerissen, herausgeschleudert aus dem Teig, der in der Erdschüssel gärt. Die Erde eine Schüssel, kein Kreis, keine Kugel, kein Ei.
Man hört es schon. Ein mächtiger Gott trampelt die Stufen hinunter und schlägt die Türen zu, saugt seinen Blasebalg randvoll mit photosynthetischen Abfällen, atmet aus. Wind zieht auf, die Blätter twisten. Äste schlagen um sich, zürnen ihren Stämmen. Blumen verneigen sich, rot, gelb, blau. Adam hört : »Adam!« durch den Muttermund formuliert.
»Sieh doch, Mutter, ein Gesicht!«
Die Wolken malen, was sie wollen. Du wirst nass, die Wäsche wird nass.
»Komm rein und bring die Wäsche mit!«
Als ob ein Hammer auf die Bergkämme schlägt, ein Meister der Skulpturen. Wer hat dieses Bild in den Himmel gemalt, wer hat so ein Antlitz je mit eigenen Augen gesehen, vom Feuerrot umzingelt wie die wunderliche Walküre, die dem Einen harrt. Der Wind bläst die Laken vom Gestänge, pfeift polyphon auf allen Flöten des Pan das Lied einer Begegnung. Die Mädchen holen Wäsche ein und decken Töpfe zu. Die Gärten werden abgesperrt, die Läden schon geschlossen. Nur Adam kann sich nicht lösen und sieht zum Himmel auf, erblickt dort seine Vergangenheit. Er ahnt etwas für seine Zukunft. Das Gesicht hat Bestand, auch wenn alles andere flüchtet. Sebastiana bewegt stumm ihre Lippen, wie vor seiner Geburt, die Lippen: »Die Wäsche wird nass und du wirst nass!«
Am 25. Januar 1788 erhielt der Feldjäger Geyer den Auftrag, mitten im Winter bei tiefstem Schnee die Jagdtrophäen von Kaiserhammer über Bayreuth nach Triesdorf zu bringen. Auf mehreren Schlitten hatte er 77 Hirschgeweihe mit holzgeschnitzten Köpfen und silbernen gravierten Schildchen.
Adams Notizbuch:
Die Romantische Zeit: Ich möchte sie mir gerne vorstellen als den sensiblen Aufbruch des Geistes, der sich seiner Fesseln entledigt. Mir selbst ist das Licht der Gegenwart zu grell. Man geht bekleidet vor die Tür und kehrt völlig nackt zurück, weil die Umgebung mächtig gefräßig die Plünnen abreißt. Wenn man dann in ein Gemälde hineingehen könnte, Farb-Äste beiseite beugen (ein wenig ducken muss man sich schon, ein wenig in die Farbe tauchen). Rascheln alter Pinsel, die niemand mehr führt. Die Bewegung nur eine mathematische Gleichung. Ich bin eingeplant, ein X, eine Rune, Klamotten, die im Bild ich trage. Oder ich denke mir: Wenn ich so einen Garten hätte, in dem die Blumen zur Erdmitte hin wachsen, müsste ich niemanden absorbieren, um dieses Dorf zu konservieren.